Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit

Part 12

Chapter 123,672 wordsPublic domain

Ich bin hier in einem Hause bekannt; gewiß der beste Theil der Stadt; wem es die Eigenliebe nicht verbietet, erkennt es auch dafür, Vornehme und andere; wer genau darinn bekannt ist, ist so zu sagen entzückt davon. Ein redlicher Vater, ein munterer Alter, durch Mässigkeit und gute Natur noch stark, dienstfertig für jedermann, und rechtschaffen; obgleich ein wenig rauh (in Vergleichung mit der folgenden Person), doch menschenliebend. Die Mutter -- hier weiß ich nicht, wo ich anfangen soll -- mit einem Worte die beste Frau, die beste Mutter, und die beste Freundinn; ohne es zu wissen, wenigstens ohne de geringsten Schein, daß sie es weiß, zu haben, fehlt es ihr noch nahe im 40sten Jahre nicht an Reitz; das schönste, sanfteste, Menschenliebendste, gefälligste, zärtlichste Herz, Einsicht, Verstand und wahre Weisheit, auch gefälliger Witz; dabey ganz Bescheidenheit, ganz Tugend, _religieux_ &c. &c., von jedermann verehrt, von ihren Kindern zärtlich geliebt; Diese sind ihr vornehmstes Geschäft und Augenmerk, und sie wiederum ihnen ihr bestes Gut. Wenn sie ausgeht, sind groß und klein betrübt und unzufrieden, und wenn sie zu Hause kömmt, lauter Bewillkommungen, Frohlocken, Händedrücken, Küssen und Umarmungen, und heitere Mienen, Fragen wo sie so lange gewesen, Erzählungen was in ihrer Abwesenheit vorgegangen &c. &c., ihre Verweise sind ihnen bitterer, als andern Kindern Schläge. Ich breche mit Mühe ab; und komme auf die Kinder. Zwey Töchter sind erwachsen, von 18 und 16 Jahren. Diese, so wie alle Kinder, sind ihrer Mutter würdig. Alle blondes Haar und blaue Augen; eines hübscher wie das andere; nach den Kleinen könnte ein Maler Liebesgötter zeichnen. Die älteste ist ziemlich regelmäßig schön, still, ruhig, von sanftem Charackter &c. &c. Die zweyte muß jener, wenn man sie nach Regeln beurtheilen will, weichen, ist aber nichts desto weniger reitzender und einnehmender. Sie hat ein fühlendes, weiches Herz. So wie überhaupt ihr (und aller Geschwister) Bau des Körpers zärtlich ist, so ist ihre Seele auch. Mitleidig gegen alle Unglücklichen, gefällig und bereit jedermann zu dienen, versöhnlich, gerührt wenn sie glaubt jemand beleidigt zu haben, gutthätig, freundlich und höflich; freudig wenn jemanden etwas gutes begegnet, gar nicht neidisch (wie unter jungen, auch alten Frauenzimmern sonst gewöhnlich ist). Dabey eine aufgeweckte, lebhafte Seele, geschwinde Begriffe, Gegenwart des Geistes, froh und immer vergnügt; und dieses nicht für sich allein, nein, alles was um sie ist, macht sie vergnügt, durch Gespräche, durch lustige Einfälle, durch eine gewisse Laune oder Humor. Sie ist das Vergnügen ihrer Aeltern und Geschwister; und wenn sie ein finsteres Gesicht darunter bemerckt, so eilt sie es aufzuklären. Sie ist bey jedermann beliebt, und es fehlt ihr nicht an Anbetern, worunter, welches sonderbar ist, sich dumme und kluge, ernsthafte und lustige, befinden. Sie ist tugendhaft, fromm und fleissig, geschickt in allen Frauenzimmerarbeiten, besonders gelehrig und willig alle......

Hier endet dieser unvollendete Briefs-Entwurf.

140.

Kestner an v. Hennings.

Wetzlar den 2. Nov. 1768.

Mein Liebster,

Ohngeachtet mein letzter Brief von ansehnlicher Länge ist; so erschöpft er doch lange nicht Alles, was ich Ihnen zu sagen habe......

