Goethes Briefe an Leipziger Freunde
Part 15
Das Original sende ich mit Dank zurück. Die wenigen Veränderungen die ich gemacht habe, betreffen einige harte Worte, welche man unter Personen einer gewissen Art, besonders unter Soldaten, mit Recht vermeidet, sodann einige Scherze welche sich auf Philosophie beziehen, die ich im doppelten Sinne nicht billigen kann, weil man entweder dadurch keine Wirkung hervorbringt, oder weil man die Menge veranlaßt über etwas zu lachen das sie nicht versteht und das sie wenigstens verehren sollte.[221]
Verzeihen Sie diese Pedanterie; man weiß aber nicht eher als nach einem längern Lebenslauf was ächte Maximen, die uns über das Gemeine heben, für einen hohen Werth haben, der so selten anerkannt wird.
Darf ich Sie nun mit einigen Aufträgen beschweren?
Ich wünschte Nachricht von einem Manne, welcher sich Johann Leonhardt Hoffmann nennt, und einen Versuch einer Geschichte der Farbenharmonie 1786, in Hendels Verlag, zu Halle, herausgegeben. Die Dedication an Herrn Gottfried Winkler, in welcher sich der Verfasser einen Franken nennt, ist von Leipzig aus datirt, wo er sich eine Zeit lang aufgehalten und mit Oeser Umgang gehabt haben mag. Vielleicht haben Sie Gelegenheit etwas näheres über diesen Mann zu erfahren, der mir von gewissen Seiten interessant geworden ist.[222]
Alsdann hätten Sie wohl die Güte mir ein _gebundnes_ Exemplar, von dem im October 1800 geschlossnen Jahrgang der musikalischen Zeitung zu verschaffen. Den ersten bis zum October 1799 besitze ich. Die Auslage werde ich mit Dank sogleich erstatten.
Sollte Ihnen nicht ein Liedchen bekannt geworden seyn, das von Capellmeister Himmel componirt ist, es drückt die Unruhe eines verliebten Mädchens aus, das sich seinen Zustand nicht erklären kann, jeder Vers endigt sich mit einer Partikel z. B. Ich weiß nicht _woher_, _wohin_, _warum_. Es ist ein Scherz, den man in einer Gesellschaft wohl gern einmal hören mag.
Die Fragen wegen Wilhelm Meisters möchte ich am liebsten einmal mündlich beantworten. Bey solchen Werken mag der Künstler sich vornehmen was er will, so giebt es immer eine Art von Confession und zwar auf eine Weise von der er sich kaum selbst Rechenschafft zu geben versteht. Die Form behält immer etwas unreines und man kann Gott danken, wenn man im Stand war so viel Gehalt hinein zu legen, daß fühlende und denkende Menschen sich beschäfftigen mögen, ihn wieder daraus zu entwickeln. Die Recension in der allgemeinen Litteraturzeitung[223] ist freylich sehr unzulänglich, für jeden, der selbst über das Werk gedacht hat; doch ist sie nicht ohne Verdienst, wenn man sie als die Meinung eines einzelnen ansieht, der seine Gedanken darüber äußert. Freylich hat man Ursache von einer Recension mehr zu verlangen, besonders von einer so späten.
Ich wünsche, daß Ihre Gesundheit wieder hergestellt seyn möge, so wie ich mich auch von den Übeln, die mich betroffen haben, nach und nach wieder erhole.[224]
Darf ich bitten mich unserm verehrten Weise bestens zu empfehlen.
Weimar d. 29 März 1801
Goethe
Fußnoten:
[221] Vgl. Werke ~XXVII.~ S. 124.
[222] Vgl. ~XVIII.~ Werke ~XXXIX.~ S. 417 ff.
[223] Jen. Allg. Litt.-Ztg. 1801, ~I.~ N 1. f.
[224] Werke ~XXVII.~ S. 75 ff. Schiller Br. an Körner ~IV.~ S. 205. Goethe Br. an Friedr. v. Stein. S. 165 f.
III.
