Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Part 18

Chapter 183,501 wordsPublic domain

Wenn der Unglaube, wie das Alte und Neue Testament behauptet, die größte Sünde ja die Sünde der Sünden ist, so haben Sie, mein Werthester, viel abzubüßen, da sie an der guten Wirkung Ihrer allerliebsten Productionen immerfort Zweifel hegen. Gerade im Gegentheil kann ich versichern daß ich in den mitgetheilten werthen Bänden mich mit ältern Freunden und Bekannten gar gern unterhalten, neuere mit Heiterkeit begrüßt und so die angenehmsten Stunden verlebt habe.

Nehmen Sie nun von Ihrer Seite meinen Wanderer freundlich auf, wie er sich denn hiermit bescheiden und heiter darstellt. Da es uns Deutschen nun einmal nicht gegönnt ist in entschieden geistreicher Gesellschaft des Lebens zu genießen und uns gegenwärtig in Person an einander auszubilden: So möge denn was dem Einsamen gelingt zuletzt gesellig zusammentreten und uns empfinden lassen wie wir nachbarlich mit einander gelebt und uns wechselseitig liebend gefördert. Erhalten Sie mir ein fortdauerndes freundliches Andenken.

Weimar den 21. Juny 1821.

treulichst Goethe

Erlauben Sie noch Anfrage und Bitte. Bei Ihrem Mitbürger Fr. Peters sind Streicherische Flügel zu haben in Mahagonie Holz für 245 Thlr. in Nußbaum 200 Thlr. Conventionsgeld. Gewiß kennen Sie Mann und Waare, dürfte ich Sie ersuchen die Gegenwärtigen anzusehen und zu prüfen, mir auch alsdann Ihr Urtheil zu eröffnen, da ich denn eher einen Entschluß faßen könnte als auf allgemeine Empfehlung. Verzeihen Sie dies Bemühen; wir werden dagegen in unserm häuslichen Kreise desto öfters dafür erinnert werden.

LXV.

Ew. Wohlgebornen

unterlasse nicht zu vermelden, daß der empfohlene Flügel gestern glücklich angekommen,[276] sogleich von Herrn Hartknoch, einem Schüler unseres verdientesten Capellmeister Hummel, geprüft und, sowohl von ihm, als den sämmtlichen Zuhörern probat befunden worden. Nehmen Sie den besten Dank: mir eine so schöne Acquisition versichert zu haben und seyn überzeugt daß wir uns bey manchem Genusse Ihrer freundlichen Theilnahme dankbar erinnern werden.

Möge Ihr Sommer-Aufenthalt in dem herrlichen Schandau durch gute Witterung und Gesellschaft beglückt seyn. Ich hoffe gleiches in Böhmen, wohin ich mich, mehr der Veränderung und Zerstreuung als der Cur willen, nächstens begebe.

Lassen Sie, nach beiderseitiger Rückkehr uns von einander vernehmen.

Weimar d. 15 July 1821.

treulichst Goethe

Fußnote:

[276] Werke ~XXVII.~ S. 398.

XLVI.

Schreiben und Sendung, mein Theuerster, hat mich höchlich erfreut. Wer aus innerem Triebe treulich liebevoll arbeitet und mittheilt, darf an reiner Aufnahme nicht zweifeln. So haben Sie mich durch Ihre römische Geschichts Epoche[277] ganz eigentlich gefördert, indem ich, bei Veranlaßung der von Knebelschen Übersetzung des Lukrez, mich in der Zeit aufhalte die der welche Sie betrachten unmittelbar vorhergeht;[278] suche ich mich also in Ihrem Sinn recht eigentlich zu finden und übertrage Ihre Ansichten nur einige Schritte rückwärts, so bringt es mir gar viel Vortheil; denn es ist einer mündlichen Unterredung zu vergleichen.