Ich kann nicht sagen ob es möglich ist eine Schöne zu lieben, deren Eigenschaften des Guten, Erhabenen und Edlen ermangeln; denn meine Geliebte vereinigt dies Alles. Ich setze mich mehr in ihrem Herzen fest, je mehr ich mich bestrebe, der Pflicht nichts nachzusetzen. Mein Gesandter ist, von allen die hier sind, der arbeitsamste und unermüdetste, doch habe ich ihm, bis jetzt wenigstens, Genüge geleistet. Die schönsten Augenblicke opfere ich der Arbeit oft auf. Der Gedanke an meine Geliebte versüßet sie mir. Mein Verlangen zu ihr zu eilen, verdoppelt meine Kräfte, und beschleunigt die Vollendung der Arbeit. Welch ein Vergnügen, wenn ich dann hinfliege, die Belohnung meiner Aufopferung einzuärndten; wenn ich dann ein geliebtes Gesicht sich aufheitern sehe, wenn zärtliche Blicke mich bewillkommen, und ein sanfter Druck der Hand mir sagt, daß man mich schon lange erwartet hat; wenn ein schöner Mund über das lange Verweilen sich beschwert, gegen die Arbeit zärtlich zürnt, und mich deswegen bedauert; wenn die beste Mutter und die gute Schwester mich gleichfalls freundlich empfangen, und der redliche Vater lobt, wenn man seine Geschäfte vorzüglich verrichtet. Dann höre ich, was in meiner Abwesenheit geschehen, gehört und gesprochen ist. Oft kleine Begebenheiten, die aber, angenehm erzählt, wichtig werden. Oft zielt die Erzählung dahin, einer zärtlichen Besorgniß, sonst Eifersucht genannt, zuvorzukommen; doch auf die ungezwungenste, natürlichste Weise. Dann machen artige Einfälle, Munterkeit und Laune, die Stunden dahinfliegen, wie Minuten; und dieses nicht allein mir oder meiner Geliebten, auch der Mutter, der Schwester und dem Vater. Ein: »~Ach, da schlägt es schon!~« -- gewährt mit dem Schmerz der Trennung das unaussprechliche Vergnügen, welches dem nächsten Besuch zum Voraus einen Reitz bereitet.

Oft auch kommt anderer Besuch. Denn das Haus wird gern besucht wegen der Ruhe, die da herrscht, wegen der angenehmen Unterhaltung, wegen der freundschaftlichen Bemühungen, kein finsteres Gesicht von sich zu lassen, und selbst den Kummer und die Sorge aus dem Herzen zu verjagen; denn hierin findet die Menschenliebe der besten Mutter ihren Beruf, und ihre Weisheit, ihr Verstand, ihre Einsicht weiß ihren Wunsch möglich zu machen. Abends um 8 Uhr pflegen sich dann die fremden Besuche, die ohne Anmeldung und Ceremoniel, und ohne die frauenzimmerlichen Arbeiten zu unterbrechen, angenommen werden, zu verlieren. Wenn ich nicht zum Essen da bleiben muß, so gehe ich dann auch nach Haus, esse schnell, besorge ein und anderes und finde mich wieder ein, wenn ich nicht abgehalten werde.

Alsdann bin ich gewöhnlich Abends von halb 9 oder 9 bis 11 Uhr wieder da. Diese sind meine schönsten Stunden; -- Sie sind auch meine ruhigsten. Meine Geschäfte sind gethan, und mein Gesandter geht früh zu Bette.....

Durch dieses Schreiben wollte ich Ihnen Rechenschaft geben, daß ich auch liebend meines Freundes nicht unwerth bin, wofern ich jemals durch andere Eigenschaften seiner werth gewesen. Ihre Güte, Ihre Freundschaft und Liebe sagt: ja! und ich beruhige mich dabey. Urtheilen Sie nun und weisen Sie mich zurecht, wo Sie glauben daß ich fehlen könnte.

Noch Eins: Ich glaube, daß zur Erhaltung einer so reizenden Verbindung mit einem Frauenzimmer nothwendig ist, daß man in Beobachtung seiner übrigen Pflichten sehr strenge ist, damit man sich keine Vorwürfe zu machen habe, zumal wenn man sich einmal gewisse Regeln, Vorschriften und Pflichten gesetzt hat... Hierdurch weiß ich, daß ich das Herz meiner Geliebten ganz besitze. Der Himmel erhalte es mir.......

