Part 1
FRANZ JUNG GNADENREICHE, UNSERE KÖNIGIN
LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG 1918
BÜCHEREI DER JÜNGSTE TAG BAND 42 GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER · WEIMAR
DIE KRISE
»Ich will nicht mehr,« sagte Maria und warf die Karten hinter sich auf das Fensterbrett. Draußen regnete es.
Der Wald klebte an den Bergwänden wie ein schleimiger, schwammiger Aussatz.
Sie spielten den ganzen Tag Karten, er gab sich Mühe, geschickt zu verlieren. Von Zeit zu Zeit sagte sie: »Ich will nicht mehr« und warf die Karten hinter sich auf das Fensterbrett. Sie sprach nur, was auf das Spiel Bezug hatte. Wenige Worte. Sie sahen sich schweigend an, als ob jeder in dem anderen etwas tief Geheimnisvolles, eine letzte Erkenntnis ergründen müßte. Sie merkten nicht, daß sie aneinander vorbeisahen, durch die Fenster, den Wald und die Berge hindurch in eine unendliche Ebene, in der sie sich verloren. Von Zeit zu Zeit sagte er: »Was wird nun --« und versuchte, sich aufzurichten. Er vergaß, daß er wohl eine Antwort überhört haben mochte. Er nahm wieder die Karten auf und sagte einen Trumpf an.
Und doch glimmte ein Funken, für Sekunden leckten Stichflammen an die Oberfläche empor, es zog den Körper auf und nieder, etwas Weiches, Glitschiges, das sich ansaugte und Ekel erregte.
»Ich will nicht,« hörte er wieder und meinte, eine frische Brise müsse ihn forttragen, hinaus, weit fort. Weg von dieser Frau, und ihm Frieden geben. Blitzschnell durchzuckte ihn der Gedanke, daß er ihre körperliche Nähe nicht mehr ertragen könnte, und ließ ein Gefühl von Unbehagen zurück, das sich steigerte.
»Neulich träumte ich von dir. Du warst von mir gegangen, und ich suchte dich. In einem Konzertgarten glaubte ich dich gefunden zu haben. Du saßest in einem Kreise von Männern, die wie Kellner und Zuhälter aussahen, und schienst sehr vertraut zu sein. Ihr lachtet alle sehr laut, du erzähltest etwas und langtest ständig mit den Armen über den Tisch. Ich mußte denken, so muß es sein wenn man den Kindern Brot schneidet, und ich entdeckte an deinem Körper, daß er eckig war und starke Knochen hatte. Es war so, daß man hätte sagen müssen, diese Frau hat viele Kinder. Sie ist gut für den Staat. Ich war sehr bestürzt. Ich lief in weitem Bogen um den Tisch und traute mich nicht mehr, mich bemerkbar zu machen. Ich fühlte, daß du von mir sprachst. Aber seltsam, es traf mich nicht. Ich wußte wohl, daß alle über mich lachten, aber ich war so ruhig und dachte, das ist gut so, daß alle über mich lachen. Es ist ein so weiter Abstand. Nur die Neugierde empfand ich, zu sehen, ob du das wirklich warst, du verstehst, ich zweifelte noch. Einer der Männer hatte einen Buckel. Ich erinnerte mich, daß du von einem Vetter gesprochen hattest, der nach der ganzen Schilderung einen Buckel haben mußte. Ich war erlöst. Ich hatte Mitleid mit dir. Ohne daß es mich quälte. Doch wollte ich Gewißheit haben, ich merkte, wie ich mit dir rang, ich dachte mir, laß doch, es hat ja doch keinen Zweck, es ist gut so. Ich mochte wohl lange Zeit überlegt haben, auf einmal rief ich laut mehrmals hintereinander: Hilpert -- Hilpert. Wie wenn man kurz eine Kugel nach dem Ziel stößt. Ich dachte, der Buckelige würde erschrecken oder schnell sich umdrehen und nach einem Bekannten ausschauen, aber er drehte nur langsam den Kopf mir zu und drohte lächelnd mit dem Finger. Wie wenn ein Vater sein Kind schilt und sagt: Sei brav. Mir war, als hätte ich einen Schlag bekommen. Ich sah, daß alle von meiner Anwesenheit wußten, sie war selbstverständlich. Es quälte mich so, daß ich erwachte. Ich hörte dich im Nebenzimmer im Bett, und ich gestand mir ein, du seiest vielleicht doch anders als jene Frau.«
Sie sahen wieder lange Zeit schweigend durcheinander hindurch.
