Goethe und Werther: Briefe Goethe's, meistens aus seiner Jugendzeit

Part 10

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So viel vom ersten Theile. Der zweyte geht uns gar nichts an. Da ist Werther der junge Jerusalem; Albert der Pfälzische _Legations_-Secretair, und Lotte des letzteren Frau; was nämlich die Geschichte anbetrifft, denn die Charactere sind diesen drey Leuten größtentheils nur angedichtet. Von Jerusalem wußte aber der Verfasser seine vorherige Geschichte vermuthlich nicht, darum schickte er die im ersten Theile voraus, und setzte verschiedenes hinzu, um den Erfolg des zweyten Theils wahrscheinlich zu machen, und diesem mehreren Anlaß zu geben. Der Albert des zweyten Theils war freilich etwas eifersüchtig, aber stand doch nicht in dem Verhältniß mit seiner Frau, wie da beschrieben ist. Seine Frau ist ein sehr hübsches, sanftes, gutes Geschöpf; aber nicht das Leben in ihr, was ihr da beygelegt wird; sie war auch zu der kleinen Untreue nicht einmal fähig, und auch sie betrug sich viel eingezogener gegen Jerusalem, der sie freylich sehr liebte, aber doch im beleidigten Ehrgeiz, mehr als in der unglücklichen Liebe den Grund zu seinem letzten Entschlusse fand. Er beredete sich aber vielleicht selbst, daß das Letzte die Hauptursache sey, und die letzte Veranlassung ist die Liebe selbst gewiß gewesen. Es ist zwar wieder wahr daß ich ihm die Pistolen dazu hergeliehen. Aber daß er sie dazu mißbrauchen würde, ließ ich mir nicht einmal träumen. Ich kannte ihn nur wenig, und meine Frau noch weniger; denn er entfernte sich die mehrste Zeit von den Menschen. Ich wußte von seinen Grundsätzen nichts; und von seiner Liebes-Geschichte nur, was das _Publicum_ wußte; das war nicht viel. Er war nur zwey Mal bey mir gewesen, und bey dieser Gelegenheit hatte er vielleicht die Pistolen bey meiner Cammerthür hängen sehen. Er schrieb mir das eingerückte Billet würklich, und aus Höflichkeit schickte ich ihm die Pistolen, ohne Bedenken. Sie waren nicht geladen; ich hatte nie damit geschossen. -- Er war ein guter melancholischer Junge; aber das hätte sich niemand von ihm träumen lassen; es hat es mir auch niemand verdacht.

Diese Jerusalemische Geschichte, die ich möglichst genau erforschte, weil sie merkwürdig war, schrieb ich mit allen Umständen auf, und schickte sie Goethen nach Franckfurt; der hat denn den Gebrauch im zweyten Theil seines Werthers davon gemacht, und nach Gefallen etwas hinzugethan.

Sie sehen also, daß Sie mich ohne Ursache bedauert haben; und ob wir gleich sehr ungern durch das Buch in das Gespräch des Publicums auf solche Art kommen, so freut uns doch, daß es ohne Grund geschieht, und Dank seys dem Höchsten, wir glücklich, zufrieden und vergnügt mit einander gelebt haben und noch leben. Ein geheimer Schrecken überfällt mich manchmal, wenn ich denke, diese Welt, und in so glücklicher Ehe! Darum ertrage ich gern, wenn ich es mir übrigens ein wenig sauer werden lassen muß, da mein Vater inzwischen verstorben ist, meine Einnahme nicht groß, der Aufenthalt hier kostbar ist. Ich nehme dieß gern als ein kleines Gegengewicht unseres Glückes an, zumal da es mir noch an nichts gefehlt hat, und noch nicht fehlet, auch meine _Praxis_ immer etwas zunimmt, und die Aussicht zu besseren Umständen da ist.

Als Goethe sein Buch schon hatte drucken lassen, schickte er uns ein Exemplar, und meinte Wunder was er für eine That gethan hatte. Wir aber sahen es gleich voraus, wie der Erfolg seyn würde, und Ihr Brief bestätigt eine Art unserer Prophezeihung. Ich schrieb ihm und zankte sehr. Nun sah er erst ein was er gethan hatte; das Buch war aber schon an die Buchführer gelangt, und er hoffte noch, daß wir uns geirrt haben sollten.