Sagen Sie mir auch was Sie in Coppenhagen gemacht haben, und was Sie künftig zu thun denken?......

Leben Sie wohl. Lieben Sie mich, wie ich Sie liebe. Meinen Gruß Ihrem Hrn. Bruder. -- Ich bin unaufhörlich der

Ihrige

_Kestner_.

Wetzlar d. 2. November 1768.

141.

Kestner an v. Hennings.

Wetzlar den 25. August 1770.

Wie konnte ich es von mir erhalten, in so langer Zeit Ihnen nicht zu schreiben. Ich mag das _datum_ Ihres Briefs nicht ansehen. -- Und dennoch muß es eine ~ganz~ andere Ursache haben, als Mangel der wärmsten Freundschaft. Und Sie können nimmer aufhören mein Freund zu seyn. Lassen Sie mich unser beyder Sache vertheidigen. Nur gewöhnliche Freunde brauchen einander ihr Andenken zu erneuern, aber unser Seelenverkehr bedarf keines Briefwechsels, um immer fortzudauern. Aufs heiligste kann ich Ihnen bey unsrer Freundschaft versichern, daß ich oft an Sie denke, oft von Ihnen rede als von meinem besten Freunde -- Sie können schon denken mit wem. Sie verlangen von meiner Charlotte mehr zu hören und auch von mir.....

Meine Situation ist nicht ganz nach meinem Geschmack, es fehlt Vieles daran. -- Die gegenwärtige Visitations-Versammlung zeichnet sich darin vor andern aus, daß sie die Sachen sehr weitläuftig tractirt. Hierzu kommt, daß unser Gesandter der arbeitsamste unter allen ist, welches natürlicher Weise auch auf mich einen großen Bezug hat. Viele von meinen Beschäftigungen sind sehr unangenehm und verdrießlich. Man ist nichts mehr als eine Maschine, welche sich bewegt, wenn es andere wollen, und so auch wieder stille steht. Das Bewußtseyn, auf solche Art gearbeitet zu haben, hat gar wenig befriedigendes. Nicht studieren, die Wißbegierde nicht stillen, die Seele nicht erheben zu können; Freunde zu haben und nicht an sie schreiben, nicht zu ihnen gehen zu können; die Zeit des Frühlings, des kühlen Morgens oder der erquickenden Dämmerung &c. zu fühlen, schätzen zu wißen, aber nicht zu genießen, u.s.w. Sagen Sie, ist das nicht bitter. So viele um sich sehen, gegen die man aus Pflicht mißtrauisch und zurückhaltend seyn muß. -- In einer Stadt zu seyn, wo wenig Geschmack, -- wo Gelehrter- Ahnen- und Stolz auf niedrigen Gewinn, Härte gegen anderer Unglück, Cabale &c. Tyrannisiren &c. -- Da ist der Ort die Standhaftigkeit zu üben, das Böse zum Guten zu benutzen. -- Einen Augenblick bin ich unzufrieden darüber, in dem andern tadle ich mich selbst. Ich suche meinem Schicksal Trotz zu bieten. Meine Geschäfte expediere ich so geschwind, wie möglich, und erzwinge mir einige Muße. Ich gehe spät zu Bette, und stehe früh wieder auf. In solcher Muße ziehe ich meine Wissenschaften hervor, Arbeiten die meine Seele befriedigen. Die anderen Uebel korrigire ich dadurch, daß ich mich in das politische Interesse nicht vertiefe. Der Catholische ist mir so lieb, wie ein anderer &c. In Gesellschaften komme ich nicht viel; nur um die Kenntniß des _Publici_ zu behalten. Uebrigens habe ich eine Auswahl von Leuten gemacht. Man findet immer noch gute, wenn gleich der größte Theil nicht viel werth ist. Einigen geschickten Assessoren bin ich bekannt -- und besuche sie von Zeit zu Zeit -- Einen Procurator (dieß sind hier angesehene Leute) kenne ich, welcher die Probe völlig aushalten kann. Ehrlich, redlich, menschenliebend, einsichtsvoll, und der keine Sache annimmt, welche er nicht für gegründet hält, und alsdann treulich dient und hilft. Unter meines Gleichen sind auch ein Paar, welche Hochachtung verdienen. Um andere bekümmere ich mich nicht, außer dem allgemeinen Umgange. -- Für den Mangel an Geschmack und Empfindung, die hier herrscht, werde ich durch ein einziges schadlos gehalten. Dieses habe ich Ihnen schon längst geschrieben. Es ist die Familie meiner Charlotte. Daher hole ich mir meine Geduld, meine Standhaftigkeit, meine Ermunterung, mein Vergnügen. So oft ich vom Tische komme, um halb 2 oder 2 Uhr, ist mein Gang dahin gerichtet -- da bleibe ich bis 3 Uhr -- und kann durch diese Stunde ausruhn, die schwerste Arbeit ertragen. Abends, wenn die Arbeit erlaubt, gehe ich um 9 Uhr wieder dahin bis 11 Uhr. Diese Stunden sind der Liebe, der Freundschaft und dem vertraulichen Gespräch gewidmet. Die Unschuld und Tugend setzt die Gränzen. -- Die würdigste, die sanfteste und tugendhafteste Mutter hat ihre Kinder allezeit unter Augen, und diese entziehen sich ihr nie. -- Meine Charlotte bildet sich täglich mehr aus. Sie können denken, daß dieses einem Mädchen von 18 Jahren einen Reiz giebt, welcher weit mehr bezaubert, als wenn sie die größte Schönheit wäre......

