Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit

Part 4

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Bey Gott ich binn ein Narr wenn ich am gescheutesten binn, und mein Genius ein böser Genius der mich nach Wolpertshausen[7] kutschirte. und doch ein guter Genius. Meine Tage in W. wollt ich nicht besser zugebracht haben, und doch geben mir die Götter keine solche Tage mehr, sie verstehen sich aufs strafen und den Tantalus -- Gute Nacht. Das sagt ich auch eben an Lottens Schattenbild.

Sonnabends nach Tische.

Das war sonst die Zeit, dass ich zu ihr ging, War das Stündgen wo ich Sie antraff, und ietzt habe ich volle Zeit zu schreiben. Wenn Sie nur sehen sollten wie fleissig ich binn. So auf einmal das alles zu verlassen, das alles wo meine Glückseligkeit von vier Monaten lag.

Ich fürchte nicht dass ihr mich vergeßt, und doch sinn ich auf Wiedersehen. Hier mags denn gehn wie's kann, und ich will Lotten nicht eher wiedersehen als bis ich ihr _Confidence_ machen kann, daß ich verliebt binn, recht ernstlich verliebt.

Was machen meine lieben Bubens, was macht der Ernst. Es wäre besser ich schriebe euch nicht, und liesse meine Imagination in Ruhe, -- doch da hängt die Silhouette das ist schlimmer als alles. Leben Sie wohl.

12.

Goethe an Kestner.

_prs._ W. d. 4. Oct. 72.

Ich habs ja gesagt, wenn das Zeug Lotten so gut gefällt, als es ihr steht, so wird unser Geschmack gelobt. Noch schick ichs nicht, denn gegen den blauen Ausschlag hab ich einzuwenden, dass er zu hart ist dass er gar nicht steht. Entweder das grüne das hier beyliegt oder Paille -- und das letzte wäre mir am liebsten weil ich schon geweissagt habe Lotte wird einmal das gelbe lieben wie sies Rothe ietzt liebt. und da wär mirs angenehm es introduzirt zu haben. Schreiben Sie mir die Entschliessung. Nur kein Blau. Wenn sie zwischen zärtlichen Abschiedsträhnen, auch an mich denken kann so sagen Sie ihr ich sey noch hundertmal bey ihr. Dorthel Brandt ist fleissig erwähnt worden, auch Merkens Frau hat davon hören müssen. Sie sollen nur bald nach Friedberg kommen oder ich komme nach W. Grüßen Sie mir die schwarz-Augige. Uebrigens ist Wetzlar ganz ausgestorben für mich. Meinen lieben Bubens viel Grüsse. Viel Glück Hansen, und Ernsten gute Besserung. Dem Hrn. Amtmann empfelen Sie mich.

Goethe.

13.

Goethe an Kestner.

_prs._ W. 7. Oct. 72. (Frfrt.) Dienstags (6. Oct. 72.)

Morgen früh geht ab Cattun und gelehrte Zeitung, und für die Bubens Bilder, dass iedes was habe. Unsere Spektakels mit den Pfaffen werden täglich grösser. Sie prostituiren sich immer mehr und wir rencheriren drauf. Wollte ich sässe noch zu Lottens Füssen, und die Jungen krabbelten auf mir herum. Wie stehts im teutschen Haus, ist noch fried und einigkeit unter den Leuten. Lebt die Dorthel noch immer so fort. Wär ich jetzt in Wetzlar ich hätte der Lotte was zu vertrauen, wovon Sie nichts wissen dürfen. Adieu lieber Kestner, grüßen sie mir die Dorthel -- den braven Kielmannsegg auch. Ists denn wahr daß ihr noch hundert Jahr in Wetzlar bleibt man sagt im Publiko, die Vis. (Visitation) ginge wieder bald zusammen endigte mit denen _Suspensis_, drauf rückte die zweyte Klasse ein, und Hannover bleibt da! -- Es ist nicht des Reichs dass michs kümmert. Geben Sie die 4 fl. für Zeitung Bornen. Er soll auf Ordre sie bewahren.

Goethe.

14.

Goethe an Lotte.

_prs._ W. 9. Oct. 72.

