Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Part 19
Ja, und so wäre es ganz recht, und vertraulichem Verhältnisse wohl angemessen, daß man sich zur Unterhaltung ohne eigentlichen entschiedenen Zweck niedersetze und das Schreiben beginne. Veranlaßt durch Ihren lieben Brief fühle ich mich geneigt, nicht gerade in Beantwortung, vielmehr in Erwiederung Einiges ergehen zu lassen.
Über das Allgemeine was in den Wanderjahren etwa beabsichtigt, in welchem Sinne sie geschrieben, haben Sie, mein Theuerster, gar manches Gute und Ausreichende gesagt. Mit solchem Büchlein aber ist es wie mit dem Leben selbst: es findet sich in dem Complex des Ganzen Nothwendiges und Zufälliges, Vorgesetztes und Ungeschlossenes, bald gelungen, bald vereitelt, wodurch es eine Art von Unendlichkeit erhält, die sich in verständige und vernünftige Worte nicht durchaus faßen noch einschließen läßt. Wohin ich aber die Aufmerksamkeit meiner Freunde gerne lenke, und auch die Ihrige gern gerichtet sähe, sind die verschiedenen, sich von einander absondernden Einzelnheiten, die doch, besonders im gegenwärtigen Falle, den Werth des Buches entscheiden. Da würden Sie mir denn eine besondere Gefälligkeit erzeigen, wenn Sie bemerken wollten, was sie vorzüglich, (wie man zu sagen pflegt) angesprochen, was Ihnen als neu oder erneut gegolten, was mit Ihrer Denk- und Empfindungsweise zusammen getroffen, was derselben widersprochen, was Sie, in Gefolg dessen, einstimmig oder im Gegensatz, weiter bey sich auszuführen geneigt gewesen. Das Büchlein verläugnet seinen collectiven Ursprung nicht, erlaubt und fordert mehr als jedes andere die Theilnahme an hervortretenden Einzelnheiten. Dadurch kommt der Autor erst zur Gewißheit, daß es ihm gelungen sey, Gefühl und Nachdenken in den verschiedensten Geistern aufzuregen. Hierüber habe ich in Briefen die anmuthigsten Äußerungen, und wie selbst junge und weibliche Seelen von ganz gelinden aber gründlichen Zügen ergriffen werden. Wollen auch Sie auf diese Weise mir wohlthätig seyn, so erkenne es mit verbindlichstem Dank. Nicht leicht unterhält man sich über dergleichen mündlich; eine gewisse Scheu hält uns ab; dagegen ist man im Schreiben freyer, und man vertraut wohl sein Innerstes gern in die Ferne.
Gar manches Wechselseitige, Wirksamkeit zu erregen entschieden geeignet, verspare für nächste Mittheilungen. Herr Canzler ist so eben aus Italien zurück und hat wohlgethan dem Zug nach Rom nicht zu widerstehen; er wird sich selbst anmelden und des freundlichen Empfangs auch von Ihnen gewiß seyn.
Da noch Raum übrig ist füge Einiges hinzu:
_Handle besonnen_, ist die praktische Seite von: _Erkenne dich selbst._ Beides darf weder als Gesetz noch als Forderung betrachtet werden; es ist aufgestellt wie das Schwarze der Scheibe, das man immer auf dem Korn haben muß wenn man es auch nicht immer trifft. Die Menschen würden verständiger und glücklicher seyn wenn sie zwischen dem unendlichen Ziel und dem bedingten Zweck den Unterschied zu finden wüßten und sich nach und nach ablauerten, wie weit ihre Mittel denn eigentlich reichen.
So weit! die treusten Wünsche für Ihre Zufriedenheit aussprechend; was Sie für Unterhaltung für den Winter sich ausgedacht haben wünsche zu erfahren.
Weimar d. 23. Nvbr. 1829.
herzlichst G
LVIII.
Um auf Ihren erfreulich erquicklichen Brief sogleich auch nur Weniges dankbar zu erwiedern bringe das zu Papiere was schon längst Ihnen zuzusenden die Absicht war.
