Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg
Part 4
_Der fünfte Brief._ In der Zeit dieses Briefes (April) ist Goethes Verhältnis zu Lili durch die Einwilligung der beiderseitigen Familien zur förmlichen Verlobung gediehen. -- _Liedgen_: die Arie Erwins »Ihr verblühet süße Rosen« aus »Erwin und Elmire« (vgl. S. 16), für die Goethes Freund, der Frankfurter Komponist Philipp Kayser (1755-1823), eine Melodie des französischen Opernkomponisten A. E. Grétry (1741-1813) umgebildet hatte. -- _Ihre Brüder kommen_: aufgefordert von ihrem Göttinger Studiengenossen, dem Baron Kurt v. Haugwitz, dem späteren Grafen und preußischen Minister (1752-1831), hatten sich die Grafen Christian und Friedrich Leopold zu einer Reise in die Schweiz entschlossen. Sie trafen etwa am 9. Mai in Frankfurt ein, wo sie von Haugwitz erwartet wurden. Gleich nach ihrer Ankunft erschien Goethe bei ihnen. Er erklärte sich alsbald bereit, die neuen Freunde auf ein großes Stück des geplanten Weges zu begleiten; er hoffte im Wechsel frischer Natureindrücke sein stürmendes Herz zu beruhigen und durch eine Trennung seine quälend-beseligenden Gefühle für Lili sich klären und entscheiden zu lassen. Am 14. Mai 1775 ward die Reise angetreten. -- _zweiten Band der Iris_: die von dem Anakreontiker Joh. Georg Jacobi (1740-1814) in Düsseldorf herausgegebene Vierteljahrsschrift »Iris« enthielt in des zweiten Bandes erstem Stück (Januar 1775) das Gedicht »Kleine Blumen, kleine Blätter«, das »Maifest« (»Wie herrlich leuchtet«) und den »Neuen Amadis« (»Als ich noch ein Knabe war«), in des zweiten Bandes drittem Stück (März 1775) außer »Erwin und Elmire« die Gedichte: »An Belinden« (»Warum ziehst du mich unwiderstehlich«, vgl. S. 50), »Neue Liebe, neues Leben« (»Herz, mein Herz, was soll das geben«), »Willkommen und Abschied« (»Es schlug das Herz, geschwind zu Pferde«).
_Der sechste Brief._ Ein unvollendeter Brief, der vielleicht mit dem siebenten, wenn nicht noch später abgeschickt worden ist. -- _Wie weit ists nun_: Gustchen war von einer Reise nach Hamburg nach Kopenhagen zurückgekehrt. -- _wieder in Franckfurt_: seit dem 22. Juli. Die Briefe, die Goethe von der Reise an Gustchen gerichtet haben wird, sind nicht überliefert. -- _in Zürch getrennt_: etwa am 6. Juli. Die Stolberge setzten durch die Schweiz ihre Reise fort, die sie an den Comer und Genfer See führte. -- _im Wolckenbade_: auf dem St. Gotthard. -- _Ich litt mit ihm_: in Straßburg (am 25. Mai) hatte Fritz Stolberg die Nachricht erhalten, daß Sophie Hanbury, eine junge Engländerin in Hamburg, der er seine Liebe gewidmet, seine Neigung nicht erwidern könne: vgl. S. 25. -- _Gräfin Bernsdorf_: Gustchens Schwester Henriette Friederike, die erste Gattin des hochverdienten dänischen Ministers Andreas Petrus Bernstorff (1735-1797), dem nach dem Tode der Schwester (1782) Gustchen dann selbst die Hand zur Ehe gereicht hat. -- _Zettelgen_: gemeint ist nicht etwa eine Beilage, sondern der ganze sechste Brief.
_Der siebente Brief._ -- _Hier_: in Offenbach, im Hause d'Orvilles, vor Lilis Schreibtisch. -- _der Brief liegt in der Stadt_: jedenfalls Brief Nr. 6 (S. 23), der dann gelegentlich mit dem Vermerk: »Hier ein altes verlohrnes Zettelgen« abgeschickt worden ist. -- _Ihm ist wohler_: weil für ihn die Entscheidung gefallen (vgl. S. 23). -- _Schlacht bey Bergen_: am 13. April 1759 zwischen Herzog Ferdinand von Braunschweig und den Franzosen unter Marschall Broglie; sie ward die Ursache des im dritten Buche von »Dichtung und Wahrheit« geschilderten Zusammenstoßes zwischen Goethes Vater und dem Königsleutnant Grafen Thoranc. -- _Pannier_: Reifrock. -- _vier Heumans Kinder_: die vier Genossen der Schweizer Reise, die gleich Rainald von Montalban und seinen drei Brüdern, den Helden der »Schönen Historie von den vier Haimonskindern, samt ihrem Roß Bayart« auf Abenteuer ausgezogen waren. Nach der Mutter der Haimonskinder hat Goethes Mutter den Namen »Frau Aja« erhalten. -- _stechen lassen_: die Silhouetten Goethes, der Stolberge, des Barons v. Haugwitz finden sich in Lavaters »Physiognomischen Fragmenten«, im dritten Versuch (1777), auf der Kupfertafel zu S. 35. -- Statt der Unterschrift ein Schnörkel.