Dank Ihrem guten Geist goldne Lotte, der sie trieb mir eine unerwartete Freude zu machen, und wenn er so schwarz wäre wie das Schicksaal, Danck ihm. heut eh ich zu Tisch ging, grüsst ich ihr bild herzlich, und bey Tisch -- ich wunderte mich über den seltsamen Brief, brach ihn auf und steckt ihn weg. O liebe Lotte seit ich sie das erstemal sah, wie ist das alles so anders, es ist noch eben diese Blütenfarbe am Band, doch verschossner kommt mirs vor, als im Wagen, ist auch natürlich. Danck ihrem Herzen dass Sie mir noch so ein Geschenck machen können, ich wollt aber auch in die finstersten Hölen meines Verdrusses -- Nein Lotte Sie bleiben mir, dafür geb ihnen der reiche im Himmel seiner schönsten früchte, und wem er sie auf Erden versagt dem lass er droben im Paradiese wo kühle Bäche fliessen zwischen Palmbäumen und Früchte drüber hängen wie Gold -- indessen wollt ich wäre auf eine Stunde bey Ihnen.

* * * * *

Noch was, eh ich zu Bette gehe, unsre beyden Verliebten,[8] sind auf dem Gipfel der Glückseeligkeit. Der Vater ist unter höchst billigen Bedingungen zufrieden, und es hängt nun von Nebenbestimmungen ab. Gleichfalls liebe Lotte! Gute Nacht.

15.

Goethe an Kestner.

_prs._ W. d. 11. Oct. 72. Sonnabends.

Schreiben sie mir doch gleich wie sich die Nachrichten von Goué konfirmiren.[9] Ich ehre auch solche Taht, und bejammere die Menschheit und lass alle --kerle von Philistern Tobacksrauchs Betrachtungen drüber machen, und sagen: ~Da habt ihr's~. Ich hoffe nie meinen Freunden mit einer solchen Nachricht beschweerlich zu werden.

Unser Kattun, (sintemal auch der ins große Rad der Dinge gehört) Ist noch nicht ankommen. das wundert mich. Er ist gestern vor acht Tage, oder Dienstags vor acht Tage von hier abgangen. Es ist eine Rolle Cattun, Bilder und Zeitungen. Mein Bedienter ist eben auf die Post zu fragen ob er etwa hier liegen blieben ist.

Es war noch ein Zufall dabey. In benanndter Rolle sind nur zwey Ellen -- Die dritte Kriegen Sie durch Bornen.

Wie hundertmal denck ich und Träum ich von vergangenen Scenen. Lotte, meine Jungens. Wir sind doch nur zwölf Stunden auseinander.

* * * * *

Sie versichern hier auf der fahrenden Post, daß die Rolle gestern als freytag acht Tage, nach Wetzlar abgegangen. Seyn Sie so gütig sich gleich zu erkundigen. Sie kommt im Krachbein an.

16.

Goethe an Kestner.

_prs._ W. 22. Oct. 72 von Franckfurt.

Hier ein Paar Blätter Goldeswerth. Kielmannseggen grüsst mir, sie werden ihn freuen. Der iunge Falck war gestern bey mir, ein muntrer iunger Mensch, wie ich sie liebe. Heute werd ich mit ihm spazieren gehn, und ihm Schlossern bekanndt machen.

Und Lotte -- wenn ich ans friedberger Tohr komme ist mirs als müsst ich zu euch. Mir liegt schweer auf der Seele dass ich im Zank mit Sophien weggangen binn, ich hoffe sie hats vergessen und vergeben, wo nicht so bitt ich sie drum. Schreiben Sie doch wie ich ihr stehe. Und Ammalgen wie lebt das. Von Gottern bitt ich sie nähere deutlichere Nachricht, Ihre Briefstelle von ihm ist zu mystisch. Diese paar herrliche Tage haben wir Herbst gemacht. Und mehr an Lotten gedacht als sie an mich in einem Vierteljahr. Doch hoff ich mit der Zeit auch dieser Plage los zu werden.

17.

Goethe an Kestner.

_prs._ Wetzl. 28. Oct. 72.