In jenen traurigen Stunden, wo wir keine Hoffnung auf die Erhaltung unsrer verehrten Fürstin mehr haben konnten, sie aber doch noch am Leben wußten und uns immer noch mit irgend einem Wiederaufathmen einer so lange geprüften Natur schmeicheln mochten, war Ottilie bey mir auf dem Zimmer und Ihre neusten Bände[293] lagen eben vor. Sie ergriff einen und las in dem heiter geschriebenen Leben das wunderlich unschuldige Benehmen des seltsamen Organisten, sodann das Urtheil über die Reichardtischen Lieder und was sonst noch folgte, das alles unsre Aufmerksamkeit fesseln und unsre Neigung anziehen konnte, dergestalt daß ich diesen wahren geistreichen Darstellungen in solchen Tagen und Stunden sehr viel schuldig geworden.
Dieses wollte ganz einfach vermelden und hinzufügen: wie sehr es mich gefreut hat meine italiänische Reise von Ihnen so von Grund aus reproducirt zu sehen. Wie möchten wir denn vergangene Zustände uns selbst wieder hervorrufen und der Welt getrost mittheilen, wenn wir nicht Glauben und Überzeugung hätten es werden sich begabte Geister finden, die das alles aufnehmen wie es gegeben ist, in welchen gleiche Gesinnungen auf- und absteigen, gleiche Erfahrungen zu denselben Resultaten führen.
Und so bin ich mit meinen ältern und neuern Productionen in diesem Sinne gar wohl zufrieden. Ich habe mich möglichst vor allem didactischen gehütet und es durchaus in ein poetisches Leben einzugeisten gesucht. Nun muß es mich höchlich freuen wenn ein so löblich Mitarbeitender, Mitlebender auch sich selbst und Verwandtes in meinen Heften findet, sich an den Mängeln wie an den Tugenden erbaut; weil das Ganze zuletzt von einem redlichen Streben nach einem edlen Zwecke Zeugniß giebt, der nie erreicht, aber immer im Auge behalten, den Muth giebt Kräfte zu steigern, um sich und andern, bald einsam bald gesellig, einen Weg zu bahnen, der, zurückgelegt, selbst schon als erreichter Zweck betrachtet werden kann.
Hier muß ich aufhören um nicht gar ins Abstruse zu gelangen, ob ich gleich mich in keine Region begeben könnte, wohin Sie mich nicht, mit Beystimmung und Zufriedenheit, begleiten möchten.
Eilig sey dies Blatt zusammengelegt um nicht einen Posttag länger zu verweilen. Mit den treusten Wünschen von Herzen angehörig
Weimar den 6. Aprl. 1930.[294]
J W Goethe
Fußnoten:
[293] Für ruhige Stunden. Leipzig 1828. 2 Thle.
[294] Am 15. Nov. theilte Kanzler v. _Müller_ in Goethes Auftrage die traurige Nachricht vom Tode seines Sohnes mit, die er dem Vater selbst hatte bringen müssen, welcher sie mit großer Fassung und Ergebenheit aufgenommen und ausgerufen hatte: ~non ignoravi me mortalem genuisse!~ während seine Augen sich mit Thränen füllten. Später erfolgte von demselben Bericht über Goethes Befinden.
LIX.
Lassen Sie uns doch ja, mein Theuerster, der Anmuth einer nachbarlichen schnellen Communikation genießen; eine solche Halbgegenwart ertheilt eigene Reize.[295] Und so sey es denn gesagt: daß ich mich in einem leidlichen, aber freylich nicht präsentablen Zustand befinde; aufnehmen und verarbeiten kann ich wohl, aber nicht erwiedern; so wie ich schon seit acht Tagen nicht dazu komme das Nächste wegzuräumen. Geduld also und Beharrlichkeit zum Bessern!
Der Anblick unschätzbarer Blätter dient zur innersten Wiederherstellung. Die wahre Universalmedizin ist das Vortreffliche. Ich werde mich, diese Stunden, unausgesetzt daran erfreuen, bis wir uns dabey zusammen stärken und kräftigen können.