Die Erfahrung, welche Sie an Ihrem Bedienten gemacht, habe ich auch gemacht. Ich habe immer geurtheilt, daß die wenigsten Herrn mit ihren Bedienten umgingen, wie es seyn sollte. Ich nahm mir daher vor, den meinigen, welchen ich hierher mitnahm, wie meines Gleichen zu begegnen, und keineswegs als eine niedrigere Gattung Menschen zu betrachten. Ich hielt ihn gut. Er hatte gute Tage; ich ließ mir nicht, wie sonst gewöhnlich, aufwarten, und wollte ihn gleichsam nur als einen Gehülfen in denjenigen Sachen haben, wozu ich nicht Zeit hatte, sie zu besorgen. Zwar wußte er es wohl zu erkennen, und hätte vielleicht sein Leben für mich gewagt. Allein, meine Nachsicht, seine guten Tage, der Ueberfluß, machten ihn unordentlich. Er hielt sich viel im Wirtshause auf, blieb wohl des Nachts aus, gerieth in Schlägereyen, und ward ein Held, und furchtbar unter seinen Cameraden, lange ohne mein Wissen. Als ich es erfuhr, rieth ich ihm ernstlich davon ab, aber vielleicht mit zu viel Gelindigkeit. Er kam in eine Schlägerey, ward in Arrest genommen, und wegen der Streitigkeiten, welche unter dem Reichsmarschall-Amte und den Gesandtschaften wegen der Jurisdiction über die Bedienten sind, war ich endlich genöthigt, ihn abzuschaffen, nachdem ich ihn schon einmal nach einer solchen Affaire wieder angenommen hatte. Die gute Begegnung war ihm also nur schädlich gewesen, ob ich mir gleich sonst Mühe gab, ihn zu bessern, und ihn geschickt zu machen, in solchen Sachen, die sich für seinen Stand schickten. Ich verschaffte ihm indessen nachher einen guten Herrn wieder.

Darauf habe ich einen andern Bedienten angenommen, welchem ich weder so viel Kost und Lohn gebe, noch in der Aufwartung so viel einräume, und er ist hundertmal besser, als der erste......

Meine Charlotte ist Ihnen zuvorgekommen, und hat Ihren Auftrag schon vorher ausgerichtet. Sie hat mich oft erinnert Ihnen wieder zu schreiben. Sie wollte gar zu gern wieder einen Brief von Ihnen lesen hören. Ich werde bald eifersüchtig, denn ohne Sie von Person zu kennen, ist sie von Ihnen eingenommen. Wäre dieß nicht, so würde ich Sie bitten einmal hierher zu kommen, da es Ihnen doch gleich viel zu seyn scheint, in welchem Theile der Welt Sie sind. Immerhin sollen Sie mir willkommen seyn, und ich will es gern sehen, wenn meine Charlotte Sie gern hat, nur nicht mehr als mich, -- das versteht sich......