Mögen Ew. Wohlgeb. mir noch bis zum neuen Jahre wegen des Stückes Frist geben so soll alsdann darüber die Schuldige Erklärung folgen. Bis jetzt hat die Beurtheilung der dießjährigen Kunstausstellung, mir und meinen Freunden viel Zeit weggenommen. Zum neuen Jahre soll der Aufsatz deshalb als Beylage der Litteraturzeitung erscheinen. Auch beym Theater haben uns einige kühne, doch glücklich vollbrachte Unternehmen, diese Zeit her, beschäftigt. Die Brüder nach Terenz von Herrn von Einsiedel und ein reducirter Nathan,[225] beyde sind schon mehrmals wieder verlangt worden und sie gehen bey jeder Vorstellung besser.
Von Faust kann ich nur so viel sagen: dass in den letzten Zeiten wohl manches daran gearbeitet worden; in wie fern er sich aber seiner Vollendung, oder auch nur seiner Beendigung nahen dürfte, wüßte ich wirklich nicht zu sagen.[226]
Leben Sie recht wohl und erhalten mir ein freundschaftliches Andenken.
Weimar am 17 Dec. 1801.
Goethe
Noch einen Wunsch muß ich äussern, dessen Erfüllung ich durch Ihre Gefälligkeit hoffe. Ich besässe nämlich sehr gern, wenn die winklerische Auction vorbey sein wird, einen Katalogen derselben, wozu die Preiße geschrieben wären. Ich habe schon, bei vorhergegangenen Rostischen Versteigerungen, dem Secretair Thiele und andern ähnliche Aufträge gegeben; aber niemals, ich weiß nicht warum, zu meinem Zweck gelangen können. Vielleicht können Sie mir durch Ihre Verbindungen dazu verhelfen. Ich will sehr gern demjenigen, der die Bemühung übernimmt, was Sie für billig halten, bezahlen.
Fußnoten:
[225] Schillers Briefw. m. Körner ~IV.~ S. 283.
[226] Vgl. Schiller Br. an Körner ~IV.~ S. 212.
IV.
Ob die Meynung, welche Sie mir über den Gegensatz der Recitation und des Gesanges, in Ihrem letzten Briefe äußern, die wahre und richtige sey, will ich nicht entscheiden; so viel aber kann ich sagen: daß sich die meinige selbst sehr dahin neigt.[227] Sobald ich mich in einer ruhigen Lage befinde, theile ich meine Gesinnungen kürzlich mit.
Heute komme ich mit einem kleinen Ansuchen und zwar folgendem:
Zu der, durch den Tod unseres Batsch, erledigten Stelle, bey dem neuen Botanischen Institut, im Fürstengarten, zu Jena, ist unter andern auch Herr Doctor _Schwägrichen_[228] aus Leipzig empfohlen. Von seiner litterarischen Laufbahn, so wie von seinen Reißen und andern Bemühungen, sind wir so ziemlich unterrichtet; nun möchte ich aber noch von Ihnen ein vertraulich Wort, über seine Person, sein Äußeres, seine Lebensweise und seinen academischen Vortrag vernehmen.
Es ist mir bey Besetzung dieser Stelle außer dem Wohl des Ganzen auch noch mein eigenes Verhältniß vor Augen, indem das Institut seit seiner Gründung geleitet worden und meine Neigung zu diesen Kenntnissen mir einen sittlichen mittheilenden und umgänglichen Mann wünschenswerth macht.
Nächstens auch ein Wort über die Oper.
Mich zu geneigtem Andenken empfehlend.
Weimar am 6 December 1802.
Goethe
Fußnoten:
[227] Rochlitz hatte die Ansicht ausgesprochen und weiter ausgeführt, daß in der alten Tragödie nur die lyrischen Stellen gesungen worden seien, wo der Chor am Dialog Theil nehme, sei alles vom Chorführer allein gesprochen. Veranlassung dazu gab ihm das Gerücht, in Weimar solle eine alte Tragödie aufgeführt werden. Diese Briefe scheint Goethe im Sinne zu haben, Werke ~XXVII.~ S. 120.
[228] Professor der Naturwissenschaften in Leipzig.
V.
Indem beyliegender Brief schon geschlossen[229] ist fällt mir ein dass Sie mir ein freundliches in Berlin geschriebenes Wort über die Natürliche Tochter zusagten. Lassen Sie mich solches ja nicht entbehren. Bey dem seltenen Charivari, das gleich im deutschen Publicum entsteht, wenn man vor ihm irgend eine Production aufstellt, hat der Schrifftsteller warlich nöthig diejenigen zu vernehmen die sich einstimmend verhalten ich bitte daher um jenes Blatt um so mehr, als ich zur Fortsetzung wirklich Aufmunterung brauche.
