Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Part 17
Ew. Wohlgebornen
geneigtes Schreiben hat mir viel Freude gemacht, ich sehe daraus daß mein Andenken bey Ihnen lebendig ist, und daß Sie auf die freundschaftlichste Art meine Neigung zu befriedigen wünschen und mir für belehrende Unterhaltung Sorge tragen wollen. Ich nehme daher das Anerbieten wegen des Guercin. Bildes dankbar auf, bitte mir solches zu senden, und nicht zu verhehlen was ich dafür schuldig werde.
Die geschnittenen Steine betreffend, so laßen Sie Sich nicht reuen mir davon gemeldet zu haben. Seine Waare muß man ausstellen, ausbieten, wenn man sie los werden will. Unsere gnädigsten Herrschaften sind gegenwärtig nicht geneigt dergleichen anzuschaffen; ich habe jedoch einen andern Gedanken: Wir stehen mit den Hanauer Goldarbeitern[256] in gutem Verhältniß theils wegen des Falkenordens, theils wegen mancher Geschenke welche die Fürsten öfters abreichen müßen. Solche Fabriken haben hunderterley Gelegenheit auf Dosen, bey Schmuck, Ringen und d. gl. dergleichen anzubringen. Möchten Sie mir ein detaillirtes Verzeichniß zusenden, was die Steine vorstellen, von welcher Größe sie sind, vielleicht legten Sie auch einige Gypsabgüsse der größten, oder für vorzüglich gehaltenen bey; so wollt ich das alles nächstens nach Hanau spediren, da ich ohne dem etwas dort zu bestellen habe. Es sollte mir Freude seyn Ihren Wünschen hiedurch entgegen zu kommen.
Möchte ich vernehmen daß Sie sich wohl und heiter befinden.
Weimar d. 20. März 1817.
ergebenst Goethe
Fußnote:
[256] Vgl. Werke ~XX.~ S. 181.
*XXXI.
Ew. Wohlgeb.
können, mitten in Leipzig, umgeben von eignen Kunstschätzen und Sammlungen andrer, Sich unmöglich einen Begriff machen wie es mir zu Muthe sey, in dem zwar geistvollen; doch gestaltlosen Jena, auf einmal eine so liebwerthe Erscheinung zu sehen als das Bild, mir zur freundlichsten Gabe dargereicht.[257] Es hat mich schon zu hundert Betrachtungen veranlaßt, und soll immer vor meinen Augen, mich an Ihr Verdienst und Ihre Neigung zu mir täglich erinnern.
Nehmen Sie meinen vorläufigen eiligen Danck und verzeihen wenn ich das schöne Geschenck nicht so unbewunden annahm als Sie es anboten. Wer sich fast unabläßig mit der wilden Welt herumbalgen muß vermißt oft das Zarte Gefühl den Händedruck eines Freundes gebührend zu erwiedern; lassen Sie mich also doppelt und dreyfach Ihren ethischen Schuldner bleiben.
Jena d. 9 Apr. 1807.
ergebenst Goethe
Herr Angermann hatte die Artigkeit mir das Kästchen hier persönlich zu überreichen.
Wegen der Gemmen nächstens.
Fußnote:
[257] Werke ~XXVII.~ S. 332.
XXXII.
Ew. Wohlgeboren
herzlicher, aus freier Brust geschriebener Brief, hat mir große Freude gemacht.[258] Ich hatte freilich auf Sie gezählt, daß Sie aber so schnell, augenblicklich, unmittelbar sich äusern, dafür weiß ich Ihnen den größten Danck. Freund Meyer, dessen Um- und Übersicht alter und neuer Zeit, Sie in dem kühnen Aufsatze[259] nicht verkennen werden, trägt mit mir diese Gesinnungen schon viele Jahre auf dem Herzen, und es schien gerade der rechte Augenblick, wo das Absurde sich selbst überbietet, wo alle ächte Gleichzeitigen, besonders die Väter und Pfleger talentvoller, durch diesen Zeitwahnsinn verrückter Söhne, in Verzweiflung sind, mit historischem, billigem, das Talent würdigendem die Abweichung scharf bezeichnendem Vortrag aufzutreten. Tausend und aber Tausend Wohldenkende, werden sich gewiß schnell versammeln, der reine Menschen- und Kunstverstand wird laut werden, und wir kommen auch denen zu statten, die jetzt wider Willen dem Strohm in den sie sich eingelassen haben gehorchen.