_Der achte Brief._ -- _Schlang im Grase_: nach dem Worte des Vergil: #latet anguis in herba# (Bucol. 3, 93). -- _Trompte_: veraltet statt »Trompete«. -- _Ubalds Schild_: in Tassos »Befreitem Jerusalem« erkennt Rinaldo, den die schöne Zauberin Armida in Liebe und Wohlleben gefesselt hält, in dem ihm vorgehaltenen demantenen Schilde des Ritters Ubaldo sein durch Tand und weibischen Putz entwürdigtes Wesen. -- _zwey Fürstinnen_: vermutlich die verwitwete Markgräfin Sophie Karoline von Brandenburg-Bayreuth (geb. 1737) und die verwitwete Herzogin Charlotte Amalie von Sachsen-Meiningen (geb. 1730). -- _iunges Paar_: Pfarrer Ewald (vgl. S. 17) hatte sich am 10. September mit Rachel Gertrud du Fay, der Tochter eines Frankfurter Kaufmanns, vermählt. Zur Hochzeitfeier hatte Goethe das »Bundeslied« (»In allen guten Stunden«) gedichtet. -- _iunge Frau liegt auf dem Bette_: Frau André, die am 6. Oktober einen Knaben (Joh. Anton) zur Welt brachte. -- _Verliebelte ... mit einem Mädgen_: Lottchen Nagel, ein Mädchen anscheinend niederen Standes, in ärmlicher, kellerartiger Behausung wohnend, aber wohl durch Anmut, Ursprünglichkeit und urwüchsigen Geist den naturhungrigen Genossen der Frankfurter Geniezeit ein Gegenstand verliebter Bewunderung. Goethe hat sogar die Grafen Stolberg bei ihr eingeführt, an sie das Gedicht »An Lottchen« (»Mitten im Getümmel mancher Freuden«) gerichtet. -- _Ratte die Gift gefressen_: Umschreibung des Liedes »Es war eine Ratt im Kellernest« in der Szene »Auerbachs Keller« des »Faust«. Aus dieser Übereinstimmung ist nicht zu schließen, daß die »Faust«-Szene, die Goethe am Morgen gedichtet, eben die Szene »Auerbachs Keller« gewesen sei. -- _war Lili hier_: zum Hochzeitfeste Ewalds. -- _süsen Geschöpfe zu lieb_: unbestimmbare Persönlichkeit; vgl. S. 33. -- _Geist der reinheit_: man gedenkt der Worte, die Goethe in sein Weimarer Tagebuch unterm 7. August 1779 eingeschrieben: »Möge die Idee des Reinen, die sich bis auf den Bissen erstreckt, den ich in Mund nehme, immer lichter in mir werden.«
_Der neunte Brief._ Unmittelbare Fortsetzung des achten, begonnen am 20. September. In den letzten Tagen des Septembers scheint sich das Verhältnis zu Lili endgültig gelöst zu haben. Lili hat sich 1778 mit dem Bankherrn Bernhard Friedrich v. Türckheim in Straßburg vermählt. Die Charakterstärke und Seelengröße, die sie später in den Stürmen der Französischen Revolution als Gattin und Mutter bewährt hat, zeigen, daß Goethe die Liebeskraft seines Dichterherzens an keine Unwürdige verschwendet hat. Sie ist 6. Mai 1817 gestorben. -- _Prinzen von Meinungen_: Herzog August Friedrich Karl von Sachsen-Meiningen (1754-1782) und sein Bruder Georg Friedrich (1761-1803), die mit ihrer Mutter (vgl. S. 28) in Frankfurt weilten. -- _ums Thor_: um die Stadtmauer. -- _Manns von Geist_: nicht bestimmbar. -- _tolles Zeug_: vermutlich jenes Mißverständnis, das Goethe (mit irrtümlicher Festsetzung des Zeitpunktes?) im 20. Buch von »Dichtung und Wahrheit« erzählt. Am 11. Dezember 1774 hatte Goethe den Erbprinzen Carl August von Sachsen-Weimar und Eisenach (1757-1828) kennen gelernt. Am 3. September 1775 großjährig geworden und zur Regierung gelangt, weilte Herzog Carl August wiederum etwa 20.-22. September in Frankfurt, auf der Durchreise nach Karlsruhe, wo am 3. Oktober seine Vermählung mit der Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt (1757-1830) stattfand. Für den 22. September nun hatte Goethe eine Einladung zur Tafel von den Prinzen von Meiningen erhalten, glaubte jedoch, es handele sich um eine Einladung zu Carl August. Er suchte diesen auf, fand ihn bei den Prinzen von Meiningen, von denen sich Carl August zur Weiterfahrt verabschieden wollte, und verließ mit ihm die Prinzen nach kurzem Besuch, um dann selbst auf der Straße vom Herzog, der den Reisewagen bestieg, entlassen zu werden. -- _erwarte den Herzog v. Weimar_: der mit seiner Gemahlin am 12. Oktober wiederum in Frankfurt eintraf. -- _nach Hamburg_: Goethe wollte mit den Grafen Stolberg, die, von ihrer Schweizer Reise (vgl. S. 23) zurückkehrend, ihn in Weimar abholen sollten, Klopstock und Gustchen besuchen. -- _Weimar_: hier war er am 7. November angekommen. -- _erwarte deine Brüder_: sie langten am 26. November in Weimar an und verließen es am 3. Dezember 1775, ohne Goethe, der, vom Herzog zurückgehalten, dann am 11. Juni 1776 aus einem Gaste des Herzogs als Geh. Legationsrat sein vertrauter Beamter geworden ist.
