Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit
Part 6
Hierauf habe H... andern Morgens das Billet an Jerusalem geschrieben &c.
30.
Goethe an Kestner.
_acc._ von Darmstadt zu Wetzl. 30. Nov. 72.
Ich dank euch lieber Kestner für die Nachricht von des armen Jerusalems Todt, sie hat uns herzlich interessirt. Ihr sollt sie wieder haben wenn sie abgeschrieben ist.
Merck läßt euch grüssen auch seine Frau, die immer darauf besteht ihr müsstet ein recht braver Mensch seyn. Henry geht alle Abend in die Komödie und kümmert sich nichts um die Welt. Euer Grus an die Flachsland hat mir einen Kuss getragen ich bitte euch grüsst öfter, so mag ich gern Porteur seyn. Ich soll euch sagen, dass sie euch tausendfaches Liebesglück wünscht, und alle möchten Lotten kennen. Ich pflege viel von ihr zu erzählen da denn die Leute lächlen und argwohnen es möchte meine Geliebte seyn, biss Merck versichert von der Seite sey ich ganz unschuldig. Grüsse mir Dorteln und Carolinen und alle meine Bubens. Gestern fiel mir ein an Lotten zu schreiben. Ich dachte aber, alle ihre Antwort ist doch nur, wir wollens so gut seyn lassen, und erschiessen mag ich mich vor der Hand noch nicht. An Gottern hab ich eben geschrieben, und ihm eine Baukunst geschickt.
Goethe.
31.
Goethes's Schwester an Kestner.
Dienstag den 1. Dec. (1772.)
Hier schick ich Ihnen die Helffte von dem verlangten Buch, die andere folgt Morgen, weil es auf einmahl ein wenig zu stark geworden wäre. Das Exemplar habe ich in meines Bruders Zimmer gefunden, wenn er wiederkommt mag er sich ein anderes kauffen, und dann kann er Ihnen den Preis melden. -- Leben Sie wohl, lieber Freund, grüsen Sie Lottchen recht schön und sagen Sie Ihr, dass ich alle Abend um zehn Uhr den Marsch auf meiner Zitter spiele, und dabey an sie denke --
Hr. Schlosser grüsst Sie beyderseits von ganzem Herzen.
Goethe.
32.
Goethes's Schwester an Kestner.
Freytag d. 4. Dec. (1772.)
Eben erhalte ich Ihren Brief, lieber Freund, die zwey verlangte Exemplare sollen ehestens erscheinen; schreiben Sie mir nur ob sie wie das vorige überschickt werden sollen, und ob's die Post nicht übel aufnimmt. -- Leben Sie wohl.
Mein Bruder hat auch uns geschrieben, er denkt noch nicht ans wiederkommen.
G.
33.
Goethe an Kestner.
_acc._ Wetzl. 8. Dec. 72. -- Am sechsten.
Ich binn noch immer in Darmstadt und -- wie ich immer binn. Gott seegne euch, und alle Liebe und allen guten Willen auf Erden. Es hat mir viel Wohl durch meine Glieder gegossen der Aufenthalt hier, doch wirds im Ganzen nicht besser werden. _Fiat voluntas._ Wie wohl es euch ist, und nicht erschieserlich, gleich wie es niemanden seyn kann der auf den drey steinernen Treppen zum Hause des Herren -- Amtmann Buff -- gehet, hab ich aus eurem Briefe ersehen, und geliebt es Gott, also in _Saecula Saeculorum_. Lottens Wegwerfung, meiner treugesinnten, Nichtbriefschreibegesinnungen hat mich ein wenig geärgert, das heist starck, aber nicht lang, wie über alle ihre Unartige Arten mit den Leuten zu handeln, darüber Dortel Brandt, die Gott bald mit einem wackern Gemahl versorge, mich mehr als einmal ausgelacht hat. -- Als da sind Pflückerbsen und Kälberbraten &c.
Hier will man euch vieles Wohl, und ist wohl, und gut, auf Menschen Art, nicht mehr und weniger, als recht gute Menschen Art.