Hier ist abermal Zeitung. Danck Ihnen für alle guten Nachrichten. Und Lotte oder Sie wer zuerst nach Atspach kommt wird in meinem Nahmen auch den lieben Leuten Glück wünschen. Wenn ihr wüsstet wie oft ich bey euch binn und wie noch -- Manchmal steigt mir ein Zweifel auf und ich denke mir Lotten _en_ Pannier, wie sie all sind -- doch bald fällt sie mir wieder im blaugestreiften Nachtjack ein, und ihrer _Ingenuen_ Güte die sie allein hat, und dann hoff ich in ihrer Seele nicht unter der grosen unbedeutenden Anzahl verlohren zu gehn. Falcken hab ich nicht wieder gesehen. Die Wirbel der Gesellschafftlichkeit hatten ihn verschlungen. Grüsen Sie mir Kielmannseggen viel. Ich wollte ihn an seinem Krankenbette besuchen. Der dritte Urteiler ist von denen Elenden die verdamdt sind in Finsterniss des Eigendünkels ihr leben zu verschleppen. Adieu Besorgungen sollen gemacht werden. Gotter ist ein schielender Mensch. Pfuy über die Stelle seines Briefs. Das ist eckelhafte unbedeutende Zweydeutigkeit. Sein gutes Herz -- Ja die guten Herzen! Ich kenn das Pack auch.

18.

Goethe an Kestner.

Der unglückliche Jerusalem. Die Nachricht war mir schröcklich und unerwartet, es war grässlich zum angenehmsten Geschenck der Liebe diese Nachricht zur Beylage. Der unglückliche. Aber die Teufel, welches sind die schändlichen Menschen die nichts geniessen denn Spreu der Eitelkeit, und Götzenlust in ihrem Herzen haben, und Götzendienst predigen, und hemmen gute Natur, und übertreiben und verderben die Kräffte, sind schuld an diesem Unglück an unserm Unglück. hohle sie der Teufel ihr Bruder. Wenn der verfluchte Pfaff.... nicht schuld ist, so verzeih mirs Gott, dass ich ihm wünsche er möge den Hals brechen wie Eli. Der arme iunge! wenn ich zurückkam vom Spaziergang und er mir begegnete hinaus im Mondschein, sagt ich er ist verliebt. Lotte muss sich noch errinnern daß ich drüber lächelte. Gott weis die Einsamkeit hat sein Herz untergraben, und -- seit sieben iahren[10] kenn ich die Gestalt, ich habe wenig mit ihm geredt, bey meiner Abreise nahm ich ihm ein Buch mit das will ich behalten und sein gedenken so lang ich lebe.

Dank euch ihr Kinder alle, das ist heilsamer herrlicher Trost, wenn ich euer Andenken seh, und eure Freude. Es war doch gut dass es so zusammen kam, leben und Todt, Trauer und freud. Wie anders wie anders als wie sich Goué solte erschossen haben. Lebt wohl Grüsst Lotten tausendmal. Wie glücklich seyd ihr.

19.

Aus Kestners Tagebuche.

Goethe's Reise nach Wetzlar betr.

d. 6. Nov. 1772. Abends kamen zwey meiner Freunde aus Frankfurt an, der Rath Schlosser und Doctor Goethe; Ersterer wegen Geschäften, Letzterer um seine Freunde zu sehen.

d. 10. Nov. 1772. Schlosser und Goethe sind diesen Morgen nach Frankfurt zurückgereiset. Wir sind fast immer beysammen gewesen, welches mich etwas in meinen Geschäften zurückgesetzt hat.

20.

Goethe's Schwester an Kestner.

_prst._ 7. Nov. 72.

Küssen Sie Ihr liebes Lottchen von meinetwegen, und sagen Sie ihr dass ich sie von ganzem Herzen liebe.

S. Goethe.

21.

Goethe an Kestner.

_acc._ 12. Nov. 72. Wetzl. (Friedberg d. 10. Nov. 72.)

