Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit
Part 8
Ich dank ihm lieber Hans für den braven Brief. Schick er innliegenden Hrn. Kestnern grüsse er den Papa u. alle. Und behalt er mich lieb.
Goethe.
76.
Goethe an Kestner.
_acc._ Hannover. 18. Jun. 73.
Euer Brief hat mich ergözt, ich wusste durch Hansen schon manches von euch. Heute Nacht hat mirs von Lotten wunderlich geträumt. Ich führte sie am Arm durch die Allee, und alle Leute blieben stehn und sahn sie an, ich kann noch einige nennen die stehen blieben und uns nachsahen. Auf einmal zog sie eine Calesche über und die Leute waren sehr betreten. (Das kommt von Hansens Briefe der mir die Geschichte von Minden schrieb.) Ich bat sie sie mögte sie doch zurückschlagen das that sie. Und sah mich an mit den Augen, ihr wisst ja wies einem ist wenn sie einen ansieht. Wir gingen geschwind. Die Leute sahen wie vorher. O Lotte, sagt ich zu ihr, Lotte, dass sie nur nicht erfahren dass du eines andern Frau bist. Wir kamen zu einem Tanzplaz &c. &c.
Und so träume ich denn und gängle durchs Leben, führe garstige Prozesse schreibe Dramata, und Romanen und dergleichen. Zeichne und poussire und treibe es so geschwind es gehen will. Und ihr seyd geseegnet wie der Mann der den Herren fürchtet. Von mir sagen die Leute der Fluch Cains läge auf mir. Keinen Bruder hab ich erschlagen! Und ich denke die Leute sind Narren. Da hast du lieber Kestner ein Stück Arbeit, das lies deinem Weiblein vor, wenn ihr euch sammlet in Gott und euch und die Tühren zuschließt. _NB._ Die Frau Archivarius (ich hoffe das ist der rechte Titel) wird hoffentlich ihr blau gestreiftes Nachtjäckgen nicht etwa aus leidigem Hochmuth zurückgelassen, oder es einer kleinen Schwester geschenkt haben, es sollte mich sehr verdriessen, denn es scheint ich habe es fast lieber als sie selbst, wenigstens erscheint mir oft das Jäckgen wenn ihre Gesichtszüge sich aus dem Nebel der Imagination nicht losmachen können.
77.
Goethe an Hans.
Ich habe, lieber Hans, allerley Angelegenheiten warum ich ihm schreiben Muss. Erstl. zu fragen wies bey euch aussieht? Ich habe so lang aus dem teutschen Haus nichts gehört.
Und hernach _Commissionen_, wenn er die Recht ausrichtet so soll er einmal Agent von Churfürsten, Fürsten und Ständen des Reichs werden.
Erstl. bestellt er den Brief an Kestnern, wie den Vorigen.
2tens ist er so gut zum Hrn. Hofrath Sachs zu gehen, und zu sagen: »Hier sey ein Brief an Hrn. von Kielmansegg. Ob sie wohl so gütig seyn wollten ihn zu bestellen. Der Hr. Baron habe mir geschrieben ich soll meine Briefe an Hrn. Hofrath adressiren.«
Drittens. Fragt er den Hrn. von Hille ob er habe ~einen ersten Theil des teutschen Merkurs~ durch Hrn. Kestner bekommen, hat er ihn bekommen so lass ich ihn um die halbe Louisd'or bitten, und will den zweyten Theil gleich mit der fahrenden Post nach Wetzlar schicken.
Viertens fragt er den Papa ob er ein neues Schauspiel ~Götz von Berlichingen~ gelesen habe?
Fünftens grüßt er mir alle im teutschen Haus, Lengen und Carlingen und Dortlgen und Anngen und fragt sie ob sie sich meiner noch erinnern in Ehre und Liebe. Und die Kleinen grüss er alle von mir, und schreibe er mir bald.
Goethe.
78.
Goethe an Kestner.
_acc._ H. 21/7 73.
