Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Part 16

Chapter 163,629 wordsPublic domain

Von Antigone habe ich die Leseprobe und eine Theaterprobe gehört. Sie wird gut gesprochen und anständig gespielt. Mir macht es sehr große Freude diesen herrlichen sophocleischen Schatz in einer Art von Auszug zu sehen und zu vernehmen. Heute Abend ist Hauptprobe; morgen Aufführung. Das was wir in unsern Tagen Effect nennen kann das Stück nicht machen; aber ich glaube doch es wird sich in den Kreis der ruhig edlen Darstellungen, die wir von Zeit zu Zeit vortragen, mit einschließen und sich erhalten. Mehreres nächstens

Weimar den 29 Januar 1809.

Goethe

XVII.

Weimar den 1 Februar 1809.

Nur mit Wenigem sage ich, daß Antigone Mondtag den 30sten glücklich aufgeführt worden.[239] Der Effect war, den ich voraussah. Das Stück hinterließ einen sehr angenehmen erfreulichen Eindruck. Jedermann war zufrieden und halb erstaunt, indem man von dieser Klarheit und Einfalt kaum etwas kennt. Die verständliche Sprache brachte hiebey den größten Vortheil. Die Schauspieler haben durchaus deutlich und richtig gesprochen, manche vortrefflich durchaus, wo man Madam Wolff als Antigone und ihren Gatten als ersten Chorführer zu rühmen hat, andere theilweise sehr gut, und wie gesagt, man konnte überhaupt völlig zufrieden seyn. Heute wird es wieder gegeben und ich hoffe das Stück soll sich immer mehr bey dem Zuschauer einschmeicheln. Über Ihre Behandlung selbst wüßte ich auch nur Gutes zu sagen; daß sie zweckmäßig sey, hat die Ausführung bewiesen. Etwas von der angegebenen Musik habe ich weggelassen, damit Recitation und Declamation nicht gestört werden. Was ich hie und da geändert, ist nicht der Rede werth. Herr Unzelmann ist nicht zu vergessen, dem ich den Krieger im Anfange und den Boten zuletzt zugleich aufgetragen: er hat trefflich erzählt. Also nur soviel für dießmal mit meinem Dank. Wer der Verfasser sey ist bis jetzt ein Halbgeheimniß geblieben.

Goethe

Fußnote:

[239] Werke ~XXVII.~ S. 270.

XVIII.

Ew. Wohlgebornen

verzeihen, daß ich auf einen schon lange erhaltnen Brief noch nicht geantwortet. Ich habe hier einige Monate auf die Bearbeitung und auf den Druck eines Romans verwendet, der in wenig Tagen die Presse verlassen wird.[240]

Da Sie sich in diesem Fache selbst so löblich hervorgethan; so wünschte ich wohl Ihre Meynung über meine Arbeit zu hören, und wenn es Ihnen gelegen wäre, öffentlich. Es giebt, wie Sie selbst wissen, mehr als eine Art dergleichen Productionen zu beurtheilen: eine gedrängte, welche die Hauptmomente hervorhebt, würde mir sehr willkommen seyn.

Daß die Theatercommission Ihre kleine Schuld bey Herzogl. Canzley saldire, nehmen Sie wohl freundlich auf. Wir sind Ihnen so mancherley schuldig, daß wir wenigstens nicht unterlassen können, bey dieser geringen Gelegenheit Ihnen unsre dankbare Aufmerksamkeit zu bezeigen.

Der ich mit den besten Wünschen für Ihr Wohlseyn mich zu geneigtem Andenken empfehle

Jena den 28 September 1809.

Goethe

Fußnote:

[240] Die Wahlverwandtschaften.

*XIX.

Das Vertrauen womit ich mir ein Urtheil über mein Neustes von Ihnen erbat ist durch Ihren liebenswürdigen Brief gar schön belohnt worden; ich danke Ihnen dafür auf das herzlichste. Billig ist es wohl daß die Freunde des Schönen und Guten mir ein tröstliches Wort über diese Production sagen, die wenigstens ein fortgesetztes redliches Streben andeutet und die mich in manchem Sinne theuer zu stehen kommt; ja, wenn ich die Umstände bedencke unter denen das Werckchen fertig geworden; so scheint es mir ein Wunder daß es auf dem Papier steht.