Adieu. Hört nicht auf so lang ihr mich liebt, mich offt zu euch zu versezen, das auf ein Blätgen Papier und Federgekrize ankommt das ihr doch offt um Leidiger Reichs Mängel schwadroniren müsst. Adieu.
Von nun an lieber Freund ihre Briefe nach Franckfurt.
34.
Goethe an Kestner.
_acc._ Wetzl. 13. Dec. 1772.
Das ist trefflich, ich wollte eben fragen ist Lenchen da, und ihr schreibt mir sie ists. Wär ich nur drüben, ich wollt eure Discurse zu nichte machen, und Schneidern das Leben sauer, ich glaube ich würde sie lieber haben als Lotten. Nach dem Portrait ist sie ein liebenswürdiges Mädgen, viel besser als Lotte, wenn nicht eben iust das -- Und ich binn frey, und liebebedürftig. Ich muss sehen zu kommen, doch das wäre auch nichts.
Da binn ich wieder in Franckfurt gehe mit neuen Plans um und Grillen, das ich all nicht tuhn würde hätt ich ein Mädgen.
Adieu, schreibt mir bald wieder da habt ihr 3 Baukunst. Gebt doch die andern guten Leuten, Schneidern z. Ex. und grüsst ihn.
35.
Goethe an Kestner.
_acc._ Wetzl. d. 16. Dec 72.
Gestern Abend lieber Kestner unterhielt ich mich eine Stunde mit Lotten und euch in der Dämmerung darüber wards Nacht, ich wollte zur tühr hinaustappen, und kam einen Schritt zu weit nach rechts, tappte Papier -- es war Lottens Silhouette, es war doch eine angenehme Empfindung, ich gab ihr den besten Abend und ging.
Eben fiel mirs auch ein sie soll mir das Meubel nun schicken, lieber Kestner sorgt mir dafür dass sies euch giebt, und packt mirs wohl in eine Schachtel, und lasst sie ein Papiergen schneiden, wie gros er seyn soll, lasst ihr keine Ruhe ich schreib euch keine Sylbe bis ich den Kamm habe. Denn wir sind arme sinnliche Menschen, ich möchte gern wieder was für sie, was von ihr in den Händen haben ein sinnliches Zeichen wodurch die geistliche unsichtbaare Gnadengüter &c. wies im Cathechismus klingt.
Euer Brief macht mir viel Freude, lieber Kestner schickt mir eine Silhouette im grosen von Lenchen, ich habe sie recht lieb. Verderbt mir das Mädgen nicht. Seit ich von Darmstadt wieder hier binn, binn ich ziemlichen Humors, und arbeite brav. Abenteuerlich wie immer, und mag herauskommen was kann. _NB._ mit Ende dieses Jahrs hören wir samt und sonders auf die Zeitung zu schreiben, dann wirds ein recht honettes Stück Arbeit geben. Macht das bekannt soweit eure Leute an uns teil nehmen.
Dass Lotte jemand lieber hat als mich ausser euch, das sagt ihr könnte mir einerley seyn, der Zweyte oder der Zwanzigste ist eins. Der erste hat immer 99 Theil vom ganzen, und ob dann einer das hundertste Teil allein hat oder mit zwanzigen Teilt ist ziemlich eins, und dass ich sie so lieb habe ist von ieher uneigennützig gewesen.
Grüst mir Carolinen recht viel.
Klinkern hab ich nicht gesehn, aber viel mehr guts davon gehört als der Frkfurter Rezensent davon sagt. Eure Briefe kommen nicht in fall verbrannt zu werden. Ich habe schon dran gedacht. Aber zurück kriegt ihr sie auch nicht. Wenn ich sterbe will ich sie euch vermachen.
Wenn Lotte eine recht gute Stunde hat grüsst sie von mir, der ich euch von Herzen liebe.
Goethe
Das Exemplar von der Lettre _sur l'homme_ kostet 30 kr.
36.
Goethe an Kestner.
