Goethes Briefe an Leipziger Freunde

Part 12

Chapter 123,663 wordsPublic domain

empfangen den lebhafftesten Danck für die Fortsetzung der glänzenden Ausgabe eines glänzenden Werckes.[174] Wenn ich etwas dabey vermisse; so ist es das Portrait Dr Oberreits[175], welches die Stirne des dritten Bandes hätte zieren sollen. Ich höre wir haben balde Hoffnung Sie hier zu sehen.

Weimar d. 3 May 1785.

Goethe

Fußnoten:

[174] Von _Zimmermann_.

[175] _Oberreit_, damals in Jena, Gegner Zimmermanns.

XXIII.

Ew Wohlgeb.

ersuche um die Gefälligkeit die beste Ausgabe meiner Schrifften, in vier Bände, in schönen englischen Band, mit grünem Schnitt binden zu lassen und mir solche wohlgepackt zu übersenden.

Es that mir sehr leid Sie bey Ihrem letzten hiesigen Aufenthalte nicht sehen und diejenige Hochachtung mündlich versichern zu können mit der ich mich unterzeichne

Ew Wohlgeb. ergebenster Dr Goethe

W. d. 22 Aug 1785

Aus Briefen von Cornelie Goethe.

Während der Vorbereitungen zur Goethefeier kam in Leipzig eine Anzahl Briefe von _Cornelie Goethe_ an eine ihrer Jugendfreundinnen zum Vorschein, welche in dem Nachlasse der letzteren unbeachtet da gelegen hatten. Goethes Äußerung über seine Schwester: „Nur durch das genaueste Detail, durch unendliche Einzelnheiten, die lebendig alle den Charakter des Ganzen tragen und, indem sie aus einer wundersamen Tiefe hervorspringen, eine Ahnung von dieser Tiefe geben; nur auf solche Weise hätte es einigermaßen gelingen können, eine Vorstellung dieser merkwürdigen Persönlichkeit mitzutheilen: denn die Quelle kann nur gedacht werden, insofern sie fließt“[176] -- mußte zu Mittheilungen und Auszügen aus diesen Briefen auffordern; sie hier zu geben lag um so näher, als sie sich auf die Zeit beziehen, aus welcher Goethes hier mitgetheilte Briefe größtentheils herrühren. Sind es gleich nur kleine Züge, die wir hier gewinnen, so machen sie uns doch das Bild seiner so innig geliebten Schwester und der Verhältnisse, unter welchen sie lebten, klarer und bestimmter.

Die Freundin, an welche diese Briefe gerichtet sind, hieß _Katharine Fabricius_, war eine Tochter des fürstl. Leiningschen Raths und Syndicus _Fabricius_ in Worms, und wurde später an einen Kaufmann _Welcker_ in Leipzig verheirathet. Sie war im Sommer 1767 in Frankfurt bei einer Cousine zum Besuch gewesen und mit Cornelie bekannt geworden, die sich sehr verlassen fühlte; ihr Bruder war in Leipzig, von den Freundinnen, die uns diese Briefe kennen lehren, stand keine ihrem Herzen nahe: so schloß sie sich an diese neue Freundin an und eröffnete nach ihrem Fortgehen einen lebhaften Briefwechsel mit ihr. Gleich in dem ersten Brief spricht sie ihre Betrübniß aus, daß sie sie fortreisen lassen mußte ohne ihr Herz ganz vor ihr öffnen zu können, ohne ihr von einer traurigen Zeit Kunde zu geben, in welcher sie von Unruhe und Kummer gequält, von thörichten Wünschen gepeinigt war, auf welche sie endlich verzichtet und dadurch Ruhe ihrer Seele gewonnen hat: nun soll der Briefwechsel dies ersetzen.

