Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Part 14

Chapter 143,825 wordsPublic domain

_Marie_ B., die Tochter eines der reichsten Reformirten, hat sich mit einem Herrn _St. Albain_ verlobt, einem jungen, schönen Mann, voll Geist und ernsthafter als man von einem Franzosen erwarten sollte. Cornelie ist die vertraute Freundin von Marie, und St. Albain aus diesem Grunde sehr freundlich gegen sie, ja in einer Weise aufmerksam, daß Marie, wenn sie des Herzens ihres Verlobten nicht ganz sicher wäre, wohl eifersüchtig werden könnte. ~„Hier au soir il me mena en carrosse chez moi. Il gardoit longtems le silence, puis tout d'un coup comme s'il éveilloit d'un songe il me demande avec empressement: Chère Miss, quand Vous reverrai-je? -- Eh, lui repondis-je en riant, que Vous importe de me voir. -- Ma aimable Miss, Vous ne savez pas ... Vous ne croyez pas ... que dirai-je? mais non, je ne dirai rien ... Miss, venez Vous demain au bal? -- Non je n'y vais pas, on me l'a défendu par rapport à ma santé; Miss Marie y ira et cela Vous suffit. Heureux St. Albain, Vous serez bientôt lié à cette admirable fille, que désirez Vous de plus? -- Moi? ... rien que ... votre amitié ... me la promettez Vous? -- Oui, Saint Albain, et voilà ma main pour gage, tant que Votre charmante épouse m'honorera de son amitié, Vous avez droit sur la mienne, je Vous estimerai toujours, nous vivrons ensemble, en amis, nous nous verrons souvent ... Souvent, Miss! est-ce bien vrai? conservez ses pensées! mais ... Eh bien mais, qu'y a-t-il encore? -- C'est là que la carrosse s'arrêta, il prit ma main. Vous ne viendrez donc pas au bal? -- Non, Vous dis-je, mais mardi prochain chez Miss Philippine. -- Adieu donc jusqu'à là, j'y verrais sûrement, n'oubliez pas Votre promesse. -- Non, non, Saint Albain, je ne l'oublierai pas. -- Que vouloit-il dire par tout cela, ma chère? Sotte que je suis, il s'est cru obligé de me faire quelques compliments et voilà tout. Je ne saurois Vous dire combien je l'estime et combien il mérite de l'être.“~

Auf diesem Ball erhitzt sich _St. Albain_, wird krank und stirbt in wenig Tagen. Cornelie ist außer sich vor Schmerz über den Tod dieses liebenswürdigen jungen Mannes, bei dem Gedanken an seine Braut, an seine Eltern; der Tag, an welchem sie versprochen hatte, ihn in Gesellschaft zu sehen, ist der Tag seines Begräbnisses. Allmälig wird sie ruhiger, aber diese ruhige Trauer ist ihr wohlthuend und wird ihr lange bleiben. Mit großer Überwindung geht sie ins Concert, die Musik macht keinen Eindruck auf sie, sie denkt nur an St. Albain und fürchtet, daß man mit ihr von ihm sprechen möge, sie malt sich den Jammer der trostlosen Braut aus. Zu ihrem Erstaunen tritt diese in ausgesuchter Trauerkleidung in den Saal, setzt sich in ihre Nähe, und sie hört die frivolsten Äußerungen von ihr, Trauer habe sie gar nicht empfunden, sei heiterer als je und verwünsche die düstere Kleidung, die sie tragen müsse. Sie ist außer sich und verbirgt mit Mühe ihre Entrüstung, da aller Augen auf sie gerichtet sind; im Innern preist sie St. Albain glücklich, daß er diese Frau nicht bekommen habe, die seiner so unwürdig ist, und deren Freundin zu sein sie aufhört, da sie dieselbe kennt. Später, als jener G. sie im Wagen nach Hause begleitet, kommt _St. Albain_ ihr ins Gedächtniß. Wenn er an ihrer Seite wäre! Doch sie hat sich das Wort gegeben, von ihm nicht mehr zu sprechen.