Lieber Kestner euer Brief traf mich eben als ich eine Rolle versiegelte die ihr mit Morgen fahrender Post kriegt. Es ist Tamis für meine zween kleine Buben zu Wamms und Pumphosen, sonst Matelot genanndt. Lassts ihnen den Abend vor Cristag bescheeren, wie sichs gehört. Stellt ihnen ein Wachsstöckgen dazu und küsst sie von mir. Und Lotten den Engel. Adieu lieber Kestner euer Brief hat mir himmlische Freude gemacht. Ich hab auch heut einen von Versailles vom Bruder Lersen. Grüsst mir sie alle und habt mich lieb. Adieu.
37.
Goethe an Kestner.
_acc._ Wetzl. d. 26. Dec. 72.
Cristtag früh. Es ist noch Nacht lieber Kestner, ich binn aufgestanden um bey Lichte Morgens wieder zu schreiben, das mir angenehme Erinnerungen voriger Zeiten zurückruft; ich habe mir Coffee machen lassen den Festtag zu ehren und will euch schreiben biss es Tag ist. Der Türner hat sein Lied schon geblasen ich wachte drüber auf. Gelobet seyst du Jesu Crist. Ich hab diese Zeit des Jahrs gar lieb, die Lieder die man singt; und die Kälte die eingefallen ist macht mich vollends vergnügt. Ich habe gestern einen herrlichen Tag gehabt, ich fürchtete für den heutigen, aber der ist auch gut begonnen und da ist mir fürs enden nicht Angst. Gestern Nacht versprach ich schon meinen lieben zwey Schattengesichtern euch zu schreiben, sie schweben um mein Bett wie Engel Gottes. Ich hatte gleich bey meiner Ankunft Lottens Silhouette angesteckt, wie ich in Darmstadt war stellen sie mein Bett herein und siehe Lottens Bild steht zu Häupten das freute mich sehr, Lenchen hat jetzt die andere Seite ich dank euch Kestner für das liebe Bild, es stimmt weit mehr mit dem überein was ihr mir von ihr schreibt als alles was ich imaginirt hatte; so ist es nichts mit uns die wir rathen phantasiren und weissagen. Der Türner hat sich wieder zu mir gekehrt, der Nordwind bring mir seine Melodie, als blies er vor meinem Fenster.
Gestern lieber Kestner war ich mit einigen guten Jungens auf dem Lande, unsre Lustbarkeit war sehr laut und Geschrey und Gelächter von Anfang zu Ende. Das taugt sonst nichts für die kommende Stunde, doch was können die heiligen Götter nicht wenden wenns Ihnen beliebt, sie gaben mir einen frohen Abend, ich hatte keinen Wein getrunken, mein Aug war ganz unbefangen über die Natur. Ein schöner Abend als wir zurückgingen es ward Nacht. Nun muss ich dir sagen das ist immer eine Sympatie für meine seele wenn die Sonne lang hinunter ist und die Nacht von Morgen herauf nach Nord und Süd um sich gegriffen hat, und nur noch ein dämmernder Kreis vom abend heraufleuchtet. Seht Kestner wo das Land flach ist ists das herrlichste Schauspiel, ich habe jünger und wärmer Stunden lang so ihr zu gesehn hinab dämmern auf meinen Wandrungen. Auf der Brücke hielt ich still. Die düstre Stadt zu beyden Seiten, der Still leuchtende Horizont, der Widerschein im Fluss machte einen köstlichen Eindruck in meine Seele den ich mit beyden Armen umfasste. Ich lief zu den Gerocks lies mir Bleystifft geben und Papier, und zeichnete zu meiner grossen Freude, das ganze Bild so dämmernd warm als es in meiner Seele stand. Sie hatten alle Freude mit mir darüber empfanden alles was ich gemacht hatte und da war ichs erst gewiss, ich bot ihnen an drum zu würfeln, sie schlugens aus und wollen ich solls Mercken schicken. Nun hängts hier an meiner Wand, und freut mich heute wie gestern. Wir hatten einen schönen Abend zusammen wie Leute denen das Glück ein großes Geschenck gemacht hat, und ich schlief ein den heiligen im Himmel dankend, dass sie uns Kinderfreude zum Crist bescheeren wollen. Als ich über den Markt ging und