Die musikalischen Mittheilungen hat mich Ottilie, zu meiner Erquickung, mit freundlicher Stimme vernehmen lassen. Ich darf Ihnen diese treue Musickschülerin nicht zu geneigter Förderniß empfehlen.
Sagen Sie mir von Ihren Tages- und Stunden-Ereignissen; wobey unser thätiger Freund sich gewiß im eigentlichsten Sinne bewährt.
Mehr nicht als die hoffnungsvollsten Grüße.
Weimar den 28. May 1831.
G
Fußnote:
[295] Rochlitz war in Weimar und dort krank geworden, auch Goethe war unwohl. (Briefw. m. Zelter ~VI.~ S. 196.) Unter denselben Umständen ist auch der folgende Brief geschrieben.
LX.
Wie doppelt lästig mir diese Tage her eine Abstumpfung alles Geistigen und ein Mißbehagen aller körperlichen Thätigkeiten geworden, darf ich wohl nicht aussprechen. An und für sich wäre das schon schwer zu erdulden gewesen, da ich Sie aber, theuerster Herr und Freund, nur einige Hundert Schritte von mir entfernt, von gleichem Übel befangen und uns in solcher Nähe eben so getrennt fühlte als wenn Meilen zwischen uns lägen; so gab das einen bösen hypochondrischen Zug; wie ein mißlungenes Unternehmen, eine so nah und in der Erfüllung getäuschte Hoffnung, nur störend in unsre Tage hineinschieben können. Sie empfinden eben dasselbe und auch, in meinen Sinn sich versetzend, schärfer, weil in höheren Jahren, man immer weniger geneigt wird auf die Genüsse des Augenblicks Verzicht zu thun.
Wenn ich nun auch eben in diesem Alter nach Besitz weniger habsüchtig bin als sonst; denn warum sollte man das zu erlangen suchen, was man zunächst verlassen soll; so lebt aber doch, in gewissen Fällen, die alte Begierde wieder auf, und es begegnet mir gerade jetzt, indem ich mich anschicke Ihr herrliches Portefeuille, welches, für mich und mit Freunden, immer Ihre Gegenwart vermissend, auf das aufmerksamste durchgesehen, zurückzusenden im Begriffe bin.
Wie dem auch sey: ein gewisses Gefühl heißt mich den Wunsch des Kunstliebhabers von den Freundesworten zu trennen. Die Form eines Promemorias soll Ihnen völlige Freyheit lassen meine, vielleicht indiscreten Äußerungen nach ganz eignem Gefühl und Convenienz zu erwiedern.
Weimar d. 4 Juni 1831.
Aufs Frische verbunden und verpflichtet J W Goethe
Zu geneigter Aufnahme.
Unter den trefflichen Kupferstichen welche uns in dem höchst bedeutenden Portefeuille mitgetheilt worden findet sich einer, dessen Besitz für mich von dem größten Werth wäre. Das Blatt stellt vor vier Kirchen-Vater die sich über eine wichtige Lehre des christlichen Kirchthums vereinigen, nach Rubens von Cornelius Galae. Von dieser höchst durchdachten und ausgearbeiteten Composition, besitze ich die Original Gouache von Rubens, genau in derselben Größe und man kann sich von der Ausführlichkeit derselben, durch das Kupfer den deutlichsten Begriff machen. Ich würde sie beylegen wenn sie nicht in den vielbepackten Portefeuilles begraben läge.
Einem Kunstfreund und Kenner darf ich nicht sagen wie zwey solche Blätter neben einander gelegt den Werth wechselseitig erhöhen indem eins von dem andern Zeugniß giebt was der Maler beabsichtigt und geleistet und wie der Kupferstecher, beym Übertragen und Übersetzen, einer so hohen Aufgabe sich würdig erwiesen; ja es läßt sich sagen: daß man beides erst neben- und miteinander kennen lerne und eigentlich besitze.