Ehe ich weiter schreibe, bitte ich Sie inständigst diesen Brief gleich zu verbrennen; wenn er verloren gienge, so bekämen wir eine neue Auflage mit Anmerkungen. Ich habe mir vorgenommen, mich künftig zu hüten, daß ich keinem Autor etwas schreibe, was nicht die ganze Welt lesen darf.

Nun aber ersuche ich Sie, bey Mendelsohn und sonst zu äussern, daß Sie gewiß wüßten, daß in dem Buche die Jerusalemische Geschichte hauptsächlich zum Grunde liege. (Dieß ist wahr, und dem Todten gleichgültig.) Allenfalls können Sie hinzusetzen, daß die Charactere zum Theil wahr wären, aber nicht in der Maaße, daß der tragische Erfolg daraus fliessen könne. Wenn uns jemand kennt, so suchen Sie das Nachtheilige, das im Buche von uns liegt, von uns abzuwenden. Meiner Frau Bild ist in dem, was an Lotten liebenswürdig und untadelhaft ist, getreu. Schliessen Sie daraus, wie natürlich es zugegangen, daß ich sie lieben mußte, da ich sie in ihrer unerfahrenen Jugend kennen lernte. Wenn ich von ihr hätte lassen müssen; so stehe ich nicht dafür, ob ich nicht Werther geworden wäre. Darin erkenne ich mich in Albert nicht.

Sagen Sie aber, was soll ich bey der Geschichte anders thun, als sie übersehen. Zu redressiren ist sie nicht. Goethe hat's gewiß nicht übel gemeint; er schätzte meine Frau und mich dazu zu hoch. Seine Briefe und seine andern Handlungen beweisen es. Er betrug sich auch viel größer, als er sich im Werther zum Theil geschildert hat. Uebrigens kann uns die Geschichte bey denen, die uns nur halb kennen, nicht schaden. Der Augenschein ist zu sichtbar ~für~ uns, da unser gutes Verständniß unter einander bekannt ist.

109.

Goethe an Kestner.

v. 21. Nov. 1774.

Da hab ich deinen Brief, Kestner! An einem fremden Pult, in eines Malers Stube, denn gestern fing ich an in Oel zu malen, habe deinen Brief und muss dir zurufen Dank! Dank lieber! Du bist immer der Gute! -- O könnt ich dir an Hals springen, mich zu Lottens Füssen werfen, Eine, Eine Minute, und all, all das sollte getilgt, erklärt seyn was ich mit Büchern Papier nicht aufschliessen könnte! -- O ihr Ungläubigen würd ich ausrufen! Ihr Kleingläubigen! -- Könntet ihr den tausendsten Theil fühlen, was Werther tausend Herzen ist, ihr würdet die Unkosten nicht berechnen, die ihr dazu hergebt! Da lies ein Blättgen, und sende mirs heilig wieder, wie du hier drinnen hast. -- Du schickst mir Hennings Brief, er klagt mich nicht an, er entschuldigt mich. Bruder lieber Kestner! wollt ihr warten so wird euch geholfen. Ich wollt um meines eignen Lebens Gefahr willen Werthern nicht zurückrufen, und glaub mir, glaub an mich, deine Besorgnisse, deine _Gravamina_, schwinden wie Gespenster der Nacht wenn du Geduld hast, und dann -- binnen hier und einem Jahr versprech ich euch auf die ~lieblichste~, ~einzigste~, ~innigste~ Weise alles was noch übrig seyn mögte von Verdacht, Missdeutung &c. im schwäzzenden Publikum, obgleich das eine Heerd Schwein ist, auszulöschen, wie ein reiner Nordwind, Nebel und Dufft. -- Werther muss -- muss seyn! -- Ihr fühlt ~ihn~ nicht, ihr fühlt nur ~mich~ und ~euch~, und was ihr ~angeklebt~ heisst -- und trutz euch -- und andern -- ~eingewoben~ ist -- Wenn ich noch lebe, so bist dus dem ichs danke -- bist also nicht Albert -- Und also --

Gib Lotten eine Hand ganz warm von mir, und sag ihr: Ihren Nahmen von tausend heiligen Lippen mit Ehrfurcht ausgesprochen zu wissen, sey doch ein Aequivalent gegen Besorgnisse, die einem kaum ohne alles andere im gemeinen Leben, da man jeder Baase ausgesetzt ist, lange verdriesen würden.