Ich habe es mit Vergnügen gelesen, wenn Sie von meiner Charlotte schreiben: denn ich liebe sie noch immer wie vorhin. -- Ihr Herz und ihr Geist ist es vornämlich, was mich zu ihrem Gefangenen macht; Ihr Gefühl, ihr Verstand, ihre Lebhaftigkeit, die alles belebt, was um sie her ist. -- Ich bin unvermerkt bemüht gewesen, sie weiter bilden zu helfen, und sie ist so gefällig, meine Denkungsart anzunehmen, so weit es sich mit ihrer Munterkeit vereint. Ich würde der glücklichste Mensch seyn, wenn nicht das oben erwähnte, mein Glück beschränkte. Die Abende sind noch immer das Beste was ich habe. Dieß ist gleichsam das geheime _Conseil_, wo jedes Herz offen ist. Von dem ganzen Tage wird auf diese Zeit gespart. Es wird auch nicht allein gesprochen, sondern auch gelesen, und über mancherley deliberirt. Die beste Mutter präsidirt in diesem _Conseil_; die älteste Schwester ist gegenwärtig, der Vater geht gewöhnlich früh zu Bette, und die übrigen Kinder sind schon lange schlafen gegangen......

Vielleicht wollen Sie wissen, wie weit unsere Verbindung gekommen. Sie ist wie sie war. Wir lieben uns. Wir haben uns eins für das andere auf immer bestimmt, aber ohne, daß eine sonst gewöhnliche Versprechung vorgegangen. Ich wünschte herzlich, daß wir uns bald noch näher verbinden könnten; aber ich muß zuvor eines genügenden Unterhaltes sicher seyn. Das Project zu meiner Anstellung ist schon gemacht; aber es kann noch nicht ausgeführt werden. Meinen Aeltern habe ich schon von dieser Familie, doch aber nur von Freundschaft geschrieben. Dieses ist noch ein Punct der mir Sorge macht. Die Aeltern pflegen andere Projecte zu haben. Ich muß schließen. Leben Sie wohl, meine Charlotte empfiehlt sich Ihnen.

142.

Kestner an Hennings.

Wetzlar 1770 vermuthlich im Herbst.

..... Mein letzter Brief war größtentheils nur Beantwortung. Da Sie mir noch nicht wiedergeschrieben, so will ich einmal ganz von mir allein oder was mich angeht, reden..... Vorher muß ich Ihnen einige Begebenheiten, und recht traurige Begebenheiten aus der Familie meiner Lottgen erzählen. Sie werden sich wundern, warum ich es nicht ehender gethan; denn sie sind schon alt. Allein bisher wußte ich mir weiter nicht, als durch das aus dem Sinn schlagen zu helfen; und wollte ich Ihnen vollständig erzählen; hiezu war ich bisher nicht im Stande. Die Zeit hat den Schmerz gemildert, und ich werde jetzt mehr im Stande seyn davon zu schreiben. Ich habe Ihnen schon vor einigen Jahren eine Beschreibung der Familie meines Mädchens gemacht. Sie erinnern sich noch, daß ihre Mutter eine Hauptperson darin war; ich sage ~war~, denn ach! sie ist es nicht mehr. Ich glaube Ihnen gesagt zu haben daß sie die beste Frau, die beste Mutter und das vollkommenste weibliche Geschöpf war, das ich kenne. Sanft ihr Character, weich, gefühlvoll ihr Herz, zugleich munter und heiter. (Ich zähle ihre Eigenschaften her, wie sie mir einfallen.) In ihrer Jugend war sie eine Schönheit, und noch am 40sten Jahre, nachdem sie 14 oder 15 Kinder gehabt, versah man sie zu Zeiten für eine ihrer Töchter. Ihre Miene war einnehmend und ganz Bescheidenheit, sittsam und jungfräulich. Sie erröthete noch wie das unerfahrenste Frauenzimmer für einen freien Ausdruck. Ihr Körper war weiblich, schwach und zart; auch ihre Seele war weiblich, aber sie dachte auch wie ein Mann, groß, edel und war oft heldenmüthig. Ohne _piquant_ witzig zu seyn, konnte sie aufmuntern, anderer Mienen aufheitern, wie sie wollte und war sehr unterhaltend. Sie redete viel ohne Weibergeschwätz. Ihre Kinder waren ihr vornehmstes Geschäft; für diese sorgte sie unaufhörlich; sie hatte sie immer um sich und bildete ihre jungen Seelen, ohne daß die Kinder es selbst wußten, ohne Strenge, ohne Furcht, durch lauter Liebe und Zärtlichkeit; doch gestattete sie ihnen auch keine Unart. Die Kinder liebten ihre Mutter dagegen eben so zärtlich; nirgends waren sie lieber als bey ihr; wenn sie ausgieng betrübten sie sich, sie lagen ihr an bald wieder zu kommen, und wenn sie wieder kam war lauter Freude; sie hingen sich an sie und küßten sich dann wieder satt. Auch ausser dem Hause war sie verehrt und geliebt. Sie war jedermann, wenigstens unter dem Namen: Die Frau mit den vielen schönen Kindern, bekannt. Von den Geringern verehrt, denn gegen jedermann war sie freundlich und gefällig, jedermann war ihr Nächster; ohne Reichthum that sie viel Gutes, entweder durch reellen Beystand, oder guten Rath, Zureden, trösten und aufmuntern, alles mit einem Anstande, der zugleich ihr gutes Herz, und ihren Verstand verrieth; ich meyne ihre Wohlthaten ertheilte sie mit einer solchen Leichtigkeit, woraus man sah, daß eine wahre innere Empfindung sie dazu veranlaßte, und doch mit einer Art, welche den Wohlthaten noch einen Werth mehr beylegte; gar vieles that sie heimlich, denn ihr Mann, zwar rechtschaffen und gut, und selbst gutthätig, machte gern ökonomische Anmerkungen.