Ich binn der rechte. Ausgeschickt auf eine Local Commission, phantasir ich übers Vergangene und zukünftige. Gestern Abend war ich noch bey euch und ietzo sitz ich im leidigen Friedberg und harre auf einen Steindecker, mit dem ich die Reparatur meines verwünschten Schlosses akkordiren will. Der Weg hierher ward mir sehr kurz, wie ihr denken könnt, und wie ich heut vom Cronprinzen hinauffuhr, und ich die Deutschhaus Mauern sah, und den Weeg den ich so hundertmal, und es dann rechts ein in die Schmidtgasse lenckte. Ich wollte ich hätte gestern Abend förmlich Abschied genommen, es war eben so viel und ich kam um einen Kuß zu kurz, den sie mir nicht hätte versagen können. Fast wär ich heute früh noch hingegangen, S. hielt mich ab, dafür spiel ich ihm nächstens einen Streich, denn ich will doch nicht allein leiden. Gewiß Kestner, es war Zeit dass ich gieng. Gestern Abend hatt ich rechte hängerliche und hängenswerthe Gedanken auf dem Canapee -- --

Der Steindecker war da und ich binn so weit als vorher, und es ist ein Packet von meinem Vater ankommen darnach ich geschickt habe, das mag auch erbaulichs Zeug enthalten. Indessen binn ich doch wieder bey euch gewesen, und meine Seele ist noch bey euch und bey meinen Kleinen. Wenn der Mensch geboren wäre reine Freuden zu geniessen. --

Der Brief meines Vaters ist da, lieber Gott wenn ich einmal alt werde, soll ich dann auch so werden. Soll meine Seele nicht mehr hängen an dem was liebenswerth und gut ist. Sonderbar, dass da man glauben sollte ie älter der Mensch wird, desto freyer er werden sollte, von dem was irrdisch und klein ist. Er wird immer irrdischer und kleiner. -- Sie sehen ich binn schön im Train zu radotiren, aber Gott weis es ist nichts anders als mich mit Ihnen zu beschäfftigen und zu vergessen, wer, wo, und was ich binn.

Schlosser kommt eben von einer Ambassade wieder, die Liebe giebt ihm die Protocolle ein, er _inquirirte_ in die innersten Höllenwinkel, inzwischen bleibt alles wies ist, und wir richten mit laufen und treiben grade so viel aus, dass wir einer ansehnlichen Visitations Deputation nicht den Rang ablaufen.

Und wenn ich wieder denke wie ich von Wetzlar zurückkomme, so ganz über meine Hoffnung Liebempfangen geworden zu seyn; binn ich viel ruhig. Ich gestehs Ihnen es war mir halb angst, denn das Unglück ist mir schon oft wiederfahren. Ich kam mit ganzem, vollem, warmem Herzen, lieber Kestner da ists ein Höllenschmerz wenn man nicht empfangen wird wie man kommt. Aber so -- Gott geb euch ein ganzes Leben wie mir die paar Tage waren.

Das Essen kommt, und Gute Nacht.

Noch einmal gute Nacht. Empfelen sie mich dem alten lieben Papa, und meinen Buben. Lotten erinnern Sie im Conzert an mich auch Dortelgen. Noch etwas. Lotte hat ein Meubel das ihr zu gros ist. Ich hab sie gebeten mir zu erlauben es in ein kleineres zu vertauschen schicken Sie mirs doch wohl eingepackt auf der fahrenden.[11]

22.

Goethe an Kestner.

_acc._ 14. Nov. 72. Wetzl. von Frankfurt.

Da ist deutsche Baukunst für Kielmannseggen und Sie.

Habt Ihr im Conzert meiner gedacht und wie gehts euch.

Von Friedberg haben Sie doch den erbaulichen Brief kriegt, ich schrieb ihn um meine Seele zu beschäfftigen, die sonst ungebärdig werden wollte. Von da binn ich nach Homburg, und habe wieder das Leben Lieb gewonnen, da das erscheinen solch eines Elenden, so trefflichen Geschöpfen Freude machen kann.

Adieu, ich ruhe hier aus, auf den Montag nach Darmstadt, den Mittwoch nach Mannheim. Wo ich die Freude hoffe mit der Frl. Baschle von Lotten zu schwäzen.

23.

Goethe an Kestner.

_acc._ 15. Nov. 72. Wetzl.