Seitdem es abgedruckt ist habe ich es nicht in der Folge gelesen, eine solche Prüfung pflege ich gewöhnlich zu verspäten. Ein gedrucktes Werck gleicht einem aufgetrockneten Fresko Gemälde an dem sich nichts mehr thun läßt. Soviel es mir noch im Sinne schwebt und wie es sich mir durch Ihre Bemerckungen vergegenwärtigt, möchte ich wohl noch einige Schraffuren anbringen der Verknüpfung und Harmonie willen. Weil aber das nicht angeht; so tröste ich mich damit daß der gewöhnliche Leser dergleichen Mängel nicht gewahr wird, und der Kunstgebildete, eben indem er die Forderungen macht, für sich selbst das Werk ergänzt und vollendet.

Daß Sie ein solcher Leser und Schauer sind wußte ich wohl und erfahre es auch diesmal. Haben Sie doppelten Danck für die Theilnahme und für die Mittheilung; haben Sie dreyfachen daß Sie es in einer Zeit thun in welcher mancher andre, mit Fug und Recht, seinen Freunden schwiege und sich mit seinem eigenen Glück beschäftigte. Möge das Gute das Ihnen bereitet ist so klar zu Ihnen treten als Sie Welt und Kunst erblicken und so beständig bey Ihnen verweilen als Sie Ihren Freunden zuverlässig sind. Meines fortdaurenden Anteils bleiben Sie gewiß.

Weimar d. 15. Nov 1809

Goethe

XX.

Ew. Wohlgebornen

gehe schon wieder mit einer Bitte an, wobey ich doch ausdrücklich bemerke, daß es mit der Erfüllung derselben keine Eile hat. Wenn die Nachricht die ich wünsche, auf Weihnachten zu mir gelangt, so kommt sie noch zeitig genug.

Indem ich mich mit der Geschichte der Chromatik beschäftige, treffe ich wieder auf einen Mann, von dessen Lebensumständen ich schon längst eine nähere Nachricht gewünscht hätte.[241] Er heißt ~Johann Leonhard Hoffmann~, und sein Buch: ~Versuch einer Geschichte der mahlerischen Harmonie überhaupt und der Farbenharmonie insbesondre, mit Erläuterungen aus der Tonkunst und vielen practischen Anmerkungen. Halle, in Joh. Christ. Hendels Verlage 1768.~

Die Dedication ist ~Leipzig~ im Sommermonat desselbigen Jahrs datirt, an ~Herrn Gottfried Winkler~ gerichtet. Daraus, und aus der Art wie in der Vorrede von ~Oesern~ gesprochen wird, sieht man, daß der Verfasser sich eine Zeit lang in Leipzig aufgehalten hat. Er scheint ein zarter, wohl denkender Mann gewesen zu seyn, der schöne Kenntnisse sowohl in der Mahlerey als in der Musik verräth, und wenn er seinem Unternehmen auch nicht ganz gewachsen ist, doch wegen feiner und glücklicher Bemerkungen alle Aufmerksamkeit und in der Geschichte eine ehrenvolle Erwähnung verdient. Könnten Ew. Wohlgebornen mir von den Lebensumständen dieses Mannes einige Nachricht verschaffen, so würden Sie mich sehr verbinden.

Theilte wohl Ihr Freund etwas von seinen Zeichnungen nach Faust auf kurze Zeit mit; so würde es mir und manchem unsrer kleinen Gesellschaft zu großem Vergnügen gereichen. Sie sollten bald wieder zurückerfolgen.

Mich bestens empfehlend

Weimar den 20 November 1809.

Goethe

Fußnote:

[241] Vgl. S. 286.

XXI.

Durch Demoiselle ~Longhi~ von Neapel,[242] eine schöne und treffliche Harfenspielerinn, wünsche ich mein Andenken bey Ihnen, mein Werthester, wieder aufzufrischen, und ich hoffe, es soll mir gelingen. Ich bin überzeugt, Sie werden diesem Frauenzimmer um ihrer selbst- und meinetwillen freundlich seyn.