Ihre treffliche mir wohlbekannte Schilderung jener Leipziger Unglückstage lese ich wieder[279] und bewundere abermals die besondere Fügung daß ein Mann von Ihrem Geist und Sinn, in Augenblicken wo uns die Sinne vergehen, das Übergewicht eines angebornen und wohlgeübten Talents empfindet, zur Feder greift das Unerträgliche in der Gegenwart zu schildern. Sie erhalten nächstens dagegen einen treuen Abriß meiner wunderlichen Militairlaufbahn; auch durch diese Erbkrankheit der Welt mußt ich einmal durch, damals ging ich der Weltgeschichte entgegen, nachher hat sie uns am eigenen Heerde aufgesucht.

Daß Sie Sich aus dem letzten Stücke von Kunst und Alterthum gerade dasjenige aneignen,[280] was ich im besten Humor geschrieben freut mich sehr. Der Zustand des Schreibenden, theilt sich dem wahren Leser sogleich völlig mit, und ich erkenne dankbarlich, den schönen Wiederklang freundschaftlich-einstimmiger Gesinnung.

Ist die Melodie von Zelter: _Um Mitternacht_, zu Ihnen gelangt? ich bin so oft ich sie höre, sehr davon erbaut.[281] Was Sie Selbst über Musik mittheilen wollen soll mir höchst willkommen seyn.

Möge Ihre schöne Thätigkeit von allen Seiten her belohnt werden.

Weimar, den 22. Aprl. 1822.

treulich verbunden J W Goethe.

Fußnoten:

[277] Umrisse eines Gemäldes von Rom in den Jahren 60-44 v. Chr. Auswahl Th. ~IV.~

[278] Werke ~XXXII.~ S. 276. ~XXVII.~ S. 387.

[279] Vgl. S. 327.

[280] Das gleich erwähnte Lied in Kunst und Alterth. ~III.~ 3. S. 170.

[281] Vgl. Briefw. m. Zelter ~II.~ S. 453 f. ~III.~ S. 82. Werke ~XXXII.~ S. 341. 354.

XLVII.

Ew. Wohlgeb.

haben durch Ihr werthes Schreiben mir Hoffnung und Wunsch erfüllt, denn da ich selbst nicht sonderlich mehr mobil bin, so kann mir nichts erfreulicher seyn als wenn Freunde, deren Denkart und Gesinnung ich kenne, von ihren Reisebemerkungen Urtheilen und Gefühlen vertrauliche Mittheilung schenken, und so hab ich denn auch mit großem Vergnügen gesehen daß Sie genug Gutes und Löbliches von Wien und den dortigen Zuständen zu sagen wißen.

Auch ich war dieses Jahr wieder in Böhmen, fand meine alten Freunde und Neigungen wieder gewann neue dazu und fühlte mich in diesem Kreise sehr behaglich; auch nahm ich Theil an dem neueinzurichtenden Prager Museum und denke das nächste Jahr an die Fortsetzung einer längst gewohnten Lebensweise.

Betrübt haben mich deswegen Ihre Worte: „dazu nun das Volk, ich meyne die große Masse, in seinem Wohlstande, (Böhmen abgerechnet, das es nicht besser haben will, als es hat, und es besser zu haben schwerlich werth ist)“. Ich weiß recht gut daß dort nicht alles ist wie es seyn sollte; aber Ihre Worte scheinen mir doch zu hart und zu hauptstädtisch; ich darf Sie daher wohl bitten sich näher zu erklären und mir dadurch Anlaß zu geben bey meiner Rückkehr in jene Gegenden besser aufzumerken und da ich meine Neigung nicht wohl aufgeben kann, doch ohne allzu entschiedenes Vorurtheil meine Liebschaften prüfen zu können.

Von Paulus und Johannes wünschte doch auch nähere Schilderung.

Möge Ihnen alles Gute gegönnt und verliehen seyn! Das erste säuberliche Exemplar das mir vom Buchbinder zukommt erhalten Sie sogleich, ich darf es Ihrer herkömmlichen, mir so werthen Theilnahme nicht erst umständlich empfehlen.

Es ist mir in dieser Zeit gar vieles Gute begegnet; Hr. Dr. von Henning in Berlin hat Vorlesungen gehalten über meine Farbenlehre, ich lege seine Einleitung bey, die wohl für jeden gebildeten Geist verständlich und nicht ohne Intereße seyn möchte.

