Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit

Part 7

Chapter 74,060 wordsPublic domain

Heut Nacht weckt mich ein grässlicher Sturm um Mitternacht. Er riss und heulte, da dacht ich an die Schiffe und Antoinetten und lies mir wohl seyn in meinem zivilisirten Bette. Kaum eingeschlafen weckt mich der Trommelschlag und Lerm und Feuerrufen, ich spring ans fenster, und sehe den Schein starck aber weit. Und binn angezogen. und dort. Ein großes weites Haus, das Dach in vollen Flammen. Und das glühende Balkenwerk, Und die fliegenden Funken, und den Sturm in Glut und Wolken. Es war schweer. Immer herunter brants, und herum. Ich lief zur Grosmutter die dorthin wohnt. sie war im Ausräumen des Silberzeugs. Wir brachten alle Kostbaarkeiten in Sicherheit und nun warteten wir des Schicksaals Weeg ab. Es dauerte von Ein Uhr bis vollen Tag. Das Haus mit Seiten und hintergebäuden auch Nachbaars Werke liegt. Das Feuer ist erstickt, nicht gelöscht. Sie sind ihm nun gewachsen es wird nicht wieder aufkommen. Und so sag ich euch nun geseegnete Mahlzeit. Mit überwachten Sinnen ein wenig als hätt ich getanzt, und andere Bilder in der Immagination. Wie werden meine Tänzer nach Hause kommen seyn? Adieu liebe Lotte, liebr Kestner.

50.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. 6. Febr. 73.

Nichts denn gute Nachrichten lieber Kestner. Eure Perrücken sind halsstarrige Köpfe, biss ihnen das Wasser übern Kopf geht. Nun denn zu wisitirt, und predige denen Herren ihr guter Geist fleissig über ~Pred. Sal.~ C. 7. v. 17.[20] Da wird alles wohl seyn: Nun richtet euch ein Kestner. Zur Hochzeit komm ich nicht, aber nachher solls Leben angehn. Dass Kielmansegge so glücklich war ist mir von Herzen lieb, und allen die ihn kennen durch mich, glückwünscht ihm von meinetwegen.

Mit eurem Brief erhielt ich von Mercken dass er kommt. heute Freytags früh wird er anlangen, und Leuschenring mit, und über das alles Schlittschuh Bahn herrlich, wo ich die Sonne gestern herauf und hinab mit Kreistänzen geehret habe. Und noch andere Süjets der Freude die ich nicht sagen kann. Darüber lasst euch wohl seyn, dass ich fast so glücklich binn als Leute die sich lieben wie ihr, dass eben so viel Hoffnung in mir ist als in liebenden, dass ich sogar Zeither einige Gedichte gefühlt und was mehr ist dergleichen. Es grüsst euch meine Schwester, es grüsen euch meine Mädgen es grüsen euch meine Götter. Namentlich der schöne Paris hier zur rechten, die goldne Venus dort und der Bote Merkurius, der Freude hat an den schnellen, und mir gestern unter die Füse band seine göttliche Solen die schönen, goldnen, die ihn tragen über das unfruchtbaare Meer und die unendliche Erde, mit dem Hauche des Windes. Und so seegnen euch die lieben Dinger im Himmel.

51.

Goethe an Kestner.

_acc._ 7. Febr. 73.

Merck ist da lieber Kestner, und grüsst euch und Lotten. Hat das einliegende _novum_ mitgebracht das ich euch sende. Schafft mir doch die Blätter des Giesser Wochenblatts, da inne der Brief von Zimmermann über seine Unterredung mit dem König steht, Es werden die ersten seyn dieses Jahrs. Grüsst lenchen und meine Bubens.

52.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. d. 12. Febr. 73.

hat mich nach so langer Pause euer Brief wohl ergötzt, und ist gut dass alles so ist.

Die Reuters dauern mich und Lotte mit.

Merck ist fort und hat ein neu Papier unter Lottens Gesicht veranstaltet so schön blau wie aus dem Himmel herunter geschienen, ich habe mich gestern lang mit meinem Vater drüber unterhalten das sich endigte: ob denn Kestner sie nicht bald herüber brächte, meynte er, dass man sie auch kennen lernte.