Euren lieben Andenkenvollen Brief hab ich heute kriegt, und muss nur wenigstens euch dagegen sagen wie viel michs freut, und wie lieb ich euch habe.

Lotte weis wohl dass sie sagen darf was sie will, ich armer Teufel binn immer im höchsten desavantage, demohngeachtet ist sie Lotte, und es bleibt beym alten.

Da ist ein Exempl. Baukunst für Falken. Wie stehts mit meinen Köpfen.[12] Treiben Sies ia. Wollten Sie wohl Wandrern sagen, ich habe mich nach Zwiefeln erkundigt, da mich die Liebhaber versichert es seye zu spät, müsse man im September sich drum umthun, die guten seyen all ausgelesen. Demohngeachtet hab ich zum Italiäner geschickt der mir aber sagen lassen, es seyn keine mehr vorhanden. denn um diese Zeit, treiben sie schon.

24.

Kestner an v. Hennings.

Wetzlar d. 18 November 1772.

Was denken Sie wohl von mir, lieber Hennings, das möchte ich diesen Augenblick gleich wissen. Ich will zwar keine Entschuldigungen machen, aber etwas das eben so viel ist, muß ich doch sagen.

Gerade den Abend vorher, als ich Ihren lieben letzten Brief bekam, sagte mir Lottchen, ich möchte doch wieder einmal an Sie schreiben, weil ich lange nichts von Ihnen gehört hätte, und ich hatte wirklich lange vor dieser Erinnerung schon zu einem recht langen Brief geschritten, und ihn schon angefangen. Da ich Ihnen aber in demselben einige merkwürdige Begebenheiten, welche seit ein paar Jahren nahe um mich vorgegangen waren, ausführlich erzählen wollte, und ich darin oft unterbrochen wurde, so wollte ich nur das Neueste davon erzählen. Dieß fing ich wiederum so weitläuftig an, daß ich auch damit so bald fertig zu werden nicht hoffen darf; daher will ich meinen Plan ändern und Ihnen davon nur das Hauptsächlichste (wie in Summarien) erzählen, um die Communication zwischen uns einmal wieder zu eröffnen.

Sie wollen mehr von meinem Mädchen hören, und ich schreibe Ihnen nur gar zu gerne davon, und habe Ihnen so viel davon zu sagen. Mein Mädchen ist mir von Jahren zu Jahren immer werther geworden. Ich brachte mit ihr und ihrer Mutter die Stunden, die ich dazu anwenden konnte, bis vor zwey Jahren recht glücklich und vergnügt zu. Wie und auf was Art, erzählte ich Ihnen gern, wenn es nicht zu weitläuftig wäre. Diesen Herbst vor zwey Jahren aber empfing unsere Ruhe einen empfindlichen Stoß. Die beste Mutter, die je gelebt, und wie sie die Phantasie nur schildern mag, ward krank und starb. Ich glaube ich habe es Ihnen noch nicht geschrieben. Aber eines Theils war ich es bisher nicht im Stande, theils wollte ich es Ihnen mit allen Umständen, die sehr merkwürdig sind, erzählen. Dießmal bemerke ich nur was dieser Tod auf Lottchen für einen Einfluß geübt hat. Sie empfand diesen Verlust in seiner ganzen Schwere. Er milderte auch ihre Munterkeit sehr und mußte es durch die Folge noch mehr thun; denn auf sie fiel das Loos, ihrer Mutter Stelle bey den Geschwistern zu ersetzen: natürlicher Weise eine wichtige Veränderung. Sie war erst 18 Jahre alt, und hat eine ältere Schwester, die niemals die Rechte der Erstgeburt vergab; allein daß Lottchen nur ihrer Mutter Stelle vertreten konnte, war so ausgemacht und so unzweifelhaft, daß nicht nur der Vater, sondern auch die ältere Schwester, und noch mehr die jüngern Geschwister, auch das Gesinde, ja die Fremden, stillschweigend und ohne Abrede, durch eine innerliche Ueberzeugung unbewußt getrieben, darin übereinstimmten. Und sie selbst fühlte ihre Bestimmung so sehr, daß sie das Amt von dem ersten Augenblick an übernahm, und mit einer solchen Zuverlässigkeit führte, als wenn eine förmliche Uebertragung, bey ihr aber ein überlegter Entschluß vorausgegangen und sie dazu von jeher bestimmt sey. An sie wandte sich alles, auf ihr Wort geschah alles, und jedes folgte ihrer Anordnung, ja ihrem Wink; und was das vornehmste war, es schien als wenn die Weisheit ihrer Mutter ihr zum Erbtheil geworden wäre. Bis diese Stunde hat sich solches erhalten; Sie ist die Stütze der Familie, die Liebe, die Achtung derer, die dazu gehören, und das Augenmerk derer, welche dahin kommen. -- Ich sage Ihnen, es ist ein halbes Wunderwerk, ohngeachtet weder sie selbst, noch die Familie, es merkt, und jedes meynt es müßte so seyn.

