Gockel, Hinkel und Gackeleia

Part 12

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Das Schönste aber von allem war Folgendes: herrlich und kunstreich schaute von einer Höhe eine große gothische Kirche auf die ganze Stadt wie ein Hirt auf seine Heerde herab; ihr Schiff bestand aus einem großen alten Koffer, worüber ein zerrissener Flaschenkorb stand, die beiden Thürme waren aber zwei weißgebleichte Pferdeschädel, welche das Gebiß noch im Maule hatten. Leider war, wie bei den meisten solchen Werken der Stil nicht ganz gleichartig, denn das eine Gebiß war eine Trense das andre eine Stange. Die Thurmspitzen selbst waren mit tausend kleinen Knochensplittern verziert und verspitzt; um die Kirche her breitete sich der Kirchhof aus, Grab an Grab schön geordnet, und mitten darauf ein Beinhaus von lauter Mäusegerippen und Beinchen, weiß wie Elfenbein, in schönster Ordnung zusammengelegt. Etwas tiefer als die Kirche lag ein Bauwerk, das zu den sieben Wundern der Welt gezählt wird, es bestand aus einem Trinkhumpen, der gekrönt von einem Reuterhelm in einer Trommel stand. Man nannte es das Mausoleum, denn hier ist der erste König dieses Volkes Namens Mausolus I. begraben, und seine Gattin Artemisia I. hat es ihm errichtet. Alles das konnte ich nicht genug bewundern, und der Mond schien so hell in die kleine wimmelnde Welt, daß es eine Lust war hinein zu schauen.

Während dem hatten die Mäuschen mein Bettchen und neben mir eines für die Kunstfigur von dem weichsten Moose zwischen Blumen fertig gemacht. Die meisten giengen ihrer Wege, einige konnten aber gar nicht fertig werden, mir gute Nacht zu sagen, und ich war doch von den vielen Anstrengungen so müde, daß ich schier vergessen hätte, wie ich hier bei weltfremden Leuten war; ja, lieber Vater! ich war so in der Empfindung des Schlafes, daß ich glaubte, ich sey bei Mutter Hinkel in Gelnhausen, und ich rieb mir die Augen und hatte schon angefangen, mit weinerlicher Stimme zu sagen: "Mutter, Mutter, Gackeleia ins Bettchen legen, Gackeleia ist müd, müd!"--Da ich aber die Worte der Mutter nicht hörte:

"ja, schlafen gehen, das Kind ist müde, das Sandmännchen kömmt angeschlichen", besann ich mich und schaute um mich, und sprach mit majestätischer Stimme: "Ich habe die Ehre, Ihnen sämmtlich eine geruhsame Nacht zu wünschen, lassen Sie sich etwas recht Schönes träumen. Sie würden mich unendlich verbinden, wenn Sie sich zurückziehen wollten, damit ich mich schlafen legen kann." Da aber die dummen Mäuse immer noch verwundert da standen, jagte ich sie endlich mit meiner Schürze nach Haus. Es ist mir nichts Peinlicher, als das lange unentschiedene Zaudern, und doch war ich nun, da ich mich zum Schlafen niederlegte, längere Zeit beunruhiget, daß ich die armen Schelmen so hart angefahren hatte und bat sie in meinem Innern herzlich um Verzeihung. Kaum war ich entschlafen, so versammelte sich die königliche Mäusefamilie mit ihrem Ministerium um mich her, und ich hörte alle die schönen Reden, die sie hielten, an denen nichts auszusetzen war, als daß die kurzen zu langweilig und die langen zu kurzweilig waren. Die Hauptsache war, wie sie der Raugräflich Gockelschen Familie nun schon zweimalige Rettung verdankten. Prinz Pfiffi sagte, als seine Gemahlin in die Gefangenschaft unter die Kunstfigur gekommen, sey er den drei Petschierstechern gefolgt, habe gesehen, wie sie sich den Ring verschafft und sich zu vornehmen, schönen, jungen Leuten gemacht, den Graf Gockel und seine Familie aber in arme Bettler verwünscht hätten. Kurz er wußte Alles, und wollte morgen allein ausziehen, mir den Ring wieder zu verschaffen, was ihm wegen der Uneinigkeit der Besitzer sehr leicht schien. "Nein, nein" rief da die Prinzeß Sissi, "ich will dabei seyn, du bist viel zu ungestüm, wir wollen es zusammen versuchen, und Gackeleia soll auch mitgehn." Da sprach ich: ja, ja, das wollen wir, und ich verspreche euren königlichen Eltern, wenn ich den Ring wieder erhalte, einen Zentner der schönsten holländischen Käse und einen Sack der besten Knackmandeln, um ihre Residenz neu erbauen zu können, und dazu noch einen Zentner der beßten Schinken zur allgemeinen Belustigung der Nation, und sonst Alles, was dem edeln Volk der Mäuse lieb und angenehm seyn kann. "--"Ach", rief der alte König aus, "meine liebe Gemahlin sagt mir so eben, daß sie vor ihr Leben gerne einmal Königsberger Marzipan und Thornischen Pfefferkuchen und Jauersche Bratwürste und Spandauer Zimmtbretzeln und Nürnberger Honigkuchen und Frankfurter Brenten und Sachsenhauser Kugelhupfen und Mainzer Vitzen und Gelnhauser Bubenschenkel und Koblenzer Todtenbeinchen und Liestaller Leckerli und Botzner Zelten und dergleichen patriotische Kuchen essen möge."