Ich bereite ietzo ein stattlich Stück Arbeit zum Druck. wenns fertig ist, komm ich, es euch vorzulesen.

Ehstertage schick ich euch wieder ein ganz abenteuerlich _novum_. Das Mädgen grüsst Lotten, im Charackter hat sie viel von Lengen sieht ihr auch gleich sagt meine Schwester nach der Silhouette. Hätten wir einander so lieb wie ihr zwey -- ich heisse sie indessen mein liebes Weibgen, den neulich als sie in Gesellschafft um uns Junggesellen würfelten, fiel ich ihr zu. Sie sollte 17 abwerfen, hatte schon den Muth aufgeben und warf glücklich alle 6. Adieu Alter. Erinnere die Leute fleisig an mich.

53.

Goethe an Kestner.

Ich hab allerley tentirt, aber der Mez blieb steif und fest drauf. Endlich lies er die Xr. Da sind die _Conti_.

Der Merkur kommt auf den Freytag und das Päckel an Boie.

Seegnen alle gute Geister eure Reise. Ich binn beschäfftigt genug und vergnügt. Meine Einsamkeit bekommt mir wohl. Wie langs währt. Adieu lieb Lotte nun einmal im rechten Ernst Adieu.

* * * * *

Ein hiebey befindliches quitirtes _Conto_ des Papierhändlers Metz in Frankfurt vom 11. Febr. 1773 ist, als unerheblich, nicht abgedruckt.

54.

Goethe an Kestner.

_acc._ 23/2 73.

Ihr werdet tanzen. Wohl seys euch. Alles tanzt um mich herum. Die Darmstadter, hier, überall und ich sitze auf meiner Warte.

Erinnert Lotten auf dem Ball an mich. Wo nicht so soll sies euch zur Strafe tuhn. Werdet nicht lau und lass im Schreiben. Kielmansegge alles Gute, Adieu.

G.

55.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. 26/2 73.

Es war euch gerathen dass ihr schriebt ich hätte euch bey Lotten verklagt, das gieng mir eben auf meiner Warte im Kopf herum.

Ein Paar Tage her binn ich übel dran. Ein Teufels Ding wenn man alles in sich selbst sezen muss, und das selbst am Ende _manquirt_. doch binn ich munter und arbeite fort. An euer Schicksaal und Entfernung mag ich nicht dencken. Ihr hättet mir nichts davon sagen sollen, es tuht mir weh. _Fiat voluntas._

Grüsst den Engel und so Gott mit euch.

56.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. 16. _Mart._ 73.

Dank euch lieber Kestner für eure Nachrichten und alles. Hier liegt ein Brief bey an Hansen der mir von acht zu acht Tagen schreiben soll wies euch im teutschen Haus geht, denn ihr seyd in einem Zustande in dem man keine Blumen pflückt, doch kann ich ihrer nicht entbehren, und muß auch eine _Connexion_ anspinnen mit dem teutschen Haus wenn ihr werdet den Mittelstein geraubt haben aus dem Ringe. Denn um ihrentwillen werd ich sie alle lieben mein lebenlang. und ihre Gesichter werden mir alle seyn wie die Erscheinungen der Götter.

Adieu, wies mit euch ietzt kracht nach Weise des landenden Kahns so stürmts und krachts in der Flotte in der ich diene. Mein eigen Schiff kümmert mich am wenigsten. Gegen das Frühjahr und Sommer hangen mancherley Schicksale über meine liebsten. Und ich verderbe die Zeit, welches denn auch eine Kunst ist. Adieu.

57.

Goethe an Hans. (Lottens Bruder.)

Vielgeliebter Herr Hans.

Ihr Brief an die liebe Schwester hat mich so ergötzt, dass ich nicht länger mich halten kann an Sie zu schreiben, und Sie zu bitten mir wenigstens wöchentlich einmal Nachrichten von Ihrem Haus und Hof und was drinnen vorgeht zu geben.

