Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit

Part 3

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Wenn wir in unsern Papieren erkennen, wie hoch Lotte, Kestner und Goethe über den Personen stehen, die im Werther mit ihnen in Vergleich kommen, so tritt uns auf eine merkwürdige Weise das Verhältniß des Dichters zum Menschen vor Augen. Goethe fand, durch seine Stellung unter ihnen, noch höhern Anlaß, als jene, seinen Werth als Mensch erkennen zu lassen. Denn, daß ein Mädchen von dem glücklichsten Naturell und gediegener Erziehung, dem würdigsten Mann die seit Jahren befestigte Treue bewahrt; daß dieser Mann, mit der Unschuld seines Charakters, in die Redlichkeit seiner Braut sowohl, als eines Freundes, dessen Freundschaft er sicher war, unbeschränktes Vertrauen setzt, sind die gewöhnlichsten Dinge, im Vergleich mit einer Liebe, die so groß, so stark, und so schön ist, daß sie ihm zur redlichsten und heldenmäßigsten Entsagung die Kraft gab, und ihn, der Verzweiflung nahe, vom Liebenden in den reinsten Freund verwandelte. Diese schöne Erscheinung ist fremd dem Romane. Die Welt hat entschieden, das Gedicht sey das schönste seiner Art. Noch schöner aber, sehen wir, als die Dichtung war das Leben; ja in so hohem Grade schöner, daß Goethe, die unwahrscheinliche Wahrheit zurücklassend, ein Anderes erfinden mußte, damit die Dichtung als Wahrheit erscheine. Wie räthselhaft können die Grenzen des Guten und Schönen sich in einander verschlingen! Der Dichter mußte von der moralischen Höhe herabsteigen, um sich auf dem poetischen Gipfel zu befinden, der ihn zum höchsten Dichterruhme geführt hat. Der Gegenstand seiner Liebe wurde in seinem Gedichte durch die Idee verherrlicht, daß ohne den Besitz der Geliebten zu leben unmöglich sey. Er aber war zu groß, um in der Verzweiflung unterzugehen; aus seinem Charakter konnte die zügellose Scene nicht entwickelt werden, die den Entschluß zum Selbstmorde im Werther zur Reife brachte; daher mußte er die Züge, welche dem Romane, wie er gedacht war, die Entwickelung verliehen, aus einem minder starken Manne borgen. Das Faktische hierzu, wie das Studium zu einem Gemälde, hat Kestner in seiner Skizze von Jerusalems Tode ihm in die Hand gearbeitet. Manche Stellen dieses Aufsatzes finden wir wörtlich im Werther. Mit Goethen mußten auch Lotte und ihr Gemahl, in ihren erborgten Gestalten, dem Roman zu Gunsten tiefer gestellt werden. Hätte Werthers Lotte nicht in der Entwicklungsscene gegen den Albert gefehlt, worauf sie Werther von sich wies, das Motiv zum Selbstmorde würde gefehlt haben. Und hätte das Schicksal, minder grausam, den Werther um eines Würdigeren willen, als Albert gedacht ist, untergehen lassen, dem Untergange des Helden würden weniger Thränen geflossen seyn.

Die jungen Eheleute, noch voll von der reichen Zeit, die sie so eben in steten Bezügen mit Goethen warm durchlebt hatten, mußte es um so mehr schmerzen, von eben diesem Freunde eben dieses Verhältniß rücksichtslos angewandt zu sehen, um daraus Bestandtheile eines Romans zu schöpfen, der Mißdeutungen erregen und sie persönlich in ein falsches Licht stellen konnte. Kestner mußte, in dem Gefühl, seine Gattin sich gleichsam zum Theil entrissen zu sehen, seine Lotte durch die Lotte des Gedichts, da Goethe's Liebe zu ihr bekannt war, beleidigt fühlen, sich selbst aber durch seine Entstellung in dem gedichteten Albert. Nach Empfang des Buchs daher schrieb er an Goethe einen Brief voller Vorwürfe, von welchem ein Fragment, in seinem Nachlasse gefunden, unsern Documenten unter Nr. 106 hinzugefügt ist.