Ihr sollt immer hören wie mirs geht, lieber Kestner. Denn zum Laufe meines Lebens hoff ich immer auf euch und euer Weib die Gott seegne und ihr solche Freuden gebe als sie gut ist. Euch kanns an Beförderung nicht fehlen. Ihr seyd von der Art Menschen die auf der Erde gedeyen und wachsen, von den gerechten Leuten und die den Herren fürchten, darob er dir auch hat ein tugendsam Weib gegeben, des lebest du noch eins so lange.
Ich binn recht fleissig und wenns Glück gut ist kriegt ihr bald wieder was, auf eine andre Manier. Ich wollt Lotte wäre nicht gleichgültig gegen mein Drama. Ich hab schon vielerley Beyfalls Kränzlein von allerley Laub und Blumen, Italiänischen Blumen sogar, die ich wechselsweise ausprobiret, und mich vorm Spiegel ausgelacht habe. Die Götter haben mir einen Bildhauer hergesendet, und wenn er hier Arbeit findet, wie wir hoffen so will ich viel vergessen. Heilige Musen reicht mir das _Aurum potabile_, _Elixir vitae_ aus euren Schaalen, ich verschmachte. Was das kostet in Wüsten Brunnen zu graben und eine Hütte zu zimmern. Und meine Papageyen die ich erzogen habe, die schwäzen mit mir, wie ich, werden krank lassen die Flügel hängen. Heut vorm Jahr wars doch anders, ich wollt schwören in dieser Stunde vorm Jahr sass ich bey Lotten. Ich bearbeite meine Situation zum Schauspiel zum Truz Gottes und der Menschen. Ich weis was Lotte sagen wird wenn sies zu sehn kriegt und ich weis was ich ihr antworten werde. Hört wenn ihr mir wolltet Exemplare vom ~Götz~ verkaufen, ihr thätet mir einen Gefallen und vielleicht allerley Leuten. Boje hat ihrer, schreibt ihm wie viel ihr wollt, ich habs ihm geschrieben euch abfolgen zu lassen so viel ihr wollt. Verkauft sie alsdenn für zwölf gute groschen und _notirt_ das _porto_ das sie euch kosten. Der Verlag hört Mercken, der ist aber in Petersburg, ich schicke mich nicht zum Buchhändler, ich fürchte es bleibt hocken. Denn vielleicht kommt sonst in einem halben Jahr noch kein Exemplar zu euch. Schreibt mir doch wo ich die zweyten Stücke des Merkurs hinschaffen, und wo ichs Geld herkriegen soll. Wenn verschiedene Sachen nach meinem Kopfe gehn kriegt Lotte bald eine Schachtel von mir wo keine _Confituren_ drinne sind, auch kein Puzwerk, auch keine Bücher, also --
Lassts euch wohl seyn, mich ergözt eure Genüglichkeit und eure Aussichten. Und wenn euch was dran liegt von mir zu hören, so lasst von euch offt hören. Adieu.
79.
Goethe an Hans.
Lieber Hans. Bring er Hrn. v. Hille den 2ten Teil des Merkurs den ersten hat Kestner aus Versehn mit nach Hannover genommen. Hr. v. Falke wird ihn dem Hrn. v. Hille wieder zurück bringen. Und sodann bitt ich mir die Bezahlung aus.
Hier das Schauspiel gieb er dem Papa und wenn ders gelesen hat und die Schwestern es auch etwa gelesen haben, so gib er es Anngen und Dorthel, und grüss er sie alle von mir. Der ich binn
Der alte
Doctor Goethe.
Und ihm viel Prämia wünsche, die er verdient.
80.
Goethe an Kestner.
Viel Glück zu allem was ihr unternehmt, und eurer besten Frau alle Freuden des Lebens.