In allen diesen Zügen spricht sich die tiefe Sehnsucht eines fühlenden Herzens nach Liebe aus, das innere Bewußtsein, einer treuen und festen Neigung fähig und bedürftig zu sein, aber auch dieser eigenthümliche Widerspruch, daß sie an sich selbst zweifelt und dadurch verhindert, daß dieses Bedürfniß in der Wirklichkeit Befriedigung finde, während sie sich in phantastische Verhältnisse hineinträumt. Daher die fortwährende leidenschaftliche Anspannung und Unruhe ihres Gemüths, welche indeß ihre edle Gesinnung und ihren sittlichen Ernst nie verdeckt. Nirgends tritt in allen diesen Äußerungen auch nur die geringste sinnliche Regung hervor, ebensowenig ein Bewußtsein ihrer überlegenen Geisteskräfte; sie hat nur das schmerzliche Gefühl, daß sie den Eindruck nicht mache, welcher für ein weibliches Wesen der natürliche und darum allein befriedigende ist. Aus ihren eigenen Aufzeichnungen, die auch in dieser Hinsicht eine rührende, ja großartige Offenheit zeigen, wie aus Goethes Charakteristik ergiebt sich ein wesentlicher Grund dieser unglücklichen Stimmung: es war das Gefühl, daß sie durch ihr unschönes Äußere unfähig sei, Liebe einzuflößen.[196]

„Sie war,“ so beschreibt Goethe seine Schwester, „groß, wohl und zart gebaut und hatte etwas natürlich würdiges in ihrem Betragen, das in eine angenehme Weichheit verschmolz. Die Züge ihres Gesichts, weder bedeutend noch schön, sprachen von einem Wesen, das weder mit sich einig war noch werden konnte. Ihre Augen waren nicht die schönsten, die ich jemals sah, aber die tiefsten, hinter denen man am meisten erwartete, und wenn sie irgend eine Neigung, eine Liebe ausdrückten, einen Glanz hatten ohne gleichen; und doch war dieser Ausdruck eigentlich nicht zärtlich, wie der, der aus dem Herzen kommt und zugleich etwas sehnsüchtiges und verlangendes mit sich führt; dieser Ausdruck kam aus der Seele, er war voll und reich, er schien nur geben zu wollen, nicht des Empfangens zu bedürfen.“

„Was ihr Gesicht aber ganz eigentlich entstellte, so daß sie wirklich manchmal häßlich aussehen konnte, war die Mode jener Zeit, welche nicht allein die Stirn entblößte, sondern auch alles that, um sie scheinbar oder wirklich, zufällig oder vorsätzlich zu vergrößern. Da sie nun die weiblichste, rein gewölbteste Stirn hatte und dabei ein Paar starke schwarze Augenbraunen und vorliegende Augen; so entstand aus diesen Verhältnissen ein Contrast, der einen jeden Fremden für den ersten Augenblick wo nicht abstieß, doch wenigstens nicht anzog. Sie empfand es früh, und dies Gefühl ward immer peinlicher, je mehr sie in die Jahre trat, wo beide Geschlechter eine unschuldige Freude empfinden, sich wechselseitig angenehm zu werden.“

„Niemandem kann seine eigene Gestalt zuwider sein, der häßlichste wie der Schönste hat das Recht, sich seiner Gegenwart zu freuen; und da das Wohlwollen verschönt, und sich jedermann mit Wohlwollen im Spiegel besieht, so kann man behaupten, daß jeder sich auch mit Wohlgefallen erblicken müsse, selbst wenn er sich dagegen sträuben wollte. Meine Schwester hatte jedoch eine so entschiedene Anlage zum Verstand, daß sie hier unmöglich blind und albern sein konnte; sie wußte vielleicht deutlicher als billig, daß sie hinter ihren Gespielinnen an äußerer Schönheit sehr weit zurückstehe, ohne zu ihrem Troste zu fühlen, daß sie ihnen an inneren Vorzügen unendlich überlegen sei.“

Die Zeichnung,[197] welche Goethe von seiner Schwester mit Bleistift flüchtig auf dem breiten Rand eines Correcturbogens vom Götz,[198] also im Jahre 1773,[199] entworfen hat, macht uns diese Beschreibung anschaulich. Die Ähnlichkeit der beiden Geschwister, welche so groß war, daß man sie in früheren Jahren für Zwillinge halten konnte,[200] ist unverkennbar, besonders wenn man das im Jahr 1779 von _May_ gemalte Bild Goethes[201] vergleicht. Allein die stark ausgesprochenen Formen geben dem weiblichen Gesicht etwas Schroffes und Herbes, und auch dem Ausdruck desselben fehlt Freiheit und Sicherheit. Daß jener unvortheilhafte Kopfputz mit Recht Goethe so sehr mißfiel, davon kann man sich nun auch überzeugen.