Eigentlich aber bewegt mich nicht sowohl das schöne Talent, das sich wohl selbst empfiehlt, zu dem gegenwärtigen Schreiben: das gute Kind ist hier in den bedenklichen Fall gerathen, daß ihre zwey kleinen Finger auf eine rheumatische Weise geschwollen sind; das Schlimmste wohl, was derjenigen begegnen kann, die sich auf Harfe und Pianoforte bis Petersburg zu produciren gedenkt. Ist unser vortrefflicher Kapp,[243] dem ich selbst soviel schuldig geworden bin, in Leipzig; so haben Sie ja die Gefälligkeit, ihn für diese hübsche Italiänerinn zu interessiren, indem Sie zugleich von mir tausend Empfehlungen ausrichten. Mehr sage ich nicht und brauche es nicht, weil es hier nur einer kurzen Einführung bedarf, und dieser Brief noch spät geschrieben wird. Möchten Sie durch gegenwärtiges veranlaßt, mir einmal wieder ein Wort von sich zu vernehmen geben, so würden Sie mir sehr viel Freude machen. Mit den besten Wünschen!

Weimar den 22 April 1811.

Goethe

Fußnoten:

[242] Später Frau des Concertmeisters _Möser_ in Berlin.

[243] Vgl. S. 303.

XXII.

Ew. Wohlgebornen

sind versichert, daß es mir sehr leid gethan hat, Sie bey Ihrer Durchreise nicht begrüßen zu können. Sich einmal wieder anzutreffen und über manches auszureden, giebt auf mehrere Jahre ein wo nicht besseres doch gewiß entschiedeneres und klareres Verhältniß. Indessen will ich mich durch die Sicherheit Ihrer Neigung und Ihres Wohlwollens trösten.

Wenn Sie wünschen, daß ich dem braven Freyherrn von Truchseß[244] meine Bearbeitung des Götz für das Theater mittheilen möge; so will ich deshalb mein Bedenken eröffnen. Er hat an dem Stücke, wie es zuerst herausgegeben worden, so vielen und warmen Antheil genommen, ja sich gewissermaßen selbst in die Person des alten biedern Helden versetzt, daß es ihm gewiß nicht angenehm seyn würde, nunmehr manches ausgelassen, umgestellt, verändert, ja in einem ganz andern Sinne behandelt zu sehen.

Eigentlich kann diese Umarbeitung nur durch den theatralischen Zweck entschuldigt werden,[245] und kann auch nur in so fern gelten, als durch die sinnliche Gegenwart der Bühne und des Schauspiels dasjenige ersetzt wird, was dem Stücke von einer andern Seite entzogen werden mußte. Da ich also überzeugt bin, daß beym Lesen Niemand leicht die neue Arbeit billigen werde, weil nicht zu verlangen ist, daß der Lesende die mangelnde Darstellung sich vollkommen supplire; so habe ich bisher gezaudert diese Bearbeitung drucken zu lassen, ja selbst meine nächsten hiesigen Freunde, die das Manuscript zu sehen verlangt, an die Vorstellung gewiesen, von der sie denn nicht ganz unzufrieden zurückkehrten.

Ich bin überzeugt, daß Ew. Wohlgebornen sowohl als der würdige Truchseß-Götz, es nicht misbilligen, wenn ich diesen meinen Gründen soviel Gewicht gebe, um die gewünschte Mittheilung abzulehnen. Verzeihen Sie daher und erhalten mir ein freundliches Andenken.

Ein etwas wunderliches biographisches Bändchen erhalten Sie zu Michael. _Wilhelm Meisters_ Wanderjahre durchzuführen haben mich meine eigenen Wanderungen abgehalten. Bey jenem Büchelchen aber bitte ich Sie sich zu überzeugen, daß Sie unter diejenigen gehören, für die ich es schreibe. Mit entfernten Freunden und Geistesverwandten mich zu unterhalten, ist dabey meine einzige Absicht: denn diese sind es ja eigentlich nur, die man zu Zeugen seines vergangnen Lebens und Treibens, und zur Theilnahme am gegenwärtigen aufrufen kann.

Weimar den 11. September 1811.

Ew. Wohlgeb. wahrhaft zugethaner Goethe.

