Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg
Part 3
Bey der Herzoginn Mutter gessen. Nach Tische ging alles nach Tiefurt wo der Prinz sich hat ein Pachtgut artig zurecht machen lassen. Die Bauern empfingen ihn mit Musick, Böllern, ländlichen Ehrenpforten, Kränzlein, Kuchen, Tanz, Feuerwerckspuffen, Serenade und s. w. Wir waren vergnügt ich hatte das Glück alles sehr schön zu sehen. Und nun bin ich im Garten hab eine Viertelstunde nach dem Feuerzeug getappt und mich geärgert und bin so froh dass ich iezt Licht habe Dir das zu schreiben. Dadrüben auf dem Schlosse sah ich viel Licht indess ich nach Einem Funcken schnappte, und wusste doch dass der Herzog gern mit mir getauscht hätte, wenn er's in dem Augenblick hätte wissen können. Es ist ein trefflicher Junge und wird wills Gott auch ausgähren. Friz wird gute Tage mit uns haben, so wenig ich ihm ein Paradies verspreche. Gute Nacht. Eine grose Bitte hab ich! -- Meine Schwester der ich so lang geschwiegen habe als dir, plagt mich wieder heute um Nachrichten oder so was von mir. Schick ihr diesen Brief, und schreib ihr! -- O dass ihr verbunden wärt! Dass in ihrer Einsamkeit ein Lichtstral von dir auf sie hin leuchtete, und wieder von ihr ein Trostwort zur Stunde der Noth herüber zu dir käme. Lernt euch kennen. Seyd einander was ich euch nicht seyn kann. Was rechte Weiber sind sollten keine Männer lieben, wir sinds nicht werth. Gute Nacht halb eilfe.
Dienstag d. 21. früh 6 aufgestanden herrlicher kühler Sonnenmorgen. Arbeiter im Garten. Ein Jäger bringt mir einen iungen Fuchs.
Mittwoch d. 22. um 10 Uhr. Gestern wieder nach Tiefurth die regierende Herzoginn war dort. Der Herzog und noch einige blieben die Nacht drausen, heut früh ritten wir herein dem Maneuvre der Husaren zuzusehn und nun bin ich wieder in meinem Garten.
Freytag d. 24 Morgens eilf in der Stadt. Habe viel ausgestanden die Zeit. Mittw. Nachmittag brach ein Feuer aus im Hazfeldischen 5 Stunden von hier der Herzog ritt hinaus biss wir hinkamen lag das ganze Dorf nieder, es war nur noch um Trümmern zu retten und die Schul und die Kirche. Es war ein groser Anblick ich stand auf einem Hause wo das Dach herunter war und wo unsre Schlauchsprizze nur das untre noch erhalten sollte, und sieh Gustgen und hinter und vor und neben mir feine Glut, nicht Flamme, tiefe hohlaugige _Glut_ des niedergesuncknen Orts, und der Wind drein und dann wieder da eine auffahrende Flamme, und die herrlichen alten Bäume um's ort inwendig in ihren hohlen Stämmen glühend und der rothe dampf in der Nacht und die Sterne roth und der neue Mond sich verbergend in Wolcken. Wir kamen erst Nachts zwey wieder nach Hause. Gestern Donnerst. d. 23 ist mir auch wieder wunderbaars Wesen um den Kopf gezogen -- Was wirds werden, ich hab eben noch viel auszustehen, das ists was ich in allen Drangsaalen meiner Jugend fühlte, aber gestählt bin ich auch, und will ausdauern bis ans Ende. Adieu. Nun hörst du wieder eine Weile nichts von mir. Schreib mir aber wann dichs freut. Friz soll kommen wann er gerne mag der Herzog hat ihn lieb wünscht ihn ie eher ie lieber, will ihn aber nicht engen. Adieu. Ich bin ewig derselbe
G.
An meine Schwester die Addresse. Frau Hofrath Schlosser fr. Rheinhausen nach Emmedingen im Brisgau.