Wie richtig Goethe seine Schwester beurtheilte, geht aus ihren Briefen hervor. Wie nahe sie sich auch standen, so daß sie sich gegenseitig ihre kleinen Herzensangelegenheiten, ihre Liebes- und andere Händel mittheilten,[202] so ist es nur natürlich, daß das Mädchen gegen ihre Freundin manches offner aussprach als gegen ihren Bruder. Sie scheut sich nicht das, was sie selbst mitunter als thörichte Eitelkeit tadelt, merken zu lassen, den Kummer über ihr unvortheilhaftes Äußere und den Wunsch zu gefallen (s. S. 239 f. 261 f. 266). Eines Morgens überrascht ein neu angekommener Resident,[203] der ihrem Vater seinen Besuch macht, sie bei der Toilette in ihrem Zimmer, das auch als Besuchzimmer dient; in der äußersten Verlegenheit entfernt sie sich auf eine sehr ungeschickte Weise. ~„Je repris mes forces en venant dans le froid, et lorsque je me regardai dans une glace je me vis plus pâle que la mort. Il faut Vous dire en passant, que rien ne ma va mieux que quand je rougis ou pâlis par émotion. Tout autre que Vous me croiroit de la vanité en m'entendant parler ainsi; mais Vous me connoissez trop pour m'en croire susceptible et cela me suffit.“~ Wenige Tage darauf sieht sie ihn im Concert, sie findet ihn so liebenswürdig, daß sie ihn zum Modell wählen würde, wenn sie den Liebesgott malen sollte; dabei denkt sie an die traurige Figur, welche sie vor ihm gespielt. Sie hört, wie er mit dem Marquis von _Saint Sever_ sich lebhaft über ein schönes Mädchen unterhält, die großen Eindruck auf beide gemacht hat. Glückliches Mädchen! denkt sie. Es ist _Lisette v. Stockum_, deren Schönheit ihr schon früher die Äußerung entlockt: ~„Quel avantage que la beauté! elle est préférée aux graces de l'âme.“~ Nachher wendet sich der Resident auch an sie und unterhält sie artig: nun ist sie glücklich und zufrieden.

Ein andermal schreibt sie: ~„Je Vous pris de ne plus me faire rougir par Vos louanges que je ne mérite en aucune façon. Si ce n'étoit pas Vous, ma chère, j'aurois été un peu piquée de ce que Vous ditez de mon extérieur, car je pourrois alors le prendre pour de la satire; mais je sais que c'est la bonté de votre cœur qui exige de Vous de me regarder ainsi. Cependant mon miroir ne me trompe pas s'il me dit que j'enlaidis à vue d'œil. Ce ne sont pas là des manières, ma chère enfant, je parle du fond du cœur et je Vous dis aussi que j'en sois quelquefois pénétrée de douleur, et que je donnerois tout au monde pour être belle.“~

Sie giebt deshalb auch allen Glauben an ein Glück, das sie durch die Liebe finden könnte, auf. ~„Qu'en ditez Vous, ma chère, que j'ai renoncé pour jamais à l'amour. Ne riez pas, je parle sérieusement, cette passion m'a fait trop souffrir, pour que je ne lui dise pas adieu de tout mon cœur. Il y eut un tems, où remplie des idées romanesques je crus qu'un engagement ne pût être parfaitement heureux sans amour mutuel; mais je suis revenue de ces folies là.“~