Fußnoten:

[244] _Christian_ von _Truchseß_ von der _Bettenburg_, „der in früheren Jahren durch redliche Tüchtigkeit sich in die Reihe der Götze von Berlichingen zu stellen verdient hatte.“ Werke ~XXVII.~ S. 98.

[245] Werke ~XXVII.~ S. 160. Eckermann Gespr. ~I.~ S. 250 f. Briefw. m. Schiller ~VI.~ S. 276 f. Riemer Mitth. ~II.~ S. 500 ff.

XXIII.

Mit vielem Danke, mein Werthester, sende ich den mitgetheilten Aufsatz zurück. Wer das deutsche Publicum kennt, dessen selbstische Eigenwilligkeiten Sie so gut schildern, wer zunächst erfahren hat, daß sie vor allem Neuen, so sehr sie darnach gierig sind, wenn es einigermaßen problematisch ist, eine ängstliche Apprehension fühlen, und daher den Miswollenden freyes Spiel geben, um sich nur jener Furcht entledigt zu sehen -- der weiß gewiß dankbar anzuerkennen, wenn ein Freund als Mittelsperson auftreten mag, damit die Menschen sich geschwinder mit dem befreunden, was ihnen fremd und wunderlich erscheint.[246] Besonders in den letzten zwanzig Jahren mußte man große Geduld haben: denn mehrere meiner spätern Arbeiten brauchten zehn und mehr Jahr, bis sie sich ein größeres Publicum unmerklich erschmeichelten; wie denn ja mein Tasso über 20 Jahr alt werden mußte, ehe er in Berlin aufgeführt werden konnte. Eine solche Langmuth ist nur dem zuzumuthen, der sich bey Zeiten den ~Dédain du Succès~ angewöhnt hat, welchen die Frau von Staël in mir gefunden haben will.[247] Wenn sie den augenblicklichen leidenschaftlichen ~Succès~ meint, so hat sie recht.[248] Was aber den wahren Erfolg betrifft, gegen den bin ich nicht im mindesten gleichgültig; vielmehr ist der Glaube an denselben immer mein Leitstern bey allen meinen Arbeiten. Diesen Erfolg nun früher und vollständiger zu erfahren, wird mit den Jahren immer wünschenswerther, wo man nicht mehr viel Stunden in Gleichgültigkeit gegen den Augenblick zuzubringen und auf die Zukunft zu hoffen hat.[249]

In diesem Sinne machen Sie mir ein großes Geschenk durch Ihren Aufsatz und bethätigen dadurch abermals die frühere mir schon längst bewährte Freundschaft. Doch darf es mich nicht einmal überraschen, daß Sie in meine Intentionen auch bey dieser Arbeit so tief eindringen, da Sie unter diejenigen abwesenden Freunde gehören, die ich mir vergegenwärtige, wenn ich mir meine alten Mährchen in der Einsamkeit zu erzählen anfange; und ich darf wohl versichern, daß der nächste und eigentliche Zweck ist, gegen solche auf indirectem Wege wieder einmal laut zu werden, da die directe Communication so manches Hinderniß erfährt.[250]

Daß Sie meine asiatischen Weltanfänge[251] so freundlich aufnehmen, ist mir von großem Werth. Es schlingt sich die daher für mich gewonnene Cultur durch mein ganzes Leben, und wird noch manchmal in unerwarteten Erscheinungen hervortreten: wie ich denn von Ihrem liebevollen Glauben hoffen kann, daß Sie überzeugt sind, der erste Theil sey mit Bewußtseyn und mit Absicht geschrieben, und enthalte auch nicht das kleinste geringfügig scheinende, was nicht künftig einmal nach seinem Geschlecht und Art in Blüthe und Frucht hervortreten soll. Freylich, das Publicum, wenn man es an ein Saatfeld führt, bringt gleich die Sicheln mit, und bedenkt nicht, daß noch mancher Monat bis zur Erndte hingeht, ja wohl noch das ganze grüne Feld eine schöne Zeit unter einer Schnee- und Eisdecke zu ruhen hat.