Der vierzehnte Brief
d. 28. Aug. Guten Morgen Gustgen! Wie ich aus dem Bette steige guten Morgen. Ein herrlich schöner Tag aber kühl. Die Sonne liegt schon auf meinen Wiesen! -- Der Thau schwebt noch über dem Fluss. Lieber Engel warum müssen wir so fern von einander seyn. Ich will hinüber ans Wasser gehn und sehn ob ich ein Paar Enten schiesen kann.
Gegen 12. Ich verspätete mich auf der Jagt. Erwischte eine Ente. Kam drauf gleich in das Getreibe des Tags und bin nun ganz zerstreut. Adieu indess.
Nachmittag 4. Ich erwarte Wiel[an]ds Frau und Kinder. Habe heut viel an dich gedacht.
Abends 7. Sie gehn eben von mir weg! -- Und nun nichts mehr. -- Gott sey Danck ein Tag an dem ich gar nicht gedacht, an dem ich mich blos den sinnligen Eindrücken überlassen habe. Nun Adieu für heut bestens.
d. 30. Es geht mir wie dir Gustgen, ich hab auch was auf dem Herzen, also heraus damit.
Von Friz hab ich noch keinen Brief. Der Herzog glaubt noch er komme, und man fragt nach ihm und ich kann nichts sagen. Lieb Gustgen mir ist lieber für Frizzen dass er in ein würckendes Leben kommt, als dass er sich hier in Cammerherrlichkeit abgetrieben hätte. Aber Gustgen -- er nimmt im Frühjahr den Antrag des Herzogs an, wird öffentlich erklärt, in allen unsern Etats steht sein Nahme, er bittet sich noch aus den Sommer bey seinen Geschwistern zu seyn, man lässt ihm alles, und nun kommt er nicht. Ich weis auch dass Dinge ein Geheimniss bleiben müssen -- Aber -- Gustgen ich habe noch was auf dem Herzen das ich nicht sagen kann -- -- -- -- Und die, die man so behandelt, ist Carl August Herzog zu Sachsen, und dein Goethe Gustgen. Lass mich das iezt begraben, wir wollen dran wegstreichen. Adieu Engel ich muss den Brief schliessen. Ich mach eine kleine Reise sonst kriegst du ihn wieder lang nicht.
G.
Der fünfzehnte Brief
Danck Gustgen dass du aus deiner Ruhe mir in die Unruhe des Lebens einen Laut herüber gegeben hast.
Alles geben Götter die unendlichen Ihren Lieblingen ganz Alle Freuden die unendlichen Alle Schmerzen die unendlichen ganz.
So sang ich neulich als ich tief in einer herrlichen Mondnacht aus dem Flusse stieg der vor meinem Garten durch die Wiesen fliest; und das bewahrheitet sich täglich an mir. Ich muss das Glück für meine Liebste erkennen, dafür schiert sie mich auch wieder wie ein geliebtes Weib. Den Todt meiner Schwester wirst du wissen. Mir geht in allem alles erwünscht, und leide allein um andre. Leb wohl grüse Henrietten! Ist das noch eine eurer Schwestern? oder Christels Frau? zwar sie hat der Brüder Handschrifft! Wenn ich einmal wieder ans Schreiben komme, will ich ia wol sehn ob ich dadrüber was sagen kan was sie will. Grüse die Brüder und behaltet mich lieb.
Weimar d. 17. Jul. 77. Goethe.
Der sechzehnte Brief
Beste! heute nur ein Wort, und ein paar Lieder von mir, komponirt von einem lieben Jungen, dem Fülle im Herzen ist. Hier auch ein Schattenriss von Klopstock. Die Lieder lassen Sie nicht abschreiben auch nicht die Melodien. Nächstens kriegen Sie mehr. Hier indess eine Grabschrifft.