Sie hatte den Kopf gestützt und schien zu lauschen.
Er hätte es gern gesehen, wenn sie gelächelt oder irgendeine Bemerkung gemacht hätte. Sie blieb unbeweglich und schwieg. Er dachte an die Möglichkeit, daß sie eingeschlafen war. Er empfand seine Unruhe wachsen. Es lastete etwas auf ihm und drohte ihn zu ersticken. Sein Atem ging kurz. Er sah sie mit flackernden Blicken an. Seine Stimme bekam einen rissigen Klang.
»Manchmal erinnere ich mich jenes Auftrittes, als ich mit dir in einer fremden Stadt in ein Tanzlokal ging. Es war ein Lokal, das in sehr schlechtem Rufe stand, aber ich wollte durchaus hin, du weißt, es spielte ein Orchestrion.« Er sprach schneller, als wollte er etwaigen Einwendungen zuvorkommen. Er sprach über sie hinweg wie zu einer fremden Person, die hinter dem Fenster stand. Ach was, dachte er, ich werde es ihr zeigen, nein, ich muß das sogar und gerade jetzt. Er suchte in ihrem Gesicht nach Spuren von Unruhe und lächelte boshaft.
»Du mußt verstehen, ich konnte nicht anders, ich mußte hingehen und um Entschuldigung bitten. Es war ja lächerlich, er kommt auf dich zu, schlägt dir mit der Faust ins Gesicht und schreit, du hättest ihm Geld genommen. Warum du nur darauf eingingst -- es war ja gleich, was er auch sagte, aber du gebrauchtest Ausdrücke -- du sagtest damals, du wärest noch nie dort gewesen, es war seltsam.« Er schwieg plötzlich. Ihr Gesicht bekam einen abweisenden Zug, wurde kalt, fremd, als wollte sie einem hinzutretenden Unbekannten zurufen: Wer spricht eigentlich hier?
Er nahm schnell die Karten wieder auf und sagte einen Trumpf an. Die Erkenntnis seiner Feigheit war ihm so beschämend, daß das Blut in den Kopf stieg. Er wartete nicht erst ab, ob sie auf das Spiel einging, und legte die Karten wieder hin. Er tat es behutsam, als habe er Kostbares in den Händen, und hielt den Kopf gesenkt.
Sie fragte leichthin: »Wo hast du deine Freundinnen eigentlich kennen gelernt?« Er schwankte einen Augenblick, als ob er auffahren wollte, und antwortete ruhig: »Du weißt es ja, bei jenem Fest.«
»Ich hatte das nicht von dir gedacht.« Sie sprach leise mit zitternder Stimme, in Erinnerungen versunken: »Du solltest ganz mein sein, ich wollte jemanden haben, zu dem ich hätte aufblicken können.«
Er stieß hervor: »Und da hast du das Schlimmste getan, was überhaupt ein Weib tun kann . . .«
»Was habe ich denn getan . . .« sagte sie leise, »alles ist von dir ausgegangen, du hast mich gehetzt, wo ich bei dir die Ruhe gesucht habe.«
»Und was ist schließlich, es war ja nicht so schlimm, du hättest zu mir kommen sollen.« Eine Flut widersprechender Gedanken stieg in ihm auf.
»Du hast mich gebeten, immer ganz offen zu sein. Ich habe in der ersten Minute unseres Zusammenseins gezittert, enttäusche mich nicht, nur du nicht, es tut mir so weh, aber ich habe das nicht gefunden, was ich suchte.«
»Was soll ich denn tun . . .« schrie er, brach ab und bereute seine Worte.