Wenn ihr brav seyd und nicht an mir nagt, so schick ich euch Briefe, Laute, Seufzer nach Werthern, und wenn ihr Glauben habt, so glaubt dass alles wohl seyn wird, und Geschwäz nichts ist, und beherzige deines Philosophen Brief -- den ich geküsst habe --

-- O du! -- hast nicht gefühlt wie der Mensch dich umfasst, dich tröstet -- und in deinem, in Lottens Werth Trost genug findet, gegen das Elend das schon euch in der Dichtung schröckt. Lotte, leb wohl -- Kestner du -- habt mich lieb -- und nagt mich nicht --

G.

Das Billet keinem Menschen gezeigt! unter euch beyden! Sonst niemand sehe das! Adieu ihr lieben! Küsse mir Kestner deine Frau und meine Pathen

* * * * *

Und mein Versprechen bedenkt. ~Ich~ allein kann ~erfinden~, was euch völlig ausser aller Rede setzt, ausser dem windgen Argwohn. Ich habs in meiner Gewalt, noch ists zu früh! Grüss deinen Hennings ganz herzlich von ~mir~

* * * * *

Ein Mädchen sagt mir gestern, ich glaubte nicht dass ~Lotte~ so ein schöner Name wäre! er klingt so ganz eigen in dem Werther

* * * * *

Eine andre schrieb neulich: Ich bitte euch um Gotteswillen, heisst mich nicht mehr Lotte! -- Lottgen, oder Lolo -- wie ihr wollt -- Nur nicht Lotte bis ich des Nahmens werther werde denn ichs bin.

O Zauberkrafft der Lieb und Freundschafft.

Zimmermanns Billet nächstens. Es ist kalt, ich kanns nicht droben suchen. Heut gehts aufs Eis, ihr lieben Ade

d. 21 Nov. 1774.

110.

Kestner an v. Hennings.

Hannover den 30ten November 1774. (geschlossen den 24 Jan. 1775)

.....Ihren vorigen Brief, nicht den letzten, habe ich Goethen mitgetheilt, um ihn zu überzeugen, wie das Buch angesehen werden könne, um ihn wenigstens in künftigen Fällen behutsamer zu machen. Er schreibt ich soll Sie herzlich grüßen. Er hat Ihren Brief geküßt. Ich soll den Brief meines Philosophen nur recht beherzigen &c. Sie kennen ihn schon aus seinen Schriften. Er macht sich aus der ganzen Welt nichts, darum kann er sich in die Stelle derer, die so nicht seyn können, noch dürfen, nicht setzen. »O du! hast nicht gefühlt wie der Mensch dich umfaßt, dich tröstet -- und in deinem und Lottens Werth Trost genug findet gegen das Elend das Euch schon in der Dichtung schreckt &c.« -- sind seine Worte.

Die Urtheile von seinem Buche sind verschieden, und einige, so daß sie ihn wegen manchem Tadel hinlänglich entschädigen. Gerade dem Ihrigen Urtheile entgegen, sagte einer, -- Nun würde kein Unheiliger sich leichtsinnig erschiessen.

Sie glauben nicht was es für ein Mensch ist. Aber wenn sein großes Feuer ein wenig ausgetobet hat; so werden wir noch Freude an ihm erleben.

d. 24. Januar 75.

