Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit

Part 9

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(1773 oder 1774.)

Liebe Lotte, es fällt mir den Augenblick so ein, dass ich lang einen Brief von dir habe, auf den ich nicht antwortete. Das macht du bist diese ganze Zeit, vielleicht mehr als jemals _in, cum et sub_ (lass dir das von deinem gnädigen Herrn erklären) mit mir gewesen. Ich lasse es dir ehstens drucken -- Es wird gut meine Beste. Denn ist mirs nicht wohl wenn ich an euch dencke?

Ich bin immer der Alte, und deine Silhouette ist noch in meiner Stube angesteckt, und ich borge die Nadeln davon wie vor Alters. Dass ich ein Tohr binn, daran zweifelst du nicht, und ich schäme mich mehr zu sagen. Denn wenn du nicht fühlst dass ich dich liebe, warum lieb ich dich? --!

Goethe.

97.

Goethe an Kestner.

(Märtz 1774.)

Auf einen Brief vom 1^{ten} Weynachtstage erst den 13 Februar Antwort zu haben, ist nicht schön. Künftig, Kestner, schick mir deine Briefe mit der Post. Und schreib öfter, sonst wend ich mich an Lotten dass die mir schreibt.

Die Max La Roche ist hierher verheurathet, und das macht einem das Leben noch erträglich, wenn anders dran etwas erträglich zu machen ist. Wie offt ich bey euch binn, heisst das in Zeiten der Vergangenheit, werdet ihr vielleicht ehestens ein Document zu Gesichte kriegen. Und wenn ihr nicht oft schreibt, und wenns häusliche Kleinigkeiten wären. Ihr wisst dass mir daran am meisten gelegen ist.

Der Jakobi hat Lotten in sofern Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Er hat eine sehr vorteilhafte Schilderung von ihr gemacht, und wie man mir es schrieb, so wusst ich warrlich nicht dass das all an ihr war, denn ich hab sie viel zu lieb von jeher gehabt, um auf sie so acht zu haben. Die ~Iris~ ist eine kindische Entreprise, und soll ihm verziehen werden, weil er Geld dabey zu schneiden denckt. Eigentlich wollen die Jackerls den Merkur miniren, seit sie sich mit Wieland überworfen haben.

Was die Kerls von mir dencken ist mir einerley. Ehedessen haben sie auf mich geschimpft wie auf einen Hundejungen, und nun müssen sie fühlen, dass man ein braver Kerl seyn kann ohne sie iust leiden zu können. Dass Lotte in der Reihe der Protectrices steht, kleidet sie gut zu Gesichte.

Von meinen Wünschen und Hoffnungen zu euch zu kommen mag ich nichts reden. Mir gehts wie euch -- und also wollen wirs unterdessen auf sich beruhen lassen.

Dass ihr Herdern nicht näher gesehn habt, ist doch fatal. War er denn alleinn? Oder sein Weib mit? Ich binn wohl fleissich, und meine Lebens Wirthschaft ist immer die alte. Wenn ich manchmal deine alten Briefe ansehe, erstaun ich, dass ich nach so mancherley Veränderungen noch derselbe binn. Und möchte das auch von euch hören. Desswegen schreibt mir öffter und bittet Lotten, dass sie mir nur manchmal ein Wörtchen schreibt, wenns ihr ums Herz ist. Das könnte sie wohl thun. Sie soll mir die Pestel grüssen, das muss auch ein braves Weib seyn.

Die Kunckel hat dem Magistr. viel Schererey gemacht. Sie sas in Strasburg. Der dortige Magistrat wollte sie nicht ausliefern, und da der Kurfürst sich an den König gewendet, ist sie auf und davon in die Schweiz. Das sind die neusten und noch zur Zeit geheimen Nachrichten.

Dass wir sehr Kayserlich sind, ist kein Wunder, da wir des Kaysers sind.

Adieu. Lasst bald wieder was hören. Ich binn der Alte, von Ewigkeit zu Ewigkeit Amen.

G.

98.

Goethe an Kestner.

(May 1774.)

Ist mir auch wieder eine Sorge vom Hals. Küsst mir den Buben, und die ewige Lotte. Sagt ihr ich kann mir sie nicht als Wöchnerinn vorstellen. Das ist nun unmöglich. Ich seh sie immer noch wie ich sie verlassen habe, (daher ich auch weder dich als Ehmann kenne, noch irgend ein ander Verhältniss als das alte, -- und sodann bey einer gewissen Gelegenheit, fremde Leidenschaften aufgeflickt und ausgeführt habe, daran ich euch warne, euch nicht zu stosen) Ich bitte dich lass das eingeschlossene Radotage biss auf weiteres liegen, die Zeit wirds erklären. Habt mich lieb, wie ich euch, so hat die Welt keine vollkommenere Freunde.