Noch herber und mit einer grausamen Kälte gegen sich selbst spricht sie später ihre Hoffnungslosigkeit aus: ~„Quel don dangereux que la beauté! je suis charmée de ne pas l'avoir, du moins je ne fais point de malheureux. C'est une sorte de consolation et cependant si je la pèse avec le plaisir d'être belle, elle perd tout son mérite. Vous aurez déja entendue que je fais grand cas des charmes extérieures, mais peutêtre que Vous ne savez pas encore que je les tiens pour absolument nécessaires au bonheur de la vie et que je crois pour cela que je ne serai jamais heureuse. Je Vous expliquerai ce que je pense sur ce sujet. Il est évident que je ne resterai pas toujours fille, aussi seroit-ce très ridicule d'en former le projet. Quoi-que j'ai depuis longtems abandonnée les pensées romanesques du mariage je n'ai jamais effacée une idée sublime de l'amour conjugal, cet amour, qui selon mon jugement peut seul rendre une union heureuse. Comment puis-je aspirer à une telle felicité ne possédant aucun charme qui pût inspirer de la tendresse. Epouserai-je un mari que je n'aime pas? Cette pensée me fait horreur et cependant ce sera le seul parti qui me reste, car où trouver un homme aimable qui pensât à moi? Ne croyez pas, ma chère, que ce soit grimace; Vous connoissez les replis de mon cœur, je ne Vous cache rien, et pourquoi le ferois-je?“~

Der Anblick dieser durch eine rücksichtslose Schärfe des Verstandes über ein leidenschaftliches Herz schwer errungenen Resignation, welche die hohe Vorstellung von dem wahren Glück der Liebe in ihrer Reinheit festhält, aber aus Mißtrauen gegen sich selbst es aufgiebt, dasselbe zu erreichen, ist um so erschütternder, wenn man sich vergegenwärtigt, wie diese traurige Ahnung später an ihr in Erfüllung gegangen ist. Es wird hiedurch noch klarer, daß der Grund, weshalb sie in der Ehe mit _Schlosser_, dem man gewiß keine Ursache hat eine Schuld anzuweisen, keine Befriedigung fand, tief in ihrer Natur lag, und gewiß hat sie durch das fortgesetzte strenge Reflectiren über sich selbst die Fähigkeit sich unbefangen hinzugeben mehr und mehr erstickt. Übrigens tritt auch die Kränklichkeit, welche später auch ihren gemüthlichen Zustand so schwer und trübe machte,[204] schon jetzt hervor. Sie klagt wiederholt über ihre Gesundheit, sie werde hypochonder, bald heftig und leidenschaftlich, bald stumpf und gleichgültig. Die trübe Stimmung, welche der allgemeine Grundton dieser Aufzeichnungen ist, spricht sich in dem aus, was sie an ihrem Geburtstag niederschreibt.

~Mercredi ce 7 Decemb. (1768)~

~C'est aujourd'hui le jour de ma naissance où j'ai dix-*huit ans accomplis.[205] Ce tems est écoulé comme un songe, et l'avenir passera de même, avec cette différence qu'ils me restent plus de maux à éprouver que je n'en ai senti. Je les entrevois.~

Daß Cornelie ihrer Eltern nie erwähnt, ist begreiflich, da sie, wie Goethe erzählt, gegen den Vater, der sie mit seiner pedantischen Lehrhaftigkeit plagte und ihr so manche unschuldige Freude verhinderte und vergällte, die ganze Härte ihres Charakters wandte, zum großen Kummer ihrer Mutter, der sie aber, wie es scheint, auch nicht nahe stand.[206] Von dem Bruder ist dagegen, obgleich diese Aufzeichnungen größtentheils ihre eigensten Angelegenheiten berühren, oft die Rede. Er war noch leidend von Leipzig zurückgekommen und sein Zustand machte den Seinigen Sorge.[207] An ihrem Geburtstage (1768) ward er von einer heftigen Kolik befallen, so daß er die furchtbarsten Schmerzen litt, vergebens suchte man ihm einige Linderung und Ruhe zu verschaffen; sie hatte es nicht länger aushalten können, ihn in einem Zustande zu sehen, der ihr das Herz zerriß, ohne daß sie ihm helfen konnte. Zwei Tage hielt dieser schreckliche Zustand an, dann wurde er etwas besser, doch konnte er noch keine Viertelstunde sich aufrecht erhalten; indessen hofft sie, wenn nur die Schmerzen erst aufhören, werden die Kräfte sich schon wieder einstellen.[208] Sein Zustand erregt allgemeine Theilnahme, wo sie sich in Gesellschaft zeigt, drängt alles sich um sie, Freunde und Freundinnen, um von seinem Befinden Nachricht zu erhalten. Anfang Januar 1768, da er ganz wieder hergestellt ist, giebt der Rath _Moritz_,[209] um das frohe Ereigniß zu feiern, ihm eine Gesellschaft. Allein nicht lange nachher tritt ein neuer Anfall der Krankheit ein.[210]