Von ihres Gleichen hochgeachtet und geliebt, und bey den Vornehmern geachtet. Bey diesen vergab sie sich nichts, war bey verschiedenen, die sie ihrer würdig hielt, gern gesehene Gesellschafterin, auch vertraute Freundin und Rathgeberin. Ausser dem, daß sie von solchen selbst gesucht wurde, und sich mit Vorbedacht suchen ließ, hatte sie auch noch, in Rücksicht dessen, daß ihre Familie groß war, und sie das Glück ihrer Kinder wünschte, und dazu anderer Beistand nöthig hielt, die Absicht, solche Leute zu _conserviren_, die ihr oder ihren Kindern nützlich seyn könnten...... Sie war meine beste Freundin die ich je gehabt, und vielleicht je bekommen werde, und ob sie gleich gegen jedermann gefällig und liebreich war, so war sie doch mit ihrer genauen Freundschaft nicht so freigebig. Noch ehe sie daran denken konnte, daß ich in ihrer Familie mehr als blos Umgang und Freundschaft suchen würde, hatte ich ihre ganze Gewogenheit, und es fanden sich verschiedene, denen sie des Interesses wegen, einen Vorzug hätte einräumen müssen, die sie aber mir nachsetzte. Sie wissen, daß ich zu dem Eigenlobe nicht geneigt bin, und ich weiß es zu gut, daß ich in Erlangung anderer Gewogenheit, meinem Glücke, vielleicht meiner ehrlichen, treuherzigen Miene, mehr, als meinem Verdienste zuzuschreiben habe. Genug.....

Die Fortsetzung dieses Briefes fehlt.

Fußnoten:

[Fußnote 1: Der Herausgeber der unten folgenden Briefe hat kurz vor seinem am 5. März 1853 erfolgten Tode ihre Veröffentlichung beabsichtigt und sie mit dieser Einleitung begleiten wollen, deren Anfang zeigt, daß sie in den, vor Jahren, von dem Tode Goethe's empfangenen lebhaften Eindrücken ihre erste Veranlassung gefunden hat.

Mehrere Mitglieder seiner Familie waren bisher der Herausgabe entgegen, haben sie aber jetzt gestattet, um die Wünsche eines geliebten Verstorbenen nicht unerfüllt zu lassen.]

[Fußnote 2: In früheren Ausgaben »Dichtung und Wahrheit« genannt.

Die unten folgenden Allegate beziehen sich auf den 22. Band von Goethe's sämmtlichen Werken, Ausgabe von 1840.]

[Fußnote 3: Kestner's Beschreibung desselben Abends, des 9. Jun. 1772, in dem Fragmente eines Brief-Entwurfs, ist in Nr. 2 der Documente enthalten.]