Ich kann euch nicht tadlen dass ihr in der Welt lebt, und Bekanntschaft macht mit Leuten von Stand und Pläzzen. Der Umgang mit Grossen ist immer dem vorteilhafft der ihrer mit Maas zu brauchen weis. Wie ich das Schiespulver ehre dessen Gewalt mir einen Vogel aus der Lufft herunterhohlt, und wenns weiter nichts wäre. Aber auch sie wissen Edelmuth und Brauchbaarkeit zu schäzzen, und ein iunger Mann wie ihr muss hoffen, muss auf den besten Platz aspiriren. Sakerment und wenn ihrs nur eures Weibes willen tähtet. Was die häuslichen Freuden betrifft, die hat dünkt mich der Canzler so gut als der Sekretarius, und ich wollte Fürst seyn und mir sie nicht nehmen lassen. Also treibts in Gottes Nahmen nach eurem Herzen und kümmert euch nicht um Urteile und verschliesst euer Herz dem Tadler wie dem Schmeichler. Hören mag ich sie beyde gern hören, biss sie mich ennüiren. Mad. La Roche war hier, sie hat uns acht glückliche Tage gemacht, es ist ein Ergötzen mit solchen Geschöpfen zu leben. O Kestner und wie wohl ist mirs, hab ich sie nicht bey mir so stehen sie doch vor mir immer die Lieben all. Der Kreis von edlen Menschen ist das wehrteste alles dessen was ich errungen habe.
Und nun meinen lieben Götz! Auf seine gute Natur verlaß ich mich, er wird fortkommen und dauern. Er ist ein Menschenkind mit viel Gebrechen und doch immer der besten einer. Viele werden sich am Kleid stosen und einigen rauhen Ecken. doch hab ich schon so viel Beyfall dass ich erstaune. Ich glaube nicht daß ich so bald was machen werde das wieder das Publikum findet. Unterdessen arbeit ich so fort, ob etwa dem Strudel der Dinge belieben mögte was gescheuters mit mir anzufangen.
am 21 August
Das war lang geschrieben biss einmal die Zeit zu siegeln bey mir kommt. Da ich euch nichts mehr zu sagen habe als liebt mich immer fort. und Lotte soll mich lieb behalten und glücklich ist sie. Adieu.
81.
Goethe an Kestner.
Heut Abend des 15. September erhalt ich euern Brief, und habe mir eine Feder geschnitten um recht viel zu schreiben. Dass meine Geister biss zu Lotten reichen hoff ich. Wenn sie auch die Taschengelder ihrer Empfindung, daran der Mann keine Prätension hat, nicht an mich wenden wollte, der ich sie so liebe. Neulich hatte ich viel Angst in einem Traum über sie. Die Gefahr war so dringend, meine Anschläge all keine Aussicht. Wir waren bewacht, und ich hoffte alles, wenn ich den Fürsten sprechen könnte. Ich stand am Fenster, und überlegte hinunter zu springen, es war zwey Stock hoch, ein Bein brichst du, dacht ich, da kannst du dich wieder gefangen geben. Ja dacht ich, wenn nur ein guter Freund vorbey ging, so spräng ich hinunter und bräch ich ein Bein, so müsst mich der auf den Schultern zum Fürsten tragen. Siehst du alles erinnere ich mich noch, biss auf den bunten Teppich des Tisches an dem sie sas und Filet machte, und ihr strohern Kistgen bey sich stehn hatte. Ihre Hand habe ich tausendmal geküsst. Ihre Hand wars selbst! die Hand! so lebhafft ist mirs noch, und sieh wie ich mich noch immer mit Träumen schleppe.
Meine Schwester ist mit Schlossern vor wie nach. Er sitzt noch in Carlsruhe wo man ihn herumzieht, Gott weis wie. Ich verstehs nicht. Meine Schwester ist jetzt in Darmstadt bey ihren Freunden. Ich verliere viel an ihr, sie versteht und trägt meine Grillen.
Ich lieber Mann, lasse meinen Vater iezt ganz gewähren, der mich täglich mehr in Stadt CivilVerhältnisse einzuspinnen sucht, und ich lass es geschehn. So lang meine Kraft noch in mir ist! Ein Riss! und all die siebenfache Bastseile sind entzwey. Ich binn auch viel gelassener, und sehe dass man überall den Menschen, überall groses und kleines schönes und Hässliches finden kann. Auch arbeit ich sonst brav fort. und denke den Winter allerley zu fördern. Dem alten Amtmann hab ich einen Göz geschickt der viel Freude dran gehabt hat, es ist auch gleich (wahrscheinlich durch Brandts) weiter kommen, und der Kam. Richt.[24] und v. Folz habens begehrt; Das schreibt mir Hans, mit dem ich viel Correspondenz pflege. Ueber alles das, lieber K. vergess ich dir zu sagen, dass drunten im Visitenzimmer, diesen Augenblick sitzt -- die liebe Frau Grostante ~Lange~ von Wetzlar, mit der so teuern ältsten Jungfer Nichte. Die haben nun schon in ihrem Leben mehr, um Lottens Willen, gesessen wo ich sie nicht hohlte, mögen sie auch diesmal sich behelfen. Hanngen ist nicht mit da. Sie haben viel Liebs und Guts von meiner Lotte geredt! Dank Ihnen der Teufel. -- ~Meiner Lotte!~ Das schrieb ich so recht in Gedanken. Und doch ist sie gewissermassen mein. Hierin gehts mir wie andern ehrlichen Leuten, ich bin gescheut -- biss auf diesen Punct. Also nichts mehr davon.