die vielen Lichter und Spielsachen sah dacht ich an euch und meine Bubens wie ihr ihnen kommen würdet, diesen Augenblick ein Himlischer Bote mit dem blauen Evangelio, und wie aufgerollt sie das Buch erbauen werde. Hätt ich bey euch seyn können ich hätte wollen so ein Fest Wachsstöcke illuminiren, dass es in den kleinen Köpfen ein Wiederschein der Herrlichkeit des Himmels geglänzt hätte. Die Tohrschließer kommen vom Bürgermeister, und rasseln mit Schlüsseln. Das erste Grau des Tags kommt mir über des Nachbaars Haus und die Glocken lauten eine Cristliche Gemeinde zusammen. Wohl ich binn erbaut hier oben auf meiner Stube, die ich lang nicht so lieb hatte als ietzt. Sie ist mit den glücklichsten Bildern ausgeziert die mir freundlichen guten Morgen sagen. Sieben Köpfe nach Raphael, eingegeben vom lebendigen Geiste, einen davon hab ich nachgezeichnet und binn zufrieden mit ob gleich nicht so froh. Aber meine lieben Mädgen. Lotte ist auch da und Lenchen auch. Sagen Sie Lenchen ich wünschte so sehnlich zu kommen und ihr die Hände zu küssen als der Musier der so herzinnigliche Briefe schreibt. Das ist gar ein armseliger Herre. Ich wollte meiner Tochter ein Deckbette mit solchen Billetdous füttern und füllen, und sie sollte so ruhig drunter schlafen wie ein Kind. Meine Schwester hat herzlich gelacht, sie hat von ihrer Jugend her auch noch dergleichen. Was ein mädgen ist von gutem Gefühl müssen dergleichen Sachen zuwieder seyn wie ein stinckig Ey. Der Kamm ist vertauscht, nicht so schön an Farb und Gestalt als der erste, hoffe doch brauchbaarer. Lotte hat ein klein Köpfgen, aber es ist ein Köpfgen.
Der Tag kömmt mit Macht, wenn das Glück so schnell im avanziren ist, so machen wir balde Hochzeit. Noch eine Seite muss ich schreiben so lang tuh ich als säh ichs Tageslicht nicht.
Grüst mir Kielmanseg. Er soll mich lieb behalten.
Der ....kerl in Giessen der sich um uns bekümmert wie das Mütterlein im Evangelio um den verlohrnen Groschen, und überall nach uns leuchtet und stöbert, dessen Nahme keinen Brief verunzieren müße in dem Lottens Nahme steht und eurer. Der Kerl ärgert sich dass wir nicht nach ihm sehn, und sucht uns zu necken dass wir seyn gedenken. Er hat um meine Baukunst, geschrieben und gefragt so hastig, dass man ihm ansah das ist gefunden Fressen für seinen Zahn. hat auch flugs in die Frankfurter Zeitung eine Rezension gesudelt von der man mir erzält hat. Als ein wahrer Esel frisst er die Disteln die um meinen Garten wachsen nagt an der Hecke die ihn vor solchen Tieren verzäunt und schreit denn sein Critisches J! a! ob er nicht etwa dem Herrn in seiner Laube bedeuten möchte: ich binn auch da.
Nun Adieu, es ist hell Licht. Gott sey bey euch, wie ich bey euch binn. Der Tag ist festlich angefangen. Leider muss ich nun die schönen Stunden mit Rezensiren verderben ich tuhs aber mit gutem Muth denn es ist fürs letzte Blat.
Lebt wohl und denkt an mich das seltsame Mittelding zwischen dem reichen Mann und dem armen Lazarus.
Grüßt mir die Lieben alle. Und lasst von euch hören.
38.
Goethe's Schwester an Kestner.
Montag den 4. Jen. 73.
Mein Bruder hat mir aufgetragen Ihnen zu schreiben, dass Sie so gütig seyn sollen den Herrn v. Kielmanseck zu fragen, ob er jetzt einen Theil vom Ossian will, er ist heut angekommen. --
Es freut mich recht wenn ich was von euch lieben Leuten höre, manchmal darf ich ein wenig in Ihre Briefe schielen und wenn ich da nur sehe, dass Sie alle vergnügt sind, so binn ich schon befriedigt genug. -- Leben Sie wohl, lieber Freund, ich küsse Lottchen und Lenchen, und die andern lieben Schwestern alle von ganzem Herzen.