In Hoffnung baldigen Erwiederns wünsche Ihrer fortwährenden Theilnahme immer versichert zu bleiben.

Weimar den 20. Septbr. 1822.[282]

treulichst Goethe

Fußnote:

[282] Am 26. Febr. 1823 theilte August v. Goethe Rochlitz die Nachricht von der schweren Erkrankung seines Vaters mit und sprach die Hoffnung aus, daß nun die Gefahr beseitigt sei; wörtlich wie an Zelter, Briefw. ~III.~ S. 292 f.

XLVIII.

Ew. Wohlgeb.

haben durch Ihre wahrhaft liebenswürdige Sendung,[283] ganz eigentlich meinem Hause Seegen gebracht. Ihre herzlich eindringende Darstellung des Messias, erregte den unwiderstehlichen Wunsch die alten verklungenen Gefühle in mir zu erneuen und nun unter Anleitung des wackern Eberweins durch freundliche Theilnahme von Künstlern und Liebhabern vernehme soviel von dem köstlichen Werck daß ich aufs neue darüber entzückt seyn und Ihnen für diesen Genuß aufs verbindlichste danken muß.[284]

Da nun hiebey das herrliche, sich immer gleichbleibende Piano, wie vor Kurzem unter den Fingern der Madame ~Szymanowska~,[285] eine Hauptrolle spielt, so sind Sie dem Geiste nach manchen schönen Abend unter uns.

Vergönnen Sie daß ich von diesen häuslichen Festen, in Bezug auf Ihre Veranlaßung, öffentlich einige Worte verlauten laße, wie ich denn auch des übrigen Inhalts Ihres Bandes mit Hinblick auf die früheren Arbeiten zu gedenken habe.[286] Möge Ihnen alles wohlgelingen und Sie mich den so viele Jahre geschenckten Antheil auch fernerhin genießen laßen.

Weimar den 2. Aprl. 1824.

fort und fort J W Goethe

Fußnoten:

[283] Für Freunde der Tonkunst von Fr. Rochlitz. Leipzig 1824.

[284] Eckermann Gespr. ~I.~ S. 148. Briefwechsel m. Zelter ~III.~ S. 404. 417. 421. 430.

[285] Briefw. m. Zelter ~III.~ S. 329 f. Sie war im October 1823 in Weimar. Eckermann Gespr. ~I.~ S. 72 f. 77 f.

[286] Kunst u. Alterth. ~V.~ 1. S. 154 ff. Werke ~XXXII.~ S. 334 ff.

XLIX.

Ew. Wohlgeb.

gefällige Mitwirkung in einer kleinen, obschon für mich nicht unbedeutenden Angelegenheit mir zu erbitten, sehe ich mich in diesen Tagen veranlaßt.

Die Weygandische Buchhandlung, welche zuerst meinen _Werther_ verlegt und einige weitere Ausgaben, ich erinnere mich nicht wieviel, davon veranstaltet hat, machte mich vor einiger Zeit mit der Absicht bekannt eine nochmalige zu versuchen, wünschte meine Anerkennung und eine Vorrede, wie sies nannten.

Gegen den neuen Abdruck war nichts einzuwenden, ob ich irgend einige einleitende Worte finden könnte mußte ich einer günstigen Stimmung überlassen.

Jetzt melden sie mir daß der Abdruck im Gange sey und nun von mir die öffentliche Anerkennung durch irgend ein Vorwort nöthig werde, wie sie denn das Honorar meinem billigen Ermessen anheim stellen.

Nun ist hier freylich kein großer Gewinn zu hoffen, doch möchte wohl jedermann von Zeit zu Zeit sich oder den Seinigen einen billigen Wunsch versagen zu dessen Befriedigung er sich ein zufälliges Mittel wünscht. Sie sehen leicht daß es in diesem Falle unerfreulich wäre direct zu handeln und vielleicht gar zu markten, darum ich dieselben ersuche die Vermittlung über sich zu nehmen, wozu folgendes möge die Einleitung seyn.