[Fußnote 4: Auch besuchte bald darauf Kestner Goethen in Frankfurt. S. dessen Tagebuch Nr. 10 der Documente.]

[Fußnote 5: Ueber diesen Besuch S. Kestner's Tagebuch Nr. 19 der Documente.]

[Fußnote 6: Der nachmalige Preußische Staatskanzler, Fürst von Hardenberg, damals Cammerrath in Hannover.]

[Fußnote 7: Auf einem Balle zu Wolpertshausen machte Goethe Lottens erste Bekanntschaft. (S. Nr. 2.)]

[Fußnote 8: Goethe's Schwester und Schlosser.]

[Fußnote 9: Es hatte sich das falsche Gerücht verbreitet, daß Goué sich sollte erschossen haben.]

[Fußnote 10: Es ist uns nicht bekannt, daß Er den Jerusalem in früheren Zeiten gekannt habe. Sollten etwa sieben Monate gemeint seyn?

Jerusalem kam erst im September 1771 nach Wetzlar.]

[Fußnote 11: Er meint einen Kamm, von welchem auch in den Briefen Nr. 35 und 37 die Rede ist.]

[Fußnote 12: Hierunter sind Silhouetten verstanden.]

[Fußnote 13: Goethes Werke, Ausgabe von 1840. Band 22. _pag._ 168.]

[Fußnote 14: Ein _Fac simile_ dieses Billets wird hier beigelegt.]

[Fußnote 15: In Garbenheim, unter einem Baume liegend, sah Kestner Goethen zum ersten Male. (S. Nr. 1.)]

[Fußnote 16: Zu dessen Verständniß wird folgender Auszug aus Kestners Tagebuche dienen:

»d. 15. Aug. 1772..... ich ging mit Goethe noch Nachts bis 12 Uhr auf der Gasse spatzieren; merkwürdiges Gespräch, wo er voll Unmuth war und allerhand Phantasien hatte, worüber wir am Ende, im Mondenschein an eine Mauer gelehnt, lachten.«]

[Fußnote 17: Das Format des Briefs ist gr. Folio.]

[Fußnote 18: Kestners Nachrichten über den Tod Jerusalems, (Nr. 28) nachdem sie Goethe, laut seines Briefes Nr. 30, hatte abschreiben lassen, erfolgten hierbei zurück.]

[Fußnote 19: Lottens Geburtstag war der 11. Januar.]

[Fußnote 20: Sey nicht allzu gerecht, und nicht allzu weise, daß du nicht verderbest.]

[Fußnote 21: Auf der Rückseite des Originals dieses Briefes befindet sich eine iezt kaum noch sichtbare Bleistiftzeichnung von Goethe, vermuthlich nach einer Antike, den Gott Hymen mit Fackeln darstellend.]

[Fußnote 22: Der sehr kräftige Ausdruck des Originals ist hier gemildert.]

[Fußnote 23: Die von Goethe in »Wahrheit und Dichtung« _pag._ 117 des 22. Bandes seiner sämmtlichen Werke, Ausgabe von 1840, angeführte Stelle wird ihm hier schon vorgeschwebt haben, woraus ein interessantes Zusammentreffen frühester und spätester Zeit hervorgeht.]

[Fußnote 24: Der Kammerrichter in Wetzlar.]

[Fußnote 25: Wieland.]

[Fußnote 26: Ein Wäldchen unweit Hannover.]

[Fußnote 27: Der 28. August war Goethe's und Kestners Geburtstag.]

[Fußnote 28: Jüngere Schwester Lottens, damals zum Besuche bei ihr in Hannover.]

[Fußnote 29: Der nachmalige Geheime Cabinetsrath Brandes aus Hannover, -- auch als Schriftsteller bekannt.]

[Fußnote 30: Dieser Brief hat sich nicht gefunden.]

[Fußnote 31: v. Ramdohr, früher in hannöver'schen, später in preußischen Diensten, zuletzt Gesandter in Neapel. Vielseitiger Schriftsteller; auch Verf. eines Trauerspiels, wovon hier die Rede ist.]

[Fußnote 32: Jüngere Schwester Lottens, welche sich einige Jahre zum Besuche bei ihr in Hannover aufhielt.]