G.
Fußnote:
[229] Dieser Brief fehlt, er war vom Jahr 1804, in welchem „Revanche,“ ein Lustspiel in 2 Aufzügen von Rochlitz, in Weimar aufgeführt wurde, worauf Schillers Brief an Goethe (~VI.~ S. 281) sich bezieht.
VI.
Ew. Wohlgebornen
seit langer Zeit auch wieder einmal zu schreiben veranlaßt mich die vorseyende Expedition unsres Theaters nach Leipzig, das ich Ihnen auf das beste zu empfehlen wünschte. Sie haben immer viel Güte für unsre braven Künstler gehabt, die sich gewiß viel Mühe geben, wenn ihnen auch nicht immer ihre Zwecke gelingen sollten.
Ew. Wohlgebornen werden gewiß den Vorstellungen mit Aufmerksamkeit beywohnen, und ich wünschte daß Sie Ihre Bemerkungen mir künftig mittheilten. Es ist noch manches das ich anders wünschte, und doch läßt sich theils nicht alles leisten wovon man überzeugt ist, und man gewöhnt sich auch nach und nach an Menschen und an Manieren und läßt geschehen was geschieht; Dagegen ein frischer scharfer Blick manches entdeckt und der gute Rath eines Fremden manches leichter und wirksamer anregt als die Lehren eines lange bekannten und gewohnten Vorgesetzten.
Diesen Ihren guten Rath bitte ich unsern Schauspielern bey ihrem Aufenthalt in Leipzig nicht zu entziehen, besonders da der Übergang von einem kleinen auf ein großes Theater für die erste Zeit immer seine Schwierigkeiten hat. Dringen Sie gefälligst besonders darauf, daß man die Schauspieler an allen Ecken und Enden des Hauses verstehen müsse.
Verschiedene von Ew. Wohlgebornen Stücken sind eingelernt. Haben Sie die Güte die Proben zu besuchen, damit sie zu Ihrer Zufriedenheit mögen gegeben werden.[230]
Diesen Wünschen füge ich noch eine Empfehlung hinzu. Wahrscheinlich kommt in einiger Zeit ein Engländer der ~Chevalier Osborn~[231] nach Leipzig, ein schon bejahrter, höchst erfahrner und interessanter Mann von dem besten Charakter. Er ist Mitglied der königl. Societät zu London und wünscht den Leipziger Gelehrten aufgeführt zu werden. Sie erzeigen ihm wohl um seinet- und meinetwillen diese Gefälligkeit. Der ich mich mit vorzüglicher Hochachtung unterzeichne
Weimar den 3 April 1807.
Goethe
Fußnoten:
[230] Von Rochlitz wurde gegeben „_Es ist die rechte nicht._“
[231] Werke ~XXVII.~ S. 220.
VII.
Ew. Wohlgebornen
empfangen meinen lebhaften Dank für Ihren vertraulichen Brief, dessen Inhalt ich bestens zu benutzen gesucht habe. Unsre Regie wird sich gleich bey ihrer Ankunft Ihren fernern gütigen Rath erbitten.
Einen Prolog habe ich nach Ihren Wünschen auch mitgegeben.[232] Wollten Sie die Gefälligkeit haben, ihn durchzusehen und zu beurtheilen ob er am Platz paßt, welches man in der Entfernung nicht so gut empfinden kann.
Da übrigens die älteren Schauspieler Ihnen schon bekannt sind und sich eher zu produciren wissen; so wollte ich Ihnen besonders unsere jüngeren empfehlen, den Nachwuchs, dessen Emporkommen uns bey der Lage unseres Theaters höchst angelegen seyn muß.
Demoisell Elsermann, ein munteres Kind, von gutem Betragen, wird Ihnen gefallen und Sie vielleicht anlocken ihr über diese oder jene Rolle etwas zu sagen. Sie hat etwas Manier von Berlin mitgebracht, worüber sie aber schon aufgeklärt ist und nur manchmal einer kleinen Erinnerung deshalb bedarf.