_Der elfte Brief._ -- _Kranck_: die Nachricht von der schwerem Erkrankung Gustchens im März 1776 hat Goethe vermutlich durch Fritz Stolberg erhalten; noch Ende April war sie nicht ganz wiederhergestellt; vgl. S. 22. -- _Stella_: vgl. S. 16; Ende Januar 1776 hatte Goethe die gedruckten Exemplare dieses »Schauspieles für Liebende« erhalten und wird alsbald eines an Gustchen gesendet haben. -- _Mittwoch nach Ostern_: 10. April.
_Der zwölfte Brief._ -- _das ist alles was ich thun kann_: um sie, die in ihrem Briefe vermutlich ihrer Sorge über das angeblich wilde Weimarer Treiben (vgl. S. 40) Ausdruck gegeben hatte, durch genaue Darstellung seines Lebens von der Haltlosigkeit des bösen Gerüchtes zu überzeugen.
_Der dreizehnte Brief._ -- _In meinem Garten_: in unmittelbarer Nähe des Parks, am Abhang eines mäßigen Höhenzuges, unweit des rechten Ilmufers gelegen, ein Geschenk des Herzogs, das Goethe am 21. April 1776 in Besitz genommen hat. -- _Rittmeister_: Friedr. Ernst v. Lichtenberg, Rittmeister des weimarischen Husarenkorps. -- _Frau v. Stein_: Goethe hat sie Mitte November 1775 kennen gelernt. -- _Ihr Mann_: Oberstallmeister des Herzogs Frhr. Gottlob Ernst Josias Friedrich v. Stein auf Kochberg (1735-1793). -- _ihr Bruder_: der Regierungsrat Ernst Karl Constantin v. Schardt. -- _Ilten_: Karoline v. Ilten und ihre Schwester Sophie. Karoline stand in leidenschaftlichen Beziehungen zum Prinzen Constantin, die vom Herzog mißbilligt wurden: Sophie ist 1778 Gattin des Rittmeisters v. Lichtenberg geworden. -- _Herzoginn Mutter_: Anna Amalia (1739-1807). -- _dem Prinzen_: Carl Augusts jüngerer Bruder Constantin (1758-1793). -- _Ich hab das ausgestrichen_: ausgestrichen ist im Briefe von »mich dahin zu stellen« (Seite 36, 3. Zeile v. u.) bis »als Vorbereitung an«. -- _Philipp_: Goethes vertrauter Diener Philipp Seidel. -- _Krause_: Georg Melchior Kraus, der Leiter der Weimarer Zeichenschule. -- _Guiberts Tacktick_: des französischen Generals und Militärschriftstellers Jacques Antoine Hippolyte Grafen v. Guibert (1743-1790) damals vielbeachteter zweibändiger #»Essai général de tactique«#. -- _eines meiner Freunde_: vielleicht Joh. Heinrich Jung, gen. Stilling (1740-1817), der, ursprünglich Schneidergeselle, in Straßburg, wo er Goethes Tischgenosse gewesen, Medizin studiert hatte und damals als Arzt in Elberfeld lebte. Goethe hat seine von tiefster religiöser Empfindung getragene Selbstbiographie 1777 zum Druck befördert. -- _Tiefurt_: unterhalb Weimars am linken Ilmufer. -- _Friz wird gute Tage mit uns haben_: vom Herzog zum Kammerherrn ernannt, wurde er zum Antritt seines Amtes in Weimar erwartet; vgl. S. 40. -- _in ihrer Einsamkeit_: Cornelia fühlte sich in ihrer Ehe nicht glücklich. -- _Habe viel ausgestanden_: durch den leitenden Minister Jacob Friedrich v. Fritsch, der sich der Anstellung Goethes widersetzte, und durch die Liebe zu Charlotte v. Stein.