Die Briefe sind in französischer Sprache geschrieben. Was die Veranlassung dazu gegeben hat, ist nirgend angedeutet. Man möchte vermuthen, daß der Vater, welcher Cornelie mit seinem Unterricht quälte, es so verlangt habe, allein auch der Theil dieses Briefwechsels, von dem er nichts wußte, den sie insgeheim für sich schrieb, ist französisch abgefaßt. Wir können das nur bedauern; denn abgesehen davon, daß das Französisch incorrect und ungelenk ist, so hat jedenfalls die fremde Sprache der Unmittelbarkeit und Eigenthümlichkeit des Ausdrucks gar sehr geschadet; man wird häufig an die Schule erinnert und glaubt mitunter einen aufgegebenen Aufsatz zu lesen. Das tritt selbst in dem Tagebuch hervor, in welchem sie mit großer Offenheit nicht nur ihre kleinen Erlebnisse, sondern alle ihre Gefühle schildert. Nachdem sie nämlich vom 1. October 1767 bis zum 28. Juli 1768 an ihre ~aimable~, ~agréable~, auch ~solide amie~, wie die Anreden lauten, sechs Briefe geschrieben hatte, beginnt sie am 16. October 1768 Morgens 8 Uhr ein Tagebuch, das an die Freundin gerichtet ist, und ihr die innersten Regungen ihres Herzens, ihre Fehler und Schwächen aufrichtig offenbaren soll. Sie schreibt dasselbe in freien Augenblicken im Geheimen auf ihrem Zimmer, und beklagt sich deshalb, daß nach der Krankheit ihres Bruders dasselbe als Speisezimmer benutzt werde, weil sie jetzt die Zeit nach Tische nicht für sich benutzen könne. Niemand weiß darum, selbst ihr Bruder nicht, der übrigens an dem ostensiblen Briefwechsel mit der Freundin, welcher dabei fort geht, Theil nimmt, ihre Briefe liest und für Cornelie die Antwort übernimmt. Ein Brief dieser Art, welchen sie während der Krankheit ihres Bruders (3. Febr. 1769) geschrieben hat, sticht allerdings gegen das zu gleicher Zeit niedergeschriebene Tagebuch weniger durch die Form als durch den sehr äußerlichen Inhalt merklich ab. Natürlich wird auch der Freundin wiederholt ans Herz gelegt, daß sie diese Briefe niemand zeigen möge, erst später wird eine gemeinsame Freundin in Worms, Mlle. _Meixner_, welche Cornelie ebenfalls bei einem Besuch in Frankfurt hat kennen lernen, mit in das Geheimniß gezogen. Von Zeit zu Zeit wird das Tagebuch mit der Post abgeschickt, doch soll das Geheimniß auch dadurch gewahrt werden, daß, während die Briefe mit C. F. C. ~Goethe~[177] unterzeichnet sind, die einzelnen Sendungen des Tagebuchs entweder gar nicht oder mit einem verschlungenen ~GC~ unterschrieben sind: freilich ein recht mädchenhaftes Incognito. Im Anfange ist dasselbe mit großem Eifer geführt, selten ist ein Tag ohne Aufzeichnung geblieben, mitunter schreibt sie an einem Tage mehr als einmal. Im Jahre 1769 fängt der Eifer an allmälig nachzulassen, im Juni, Juli und August sind nur wenige Blätter an einigen Tagen beschrieben, und auch der Inhalt ist dürftig und unbedeutend; daß gar wenig vorfiel, worüber sie sich beklagt, war wohl nicht der einzige Grund, das Verhältniß selbst scheint allmälig lockerer geworden zu sein.