Es würde mir unendlich interessant seyn, wenn Sie mir mittheilen wollten, was Sie über die Farbenlehre aufgesetzt haben. Die Wirkung von dieser wird noch mehr retardirt, als die Wirkung meiner andern Sachen. Denn hier kann man das Publicum am leichtesten irre führen, indem man mir anderes Verdienst wohl läßt, aber in dieser Sache, die ja nicht in mein Fach schlage, ein verzeihliches ~Travers~ Schuld giebt. Indessen macht es mich schon glücklich, daß ich diese Arbeit, die ich so lange mit mir herumgetragen, endlich losgeworden. Was für eine große Übung es für mich gewesen, diesen Gegenstand durchzuarbeiten, ermessen Sie selbst; und welche wichtigen Bemerkungen ich mache, indem ich meine Gegner beobachte, wage ich kaum auszusprechen. Doch ist es ja kein Geheimniß, daß Niemand überzeugt wird, wenn er nicht will.

Warum sollte ich nun nicht auch wünschen, meine Freunde kennen zu lernen und besonders Ihre Ansicht, die mir in so mancher Betrachtung werth seyn muß.

_Mich zu daurendem Wohlwollen empfehlend_

W. d. 30 Jan. 1812.

Goethe

Fußnoten:

[246] Man vergleiche nur eine Recension des ersten Theils von Dichtung und Wahrheit in der Bibliothek der redenden und bildenden Künste ~VIII.~ S. 261 ff., deren Verfasser „Hrn. v. Goethe während seines Leipz. Aufenthalts ziemlich genau gekannt, mit ihm bei Ernesti Collegia gehört, mit ihm bei Oeser gezeichnet hat;“ wobei er denn wahrnehmen konnte, daß „Hr. v. Goethe mit der deutschen Sprachlehre dazumal noch im Kampfe war -- eine Folge seines mangelhaften, unclassischen Hausunterrichts als Knabe.“

[247] ~De l'Allemagne II, 7: „On apperçoit le dédain du succès dans Goethe à un degré qui plait singulièrement, alors même qu'on s'impatiente de sa négligence.“~ Vgl. Goethe Werke ~XXVII.~ S. 150.

[248] „Ich ging auf meinem Weg ruhig fort, ohne mich um den Succeß weiter zu bekümmern.“ Eckermann Gespr. ~I.~ S. 147.

[249] „Bedenke ich es aber jetzt genauer, so finde ich hier den Keim der Nichtachtung, ja der Verachtung des Publicums, die mir eine ganze Zeit meines Lebens anhing und nur spät durch Einsicht und Bildung ins Gleiche gebracht werden konnte.“ Werke ~XX.~ S. 53.

[250] Vgl. S. 325.

[251] In Dichtung und Wahrheit. Werke ~XX.~ S. 153 ff.

XXIV.

Da mich das herannahende Frühjahr wahrscheinlich bald von Weimar weg und nach Böhmen locken wird, so will ich nicht versäumen Ew. Wohlgeb. nochmals zu schreiben, und mich Ihrem Andenken bestens zu empfehlen.

Das mitgetheilte Blatt über meine Farbenlehre folgt hierbey mit vielem Dank zurück, nur Schade, daß es nicht mehrere waren. Gerade diese Art von unschuldigen augenblicklichen Äußerungen sind mir unendlich werth und besonders hier, wo ich mit Vergnügen sehe, wie eine Sache, mit der ich mich so viele Jahre beschäftiget, auch in dem Gemüthe eines Freundes aufgeht, und sich dasselbe nach und nach zu gewinnen weiß.

Diesen Winter hat mich das Theater sehr von anderen Thätigkeiten abgezogen, ich muß erwarten, ob die Carlsbader Einsamkeit, die ich wenigstens im Monath May hoffen darf, mir Raum giebt, etwas für Poesie, Wissenschaft, oder was es sonst wäre, zu thun.

Leben Sie unterdessen recht wohl, und lassen Sie Sich in litterairischen Dingen nichts anfechten; wir haben unsere Kräfte zu nothwendigerem Gebrauch jetzt aufzusparen.

Das Gemäldeverzeichniß habe ich höheren Orts mitgetheilt, und bin nicht ganz ohne Hoffnung einiges Erfolgs, leider genießt man jetzt kaum, was man besitzt, wie sollte man noch mehr zu besitzen wünschen! Sollte sich die Aussicht nach Norden wieder erheitern, so wäre vielleicht dort etwas zu thun.