G.

Mein garstig Zeug gegen Wieland macht mehr Lärm als ich dachte. Er führt sich gut dabey auf wie ich höre, und so binn ich im Tort.

99.

Goethe an Kestner.

(11. May 1774.)

Es hat mich überrascht, ich erwartete das nicht. Gehofft hatt ichs, doch da dein Brief nichts davon sagte, beschied ich mich dass die erstgebornen der Famille gehören. Nun aber -- ich wünsche dass Lotte -- denn getauft ist der Knabe am 11 May da ich das schreibe -- dass Lotte, alle Ueberlegung möge auffahrend durchgebrochen haben, und gesagt: ~Wolfgang~ heist ~er~! und der Bub soll auch so heisen! -- du scheinst dahin zu neigen, und ich wünsche dass er diesen Nahmen führe weil er mein ist. -- Habt ihr ihm den ~andern~ gegeben, so halt ich mir aus dem nächsten den Nahmen ~Wolfgang~ zu geben, da ihr doch mehr Gevattern nehmt -- und ich -- wohl all eure Kinder aus der Taufe heben möchte, weil sie mir all so nah sind wie ihr. -- Schreibt mir gleich was geschehn ist. -- Ich habe närrische Ahndungen dadrüber, die ich nicht sage, sondern die Zeit will walten lassen.

Adieu ihr Menschen die ich so liebe (dass ich auch der träumenden Darstellung des Unglücks unsers Freundes, die Fülle meiner Liebe borgen und anpassen musste) Die Parenthese bleibt versiegelt bis auf weiters.

G.

100.

Goethe an Lotte.

v. 16. Jun. 1774.

Ich komme von Meyers liebe Lotte, habe mit ihnen zu Nacht gessen, und gestern auch, heute den Tag über waren sie zu Darmstadt. Es sind recht gute Menschen, ich schwöre sie lieben mich denn ich liebe sie auch. Wir waren so offen in der ersten Viertelstunde. O Lotte was ich ein Kind bin! Wie michs gleichsam überraschte da mir die Meyern sagte, dass du noch an mich denkst. Sagen mir das nicht Kestners Briefe, sagt mirs nicht mein Herz, und doch war mirs so ganz neu, da mir das liebe Weibchen, mit der wahren Stimme des Antheils sagte: dass du noch an mich denkst. O sie fühlte was sie mir sagte, sie ist eine liebe Frau. Schon gestern Nacht wollt ich dir schreiben, aber es war nicht möglich, ich ging in meiner Stube auf und ab, und redete mit deinem Schatten, und selbst ietzt fällt mir's schweer das dahin zu krizzen! -- Soll ich denn niemals wieder, niemals wieder deine Hand halten Lotte? Ich habe der Meyern viel erzählt von dir, sie war mit mir im Wald und versprach mir, dich auf der Ellrie[26] von mir zu unterhalten. Ja Lotte ich hab lang so keine Freude gehabt -- Ihr Mann ist iust einer der Menschen wie ich sie haben muss, die Erfahrung des Lebens, die schönen Kentnisse und Wissenschafften ohne Pedanterey und die gute offne Seele. Wir haben uns recht gut gefunden. Und so mit gute Nacht. Morgen früh gehn sie und ich will ihnen noch was schicken. Adieu! Adieu!

* * * * *

Und mein Pathgen ist wohl, und Mamagen wills auch bald wieder werden; ich schwöre dir Lotte, das ist für meinen sinnlichen Kopf eine Marter, dich als Mamagen zu dencken und einen Buben der ~Dein~ ist und der einen seiner Namen durch meinen Willen trägt. Ich komme damit nicht zurecht, ich kann mir's nicht vorstellen, und bleibe also dabey: Lotte liebe Lotte, es soll alles seyn wie's war, und ist so, und die Meyern sagt du habest dich auch nicht verändert. Und so grüse und küsse Papa Kestnern, und er soll mir hübsch schreiben, und du sollst mir auch hübsch schreiben, wenns Mamagen nicht zu beschweerlich fällt. Hier ist von der Meyern ein Brief an ihre Schwester, denk ich. Hans schickte mir einen an sie den ich richtig bestellt habe. Ich hoffe sie wird aus dem Bade wieder durch gehen, und da geb ich ihr eine Hand und Grus für dich mit. Adieu, liebe Lotte, ich schick euch ehstens einen Freund der viel änlichs mit mir hat, und hoffe ihr sollt ihn gut aufnehmen, er heisst Werther, und ist und war -- das mag er euch selbst erklären.

am 16^{ten} Juni 1774.