Von dem Überschwenglichen der Tollheit wie Sie es mir schildern, hatten Wir freilich noch keinen Begrif, da Wir aber, es entstehe daraus was wolle, immer auf diesen Fleck zu schlagen gedenken, so haben Sie die Gefälligkeit, mich von Zeit zu Zeit von dem Besondern zu unterrichten. Wir mögten, wie auch schon in dem ersten Aufsatz geschehen, das talentvolle Individuum schonen und fördern, wie Sie auch thun und gethan haben, aber auf die falschen, kranckhaften und im tiefsten Grunde heuchlerischen Maximen, derb und unerbittlich loßgehen, und, wie sie ganz richtig anrathen und verlangen, dasjenige immer und dümmer[260] wiederholen, was würcken soll. Das nächste dritte Heft wird nicht allein in diesem Fache, sondern auch in andern aufrichtig seyn.
Haben Sie die Güte mir alles anzuzeigen, was Sie von Persönlichkeiten und Individualitäten wissen, ich mache keinen Gebrauch davon, ehe ich Ihnen die Redaction vorgelegt habe. Es ist eine Gewissenssache mit der wir zusammen würcken müssen. Die Masse ist breit, aber schwach, und ich denke ihnen noch, von ein paar andern Seiten in die Flancke zu fallen.
Hievon nur diese Andeutung! Wie erfreulich ist mir, der reine, freie Ausdruck Ihres Briefes, auch nur als Sprachäusserung betrachtet, und zu welchen ekelhaften, befremdeten[260] Narrheiten, wollen uns die Deutschen Männer zwingen! auch gegen die werden wir auftreten, und welche wackere junge Theilnehmende wir für unsere Überzeugung hoffen können, davon zeugt beiliegendes Heftchen.
Kennen Sie schon den Aufsatz? so ist es Ihnen wohl angenehm ihn zu besitzen, und Freunden mitzutheilen. Man muß jetzt auch Parthei machen das Vernünftige zu erhalten, da die Unvernunft so kräftig zu Wercke geht. Lassen Sie uns bedenken, daß wir dies Jahr das Reformationsfest feiern, und daß wir unsern Luther nicht höher ehren können, als wenn wir dasjenige was wir für Recht, der Nation und dem Zeitalter ersprießlich halten, mit Ernst und Kraft, und wäre es auch mit einiger Gefahr verknüpft, öffentlich aussprechen, und wie Sie ganz richtig urgiren, öfters wiederholen.
Das mir geneigt gespendete Bild, gewährt mir immer viel Freude. Aus einem Kunstwerk, das wahrhaft gut ist, läßt sich viel heraussehen, und was es anregt ist immer unendlich.
Ich weiß nicht ob ich schon gemeldet habe, daß meine Vorliebe fürs Sechszehende Jahrhundert mich auch verleitet hat, eine ansehnliche Sammlung Majolika aus Nürnberg mir eigen zu machen,[261] welche, glücklich angekommen, einen vergnüglichen Anblick geben, dabey aber auch aussagen, daß dergleichen subalterne Kunstwerke nur in Masse können beurtheilt werden, wo sowohl ihre Vorzüge als ihre Mängel zur Schau stehen. Finden Sie, um billige Preise, von dieser Art in Leipzig, so erzeigen Sie mir den Gefallen davon Notiz zu geben.
Die Abdrücke der Sammlung geschnittener Steine sende in diesen Tagen zurück. Zu jenem ersten Vorschlag bewog mich die Meynung[262] es sei eine Sammlung Cameen, die zu Schmuck, Putz und Modezwecken, für Kenner und Nichtkenner brauchbar sind. Mit Intaglios will man siegeln, und da möchte man interessante beliebte Personen, deren sich, besonders für die neue Denkweise, unter der Folge römischer Kaiser wohl wenige finden möchten.