In dem ersten bedeutenderen Theil des Tagebuchs ist die Darstellung sehr ausführlich und lebhaft. Die kleinen Begebenheiten Corneliens und ihrer Freundinnen werden sehr im Detail berichtet, und namentlich zeigt sich eine Vorliebe, die Personen redend einzuführen und ganze Gespräche mitzutheilen. Dazwischen treten lebhafte Äußerungen des Gefühls und der Leidenschaft, Betrachtungen über sich selbst, moralische Reflexionen. Ohne Zweifel würde alles sich unweit besser ausnehmen, freier und unbefangener erscheinen, wenn es deutsch geschrieben wäre, indeß ist jedenfalls eine gewisse schriftstellerische Absichtlichkeit in der Form dieser Aufzeichnungen nicht zu verkennen. Die Eigenthümlichkeit Goethes, seinen Erlebnissen und Gefühlen einen künstlerischen Ausdruck zu geben, hatte darauf gewiß einigen Einfluß, und da er ihr alles mittheilte, was er aus innerem Bedürfniß wie zum Studium niederschrieb, so mochte dadurch der Gedanke in ihr rege werden, sich in ähnlicher Weise zu versuchen, um wie er in dieser Thätigkeit Trost und Erleichterung zu finden. Daß der Erfolg bei ihr nicht derselbe war, darf uns nicht Wunder nehmen. Indessen hatte sie noch ein anderes Ideal, das sie zu diesem Unternehmen begeisterte -- den _Grandison_. ~„Il y a longtemps que j'ai voulu commencer cette correspondence secrète, par laquelle je vous apprendrai tout ce qui se passe ici; mais pour dire la vérité j'ai toujours eu honte de vous importuner avec des bagatelles qui ne valent pas la peine qu'on les lise. Enfin j'ai vaincu ce scrupule en lisant l'histoire de Sir Charles Grandison; je donnerois tout au monde pour pouvoir parvenir dans plusieurs années à imiter tant soit peu l'excellente Miss Byron. L'imiter? folle que je suis; le puis je? Je m'estimerois assez heureuse d'avoir la vingtième partie de l'esprit et de la beauté de cette admirable dame, car alors je serois une aimable fille; c'est ce souhait que me tient au cœur jour et nuit. Je serois à blamer si je désirois d'être une grande beauté; seulement un peu de finesse dans les traits, un teint uni, et puis cette grace douce, qui enchante au premier coup de vue; voilà tout. Cependant ça n'est pas et ne sera jamais, quoique je puisse faire et souhaiter; ainsi il vaudra mieux de cultiver l'esprit et tacher d'être supportable du moins de ce côté là. -- Quel excellent homme que ce Sir Charles Grandison; dommage qu'il n'y en a plus dans ce monde.“~[178] Goethe hatte also die Verehrerinnen des Grandison (S. 125. 141) nicht weit zu suchen. Indessen würde man irren, wenn man glauben wollte, das Tagebuch sei eine Art von Roman oder auch nur romanhaft aufgeputzt; es ist durch und durch wahr.

Der allgemeine Eindruck, welchen dasselbe macht, ist schmerzlich und rührend. Überall spricht sich ein sittlicher Ernst mitunter nicht ohne Größe aus, nicht minder aber auch eine trübe, unruhige Stimmung, der die innere Befriedigung des Gemüthes fehlt. Die Charakteristik, welche Goethe von seiner Schwester gibt, wird aufs vollständigste bestätigt, nur daß hier, wo sie sich gegen eine vertraute Freundin ausspricht, manche Züge mädchenhaften Wesens hervortreten, welche man weniger erwarten möchte, z. B. das Interesse für Kleidung und Putz, Vergnügungen und Stadtgeschichten, so wie eine gewisse Neigung zur Moquerie, welche sich mitunter zeigt.