Ich bitte Sie darum bey unsrer alten Freundschaft die auch vor die Zukunft dauerhaft bleiben wird. Sie wissen wie lieb und herzlich mir alles ist was aus dem teutschen Haus kommt, Sie haben mich eine gute Zeit so nahe gehabt als einen Vetter und näher vielleicht. Drum, wie ich sage, lieber Hans schreiben Sie mir die Woche gewiß einmal was passirt, damit ich auch wisse wie meine Kleinen sich aufführen. Die Sie alle recht herzlich grüßen werden. Und empfehlen Sie mich Carlingen und Lengen und Lotten wenn sie wieder kommt viel hundert mal.

Der Ihrige

Goethe.

58.

Goethe an Kestner.

Merk ist nun fort und Herdern erwart ich und ihr geht auch. Adieu lieben alle. Der Wieland ist ein besserer Scribler als besorger, Ich habe noch keine ~Merkurs~ das ärgert mich verflucht. Falkens ~Manuschript~. Die euch fehlenden ~Anhang~ alles sollt ihr haben. Wolltet ihr mir wohl ein ~Packgen~ an Boje mitnehmen, wenn ihr auch nicht durch Göttingen Geht. Gott geleit euch. mein Guter Geist hat mir ein Herz gegeben auch das alles zu tragen. Ich bin gelassener als iemals.

59.

Goethe an Kestner.

Es ist höchst abscheulich und unartig von euch, mir die _Comission_ von den Ring nicht aufzutragen. Als wenns nicht natürlich wär dass ich sie doch übernehmen müsste. Und truz euch und des Teufels der euch eingab mir das zu vertragen will ich sie bestellen und sorgen dass sie schön werden wie Kronen der Auserwehlten. Adieu. Und euren Engel nichts von mir. Hans ist brav, dankt ihm. Adieu.

60.

Goethe an Kestner.

Dass ihrs nicht schon acht Tage habt, die Ringe, ist meine Schuld nicht hier sind sie und sie sollen euch gefallen. Wenigstens binn ich mit zufrieden. Es sind die zweyten. heut vor acht tage schickt mir der Kerl ein Paar so gehudelt und gesudelt. Marsch, er soll neue machen, und die sind denk ich gut. Lasst nun das die ersten Glieder zur Kette der Glückseeligkeit seyn die euch an die Erde wie an ein Paradies anbinden soll, ich binn der eurige, aber von nun an gar nicht neugierig euch zu sehn noch Lotten. Auch wird ihre Silhouette auf den ersten Ostertag, wird hoffentlich seyn euer Hochzeittag, oder wohl gar schon übermorgen aus meiner Stube geschafft und nicht eher wieder hereingehängt biss ich höre daß sie in den Wochen liegt dann geht eine neue Epoche an und ich habe sie nicht mehr lieb, sondern ihre Kinder zwar ein bissgen um ihrentwillen, doch das tuht nichts und wenn ihr mich zu Gevatter bittet so soll mein Geist zwiefältig auf dem Knaben ruhen, und er soll gar zum Narren werden über Mädgen die seiner Mutter gleichen.

Gott Hymen findet sich durch einen schönen Zufall auf meinem _Revers_.[21]

* * * * *

So seyd denn glücklich und geht. Nach Frankfurt kommt ihr doch nicht, das ist mir lieb, wenn ihr kämt so ging ich. Nach Hannover also und Adieu. Ich habe Lottens Ring eingesiegelt, wie ihrs hiest. Adieu.

* * * * *

In diesem Briefe war der folgende eingeschlossen.

61.

Goethe an Lotte.

Möge mein Andenken immer so bey Ihnen seyn wie dieser Ring, in ihrer Glückseeligkeit. Liebe Lotte, nach viel Zeit wollen wir uns wiedersehn, Sie den Ring am Finger, und mich noch immer, für Sie

Da weis ich keinen Nahmen, keinen Beynahmen.

Sie kennen mich ja.

~Adresse~

An Charlotte Buff sonst genannt die liebe Lotte abzugeben im teutschen Haus.

62.

Goethe an Kestner.

Gott seegn euch denn ihr habt mich überrascht. Auf den Charfreytag wollt ich heilig Grab machen und Lottens Sillhouette begraben. So hängt sie noch und soll denn auch hängen biss ich sterbe. Lebt wohl. Grüsst mir euren Engel und Lengen sie soll die zweyte Lotte werden, und es soll ihr eben so wohl gehn. Ich wandre in Wüsten da kein Wasser ist, meine Haare sind mir Schatten und mein Blut mein Brunnen. Und euer Schiff doch mit bunten Flaggen und Jauchzen zuerst im Hafen freut mich. Ich gehe nicht in die Schweiz. Und unter und über Gottes Himmel binn ich euer Freund und Lottens.