Diesen Brief ward ich behindert fortzusetzen. Hernach dachte ich, er träfe Sie nicht mehr an. Nun da Sie zu Altona seyn werden, soll mich nichts mehr hindern. Ich danke Ihnen für den lieben Brief. Sie trösten mich wegen Werthers Leiden. Im Grunde haben Sie Recht, und es hat mir im _Publico_, so viel ich weiß, hier keinen Schaden gethan. Aber es thut mir doch wehe, daß ich das Buch nicht mit der Theilnehmung, wie ich bey andern sehe, lesen und wiederholt lesen kann. Immer stößt mir eine Stelle auf, die mir auch in der Dichtung empfindlich ist. Nun ist noch ein ungebetener Ausleger hinzugekommen, in der sogenannten Berichtigung &c. Es ist wohl kein boshafter Ausleger, und manches dient zur Verhinderung irriger Vorstellung. Aber was soll es? Muß denn das Publikum alles so haarklein wissen. Man sollte wunder glauben, was das _Publicum_ für ein ehrwürdiges Ding wäre, dem man ia von Allem recht genauen Bericht abstatten müßte. Ich kenne den Verfasser nicht. Er muß aber genaue Nachricht haben; wiewohl er sich in einigen Stücken irrt. Ich bin mit Lottchen nicht vorher versprochen gewesen. Und was er damit sagen will: »ich bekümmerte mich um den Weltlauf nicht,« verstehe ich nicht. Ich lebte zu Wetzlar im _Publico_, und auch hier thue ich es. Der Weltlauf interessirt mich in seiner Maasse allerdings, und er ist sogar mein Studium. Wenn man Einen öffentlich schildern will, so sollte man ihn doch kennen. Ein guter Freund schrieb mir letzthin: »_Sauf le respect pour votre ami, mais il est dangereux d'avoir un auteur pour ami._« Er hat wohl recht.

Wenn Sie in Ruhe sind, so schreiben Sie mir etwas umständlicher von sich selbst. Es interessirt mich alles, was Sie angeht. O wenn ich Sie doch wieder sehen könnte! Glauben Sie nur, Sie sind mir noch immer das, was Sie vor vielen Jahren waren. Es freut mich, wenn ich mich untersuche, daß ich meine Empfindungen so unverändert finde, durch die Reihe von Jahren, durch ein reiferes Alter, durch so mancherley Scenen und Begebenheiten, ganz unverändert. Nur thut mir oft wehe, daß meine Geschäfte hindern, öfter dem Hang meines Herzens nachzuhängen. Die Unvollkommenheit dieser Welt empfinde ich nur dann zu stark, wenn ich abbrechen muß, wie jetzt. Leben Sie wohl. Vor allen Dingen leben Sie vergnügt und zufrieden. Behalten Sie uns lieb. Mein Lottchen grüßt Sie herzlich. Ihren Freund grüßen Sie auch; und wenn Sie ihren Bruder sehen werden, auch den.

_K._

111.

Goethe an Hans.

v. 9. Jan. 1775.

Hier, lieber Hans, ein Brief an Lotten. Von den Damens nehm Er das Geld, von jeder 4-1/2 fl. und schicke er mirs mit Gelegenheit.

Seine Briefe haben mich über Freud und Leid herzlich lachen gemacht. Fahr er fort mich lieb zu haben, und grüss er alles.

d. 9 Januar 1775.

G.

112.

Goethe an Lotte.

v. 19. Jun. 1775.

Tief in der Schweiz am Orte wo Tell seinem Knaben den Apfel vom Kopf schoss, warum iust von da ein paar Worte an Sie da ich so lang schwieg?

Gut Liebe Lotte, einen Blick auf Sie und Ihre Kleinen, und das liebe Männchen, aus all der herrlichen Natur heraus, mitten unter dem edlen Geschlecht das seiner Väter nicht ganz unwerth seyn darf, obs gleich auch Menschen sind hüben und drüben.

Ich kann nichts erzählen, nichts beschreiben. Vielleicht erzähl ich mehr wenn mirs abwesend ist, wie mirs wohl eh mit lieben Sachen gegangen ist.

Nicht wahr Sie haben mich noch ein bischen lieb und so halten Sie's und küssen Ihren Mann auch von mir und Ihre Kleinen. Adieu. grüssen Sie Meyers recht viel. Altdorf drey stunden vom Gotthard den ich morgen besteige.

d. 19. Jun. 1775.

113.

Goethe's Schwester an Kestner.

v. 6. Jan. 1776.