Sie sprach unbeirrt weiter: »Du hast mich immer allein gelassen. Du hast deine Freunde und deine Vergnügungen. Was habe ich, und ich habe dich so lieb . . .« Sie schwiegen wieder eine Zeitlang.
Die Stille des Zimmers und das gleichmäßige langsame Anklatschen der Regentropfen ließen ein Grauen entstehen, das riesengroß emporwuchs. Es war ein unförmiger Koloß, der lautlos und unabwendbar niederglitt. Es war, daß man lauscht nach dem Knistern der erwürgten Fleischmassen und den Splittern der zerriebenen Knochen, daß man sich sehnt nach Krachen und Getöse und man nichts hört. Es war, als ob ihre Körper sich in einem verzweifelten Grinsen schüttelten. Er fühlte: Vielleicht hat sie recht. Sie ist eine Spinne, ich verstehe es nicht -- hat sie nach mir gefragt?
Sie saß ihm gegenüber wie festgebannt.
Sie starrte ihn unverwandt an. In seinen Blicken lag der Todesschrei eines Tieres.
GNADENREICHE, UNSERE KÖNIGIN
Tanzten schwarze Ringe.
Durch das Zittern in der Luft, daß alle Bäume sich hinaufrecken und die Knospen springen, geht die Frau. Verwachsen mit dem dampfenden Boden, ein flimmernder Kelch. Die Sonne treibt vorwärts, die Trambahn hält. Eigentlich hat sie gesagt, sie wird bald zurückkommen. Die Trambahn fahrt. Die Frau trägt Bücher im Arm. Auch Briefe: Ich denke immer an dich, ich bin hineingewachsen -- schrieb sie vor Jahren. Ihre Briefe. Aber der andere wartet. Auch der eine. Sie fröstelt. Sie rückt hin und her. Sie schaut über die goldenen Häuser auf die Wipfel, die sich im weiten Blau schaukeln. Morgen werd ich's ihm sagen. Er wird sie durchdringend ansehen. Sie ist als Kind die Straße hastig auf und ab gegangen. Der andere fürchtet sich sehr. Er schweigt, wenn sie nur den Namen nennt. Er wird traurig, sieht sie hilflos an. Er fragt, weiß er denn, daß du bei mir bist? Aber es ist etwas an ihm, das sich schnell verkriechen möchte. Sie kann ihm nicht antworten. Oder sie muß lügen. Sie wird ihn allmählich aufblättern. Er soll alle Wärme und Schönheit haben, daß er zu ihm und ihr hinauf gedeihen mag. Er trägt seine hohe Stirn gegen das Gesindel. Vielleicht, daß er noch gegen diese Welt streitet. Und siegen wird, ohne sich umzusehen. Ihm ein Kamerad werden. Sie hob mit einem Ruck ihren Kopf. Sie wurde rot. Wollte sich umwenden. Befreit aufatmen. Vielleicht laut sprechen. Aber sie merkte, daß alle Leute sie haßten. Um so besser.