Ich lege funfzig Reimzeilen bey, denen ich Ihren Beyfall wünsche;[287] sie könnten den guten Leuten vorgewiesen werden, ohne jedoch solche bis zu abgeschlossenener Sache aus Handen zu geben. Ew. Wohlgeb. sind selbst Autor und haben mit den Verlegern genugsamen Verkehr um zu wissen was in dieser Sache recht und billig wäre.

An einen Contrakt für die Zukunft war vor funfzig Jahren nicht zu denken und ich erinnere mich kaum jener frühern Verhandlungen, auch möchte nach so vieler Zeit, nach den großen Veränderungen im Buchhandel gegenwärtig dieses als ein ganz neues Geschäft anzusehen seyn. Haben Sie die Güte die Betheiligten anzuhören und ihre Meynung zu vernehmen.

Es ist hier darum zu thun meine Zustimmung zur neuen Auflage zu honoriren, die denn durch das beykommende Gedicht, welches auch seinen Werth haben mag, deutlich ausgesprochen und vor dem Gesetz und dem Publicum legitimirt wird. Haben Sie die Güte mir deshalb Vorschläge zu thun in Bezug auf jene Erkundigungen nach eigenem Ermeßen und behalten wie schon gesagt das Gedicht an sich, bis zum Abschluß, wie ich denn auch alsdann wegen des Titels einiges zu bemerken wünsche.

Die herkömmlich gebundenen gehefteten und allenfalls rohen Exemplare haben Sie die Gefälligkeit mir auszudingen.

Laßen Sie mich gestehen daß es etwas eigen Reitzendes für mich hat, nach meinem neulichen, für sittlich und ästhetische Mittheilungen dankbaren Briefe, diesen ökonomisch-rücksichtlichen sogleich abzulaßen. Möge dies auch zu dem bestandenen guten Verhältniß noch einen freundlichen Bezug hinzufügen.

Weimar d. 30 Aprl. 1824.

redlich theilnehmend, aufrichtig ergeben Goethe

Fußnote:

[287] Werke ~II.~ S. 92 ff.

L.

Ew. Wohlgeb.

nehmen den allerverbindlichsten Dank für die geneigte Vermittlung; im Beygehenden erhalten Sie das Nöthige zu Beendigung des kleinen Geschäfts. Ein bejahrter deutscher Autor, weiß nur zu gut, daß er weder Engländer noch Schottländer ist und daß in solchen Fällen eigentlich nur von Anerkennung eines Rechtes, nicht von dem Äquivalent einer Arbeit die Rede seyn kann. Also nochmals aufrichtigen Dank, daß Sie mir ein unmittelbares Mißgefühl, worauf es insolchen Fällen meistens hinauszugehen pflegt, ersparen wollen.

Ich bedinge mir also _funfzig_ vollwichtige Ducaten, wie man sie im Österreichischen ohne Widerrede annimmt, sogleich durch die fahrende Post gesendet; auch in der Folge 24 Exemplare gutes Papiers, einige hübsch gebunden, wie man es in Leipzig versteht und ausübt. Wollte man Titel und Gedicht alsobald abdrucken und mir den Bogen zur Durchsicht schicken, so würde es angenehm seyn.

Wäre dies nicht, so hätten Sie wohl die Güte eine Revision zu übernehmen, damit der poetischen Sorgfalt ihr Recht wiederfahre.

Daß Ihr neuster Band glückliche Wirkung thun würde, schloß ich aus dem was bey mir erregt worden. Nächstens übersende das neuste Heft Kunst u. Alterth. und bitte mit einem naiven Zeugniß meiner treulichen Theilnahme geneigt vorlieb zu nehmen.[288] Bey mir geht es immer etwas rascher zu als ich wohl wünschen möchte, doch wird sich zunächst auch wohl nachkommen laßen.

Weimar den 22. May 1824.

und so ferner treulichst Goethe

Fußnote:

[288] Vgl. S. 358.

LI.

Wenn Sie, mein theurer, vielgeprüfter Freund, räthselhaft finden sollten daß mit dem Gegenwärtigen einige Fasanen anlangen; so gehört folgende Auflösung dazu.