Goethe, der Freund, verkannte nicht das Gewicht dieser Vorwürfe. Eine Lotte hatte er offen gepriesen. Eine Lotte erschien in dem Gedichte, in welchem zwischen Dichtung und Wahrheit keine Grenze sichtbar ist, und das in allen seinen Theilen, den erfundenen und wahren, die glühenden Farben einer zwischen Wunsch und Entbehrung erlebten Wirklichkeit an sich trägt. Im Gefühl seines Fehls hatte er daher auf die Vorwürfe nichts anderes zu erwiedern, als in den Briefen Nr. 107 und 109 die rührendsten Bitten um Verzeihung, wobei er im Rausche des Ruhms, der ihn selbst überraschte, -- denn ganz Deutschland war schon von Bewunderung des Werthers entflammt -- dem Freunde die verherrlichenden Ausdrücke entgegen rief, die von allen Seiten ihm entgegen tönten.

In dem Briefe Nr. 107 spricht er beruhigend zu den Herzen der Freunde: »Und, meine Lieben, wenn Euch der Unmuth übermannt, denkt nur, denkt, daß der alte, Euer Goethe, immer neuer und neuer, und jetzt mehr, als jemals, der Eurige ist.« Auf ihre Theilnahme an seinem Triumph vertrauend, sucht er sie in dem Briefe Nr. 109 zu trösten, indem er schreibt: »Könntet Ihr den tausendsten Theil fühlen, was Werther tausend Herzen ist, Ihr würdet die Unkosten nicht berechnen, die Ihr dazu hergebt.« An Kestner besonders richtet er die gewichtigen Trostesworte: »~Wenn ich noch lebe, so bist Du's, dem ichs danke, bist also nicht Albert -- Und also --~«. Zwar sprach er in demselben Briefe unter den Beruhigungsgründen auch die Zusage aus, binnen einem Jahre alle etwaigen Mißdeutungen des Publikums »auf die lieblichste, einzigste, innigste Weise auszulöschen.« Allein dieses, wenigstens in der Maße, wie es in der ersten Aufregung ertheilt war, übereilte Versprechen, ist, bis auf verschiedene in den folgenden Ausgaben des Werther vorgenommene Abänderungen, unerfüllt geblieben. Später kamen beide Freunde, laut der Documente Nr. 121 und 122, noch einmal auf diesen Gegenstand zurück; aber weiter reichende Aenderungen zeigten sich als unmöglich, je mehr das bewunderte Gedicht die Gemüther ergriff, und zuerst von der deutschen, dann von den andern Nationen Besitz nahm: jeder Gedanke war Eigenthum der Völker geworden, das der Geber selbst nicht zurückfordern konnte. Auch Kestner wird dieses erkannt haben und hat sich um so eher dabei beruhigen können, als das Geheimniß des Romans in dem weiten Kreise seiner Freunde und Bekannten bald hinreichend aufgeklärt war, und schon die Persönlichkeit der Ehegatten sie vor jeder falschen Beurtheilung schützte.

Das schöne Verhältniß der Freunde überhaupt, und insbesondere Kestners zugleich würdige und liebevolle Stellung zu dem minder besonnenen Jüngling, kann treffender nicht hervortreten, als durch die Lösung des von Goethe verschuldeten Mißverständnisses selbst. Seine große Indiscretion würde unverzeihlich gewesen sein, wenn er deren Gewicht hätte beurtheilen und die Wirkungen auf die davon betroffenen Freunde voraussehen können. Allein ihm waren die Schranken des gewöhnlichen Lebens gänzlich unbekannt und eben so unbekannt die Rücksichten darauf, welche den Freunden gebührt hätten. Weit entfernt daher von aller Besorgniß deßhalb, hat er vielmehr in den Briefen Nr. 97 bis 100, welche mehr oder weniger dunkle Andeutungen der künftigen Erscheinung enthalten, so wie noch zuletzt in den das übersandte Exemplar des Romans begleitenden Zetteln, Nr. 104 und 105, mit arglosester Unbefangenheit vorausgesetzt, daß die Empfänger ebenfalls sich daran erfreuen würden. Nur in dem einen Briefe Nr. 98 denkt er an die Möglichkeit eines Anstoßes und warnt sie scherzend davor. Kestner, obgleich schwer gekränkt, auch anfänglich nicht ohne Besorgniß vor den möglichen Nachtheilen für ihn und seine Gattin, spricht seinen Tadel gegen Goethe offen und kräftig, doch fern von Erbitterung aus (Nr. 106). Mit welcher Milde und Nachsicht er aber im Innern seines wohlwollenden Herzens Goethe's, des feurigen Dichters, Verfahren betrachtet, entschuldigt und verzeiht, sprechen seine Briefe Nr. 108 und 110 an v. Hennings vertraulich auf eine Weise aus, die den tiefsten Blick in seinen Charakter eröffnet. Diese Briefe, die zugleich interessante Aufschlüsse über das Verhältniß der Ehegatten zu Goethe und seinem Roman enthalten, bedürfen keines Commentars.