Den Abdruck eines Titelblatts sende hiebey, vielleicht bald nach Johanni das Heft selbst.[263] Meinen längern Aufenthalt in Jena, benutze, da ich gerade nicht Lust zu frischem Thun empfinde, zum Wiederabdruck älterer, auf Natur sich beziehende Schriften. Zu Sichtung und Redaction aufgehäufter Manuscripte. Bey dieser Gelegenheit erscheint, beinahe zum Entsetzen, wie wir von den disparatesten Gegenständen afficirt, aufgeregt, hingerissen werden können. Hiedurch nun, werde ich genöthigt mancherley Stückwercke mit Lebensereignißen in Verbindung zu bringen, damit das Ganze nicht allzu verworren und seltsam aussehe. Und gerade diese Mittelglieder sind es die ich Ihrem Antheil empfehlen möchte. Lassen Sie zunächst unsere wechselseitige Unterhaltung auf das lebhafteste würken, es giebt Epochen, wo es räthlich ja unvermeidlich ist das Eisen gemeinschaftlich zu schmieden.
Mit vielem Antheil und Vergnügen höre ich, daß Sie Konnewitz[264] wieder hergestellt, und sich und den Ihrigen einen angenehmen Aufenthalt bereitet haben. Ich mußte mehrmals meine Existenz aus ethischem Schutt und Trümmern wieder herstellen, ja Tag täglich begegnen uns Umstände, wo die Bildungskraft unserer Natur, zu neuen Restaurations-Reproductions-Geschäften aufgefordert wird, helfe der Geist nach, so lange es gehen will.
_Hier also ein Abschluß weil doch einmal zu schließen ist. Baldige Erwiederung hoffend_
Jena den 1. Juny 1817.
ergebenst Goethe
Fußnoten:
[258] Goethe theilte Rochlitz's Brief sogleich H. _Meyer_ mit. Riemer Briefe von und an Goethe. S. 108 ff.
[259] Kunst und Alterthum ~I.~ 2. S. 7 ff.: „Neudeutsche, religiös-patriotische Kunst.“
[260] Kein Druckfehler, aber gewiß ein Schreibfehler.
[261] Vgl. Werke ~XXVII.~ S. 332.
[262] Vgl. S. 329.
[263] Zur _Naturwissenschaft_ überhaupt, von Goethe. Erster Band. Stuttg. u. Tüb. 1817.
[264] Ein Dorf, eine Stunde von Leipzig, wo Rochlitz ein Landhaus besaß.
XXXIII.
Ew. Wohlgeboren
verpflichten mich abermals durch ein so freyes und wohlgedachtes Schreiben, das so viele reine Erfahrung und gemüthliche Thätigkeit voraussetzt. Wie sehr freut mich, daß die Hoffnung der Weimarischen Kunstfreunde auf lebendige Mitwirkung gleich denkender Männer so schön erfüllt wird. Von dem Mitgetheilten werde mit Vorsicht später hin Gebrauch machen, denn es möchte gut seyn vor der Hand zuzusehen wie jene Äußerung im Publikum wirkt und wo man am schicklichsten nachhilft.
Nun eine kleine Bitte: In dem Catalog von _Dauthe_ S. 92. No. 81 (das Blättchen lege bey,) stehn die _Cartons aus Hampton-Court_. Da nun die Worte hinzugefügt sind: _vortreffliches Werk_, so vermuthe ich daß es gute Abdrücke sind und als dann möcht' ich sie gerne besitzen. Gäben Sie wohl jemand den Auftrag welcher die Abdrücke beurtheilen könnte und sie für mich acquirirte, so geschäh mir ein besonderer Gefalle. Zehn bis Zwölf Thaler wohl auch mehr wollte ich dafür geben. Die Auslage ersetze sogleich dankbar.
Da ich zu Ende July, vielleicht Anfang August, wahrscheinlich nach Carlsbad gehe, so hab' ich das Vergnügen Sie in Franzensbrunn zu treffen und hoffe einen Abend mit Ihnen zuzubringen, worauf ich mich von Herzen freue. Mögen Sie, nach Ihrer Ankunft daselbst, mir ein Wort schreiben: wie es dort aussieht, so werden Sie mir einen Vorschmack unseres Zusammentreffens geben.