Möge, wie irgend sonst eine Leidenschaft, die sich nicht entschuldigt weil sie sich nicht helfen kann, auch dieser nicht zurüchzuhaltende Wunsch freundlich betrachtet werden. Der Liebende verzeiht dem Liebenden wohl einen Fehltritt, der Kunstfreund dem Kunstfreunde eine, vielleicht unbequeme, Anmaßung, die man einem geprüften Angehörigen vorzulegen wagt, ohne ihm die Freyheit des Entschlusses, nach Gefühl und Bezug, im mindesten schmälern zu wollen.
Weimar d. 4. Juni 1831.
vertrauensvoll J W Goethe
LXI.
Erlauben Sie, theuerster Mann, die treuste lakonische Erwiederung.
Zur ersten Seite Ihres Briefes: jede Mittheilung soll mir angenehm seyn, Erwiederung sey Tagen und Stunden überlassen.
Zur zweyten Seite, dem Postscript:
~ad~ 1.) mit der größten Theilnahme haben wir Ihre unerfreuliche Rückreise vernommen und uns unterdessen aus unsern Unbilden auch zu erholen gesucht. Dem, nach so viel Seiten hin thätigen, von so viel Seiten her bedrängten Freunde Hrn. von Müller, ist eine kleine Stockung des Briefwechsels wohl nachzusehen.
~ad~ 2.) Ich las jenes absichtliche Schreiben an Hrn. v. Müller vorerst, und rieth ihm dasselbe niemand sehen zu lassen, gewisse unangenehme Eindrücke befürchtend. Ich weiß nicht ob er mein Gutachten befolgte.
~ad~ 3.) Möge das allgemeine Übel, wie man es auch nennen mag, das uns alle bedrängt, so leise als möglich auf Sie wirken.
~ad~ 4.) Des „_Malitiösen_“ bedienen Sie Sich nur nicht gegen mich; es hat mich, jung, mit den allerschönsten Mädchen auseinander gebracht.
* * * * *
Was ich aber bey den Hindernissen Ihres Hierseyns, bey der für beyde Seiten unbefriedigten Abreise, vorzüglich schmerzlich empfand, war daß Sie, unmittelbar, an dem vorzüglichen Pianoforte gesessen hatten, welches wir Ihnen schuldig sind, ohne daß meine Enkel Ihnen, auch nur wenige Minuten, darauf vorgespielt hätten, um recht sinnlich auszudrücken: daß dieses Organ zu unserm häuslichen Daseyn vollkommen unentbehrlich ist.
Soviel für heute, einen freundlichen Gegengruß mir versprechend.
Weimar den 30. Jun. 1831.
unwandelbar J W Goethe
LXII.
Auf Ihr freud- und leidvolles Schreiben, theuerster Freund, will ich, da sich nichts entscheiden läßt, zwischenredend wenigstens einiges vermelden.
Unser werther und thätiger von Müller ist nach dem Rhein gereist, und wenn er auch hier wäre würde er auf Ihr höchst schätzenswerthes Anerbieten nichts erwiedern können. Wir erhalten die Briefe von Berlin durchstochen, wie sonst nur von Constantinopel, von Nordosten droht uns ein unsichtbares ungeheures Gespenst, von Südwesten ein halbsichtbares, aufgeregter Völkerschaften von welchem Übel sogar in Leipzig die gefährlichen Symptome nicht fehlen. Und so haben wir nur Ihrer edlen Weise zu folgen, still und gefaßt auf unserm Flecke zu seyn und das Unvermeidliche über uns weg, und, wenn das Glück gut ist, an uns vorbeygehn zu lassen.
Mehr nicht für heute und nur das Wenige zum, gewissermaßen unnöthigen, Zeugniß: daß wir in wahrer hochachtungsvoller Theilnahme Ihnen unausgesetzt zur Seite sind.
_und so fortan!_ ~_Time and hour runns through the rougest day!_~
Weimar den 11. Septbr. 1831.
Goethe