Eine Gesellschaft von Musikfreunden, nachdem sie sich einen Abend mannigfaltig ergötzt hatte, gedachte, beym frohen Mahl, daß man Ihnen den größten Theil dieses Vergnügens schuldig sey, indem Sie uns mit einem so trefflichen, sich immer wohlhaltenden Instrumente versehen;[289] man trank Ihre Gesundheit und wünschte daß Sie von den guten Jagdbissen mitgenießen möchten. Hiernach ward nun der gute Gedanke laut, daß die Vögel sich gar wohl zu Ihnen bewegen könnten. Ein Jagdfreund übernahm die Besorgung und nun kommen sie, begleitet von den besten Wünschen zum neuen Jahr und in Hoffnung, daß Sie solche gleichfalls mit Freunden theilnehmend, und unsrer eingedenk genießen werden.

Weimar d. 18. Januar 1826.

treulichst J W Goethe

Fußnote:

[289] Vgl. S. 352.

LII.

Ja wohl, mein Theuerster, war der freundliche Besuch den Sie uns gönnten ein schöner Beweis daß wir uns im Lebensgange an einander nicht geirrt haben; es zeigte sich daß wir, wenn gleich in einiger Entfernung, parallel nebeneinander fortgingen und, beym Wiederzusammentreffen, keiner am andern etwas Fremdes empfand; es war Ihnen bey mir behaglich, eben so mußt es wechselseitig seyn. Sie konnten der Freund meiner Freunde werden, es ergab sich alles ganz natürlich, ohne daß irgend etwas wäre auszugleichen gewesen, und so mußten wir wünschen Sie hätten noch einige Tage verweilt. Schwiegertochter und Kinder waren wiedergekommen; Herr Rauch traf ein[290] und wir hätten Sie herzlich gern an den guten Stunden des Wiedersehens und heitern Empfangs auch Ihren genugsamen Theil nehmen lassen. Auch hätte ich der guten Ottilie so gern einen Musickliebenden Gast entgegengeführt.

Hier nun will ich schließen, mit dem treusten Dank für Ihr werthes baldiges Schreiben, mit reinen Wünschen und Grüßen an die theure Ihrige und mit Ankündigung einer Rolle, deren Inhalt wir einen geneigten Empfang erbitten.

Weimar den 3. Juli 1829.

und so fortan! J W Goethe

Fußnote:

[290] Briefw. m. Zelter ~V.~ S. 254. 261.

LIII.

Möge der beykommende ernste Scheinbau, so wie die fromme Dreyheit dem theuersten Freunde eben solche vergnügte Empfindungen beym fortdauernden Anschauen verleihen als mir und meiner Umgebung die verunglückten Wagenlenker gewähren. Mögen diese Blätter als schöne Denkmale immer den Theilnehmenden vor Augen seyn, eines erneuten Verhältnisses, welches für alle Zukunft die anmuthigsten Folgen gewinnen muß.

Unter den mannigfaltigsten Erinnerungen und Grüßen nur noch den treusten Zuruf.

Weimar den 5. Jul. 1829.

und so fortan! J W Goethe

LIV.

Lassen Sie uns noch immer einige Briefe wechseln! Denn das ist ja der Vortheil einer, nach langen Jahren erneuten, persönlichen Gegenwart, daß, aus der wechselseitigen Erkennntniß der eben obwaltenden besondern Zustände, ein neuer Antheil hervortritt, weil der Geist nunmehr erfährt wohin er seine Richtung nehmen soll, und das Gemüth sicher ist eine reine Theilnahme werde günstig aufgenommen werden.

In diesem Sinne empfind ich dankbar: daß Sie mir die Stellen bezeichnen wollen welche Sie in den neuen Wanderjahren Sich angeeignet. Eine Arbeit wie diese, die sich selbst als collectiv ankündiget, indem sie gewissermaßen nur zum Verband der disparatesten Einzelnheiten unternommen zu seyn scheint, erlaubt, ja fordert mehr als eine andere daß jeder sich zueigne was ihm gemäß ist, was in seiner Lage zur Beherzigung aufrief, und sich harmonisch wohlthätig erweisen mochte.