Sie war daran, mit dem Blonden ein Nest zu bauen. Und die Kinder werden dann alle miteinander spielen. Sie besucht mit ihm Konzerte. Über alle Stimmen, die sie trafen, hinweg glühte ein Klang, der wuchs, sich wölbte zu einem Dom und sie verschlang. Wie in Zeiten, da alles um die Menschen herum noch stark war, daß sie sich selbst nicht merkten. Er blühte ihr entgegen, aus Chorälen, die sie gemeinsam sangen. Er schwebte vor ihr, wenn sie sich in die Augen sahen. Er strahlte über sie, wenn sie die Straße entlang gingen. Der eine merkte dies alles und wurde unruhig, daß sie nicht zu ihm sprach. Ich fürchte, du wirst alles zerstören, wenn du nicht zu mir sprichst. Er beunruhigte sich. Er sprach hart und abgerissen. Er ging mit ihr dieselbe Straße entlang. Er sprach von Chorälen. Er sprach von dem Klang. Da spuckte sie aus. Sie wies auf Vorübergehende, die sich nach ihr umsahen. Sie schrie: Schweine, Säue und Ähnliches. Die Leute blieben stehen. Sie ballte die Fäuste, sie zitterte. Er merkte, daß sie ihn ganz vergaß. Er redete auf sie ein. Er hielt sie eisern umklammert, als sie einer fremden Frau nachstürzen wollte. Die Augen quollen hervor, dann weinte sie lautlos. Unaufhörlich. Beängstigend. Sie hörte, wie er sagte, zu jeder Reinheit gehört eine Sicherung, sie kann niemals zufällig sein. Er sah, wie sie darüber hinwegglitt. Später hörte sie demütig seinen Entwicklungen zu. Er muß vorher alles wissen, man kann nicht auf seine Kosten leben, Bezahlung schwächt. Er erinnerte sich, daß sie ihn vor einigen Tagen einen Heiligen genannt hatte. Er erinnerte sich, daß sie ihn scheu gestreichelt hatte. Er war still geblieben, die Zähne zusammengebissen. Gestöhnt, warum sagst du mir nichts. Sie fällt wieder zusammen, vermorscht, klagt und muß um Hilfe winseln. Er wird wieder Wärter sein. Eine Glut war über ihm zusammengeschlagen. Er hätte sich quälen mögen, um sie zum Sprechen zu bringen. Er blieb einsam. Und wollte es nicht. Und durfte es nicht. Sie stöhnte zwischendurch, ich bin so dreckig, ich bin ein Hund. Er lauschte. Aber sie sagte nicht: verzeih. Sie schmähte den Blonden. Er widersprach. Er ist schuldlos, du hast ihn genommen. Sieh, daß ein Ende wird. Sie weinte lange. Er sprach viel. Er verteidigte ihn heftiger, aber er schloß immer, der soll sich beweisen . . . . Es war, als ob sie den andern schützen müßte. Er kann sich nicht beweisen, dachte sie. Er ist noch so schwach und klein. Nun gut, hätte er da schließen wollen. Aber sie ging aus seinen Armen und lächelte scheu. Er blieb gebannt stehen. Er brachte keinen Laut hervor. Alles Blut drängte sich zusammen. Er blieb zusammengekauert. Sie war sehr lange aus. Er wühlte sich in die Kissen. Ich hab euch lieb, fühlte er und zuckte.
Es half nichts, daß ihm war, als müßte er ersticken. Daß er verbrannte. Er blieb angeschmiedet und ohne Waffen. Er erinnerte sich, daß sie gestern gewünscht hatte: Eine Stube voll Jungerle. Er erinnerte sich, daß manchmal ihr Gesicht hohl und wie entschwunden war. Hergerichtet zum Schlag und unempfindlich. Er wurde nicht erlöst, das Feuer prasselt. Eine furchtbare Angst war um ihn: ich bin ausgestoßen. Da tauchte eine Tote vor ihm auf, der sein Wesen unaufhaltsam zuströmte. Er dehnte sich beglückt. Er wurde ruhiger. Er merkte, wie sehr er mit einem blassen lustigen Gesicht verbunden war. Er sah dünne goldene Haare, einen flimmernd bleichen Körper. Er mußte ein quälendes Gefühl zurückscheuchen, daß er sie bedrückend empfunden hatte. Ihre Nähe war heiß und fiebrig. Auch glitschig. Aber er sah jetzt in eine Werkstatt. Er sah ihre Kräfte an der Arbeit. Ihn schmieden. Dort war sein Leben. Er versank in ein wohliges Träumen. Er kroch ganz in sich zusammen. Er hörte die Schritte der Frau und wühlte sich tiefer ein. Er hätte rufen mögen, jetzt wenigstens laßt mich in Ruh. Da bebte er in Erschütterungen. Wie Nebel über dem Waldhange sich wölbt, zerreißt und sich wieder fängt. Er quälte diese Frau, er drängte ihr ein Leben auf, das in einem dunklen Land verankert war. Vor dem sie zitterte. Sie liebt die Sonne. Sie umspannt das weite graue Feld. Sie ist im quellenden Wasser, in den Katarakten des Stromes. Sie will leuchten und Glück sein . . . . Er versank in ein dumpfes Weh. Und doch merkte er noch, wie er daran ging, sich aus dem Drohenden, Ungeheuren Kräfte zu ziehen. Er sah sich panzern. Die Augen ausschlagen. Sein Weg ging steil und schmal. Er fühlte, jeder Schritt ist gegen die Welt. Gegen das Glück. Gegen alles höchstes Leben. Und doch . . . .