Die Herren Lorzing und Deny sind gute gesittete Leute, nicht ohne Talent und vom besten Willen. Da sie nun mehr in Routine kommen, so wird es auch mit ihnen vorwärts gehen.
Im Ganzen bin ich überzeugt, daß der Aufenthalt in Leipzig für unsre Gesellschaft sehr wohlthätig seyn wird, besonders wenn sich einige Kenner und Freunde zu Mittelspersonen zwischen ihr und dem Publicum machen wollen; welches höchst nothwendig ist, damit man sich bald wechselseitig befreunde und keine Mißverständnisse entstehen.
Ich wünsche, daß alles gut gehen möge, und daß Ew. Wohlgebornen zuletzt mit Zufriedenheit das Amt eines Epilogisten übernehmen möchten. Denn wenn man einen Prolog noch allenfalls in der Ferne schreiben kann, so darf der Epilog nur aus einer unmittelbaren Nähe entspringen.
Zu Ende dieses Monats geh' ich nach Carlsbad und hoffe dort für meine von Zeit zu Zeit sich wieder zeigenden Übel, wo nicht völlige Genesung, doch Linderung. Möge dieser mein Brief auch Sie von jedem Anfall befreyt antreffen. Gesundheit brauchte man wohl niemals mehr als gegenwärtig. Mich zu geneigtem Andenken empfehlend.
Weimar den 12 May 1807.
Goethe
Fußnote:
[232] Werke ~VI.~ S. 411 ff.
VIII.
Ew. Wohlgeboren
haben mir ein sehr großes Vergnügen gemacht. Denn gewiß ist eine Theater-Direction ein sorgenvolles Geschäft, besonders wenn man den Kennern und der Menge zugleich gefallen, die Fortbildung der Künstler und gute Einnahmen zugleich erleben will. Ihr Schreiben setzt alle die Verhältnisse so klar auseinander, daß ich gegenwärtig zu seyn und sehr bekannte Zustände mit eigenen Augen zu sehen glaubte. Haben Sie die Güte den Antheil, den Sie dieser Anstalt gegönnt, immer fort zu erhalten, auch wenn einiges vorkommen möchte was nicht ganz Ihre Billigung hat. Leiten und Lenken Sie dieses Schifflein aufs Beste.
Sehr gern hätte ich Ihnen gegen Ihre Betrachtungen auch die meinigen mitgetheilt, die beym Lesen Ihres Briefs in mir erregt wurden; doch ist man durch diese Brunnen-Cur so zerstreut und verstört, daß man nicht leicht brieflich etwas kluges zusammen bringt. Haben Sie jedoch indessen die Güte mir von Zeit zu Zeit einige Nachricht zu geben, welche mir, je ausführlicher und umständlicher sie ist, nur zur angenehmeren Unterhaltung dienen wird. Für den Augenblick habe ich den Effect des Brunnens sehr zu loben. Könnte es in der Folge so bleiben, so wäre das sehr erwünscht. Mich bestens empfehlend
Carlsbad den 5 Juni 1807.
Goethe
IX.
So ist denn unser theatralisches Unternehmen in Leipzig glücklich vollendet, mit Ehre und Vortheil belohnt und was mir gleich lieb ist, ich sehe unsre Schauspieler nach dieser Epoche froher williger thätiger, und hoffe sowohl für uns einen unterhaltenden Winter als auch künftig für Leipzig eine neubelebte Sommerunterhaltung. Denn wir haben mancherley artige und mitunter seltsame Dinge vor uns, an denen wir uns zu üben gedenken.
Haben Sie, mein werthester Herr Rath, den besten Dank für Ihren freundlichen Antheil. Ich weiß die stille geräuschlose Behandlungsart recht gut zu schätzen, mit der Sie den unsrigen nachzuhelfen wußten. Wenn es mit dem Epilog eine Irrung gab,[233] so bin ich vielleicht selbst daran Schuld, weil ich mich nicht deutlich erinnere, ob ich unserer Regie deshalb geschrieben habe, mich auf einen natürlichen Gang der Sache und auf Ihr Einwirken, wie bey dem ersten Abschied,[234] verlassen habe. Auch dafür nehmen Sie Dank, was Sie gewollt gethan und verschwiegen.