_Mit den besten Wünschen mich zu freundschaftlichem Andencken empfehlend_

W. d. 7 Apr. 1812.

Goethe

*XXV.[252]

Mögen Sie, theuerster Mann, Morgen, mit den werthen Ihrigen, an meinem Familientische Theil nehmen; so sind Sie herzlich willkommen.

Wollten Sie Sich um zwölf einfinden; so hätten wir noch Zeit einige Kunstwerke zu betrachten. Ich sende den Wagen. Mich bestens empfehlend

W. Dienstag d. 7ten Dec. 1813.

Goethe

Fußnote:

[252] Rochlitz war in Weimar. Werke ~XXVII.~ S. 299.

*XXVI.

Wenn ich bey Ihrem Besuche, mein werthester, etwas zu erinnern habe, so ist es daß er nicht lange genug dauerte. Auch das Zusammenseyn hat seine Jahreszeiten, deren eine sich aus den andern entwickelt.

Lassen Sie diese schönen kurzen Tage auch in der Entfernung Frucht tragen.

Mögen Sie aus dem Duzzend Entwürfen Sich viere herauslesen;[253] so soll mirs angenehm seyn sie in Ihren Händen zu wissen. Mir geben diese Blätter eine bestimmte Erinnerung eines vergangenen Augenblicks und ihre Mängel dürfen mir daher so werth seyn, als wenn es Vorzüge wären. Mag ein Freund dies mit empfinden, so muß es mich freuen.

Erhalte Sie Ihr guter Geist über der Woge des Augenblicks gedencken Sie meiner in Liebe und bleiben überzeugt daß ich Ihre schöne Persönlichkeit rein zu schätzen weiß. Die Meinigen wünschen Ihnen und den Ihrigen bestens empfohlen zu seyn.

W. d. 28 Dez 1813

Goethe

Fußnote:

[253] Vier Zeichnungen von Goethe, jetzt im Besitze des Herrn _Keil_.

XXVII.

Ew. Wohlgeboren

danke verbindlichst für den übersendeten Catalog, und bitte mir die Erlaubniß aus, gegen Michael dieselben mit einigen Aufträgen beschweren zu dürfen.

Bey Gemälden, noch mehr aber bey Zeichnungen, kommt alles auf die Originalität an. Ich verstehe hier unter Originalität, nicht, daß das Werk gerade von dem Meister sey, dem er zugeschrieben wird, sondern daß es ursprünglich so geistreich sey, um die Ehre eines berühmten Namens allenfalls zu verdienen.

Die Nummern des Catalogs, auf welche ich meine Aufmerksamkeit richte, werde ich Ew. Wohlgeboren übersenden, mit besondern Bemerkungen dabey, was ich nach der Analogie hoffe oder erwarte. Mögen Ew. Wohlgeboren hiernach die Blätter beschauen, berutheilen und würdern, und solche erstehen oder erstehen lassen, so werd' ich es dankbar erkennen, und alles was Sie beschlossen und angeschafft ohne Weiteres mit Vergnügen genehmigen, überzeugt, daß ich mich selber nicht besser hätte berathen können. Anweisung auf eine proportionirte Summe erfolgt zugleich.

Diese Bemühungen wage ich um desto eher, Ihnen, mein verehrter Freund! anzusinnen, als Sie durch eine so gütige auszeichnende Aufnahme meines biographischen Versuchs, Sich gleichsam als meinen wohlwollenden Schuldner bekennen. Fahren Sie fort mich auf meinem Wege mit guten Wünschen und Theilnahme zu begleiten. Der Verlust den wir alle mehr oder weniger erlitten haben, und der Sie, leider! so hart betroffen, kann nur verschmerzt werden, wenn wir uns immer treuer an einander schließen, und der Deutsche immer mehr einsehen lernt, daß nirgends für ihn Heil zu finden sey als bey seinen Landleuten. Unter diesen frommen Wünschen und Vorsätzen, dürfen wird freylich nicht an's Öffentliche denken, welches leider schon durch die traurigsten Spaltungen zu zerfallen droht. Möge dies Glück wenigstens Privatpersonen aufbewahrt seyn, daß sie fortfahren einander zu schätzen und zu lieben.