Damit war denn das Mißverständniß schon sogleich bei seiner Entstehung, ohne Unterbrechung des gegenseitigen Wohlwollens, gehoben, und der gewohnte Briefwechsel zwischen Goethe und Kestner dauerte bis zu des Letzteren am 24. Mai 1800 erfolgten Tode fort. Goethe's letzter vorhandener Brief an Kestner, Nr. 137, ist vom 16. Juli 1798. Wahrscheinlich sind einige andere Briefe, durch Kestners in seinen letzten Lebensjahren eingetretene große Kränklichkeit, verloren gegangen. Eben diese Kränklichkeit, neben überhäuften Dienstgeschäften, hat auch die Correspondenz von Kestners Seite in späterer Zeit beschränkt, wie Goethe in seinen Briefen ihm verschiedentlich freundlich vorgeworfen hat.

* * * * *

Um die gegenwärtigen Mittheilungen zu vervollständigen, wäre zu wünschen gewesen, daß ihnen Kestners Briefe an Goethe, worauf mehrere von Goethe's Briefen sich beziehen, hätten hinzugefügt werden können. Allein der verstorbene Geheime Rath Kanzler v. Müller in Weimar, Goethe's Testamentsvollstrecker, hat sie nicht in dessen Nachlaß gefunden, wahrscheinlich weil Goethe sie mit einer großen Masse älterer Briefschaften einst cassirt hat. Dagegen hatte der Geheime Rath die Gefälligkeit einen Brief Lottens an Goethe aus Wetzlar, wohin sie sich auf Veranlassung der französischen Occupation Hannovers auf einige Zeit zurückgezogen, von 1803, und einige Billets von ihr an Goethe, während eines Besuchs ihrer Schwester in Weimar, von 1816, abschriftlich mitzutheilen. Diese, nebst verschiedenen dazu gehörigen Briefen Goethe's an Lotte und an einen ihrer Söhne, liegen aber außer dem Kreise der Documente, welchen der Titel dieser Mittheilungen bezeichnet. Wir glauben daher nur folgende Zeilen aus einem Schreiben Goethe's vom 23. November 1803, weil sie dieselben Erinnerungen aus seiner Jugendzeit mit ähnlichen Worten, wie in »Wahrheit und Dichtung« aussprechen, anführen zu dürfen: »Wie gern versetze ich mich wieder an Ihre Seite zur schönen Lahn und wie sehr bedaure ich zugleich, daß Sie durch eine so harte Nothwendigkeit dahin versetzt worden; doch richtet mich Ihr eigenes Schreiben wieder auf, aus dem Ihr thätiger Geist lebhaft hervorblickt.«

Goethe'sche Briefe,

und diese betreffende erläuternde Documente.

1.

Fragment eines Brief-Entwurfs,

aus Kestners Papieren,

geschrieben im Anfang seiner Bekanntschaft mit Goethe.

Im Frühjahr kam hier ein gewisser Goethe aus Franckfurt, seiner Handthierung nach _Dr. Juris_, 23 Jahr alt, einziger Sohn eines sehr reichen Vaters, um sich hier -- dieß war seines Vaters Absicht -- in _Praxi_ umzusehen, der seinigen nach aber, den Homer, Pindar &c. zu studiren, und was sein Genie, seine Denkungsart und sein Herz ihm weiter für Beschäftigungen eingeben würden.