63.

Goethe an Kestner.

Ich hatte gleich auf eure Nachricht Kielmansegge sey hier in die meisten Wirthshäusser geschickt, konnt ihn aber nicht erfragen. Nun sagt mir Pottozelli er sey wieder fort, und habe gehört ich sey nicht hier. Sagt ihm er hätte nicht so fortgehen sollen, ich war Montags schon wieder hier als er Mittwoche wegging, und ich hatte eben um die Zeit an ihn gedacht, und gewünscht mit ihm zu seyn. Sagt ihm, von unserm Nachdruck Ossians ist Fingal ausmachend den ersten Teil fertig, kostet 36 kr., wenn er ihn will, schick ich ihn mit dem übrigen und bitte mir meinen Ossian zurück. Ich weis nicht ob ich euch schon im vorigen Briefe gebeten habe was an Boje mitzunehmen. bestimmt mir doch die Zeit wenn ihr geht. Wie stehts euerm Engel. Ich habe ein groses Commerz mit ihr. Ihre Silhouette ist mit Nadeln an die Wand befestigt und ich verliehre meist alle Nadeln und wenn ich beim Anziehen eine brauche, borg ich meist eine von Lotten, und frage auch erst um Erlaubniß &c.

Etwas verdrüsst mich. In Wetzlar hatte ich ein Gedicht gemacht, das von Rechtswegen Niemand besser verstehen sollte als ihr. Ich möcht es euch so gern schicken, hab aber keine Abschrift mehr davon. Boie hat eine durch Mercken, und ich glaube, es wird in den Musenalmanach kommen. es ist überschrieben ~der Wandrer~ und fängt an: Gott seegne dich iunge Frau. Ihr würdets auch ohne das gleich gekannt haben.

So weit dann lieb K. Lotte weis wie lieb ich sie habe. Adieu.

G.

64.

Goethe an Kestner.

Ich habe, lieber K. im letzten Pack vergessen euch die Anhänge zu schicken. Nr. 6 ist nie gedruckt worden aus Versehen. Lebt wohl und liebt mich und schreibt mir wies euch geht unterwegs und eurem Engel. Adieu Falkens _Mscpt._ schick ich euch nach, Entschuldigt mich doch.

65.

Goethe an Kestner.

_acc._ d. 12. Apr. 73. Wetzl.

Da tuht ihr wohl Kestner dass ihr mich beym Wort nehmt! O den trefflichen Menschen! »Ihr wollt ia nichts mehr von uns wissen.« Gar schön! Ich wollte freylich nichts von euch wissen, weil ich wusste ihr würdet mir nicht schreiben mögen. Sonst feiner Herr war der Tag eurem Fürsten der Abend, eurer Lotte, und die Nacht für mich und meinen Bruder Schlaff. Die Nacht fließt nun in den Abend und der arme Goethe behilft sich wie immer. Es stände euch wohl zu Gesichte -- Doch das will ich nicht sagen, ich würde mich zum Teufel geben, wenn ich euch erst darauf bringen sollte. Also Hr. Kestner und Madam Kestner Gute Nacht.

Ich würde auch hier geschlossen haben wenn ich was besseres im Bett erwartete als meinen lieben Bruder. Sieh doch mein Bett da, so steril stehts wie ein Sandfeld. Und ich habe heut einen Schönen Tag gehabt so schön dass mir Arbeit und Freude und Streben und Geniessen zusammen flossen. Dass auch am schönen hohen Sternen Abend ganz mein Herz voll war von wunderbaren Augenblick da ich zu'n Füßen eurer an Lottens Garnirung spielte, und ach mit einem Herzen, das auch ~das~ nicht mehr genießen sollte, von drüben sprach, und nicht die Wolken, nur die Berge meinte. Von der Lotte wegzugehn. Ich begreifs noch nicht wies möglich war. Denn seht nur seid kein Stock. Wer nun, oder vorher, oder nachher zu euch sagte geht weg von Lotten -- Nun was würdet ihr --? Das ist keine Frage -- Nun ich bin auch kein Stock, und binn gegangen, und sagt ists Heldentaht oder was. Ich binn mit mir zufrieden und nicht. Es kostete mich wenig, und doch begreif ich nicht wies möglich war. -- Da liegt der Haas in Pfeffer. --