Wenn ich daher die von Ihnen, mein Theuerster, angedeuteten Stellen wieder aufschlug, war es eine angenehme Unterhaltung mit einem abwesenden Freunde, wo ich, in Spiegelung und Wiederschein, gleiche Gesinnung, gleiches Bestreben, zu eigner Bestärkung gewahrte. Denn das darf ich wohl sagen: was ich in meinen Schriften niedergelegt habe ist für mich kein Vergangenes, sondern ich seh es, wenn es mir wieder vor Augen kommt, als ein Fortwirkendes an, und die Probleme die hie und da unaufgelöst liegen, beschäftigen mich immerfort, in der Hoffnung daß, im Reiche der Natur und Sitten, dem treuen Forscher noch gar manches kann offenbar werden.

Daß Sie die Weimarischen Zustände, und darin auch das Nächste was sich auf mich bezieht, konnten gewahr werden, und zwar mit Ihrer so rein-sinnigen als lebhaft-ergreifenden Beobachtungsgabe, ist, ganz ohne Frage, ein vielfaches Eingreifen in die Glieder einer, sonderbar genug verschränkten socialen Kette. Erhalten Sie sich und uns das dabey gewonnene werthe Verhältniß. Alle die sich gleichzeitig heranbildeten haben Ursache sich zusammen- und ihren Kreis gewissermaßen geschloßen zu halten; die Nachkommenden wollen vieleicht was besseres, gewiß aber etwas anderes.

Im Garten am Park Weimar d. 28. Jul. 1829.

In treuem Verharren, J W Goethe

LV.

Die letzten Wochen bin ich, im Drange eigenen Thuns und äußeren Einwirkens, in die Unmöglichkeit versetzt worden mich nach entfernten Freunden umzusehen; auch habe deswegen Ihren lieben, mir sehr willkommenen Brief nicht erwiedert. Ich möchte Sie ersuchen mit Betrachtungen über die Wanderjahre fortzufahren und mir von dem Einzelnen was besonders auf Sie gewirkt, was ein Weiteres aufgeregt, wo sichs angeschlossen und wie man alle solche gute Folgen nennen möchte gelegentlich ohnschwer Kenntniß zu geben. Es ist mir dies, wenn es von Freunden geschieht, die größte Belohnung für die Aufmerksamkeit die ich dieser Arbeit gewidmet. Die Umbildung der darin enthaltenen, schon einmal in anderer Form erschienener Elemente war für mich ein ganz neues Unternehmen, wozu mich nur die Liebe zu einzelnen Theilen, welche, mehr und mehr, auf eine zierliche Weise, einander anzunähern hoffte, bewegen und mich in einer anhaltenden thätigen Aufmerksamkeit freudig erhalten konnte.

Schon werd' ich von manchen Seiten her, von zart aufnehmenden Lesern wirklich auf die anmuthigste Weise belohnt, von solchen die, was ihren Gesinnungen und Gefühlen gemäß ist ergreifen, und sich als Menschen gegen den Autor, insofern er menschlich ist, verhalten.

Nun wird es mich sehr freuen auch von Ihnen mein Theuerster, der sich übersichtlich, denkend und vergleichend in solchem Falle verhält, manches gute Wort zu hören. Denn dem Autor in solchem Falle muß dran gelegen seyn zu erfahren, daß ihm seine Absichten nicht mißglückt, sondern daß vielmehr die geistigen Bolzen und Pfeile dahin gereicht und da getroffen, wohin er sie gerichtet und beabsichtigt.

Nun aber verpflichteten Dank für die ausführliche Kenntniß, die Sie mir von der Aufführung Fausts geben. Es ist wunderlich genug daß diese seltsame Frucht erst jetzo gleichsam vom Baume fällt. Auch hier hat man ihn gegeben, ohne meine Anregung, aber nicht wider meinen Willen und nicht ohne meine Billigung der Art und Weise wie man sich dabey benommen. Mögen Sie mir die Folge der Scenen wie man sie dort beliebt gelegentlich wissen lassen, so geschieht mir ein Gefalle; denn es ist immer wichtig zu beobachten wie man es angegriffen um das ~quasi~ Unmögliche, zum Trutz aller Schwierigkeiten, möglich zu machen.