Gleich Anfangs kündigten ihn die hiesigen schönen Geister als einen ihrer Mitbrüder und als Mitarbeiter an der neuen Franckfurter Gelehrten Zeitung, beyläufig auch als Philosophen im Publico an, und gaben sich Mühe mit ihm in Verbindung zu stehen. Da ich unter diese Classe von Leuten nicht gehöre, oder vielmehr im Publico nicht so gänge bin, so lernte ich Goethen erst später und ganz von ohngefähr kennen. Einer der vornehmsten unserer schönen Geister, Legationssecretär Gotter, beredete mich einst nach Garbenheim, einem Dorf, gewöhnlichem Spaziergang, mit ihm zu gehen. Daselbst fand ich ihn im Grase unter einem Baume auf dem Rücken liegen, indem er sich mit einigen Umstehenden, einem Epicuräischen Philosophen (v. Goué, großes Genie), einem stoischen Philosophen (v. Kielmansegge) und einem Mitteldinge von beyden (_Dr._ König) unterhielt, und ihm recht wohl war. Er hat sich nachher darüber gefreuet, daß ich ihn in einer solchen Stellung kennen gelernt. Es ward von mancherley, zum Theil interessanten Dingen gesprochen. Für dieses Mal urtheilte ich aber nichts weiter von ihm, als: er ist kein unbeträchtlicher Mensch. Sie wissen, daß ich nicht eilig urtheile. Ich fand schon, daß er Genie hatte und eine lebhafte Einbildungskraft; aber dieses war mir doch noch nicht genug, ihn hochzuschätzen.

Ehe ich weiter gehe, muß ich eine Schilderung von ihm versuchen, da ich ihn nachher genau kennen gelernt habe.

Er hat sehr viel Talente, ist ein wahres Genie, und ein Mensch von Charakter; besitzt eine außerordentlich lebhafte Einbildungskraft, daher er sich meistens in Bildern und Gleichnissen ausdrückt. Er pflegt auch selbst zu sagen, daß er sich immer uneigentlich ausdrücke, niemals eigentlich ausdrücken könne: wenn er aber älter werde, hoffe er die Gedanken selbst, wie sie wären, zu denken und zu sagen.

Er ist in allen seinen Affecten heftig, hat jedoch oft viel Gewalt über sich. Seine Denkungsart ist edel; von Vorurtheilen so viel frey, handelt er, wie es ihm einfällt, ohne sich darum zu bekümmern, ob es Andern gefällt, ob es Mode ist, ob es die Lebensart erlaubt. Aller Zwang ist ihm verhaßt.

Er liebt die Kinder und kann sich mit ihnen sehr beschäftigen. Er ist _bizarre_ und hat in seinem Betragen, seinem Aeußerlichen verschiedenes, das ihn unangenehm machen könnte. Aber bey Kindern, bey Frauenzimmern und vielen Andern ist er doch wohl angeschrieben.

Für das weibliche Geschlecht hat er sehr viele Hochachtung.

_In principiis_ ist er noch nicht fest, und strebt noch erst nach einem gewißen System.

Um etwas davon zu sagen, so hält er viel von _Rousseau_, ist jedoch nicht ein blinder Anbeter von demselben.

Er ist nicht was man orthodox nennt. Jedoch nicht aus Stolz oder _Caprice_ oder um etwas vorstellen zu wollen. Er äussert sich auch über gewisse Hauptmaterien gegen Wenige; stört Andere nicht gern in ihren ruhigen Vorstellungen.

Er haßt zwar den _Scepticismum_, strebt nach Wahrheit und nach Determinirung über gewisse Hauptmaterien, glaubt auch schon über die wichtigsten determinirt zu seyn; so viel ich aber gemerckt, ist er es noch nicht. Er geht nicht in die Kirche, auch nicht zum Abendmahl, betet auch selten. Denn, sagt er, ich bin dazu nicht genug Lügner.

Zuweilen ist er über gewisse Materien ruhig, zuweilen aber nichts weniger wie das.

Vor der Christlichen Religion hat er Hochachtung, nicht aber in der Gestalt, wie sie unsere Theologen vorstellen.