Wir redeten wies drüben aussäh über den Wolken, das weis ich zwar nicht, das weis ich aber, dass unser Herr Gott ein sehr kaltblütiger Mann seyn muss der euch die Lotte lässt. Wenn ich sterbe und habe droben was zu sagen ich hohl sie euch warrlich. Drum betet fein für mein Leben und Gesundheit, Waden und Bauch &c. und sterb ich so versöhnt meine Seele mit Trähnen, Opfer, und dergleichen sonst Kestner siehts schief aus.

Ich weis nicht darum ich Narr so viel schreibe. eben um die Zeit da ihr bey eurer Lotte gewiß nicht an mich denkt. Doch bescheid ich mich gern nach dem Gesez der Antipatie. Da wir die Liebenden, fliehen, und die Fliehenden lieben.

66.

Goethe an Kestner.

_acc._ d. 12. Apr. 73.

Den Brief von gestern Abend hab ich gleich zugemacht also auf euer Pro _Mem._

1) Die Zugabe braucht wie es euch beliebt.[22] Wenn ihr die Zeitungen wollt binden lassen was soll das Sauzeug Reichswesen dabey. es war express so eingericht daß man sie wegschmeissen sollt. Auch wird der Band zu dick. Doch will ich fragen nach den Nummern.

2) Will der Hr. v. Hille einen Merkur für sich allein? und wie stehts mit Falcken, nimmt der jetzo das Exemplar allein was ihr mit teilen wolltet?

3) die _Plays_ sind in meinen händen. Heute ists so ein schöner tag dass ich möchte mit euch spazieren gehn. Adieu grüsst Hansen.

67.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. 16. Apr. 73.

Mittwochs. Ich habe Annchen gestern verfehlt, und will ietzo hingehen, ich fürchtet halb ihr mögtets seyn und mich anführen. denn ich geh morgen nach Darmstadt, und da wär überall leid gewesen. Eure Plays kriegt Anngen mit. Auch an Hansen ein Paquet. Ich habe noch den ~Pränumerations Schein~ auf die Biblischen Kupfer, ich will ihn behalten, und wenn sie herauskommen disponirt drüber. Anngen bringt euch auch fl. 2: 30 Kr. von der Karoline wieder. Der grose kostete einen Dukaten, der kleine 3 fl. 30. Auch euren Ring. Lottens Granatring will ich behalten ich hab ihr ihn so Tausendmal am Finger gesehn und am Finger geküsst er soll unter meinen Bijous liegen biss ich ein Mädgen habe die soll ihn tragen. Grüsst mir euren Engel und Lengen lieb, und schreibt wegen des Merkurs an meine Schwester, die euch grüsst.

Anngen ist lieb und brav, hat mir Lottens Brautstraus mitgebracht wohl conservirt, und ich hab ihn heut vorstecken. Ich höre Lotte soll noch schöner lieber und besser seyn als sonst, und dass ihr nicht mit kommen seyd, ist auf alle Art nicht hübsch. Grüsst mir Lengen und ihre Freundinn Dorthel, Anne hat mir alles erzählt, wie sie beysammen schlafen, und in Alles nur nicht in die Liebhaber teilen, wie der _quasi_ Hofrath fortfährt ein Esel zu seyn &c. Alles erzählt und ich mich ergötze zu hören von euch, gleich wie ich Johannistrauben zu pflücken und Quetschen zu schütteln mir ehedessen wünschte heute morgen übermorgen und mein ganzes Leben.[23] Grüßt Schneidern wenn er mein denkt, und Kielmansegg. _Pottocelli_ hat mir gestern in der Messe einen Grus von ihm bracht. Wir haben einen Teufels Reuter hier, und Comödien und Schatten und Puppenspiel, das könnt ihr Lotte sagen hätt ich ihr all gewiesen wenn sie kommen wäre, nun aber -- wärs auch gut -- Schattenspiel Puppenspiel.