Aber er mußte es ablehnen . . . .
Denn er mußte es ablehnen, ein Krüppel zu sein.
LÄUTERUNG
Er liegt am Boden. Hat sich eingewühlt in die harten Schollen. Eine Straße atmet und dehnt sich, steigt, keucht schwer im Dahingleiten, reißt -- daß er zittert und sich enger preßt. Grüne Halme ballen sich dichter, weiten sich, Wolken tupfen auf blauem Bogen. Er möchte schreien.
Hinten drängen die vielen Menschen. Wimmeln. Weiße Schuhe. Lächelnd verstohlen sehnsüchtig. Straffen sich. Beine. Ein Kind springt. Lockendes Parfüm aus der Zeit, als er zwölfjährig neben einer hochgestellten Dame im Parkett des Provinztheaters saß, die Treppe hinter einer Ingenieursgattin hinaufstieg, die Fäuste gegen die Wand schlug und sich würgte, später: Steine, Segel, Meer, schließlich enger zusammenkroch, heiß, Blut rieselt, bunte lachende Menschen zueinander, alle -- Sonne --
Atmete fiebernd, schlug den Hinterkopf gegen das Grau des Himmels, fraß sich tiefer in die Schollen, weinte und schluchzte und wollte beten, ein Duft zog über allen und schlug nieder. Eine ferne Häuserreihe schob sich näher.
Er wehrte sich, dachte sich die Achseln zucken. Aufstehen. Das Gesicht abwischen. Langsam den Leuten zugehen.
Eine Gaslampe, die so lange niedergehalten war, flackert heller und surrt.
Angst schreit. Nicht sich aufblättern zu können. Die Welt zieht vorbei. Das Blut kreist enger.
Die Gemeinschaft wird wieder brechen. Eher gegen alles, als in sich. Revolution. Sich selbst zerstören. Glück des Gehenkten. Wenn man sich selbst erstickt, bleibt noch ein dünnes Leben. Klingt weiter. Er hört sich beten, anschwellen, Wände schwinden, Weiten tun sich auf, aber angeschmiedet . . . durchbohrt . . . kreisend in fremder Qual . . . Hilfe, knirscht er.
Jetzt baut er still, voll Sicherheit, ein Werk vor sich her. Unbeirrt. Wenn es auch wächst, streng, fest gefügt -- er schaut kaum hin, keine Freude, keine Zweifel, die Uhr zählt die Zeit, die Arbeit, die Steine, die er aufschichtet, Menschen gliedern sich an. Er bebt nicht vor Ungeduld, obwohl das Herz schlägt.
Da steht jemand auf, dreht das Licht aus.
Ein Stuhl wird gerückt.
Alle merken, daß es fast hell ist.
Während sich alle rekeln, den Kopf wieder in die Kissen wühlen, der Wächter hängt sich die Kontrolluhr über, rafft am Tisch Papiere zusammen, Sindbad den Seefahrer, -- sagt der Nachbar von Nr. 12 nach der hinteren Wand zu und steigert schnarrend: Morgen, Leute. Merkwürdig, wie er die Worte quetscht. Alle Wärter sind auf ihn ärgerlich. Meistens hören sie später, daß er ein Schneider ist namens Erb. Sollen glauben, daß Erb Beziehungen hat, in Verbindung mit Regierungsstellen, andererseits Intrigen, die Frau spielt eine Rolle, will ihn los werden. Graf braucht Ehescheidung. Dann aber lassen sie an Erb die Wut über den Schneider aus.