"Alles das sollt ihr im Ueberfluße erhalten", sagte ich, "sobald ich den Ring besitze."--"Wohlan", sprach der König, "so mögt ihr morgen mit Tagesanbruch auf das Abentheuer ausziehen. Jetzt aber soll gleich, sobald unsre Rathsitzung geschlossen ist, in die Kirche gezogen werden, um den Segen des Himmels zu erflehen; die fliegende Gensdarmerie soll gleich die nöthigen Anstalten treffen."--Nach diesen Worten des Königs Mausolus VIII. sah ich viele Fledermäuse geschäftig durch die Stadt hin- und wiederfliegen.

Jetzt trat noch ein fataler Schmeichelredner auf, um den Muth herauszustreichen, mit welchem ich die Ruthe für Prinzessin Sissi ertragen hätte. Ein alter Pair aber unterbrach ihn mit den Worten: "Ehre, dem Ehre, Ruthe, dem Ruthe gebührt! Sie litt nicht weil sie eine Mäusefreundin, sondern eine Spielratze und einst eine Katzenfreundin war; wer weiß, ob sie nicht noch jetzt deren Spionin ist"--dieser Verdacht schnitt mir durchs Herz, so daß ich im Schlafe wie eine Katze zu miauen begann, worauf dem Redner das Wort in der Kehle stecken blieb, und das ganze Parlament über Hals und Kopf auseinanderlief und sich in alle mögliche Wohnungen und Löcher verkroch.

Die Prinzessin von Mandelbiß hatte nach ihrem Zartgefühl mich wohl verstanden, sie blieb bei mir und sagte: "liebe Gackeleia, du hast die Sitzung etwas schnell aufgehoben, aber ich hätte es an deiner Stelle auch gethan; jetzt will ich gleich verkünden lassen, woher das Katzengeschrei kam, dann fällt Alles auf den undelikaten Redner. Vorher muß ich dich bitten, mir die Kunstfigur als Königin gekleidet aufzubinden, denn ich will mit derselben die Prozession begleiten, das wird eine so große Wirkung thun, als das Trojanische Pferd;--ich bringe sie dir nachher wieder, wenn wir nach der Feierlichkeit auf die Eroberung des Ringes ausziehen." Schnell kleidete ich die Figur nach ihrem Verlangen, heftete sie ihr wieder auf den Rücken und zog die Uhr in ihr auf. Da lief sie so schnell durch die Gassen hin, daß die Mäusekinder, welche sich schon vor der Thüre des Schulmeisters zur Prozession versammelt hatten, nicht wenig über sie erschracken.