68.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. 16. Apr. 73.

Nun will ich nichts weiter lieber Kestner, das wars was ich wünschte, was ich nicht verlangen wollte, denn den Geschencken der Liebe giebt die Freywilligkeit all den Werth, ihr solltet mir aus dem Schoose eures Glücks an der Seite von Eurer Lotte, die ich euch, vor tausend andern gönne, wie all das Gute was mir die Götter versagen. Aber dass ihr, weil euch das Glück die Karten gemischt hat, mit der Spadille stecht, mir ein höhnisch gesicht zieht, und euch zu eurem Weibe legt find ich unartig, ihr sollt euch darüber bey Lotten verklagen und sie mag entscheiden.

Mich einen Neider und Nexer zu heissen, und dergleichen mehr, das ist all nur seit ihr verheurathet seyd. Meine Grillen lieber müssen nun so drein gehen. Ich war mit Anngen in der Comödie. Es ist gut dass ich morgen nach Darmstadt gehe, ich verliebte mich warrlich in sie. Ihre Gegenwart hat alles Andencken an euch wieder aufbrausen gemacht, mein ganzes Leben unter euch, ihr wollt alles erzählen biss auf die Kleider und Stellungen so lebhaft, sie mag euch sagen was sie kann. O Kestner, wenn hab ich euch Lotten missgönnt im menschlichen Sinn, denn um sie euch nicht zu missgönnen im heiligen Sinn, müsst ich ein Engel seyn ohne Lung und Leber. Doch muss ich euch ein Geheimniss entdecken. Dass ihr erkennet und schauet. Wie ich mich an Lotten _attachirte_ und das war ich wie ihr wisst von Herzen, redete Born mit mir davon, ~wie man spricht~. »Wenn ich K. wäre, mir gefiels nicht. Worauf kann das hinausgehn? Du spannst sie ihm wohl gar ab?« und dergleichen. Da sagt ich ihm, Mit diesen Worten in seiner Stube, es war des Morgens: »Ich binn nun der Narr das Mädchen für was besonders zu halten, betrügt sie mich, und wäre so wie ordinair, und hätte den K. zum Fond ihrer Handlung um desto sicherer mit ihren Reizen zu wuchern, der erste Augenblick der mir das entdeckte, der erste der sie mir näher brächte, wäre der letzte unsrer Bekanntschafft,« und das beteuert ich und schwur. Und unter uns ohne Pralerey ich verstehe mich einigermassen auf die Mädgen, und ihr wißt wie ich geblieben binn, und bleibe für Sie und alles was sie gesehen angerührt und wo sie gewesen ist, biss an der Welt Ende. Und nun seht wie fern ich neidisch binn und es seyn muß. Denn entweder ich binn ein Narr, das schweer zu glauben fällt, oder sie ist die feinste Betrügerinn, oder denn -- Lotte, eben die Lotte von der die Rede ist. --

Ich gehe morgen zu Fuss nach Darmstadt und hab auf meinem Hut die Reste ihres Brautstrausses. Adieu. Es tuht mir leid von Anngen zu gehen, was würds von euch seyn es ist besser so, nur dass ich ihr Portrait nicht gemacht habe, ärgert mich. Aber es ist ein Herz und Sinn lebendig. Adieu. Ich habe nichts als ein Herz voll Wünsche. Gute Nacht Lotte. Anngen sagte heut ich hätte den Namen ~Lotte~ immer so schön ausgesprochen. ~Ausgesprochen~! dacht ich!

69.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. 23. Apr. 73. Darmst.

Dank euch Kestner für eure zwey liebe Briefe lieb wie alles was von euch kommt, und besonders jezt. Der Todt einer teuer geliebten Freundinn ist noch um mich. Heut früh ward sie begraben und ich binn immer an ihrem Grabe, und verweile, da noch meines Lebens Hauch und Wärme hinzugeben, und eine Stimme zu seyn aus dem Steine dem Zukünftigen. Aber ach auch ist mir verboten einen Stein zu sezen ihrem Andencken, und mich verdriesst dass ich nicht streiten mag mit dem Gewäsch und Geträtsch.