Goethe.

101.

Goethe an Lotte.

v. 26. und 31. Aug. 1774.

Wer geht den Augenblick aus meiner Stube? Lotte, liebe Lotte, das räthst du nicht. Räthst ehr von berühmten und unberühmten Leuten eine Reihe als die Frau Catrin Lisbet, meine alte Wetzlarer Strumpfwaschern, die Schwätzern die du kennst die dich lieb hat wie alle die um dich waren dein Lebenlang, sich nicht mehr in Wetzlar halten kann, der meine Mutter einen Dienst zu schaffen hofft. Ich hab sie mit herauf genommen in meine Stube, sie sah deine Silhouette, und rief: »Ach das herzelieb Lottgen,« in all ihrer Zahnlosigkeit voll waren Ausdrucks. Mir hat sie zum Willkomm in voller Freude Rock und Hand geküsst. und mir erzählt von dir wie du so garstig warst, und ein gut Kind hernach und nicht verschwäzt hättest, wie sie um dich hätte Schläge gekriegt da sie dich zum Lieut^t. Meyer führte der in deine Mutter verliebt war, und dich sehn und dir was schenken wollte, das sie aber nicht litt &c. &c. alles, alles. Du kannst denken wie werth mir die Frau war, und dass ich für sie sorgen will. Wenn Beine der Heiligen, und leblose Lappen die der Heiligen Leib berührten, Anbetung und Bewahrung und Sorge verdienen, warum nicht das Menschengeschöpf das dich berührte, dich als Kind aufm Arm trug, dich an der Hand führte, das Geschöpf das du vielleicht um manches gebeten hast? Du Lotte gebeten. -- Und das Geschöpf sollte von mir bitten! Engel vom Himmel. Liebe Lotte noch eins. Das machte mich lachen. Wie du sie oft geärgert hast mit deinen schlocker-Händgen, die du so machst, auch wohl noch, sie machte mir sie vor, und mir wars als wenn dein Geist umschwebte. Und von Carlinen, Lehngen allen, und was ich nicht gesehn und gesehn habe, und am Endlichen Ende war doch Lotte und Lotte und Lotte und Lotte, und Lotte und ohne Lotte nichts und Mangel und Trauer und der Todt. Adieu Lotte. kein Wort heut mehr. 26 Aug.

* * * * *

d. 31. Aug. Hier herein gehört, meine Liebe, beyliegendes Blättchen das ich in Langen schrieb letzten Samstag eh Merk kam. Wir verbrachten einen glücklichen Tag, der Sonntag war leider sehr trocken. Doch die Nacht träumt ich von dir wie ich wäre wieder zu dir gekommen und du mir einen herzlichen Kuss geben hättest. So lang ich von dir weg binn hab ich weder wachend noch träumend, dich so deutlich vor mir gesehn. Adieu. Von den Silhouetten hierbey ist eine für euch, für Meyers, für Zimmermann. Kestner soll mir doch auch wieder einmal schreiben. Adieu Lotte ich danke dir dass du wohl lesen magst was ich schreibe und drucken lasse, hab ich dich doch auch lieb. Küss mir den Buben. Und wenn ich kommen kann, ohne viel zu reden, und schreiben, steh ich wieder vor dir, wie ich einst von dir verschwand, darüber du denn nicht erschröcken, noch mich ein garstig Gesicht schelten magst. Grüs Meyers. Ich möchte dich doch sehen den Buben aufm Arm. Adieu Adieu.

* * * * *

Hiezu gehört Goethe's Gedicht nebst Silhouette, welche oben (Nr. 82) dem Duplicate des Gedichts im _Fac simile_ beigefügt sind.

Der Schluß dieses Briefes erläutert den im Gedichte enthaltenen Ausdruck: »Garstges Gesicht.«

102.

Goethe an Lotte.

(27. Aug. 1774.)