Das Kästchen mit den Siegelabdrücken ist wohl durch die Post schon zu Ihren Händen gelangt? -- Mehr sag ich nicht denn auch ich bin sehr gedrängt manches zu arrangiren, das, wo nicht geendigt doch gefördert werden muß.
Möge die persönliche Erneuerung und Anfrischung unseres schönen Verhältnisses uns bald gegönnt seyn
Weimar d. 26. Juny 1817.
_in Hoffnung!_ G
Anfragende Nachschrift.
Sollte nicht in der seltsamen Sammlung des Bauschreiber Dedike irgend etwas befindlich seyn das einen Kunstfreund erfreuen könnte? es ist fast unmöglich daß ein Sammler zeitlebens dem Absurden nachjage, ohne daß ihm nicht auch einmal irgend was Schätzbares in die Hände liefe. Haben nicht vielleicht einen Freund fähig dergleichen zu beurtheilen und gefällig es zu erstehen? Unter den kleinen bronzenen Figuren sollte sich vielleicht etwas finden, vielleicht auch unter den getriebenen halb oder schwach erhobenen Bildern, wo nicht von alter doch von neuer guter Kunst, sollte nicht unter den Tellern etwas von Majolika stecken? Da diese Dinge schwerlich zu hohen Preißen weggehen, so würde man kaum irren können
Weimar d. 27 Juny 1817.
G
XXXIV.
Verzeihen Sie, werthester, daß ich erst spät auf Ihre Anfrage zur Antwort komme; ich führe jetzt ein etwas unstätes Leben, und spiele ~rouge et noir~[265] zwischen Weimar und Jena[266], wo es an beiden Enden zu thun giebt, zwar nicht außer meiner Sphäre, doch auch innerhalb derselben nicht ganz erfreulich.
Haben Sie herzlichen Danck für alle Bemühung und Theilnahme, auch für Ihre Betrachtung über mein Thun und Wesen. Das Liebste muß ich immer liegen lassen, und für lauter Treiben und Arbeiten komme ich zu keinem Genuß, am wenigsten zu einer Besinnung, was man erhalten, fördern, fahren lassen, oder verbrennen soll. Wir wollen sehen wie lange wir's treiben, und was wir noch vor uns bringen. Gönnen Sie mir Ihre Theilnahme für und für, und erhalten mir und meinem Andenken guten Willen in Ihrem Wirkungskreise.
Das übersendete Kupfer ist leider wie Sie selbst sehen, keineswegs trostreich; dem guten Manne der so wunderlich aus dem Blättchen heraussieht, wird das Denken äußerst schwer, und der Beschauer kann sich einer peinlichen Empfindung nicht erwehren. Der Fehler, den die Künstler durch Vergleichung selbst gefunden haben, ist freilich sehr entstellend. Der Keim zu allen diesem, lag schon im Original, das ich den wackern Boisseres übersendete, von Copie zu Copie ist es immer schlimmer damit geworden.
Mögen Sie das mit Schonung an die guten Leute bringen, die mit so vielem reinen Willen ihre Kunst geopfert haben, denn der Stich ist wircklich verdienstlich. Ich selbst muß die Sache ignoriren, denn als ich hier einigen Freunden das Blatt vorzeigte, wurde ich übel angelassen. Dieses wenige zu sagen, finde ich in Jena gerade eine ruhige Stunde; kommen Sie in Fall mir etwas zu schicken oder zu fragen, so senden Sie es nach Weimar, und bleiben meiner Theilnahme und Danckbarkeit versichert.
Jena den 24 Novembr. 1817.
ergebenst Goethe
Fußnoten:
[265] Briefw. m. Jacobi S. 262.
[266] Briefw. m. Zelter ~II.~ S. 415.
XXXV.
Daß Ew. Wohlgeboren nicht schon längst auf Ihren werthen Brief geantwortet, ist der verspätete Druck beykommenden Heftes eigentlich Schuld. Nehmen Sie es freundlich auf und gedenken dabei vergangener Zeiten.