Das Leben, welches sie führt, ist allerdings, wie sie oft klagt, einförmig und bietet ihr wenige und bescheidene Zerstreuungen. Unter diese werden hauptsächlich Spaziergänge gerechnet, aber sie können nur in gewählter Begleitung unternommen werden, wenn man sich nicht unbarmherzigem Gerede aussetzen will; und sie muß sich um so mehr in Acht nehmen, als sie von gewissen Leuten scharf beobachtet wird, die sie freilich nicht achtet, denen sie aber um so weniger eine Blöße geben will. Zu den Vergnügungen gehörte auch das Brunnentrinken. ~„Je ne vous ai pas encore appris~ (schreibt sie den 28. Juli 1768), ~que je bois les eaux à l'allée; nous avons là une compagnie tout à fait charmante des dames et des chapeaux, dont le plus aimable est Mr. le Docteur Kölbele, que Vous connoissez, par son oration du mariage qu'il tient une fois en Votre présence; où il nous compara, nous autres femmes, à des poulets. Maintenant il nous donne des leçons sur la philosophie morale. Cependant rien n'est plus plaisant que quand il veut exercer la galanterie qui dort depuis longtems auprès de lui. Nos dames qui sont les plus gaies du monde la lui aprennent de nouveau. Elles se font mener par lui, porter le parasol, verser leur verres, ah, ma chère, il execute tout ça avec des gestes si modernes, qu'on le disoit être arrivé immédiatement de Paris. Nous avons aussi de la musique composée de dix instruments, savoir de cors de chasse, hautbois, flûtes, un contreviolon et une harpe. Vous pouvez Vous imaginer quel bel effet ça fait dans la verdure. Nous chantons aussi souvent pour plaire à notre charmant Docteur, car quoiqu'il soit très sérieux, il aime nonobstant de voir la jeunesse enjouée. Ce chanson s'accorderoit bien sur lui:~ Es war einmal ein Hagenstoltz, ~il s'est même bien plû à l'entendre.“~ Das ist offenbar derselbe _Kölbele_, dessen große Füße Goethe zu seinem Bilde Gottscheds verwendet (S. 60).[179] Mitunter werden Gärten besucht bei einem Hrn. _Glötzel_ und ihrem Oheim jenseits des Mains; auch besteigt sie einmal mit einer Gesellschaft den Pfarrthurm, wo sie sehr befriedigt von der Aussicht, dem Fernrohr, den großen Glocken zu erzählen hat. Von Landparthieen war der Vater kein Freund;[180] so nimmt sie auch an einer Parthie keinen Antheil, welche ihre Freundinnen nach dem _Forsthaus_ machen, einem noch bestehenden ländlichen Belustigungsort im Stadtwalde unterhalb der Stadt auf dem linken Mainufer, den wahrscheinlich Goethe im Faust unter dem _Jägerhaus_ gemeint hat.

Im Hause war das Clavierspiel, in dem sie, wie uns Goethe[181] erzählt, es weiter gebracht hatte als er, eine angenehme Zerstreuung. ~„Je jouerai un air sur le clavecin~ (schreibt sie einmal in großer Aufregung), ~que ces vapeurs passent.“~ Mit großer Theilnahme spricht sie von dem unglücklichen Tode des Clavierspielers _Schobert_[182] in der Capelle des Prinzen _Conti_ in Paris, der an giftigen Pilzen gestorben war (1. Oct. 1767). ~„Il a composé XV ouvrages gravées en taille douce, qui sont excellentes et que je ne saurois me lasser de jouer. Toute autre musique ne me plait presque plus. En jouant des sentiments douloureux percent mon âme, je le plains ce grand auteur, qui à la fleur de son age avec un tel génie a fallu périr d'une façon si misérable et inopinée.“~ Von ihrer Lectüre ist wenig bemerkbar, außer dem Grandison werden die ~„lettres du Marquis de Roselle“~ von ~Elie de Beaumont~ (Paris 1764) erwähnt. ~„Je vous ai envoyée~ (schreibt sie 14. März 1768) ~les lettres du Marquis de Roselle, lisez les avec attention, on y peut profiter beaucoup, le vice y est montré sous l'apparence de vertu dans toute sa forme. Le Marquis qui n'a pas l'expérience du monde, donne dans les filets de cette fausse vertu, et s'y enveloppe de façon, qu'il coute beaucoup à l'en tirer. Que tous les jeunes gens y prennent un exemple, qui comme lui ont le cœur droit et sincère et ne se doutent nullement de la tromperie que cette sorte de femmes exercent avec eux. C'est là une grande cause que notre jeunesse est si corrompue puisqu'un vice engendre l'autre. Relisez plusieurs fois la lettre où Mme. de Ferval parle de l'éducation de ses enfants. Si seulement toutes les mères en usoient de même, certe qu'on ne verroit pas tant de filles insupportables comme Vous en connoissez et moi aussi.“~