Und zum Merkur um uns abzukühlen. Ich weiß nicht ob viel Grossprecherey dem Zeug mehr Schaden tuht, oder das Zeug der Großsprecherey. Das ist ein Wind und ein Gewäsch, dass eine Schand ist. Man ist durchgängig unzufrieden gewesen, der zweyte Teil ist was besser.
Der Hans und die Hänsgen. Wiel.[25] und die Jackerls haben sich eben prostituirt! Glück zu! Für mich haben sie ohnedem nicht geschrieben. Fahr hin. Des Cammerrath Jakobis Frau war hier, eine recht liebe brave Frau, ich habe recht wohl mit ihr leben können, binn allen Erklärungen ausgewichen, und habe getahn als hätte sie weder Mann noch Schwager. Sie würde gesucht haben uns zu vergleichen, und ich mag ihre Freundschafft nicht. Sie sollen mich zwingen sie zu achten wie ich sie iezt verachte, und dann will und muss ich sie lieben.
Heut früh hab ich von Falcken einen Brief kriegt, mit dem ersten Bogen des Musen Alman. Du wirst auf der 15ten S. den ~Wandrer~ antreffen den ich Lotten ans Herz binde. Er ist in meinem Garten, an einem der besten Tage gemacht. Lotten ganz im Herzen und in einer ruhigen Genüglichkeit all eure künftige Glückseeligkeit vor meiner Seele. Du wirst, wenn dus recht ansiehst mehr Individualität in dem Dinge finden als es scheinen sollte, du wirst unter der Allegorie ~Lotten~ und ~mich~, und was ich so hunderttausendmal bey ihr gefühlt erkennen. Aber verraths keinem Menschen. Darob solls euch aber heilig seyn, und ich hab euch auch immer bey mir wenn ich was schreibe. Jezt arbeit ich einen Roman, es geht aber langsam. Und ein Drama fürs Aufführen damit die Kerls sehen dass nur an mir liegt Regeln zu beobachten und Sittlichkeit Empfindsamkeit darzustellen. Adieu. Noch ein Wort im Vertrauen als Schriftsteller, meine Ideale wachsen täglich aus an Schönheit und Grösse, und wenn mich meine Lebhafftigkeit nicht verlässt, und meine Liebe, so solls noch viel geben für meine Lieben, und das Publikum nimmt auch sein Teil.
Und so gute Nacht liebe Lotte. Im Couvert sind Verse die wollt ich zu einem Portrait von mir an Lotten legen, da es aber nicht gerathen ist so hat sie inzwischen das. Biss auf weiters.
82.
Goethe an Lotte.
Wenn einen seeligen Biedermann Pastorn oder Rathsherrn lobesan Die Wittib läßt in Kupfer stechen Und drunter ein Verslein radebrechen Da heißts:
Seht hier von Kopf und Ohren, Den Herrn ehrwürdig, wohlgebohren, Seht seine Mienen und seine Stirn Aber sein verständig Gehirn, So manch Verdienst ums gemeine Wesen Könnt ihr ihm nicht an der Nase lesen.
So liebe Lotte heissts auch hier: Ich schicke da mein Bildniss dir! Magst wohl die lange Nase sehn, Der Augen Blick, der Locken Wehn, Es ist ohngefähr das ~garstge Gsicht~ Aber meine Liebe siehst du nicht.
G.