_Briefe_, wie Sie solche wünschen, finden sich wohl unter meinen Papieren. Leider verbrannte ich 1797 eine zwanzigjährige geheftete Sammlung aller eingegangener Briefe, die ich mir bei meinen biographischen Arbeiten sehnlichst zurückwünschte; die neueren, bis auf wenige Jahre, stehen in Kisten geschlagen in Bodenkammern, wo jetzt unmöglich zu arbeiten ist. Ferner habe ich eine schöne Sammlung eigenhändiger Briefe der Schriftzüge wegen gesammelt,[267] auch diese will ich durchgehen um etwas für Sie herauszufinden. Nur gegenwärtig bitte um Geduld! Außer mancherley äußern Zudrang habe ich noch meinen Divan auf die Messe zu bringen und was dergleichen mehr ist.
Nun noch eine vertrauliche Frage, die ich mir baldigst zu beantworten bitte. Nach der augenblicklichen Erschütterung von Jena möchten wohl auch die _Griechen_ daselbst, zwölf an der Zahl, auswandern. Ich kenne mehrere davon, vorzügliche, fleißige und stille Menschen.[268] Sollten sie wohl sämmtlich oder zum Theil in Leipzig Unterkommen finden wenn sie sich gebührend meldeten? Sagen Sie mir, da Sie die dortige Constellation kennen, wie Sie hierüber denken, es soll, was Sie mir vertraulich äußern, niemand erfahren. Über die wunderlichen Zustände des Tages kein Wort, jeder muß diese Vorfälle bei sich selbst verarbeiten.
Mit unwandelbarer Neigung und Vertrauen
Weimar d. 4. April 1819.
Goethe
Fußnoten:
[267] Werke ~XXVII.~ S. 212. Briefw. m. Zelter ~I.~ S. 350.
[268] Werke ~XXVII.~ S. 337 f. 353.
XXXVI.
Ew. Wohlgeboren
danke nur mit wenig Worten für die gegebene Nachricht. Können Sie gelegentlich diesen jungen Männern ohne Beschwerde einige Freundlichkeit erzeigen, so werden Sie ein gutes Werk thun. Empfehlungsschreiben, wie sie wohl verdienten, habe ich ihnen nicht mit gegeben. Dagegen habe einem Stuttgarder Musikus, Namens _Kocher_, Sie in meinem Namen zu begrüßen aufgetragen; er hat mir durch musikalischen Vortrag und Gespräch wirklich Interesse abgewonnen. Mögen Sie ihm einige Aufmerksamkeit schenken und mir Ihre Gedanken über ihn und seine Composition eröffnen da ich mir in einer fremden Kunst wohl Antheil aber kein Urtheil erlaube.[269]
Wegen gewünschter Briefe ging mir in diesen Tagen der Gedanke bei: meinen Freund von Knebel, in Jena, deshalb anzusprechen. Er führt seit vielen Jahren mit allen deutschen Literatoren Correspondenz und vielleicht gewinnen wir da einige Ausbeute.
Mit den herzlichen Wünschen
Weimar den 15 April 1819.
aufrichtig ergeben, Goethe
Fußnote:
[269] Vgl. S. 40.
XXXVII.
Es ist der Mühe werth gelebt zu haben wenn man sich von solchen Geistern und Gemüthern begleitet sieht und sah; es ist eine Lust zu sterben wenn man solche Freunde und Liebhaber hinterläßt, die unser Andenken frisch erhalten, ausbilden und fortpflanzen. Nehmen Sie meinen herzlichsten Dank für Ihren herrlichen Brief, dessen ich mich als des schönsten Zeugnisses zu rühmen habe. Nächstens erhalten Sie ein Exemplar meines _Divans_, dem ich gleichfalls eine günstige Aufnahme versprechen darf.
Wahrscheinlich kommen meine Kinder auf einer kleinen Reise[270] durch Leipzig, die ich in Ihr Connewitz[271] zu führen bitte, damit sie mir, nach dem Augenschein, die Wiederherstellung Ihres so lieben und auf eine zeitlang verleideten Lustsitzes bescheinigen.