Ich war froh, endlich ein wenig Ruhe zu haben, und kauerte mich recht auf meinem Lager zusammen; aber es dauerte nicht lange, da gieng wieder was Neues los. Die Kirchenmäuse liefen auf die Thürme der Kirche und riefen das Volk zum Gebet; sie hatten keine Glocken, und ich glaube darum, daß sie eine Art türkischer Religion haben. Die Fledermäuse, eine Art fliegender Nachtwächter-Gensdarmerie, schwebten über der Stadt hin und wieder und verkündeten, das gehörte Katzengeschrei sey nur im Traume geschehen, die Prozession finde Statt, Prinzeß Mandelbiß trage die schöne Kunstfigur als Königin dabei durch die Strassen u.s.w. Nun hörte ich ein fernes Singen immer näher und näher kommen; endlich verweilte der Gesang in der Nähe meines Lagers, und ich hörte, daß Prinz Speckelfleck ausrief: "hier wird das ganze Lied sanft wiederholt, um der Comtesse Gackeleia den Schlaf zu versüßen."--Ich hörte nun das folgende Lied, welches von Zeit zu Zeit von dem Chor der vorüberziehenden Mäuseprozession unterbrochen ward.

Kein Thierlein ist auf Erden Dir lieber Gott zu klein, Du ließt sie alle werden, Und alle sind sie dein. ####Zu dir, zu dir ####Ruft Mensch und Thier; ####Der Vogel dir singt, ####Das Fischlein dir springt, ####Die Biene dir brummt, ####Der Käfer dir summt, ####Auch pfeifet dir das Mäuslein klein: ####Herr, Gott, du sollst gelobet seyn. Das Vöglein in den Lüften Singt dir aus voller Brust, Die Schlange in den Klüften Zischt dir in Lebenslust. ####Zu dir, zu dir u.s.w. Die Fischlein, die da schwimmen, Sind, Herr, vor dir nicht stumm, Du hörest ihre Stimmen, Vor dir kömmt Keines um. ####Zu dir, zu dir u.s.w. Vor dir tanzt in der Sonne Der kleinen Mücken Schwarm, Zum Dank für Lebenswonne Ist Keins zu klein und arm. ####Zu dir, zu dir u.s.w. Sonn, Mond geh'n auf und unter In deinem Gnadenreich, Und alle deine Wunder Sind sich an Größe gleich. ####Zu dir, zu dir u.s.w. Zu dir muß Jedes ringen, Wenn es in Nöthen schwebt, Nur du kannst Hülfe bringen, Durch den das Ganze lebt. ####Zu dir, zu dir u.s.w. In starker Hand die Erde Trägst du mit Mann und Maus, Es ruft dein Odem: "werde", Und bläst das Lichtlein aus. ####Zu dir, zu dir u.s.w. Kein Sperling fällt vom Dache Ohn' dich, vom Haupt kein Haar, O theurer Vater wache Bei uns in der Gefahr! ####Zu dir, zu dir u.s.w. Behüt' uns vor der Falle Und vor dem süßen Gift Und vor der Katzenkralle, Die gar unfehlbar trifft. ####Zu dir, zu dir u.s.w. Daß unsre Fahrt gelinge, Schütz' uns vor aller Noth, Und hilf uns zu dem Ringe Und zu dem Zuckerbrod. ####Zu dir, zu dir u.s.w.

Nach diesem frommen Gesang hielten sie eine kleine Pause, dann stimmten sie in einem rascheren Takt folgende drei Verse an:

Vivat! beim höchsten Schwure Nicht Puppe, sondern nur Nach Uhr und nach der Schnure Die schöne Kunstfigur! ####Von ihrer Zier ####Spricht Mensch und Thier ####Das Vögelein singt, ####Das Fischelein springt, ####Das Bienelein summt, ####Das Käferlein brummt, ####Auch pfeifen alle Mäuselein: ####Die Kunstfigur ist schön allein. Vivat! du feine gute Prinzessin Mandelbiß, Die sich mit Heldenmuthe Aus schlimmem Handel riß. ####Von ihr, von ihr ####Spricht Mensch und Thier ####Das Vögelein singt, ####Das Fischelein springt, ####Das Bienelein brummt, ####Das Käferlein summt, ####Auch pfeifen alle Mäuselein: ####Prinzeß Sissi ist superfein. Vivat! hoch Gackeleia, Singt ihr ein Wiegenlied, Singt Heia und Popeia, Das Kind ist müd, so müd! ####Von ihr, von ihr ####Spricht Mensch und Thier, ####Das Vögelein singt, ####Das Fischelein springt, ####Das Bienelein brummt, ####Das Käferlein summt, ####Auch pfeifen alle Mäuselein: ####Schlaf' Gackeleia popeia ein!

Ich erwachte über dem schönen Gesang und hatte schon im Sinn aufzustehen und für die Nachtmusik zu danken, aber ich fürchtete, dann möchten sie kein Ende in ihren Gegenkomplimenten finden, und so hielt ich mich dann mäuschenstille und schien wie eine Ratze zu schlafen, bis die Sänger weiter gezogen waren; dann aber richtete ich mich auf und sah die schönste Procession ein wenig an. An der Spitze gieng die schöne Kunstfigur, umgeben von der königlichen Familie und dem ganzen Hofstaat. Unter den Hoffräulein sah ich eine viel zu große, kuriose Person mitgehen, sie war wie eine Riesin unter ihnen, tanzte mehr als sie gieng, und ihre Stimme paßte gar nicht in den Gesang. Hierauf folgten mehrere fremdartige Mäuse, sie unterschieden sich nicht nur durch Gestalt, Größe und Farbe, sondern auch leider meistens durch ihr nicht sehr erbauliches Betragen; sie guckten viel umher und flüsterten immer sehr angelegentlich unter einander. ich erfuhr später, wer sie waren. Auf sie folgten alle adelichen Geschlechter, worunter das schöne Geschlecht meistens aus weißen Mäuschen von hoher Zartheit und Delikatesse bestand. Alle, von welchen ich bis jetzt gesprochen, trugen Fackeln, aus leuchtenden Johanniskäfern bestehend, welche ihnen die herumschweifenden Fledermäuse hatten einfangen müssen. Hierauf folgten nun die Bürgerlichen und endlich die Landmäuse, alle in ihren National--und Naturalfarben; diese bedienten sich der Splitter von leuchtendem faulem Holze als Fackeln, welche sie im Vorübergehen an einem alten Weidenstumpf abbissen. Ich kann euch gar nicht sagen, wie feierlich sich der Zug der vielen kleinen Lichter durch die Straßen der wunderlichen Mäusestadt den Hügel hinan in den ehrwürdigen Dom hinein schlängelte--es war, als wenn die Funken an einem verglimmenden Zunderlappen hinlaufen; weißt du noch Vater, du sagtest mir manchmal in Gelnhausen am Kamin, "das sind die Studentchen, die aus der Schule laufen", ich dachte noch an diese deine Rede. Vor der Thüre der Kirche empfieng eine sehr elegante Maus an der Spitze der andern Kirchenmäuse die schöne Kunstfigur und den Hof und geleitete sie in den Dom, den ich nun aus allen seinen Oeffnungen erleuchtet sah; dann vernahm ich einen sanft pfeifenden Gesang, worauf es mäuschenstille ward.--Da nun Alles in der Kirche, und die ganze Stadt todt und stille war, warf ich noch einen Blick auf die seltsamen Gebäude im Sternenlicht. Ach, da wuchs mir das Herz; die Welt ward zu enge, weit ward es um die Seele, meine Locken schienen mir Gefühle und Wünsche, die sich sehnten, im Winde zu spielen, und ich gab sie ihm hin; denn, horch', jetzt kam auch ein Wehen und regte die Wipfel des Hains auf; sieh, und das Ebenbild unsrer Erde, der Mond, kam da geheim nun auch; die schwärmerische, die Nacht kam, trunken von Sternen und wohl wenig bekümmert um uns glänzte die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen, über Gebirgsanhöhen traurig und prächtig herauf!--Ach! da dachte ich nichts mehr, als wäre nur Vater und Mutter hier, und wenn selbst nur Kronovus hier wäre, daß ich mittheilen könnte, was ich fühle!--ja liebe Eltern, es giebt Eindrücke, die ein armes Kind nicht allein fassen kann, wo es sich anklammern möchte an ein vertrautes festeres Wesen, wie an einen Fels, einen Baum des Ufers, wenn der Strom der Empfindung anschwillt und uns reißend ins weite Meer der Begeisterung dahin tragen will! --nirgends aber ist dieses mehr der Fall, als bei großer Architektur im Mondschein"--da hielt Gackeleia ein wenig in der Erzählung ein, Frau Hinkel schloß sie ans Herz und sagte: "O das ist eine sehr poetische Stelle, o das ist aus meinem Herzen, ja du bist mein Kind, mein herz--und seelenvolles Kind, auch mich hätte einst zu Gelnhausen im Pallast Barbarossa's im Mondschein der Strom der Empfindung ins Meer der Begeisterung reißend dahin getragen,--aber Vater Gockel war bei mir und so einerlei, daß ich nicht so allerlei empfinden konnte. "-"Bleibe bei der Wahrheit", sagte Gockel, "du hast doch zweierlei empfunden, du hast an die Fleischerladen und Bäckerladen gedacht und den Schnupfen bekommen. Dir aber Gackeleia, sage ich: ich müßte mich sehr irren, oder du bist eine Schwärmerin mit deinen verschimmelten Käsen, Kürbißen, alten Reuterstiefeln, Sätteln, Patrontaschen und gothischen Kirchen im Mondschein--auch finde ich deine Gefühle im Mondschein nicht kindlich genug ausgesprochen, wärst du damals schon so groß gewesen, als jetzt, so wären dergleichen Redensarten zu verzeihen, aber so warst du ja kaum vor einigen Stunden der Ruthe entlaufen."--"Vater", erwiederte Gackeleia, "entschuldiget mich, ich bin durch den Ring Salomonis jetzt wie eine erwachsene Jungfrau und kann nicht mehr Alles so wie eine kleine Gackeleia vorbringen, ich sage als Jungfrau, was ich als Kind gefühlt, und gewiß, Vater, als Kind habe ich nur anders gesprochen."