Sophie
39.
Goethe an Kestner.
Da ists denn zu Ende unser kritisches Streifen. In einer ~Nachrede~ hab ich das Publikum und den Verleger turlupinirt lasst euch aber nichts merken. Sie mögens für Balsam nehmen.
Wollt ihr aufs nechste halbe Jahr noch versuchen, so sinds zwey gewagte Gulden. Schreibt mirs. Grüsst die liebe Lotte und Lengen. und Adieu.
Der Kamm ist abgangen, und die fehlenden ~Anhang~. Ausser Nr. 6 das kriegt ihr noch.
40.
Goethe an Kestner.
Freytag Morgens.
Diese Nacht Träumte ich von Lotten, und wie ich aufwachte sass ich so im Bett und dachte an all unser Wesen, von dem ersten Lager in Garbenheim,[15] bis zum Mondenmitternachts Gespräch an der Mauer.[16] und weiter. Es war ein schönes Leben, auf das ich ganz heiter zurücksehe. Und wie lebt ihr um den Engel? -- Ich binn ietzt ganz Zeichner, und besonders glücklich im Portrait. Da sagen mir die Mädgen: Wenn sie das nur in Wetzlar getrieben hätten und hätten uns Lotten mitgebracht. Da sag ich denn ich wollte ehstens hinüber und euch alle zeichnen. Da meynen sie das wäre kein sonderlicher Trost. Doch wenns die Leute drüben auch freut dass ich komme.
Es wird ein sonderbaares Frühjahr geben. Ich sehe nicht wie das alles auseinander gehen wird was wir angesponnen haben, indess sind Hoffnungen uns willkommen, und das übrige liegt auf den Knien der Götter.
Da ist ein Impressum komikum. Ein Exemplar Kielmanseggen und grüst ihn viel das andere etwa Schneidern.
Werdet ihr nicht einen ~Teutschen Merkur~ halten, dessen Nachricht ich hier mitteile.
41.
Goethe an Kestner.
Kann nicht unterlassen mit heutiger Post noch an Hochdieselben einige Zeile zu senden. Sintemalen wir heute mit Blaukraut und Leberwurst unser Gemüth ergözt. Werden das abenteuerliche Format[17] verzeihen, wenn denenselben _attestire_, dass es stehenden Fusses in dem Zimmer der so tugendbelobten Mamsell Gerocks gefertiget wird. Dienet sodann zur freundlichen Nachricht dass wegen gestern abendigen unmässiglicher Weisse zu uns genommenem Wein, die Christliche Nachtruhe durch mancherley so seltsamlich als verdrüssliche Abenteuer genecket und gestört worden. Versezte uns nähmlich ein guter Geist zuerst nach Wetzlar in den Cronprinzen zwischen Gesprächige Tischgesellschafft die der leidige Teufel auf die noch leidigere Philosophey zu diskuriren brachte, und mich in seinen Schlingen verwickelte, bald darauf fiel mir schweer aufs Herz ich habe Lotten noch nicht gesehn, eilte zu meiner Stube, den Hut zu holen, die ich denn nicht finden konnte sondern durch Kammern, Säle, Gärten, Einöden, Wälder, Bilderkabinets, Scheuern Schlafzimmer Besuchzimmer Schweineställe, auf eine unglaublich wunderbaare Weise mit geängstigtem Herzen herumgetrieben wurde, biss mich endlich ein guter Geist in Gestalt des Kronprinzen _Caspars_ an einer Galanteriebude antraff und über drey Speicher und Kornböden vor mein Zimmer brachte, wo denn zum Unglück sich kein Schlüssel fand, dass ich mich resolvirte über ein Dach und Rinne zum Fenster hineinzusteigen. Gefahr und Schwindel und fallen und was folgt. Genug ich habe Lotten nicht zu sehn gekriegt. Also dass gegen Morgen erst in einen süsen Schlaff fiel und gegen halb neun erst mein Bette verlies.