Wie die Geschwister alles mit einander theilten, so auch das Interesse für ihre Freunde. Cornelie theilt ihrem Bruder Briefe von Katharine Fabricius mit, welche ihm so lebhaftes Interesse einflößen, das er, ohne sie gesehen zu haben, mit ihr in einen Briefwechsel tritt und auch für Cornelie die Correspondenz übernimmt; sie überläßt ihm um so lieber die officiellen Briefe zu schreiben, da sie mit dem Tagebuch beschäftigt ist, von welchem auch er nichts weiß. Übrigens meint sie, die Freundin werde gewiß an den Briefen ihres Bruders Freude haben, und bittet sie ihm zu antworten, dem das zumal in seiner Krankheit eine angenehme Zerstreuung sei;[211] und an ihren Briefen finde er solche Gefallen, daß er ihrer jüngeren Schwester, welche ihm einen Brief von ihr gezeigt, so lange mit Bitten zugesetzt habe, bis sie ihm denselben überlassen habe. Je näher sie ihn kennen lerne und sein Betragen beobachte, desto mehr werde sie sich von seiner Aufrichtigkeit überzeugen und daß er nicht anders spreche als er denke: wie er das auch von sich selbst sagt.[212] Wiederum vertraut sie ihr auch an, daß ihr Bruder sich mit seinem Freunde _Müller_ nicht mehr so gut stehe wie früher; ihre Grundsätze seien zu verschieden, denn die Philosophie ihres Bruders gründe sich auf Erfahrung, die seinige nur auf Lectüre. Auch habe er sich bei der Krankheit des Bruders recht kalt benommen, und sie sehe nun wohl ein, daß seine Principien für das praktische Leben und die Welt nicht passen. Man sieht daraus, daß Goethe die Erfahrung, mit welcher ihm Behrisch so viel Noth machte und um die er sich so große Mühe gab,[213] auch gegen Cornelie geltend machte, wie er sich denn auch sonst darauf nicht ohne Stolz beruft.[214] Ein eigenthümlicher Beweis von Goethes Einfluß auf seine Schwester ist ihre Handschrift. Anfangs ist sie deutlich und fest, aber sehr steif, allmälig wird sie schlanker, freier und nähert sich der seinigen immer mehr, mit der sie zuletzt die größte Ähnlichkeit hat. Von seinen Arbeiten spricht sie leider weniger als man wünschte; er zeichnet ihr allerliebste Köpfe, von welchen sie der Freundin einige zu schicken verspricht, er liest ihr alles vor, was er schreibt, und sie hört ihm mit außerordentlichem Vergnügen zu;[215] da sie schreibt (16. Nov. 1768), ist er gerade mit einer neuen Komödie beschäftigt. Ob die _Mitschuldigen_ gemeint sind, an welchen er in Frankfurt fortwährend besserte,[216] oder die oben (S. 153) erwähnte Farce, oder sonst etwas anderes -- wer kann das wissen?

Fußnoten:

[176] Werke ~XXI.~ S. 13.

[177] Ihr voller Name war _Cornelie Friederike Christiane_.

[178] Vgl. S. 149.

[179] _Joh. Balth. Kölbele_, ~Dr. jur.~ und Rechtspraktikant, auch Schriftsteller und Judenbekehrer, starb 1778.

[180] Werke ~XX.~ S. 181.

[181] Werke ~XX.~ S. 139. 143. 150.

[182] Er hieß eigentlich _Schubart_ und kam 1760 nach Paris. Bei Gerber ist sein Todesjahr falsch 1768 angegeben.

[183] Eckermann Gespr. ~II.~ S. 331.

[184] Werke ~XXII.~ S. 68.