* * * * *
Dasselbe Gedicht, mit einigen Varianten und seiner Silhouette, hat Goethe bei dem späteren Briefe Nr. 101 übersandt. Beide sind, des Zusammenhangs wegen, im _Fac simile_ ~hier~ nachgefügt.
Dort ist der im Gedicht hier hervorgehobene Ausdruck: »~garstge Gsicht~« erläutert.
83.
Goethe an Kestner.
Die liebe Max de la Roche heurathet -- hierher einen angesehnen Handelsmann. Schön! Gar schön.
Euer Hans schreibt mir immer wies im deutschen Haus hergeht, und so hab ich eine komplete Chronick aller Löcher, Beulen, und Händel von einigem Belang seit eurer Abreise.
Obs wahr ist daß Dorthel heurathet?
In unsrer Stadt ist ein unerhörter Stern, seit einem halben Jahre haben wir wohl zwanzig Heurathen von Bedeutung. Unsre zwo nächsten Nachbarinnen haben mit meiner Schwester fast in einer Woche sich vergeben.
Der Türner bläst, die Glocken läuten, die Trommel geht, und dort hinten fängts an zu tagen.
Ich bin auch zeither fleisig gewest hab viele kleine Sachen gearbeitet, und ein Lustspiel mit Gesängen ist bald fertig, auch einige ansehnlichere Stücke in Grund gelegt, und nun wird drüber studirt.
Obiges Lustspiel ist ohne grossen Aufwand von Geist und Gefühl, auf den Horizont unsrer Akteurs und unsrer Bühne gearbeitet. Und doch sagen die Leute es wären Stellen drinn die sie nicht prästiren würden. Dafür kann ich nachher nicht.
Ihr sollts im Msspt. haben.
Hat Lotte den Can. Jacobi gesehn, gesprochen. Er ist auf sie aufmerksam gewesen, merk ich. Ist er noch da.
Falcke ist ein trefflicher Junge, mich freuts dass er Liebe zu mir hat, er schreibt mir manchmal. Merck und ich haben eine wunderliche Scene gehabt, über eine Silhouette die Lavater mir schickte, und die Lotten viel ähnlich sieht. Es lässt sich nicht sagen wies war. Es war den Abend seiner Ankunft, und ich habe draus gesehn dass er Lotten noch recht liebt. Denn wer Lotten kennt und nicht recht liebt, den mag ich auch nicht recht.
Adieu ihr Kinder es wird Tag.
Wisst ihr schon dass Höpfner die Jungfer Thomä geheurathet hat.
Schreibt mir bald. Und ergözt euch an der Erinnerung meiner, wie ich mich an euch ergötze.
G.
84.
Goethe an Hans.
Gratulire lieber Hans zur glücklichen Genesung und wünsche dass mein Brief euch alle wieder gesund treffen möge. Geben Sie einliegenden Brief Hrn. Krafft Bremischen Canzellisten der so gut seyn wird ihn Hrn. Kestner zu übermachen. Empfelen sie mich dem lieben Papa und Schw. Carlingen. Viele Grüße an Msll Lenchen, Dorthel und Anngen, und die andern Mädgens und Bubens sollen brav seyn, und Mandeln haben und Bilder wenn ich komme.
G.
Sagen Sie doch Lengen sie soll Lotten die Läppgen zum Flicken des blaugestreiften Nachtjäckgens schicken, die sie vergessen hat. sie werden sich wohl finden. Oder besser lass er sich sie von Lengen geben und schick er mir sie mit der fahrenden Post ich will sie Lotten schicken es muß ihr aber niemand davon was schreiben.
85.
Goethe an Hans.
Mich freuts lieber Hans dass er so brav ist, und sich das _Primat_ nicht nehmen lässt. Wenn nun auch alles wieder hergestellt ist im Hause so wünsch ich guten bestand. Ich danke für die Läppgen, dass nur niemand Lotten was davon schreibt. Meld er mir doch baldigst wann der Fuhrmann nach Hannover geht, ich hab ein Kästgen, allein er müssts dem Manne wohl rekommandiren, denn es ist zerbrechliche Waar, daß säuberlich mit umgegangen würde.
Adieu lieber Hans lassts euch das Obst recht schmecken, und grüss er den Papa und das ganze liebe Wesen im deutschen Haus. Adieu.