Erb mit dem schmalen spitzen Kopf, knallrotes Gesicht, springt im Bett auf, wiederholt. Sieht sich enttäuscht um.
Ganz vorn an der Tür lacht ein hübscher junger Mensch. Erb schaut strafenden Blickes hin. Der Junge schüttelt sich vor Lachen.
Erb schreit: Heute nehme ich euch alle mit raus.
Schmidt fragt: Wie denn -- raus -- mein Kopf tut mir so weh. Verzieht das Gesicht zum Weinen. Die beiden neuen Wärter kennen ihn noch nicht und tuscheln.
Es wird jetzt gekehrt, gewischt, Eimerklappern. Die Fenster sind aufgerissen. Es scheint, als ob die Eisenstäbe in der Sonne glitzern wollen.
Dann erinnert sich Schmidt, daß er einen Hammer sich vor den Kopf geschlagen hat. Er erzählt, daß er einmal sich halb die Zunge abgebissen hat. Er macht eine gute Figur, früher trug er schwarzen Bart, die Haare etwas wirr. Er hat sehr viel in seinem Leben studiert. Allerdings ist er unter gewissen Voraussetzungen bereit, heute mit Erb gleich wieder wegzugehen, er trinkt indessen keinen Schnaps. Erb würde Wein trinken. Beide sind schließlich vergnügt.
Der Wärter denkt, es ist ekelhaft hier drin. Man sitzt und sitzt. Die Toilette, die zwischen den beiden Sälen eingebaut ist, stinkt. Er kocht vor Wut. Was? Ach so, austreten. Die Wände des Kastens werden heruntergelassen. Los! Der schiebt sich den Gang entlang. Der Kollege im anderen Saal erzählt sich was mit seinen Leuten.
Wenn Frühling ist, singen draußen die Vögel. Einige dürfen aufstehen und sitzen an ihrem Bett. Schmidt denkt, ob er hier von seiner Frau erzählen soll, vielleicht wissen die was? -- Ob sie den Erb wirklich kennt -- manches stimmt ja. Schönauer liegt dem Schmidt gerade gegenüber. Er soll in Paris Ringkämpfer gewesen sein. Schmidt denkt nach. Er weiß nicht, ob seine Frau solche Muskelmenschen mag. Schmidt quält sich. Er gibt dem Erb keine Antwort.
Der Oberwärter flitzt durch die Säle. Alle sind einen Augenblick in gehobener Stimmung. Schmidt fühlt ein ungeheures Loch in seiner Seele, das immer weiter noch reißt. Und doch glaubt er nicht an Gott. Genossen, möchte er losheulen. Ich weiß nicht, was das für Leute sind. Einer heißt Draqua, einer Schubert. Die Frau, die Frau, sie spricht mit allen Menschen. Er kann sich nichts wegseufzen.
Während alle aufhorchen, die Becher werden aufs Brett gestellt, man hört schon Tritte, ein hübsch aufgeputztes Mädchen schleppt das Tablett, einer nimmt Becher für Becher ab, Brot mit rotem Mus, die Uhr geht ganz genau, selbst der Wärter ißt Brot, das Mädchen mit der weißen Schürze . . .
Ein Vergnügen, wie schnell die Tage vergehen. Mehr als jede Wohltat.
Schmidt lebt in seine Leute um ihn herum mehr hinein. Hört, daß einer, den er schon lange wegen seines gequälten Gesichtsausdrucks beobachtet, ein Ofensetzer ist. Zu dem kommt öfters eine Frau, setzt sich zu ihm, bringt Milch, Eier, Bonbons. Jedesmal dreht sich der Ofensetzer weg, wenn die Frau erscheint. Einmal begleitet sie ein junger schmächtiger Mann, vielleicht der Sohn, er steht verlegen am Bett herum, die Frau stopft dem Manne Eßwaren in den Mund. Der spuckt wütend alles aus. Die Frau ist fiebrig an der Arbeit. Der Mann hebt den Kopf der Hals quillt an, wird blutrot, er gurgelt etwas, dann kann er nicht mehr sprechen, hält den Arm weit weg. Der ganze Körper erstarrt. Die Frau dreht sich gekränkt zum Wärter um. Der Ofensetzer möchte hinausgehen, schreitet durch den Gang, bis er gefaßt und ins Bett geworfen wird. Die Wärter schreien, das Aas führt uns an. Die anderen sagen: wenn einer geht, soll man ihn gehen lassen. Einige lachen aber, wenn er Prügel bekommt.
Es geschieht sonst nichts. Nr. 5 hat die Faust in den Vorhang gewickelt, schlägt die Fensterscheiben ein, geht dann langsam ins Bett zurück, lacht. Draußen scheint die Sonne. Eigentlich freuen sich alle, sprechen miteinander, fragen, warum denn eigentlich -- nur die Wärter, der Vize, der Oberwärter -- Erb freut sich kindisch. Prophezeit, es wird noch schlimmer kommen, das schlechte Essen muß herhalten, auch von draußen werden sie kommen. Zwei Stunden später ist völliger Aufruhr. In allen Stockwerken. In den anderen Häusern.
Schmidt quälte sich mehr. Er hörte in sich etwas aufbrüllen. Laut sagte er: Ordnung muß sein. Jeder muß sich in etwas hineinfügen, sonst kann eine menschliche Gemeinschaft nicht bestehen, da muß der eine dem andern nachgeben, aber er fühlte zu tiefst eine qualvolle Fessel, es würgte ihn. Er begann wieder, andere Menschen um dessentwillen zu hassen.
Dennoch wehrte sich Schmidt weniger heftig gegen das zarte einspinnende Wesen vieler Gegenstände, die scheinbar von selbst sich zu ihm ordneten. Der Tisch, Schrank, Stühle, die Bettstellen, der Fußboden, die Lampe -- sprachen vertraut dämmernd auf ihn ein und umrankten seine Unterhaltung mit den Freunden in zunehmend bestätigender Herrlichkeit. Er lernte viel und streichelte die Bettdecke zaghaft, manchmal beruhigt und voll Erwartungen, einer bisher fremden Seligkeit den Weg bereiten zu helfen.
Draußen -- zwischen den Stäben, Verzierungen, Rosetten und Kreisen, die das Fenster vergitterten, schwand Tag um Tag das Licht, sprach in der Dämmerung, summte von Glück. Weiter hinaus stand ein Fabrikschornstein starr gegen den Dunst, ein Gewimmel schwarzer Häuser, daneben ein Stück Laubwald, der bis an den schmalen Garten heranlief. Und wieder daneben Ackerland, die Männer vom anderen Haus gingen häufig drüber hin, aus versteckter Feldhütte kräuselt Rauch. Schmidt hört Schaufeln, metallischen Klang, kurzen Ruf eines Aufsehers, drei große Buchen standen allein, ganz scharf, und weiter weg zog sich der Bahndamm. Tag für Tag.
Schmidt hörte das Rollen der Eisenbahn und lauschte, bis es verklang, die Sirenen der Fabriken, Glockenläuten von fern her, und spürte keinerlei Sehnsucht, so stark lebte er in sich und in allem, was ihn umgab.
Bis er auch nach Wochen selbst in den Garten hinaustrat und immer in der Runde herum und dann kreuz und quer ging, anfangs scheu allein, dann auch mit anderen zusammen. Kinder wurden im geschlossenen Zuge herumgeführt. Hinkten, stolperten, schleppten sich nach, hingen so schleimig aneinander und sangen. Schmidt ging immer den Kindern nach. Da krampfte wer sein Herz zusammen.
Da stand auf einmal alles um ihn herum still. Wurde schwarz. Trocknete ein. Verkroch sich. Wind pfiff.
Da rief wer.