Ich habe gestern den 26 einen Brief an dich angefangen, hier sitz ich nun in Langen zwischen Franckfurt und Darmstadt, erwarte Merken, den ich hierher beschieden habe, und mir ist im Sinn an dich zu schreiben. Heut vor zwey Jahren sas ich bey dir fast den ganzen Tag da wurden Bohnen geschnitten biss um Mitternacht, und der 28^{te}[27] feyerlich mit Thee und freundlichen Gesichtern begonnen. O Lotte, und du versicherst mich mit all der Offenheit und Leichtigkeit der Seele, die mir so werth immer war an dir, dass ihr mich noch liebt, denn sieh es wäre gar traurig wenn auch über uns der Zeiten Lauf das Uebergewicht nehmen sollte. Ich werde dir ehestens ein Gebetbuch, Schatzkästchen oder wie du's nennen magst schicken, um dich Morgends und Abends zu stärken in guten Errinnerungen der Freundschaft und Liebe. Morgen denkt ihr gewiss an mich. Morgen bin ich bey euch, und die liebe Meyern hat versprochen mir ihr Geistgen zu schicken mich abzuhohlen. Ein herrlicher Morgen ists, der erste lang ersehnte Regen nach einer Dürre über vier Wochen, der mich erquickt wie das Land, und dass ich ihn auch eben auf dem Land geniesse! Vorgestern war Gotter da, er geht mit zwey Schwestern nach Lyon, dort eine Schwester zu besuchen, ist immer gut, und sehr krank, doch munter, es ward unser altes Leben rekapitulirt, er grüsste herzlich dein Schattenbild, ich schwäzt ihm allerley vor &c. und so ging er wieder. Darin hab ichs gut, wenn meine Freunde halbweg reisen so müssen sie zu mir, bey mir vorbey und zollen.

103.

Goethe an Hans.

v. 31. Aug. 1774.

Ihr habt einen lieben Bruder verlohren, und ich einen von meinen lieben Buben. Seyd brav doppelt und dreyfach dass an euch Papa und ich getröstet werden über den Verlust. Grüss er mir alle. Schreib er mir öfter was passirt. Glaubt er denn nicht dass mich von euch alle Kleinigkeiten interessiren? Ich bin zwar lang weg, doch immer bey euch. Adieu; bestell er mir den Brief an Lotten aufs beste. am 31 Aug. 1774

G.

104.

Goethe an Kestner.

v. 23. Sept. 1774.

Habt ihr das Buch schon; so versteht ihr beygehendes Zettelgen, ich vergas es hinein zu legen im Hurrli in dem ich ietzt lebe. Die Messe tobt und kreischt, meine Freunde sind hier, und Vergangenheit und Zukunft schweben wunderbar in einander.

Was wird aus mir werden. O ihr gemachten Leute, wieviel besser seyd ihr dran.

Ist Meyern wieder da. Ich bitt euch gebt das Buch noch nicht weiter, und behaltet den lebendigen lieb, und ehret den Todten.

Nun werdet ihr die dunkeln Stellen voriger Briefe verstehen.

am 23. Sept. 1774.

105.

Goethe an Lotte.

Einschluß des Vorigen.

Lotte wie lieb mir das Büchelgen ist magst du im Lesen fühlen, und auch dieses Exemplar ist mir so werth als wär's das einzige in der Welt. Du sollsts haben Lotte, ich hab es hundertmal geküsst, habs weggeschlossen, dass es niemand berühre. O Lotte! -- Und ich bitte dich lass es außer Meyers niemand iezzo sehn, es kommt erst die Leipziger Messe in's Publikum. Ich wünschte iedes läs' es allein vor sich, du allein, Kestner allein, und jedes schriebe mir ein Wörtgen.

Lotte Adieu Lotte.

106.

Fragment eines Brief-Conzepts

von Kestner an Goethe nach Empfang des Werther.

(Aus Hannover, vom Ende Sept. oder Anfang Oct. 1774.)

Euer Werther würde mir großes Vergnügen machen können, da er mich an manche interessante Scene und Begebenheit erinnern könnte. So aber, wie er da ist, hat er mich, in gewissem Betracht, schlecht erbauet. Ihr wißt, ich rede gern wie es mir ist.