G.
86.
Goethe an Hans.
Lieber Hans ich dank ihm recht sehr für seine Briefe, fahr er ich bitte so fort.
Hier sind vier Exemplar Iris, die ist er so gut und bestellt sie an die vier Damen die hier auf dem Zettelgen genannt sind.
Er hat noch, wenn ich mich nicht irre Geld von mir in Verwahrung, das bitt ich ihn als ein Cristgeschenk anzunehmen, und seinen Geschwistern auch etwas davon zu Gute zu thun.
Grüss er Papa und die Schwestern und Msll Brand. Will denn noch keine der Lotte nachfolgen?
G.
87.
Goethe an Lotte.
(Frankfurt den 31. Oct. 1773)
Ich weis nicht liebe Lotte ob meine Muthmasung Grund hat, dass Sie in kurzem ein Negligee brauchen werden, wenigstens kommt mirs so vor. Und da ich über diesen wichtigen Punct nachdachte, sprach ich zu mir selbst: Sie geht gerne weis, alles Nesseltuch ist verbannt im Winter, außer gesteppt und da sieht sie zu altmütterlich drinn aus &c. hierüber trat die vorsichtige Göttin der Mode zu mir und überreichte mir beykommendes Zeug, das ausser der Dauer alle Qualitäten hat. Es ist Nesseltuch, hat also alle dessen Tugenden, die Atlassstreifen machen es zur Wintertracht; kurz und gut, zum Schneider mit, dass der aber fein säuberlich verfahre. _NB_ es darf mit keiner andern Farbe als weis gefüttert werden, die ich gesehen habe, hatten weis Leinwand drunter. Das Stück gibt iust ein Negligee, über Poschen.
Zugleich überschicke auch, die hinterlassene Läppchen des blau und weisen Nachtiäckchens, und bitte über die neu angekommene Vornehme Freundschafft die alte treue nicht zu vergessen.
Adieu liebe Lotte grüssen Sie mir das Männgen, erinnern Sie sich der alten Zeit wie ich.
Frankfurt am 31. Octbr. 1773. als am Tage Wolfgang -- -- --
Goethe.
88.
Goethe an Kestner.
Am ersten Christtage, morgends nach sechs. (1773.)
Es ist ein Jahr dass ich um eben die Stunde an euch schrieb, meine lieben, wie manches hat sich verändert seit der Zeit.
Ich hab euch lange nicht geschrieben, das macht dass es bunt um mich zugeht.
Ich danke dir liebe Lotte dass du mir für meine Spinneweben einen Brief geschenkt hast. Wenn ich das gehofft hätte, wäre mein Geschenk eigennützig gewesen. Ich habe ihn wohl hundertmal geküßt. Es giebt Augenblicke wo man erst merkt wie lieb man seine Freunde hat.
Ich kann euch die Freude nicht beschreiben die ich hatte ~Merken~ wieder zu sehn, er kam acht Tage eh ich's vermuthete, und sas bey meinem Vater in der Stube, ich kam nach Hause, ohne was zu wissen, tret ich hinein und höre seine Stimme eher als ich ihn sehe. Du kennst mich Lotte.
Die Stelle in deinem Brief die einen Wink enthält von möglicher Näherung zu euch, ist mir durch die Seele gangen. Ach es ist das schon so lange mein Traum als ihr weg seyd. Aber es wird wohl auch Traum bleiben. Mein Vater hätte zwar nichts dagegen wenn ich in fremde Dienste gienge, auch hält mich hier weder Liebe noch Hoffnung eines Amts -- und so scheint es könnt ich wohl einen Versuch wagen, wieder einmal wie's draussen aussieht.
Aber Kestner, die Talente und Kräffte die ich habe, brauch ich für mich selbst gar zu sehr, ich binn von ieher gewohnt nur nach meinem Instinkt zu handeln, und damit könnte keinem Fürsten gedient seyn. Und dann biss ich politische Subordination lernte -- Es ist ein verfluchtes Volk, die Franckfurter, pflegt der Präs. v. Moser zu sagen, man kann ihre eigensinnigen Köpfe nirgends hin brauchen. Und wenn auch das nicht wäre, unter all meinen Talenten ist meine Jurisprudenz der geringsten eins. Das bissgen Theorie und Menschenverstand richtens nicht aus -- Hier geht meine Praxis mit meinen Kenntnissen Hand in Hand, ich lerne ieden Tag und haudere mich weiter. -- Aber in einem Justiz-Collegio -- Ich habe mich von ieher gehütet ein Spiel zu spielen da ich der unerfahrenste am Tisch war -- Also -- doch möcht ich wissen ob deine Worte etwas mehr als Wunsch und Einfall waren.