Wenn nun übrigens Hochdieselben an des hl. Römisch Reichs Gerechtigkeits Purifications Wesen manche Feder verschaben, und von dem Gekriz und Gekraze in dem Heiligtuhme des deutsch Ordens sich erholen, wenn meine Buben noch über einander krabeln wie iunge Katzen, Albrecht bald die _Continuation_ des Cristen in der einsamkeit herausgiebt. Georg bald versifizirt wie Gotter Und die Grosen sich zu _Phisica_ glücklich hinan _chriisiren_ und _analysiren_
Wenn dem Papa sein Pfeifgen schmeckt Der Doctor Hofrath Grillen heckt Und sie Carlingen für Liebe verkauft Die Lotte herüber hinüber lauft Lenchen treuherzig und wohlgemuth In die Welt hinein lugen tuht. Mit dreckigen Händen und Honigschnitten Mit Löcher im Kopf, nach deutschen Sitten Die Buben jauchzen mit hellem Hauf Thür ein Thür aus, Hof ab Hof auf Und Ihr mit den blauen Augelein Gucket so ganz gelassen drein Als wäret ihr mänlein von Porzellan, Seyd innerlich doch ein wackrer Mann, Treuer Liebhaber und warmer Freund, So lass des Reichs und Cristen feind Und Russ und Preuss und Belial Sich teilen in den Erdenball Und nur das liebe teutsche Haus Nehmt von der grosen Teilung aus Und dass der Weeg von hier zu euch Wie Jakobs Leiter sey sicher und gleich. Und unser Magen verdau gesund. So seegnen wir euch mit Herz und Mund Gott allein die Ehr Mir mein Weib allein So kann ich und er Wohl zufrieden seyn.
42.
Goethe an Kestner.
Ohngeachtet nicht viel an gegenwärtigem Ding ist hab ichs doch weils zur Schnurre gehört und nur drei Bazen kost, gekauft für euch und so geseegnes euch Gott.
43.
Goethe an Lottens Schwester.
Hier liebe Caroline, schick ich Ihnen die Muster vom Atlass, und die Preise, und das Elen Maas stehn drauf. Wenn Ihnen eins gefällt, so schreiben Sie nur, so will ichs auch besorgen. Grüssen Sie mir das ganze teutsche Haus und behalten Sie mich lieb.
Goethe.
44.
Goethe's Schwester an Kestner.
Dienstag den 12. Jen. 73.
.... Mein Gesicht wird ehestens auf eine oder die andere Art erscheinen, sagen Sie aber Lottchen, dass sie sich nicht an der Stirne scandalisiren soll.
Sophie
45.
Goethe's Schwester an Kestner.
Montag den 18. Jen. 73.
Gestern Abend wie ich das Liedchen spielte, fiel mir ein, dass es vielleicht Lottchen so gut gefallen könnte als mir, und da setzte ich mich gleich hin und schrieb's --
Wir leben hier ganz einfach und recht vergnügt, wenn wir des Abends zusammen am Ofen sitzen und schwazen, oder wenn uns mein Bruder etwas vorliesst, da wünschen wir offt, dass Sie bey uns seyn und unser Vergnügen theilen könnten. -- Leben Sie wohl, lieber Freund, grüsen Sie das ganze Puffische Haus sowohl von mir als von meinen Freundinnen. --
Sophie
46.
Goethe an Kestner.
_acc._ Wetzl. d. 19. Jenner 73.
Eh ich mich zu Bette lege ist mirs noch so euch eine gute Nacht zu sagen, und der süsen Lotte, der zwar heut schon viel guten Tag und guten Abend gesagt worden ist. Vielleicht sizt ihr eben beysammen, es ist nicht viel über 10. Vielleicht tanzt ihr. Wo ihr auch seyd glücklich, und geliebt auch von mir mehr als von irgend einem andern hierunten. Und auch ich binn glücklich, ist in mir selbst wohl, denn von aussen fehlt mir nie was. Adieu ihr lieben Schreibt mir doch offt Kestner, ich binn sehr Künstler jetzt, und Künstler wißt ihr schreiben nicht gern. Ihr sollt auch dann wieder was gezeichnetes sehn.