Weimar den 27. Febr. 1815.

ergebenst Goethe

XXVIII.

Mit Beantwortung Ew. Wohlgeboren freundlichen Schreibens, vom 29 July komme leider erst nach dem Feste. Hätte ich gleich im Frühjahr die Aufträge, wie ich sie zu geben gedachte niedergeschrieben, so würden Ew. Wohlgeb. solche entweder selbst oder durch einen Freund, gewiß zu meiner Zufriedenheit haben ausrichten lassen. Nun aber hielt mich meine Reise zu lange am Rhein und Mayn, und in den ersten Augenblicken meines Hierseyns konnte zu keiner Fassung gelangen, und leider entschlüpfte mir so die schönste Gelegenheit meine Sammlung abermals mit bedeutenden Kunstwerken zu vermehren. Nehmen Sie jedoch auch in dem gegenwärtigen Falle meinen aufrichtigen Dank für Ihre gütigen Bemühungen, und die aufrichtige Erklärung, in welcher ich Ihren längst erprobten Charakter aufs neue mit besonderer Rührung anerkannt. Seyn Sie überzeugt, daß ich in ähnlichen Fällen mich vollkommen beruhigen werde, wenn Sie, oder diejenigen denen Sie Ihr Vertrauen schenken, zu meinem Vortheile würken mögen. Gegenwärtig aber würden Sie mir eine besondere Gefälligkeit erweisen, wenn Sie mir einen Catalog mit beygefügten Preißen für die Gebühr verschaffen möchten. Die Durchsicht desselben, wenn sie mir auch hie und da vielleicht eine unangenehme Empfindung erregte, würde für mich auf alle Fälle belehrend seyn, und ich werde Ihnen dieses, sowie so manches andere Gute herzlich verdanken.

Mit Bitte, mich allen werthen Gönnern und Freunden angelegentlichst zu empfehlen

Weimar den 23. Octbr. 1815.

ergebenst! Goethe

XXIX.

Ew. Wohlgeb.

schöne Gabe[254] ward mir schon längst und diente mir in trüben Stunden zur angenehmsten Erheiterung, besonders gab die Schreckensgeschichte jener Schlachttage einen bedeutenden Wink, wie man geringeren Übeln nicht unterliegen solle, da der Mensch die größten besteht und aus ihnen oft gerettet wird.[255]

Die Bildung Ihres Charakters und Styls, erscheint hier im vortheilhaftesten Lichte: es thut immer eine große Wirkung, wenn der Mann auch seine schlimmsten Erfahrungen würdig darzustellen weiß.

Mit dem Altern ist es freylich so eine Sache. Die Jahre könnte man allenfalls noch wohl ertragen, wenn sie flüchtig wie die früheren vorüber gingen, da sie aber so manches, auch von Außen, heranschleppen, womit sich die Jugend selbst nicht befaßen möchte, so spürt man freylich den Mangel an Kraft und Ausdauer doppelt und dreyfach. Hat man indeßen so lange des Guten genoßen und sich in das Schlimme gefügt, so bleibt wohl nichts übrig, als daß man seine Kräfte zusammen nehme, um bis ans Ende etwas werth zu seyn.

Erhalten Sie mir Ihre Theilnahme und bleiben der meinigen gewiß. Empfehlen Sie mich den werthen Ihrigen und auch in dem Löhrisch-Keilischen Hause.

Schließlich, da ich mich zu Ihnen versetzt hatte, fällt mir noch ein Wunsch ein: könnten Sie mir gelegentlich eine recht gute Federzeichnung von Guercin um billigen Preiß verschaffen, es sey Landschaft, Kopf, oder Halbfigur, so geschähe mir ein ganz besonderer Gefalle. In jener von mir versäumten Auction waren deren mehrere.

Nochmals mich bestens empfehlend.

Weimar d 10. Decbr. 1816.

ergebenst Goethe

Fußnoten:

[254] Neue Erzählungen von Fr. Rochlitz. Leipz. 1816.

[255] „Der Tag der Gefahr,“ vgl. ~XLVI.~ Werke ~XXVII.~ S. 319. ~XXXII.~ S. 336 f.

XXX.