Ich habe eine grose Sünde auf dem Herzen, bester Kestner, -- Ihren lieben Brief so lang unbeantwortet zu lassen, das ist abscheulich -- Ich wäre mit nichts zu entschuldigen wenn ich nicht seit zwey Jahr keinem Menschen in der Welt geschrieben hätte -- so lang währt meine Krankheit und eine Art von Melancolie, die eine natürliche Folge davon ist -- Ihre liebe aktive Lotte wird sich hierüber nicht wundern, weil sie sich leicht vorstellen kann, was das heisst als Frau und Mutter zwey Jahre lang im Bette zu liegen, ohne im Stand zu seyn sich selbst nur einen Strumpf anzuziehen --

Zimmermann kam als mein guter Genius mich an Leib und Seele zu erretten, er gab mir Hofnung und munterte mich so auf, dass ich seitdem wenig ganze trübe Stunden mehr habe -- es ist auch wirklich durch seine vortreffliche Vorschriften so weit mit meiner Cörperlichen Besserung gekommen, dass ich große Linderung spüre -- Es fehlt mir hier hauptsächlich an einer Freundinn die mich aufzumuntern wüsste, und die meine Gedanken von dem elenden kränklichen Cörper weg, auf andere Gegenstände zöge -- Es ist sehr schlimm dass ich mich selbst mit nichts beschäfftigen kann, weder mit Handarbeit, noch mit lesen, noch mit Clavierspielen -- auch das Schreiben fällt mir beschwerlich wie Sie sehen --

Mein Mädgen würde mir sehr viel Freude machen wenn ich mich mit ihm abgeben könnte, aber so muss ichs ganz fremden Leuten überlassen, welches nicht wenig zum Druck meines Gemüths beyträgt -- Es ist sehr lustig und will den ganzen Tag tanzen, desswegen es auch bey jedem lieber als bey mir ist -- laufen kanns noch nicht allein, es happelt aber entsetzlich wenn manns führt -- Schreiben Sie mir doch ja viel und recht umständlich von Ihren Kleinen, denn wie ich höre so sind Sie so glücklich zwey zu haben -- ich mögt gern wissen wie sie aussehn, ob sie der Lotte gleichen, ob sie blaue oder schwarze Augen haben, ob sie lustig oder still sind u.s.w.

Verzeihen Sie mir ja die vielen Fragen, ich würde sie nicht gethan haben wenn ich nicht versichert wäre, dass Sie sie gern beantworteten -- Leben Sie wohl. Ihre liebe Lotte küsse ich hundertmal.

d. 6. Jen. 76. S. Schlosser.

114.

Goethe's Mutter an Hans.

Franckfurt d. 2^{ten} Februar 1776.

Mein lieber Herr Buff! Die Mutter von Ihrem Freund, dem Doctor Goethe, hätte eine Bitte an Sie. Ich weiß, daß Sie meinen Sohn lieb haben. Um desto getroster darf ich Ihnen einen Auftrag geben, da Sie des Sohnes wegen, der Mutter gewiß einen Gefallen thun. Den 9^{ten} November vorigen Jahres, schickte ich an Hr. Cammerrichter ein Päckchen mit 44 fl. 10 kr. Dagegen bekam wie gewöhnlich einen Postschein, der ein 1/4 Jahr gültig ist; den 9^{ten} Februar wäre also die Zeit vorbey, inzwischen habe von Hrn. Cammerrichter nicht die geringste Nachricht, ob das Geld glücklich angekommen ist. Nun ist die Frage, ob Sie mir wollen den Gefallen thun und sich bey seiner Excellenz Haushofmeister, oder wen Sie sonst von seinem Hofstaat kennen, erkundigen wollen, ob das Geld richtig überliefert worden seye, denn im entgegenstehenden Falle habe noch 8 Tage Zeit mich beym Postamt zu melden. Haben Sie die Güte mir vor Ablauf der 8 Tage zu antworten, damit ich weiß, woran ich bin.

Sie werden sich ohne Zweifel wundern, warum der Doctor nicht selber schreibt. Aber der ist nicht hier, schon ein 1/4 Jahr ist er in Weimar beym Herzog, und Gott weiß wenn er wieder kömmt. Aber freuen thut er sich gewiß, wenn ich ihm schreibe, daß ich an seinen lieben alten Bekannten und guten Freund geschrieben habe, denn wie viel er immer von Ihnen und Ihrem ganzen Haus erzählt hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Für seinen vergnügtesten Zeitpunkt hat er es immer gehalten. Ihr lieber Herr Vater, Brüder und Schwestern, besonders Herr und Frau Kestner sind doch, hoffe ich, alle wohl? Grüssen Sie alles von mir, und seyd versichert, daß ich jederzeit seye

Ihre Freundin Goethe.