Er ~glaubt~ ein künftiges Leben, einen bessern Zustand.

Er strebt nach Wahrheit, hält jedoch mehr vom Gefühl derselben, als von ihrer Demonstration.

Er hat schon viel gethan und viele Kenntnisse, viel Lectüre; aber doch noch mehr gedacht und _raisonnirt_. Aus den schönen Wissenschaften und Künsten hat er sein Hauptwerck gemacht, oder vielmehr aus allen Wissenschaften, nur nicht den sogenannten Brodwissenschaften.

* * * * *

Am Rande dieses flüchtig hingeworfenen Brouillons fügt Kestner noch hinzu:

»Ich wollte ihn schildern, aber es würde zu weitläuftig werden, denn es läßt sich gar viel von ihm sagen. Er ist ~mit einem Worte ein sehr merkwürdiger Mensch~.«

Weiter unten ferner:

»Ich würde nicht fertig werden, wenn ich ihn ganz schildern wollte.«

2.

Fragment eines Brief-Entwurfs,

aus Kestners Papieren.

~Anfang der Bekanntschaft Goethe's mit Lotte.~

.... d. 9. Juni 1772 fügte es sich, daß Goethe mit bey einem Ball auf dem Lande war, wo mein Mädchen und ich auch waren. Ich konnte erst nachkommen und ritt dahin. Mein Mädchen fuhr also in einer andern Gesellschaft hin; der _Dr._ Goethe war mit im Wagen und lernte Lottchen hier zuerst kennen. Er hat sehr viele Kenntniße, und die Natur, im physikalischen und moralischen Verstande genommen, zu seinem Haupt-Studium gemacht, und von beyden die wahre Schönheit studirt. Noch kein Frauenzimmer hier hatte ihm ein Genügen geleistet. Lottchen zog gleich seine ganze Aufmerksamkeit an sich. Sie ist noch jung, sie hat, wenn sie gleich keine ganz regelmäßige Schönheit ist, (ich rede hier nach dem gemeinen Sprachgebrauch und weiß wohl, daß die Schönheit eigentlich keine Regeln hat,) eine sehr vortheilhafte, einnehmende Gesichtsbildung; ihr Blick ist wie ein heiterer Frühlings-Morgen, zumal den Tag, weil sie den Tanz liebt; sie war lustig; sie war in ganz ungekünsteltem Putz. Er bemerkte bey ihr Gefühl für das Schöne der Natur und einen ungezwungenen Witz, mehr Laune, als Witz.

Er wußte nicht, daß sie nicht mehr frey war; ich kam ein paar Stunden später; und es ist nie unsere Gewohnheit, an öffentlichen Orten mehr als Freundschaft gegen einander zu äusern. Er war den Tag ausgelassen lustig, (dieses ist er manchmal, dagegen zur andern Zeit melancholisch,) Lottchen eroberte ihn ganz, um destomehr, da sie sich keine Mühe darum gab, sondern sich nur dem Vergnügen überließ. Andern Tags konnte es nicht fehlen, daß Goethe sich nach Lottchens Befinden auf den Ball erkundigte. Vorhin hatte er in ihr ein fröhliches Mädchen kennen gelernt, das den Tanz und das ungetrübte Vergnügen liebt; nun lernte er sie auch erst von der Seite, wo sie ihre Stärke hat, von der Häuslichen Seite, kennen.

3.

Goethe an Kestner.

W. d. 8. Aug. 72.

Morgen nach fünf erwart ich sie, und heute -- sie könnten's vermuthen, so viel sollten Sie mich schon kennen -- heute war ich in Atspach. Und morgen gehen wir zusammen, da hoff ich freundlichere Gesichter zu kriegen. Inzwischen war ich da, hab Ihnen zu sagen dass Lotte heut Nacht sich am Mondbeschienenen Tahl innig ergötzt, und Ihnen eine gute Nacht sagen wird. Das wollt ich Ihnen selbst sagen war an ihrem Haus, in ihrem Zimmer war kein Licht, da wollt ich nicht Lärm machen. Morgen früh trinken wir Caffee unterm Baum in Garbenheim wo ich heute zu Nacht im Monschein ass. Allein -- doch nicht allein. Schlafen Sie wohl. Soll ein schöner Morgen seyn.