_Der vierzehnte Brief._ -- _Von Friz .. noch keinen Brief_: Fritz wurde von der Übernahme seiner Weimarer Verpflichtung durch Klopstock abgehalten, den übertreibende Gerüchte vom zügellosen Leben des Herzogs und seines Freundes erregt hatten. -- _kleine Reise_: nach Ilmenau.
_Der fünfzehnte Brief._ -- _Todt meiner Schwester_: Cornelie war am 8. Juni 1777 gestorben. -- _Henrietten_: die Gräfin Bernstorff, Gustchens Schwester (vgl. S. 23, 27). -- _Christels Frau_: Luise, geb. Gräfin Reventlow.
_Der sechzehnte Brief._ -- _Jungen_: der Weimarer Kammerherr Karl Friedr. Sigismund Frhr. v. Seckendorff (1744-1785).
_Der siebzehnte Brief._ -- _Schardt_: Sophie Friederike Eleonore v. Schardt, als Gattin des Regierungsrates v. Schardt (vgl. S. 36) Schwägerin der Frau v. Stein, war als Tochter des Kanzleidirektors Andreas v. Bernstorff in Hannover mit Gustchens Schwager und späterem Gatten, dem Grafen Andr. Petr. Bernstorff verwandt.
_Der achtzehnte Brief._ -- _kleinen Schardt_: vgl. S. 42. -- _Geburtstag_: 7. Januar. -- _neuen Paare_: Fritz Stolberg hatte sich mit Agnes v. Witzleben verlobt.
_Gräfin Auguste an Goethe._ -- _heiß beweinten, so vermißten Brüder_: Friedrich Leopold war am 5. Dezember 1819, Christian am 18. Januar 1821 gestorben. -- _#the Songs of other times#_ -- _die Harfe von Selma_: Anspielung auf die Ossian-Übersetzung, die Goethe seinem »Werther« eingefügt hatte. -- _das Geliebte Weib_: sie hatte am 8. August 1783 den Grafen A. P. Bernstorff, ihren verwitweten Schwager, geheiratet. -- _Kinder_: Stiefkinder, sieben Söhne und drei Töchter. -- _verlohr ... den Gatten_: Graf Bernstorff starb 21. Juni 1797. -- _Ein Sturm riß den Jüngern hin_: Fritz, schon lange schwer leidend, starb, wie man sagte in der Erregung über den grimmigen Angriff, den sein einstiger Studienfreund Joh. Heinr. Voß in der Schrift »Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier?« 1818 gegen ihn anläßlich seines (schon 1. Juni 1800 vollzogenen) Übertritts zum Katholizismus und der dadurch bedingten schriftstellerischen und praktischen Wirksamkeit zugunsten katholisch-aristokratischer Tendenzen gerichtet hatte.
_Letzter Brief Goethes._ -- _viel Provinzen_: Ev. Johannis 14,2. -- _wider Wissen und Willen verletzt_: am 2. Februar 1789 hatte Goethe, als am 15. November 1788 Fritz die geliebte Gattin Agnes (vgl. S. 43) verloren hatte, ihm geschrieben: »Wenn ich auch gleich für meine Person an der [materialistischen] Lehre des Lucrez mehr oder weniger hänge und alle meine Prätensionen in den Kreis des Lebens einschließe, so erfreut und erquickt es mich doch immer sehr, wenn ich sehe, daß die allmütterliche Natur für zärtliche Seelen auch zartere Laute und Anklänge in den Undulationen ihrer Harmonien leise tönen läßt und dem endlichen Menschen auf so manche Weise ein Mitgefühl des Ewigen und Unendlichen gönnt.« -- _tödtlichen Krankheit_: am 17. Februar 1823 war Goethe plötzlich an Herzbeutelentzündung erkrankt, die ihn innerhalb einer Woche an den Rand des Grabes stellte; er erholte sich langsam im Verlauf des März.
_Gedruckt bei Breitkopf und Härtel in Leipzig_
* * * * *
Die folgende Liste enthält die vorgenommenen Änderungen.
S. 28 eingeschlafuen -> eingeschlafnen (dem eingeschlafnen Krieger) S. 30 sieben -> sieben. (Offenbach! Abends sieben. In einem) S. 32 üsen -> süsen (einem süsen Geschöpfe zu lieb) S. 45 iu -> in (mich oft geschmerzt, wenn ich in Ihren) S. 53 Ich _litt -> _Ich litt (_Ich litt mit ihm_: in Straßburg)