Sie können denken wie diese Begebenheit bey mir ihren Werth vergrößert hat; und wenn ich vorher noch ihretwegen unentschlossen gewesen wäre, so hätte mich dieses, ohne den mindesten Zweifel übrig zu lassen, völlig entscheiden müssen; denn was vorhin meistens nur Hoffnung, nur Wahrscheinlichkeit, nur Keim, nur Anlage war, das ist jetzt sichtbare, unläugbare Gewißheit, das ist jetzt die reife Frucht und vollendete Vollkommenheit. Sie verstehen mich auch, wenn ich sage, daß diese Situation ihr nicht nur die Vollendung gegeben, sondern sie auch darin erhält, und sie vor den Abwegen bewahrt, wohin die Mädchen nur leicht gerathen, wenn sie Muße genug haben, in dem Putz, in dem zu vielen Bücherlesen, und in den anderen vermeyntlichen Vollkommenheiten, ihre Vorzüge zu suchen. Ein Mensch, deßen Urtheil von Erheblichkeit ist, gestand diesen Sommer, er hätte noch kein Frauenzimmer gefunden, daß so von den gewöhnlichen weiblichen Schwachheiten frey wäre &c. Wenn ich vor Ende dieses Briefes die Schilderung bekomme, welche er von Lottchen gemacht hat, will ich sie noch hersetzen.

Ob nun gleich die Last, welche in dieser Situation auf ihr ruht, wie leicht zu begreifen ist, leicht hindern könnte, daß ihr Werth dem nicht scharfsinnigen Auge verborgen bliebe, da sie nicht eigentlich eine sogenannte glänzende _Beauté_ ist, nach dem gemeinen Sinne; mir ist sie's; so bleibt sie doch immer das bezaubernde Mädchen, das Schaaren von Anbetern haben könnte, alte und junge, ernsthafte und lustige, Kluge und Dumme &c.