Liebenswürdig ist es von den Deutschen daß sie das Werk nicht zu entstellen brauchten um es von dem Theater herab erdulden zu können. Die Franzosen mußten es umbilden und an die Sauce noch starkes Gewürz und scharfe Ingredienzien verschwenden. Nach der Kenntniß, die uns davon gegeben ist kann man begreifen wie das Machwerck dort große Wirkung thun mußte.

Soviel für jetzt und nicht weiter, damit dieses Blatt baldigst zu Ihnen gelange.

Weimar den 2. Septbr. 1829.

und so fortan! Goethe

LVI.

Den allerschönsten Dank, theuerster Mann, für die gefällig mitgetheilte Nachricht wie es meinem redigirten Faust vor und nach der Aufführung ergangen. Bey meiner vieljährigen Theaterverwaltung hab' ich eine solche oft verlangte ja dringend geforderte Vorstellung niemals begünstigt und sie auch jetzt hier am Orte im eigentlichsten Sinne nur geschehen lassen. Was man auch übrigens von der Aufführung halten mag, so geht doch besonders aus der in Leipzig die alte Wahrheit: man solle den Teufel nicht an die Wand mahlen, aufs deutlichste hervor.[291]

Wegen der freundlichen Anfrage welche Ihr lieber Brief enthält, will ich folgendes aufrichtig erwiedern.[292] Des Herrn Grafen Ankunft in Weimar, würde, nach der mir gegebenen Kenntniß, in den December fallen, einen Monat, der mich schon seit vielen Jahren, besonders aber in meinen alten Tagen, nicht zum besten behandelt, wo ich mich meist in meinem Zimmer aufhalte und leider nur den nächsten Freunden zugänglich bin. Einen so werthen Gast kann ich also auf diese Zeit nicht einladen, da ich keinen Tag und keine Stunde von meinem Befinden sicher bin.

Dies hindert aber nicht, daß ich in günstigen Augenblicken Durchreisende, hier verweilende würdige Personen sehe, spreche und mich mehrmals mit ihnen unterhalte. Würden also Herr Graf Mannteufel in jener Zeit Weimar besuchen, wo die beyden Höfe und eine mehrfach interessante Gesellschaft bedeutenden Fremden einen angenehmen Aufenthalt zu bereiten wissen; so würde ich mich glücklich schätzen jede gute mir gegönnte Stunde mit einem solchen Manne zuzubringen, ihm von dem Meinigen was ihn interssiren könnte mitzutheilen, und dagegen an den Schätzen seiner Erfahrung und Sammlung freudigen Antheil zu nehmen. Mögen Sie dies, mein Theuerster, gefällig mit meinen besten Empfehlungen ausrichten und mittheilen, so werde solches dankbarlichst anerkennen.

Freylich fiel Ihr Besuch in die gute Jahreszeit, wo die Räume meines Hauses am heitersten zu benutzen sind und dem wohlmeinenden Wirthe bessre Gelegenheit geben seine Gesinnungen gegen Besuchende auszudrücken.

Mit den treusten Wünschen mich geneigtem Andenken und fortgesetzten Mittheilungen angelegentlichst empfehlend.

Weimar den 29 Septbr. 1829.

Und so fortan! J W Goethe

Fußnoten:

[291] Bei der Aufführung des Faust in Leipzig hatte die akademische Jugend bei einigen Stellen einen so ausgelassenen Beifall kund gegeben, daß man in Dresden für nöthig fand die Wiederholung auf einige Zeit zu untersagen.

[292] Rochlitz hatte Goethe den Wunsch des kaiserl. Russ. Geh. Raths Grafen _Manteuffel_ ausgesprochen, ihn in Weimar zu besuchen, und ihn gebeten eine Zeit dafür zu bestimmen.

LVII.