_und so fort und ewiglich verbunden_ Goethe
Weimar d. 18. Aprl. 1819.
Fußnoten:
[270] Briefw. m. Zelter ~III.~ S. 10 ff.
[271] Vgl. S. 336.
XXXVIII.
Ew. Wohlgeb.
erhalten hiebey eine geringe Ausbeute, der ersten beiden Buchstaben meiner Handschrift Sammlung, damit ich vorläufig meinen guten Willen beweise. Diese vier Briefe haben wenigstens das Interesse, daß man in gewiße Zeiten, Zustände und Charaktere hineinsieht, von denen wir kaum mehr einen Begriff haben. Bodmers Hand zu entziffern möchte wohl die größte Schwierigkeit seyn, doch ist es interessant genug zu sehen welche Bücher man damals zu lesen anrieth. Finden sie diese Blätter einer Abschrift zu künftigem Gebrauche werth, so erbitte sie mir sodann zurück. Ich gehe die Sammlung nach und nach durch und sende mehr vielleicht auch Bedeutenderes.
Mit aufrichtigen Wünschen
Weimar den 27. May. 1819.
danckbar anhänglich J W Goethe
XXXIX.
Sie haben mich, theurer, trefflicher Mann, mit immer gleichem Schritt und unverwandter Gesinnung durchs Leben begleitet und mich, der ich so viele Mißklänge von außen zu vernehmen hatte, stets mit reiner, wahren, ächten Theilnahme erfreut, daß ich sehr undankbar sein müßte wenn ich nicht eine darbietende Gelegenheit ergriffe, meinen Dank endlich auszusprechen. Nehmen Sie daher im Ganzen freundlich auf, was Ihnen im Einzelnen zusagte[272] und gedenken mein jetzt und künftig in Geist und Liebe.
Lassen Sie mich noch eine Bemerkung hinzufügen welche einem alten Autor wohl ziemen mag. Es giebt dreierley Arten Leser: Eine, die ohne Urtheil genießt, eine dritte, die, ohne zu genießen urtheilt, die mittlere die genießend urtheilt und urtheilend genießt; diese reproducirt eigentlich ein Kunstwerk aufs neue. Die Mitglieder dieser Classe, wozu Sie gehören, sind nicht zahlreich, deshalb sie uns auch werther und würdiger erscheinen. Ich sage nichts Neues, Sie haben hierüber gleichfalls erfahren und gedacht.
Leben Sie recht wohl und seyen meinen Kindern freundlich, wenn sie auf ihrer Rückreise von Berlin[273] in Leipzig verweilen sollten wovon ich noch keine gewisse Nachricht habe.
Weimar d. 13 Juny. 1819.
_und so fort und ewig verbunden_ Goethe
Fußnoten:
[272] Die Ausgabe von Goethes Werken in 20 Bänden war in diesem Jahr vollendet.
[273] Briefw. m. Zelter ~III.~ S. 19.
XL.
Nichts Angenehmeres hätte vor meiner Abreise nach Carlsbad bey mir einlangen können als ein Brief von Ihrer Hand, mein Theuerster, überschrieben. Die Lesung des Vorigen erregte mir ein Gefühl das ich in ähnlichen Fällen mehrmals empfand, das nämlich, daß mich keine Furcht für Sie anwandlen wollte. Eben aber, die Reise nach Böhmen anzutreten endlich bestimmt, wollte ich, zu meiner Beruhigung bey andern anfragen und in demselben Augenblick erfahre ich, von freyen Stücken, durch Sie selbst, Ihre Genesung. Lassen Sie mich dazu aufrichtig Glück wünschen und nach einem solchen Sturze eine dauerhafte Gesundheit hoffen. Der vielfache Drang vor meiner Abreise verbietet mir mehr zu sagen, deshalb ich auch auf Ihren ferneren geneigten Antrag zu antworten bis auf meine Rückkunft verschiebe: denn dergleichen überraschende, wohlmeynende Gesinnungen anzunehmen oder abzulehnen ist gleich bedenklich. Leben Sie inzwischen recht wohl und empfangen meinen aufrichtigen Dank, sowohl für baldige Nachricht Ihrer Beßerung, als die sogleich gegen uns gewendete Neigung Ihres lieben Gemüthes.