Sie weiß aber halb zu überzeugen, daß sie entweder in der Flucht oder in der Freundschaft ihr einziges Heil suchen müssen. Eines von diesen, als des merkwürdigsten, will ich doch erwähnen, weil er auf uns einen Einfluß behalten. Ein junger Mensch an Jahren (23), aber in Kenntnissen und Entwicklung seiner Seelenkräfte und seines Charakters schon ein Mann; ein ausserordentliches Genie und ein Mensch von Charakter, war hier, wie seine Familie glaubte, der Reichs-Praxis wegen, in der That aber um der Natur und der Wahrheit nachzuschleichen, und den Homer und Pindar zu studiren. Er hat nicht nöthig des Unterhaltes wegen zu studiren. Ganz von ohngefähr, nach langer Zeit seines Hierseyns, lernte er Lottchen kennen, und in ihr sein Ideal von einem vortrefflichen Mädchen; er sah sie in ihrer fröhlichen Gestalt, ward aber bald gewahr, daß dieses nicht ihre vorzüglichste Seite war; er lernte sie auch in ihrer häuslichen Situation kennen, und ward, mit einem Wort, ihr Verehrer. Es konnte ihm nicht lange unbekannt bleiben, daß sie ihm nichts als Freundschaft geben konnte, und ihr Betragen gegen ihn gab wiederum ein Muster ab. Dieser gleiche Geschmack, und da wir uns näher kennen lernten, knüpfte zwischen ihm und mir das festeste Band der Freundschaft, so daß er bey mir gleich auf meinen lieben Hennings folgt. Indessen, ob er gleich in Ansehung Lottchens alle Hoffnung aufgeben mußte, und auch aufgab, so konnte er, mit aller Philosophie und seinem natürlichen Stolze, so viel nicht über sich erhalten, daß er seine Neigung ganz bezwungen hätte. Und hat er solche Eigenschaften, die ihn einem Frauenzimmer, zumal einem empfindenden und das von Geschmack ist, gefährlich machen können: Allein Lottchen wußte ihn so zu behandeln, daß keine Hoffnung bey ihm aufkeimen konnte, und er sie, in ihrer Art zu verfahren, noch selbst bewundern mußte. Seine Ruhe litt sehr dabey; es gab mancherley merkwürdige Scenen, wobey Lottchen bey mir gewann, und er mir als Freund auch werther werden mußte, ich aber doch manchmal bey mir erstaunen mußte, wie die Liebe so gar wunderliche Geschöpfe selbst aus den stärcksten und sonst für sich selbstständigen Menschen machen kann. Meistens dauerte er mich und es entstanden bey mir innerliche Kämpfe, da ich auf der einen Seite dachte, ich möchte nicht im Stande seyn, Lottchen so glücklich zu machen, als er, auf der andern Seite aber den Gedanken nicht ausstehen konnte, sie zu verlieren. Letzteres gewann die Oberhand, und an Lottchen habe ich nicht einmal eine Ahndung von dergleichen Betrachtungen bemerken können. Kurz, er fieng nach einigen Monaten an, einzusehen, daß er zu seiner Ruhe Gewalt gebrauchen mußte. In einem Augenblicke, da er sich darüber völlig determinirt hatte, reisete er ohne Abschied davon, nachdem er schon öfters vergebliche Versuche zur Flucht gemacht hatte. Er ist zu Franckfurt und wir reden fleissig durch Briefe mit einander. Bald schrieb er, nunmehr seiner wieder mächtig zu seyn; gleich darauf fand ich wieder Veränderungen bey ihm. Kürzlich konnte er es doch nicht lassen, mit einem Freunde, der hier Geschäfte hatte, herüber zu kommen; er würde vielleicht noch hier seyn, wenn seines Begleiters Geschäfte nicht in einigen Tagen beendigt worden wären, und dieser gleiche Bewegungsgründe gehabt hätte, zurückzueilen: denn er folgt seiner nächsten Idee, und bekümmert sich nicht um die Folgen, und dieses fließt aus seinem Charakter, der ganz Original ist.

Inzwischen ist auch mein Vater gestorben, welches in seinen Folgen mich schon mehr mit den traurigen Beschwerden der Menschen bekannt gemacht hat und vielleicht noch mehr machen wird.

Damit Sie ferner wissen, wie es mit meinen geheimsten Angelegenheiten steht: Ich bin mit Lottchen in keiner weitern Verbindung, als worin ein ehrlicher Mann steht, wenn er einem Frauenzimmer den Vorzug vor allen übrigen giebt, sich mercken lässet, daß er ein gleiches von ihr wünscht und wenn sie solches thut, dieses nicht nur, sondern auch eine völlige Resignation von ihr annimmt. Dieses halte ich schon genug, um einen ehrlichen Mann zu binden, zumal wenn solches einige Jahre durch dauert. Indessen tritt bey mir noch hinzu, daß Lottchen und ich uns einander ausdrücklich erklärt haben, und es noch immer mit Vergnügen thun, ohne jedoch Schwüre oder Betheurungen hinzuzufügen. Auch habe ich schon längst ihrer seligen Mutter meine Absicht und Wunsch erklärt, inzwischen nicht verhehlt, daß ich noch Aeltern hätte, und eine geheime Verbindung nicht meine Absicht sey. Mit dem Vater habe ich noch nie eine Sylbe darüber gesprochen. Sie verlassen sich auf meine Ehrlichkeit, desfalls ich in einigem Ruf stehe, und sind ruhig, da Lottchen bisher noch zu jung und noch zu nöthig war.