Wenn Sie die Güte haben an mich zu schreiben, so ist meine Adresse An Frau Rath Goethe, auf dem grossen Hofgraben.

115.

Goethe an Kestner und Lotten.

v. 9. Jul. 1776 aus Weimar.

Liebe Kinder. Ich hab so vielerley von Stund zu Stund das mich herumwirft, ehmahls warens meine eigne Gefühle, iezt sind neben denen, noch die Verworrenheiten andrer Menschen die ich tragen und zurecht legen muss. So viel nur: ich bleibe hier, und kann da wo ich, und wie ich bin meines Lebens geniessen, und einem der edelsten Menschen, in mancherley Zuständen förderlich und dienstlich seyn. Der Herzog mit dem ich nun schon an die 9 Monate in der wahrsten und innigsten Seelen Verbindung stehe, hat mich endlich auch an seine Geschäffte gebunden, aus unsrer Liebschafft ist eine Ehe entstanden, die Gott seegne.

Er hat mir Siz und Stimme in seinem Geheimen Rath, und den Titel als Geheimer Legationsrath geben, und wir hoffen das beste.

Viel gute liebe Menschen giebts noch hier mit deren Allgemeiner Zufriedenheit ich da bleibe, ob ich gleich manchem nicht so recht anstehe. Addio behaltet mich lieb. d. 9. Jul. 76 Weimar

Schreibt mir was von euern Kindern. Matthäi hat mir einen Brief bracht.

G.

116.

Goethe an Kestner.

Wartburg d. 28. Sept. 77.

Lieber Kestner, nicht dass ich euch vergessen habe, sondern dass ich im Zustande des Schweigens bin gegen alle Welt, den die alten Weisen schon angerathen haben und in dem ich mich höchst wohl befinde, indess sich viele Leute mit Mährchen von mir unterhalten, wie sie sich ehemals von meinen Mährchen unterhielten. Wenn ihr's könntet auf euch gewinnen, und mir mehr schriebt, oder nur manchmal, ohne Antwort, glaubt dass mirs ewig werth ist, denn ich seh euch leben und glücklich seyn. -- Einen Rath verlangt ihr! Aus der Ferne ist schweer rathen! Aber der sicherste, treuste, erprobteste, ist: ~bleibt wo ihr seyd~. Tragt diese oder iene Unbequemlichkeit, Verdruss, Hintansezzung u.s.w. weil ihrs nicht besser finden werdet wenn ihr den Ort verändert. Bleibt fest und treu auf eurem Plazze. Fest und treu auf Einem Zweck, ihr seyd ia der Mann dazu, und ihr werdet ~vordringen~ durchs ~bleiben~, weil alles andre ~hinter euch~ weicht. Wer seinen Zustand verändert verliert immer die ~Reise-~ und ~Einrichte-kosten~, moralisch und ökonomisch, und sezzt sich zurück. Das sag ich dir als Weltmensch, der nach und nach mancherley lernt wie's zugeht. Schreib mir aber mehr von dir, vielleicht sag ich dir was bestimmt besseres.

Grüsse Lotten, und Gott erhalt euch und die Kleinen.

Ich wohne auf Luthers Pathmos, und finde mich da so wohl als er. Uebrigens bin ich der glücklichste von allen die ich kenne. Das wird dir auch genug seyn.

Addio. Grüsse Sophien.[28]

G.

117.

Goethe an Kestner.

v. 23. Jan. 1778.

Danke recht sehr für das überschickte, und bitt euch besonders um die Abänderungen und Verbesserungen, weil mir daran am meisten gelegen ist. Was es kostet will ich gern ersezzen, es sey was es wolle.

Viel Glück zur Vermehrung und Entblatterung der Familie. Es wird doch artig seyn, wenn ich euch einmal besuche und ihr mir mit einem Halbduzzend solcher Figürchen aufwarten könnt.