4.

Goethe an Kestner.

(v. 6. Sept. 1772.)

Ich habe gestern den ganzen Nachmittag gemurrt dass Lotte nicht nach Atspach gangen ist, und heute früh hab ichs fortgesetzt. Der Morgen ist so herrlich und meine Seele so ruhig, daß ich nicht in der Stadt bleiben kann, ich will nach Garbenheim gehn. Lotte sagte gestern, sie wollte heut etwas weiter als gewöhnlich spazieren -- Nicht dass ich euch draußen erwarte, -- aber wünsche? Von ganzem Herzen und hoffe -- zwar etwas weniger, doch just so viel dass es die Ungewissheit des Wunsches so halb und halb balanzirt. In der Ungewissheit denn will ich meinen Tag zubringen, und hoffen und hoffen. Und wenn ich den Abend allein hereingehn muß -- so wissen Sie wies einem Weisen geziemt -- und wie weise ich binn.

5.

Goethe an Kestner.

(v. 10. Sept. 1772.)

Er ist fort Kestner wenn Sie diesen Zettel kriegen, er ist fort. Geben Sie Lottchen innliegenden Zettel. Ich war sehr gefasst aber euer Gespräch hat mich aus einander gerissen. Ich kann Ihnen in dem Augenblicke nichts sagen, als Leben Sie wohl. Wäre ich einen Augenblick länger bey euch geblieben, ich hätte nicht gehalten. Nun bin ich allein, und morgen geh ich. O mein armer Kopf.

6.

Goethe an Lotte.

Einschluß des Vorigen.

Wohl hoff ich wiederzukommen, aber Gott weis wann. Lotte wie war mirs bey deinem reden ums Herz, da ich wusste es ist das letztemal dass ich Sie sehe. Nicht das letztemal, und doch geh ich morgen fort. Fort ist er. Welcher Geist brachte euch auf den Diskurs. Da ich alles sagen durfte was ich fühlte, ach mir wars um Hienieden zu thun, um ihre Hand die ich zum letztenmal küsste. Das Zimmer in das ich nicht wiederkehren werde, und der liebe Vater der mich zum letztenmal begleitete. Ich binn nun allein, und darf weinen, ich lasse euch glücklich, und gehe nicht aus euren Herzen. Und sehe euch wieder, aber nicht morgen ist nimmer. Sagen Sie meinen Buben er ist fort. Ich mag nicht weiter.

* * * * *

Von diesem Billet ist ein _Fac simile_ beigefügt.

7.

Goethe an Lotte.

Zu dem Vorigen, Einschluß.

(v. 11. Sept. 1772.)

Gepackt ists Lotte, und der Tag bricht an, noch eine Viertelstunde so binn ich weg. Die Bilder die ich vergessen habe und die Sie den Kindern austeilen werden, mögen entschuldigung seyn, dass ich schreibe, Lotte da ich nichts zu schreiben habe. Denn sie wissen alles, wissen wie glücklich ich diese Tage war. und ich gehe, zu den liebsten besten Menschen, aber warum von Ihnen. Das ist nun so, und mein Schicksal, dass ich zu heute, morgen und übermorgen nicht hinzusetzen kann -- Was ich wohl offt im Scherz dazusetzte. Immer fröliges Muths liebe Lotte, sie sind glücklicher als hundert, nur nicht gleichgültig, und ich liebe Lotte, binn glücklich dass ich in Ihren Augen lese, sie glauben ich werde mich nie verändern. Adieu tausendmal adieu!

Goethe.

8.

Goethe an Kestner.

(Aus Frankfurt.)

Für alle das gute seegne euch Gott, und tausendfache Freude für die Errinnerung meiner. Grüsst mir die lieben Mädchen.

Ich kam gestern mit Schweizern zusammen und spottete seines Wetzlarer Wesens. Wo habt Ihr euch denn hingehalten? -- Ins teutsche Haus, sagt ich. -- Doch nicht zu Brands, sagt er. -- Freylich zu Brands, sagt ich. -- Warum denn nicht? -- Ihr kennt also auch Amtmanns? -- Ja wohl. -- Die Lotte ist ein sehr angenehmes Mädgen. -- Sie geht so mit sagt ich &c. &c.