Der gesellige Verkehr besteht hauptsächlich in Nachmittagsbesuchen, zu welchen man sich gegenseitig anmeldete, und welche um 8 Uhr Abends regelmäßig endeten (um 10 Uhr war Schlafenszeit); dazu kamen im Winter große Gesellschaften, welche alle Dienstag, abwechselnd, wie es scheint, in verschiedenen Familien gehalten wurden, und der Besuch des Concerts, welches alle Freitag im Saale des Hrn. _Busch_ Statt fand, wo sich auch die vornehme Welt versammelte. Mitunter klagt sie freilich über Langeweile, welche sie in diesen Gesellschaften empfand, übrigens ist sie gegen diese Vergnügungen keineswegs gleichgültig -- ~„je vis à présent,~ schreibt sie einmal, ~d'une façon très tranquille, mais cette tranquillité n'a point des charmes pour moi; j'aime la variété, l'inquiétude, le bruit du grand monde, et les divertissements tumultueux“~ --; der Winter ist ihr durch dieselben vergangen, sie weiß selbst nicht wie; als _Simonette Bethmann_ mit Hrn. _Metzler_ verlobt ist, hofft sie, das werde wohl einen Ball geben, obgleich sie meistens durch ihre Gesundheit verhindert wurde, Bälle zu besuchen.[183] Aus dem Kreise der „verständigen und liebenswürdigen Frauenzimmer,“ welchen sie um sich versammelt hatte, und ohne herrisch zu sein beherrschte[184], lernen wir hier manche näher kennen. Allein wenn sie auch bei allen ihren Freundinnen ohne Ausnahme Achtung und Liebe genoß[185], so sehen wir hier, daß sie zu keiner derselben in einem nahen und innigen Verhältniß stand. Sie beklagt sich gegen Kath. Fabricius, daß sie in Frankfurt keine wahre Freundin habe, und die Weise, mit der sie von ihren Bekannten spricht, bestätigt es. Ihre hübschen und munteren Cousinen _Antoinette_, _Charlotte_ und _Katharine_[186] sind ihr recht angenehm, _Leonore_ de Sauffure unterhält sie durch ihre witzigen Bemerkungen in einer langweiligen Gesellschaft (~„la méchante Leonore fit quelques remarques, aux quelles je ne sûs resister; ces dames s'imaginerent je crois, que nous tenions un peu de la lune: n'importe ce sont des fades créatures“~), _Caroline_ und _Lisette v. Stockum_ werden als große Schönheiten gepriesen; von einem näheren Verhältniß keine Spur. Von einer Mlle. B. erzählt sie, daß sie untröstlich sei über den Weggang ihres Geliebten T., der durch unglückliche Schicksale gezwungen war, in Braunschweig Schauspieler zu werden, sie meint aber, das werde nicht länger dauern, als bei einer jungen Wittwe, die am ersten Tage mit ihrem Manne sterben wolle, am zweiten sich tröste, am dritten sich nach einem neuen umsehe; sie berichtet denn auch nachher, daß sich ein Liebhaber schon wieder gefunden habe; indessen findet sie dieselbe später wieder untröstlich, daß sie einen von T. ihr geschenkten Ring verloren habe. Mlle. S. macht sich durch Putz- und Gefallsucht unausstehlich; unerklärlich ist bei ihrem sonstigen Charakter ihre treue und unerschütterliche Liebe für einen unwürdigen W., von dem sie nicht lassen kann, obwohl sie seine Fehler kennt und schmerzlich beweint, so daß man sie in dieser Hinsicht doch achten müsse. Denn treues Festhalten an dem einmal erkannten und liebgewonnenen erkennt sie an anderen vor allen an und bekennt, daß sie dies für eine ihrer guten Eigenschaften halte.