Möge ich bey meiner Rückkehr das Gute und Beßere von Ihrem Befinden vernehmen.
Jena den 23. August. 1819.
treulichst verbunden Goethe
XLI.
Nun möchte denn doch auch wieder einmal Zeit seyn bey Ihnen, mein werthester Herr und Freund, theilnehmend anzuklopfen nach Ihrer Thätigkeit zu fragen, damit man doch wieder als mitlebend erscheine. Seit dem August vorigen Jahrs hab' ich mir viel auferlegt und ist mir viel auferlegt worden, so daß diese Zeit, ob ich gleich gar keiner Zerstreuung Raum gebe und der entschiedensten Einsamkeit genieße, auch Tag und Stunde zu nützen suche, ich dennoch immer in Rückstand verbleibe. So schleicht sich denn auch die Erfahrung ein, daß das Alter weniger fördert als die Jugend und man nicht mehr von einer Thätigkeit zur andern so schnell übergehen kann.
Nehmen Sie ein Exemplar meines Divans als Zeichen des Zutrauens und der Hochachtung. Da ich mich einmal in jene Regionen gewagt, so hab ich, wie es auf Reisen zu gehen pflegt, mich länger verweilt, mehr Zeit und Kräfte verwendet, als billig, auch zuletzt keine Anstrengung gescheut um nur endlich wieder nach Hause zu kommen. Sagen Sie mir nun auch etwas von sich und wie es mit Ihren literarischen- und Kunstbeschäftigungen geht? Herr Weigel schreibt mir mit Entzücken von den Abenden, wo Sie Freunden eine Beschauung Ihrer Schätze gewähren. Möcht ich doch auch Theil daran nehmen können!
Weimar den 3. April 1820.
treulichst Goethe
XLII.
Ihre werthe Sendung mein Theuerster, ist mir keineswegs klein: denn sie sagt mir, daß Sie meiner gedenken, und nicht etwa nur im Augenblick des Schreibens, sondern auch in Zuständen, wo unser Wollen und Vollbringen im Conflict ist. Da ich nun auch auf gleiche Weise, mich gegen das Leben verhalten muß, in bewegter Ruhe, in ruhiger Bewegung, wenn nicht gar die ganze Weltgeschichte, wie schon ein paar mal geschehen, über uns herpoltert; so nehme ich immer im Stillen reinen Antheil an denen, die mit mir, früher oder später, heran kamen, gleiche Gesinnungen gehegt und gleiche Schicksale erlebt haben.
Und so sey Ihnen Dank für das niedliche Stück,[274] das Gelegenheit gab Ihrem Schreiben. So viele Jahre früher wäre es schon aufgeführt, unter gegenwärtigen Umständen habe es den zeitigen Machthabern eingehändigt, welche sich deßen gerne bedienen und auf die Fortsetzung begierig seyn werden.
Aus beyliegendem nehmen Sie auch freundlich Ihren Antheil.
Jena den 3. Octobr. 1820.
treulichst verbunden Goethe
Fußnote:
[274] Die Freunde, Schauspiel in 1 Akt. Auswahl Th. ~V.~
XLIII.
Ew. Wohlgeb.
verzeihen wenn ich erst späte und nur mit wenigen Worten vermelde: daß wirklich an dem ersten Band von Wilhelm Meisters _Wanderjahren_ gedruckt wird, damit er Ostern erscheinen könne. Auch dieser wunderlichen, verspäteten Production erbitte Gunst und Antheil.
Ihren auserlesenen Arbeiten[275] werde gern manche ruhige Stunde widmen und, wie sonst, daraus mannigfaltiges Vergnügen schöpfen. Erhalten Sie mir ein geneigtes Andenken! Gedrängt von vielen Seiten! Eiligst.
Weimar den 18. Febr. 1821.
aber treulichst Goethe
Fußnote:
[275] Auswahl aus Fr. Rochlitz's sämmtlichen Schriften. Züllich. 1821. 22.
XLIV.