[185] Werke ~XXI.~ S. 17.

[186] Es sind dieselben Mädchen aus der Familie _Gerold_, welche in Goethes Briefwechsel mit _Hel. Elis. Jacobi_ (S. 9. 11. 14) erwähnt werden, und von denen einige Cornelie in Emmendingen Gesellschaft zu leisten pflegten, Werke ~XXII.~ S. 346 (wo der Name _Gerock_ ein Versehen zu sein scheint.)

[187] Vgl. S. 141 f. 151.

[188] Vgl. S. 98. 139. 208.

[189] Landgraf _Ludwig_ ~VIII.~ von Hessen-Darmstadt starb den 17. Octob. 1768 (Cornelie schreibt den 19. Oct.). Der zweite Sohn desselben war Prinz _Georg Wilhelm_, geb. 1722, gest. 1782.

[190] Diese Benennung ~Miss~ kommt sehr häufig vor; ob sie damals durch die englischen Romane Mode geworden war, oder nur eine Liebhaberei von Cornelie, weiß ich nicht zu sagen.

[191] Werke ~XXI.~ S. 151.

[192] Werke ~XXI.~ S. 18 ff.

[193] Goethe sagt von ihm: „Er war groß und wohlgebaut, wie sie, nur noch schlanker; sein Gesicht, klein und eng beisammen, hätte wirklich hübsch sein können, wäre es durch die Blattern nicht allzusehr entstellt gewesen; sein Betragen war ruhig, bestimmt, man durfte es wohl manchmal trocken und kalt nennen; aber sein Herz war voll Güte und Liebe, seine Seele voll Edelmuth und seine Neigungen so dauernd als entschieden und gelassen.“

[194] _Johann Georg v. Olderogge_ studirte in Leipzig seit 1764, sein jüngerer Bruder _Heinrich Wilhelm_ kam ein Jahr später dahin; sie waren aus Lievland. Goethe erzählt (Werke ~XXI.~ S. 65), daß mehrere Lievländer zu seiner Tischgesellschaft gehörten.

[195] Vgl. S. 139 f.

[196] Werke ~XXI.~ S. 15 ff. vgl. Eckermann Gespr. ~II.~ S. 331 f.

[197] Sie befand sich im Nachlaß von _Friederike Oeser_.

[198] „Es war mir fast unmöglich, bei meinen Zeichnungen ein gutes, weißes, völlig reines Papier zu gebrauchen; graue, veraltete, ja schon von einer Seite beschriebene Blätter reizten mich am meisten, eben als wenn meine Unfähigkeit sich vor dem Prufstein eines weißen Grundes gefürchtet hätte.“ Werke ~XXI.~ S. 11.

[199] In diesem Jahr erschien _Götz von Berlichingen_; und am 14. Novemb. 1773 reisten die kurz vorher vermählten _Schlossers_ von Frankfurt ab, Goethes Briefw. m. Jacobi, S. 12.

[200] Werke ~XXI.~ S. 14.

[201] Briefe an Merck ~I.~ S. 169.

[202] Briefe ~XXII.~ S. 127.

[203] _Friedr. Sam. v. Schmidt_, Herr zu _Rossan_ und _Hullhausen_, wurde den 14. Nov. 1768 zum Residenten für Baden-Durlach ernannt (Fichard, Frankfurt. Archiv ~II.~ S. 362); der Besuch fand am 11. Dec. Statt.

[204] Vergl. die Briefe von Cornelie in den Briefen an die Gr. Stolberg. S. 139 ff. an Frau v. Stein ~I.~ S. 41. 66.

[205] Nicolovius giebt den 8. Decbr. als ihren Geburtstag an (J.G. Schlosser S. 36). Sie war ein Jahr jünger als Goethe, Werke ~XX.~ S. 77.

[206] Werke ~XXI.~ S. 150.

[207] Vgl. S. 69. 120. 146.

[208] „Eine gestörte und man dürfte wohl sagen für gewisse Momente vernichtete Verdauung brachte solche Symptome hervor, daß ich unter großen Beängstigungen das Leben zu verlieren glaubte und keine angewandten Mittel weiter etwas fruchten wollten.“ Werke ~XXI.~ S. 156 f. Vgl. oben S. 76 f.