Ihre Briefe nehme ich manchmal wieder vor mich und habe sie schon öfter gelesen. Sie dienen mir zum Leitfaden in dem täglichen Theaterlabyrinth, das einer der wunderlichsten Irrgärten ist, die ein Zauberer nur erfinden konnte. Denn nicht genug, daß er schon sehr wunderlich bepflanzt ist, so wechseln auch noch Bäume und Stauden von Zeit zu Zeit ihre Plätze, so daß man sich niemals ein Merkzeichen machen kann, wie man zu gehen hat.
Leider ist hier in Weimar die sondernde Critik nicht sehr zu Hause. Man nimmt alles zu sehr im Ganzen. Stücke, Schauspieler, Aufführung, alles wird entweder nur gebilligt oder gemißbilligt, wobey denn Vorurtheil und Laune herrschend werden, und man sich weder des Lobes recht erfreuen, noch den Tadel sehr zu Herzen nehmen kann.
Daher ist es mir unendlich viel werth, daß unsere Schauspieler wenigstens gewahr geworden, daß eine solche Critik existirt, welche die Mängel begünstigter und die Tugenden gleichgültiger, ja unbegünstigter Personen zu würdigen weiß.[235] Ich selbst werde diesen Winter das Schauspiel öfter besuchen, und meine innern und äußern Sinne zu genauerer Prüfung schärfen. Denn ich gestehe gern, das hiesige Publicum machte mir durch willkührliche Zuneigung und Abneigung oft so böse Laune, daß ich, jemehr ich mir in den Proben Mühe gegeben hatte, desto weniger Lust fühlte, der Aufführung selbst bey zu wohnen. Nun aber, da mich eine Stimme von außen her aufregt und bestätigt, so werde ich wieder eine Weile auf meinem Wege strecklings fortgehen und mich der Resultate vielleicht selbst erfreuen.
Die gute Aufnahme meiner Stücke hat mir eine besonders angenehme Empfindung gemacht. Ich dachte wohl, daß sie auch einmal Epoche haben könnten, aber nach der Lage des deutschen Theaters glaubte ich's nicht zu erleben. Artig ist es, daß sogar das kleine Schäferspiel, das ich 1768 in Leipzig schrieb, auch noch auftauchen mußte und gut empfangen ward.[236]
Nochmals vielen Dank, den ich gerne mündlich abgestattet hätte, wenn ich nicht, da mir die Brunnenkur ganz wohl bekommen ist, mich vor einer allzuraschen Geselligkeit gefürchtet hätte. Jetzt will ich sehen, ob ich meine stille Nachkur auch zu Ihrem und Ihrer Mitbürger künftigen Vergnügen benutzen kann. Leben Sie recht wohl, und wenn es möglich ist, so besuchen Sie uns diesen Winter.
Weimar d. 21. Sept. 1807.
Goethe
Fußnoten:
[233] Mad. _Wolf_ sprach einen Epilog von _Mahlmann_. Vgl. 295.
[234] Am 5. Juli wurde Mehuls „_Je toller je besser_“ gegeben und zum Schluß ein „_Lebewohl_“ gesungen. Dann ging die Gesellschaft nach _Lauchstädt_ und eröffnete am 4. August wieder ihre Vorstellungen in _Leipzig_, welche am 29. August beschlossen wurden.
[235] Eine Kritik in Goethes Sinne wurde in der Bibliothek der redenden und bildenden Künste ~III.~ und ~IV.~ ausgesprochen. Die „niederträchtige, detractive Opposition,“ welche früher von Berlin aus erfahren zu haben Goethe sich beschwert (Briefw. m. Zelter ~I.~ S. 281) machte sich in einer kleinen Schrift Luft: „Saat von Goethe gesäet dem Tage der Garben zu reifen. Ein Handbuch für Ästhetiker und junge Schauspieler.“ Weimar und Leipzig 1808. Man vergleiche damit, wie Goethe und Schiller über die frühere Leipziger Gesellschaft urtheilen, Briefw. mit Schiller ~V.~ S. 273 f., mit Körner ~IV.~ S. 232 f.
[236] Vgl. S. 44.
X.