47.
Goethe an Kestner.
_acc._ W. 20. Januar 73.
Wir sind eben von Tisch aufgestanden und mir fällt ein euch eine gesegnete Mahlzeit zu wünschen, und eine Zeitung zu schicken, dass ihr sehet wie das geworden ist. Das Publikum hier meynt der Ton habe sich nicht sehr geändert.
Adieu lieber, grüsse mir die liebe Lotte und Lengen. und die Bubens ich bin immer der eurige. Fragt Lotten ob sie mein Portrait annehmen wollte, es ist zwar nicht gemacht, aber wenns gemacht wäre. Adieu. Grüsst mir die Dorthel auch. Da habt ihr euren Jerusalem.[18]
48.
Goethe an Kestner.
_acc._ Wetzl. d. 27. Jan. 73.
So seegn euch Gott lieber Kestner, wenn ihr auch meiner gedenket, um meinetwillen. Ich binn so gewohnt Briefe von euch zu haben dass mirs wohl unfreundlich ist wenn ich von Tische aufsteh und kein Brief da ist.
Lotten sagt: ein gewisses Mädgen hier das ich von Herzen lieb habe und das ich wenn ich zu heurathen hätte gewiß vor allen andern griffe ist auch den 11. Januar[19] gebohren. Wäre wohl hübsch so zwey Paare. Wer weis was Gottes Wille ist.
Die Philosophie solle sie doch ia lesen, sagt ihr. Bey Gott sie wird ein ganz andres herrlicheres Geschöpf werden; werden ihr von den Augen fallen wie Schuppen, Irrthum, Vorurteile &c. Und wird seyn wie der heiligen Götter eine.
Sagt ihr das und gebt ihr das Buch, und wenn sie ein Blatt drinne herabliest so will ich -- _Carte blanche_ für das scheuslichste Ragout das der Teufel erfinden mag -- fressen will ichs. Ich glaub Lotte hält mich und euch fürn Narren. Sie -- in mittem Carneval -- eine Philosophie. Mach sie sich einen Domino zurecht und lass sie solche Grillen der Reuters -- die Gott weiss wenn sie alle Gaben hätte, wie St. Paulus spricht und mit Engel und Menschen Weisheit und Zungen spräche, fehlt ihr die Liebe doch und ist ein tönend Erz und eine klingende Schelle.
Sagt der goldnen Lotte ich würds ihr denken dass sie uns den Streich gespielt.
Nun Adieu. Die Anzeige des ~Visitations-Wesens~ kommt nicht in unsre Zeitung. Der Verleger fürchtet es möchte der Teufel dahinter stecken hier ist Titel und Register. Und ein Blat. Verwischts nur und die andern auch, ich brauchs nicht.
49.
Goethe an Kestner.
_acc._ 29. Januar 73. Donnerstags Vormittag.
Das waren wunderliche 24 Stunden. Gestern Abend putzt ich meine Freundinnen auf den Ball, ob ich gleich nicht selbst mitging. Der einen hat ich aus der Fülle ihres Reichthums eine Egrette von Juwelen und Federn zusammengestuzt, und sie herrlich geziert. Und einmal fiel mirs ein wärst du doch bey Lotten und puztest sie so aus. Dann ging ich mit Antoinetten und Nannen auf die Brücke einen Nachtspaziergang. Das Wasser ist sehr gross, rauschte stark und die Schiffe alle versammelt in einander, und der liebe trübe Mond ward freundlich gegrüßt, und Antoinette fand das alles paradiesisch schön und alle Leute so glücklich die auf dem Land leben, und auf Schiffen, und unter Gottes Himmel. Ich lass ihr die lieben Träume gern, macht ihr noch mehr dazu wenn ich könnte. Wir gingen nach Hause und übersetzt ihnen Homer, das ietzt gewöhnliche Lieblingslektüre ist. Die andern waren gefahren zu tanzen.