Ich war ein Knabe warm und gut Als Jüngling hatt ich frisches Blut Versprach einst einen Mann Gelitten hab ich u. geliebt Und liege nieder ohnbetrübt Da ich nicht weiter kann.
den 17. Merz 78. G.
Der siebzehnte Brief
Für ihr Andencken liebes Gustgen danck ich Ihnen recht herzlich. Die kleine gute Schardt will ein Zettelgen von mir, sie ist in meinem Garten mit mehr Gesellschafft an einem schönen schwülen Abend. Lange hab ich mir vorgesetzt Ihnen etwas zu schicken und zu sagen, es ist aber kein stockigerer Mensch in der Welt als ich wenn ich einmal ins stocken gerathe. Grüsen Sie die Brüder, schreiben mir wieder einmal von sich, und knüpfen Sie wenn Sie mögen den alten Faden wieder an, es ist ia dies sonst ein weiblich Geschäfft. Adieu. Den 3. Juny 1780.
G.
Der achtzehnte Brief
Ihr Brief meine Beste hat mich beschämt, und mich meine Nachlässigkeit verwünschen gemacht.
Zu Anfang des Jahrs redete ich mit der kleinen Schardt ab, Ihnen ein Portefeuille zu mahlen und es zum Geburtstag zu schicken. Es stand lange gestickt in meiner Stube und ich konnte nicht dazu kommen, daß endlich der 15te verstrich. Wäre es fertig geworden so hätten Sie es den Tag drauf als Ihr Brief abgegangen war erhalten. Nun hat es Frau v. Stein gemahlt, ist aber auch nicht glücklich gewesen der Atlas floss, er war zu dünne, es ist eben kein Glück und Segen dabey.
Behalten Sie mich lieb, grüsen Sie die Brüder! alles Glück dem neuen Paare! Ich bin wohl und noch immer in meinem Thale. Geniesen Sie des Lebens.
Weimar den 4. März 82. Goethe.
* * * * *
Gräfin Auguste Stolberg an Goethe
#B#: d: 15t: #October 1822#.
Würden Sie, wenn ich mich nicht nennte, die Züge der Vorzeit, die Stimme die Ihnen sonst willkommen war, wieder erkennen? nun ja ich bins -- Auguste -- die Schwester der so geliebten, so heiß beweinten, so vermißten Brüder #Stolberg#. Könten doch diese aus der Wohnung ihrer Seeligkeit, von _dort_ wo sie den _schauen_, an den sie _hier glaubten_ -- könten doch diese, mit mir vereint, Sie bitten: »Lieber Lieber Goethe, suchen Sie den, der sich so gerne finden läßt, glauben Sie auch an den, an den wir unser Lebe lang glaubten« Die seelig Schauenden würden hinzu fügen, »den wir nun schauen«! und ich sage: »der das Leben meines Lebens ist, das Licht in meinen trüben Tagen, und uns allen dreyen, Weg, Wahrheit, und Leben, unser Herr, und unser Gott, war.« und nun, ich rede auch im Nahmen der Verklärten Brüder die so oft den Wunsch mit mir aussprachen: »Lieber Lieber Goethe, Freund unsrer Jugend! Genießen auch Sie das Glük, waß schon im irrdischen Leben uns zu Theil ward, Glaube, Liebe, Hofnung!« und die Vollendeten setzen hinzu: »Gewißheit, und ewiger seeliger Frieden harrt denn auch deiner hier« -- Ich lebe zwar nur noch in Hofnung deßen waß zukünftig ist, aber in seeliger Hofnung die mir so zur Gewißheit geworden ist, daß ich Mühe habe, die unendliche Sehnsucht darnach zu stillen -- Ich las in diesen Tagen wieder einmal alle Ihre Briefe nach -- #the Songs of other times# -- die Harfe von Selma ertönte -- Sie waren der kleinen Stolberg sehr gut -- und ich Ihnen auch so herzlich gut -- das kan nicht untergehen -- muß aber für die Ewigkeit bestehen -- diese unsre