Grüse Lotten, und wenn ich auch im Styl mit unter Geh. Rätisch werde, so bleibt doch leider das übrige ziemlich im alten. Grüse Sophien.

Adieu. d. 23. Jan. 78.

G.

Apropos ist denn Lotte immer noch so schnippisch? Schickt mir doch einmal Eure Silhouetten, und Sophies und der Kinder.

118.

Goethe an Kestner.

Pfingstsonntag 1780.

Es ist recht schön dass wir einander wieder einmal begegnen. Vor einigen Tagen dacht ich an euch und wollte fragen wie es stünde. Schon lange habe ich Plan gemacht euch zu besuchen vielleicht gelingt mir's einmal und ich find euch und eure 5 Buben wohl und vergnügt. Es wär artig wenn ihr mir einmal einen Familienbrief schicktet wo Lotte und wer von den Kindern schreiben kann auch einige Zeilen drein schrieben dass man sich wieder näher rückte. Ich schick euch auch wohl einmal wieder was, denn ich habe schon mehr Lufft an meine Freunde zu denken ob sich gleich die Arbeit vermehrt.

Ausser meiner Geheimeraths Stelle, hab ich noch die Direcktion des Kriegsdepartements und des Wegebaus mit denen dazu bestimmten Kassen. Ordnung, Präzision, Geschwindigkeit sind Eigenschaften von denen ich täglich etwas zu erwerben suche.

Uebrigens steh ich sehr gut mit den Menschen hier, gewinne täglich mehr Liebe und Zutrauen, und es wird nur von mir abhängen zu nuzzen und glücklich zu seyn. Ich wohne vor der Stadt in einem sehr schönen Thale wo der Frühling jetzt sein Meisterstück macht. Auf unsrer lezten Schweizerreise ist alles nach Wunsch gegangen und wir sind mit vielem Guten beladen zurückgekommen.

Für Henningsens Deducktion dank ich. Das Gedicht kenn ich nicht und die ganze Sache zeugt von nicht sehr klaren Begriffen. Adieu Grüsse Frau und Kinder und behaltet mich lieb. Pfingstsonntag 1780.

Goethe.

Dass dir Oberon so wohl gefällt konnt ich denken, es ist ein ganz trefflich Gedicht. Wenn ein Deutscher Dichter ist so ist ers. Meine Schriftstellerey subordinirt sich dem Leben, doch erlaub ich mir, nach dem Beyspiel des grosen Königs der täglich einige Stunden auf die Flöte wandte, auch manchmal eine Uebung in dem Talente das mir eigen ist. Geschrieben liegt noch viel, fast noch einmal so viel als gedruckt, Plane hab ich auch genug, zur Ausführung aber fehlt mir Sammlung und lange Weile. Verschiedenes hab ich für's hiesige Liebhaber Theater, freylich meist Conventionsmäsig ausgemünzt. Adieu.

119.

Goethe an Kestner.

v. 30. May 1781. _acc._ 22. Jun. 81.

Wieder ein gutes Wort von Euch zu hören mein lieber Kestner war mir ein angenehm Begegnen unter den schönen Schatten meiner Bäume, unter denen ich Freud und Leid still zu tragen gewohnt bin.

Grüst mir Lotten mit ihren vielen Buben, es mögte wohl hübsch seyn wenn ich euch besuchen könnte.

Jetzt werd ich täglich mehr leibeigen, und gehöre mehr der Erde zu der wir wiederzukehren bestimmt sind. Die Aufzählung eurer Thaten, in euren kleinen Selbstgens, hat mir recht wohl gethan, ich hab euch dagegen nichts zu geben, denn ich bin ein einsamer Mensch. Brandes[29] war nur wenige Zeit bey mir.

Hierbey schick ich Lotten ein klein Nachspiel; sie solls nur nicht aus Händen geben dass es nicht gedruckt wird. Adieu, wie vor Alters. W. d. 30 May 81.

Goethe

120.

Goethe an Kestner.

v. 15. Märtz 1783. _acc._ 22. _Mart._ 83.

Wollte ich gleiches mit gleichem vergelten; so bliebe Euer Brief auch über das Jahr liegen, ich will aber der alten Freundschaft besser opfern, und hier ist also mein Dank für das überschickte.