Wenn ich Ew. Wohlgebornen auf Ihr früheres Schreiben nicht antwortete und das Stück nicht zur Aufführung brachte, so waren die Zweifel daran Schuld, die bey mir aufstiegen und welche sie gewissermaßen selbst angeregt hatten. Wenn das Stück seine Wirkung thun soll, so gehört nothwendig ein Mann in Jahren dazu, den man gewöhnlich den zärtlichen Alten nennt, den man aber eigentlich den würdigen Alten nennen sollte. Er muß Zutrauen und Neigung erregen und in seiner Art liebenswürdig seyn, in dem Grade daß, wie bey Ihrer Privataufführung der Fall war, wenn ihm die Actrice den Korb giebt, eine Zuschauerinn allenfalls geneigt wäre ihn zu entschädigen. Ich glaube nicht, daß einer unsrer Schauspieler sich anmaßt diese Wirkung völlig rein hervorzubringen, ob sie sich gleich auch in unserm Verhältniß bis auf einen gewissen Grad denken läßt. Ich habe daher das Stück das nunmehr gedruckt ist einigen Personen zu lesen gegeben, und werde es Herrn Becker zustellen um es mit nach Lauchstädt zu nehmen. Ew. Wohlgeboren kommen ja wohl selbst hinüber und geben einige Anregung, daß das Stückchen nach Ihren Wünschen und Überzeugung aufgeführt werde; wozu ich vor meiner Abreise nach Carlsbad, welche bald erfolgen wird, das Nöthige einleiten werde. Leben Sie wohl und fahren Sie fort meiner mit Neigung zu gedenken.
Weimar den 2. May 1808.
Goethe
XI.
Ew. Wohlgebornen
erhalten hierbey das mitgetheilte der Antigone mit Dank zurück. Es wäre in mehr als einem Sinn sehr Schade, wenn Sie diese Arbeit nicht fortsetzen wollten. Auch auf dem Theater glaube ich daß sie Glück machen werde. Ist das Stück vollendet, so bitte mir es zuzuschicken. Ob und wie man eine solche Production auf die Bühne bringen könne, darüber läßt sich zum Voraus nichts entschieden aussprechen, weil sich gar zu viel unvorhergesehene Hindernisse in den Weg stellen, und ich selbst vielleicht weniger als sonst das Ungewohnte einleiten mag. Doch ist es mein Wunsch und Vorsatz Ihre Antigone zu Anfang künftigen Jahrs auf die Bühne zu bringen, deshalb ich sie mir Anfang Decembers wo möglich erbitten müßte. Der ich recht wohl zu leben wünsche und mich zu geneigtem Andenken empfehle
Weimar den 30 October 1808.
Goethe
XII.
Ew. Wohlgebornen
danke vielmals für die überschickte Antigone.[237] Sie hat mir bey einem flüchtigen Durchlesen gar wohl gefallen und dem ersten Anblick nach sollte ich glauben sie müßte ausführbar seyn. Ich werde sie in ruhigen Stunden mit dem Original vergleichen, damit ich einsehe, wie Sie verfahren sind.
In dem Vertrauen das ich zu Ihnen hege kann ich indessen nicht verbergen, daß unser Theater in einer Crise steht, bey welcher ich noch nicht übersehen kann, ob ich die Direction, die ich für den Augenblick niedergelegt, wieder aufzunehmen werde im Fall seyn, deswegen ich mir das Nähere jenes Stück betreffend vorbehalten muß.
Nun aber eine Bitte. Ich bin Herrn ~Dr. Kappe~[238] soviel Dank schuldig, daß ich ihm wenigstens etwas Gefälliges erzeigen sollte. Mein Gedanke ist, ihm ein ~Velin Exemplar~ meiner Werke anzubieten. Wenn Sie erlaubten so würde ich es wohlgepackt an Sie addressiren; es ist nur broschirt, ich wünschte aber daß es in Leipzig durch Ew. W. Vorsorge geschmackvoll gebunden würde. Was würde man für 12 Bände zu bezahlen haben? Ich würde das Geld gleich beyliegen. Mit Bitte um baldige Antwort empfehle ich mich bestens
Weimar den 8 December 1808.