Ihr habt zwar in jede Person etwas Fremdes gewebt, oder mehrere in eine geschmolzen. Das ließ ich schon gelten. Aber wenn Ihr bey dem Verweben und Zusammenschmelzen euer Herz ein wenig mit rathen lassen; so würden die würcklichen Personen, von denen ihr Züge entlehnet, nicht dabey so prostituirt seyn. Ihr wolltet nach der Natur zeichnen, um Wahrheit in das Gemälde zu bringen; und doch habt Ihr so viel widersprechendes zusammengesetzt, daß Ihr gerade Euren Zweck verfehlt habt. Der Herr Autor wird sich hiergegen empören, aber ich halte mich an die Würklichkeit und an die Wahrheit selbst, wenn ich urtheile, daß der Maler gefehlt hat. Der würcklichen Lotte würde es in vielen Stücken leid seyn, wenn sie Eurer da gemalten Lotte gleich wäre. Ich weiß es wohl, daß es eine Composition seyn soll; allein die H....., welche Ihr zum Theil mit hineingewebt habt, war auch zu dem nicht fähig, was Ihr eurer Heldin beymesset. Es bedurfte aber des Aufwandes der Dichtung zu Eurem Zwecke und zur Natur und Wahrheit gar nicht, denn ohne das -- eine Frau, eine mehr als gewöhnliche Frau immer entehrende Betragen Eurer Heldin -- erschoß sich Jerusalem.

Die würckliche Lotte, deren Freund Ihr doch seyn wollt, ist in Eurem Gemälde, das zu viel von ihr enthält, um nicht auf sie starck zu deuten, ist, sag' ich -- doch nein, ich will es nicht sagen, es schmerzt mich schon zu sehr da ichs denke. Und Lottens Mann, Ihr nanntet ihn Euren Freund, und Gott weiß, daß er es war, ist mit ihr --

Und das elende Geschöpf von einem Albert! Mag es immer ein eignes nicht copirtes Gemählde seyn sollen, so hat es doch von einem Original wieder solche Züge (zwar nur von der Aussenseite, und Gott sey's gedankt, nur von der Aussenseite) daß man leicht auf den würklichen fallen kann. Und wenn Ihr ihn so haben wolltet, mußtet ihr ihn zu so einem Klotze machen? damit ihr etwa auf ihn stolz hintreten und sagen könntet, seht was ~ich~ für ein Kerl bin!

107.

Goethe an Kestner und Lotte.

(Oct. 1774.)

Ich muß euch gleich schreiben meine Lieben, meine Erzürnten, dass mirs vom Herzen komme. Es ist gethan, es ist ausgegeben, verzeiht mir wenn ihr könnt. -- Ich will nichts, ich bitte euch, ich will nichts von euch hören, biss der Ausgang bestätigt haben wird dass eure Besorgnisse zu hoch gespannt waren, biss ihr dann auch im Buche selbst das unschuldige Gemisch von Wahrheit und Lüge reiner an eueren Herzen gefühlt haben werdet. Du hast Kestner, ein liebevoller Advokat, alles erschöpft, alles mir weggeschnitten, was ich zu meiner Entschuldigung sagen könnte; aber ich weis nicht, mein Herz hat noch mehr zu sagen, ob sichs gleich nicht ausdrücken kann.

Ich schweige, nur die frohe Ahndung muss ich euch hinhalten, ich mag gern wähnen, und ich hoffe, dass das ewige Schicksaal mir das zugelassen hat, um uns fester an einander zu knüpfen. Ja meine Besten, ich, der ich so durch Lieb an euch gebunden bin, muss noch euch und euern Kindern ein Schuldner werden für die böse Stunden, die euch meine -- nennts wie ihr wollt, gemacht hat. Haltet, ich bitt euch, haltet Stand. Und wie ich in deinem letzten Briefe dich ganz erkenne Kestner, dich ganz erkenne Lotte, so bitt ich bleibt! bleibt in der ganzen Sache, es entstehe was wolle. -- Gott im Himmel man sagt von dir: du kehrest alles zum besten.

Und, meine lieben wenn euch der Unmuth übermannt, denkt nur denkt, dass der alte euer Goethe, immer neuer und neuer, und jetzt mehr als jemals der eurige ist.

108.

Kestner an v. Hennings.

Hannover d. 7. November 1774.