Die ungünstigste Schilderung wird von einer Cousine der _Kath. Fabricius_ gemacht; sie ist einfältig und langweilig, benimmt sich steif und albern und brüstet sich mit der Lectüre vieler Bücher, von denen sie nichts versteht ~„Ha ha, riez; elle eut dernièrement sa grande compagnie, j'y fus; qu'elle scène misérable; ah, ma chère, Vous connoissez celles qui la composent; nous parlâmes d'économie, de la lecture, des arts, des langues. Qu'en dites Vous? Pour moi, j'eus si mal d'une conversation, dont je ne pouvois détourner la fadeur, qu'il me falloit bien de temps à me remettre. Je pouvois là à loisir examiner le caractère de chacune et j'entrevis clairement, que c'est l'éducation, qui les rend si sottes. Elles font les dévotes forcées, ne regardent point d'homme, parce qu'on leur défend absolument de converser avec tout autre, que celui qui sera leur mari; d'éviter toute connoissance particulière avec qui ce soit; et que si elles parlent très peu, se tiennent bien droites et font les précieuses, qu'alors elles sont accomplies. N'est ce pas là une éducation bien pitoyable et peu digne d'être imitée? puisque au lieu des filles spirituelles on ne trouve que des statues, qui ne prononcent autre chose que oui et non.“~ Auch sie hat einen Liebhaber, Namens _Steinheil_, der später fortreist; sie tröstet sich bald darüber. Es scheint als ob sie _Baumann_ hieß, und dann war sie dieselbe, welche mit einem Kopfputz ~„en forme de pyramide ou pour mieux dire à la rhinoceros“~ bei Cornelie zum Besuche war, als ihr Bruder hereintrat. ~„Elle prit une de ses mines, que Vous connoissez, la tête levée et les yeux baissées et ne parla pas le mot.“~ Darin erkennen wir die Art zu verkehren, welche Goethe nach seinem Aufenthalt in Leipzig so unangenehm entgegentrat,[187] und Cornelie spricht das unumwunden aus, was Goethe sich nicht getraut zu sagen (S. 140). Wenn nun auch die anderen jungen Mädchen zum großen Theil sehr verschieden waren, so machen es doch Corneliens Äußerungen sehr begreiflich, daß er in ihrem Umgang nicht Gefahr lief sein Herz zu verlieren.[188]