Goethe
Fußnoten:
[237] Rochlitz: Antigone, Tragödie nach Sophokles in drei Abtheilungen; in der Auswahl Th. ~II.~
[238] ~Dr.~ Kapp, Goethes Tischgenoß auf der Universität (s. S. 23), früher Arzt in Leipzig, später in Dresden, welcher ihn in Karlsbad behandelte. Briefw. m. Zelter ~I.~ S. 266. Vgl. ~XIII.~ ~XIV.~ ~XV.~ ~XXI.~ Werke ~XXVII.~ S. 240. 299.
XIII.
Ew. Wohlgebornen
bin so frey das Exemplar für Herrn ~Doctor Kappe~ zu übersenden. Ist es gebunden, so erbitte mir die Anzeige des Kostenbetrags. Sie hätten ja wohl die Gefälligkeit bey ~Dr. Kappe~ anzufragen, ob Sie es in Leipzig lassen oder ihm nach Dresden schicken sollen. Ich schreibe ihm alsdann auf alle Fälle selbst. Bis dahin kann ich wohl auch etwas näheres von dem Schicksal unsers Theaters und Ihrer Antigone schreiben. Eins scheint mir unerläßlich, daß Sie sich nun auch die gleiche Mühe mit ~Ödipus~, und ~Ödipus~ auf ~Colonus~ geben: denn eigentlich thut Antigone nur den vollkommnen Effect in Gefolge von jenen beyden Stücken. Sie könnten um sich ein Stück Arbeit zu ersparen, die Solgersche Arbeit zu Grunde legen und diese nur deutschen Ohren mehr annähern. Doch davon läßt sich weiter sprechen wenn wir erst dazu kommen, Antigone voraus aufzuführen.
Ich wünsche recht wohl zu leben und bitte meines Antheils und Danks gewiß zu seyn.
Weimar den 26 December 1808.
Goethe
XIV.
Ew. Wohlgebornen
erhalten abermals einen Brief von mir, mit Bitte um eine kleine Gefälligkeit.
Ein junger Mensch, Fr. Wessel bey der Dessauer-Bühne, die sich gegenwärtig in Leipzig befindet, hat sich hier gemeldet und will in jugendlichen seriosen Baßpartieen auch komischen Rollen etwas leisten, sowie auch im Schauspiel nicht ganz unnütz seyn. Dürfte ich Ew. W. ersuchen mir etwas über ihn zu sagen, besonders wie es mit seiner Stimme und seinem Gesang beschaffen ist; doch ohne Jemand deshalb etwas merken zu lassen.
Schon aus diesem Auftrag ersehen Sie, daß ich wieder bey unserm Theater einzugreifen bin veranlaßt worden. Ihre Antigone wird ausgeschrieben und wahrscheinlich noch im Januar gegeben. Verzeihung, wenn ich heute nicht mehr sage.
Weimar den 9 Januar 1809.
Goethe
XV.
Ew. Wohlgebornen
bin ich höchlich dankbar für die ausführliche Nachricht den Schauspieler und Sänger ~Wessel~ betreffend. Wie lehrreich müßte es seyn, mehrere Theaterglieder so recensirt zu sehen! Ja, wie sehr wäre es zu wünschen, daß man werdenden Schauspielern solche klare Spiegel vorhalten könnte; freylich vorausgesetzt, daß sie einen so deutlichen Anblick ihrer selbst ertrügen. Erinnern Sie sich eines ~Weidners~ bey der Dresdner Gesellschaft, der mir von einem Reisenden als Chorführer in der Braut von Messina sehr gelobt worden, so sagen Sie mir ja auch wohl ein Wort über ihn.
Für die Besorgung der Bände gleichfalls meinen aufrichtigen und lebhaften Dank. Hierbey einen Brief an Herrn Hofrath Kapp. Der Geldbetrag folgt mit der fahrenden Post. Heute nichts weiter als meine besten Wünsche.
Antigone ist auf den 30. angesetzt. Leider füllt sie nicht den ganzen Abend und ich muß eine kleine Operette hinter her geben. Bis jetzt weiß und vermuthet noch Niemand den Autor.
Weimar den 22 Januar 1809.
Goethe
XVI.
Ew. Wohlgebornen
erhalten hierbei die 9 Thaler Sächß. Sollte noch irgend eine Auslage sich nöthig gemacht haben, so bitte mir es zu melden.