Das war trostreich und mir doch lieb. Wenn ich nur von ihr reden kann wenns auch das Gegentheil ist was ich denke.

* * * * *

Nach Coblenz hab ich keine Bekanntschafft. Und hüben im Thal wisst Ihr wies ist.

Ich bedaure euren braven Kerl. Erkundigt Euch ia, ists halbweg nicht iust so rettet den armen Jungen. Ein Mädgen hat nicht so schweer auf die Art an einem Kind als ein ehrlicher Kerl an einem Weib. Adieu.

9.

Goethe an Kestner.

Gott segne euch, lieber Kestner, und sagt Lotten, dass ich manch mal mir einbilde ich könne sie vergessen, daß mir aber dann ein Recitiv über den Hals kommt und es schlimmer mit mir wird als iemals.

10.

Aus Kestners Tagebuche.

1772 den 21. Sept. begleite ich, nebst Hr. v. Born, die Herrn v. Hardenberg[6] und Freytag nach Frankfurt.....

d. 22..... Um 4 Uhr ging ich zu Schlosser, und siehe da der Goethe und Merck waren da. Es war mir eine unbeschreibliche Freude; er fiel mir um den Hals und erdrückte mich fast..... Wir gingen auf den Römer, wo die Mercken, nebst der Dlle. Goethe, auch war. Wir gingen vors Thor auf dem Walle &c. spatzieren. Unvermuthet begegnete uns ein Frauenzimmer. Wie sie den Goethe sah, leuchtete ihr die Freude aus dem Gesicht, plötzlich lief sie auf ihn zu, und in seine Arme. Sie küßten sich herzlich; es war die Schwester der Antoinette. Die Zeit ging unterm Spatzierengehen und sprechen, bald der Mercken, bald dem Merck, bald dem Goethe, unvermerckt hin. Wir gingen in Goethe's Haus; die Mutter war nur zu Haus und empfing uns, auch mich auf das bey ihr alles geltende Wort des Sohnes. Der Vater bald hernach, damit war es eben so; ich unterhielt mich mit ihm. Die Frauenzimmer entfernten sich zum Auskleiden. Der Merck proponirte die Dlle. spielen zu hören. Wir fanden sie oben am Clavier. Sie spielt vortrefflich; außerordentlich fertig. -- Nach einer Pause bat sie, die Lottchen doch hieher zu bringen, recht inständig bat sie und äußerte, daß sie sie schon in der Ferne sehr lieb hätte. -- Um 8 Uhr gingen der Hr. Rath Schlosser und ich nach Haus....

1772 d. 23. früh war Hardenberg bey mir und ich bey ihm. Ich ging um 9 Uhr zu _Dr._ Schlossern. Wir darauf zu Goethe. Ich besah das Haus. Wir gingen nebst Merck auf die Stadt-Bibliothek; gegen 12 Uhr auf den Römer. Ich aß bey _Dr._ Dietz. Nachmittags um 3 Uhr zu Goethe. Wir gingen auf die Messe, vor einige Kaufmanns-Häuser; zur Antoinette, Tochter des Kaufmann Gerock. Nachher zu Haus nach Goethe. Ich holte Schlossern in die Comödie, wo Goethe, seine Schwester und die Mercken auch waren, nachher aß ich bey Goethes's und kam um 11 Uhr zu Haus.

* * * * *

Am 24. Sept. kehrte Kestner nach Wetzlar zurück.

11.

Goethe an Kestner.

(Frft.) Freytag (25. Sept. 72).

Lotte hat nicht von mir geträumt. Das nehm ich sehr übel, und will dass sie diese Nacht von mir träumen soll, diese Nacht, und solls Ihnen noch dazu nicht sagen. Die Stelle hat mich in Ihrem Briefe geärgert als ich ihn wiederlas. Nicht einmal von mir geträumt, eine Ehre die wir den gleichgültigsten Dingen widerfahren lassen, die des Tags uns umgeben. Und -- ob ich um sie gewesen binn mit Leib und Seel! und von ihr geträumt habe Tag und Nacht.