Das einzige Mädchen, von welchem sie mit lebhaftem Interesse spricht und mit dem sie sich fortwährend beschäftigt, ist _Lisette Runkel_, welche als eine schöne, anmuthige Erscheinung auftritt. Anfangs spricht sie von ihr als einer lieben Freundin und einem verständigen Mädchen mit warmer Zärtlichkeit. Allein nach einiger Zeit tritt bei ihr eine große Eitelkeit, eine Putzsucht und Coquetterie hervor, die ihren beschränkten Verhältnissen ebensowenig angemessen ist, als die Anmaßung, welche sie zu zeigen anfängt. Endlich erfährt man, daß B., der reiche Besitzer des Hauses „der König von England,“ ein Wittwer von sechs und vierzig Jahren, ihr den Hof macht, und daß sie, in der Hoffnung ihn zu heirathen, jetzt die große Dame spielt. Mit ihm hat sie im Phaethon eine Reise nach _Darmstadt_ gemacht und dort bei den Hoffesten durch ihre Schönheit und die Pracht ihres Anzuges eine glänzende Rolle gespielt. ~„Elle étoit vêtue en Vénitienne, une juppe de satin bleu doublée en argent, un corset de la même couleur et un survêtement de satin cramoisi, le tout garni de pelisse brune et de dentelles d'argent. Ses cheveux pendoient flottants, ils étoient noués en façon romaine et entrelacés de perles et de diamans. Sur le milieu de la tête il étoit attaché de la crêpe blanche, qui pendoit jusqu'à la taille, et de là par terre étant serrée au milieu avec une riche écharpe d'argent.“~ Sie erregte allgemeines Aufsehen, die Prinzen und Prinzessinnen drängten sich um sie; Prinz _Georg_ tanzte allein mit ihr und litt nicht, daß ein anderer sich ihr näherte. Der Tod des Landgrafen störte die Fortsetzung dieser Freuden.[189] Trotz der Entfremdung, welche durch dieses Benehmen zwischen Lisette und Cornelie eingetreten war, sahen sie sich doch und jene zeigte mitunter wahre Anhänglichkeit. Bei einem Besuch, den sie Cornelie geputzt wie eine Prinzessin macht, theilt sie ihr mit, daß jene Heirath mit dem Wittwer, der ihr allerdings seine Hand angeboten habe, nicht zu Stande kommen werde, und eröffnet ihr später, daß ein junger reicher Kaufmann aus Amsterdam, Namens _Dorval_, sie auf der Reise in Frankfurt gesehen und sich in sie verliebt habe und daß sie mit ihm verlobt sei. Die beiden Freundinnen sind nun wieder versöhnt. Cornelie, welche alles aufs ausführlichste erzählt, hat die größte Freude an dem Glück Lisettes, welche, damit nichts fehle, auch noch eine Erbschaft macht; sie nimmt das lebhafteste Interesse an ihrer Liebe, bewundert das Feuer und die Ausdauer der Zärtlichkeit Dorvals, der einer der vorzüglichsten Menschen sein müsse, und liest seine Briefe an Lisette so aufmerksam, daß sie sie aus dem Gedächtniß theilweise wieder aufschreiben kann; sie findet sie freilich etwas übertrieben und romanhaft, aber doch so vortrefflich, daß man sie wohl drucken könnte. Dieses gute Verhältniß aber dauert nur einige Monate; bei Lisette tritt die Eitelkeit und Coquetterie wieder zu sehr hervor, sie ist während Dorvals Abwesenheit von Anbetern umschwärmt, von denen sie sich den Hof machen läßt, und beträgt sich durchaus nicht liebenswürdig. Jener Wittwer gibt einen glänzenden Ball, auf welchem Lisette die Krone sein wird; Cornelie ist wie ihre Cousine Katharine durch Unwohlsein verhindert, daran Theil zu nehmen, mindestens wollen sie deren Schwester auf eine Weise putzen, daß sie Lisettes Diamanten ausstechen könne. Sie fühlt, daß sie an ihr keine treue Freundin mehr hat. ~„Vous et Mlle. Meixner Vous êtez mes seules amies en qui je puis me confier. Je croyois en avoir une éternelle en Lisette, mais son terme a peu duré, l'applaudissement général du grand monde l'a gaté. Fière de ses conquêtes elle méprise tout le monde et quoique Dorval est uniquement aimé, l'encens de tant de cœurs lui plait au delà de l'expression, elle s'en vante partout et triomphe secrètement de Vous abaisser par ses charmes. Jugez, ma chère, si avec ces sentiments elle peut être amie fidèle. Il y avoit un tems où peu connue du monde elle se crut heureuse par mon amitié, mais ce tems n'est plus, et je vois par là, que c'est le train du monde.“~ Endlich kommt es zu einem förmlichen Bruch. ~„Que direz Vous, ma chère, si je Vous apprends que Miss[190] Lisette et moi nous sommes totalement brouillées et d'une façon qui ne sera pas à remettre. Si j'avois le tems je Vous ferois part de toute l'histoire, mais elle est trop longue; il suffit à Vous de savoir, que la mère et la fille m'ont accusée de médisance et de trahison, et que j'ai trouvée ces termes trop viles pour m'abaisser à une justification. Cette affaire m'a causée une révolution de quelques jours, mais elle est passée et j'ai reprise ma tranquillité, qui a l'air de durer longtems, si un accident nouveau ne la chasse.“~