Freundschaft -- die Blüthe in unsrer Jugend, muß Früchte für die Ewigkeit tragen, dachte ich oft -- und so ergrif es mich beym Lesen Ihrer Briefe, und so nahm ich die Feder -- Sie bitten mich einmal in Ihrem Briefe, »Sie zu retten« -- nun maaße ich mir wahrlich nichts an, aber so ganz Einfältigen Sinns bitte ich Sie, retten Sie sich selbst. nicht wahr Ihre Bitte giebt mir dazu einiges Recht? -- und ich bitte Sie immer, hören Sie in meinen Worten, die Stimme, meiner Brüder, die Sie so herzlich liebten -- Ich habe denn meinen Wunsch, meinen dringenden Wunsch, ausgesprochen, den ich so oft wollte laut werden laßen: O ich bitte, ich flehe Sie Lieber Goethe! abzulaßen, von allem waß die Welt, Kleines, eitles, Irrdisches, und nicht gutes hat -- Ihren Blik, und Ihr Herz zum Ewigen zu wenden -- Ihnen ward viel gegeben, viel anvertraut. wie hat es mich oft geschmerzt, wenn ich in Ihren Schriften fand, wodurch Sie so leicht andern Schaden zu fügen -- O machen Sie das gut, weil es noch Zeit ist -- Bitten Sie um höhern Beystand, und er wird Ihnen, so wahr Gott ist, werden -- Ich dachte oft, ich könte nicht ruhig sterben, wenn ich nicht mein Herz so gegen den Freund meiner Jugend, ausgeschüttet hätte -- und ich denke ich schlafe ruhiger darum ein, wenn mein Stündlein schlägt -- Die Jahre nicht nur, sondern viel früher haben, unsägliche Leiden, meine Haare schnee weiß gebleicht -- aber nie wankte in mir das feste Vertrauen zu Gott, und die Liebe zu meinem Erlöser -- bey allem waß mich traf, tönte es tief, und stark in meinem Innern: »Der Herr hat alles wohl gemacht!« Der Gott meiner Jugend, ist auch der Gott meines Alters -- Als wir uns schrieben, war ich eins der glüklichsten Geschöpfe auf Erden, wie reich war ich! Früh durch die besten Eltern -- Geliebt von den besten Geschwistern -- später, das Geliebte Weib des Mannes meines Herzens -- Mutter der besten Kinder -- Aber welche Trübsale wurden mir zu Theil -- der einzig von mir gebohrne Knabe -- ein Kind von 4 Jahren, der die Wonne der Eltern, und der Stolz der Mutter war -- ich sage nicht daß ich ihn verlohr -- waß für ihn Gewinn war, sah mein Mutter-Herz nie als Verlust an -- er gewann den Himmel, und nur mir ward der unsägliche Schmerz, zu Theil -- und so konte ich selbst im heißen Schmerz, Gott danken und später -- verlohr ich den Angebeteten Gatten -- O dieß war noch ein ganz neuer, eigener, mit nichts zu vergleichender Schmerz -- mir blieben noch die lieben Geschwister. Ach die herrlichen die unaussprechlich Geliebten Brüder! Ein Sturm riß den Jüngern hin -- und zerstörte, die vorher noch Jugend volle Lebenskraft des Aeltern -- durch diesen doppelten, so schnell auf einander folgenden Verlust, fühle ich mich, wie aufs neue verwaißt -- Aber dennoch preise ich Gott -- Ich finde sie ja alle wieder -- Eltern, Geschwister, Freunde, Kinder, und den Geliebten Gatten -- So gerne nähme ich auch die Hofnung mit mir hinüber, Sie Lieber Goethe, auch einst da kennen zu lernen -- Noch Einmal bitte ich Sie -- schlagen Sie es der nicht ab, die Sie einst Freundin, Schwester, nannten -- Ich bete für Sie, daß Sie es ganz erfahren mögen, wie freundlich, und gütig der Herr ist, wie glüklich die auf Ihn trauen.