Lieber Kestner, der du hast lebens in deinem Arm ein Füllhorn, lasse dir Gott dich freuen. Meine arme Existenz starrt zum öden Fels. Diesen Sommer geht alles. Merck mit dem Hofe nach Berlin, sein Weib in die Schweiz, meine Schwester, die Flachsland, ihr, alles. Und ich binn allein. Wenn ich kein Weib nehme oder mich erhänge, so sagt ich habe das Leben recht lieb, oder was, daß mir mehr Ehre macht, wenn ihr wollt. Adieu. Eurem Engel tausend Grüsse

70.

Goethe an Hans.

Hier schick ich mein lieber Hr. Hans, aus der Messe was, wird hoffentlich zu West und Hosen reichen, sollt was abgehn schreiben Sies ohne Umstände. Wenn Sie es anhaben und herumspringen, auf die Jagd gehen, oder sonst lustig sind, so gedenken Sie meiner. Küssen Sie Lotten die Hand und Lenchen von mir, und die Kleine viel hundertmal von Ihrem Freunde

Goethe.

71.

Goethe an Hans.

Lieber Herr Hans. Ich danke von Herzen für ihr Andencken, werden Sie nicht müde mir zu schreiben. Ich binn manchmal sehr allein, und so ein lieb Brieflein freut mich sehr. Gott vergelts wenn ichs gleich nicht kann, und mache Sie gros und starck und so glücklich als Sie brav sind.

Goethe

72.

Goethe an Kestner.

_acc._ 30. Apr. 73. Darmst. Sonntag.

Lieber Kestner ihr wisst mein Leben läßt sich nie detailliren und vielleicht heute weniger als jemals, heut wars ein Gewirre, ein recht toll und wunderbaar Leben. Sonntag! Wie ruhig werdet ihr bey Lotten gesessen haben.

In 14 Tagen sind wir all auseinander; und es geht so im Hurry dass ich nicht weiss wo mir der Kopf steht, wie noch Hoffnung und Furcht ist. Gott verzeihs den Göttern die so mit uns spielen. Auf dem Grabe -- Ich will nicht davon wissen will alles vergessen. Vergesst alles in Lottens Armen, und dann arbeitet euer Tagewerk Genießt der Sonne, und wie ich euch liebe sey euch gegenwärtig in Stunden der Ruh.

Ich hab Hansens Brief kriegt und euer Nachschreiben. Sagt ihm er soll mehr ins Detail gehn. Er denkt nur er müsste ~Merkwürdigkeiten~ schreiben, ist nicht alles dorten merkwürdig?

73.

Goethe an Kestner.

_acc._ W. _5. Maii 73_.

Lieber Kestner ich binn wieder in Franckfurt und Gott sey Dank, wir haben wunderbare Scenen gehabt und bald wird alles ausgerauscht haben.

Wie lebt ihr und wie lang bleibt ihr noch?

Die Flachsland ist verheurathet, an Herdern. Wißt ihr schon was davon. Vorgestern war ich gegenwärtig der Trauung und gestern ging ich herüber.

Den Merkur in _duplo_ schick ich euch, sorgt doch noch daß ich das Geld kriege. Die zwey machen iust 9 fl.

Adieu lieber küßt Lotten von meinetwegen auch einmal. Adieu.

74.

Goethe an Hans.

Lotte ist nun fort, und ich nehme so viel teil dran dass sie weg ist als eins vom Hause. Aber ohngeachtet dessen lieber Hans wollen wir nicht aufhören einander zu schreiben. Sie hören doch immer eher etwas von unsrer Lotte und das melden sie mir treulich. Grüsen sie mir das liebe Lengen und sagen Sie ihr, da nun Lotte weg sey und sie die zweyte Lotte sey für euch, so sey sies auch für mich, und ich sehne mich sie zu sehn, wenns möglich ist, so komm ich den Sommer. Adieu lieber Hans. Empfehlen sie mich dem Papa. Und grüssen mir die Jungens.

Wenn Schwester Caroline sich meiner erinnert so küssen sie ihr die Hand, und Sophien und Amalgen ein paar Mäulger von mir.

G.

75.

Goethe an Hans.