Ihren Brief, Liebster Freund, würde ich nicht verstehen, wenn ich es nicht längst vorausgesehen hätte, daß die Leiden des jungen Werthers den Mißverstand erregen würden, den ich aus Ihrem Briefe in _Berlin_ gewahr wurde. Aber warum war nicht mein erster Ausruf: »Ich bin glücklich wie man es in der Welt seyn kann! Ich bin nicht zu bedauren, wenigstens nicht in dem Verstande, wie Sie meynen. Ich traure nicht.« -- Mit einem Worte, es ist alles Irrthum, und es geht mir nahe, daß dieses Sie betrüben müße. Ich will Ihnen, so viel wie möglich das Räthsel auflösen. Hätten Sie meinen Brief, den ich vor ohngefähr einem Jahre von hier schon an Sie nach Berlin geschrieben, erhalten, so hätte es zu dem Irrthum wahrscheinlich nicht kommen können. Er muß aber verloren gegangen seyn. Ich bin schon seit mehr als 1-1/2 Jahren nicht mehr zu Wetzlar, sondern hier als königlicher Archiv-Secretair. Ehe ich aus Wetzlar gereiset, 2 Monat vorher, bin ich mit meinem Lottchen auf ewig verbunden, und es war mir wohl, als ich es war, und bin es noch. Darauf führte ich Lottchen in meinem Herzen im Triumph hierher. Sie ward aufgenommen, wie sie es verdiente. Zu Wetzlar war ich meiner Stelle müde, ich suchte daher zurückberufen zu werden, und erhielt die jetzige Stelle, die zwar noch nicht viel einträgt, die ich aber doch gern annahm, um erst wieder hierher zu kommen. Bald nachher erhielt ich einen Brief über Wetzlar von Ihnen. Ich antwortete bald und schrieb Ihnen meine ganze Geschichte. Ich schickte diesen Brief an den Churbrandenburgischen Legations-Secretair Ganz zu Wetzlar; der ihn aber nicht bestellt haben muß, oder er ist sonst verloren. Nunmehr erwartete ich längst eine Antwort und war immer im Begriff noch einmal zu schreiben, denn Sie sind noch immer mein erster Freund, und ich Ihnen ganz der nämliche, der ich immer war. Zu Wetzlar habe ich nur einen gefunden, den ich Ihnen gleich nachsetze; sein Namen ist schon bekannt genug, er heißt Goethe. Sie können es daraus schliessen, daß er mir mit den Leiden des jungen Werthers, ohne Vorsatz jedoch, und in seiner Autor-Wärme, oder _Etourderie_, keinen angenehmen Dienst gethan hat; indem mich vieles darin verdrießt, so wie meine Frau auch, und der Erfolg uns doppelt verdrießt: Aber dennoch bin ich geneigt es ihm zu verzeihen; doch soll er es nicht wissen, damit er sich künftig in Acht nimmt. Im Vertrauen will ich Ihnen dieses und die Geschichte des Werthers näher erklären, wovon Sie aber nur einen behutsamen Gebrauch machen sollen; doch aber bitte ich einigen Gebrauch davon zu machen.

Im ersten Theile des Werthers ist Werther Goethe selbst. In Lotte und Albert, hat er von uns, meiner Frau und mir, Züge entlehnt. Viele von den Scenen sind ganz wahr, aber doch zum Theil verändert; andere sind, in unserer Geschichte wenigstens, fremd. Um des zweyten Theils Willen, und um den Tod des Werthers vorzubereiten, hat er im ersten Theile verschiedenes hinzugedichtet, das uns gar nicht zukömmt. Lotte hat z. B. weder mit Goethe, noch mit sonst einem anderen in dem ziemlich genauen Verhältniß gestanden, wie da beschrieben ist; Dieß haben wir ihm allerdings sehr übel zu nehmen, indem verschiedene Nebenumstände zu wahr und zu bekannt sind, als daß man nicht auf uns hätte fallen sollen. Er bereut es jetzt, aber was hilft uns das. Es ist wahr, er hielt viel von meiner Frau; aber darin hätte er sie getreuer schildern sollen, daß sie viel zu klug und zu delicat war, als ihn einmal so weit kommen zu lassen, wie im ersten Theile enthalten. Sie betrug sich so gegen ihn, daß ich sie weit lieber hätte haben müssen, als sonst, wenn dieses möglich gewesen wäre. Unsere Verbindung ist auch nie declarirt gewesen, zwar nicht heimlich gehalten; doch war sie viel zu schamhaft als es irgend jemanden zu gestehen. Es war auch keine andere Verbindung zwischen uns, als die der Herzen. Erst kurz vor meiner Abreise, (als Goethe schon ein Jahr von Wetzlar weg, zu Franckfurt, und der verstellte Werther 1/2 Jahr todt war) vermählten wir uns. Hier erst, nach Verlauf eines ganzen Jahres, seit unseres Hierseyns, wurden wir Vater und Mutter. Der liebe Junge lebt noch, und macht uns Gottlob viel Freude. Sonst ist in Werthern viel von Goethe's Character und Denkungsart. Lottens Portrait ist im ganzen das von meiner Frau. Albert hätte ein wenig wärmer seyn mögen.