[209] Werke ~XX.~ S. 135 f. ~XXII.~ S. 229 f. Reliquien der Frl. v. Klettenberg S. 244 f.

[210] Vgl. S. 80. 153.

[211] Vgl. S. 159.

[212] Vgl. S. 164.

[213] Werke ~XXI.~ S. 111 ff.

[214] Vgl. S. 163.

[215] Werke ~XXII.~ S. 128. 149.

[216] Werke ~XXI.~ S. 165 f.

Goethes Briefe an Friedrich Rochlitz.

I.[217]

Sie sind überzeugt daß ich herzlichen Antheil an dem sonderbaren Glückswechsel nehme, der Sie so unvermuthet betroffen hat. Da dieser Faden gerissen ist so säumen Sie ja nicht andere wieder anzuknüpfen und wäre es auch nur zuerst sich zu zerstreuen. Mögen Sie mir manchmal schreiben, so soll es mir angenehm seyn. Ich bin zwar nicht der beste und treuste Correspondent, indessen ließe sich ja wohl manchmal etwas über dramatische Kunst verhandeln, in der Sie schon die artigen Proben gegeben haben.

In eben dem Sinn wiederhole ich meinen Wunsch daß Sie um den ausgesetzten Preis mit concurriren möchten.[218] Denn indem Sie das thun, regt sich denn doch eine kleine Welt in Ihrer Einbildungskraft und zieht Sie ab, von andern Gedanken, die sich Ihnen in der Zeit vielleicht aufdringen würden.

Das kleine neue Stück[219] gedenke ich, ohne Nahmen, aufführen zu lassen, nicht weil ich es für geringer halte als das vorige,[220] sondern um desto reiner zu sehen welchen Effect es thut.

Ich werde einige kleine Veränderungen daran machen und Ihnen kürzlich alsdann die Ursachen anzeigen.

Für das überschickte Geld folgt hierbey die Quittung. Unsere Canzleyleute werden sich für den reichlichen Überschuß einen guten Feyertag machen.

Manches was ich über Ihren Fall schreiben könnte weiß sich ein gebildeter Mann selbst zu sagen, einiges, das ich aus meiner langen Erfahrung wohl darüber sagen möchte, darf ich nicht schreiben. Vielleicht treffen wir bald irgend wo zusammen und mein Vertrauen soll dem Ihrigen von Herzen begegnen.

Gehen Sie, mit völlig wieder erlangter Gesundheit, ins neue Jahrhundert hinüber und nehmen Sie, wie bisher, mit Geist und Talent an demjenigen Theil was etwa den Menschen zunächst bescheert seyn mag und erhalten mir eine freundschaftliches Andenken.

Jena am 25 Dec. 1800.

Goethe

Fußnoten:

[217] Goethes Briefe an Rochlitz sind durch Vermächtniß in den Besitz des Hrn. _Keil_ übergegangen, welcher deren Veröffentlichung gestattet hat. Es sind nur wenige von Goethe selbst geschrieben, diese sind mit einem Sternchen bezeichnet; nicht selten aber hat Goethe zum Schluß einige Worte mit eigener Hand hinzugefügt, diese sind mit gesperrter Schrift gedruckt.

[218] Vgl. Schillers Brief ~VI.~ S. 54 f. an Körner ~IV.~ S. 237 f. Goethe an Schlegel S. 45.

[219] Jedem das Seine. Lustspiel in einem Aufzuge.

[220] Es ist die rechte nicht. Lustspiel in 2 Akten.

II.

Die Aufführung des kleinen Stücks ward von Zeit zu Zeit, wie es bey Theatern zu gehen pflegt, aufgeschoben; desto angenehmer ist mirs daß ich gegenwärtig von einer sehr guten Aufnahme desselben sprechen kann, ohngeachtet ich mit der Darstellung nicht ganz zufrieden war. Daß ich den Verfasser verschwieg erregte von einer Seite Neugierde und ließ von der andern den Eindruck desto unbefangner. Das nächstemal soll es noch besser werden, indessen hat doch schon eine Liebhabergesellschaft, die sich hier befindet, sich das Stück ausgebeten, welches denn auch ein gutes Zeichen ist.