"Gott, lasse dich immer weise, immer ein Kind zugleich seyn," sagte Gockel, "aber erzähle weiter, damit wir aus der kuriosen Stadt herauskommen--jetzt, wo du den Ring Salomonis hast, brauchst du in dem sehnsüchtigen Strom der Empfindung nicht mehr herum zu patschen--jetzt heißt es, dreh' den Ring, und du wirst so viel Bäume am Ufer der Sehnsucht haben, daß du Kohlen daraus brennen kannst und zuletzt ausrufen mußt: "ach, es ist Alles, Alles einerlei! o Eitelkeit der Eitelkeiten und Alles Eitelkeit, spricht der weise Salomo selbst und sein Siegelring wird ihm nicht widersprechen"--aber erzähl weiter Herz Gackeleia!"

"Ja", fuhr Gackeleia fort, "wie ich mein Herz so groß, meine Seele so weit fühlte, erkannte ich wohl, daß jedes Geschöpf der Eitelkeit unterworfen begehret und verlanget und immerfort seufzet und sich quält; so gieng ich umher und schaute in alle Winkel, ob gar kein Wesen da sey, dem ich mein Herz auspacken könne, und sang dabei stille vor mich hin:

"Mutter-seelig ganz allein, Wie der stille Mondenschein Schauet in die Stadt hinein, Muß die Gackeleia klein In der weiten Welt noch seyn, Wie ist Alles klar und rein, Wie ist Alles licht und fein, Wie ist Alles im Verein Zwei und zwei, und mein und dein; Aber ich, ich bin allein, Mutterseelig ganz allein!"