Meine Schwester ist brav. Sie lernt leben! und nur bey verwickelten misslichen Fällen erkennt der Mensch was in ihm stickt. Es geht ihr wohl und Schl. ist der beste Ehemann wie er der zärtlichste und unverrückteste Liebhaber war.
89.
Goethe an Hans.
Hier ist ein guter Freund von mir, ich wäre gern mitgekommen lieber Hans, aber das will nicht gehn. Wenn ihr mich lieb behaltet, so hoff ich doch einmal zu erleben, dass ich euch wieder sehe. Was er an Hr. Plitt thut will ich für mich annehmen. Bring er ihn zu Brandts, und grüs er die Schwestern denen der junge Mann auch ohne mein Empfel wohlgefallen wird. Meine Buben sollen mich lieb behalten. Ich schick ihnen was aus der Mess. Sophie und Annel haben mich hoff ich nicht vergessen. Sey er immer brav. Die ~Franckf. Zeitungen~ kauff er sich nicht, er kann sie zu nichts brauchen. Wenn ich ein gut Buch für ihn finde schicke ichs ihm. Adieu und vergiss er nicht zu schreiben.
Goethe.
90.
Goethe an Hans.
Lieber Hans bitt er Anngen um Verzeihung dass ich nicht ihr meine Comission ausgerichet. Hr. Schmidt kann keine Muster geben, aber Stücke will er einige schicken. Nun soll Anngen so gut seyn und schreiben was für Farben und Art sie verlangen, so will ichs besorgen.
Noch eine Comission: bey Hr. v. Falck hab ich 9 fl. zu gut, hohl er sie doch ab und schick er sie mit der fahrenden Post.
Grüß er das ganze Haus. Msll Dorthel -- er weis wohl -- und Lengen. Und was Lotte schreibt und schickt mögt ich gern hören.
G.
91.
Goethe an Hans.
Lieber Hans ich habe seinen letzten Brief unglücklicher Weise verlegt, also muss ich ihn bitten: mir Anngens und Carlingens Comission noch einmal zu melden, was sie für Farben haben wollen. Grüs er alles. Adieu.
G.
92.
Goethe an Hans.
Lieber Hans es ist da wieder ein Anstos an der Comission. Er schreibt mir ich soll Anngen von beyliegendem Stückgen 3/4 Ellen schicken. Nun begreiff ich nicht was sie mit drey Viertel Ellen machen will. Sollens aber drey Ellen und ein Viertel seyn 3-1/4: so ists was anders weil aber das ins Geld laufft und über 16 fl. käme, so hab ich noch einmal anfragen wollen, grüs er sie alle. Und meld er mir was neues mit
G.
93.
Goethe an Hans.
Da schick ich lieber Hans indessen was für die Kleinen, theil er die Rosinen Feigen und Bilder unter sie, und das Buch mögen sie in Gemeinschaft haben, es kommt vom Hr. Kestner.
Behaltet mich lieb. Grüsse den Papa die Schwestern und Brandts. Adieu.
G.
94.
Goethe an Hans.
Hier schick ich Ihm, lieber Hans, ein _praemium virtutis et diligentiae_ zum neuen Jahr. Und dass er sieht was wir Franckfurter für Leute sind, auch einen neuen ~Heller~.
Grüs er mir alle liebe Leute und behalte er mich lieb.
G.
95.
Goethe an Hans.
Bestell er mir den Brief richtig und bald. Seiner ist auch bestellt. Wünsche Alberten und Ernst gute Besserung. Empfehl er mich dem Papa, grüss er die Schwestern und Lengen und Dorthel und schreib er mir manchmal.
Goethe.
96.
Goethe an Lotte.