Bitte laßen Sie dieß unter uns bleiben -- wollen Sie mir antworten? Ich mögte wißen wo Sie sind, waß Sie treiben. ich lebe meistens still auf dem Lande -- meine liebe Enkelin, Tochter meines jüngsten Sohnes ist bey mir -- sie ist 13 Jahr -- meine Liebe, und meine Freude. Ich reiche Ihnen freundschaftlich meine Hand. Ihr Andenken ist nie in mir erloschen, und meine Theilnahme für Sie immer Lebendig geblieben -- meine Wünsche für Ihr wahres Wohl, auch. Manches betrübte mich oft -- Ich will so lange ich lebe, noch recht für Sie beten -- mögten Sie sich doch darin noch recht mit mir vereinigen -- Mein Erlöser ist ja auch der Ihrige, es ist auch in keinem andern Heil, und Seeligkeit zu finden. Ob Sie wohl noch an mich dachten? Bitte schreiben Sie ein paar Worte
an Auguste Bernstorff-#Stolberg#.
Meine #adresse# ist: in #Bordesholm# durch Hamburg.
d: 23 st:
Sie bitten mich in einem Ihrer Briefe, nachdem Sie lange geschwiegen hatten: »den Alten Faden wieder anzuspinnen, es sey dieß ja ohnehin ein Weibliches Geschäft.« Da ist er denn wieder angesponnen, und o! möge er sich denn nun biß in die Ewigkeit hineinspinnen! -- So leben Sie denn wohl, und verkennen Sie meine Absicht nicht -- Laßen Sie, ich bitte Sie, dieß ganz unter uns bleiben --
Letzter Brief Goethes an Auguste Stolberg
Von der frühsten, im Herzen wohlgekannten, mit Augen nie gesehenen theuren Freundin endlich wieder einmal Schriftzüge des traulichsten Andenkens zu erhalten, war mir höchst erfreulich-rührend; und doch zaudere ich unentschlossen, was zu erwidern seyn möchte. Lassen Sie mich im Allgemeinen bleiben, da von besondern Zuständen uns wechselseitig nichts bekannt ist.
Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehaßte, gleichgültige Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und Bäume, die wir jugendlich gesäet und gepflanzt. Wir überleben uns selbst und erkennen durchaus noch dankbar, wenn uns auch nur einige Gaben des Leibes und Geistes übrig bleiben. Alles diesem Vorübergehende lassen wir uns gefallen; bleibt uns nur das Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der vergänglichen Zeit.
Redlich habe ich es mein Lebelang mit mir und andern gemeint und bey allem irdischen Treiben immer auf's Höchste hingeblickt; Sie und die Ihrigen haben es auch gethan. Wirken wir also immerfort, so lang es Tag für uns ist; für andere wird auch eine Sonne scheinen, sie werden sich an ihr hervorthun und uns indessen ein helleres Licht erleuchten.
Und so bleiben wir wegen der Zukunft unbekümmert! In unseres Vaters Reiche sind viel Provinzen, und da er uns hier zu Lande ein so fröhliches Ansiedeln bereitete, so wird drüben gewiß auch für beyde gesorgt seyn; vielleicht gelingt alsdann, was uns bis jetzo abging, und angesichtlich kennen zu lernen und uns desto gründlicher zu lieben. Gedenken Sie mein in beruhigter Treue.
Vorstehendes war bald nach der Ankunft Ihres lieben Briefes geschrieben, allein ich wagte nicht, es wegzuschicken, denn mit einer ähnlichen Aeußerung hatte ich schon früher Ihren edlen, wackern Bruder wider Wissen und Willen verletzt. Nun aber, da ich von einer tödtlichen Krankheit in's Leben wieder zurückkehre, soll das Blatt dennoch zu Ihnen, unmittelbar zu melden: daß der Allwaltende mir noch gönnt, das schöne Licht seiner Sonne zu schauen; möge der Tag Ihnen gleichfalls freundlich erscheinen und Sie meiner im Guten und Lieben gedenken, wie ich nicht aufhöre, mich jener Zeiten zu erinnern, wo das noch vereint wirkte, was nachher sich trennte.
Möge sich in den Armen des allliebenden Vaters alles wieder zusammen finden.
wahrhaft anhänglich Weimar den 17. Apr. 1823. Goethe.
Anmerkungen
_Der erste Brief._ Adresse: _Der theuern Ungenandten_. Goethe weiß somit noch nicht, mit wem er es zu tun hat; siehe die Adresse des zweiten Briefes. Sein Schreiben hat er sicherlich durch die Brüder Stolberg befördert, durch deren Vermittlung er auch Gustchens anonymen Brief Mitte Januar erhalten haben wird. -- _Musste er Menschen machen nach seinem Bild_: 1. Mos. 1, 26. -- _wenn wir Brüder finden_: »Brüder« prägnant für das allgemeinere »Geschwister«; Goethe meint eben seine unbekannte Korrespondentin.
_Der zweite Brief._ Adresse: _Der teuern Ungenannten_. Doch geht aus dem letzten Absatz des Briefes hervor, daß dem Schreiber Namen und Aufenthaltsort Gustchens (durch deren Brüder?) bekannt geworden sind; der dritte Brief redet sie an »liebe Auguste«; siehe auch die Adresse des vierten. -- _einer niedlichen Blondine_: Lili Schönemann (geb. 23. Juni 1758), die Tochter eines vermögenden Frankfurter Bankherrn, die Goethe zu Anfang des Jahres kennen gelernt hatte. Die Schilderung, die er hier von dem Gesellschaftstreiben im Hause der Geliebten entwirft, kehrt wieder im Gedichte »An Belinden« (»Warum ziehst du mich unwiderstehlich Ach, in jene Pracht?«): »Bin ich's noch, den du bei so viel Lichtern An dem Spieltisch hältst? Oft so unerträglichen Gesichtern Gegenüber stellst?« -- _dumpfe tiefe Gefühle_: »dumpf« ein Lieblingswort des jungen Goethe zur Bezeichnung gefühlsschwerer, ahnungsvoller, unruhig treibender und schwellender Seelenstimmung. -- _Dramas_: Claudine von Villa Bella, Erwin und Elmire (vgl. S. 22), Stella (vgl. S. 18, 34), Faust (vgl. S. 30).
_Der dritte Brief._ -- _Auf dem Land bey sehr lieben Menschen_: in Offenbach oberhalb Frankfurts in der Familie des Komponisten Johann André (1741-1799), der, ursprünglich Seidenfabrikant, seit 1774 dort einen Musikverlag besaß; er hat Goethes »Erwin und Elmire« komponiert. Zu dem Offenbacher Kreise gehörte ferner der Kaufmann Jean George d'Orville, ein Onkel Lilis, mit seiner Gattin Jeanne Rahel, geb. Bernard, sodann der reformierte Pfarrer Joh. Ludw. Ewald (1747-1822), der sich späterhin, vom Rationalismus zu biblisch-positivem Glauben bekehrt, in einflußreichen geistlichen Stellungen als gefälliger, lebhafter, vielseitiger, aber allzu redseliger Vielschreiber, namentlich auf pädagogischem Gebiet im Sinne Pestalozzis, beträchtliche Verdienste um Bildung und Gesittung des Volkes erworben hat. Siehe S. 30, 31. -- _in Erwartung_: Lilis, die etwa am 9. eingetroffen sein wird. -- _Heut ist der 6. März_: nein! Goethe schreibt am 7., einem Dienstag, an dessen Morgen er nach Offenbach hinausgewandert war. -- _aufgewegt_: veraltete Form statt »aufgeregt«, »erregt«. -- _an meine Schwester schreiben_: Schwester Cornelia, seit 1. November 1773 mit Joh. Georg Schlosser vermählt, lebte seit Ende Juni 1774 in Emmendingen (Baden), wo ihr Gatte, zunächst vertretungsweise, dann (seit Juni 1775) als Oberamtmann, der Regierung der badischen Markgrafschaft Hochberg vorstand. -- _Lavaters Phisiognomischer Glaube_: Joh. Kaspar Lavater (1741-1801), Diakonus in Zürich, seit 1775 Pfarrer an der Waisenhauskirche daselbst, Schriftsteller tiefster Empfindung und verstiegenen Ausdrucks, in wundergläubiger Christusschwärmerei und religiöser Überspannung befangen, begabt mit dem Zauber hinreißender persönlicher Liebenswürdigkeit und der Werbekraft enthusiastischer Überzeugung, suchte in seinen vierbändigen »Physiognomischen Fragmenten« dem Versuche, die Linien des Menschengesichtes für Erkennung des Charakters zu verwerten, wissenschaftliche Methode zu geben; Goethe, seit August 1773 mit ihm in Verbindung, hatte ihn hierin durch Zeichnungen und Silhouetten, namentlich aber auch durch Charakterschilderungen und Profildeutungen unterstützt. -- _schick ich Ihnen eins geschrieben_: Stella (vgl. S. 16). -- _Freu[den] und Kinder_: die zweite Silbe des ersten Wortes hat Goethe beim Übergang von einer Zeile in die folgende irrtümlich ausgelassen: Freu-. Die Schrift ist nicht deutlich; »Frau-« oder »Frauen« steht jedenfalls _nicht_ da. Wenige Zeilen weiter nennt Goethe seine Arbeiten die »aufbewahrten Freuden seines Lebens«. -- _seziren meines armen Werthers_: Goethe denkt namentlich an die im Januar erschienene »Berichtigung der Geschichte des jungen Werthers« des früheren Juristen in Wetzlar, damaligen hannoverschen Gardeleutnants Karl Wilh. Frhr. v. Breidenbach (1751-1813). -- _Berliner ppp Hundezeug_: die von dem Berliner Buchhändler und Aufklärungsschriftsteller Friedrich Nicolai (1733-1811) verfaßten »Freuden des jungen Werthers«, gleichfalls im Januar 1775 herausgekommen; in diesem geschickt geschriebenen Erzeugnis hausbackener Nüchternheit, das von Goethe zeitlebens eines besonderen Grimmes gewürdigt worden ist, wurden Werthers Pistolen »mit 'ner Blase voll Blut« geladen, das den Helden beim Schusse aufs schmählichste besudelt; »'s von 'em Huhn, das heute Abend mit Lotten verzehren solt«, tröstet ihn Albert, der ihm Lotten zu nicht immer erfreulich ausfallender Ehe abtritt. -- _die Kinder tollen_: des Ehepaares André. -- _Paradiesgärtlein_: des braunschweigisch-lüneburgischen Generalsuperintendenten Joh. Arndt in Celle (1555-1621) viel benutzte erbauliche Sammlung von Gebeten und Gebetliedern »Das Paradiesgärtlein voll christlicher Tugenden«. -- _Bergere_: Sofa. -- _Stube_: Goethes dreifenstriges, der Straße zugekehrtes Wohnzimmer im Dachgeschoß des väterlichen Hauses.
_Der vierte Brief._ Adresse: _Augusten_. -- _zu einem verdrüslichen Geschäfft_: doch wohl seiner Anwaltspraxis. -- _beygehendes Zettelgen_: ist verloren. -- _Ehlers_: Martin Ehlers (1732-1800), damals Gymnasialrektor zu Altona, später Professor in Kiel, pädagogisch-philosophischer Schriftsteller; ein Brief an ihn ging am 14. April ab. -- _innigen Freundin_: v. Oberg, Stiftsdame im Stifte Ütersen (unterhalb Altona unweit vom rechten Ufer der Elbe). -- _Fieber_: zu Gustchens Krankheitsanfällen siehe noch S. 34.