Da hörte ich einige Schritte von meinem Moosbettchen entfernt einen dumpfen Ton, wie von leisem, verstecktem Katzengeschrei, was mich für die frommen Mäuse sehr besorgt machte; ich schlich mich leise hinzu und fand, von Distel und Dornen überwachsen, eine alte, leere Pulvertonne dort liegen, das Spundloch war gegen mich gekehrt, der Mond schien hinein--ich guckte auch hinein--ach liebe Eltern! ich sah etwas so Entsetzliches, daß mich der Schrecken wie mit einer Gänsehaut überzog; in der alten Pulvertonne, deren einer Boden fehlte, saßen fünf junge Kater, in welchen ich zu meinem größten Schrecken--ach, sie waren mir nur zu bekannt geworden:--die fünf Söhne Schurrimurri's, Mack, Benack, Gog, Magog und Demagog, erkannte. Sie waren also der Hinrichtung entgangen--ihre Mutter Schurrimurri aber hatte ihre Strafe erlitten, denn sie saßen um deren Todtenkopf herum, der in einer alten Alongeperücke lag.--Mack schien eine heftige Rede zu halten, aber nur leise, leise, alle machten große Buckel, spreitzten die Haare, und schlugen einander den Pelz mit ihren Schweifen, daß Feuerfunken umher flogen; manchmal konnten sie ihren Grimm nicht ganz unterdrücken und ließen ein dumpfes Murren und Wimmern, wie ein unterirdisches Erdbeben, hören, wobei sie ihre weitvorgestreckten Krallen auf dem Todtenkopf, wie Dolche, wetzten. Das Ganze hatte vom Monde im Faß beleuchtet etwas höchst Gräuliches, Tückisches; mir war, als sehe ich in die Hölle, und unwillkührlich kam mir in die Seele, das ist eine Verschwörung, eine Meuterei, rette deine Freunde, die frommen Mäuse! Diese Verbrecher sind schon gerichtet, sie dürfen ihrer Strafe nicht entgehen.--Ich besann mich nicht lang, erwischte das Fäßchen beim hinteren Ende und stellte es aufrecht, so daß es wie eine Glocke über der ganzen Verschwörung stand; das junge Katzenellenbogen war gefangen, und das Spundloch stopfte ich mit einem Stück Rasen zu. Ich legte noch soviel Steine auf das Faß, als ich in der Eile rings finden konnte, damit die Gefangenen es nicht umwerfen möchten, und begab mich mit dem Gefühle, eine edle Handlung gethan zu haben, nach meinem Moosbettchen; ich horchte noch ein Bischen nach dem Faße hin, aber sie hielten sich ganz stille, und so deckte ich mein Schürzchen über die Augen, zuckte ein Bischen und schlief einen süßen Schlaf ein.

Nach einer Weile träumte mir, die Prinzeß Mandelbiß komme wieder mit der schönen Kunstfigur zu mir und sage mir ins Ohr: "Gackeleia, mache mich los und lege die Kunstfigur neben dich in ihr Bettchen, sie wird wohl so müde seyn wie ich, ich will mich in deine Locken an dein Oehrchen legen und dir alles erklären, was du bei der schönen Prozession gesehen hast und wie unser Hofredner Muskulus so herrlich gesprochen hat."

Ich that halb träumend, wie sie verlangte, dann legte sie sich in meine Locken und plauderte mir wie ein Schlafkamerädchen ins Ohr; da habe ich dann Alles folgende gehört: Die große, seltsame Person, die mir unter den Hoffräulein der Prinzeß Sissi so sehr gefallen, war eine vornehme Bergmaus, die Marquise Marmotte, welche, aus der Gefangenschaft eines Savoyardenbuben entflohen, hier bei Hof eine anständige Gelegenheit abwartete, wieder in ihr Vaterland zurückzureisen. Sissi war nicht gut auf sie zu sprechen, denn Prinz Speckelfleck hatte sich zu oft nach ihr umgeschaut und sie allzusehr gelobt, was sie bei keinem Menschen recht leiden konnte. Er bewunderte ihren Tanz, ihre schönen Träume und vor Allem ihre artigen Vorderpfötchen.--Sissi, blind für alle diese Vorzüge, sagte: