Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte
Part 9
Noch 1402 heißt der Ort Cappel bei Chemnitz zu der Capelln, das heißt zu der zur Nikolaikirche gehörigen Kapelle. Die Namen Altenberg, Breitenbrunn, Weißenborn heißen dementsprechend ursprünglich zu dem alten Berge, dem breiten Brunnen, dem weißen Born. Gleiche Bedeutung haben Neundorf, Naundorf, Neudorf, nämlich zu dem neuen Dorfe. Siebenhöfen heißt eigentlich zu den sieben Höfen und ist benannt nach den sieben Wirtschaftsgebäuden, aus welchen der zwischen Tannenberg und Geyer liegende Ort anfangs bestand. Bei Lengefeld zeigt nur noch die urkundliche Form Langenfeld die eigentliche Bedeutung.
Nun ist noch auf die äußeren Gründe einzugehen, von welchen sich die einstigen Ansiedler bei der Benennung ihrer +Wohnplätze+ haben leiten lassen. Als natürlichster Ausgangspunkt erscheint zunächst die +Bodenerhebung+, das heißt, ob ein Ort auf oder an dem Berge, im Thale oder in der Ebene angelegt wurde. Zahlreich sind die Zusammensetzungen, wie die Städtenamen: Schneeberg, Schwarzenberg, Freiberg, und die Dorfnamen: Grünthal, Blauenthal, Rothenthal. Auf die Höhenlage weisen hin: Steinhübel, Berggießhübel, Scharfenstein, Wolkenstein. Höhen- und Thallage zugleich deuten an Ober- und Unterwiesenthal. Nach der Bodenbeschaffenheit ist benannt der Ort Sand bei Freiberg. Auch die beiden Dörfer Grießbach bei Wolkenstein und Schneeberg haben ihren Namen von dem Sande erhalten, den die hier fließenden Bäche an ihren Ufern absetzen; denn der Ausdruck Grieß (mhd. ~griez~) bedeutet den Sand am Ufer oder Grunde des Wassers. Bei den mit Haide gebildeten Namen müssen wir an Orte denken, die im Heidelande gegründet wurden. Kühnhaide oder ~Kienhain~ heißt eigentlich Fichtenheide.
Namengebend dient auch der +Wald+. Bildungen wie in Königswalde, Fürstenwalde u. a. lassen sich schon seit dem 8. Jahrhundert nachweisen. Ein Wäldchen nennen wir jetzt Hain; früher bedeutete das aus ~hagan~ zusammengezogene Wort einen Dornbusch. Hierher gehören Namen wie Grünhain, Altenhain, Pfaffenhain. Eine weitere Gruppe lehnt sich an +Tier-+ und +Pflanzennamen+ an. Dem Worte Gablenz liegt zu Grunde das Wort ~jablu~, der Apfelbaum, Geyer stammt von ~jawor~, der Ahorn, Gelenau von ~jeleni~, der Hirsch. Zahlreiche Orte verdanken dem Wasser ihre Namen. Flußnamen kehren als Ortsnamen wieder: Sehma, Pöhla, Preßnitz. Dorfschaften wie Krumbach, Steinbach, Lauterbach sind nach dem Laufe oder der besondern Eigentümlichkeit des sie berührenden Gewässers benannt. Benennung wie Furth bei Chemnitz weisen auf Übergangsstellen über die Gewässer hin.
Auch auf Personennamen sind Ortsnamen zurückzuführen. So ist es bei den vier Städten, die nach der heiligen Familie genannt sind: Annaberg, Marienberg, Jöhstadt, Joachimsthal; Johanngeorgenstadt, Ober- und Niederneuschönberg sind in Anknüpfung an Johann Georg I. und Caspar von Schönberg auf Pfaffroda benannt. Ohne weiteres verständlich sind: Hermannsdorf, Erdmannsdorf. Cunersdorf weist auf ~Cunradisdorf~ und dies auf einen Konrad. Leukersdorf bei Zwönitz wird noch 1306 ~Leutgersdorf~ genannt. Leutger ist der alte Namen ~Liutger~. Seifersdorf bei Dippoldiswalde, 1312 ~Syvirdisdorf~, führt auf Siegfried, Röhrsdorf bei Chemnitz, urkundlich ~Rudigersdorf~ auf Rüdiger, Hilbersdorf, um 1290 ~Hillebrandisdorf~ auf Hildebrand und Dittersbach bei Frankenberg, ehemals ~Dyterychsbach~, auf den vielberühmten Namen Dietrich. Die letzten fünf Namen finden sich sämtlich in Volksepos der Nibelungen; ihnen ließe sich leicht eine Reihe anderer erzgebirgischer Ortsnamen anfügen, in denen uns Personennamen aus der ältesten Zeit unserer deutschen Geschichte entgegentreten.
Nach Prof. ~Dr.~ Göpfert.
28. Die Dörfer.
~a.~ Slawische Dörfer.
Das slawische oder sorbenwendische Dorf, für dessen Anlage noch zahlreiche Beispiele nördlich vom Erzgebirgsfuße zu finden sind, bildet ein geschlossenes Ganze und bestätigt schon in seiner äußeren Form und seinem Grundrisse die Verbindung des Gemeindewesens. Die vorwiegende Form, gewissermaßen die Urgestalt des altslawischen Dorfes, ist die +Kreisform+. Die sämtlichen Höfe desselben liegen aneinandergeschlossen in einem Kreise, und nur ein Eingang führt in das Innere des Dorfes; während die äußere Umfassung von Hecken oder Lehmwänden gewissermaßen die erste Verteidigungslinie bildet. In der Mitte des Dorfes liegt in der Regel ein Teich. Ein von Linden umfaßter Platz bildet die Stätte der Gemeindeversammlungen und Beratungen. Häufig ist eine kleine Kapelle neben demselben; während die Kirche in der Reihe der Höfe liegt. Man kann für diese Dorfform noch zahlreiche Beispiele sorbenwendischen Ursprungs auf dem unteren Rande und am Fuße des Erzgebirgsabhanges nachweisen, häufig selbst da, wo die ursprüngliche Form durch das Anwachsen des Ortes schon bedeutend verändert ist. Auf dem eigentlichen Gebirgsabhange kommen sie über 250 ~m~ Meereshöhe nicht mehr vor.
Als oberster Grundsatz allen Besitzes galt, daß die ganze Feldmark des Dorfes an Äckern, Wiesen, Weiden, Waldung, Umland und Wüstungen, Bächen, Teichen u. s. w. der Gemeinde als Gesamtbesitz angehörte und daß der einzelne Hofbesitzer nur als Mitglied der Gemeinde gewissermaßen den Nießbrauch eines entsprechenden Teiles des Gesamtbesitzes hatte.
Nach M. v. Süßmilch.
~b.~ Deutsche Dörfer.
Anders als bei dem slawischen war es bei der Anlage der deutschen Dörfer im Waldgebiete. Hier wurde das Gesamtgebiet des anzulegenden Dorfes in so viele Teile geteilt, als Höfe gegründet werden sollten, und der dieser Zahl entsprechende Raum in so viele geschlossene aneinander stoßende Hufen zerlegt, als die Dorfgemeinde Höfe zählen sollte. Daher bildeten die mit dem Gehöfte besetzten Hufe ein geschlossenes Ganze. Garten, Feld, Wiese, Wald reihten sich im Zusammenhange aneinander, wenn auch die Reihenfolge dieser Teile des Ganzen in den einzelnen Fällen eine verschiedene war.
In der Regel wurden die einzelnen Höfe innerhalb der Gemeindeflur +längs des Hauptweges+ mit entsprechendem Abstande aneinander gereiht. Da die Niederlassung vorwiegend in breiteren Thalmulden erfolgte, so wurde auf jeder Seite des Wasserlaufes in entsprechender Höhe über der Thalsohle ein Hauptweg geführt, längs dessen die Höfe erbaut wurden. Bei dieser Art von Ansiedelungen in den Thälern, wie sie im Erzgebirge die vorwiegende ist, lagen innerhalb der Waldungen, welche die verschiedene Thalgebiete trennenden Höhenrückenzüge bedeckten, die Grenzlinien zwischen den in gleicher oder ähnlicher Weise angeordneten Nachbargemeinden.
Ein jeder der Höfe lag in seinem ein unzertrenntes Ganze bildenden Besitz. In der mehr oder weniger breiten Sohle der Thäler waren die Wiesen, weiter oben auf dem Abhange und dessen weniger steiler Fläche das Ackerfeld und auf dem Rande zwischen beiden der Hof mit seinen Gebäuden und dem Garten. Weiter aufwärts lagen die Hutungen und oben auf der Höhe der Wald.
Diese Art der Hufenteilung ist die im Erzgebirge bei seiner Besiedelung vorwiegende gewesen. Weniger gebräuchlich, aber doch auch vorkommend, ist die z. B. in Thüringen vorherrschende, mit der slawischen oder sorbenwendischen Hufeneinteilung im Grundgedanken übereinstimmende Hufengattung, bei welcher die Hufe aus einer großen Anzahl einzelner Ackerstücke besteht, welche durch die Feldflur der Dorfgemeinde verstreut liegen. Das gesamte Pflugland wird in eine Anzahl von Vierecken dergestalt geteilt, daß der Boden eines jeden dieser Vierecke von möglichst gleicher Beschaffenheit ist. Nun wird ein jedes dieser Vierecke in so viele Streifen oder Gewende zerlegt, als die Flur Hufen oder Höfe zählt, sodaß eine Hufe wie die andere aus ganz gleichen Teilen zusammengesetzt ist.
Die Wiesen werden auch bei dieser Hufengattung besonders verteilt. In der Regel erhielt eine jede Hufe Wiesenanteile in den drei schon im frühesten Mittelalter unterschiedenen Wiesenlagen, und zwar Thal- oder Bewässerungswiesen, Wiesen an den Hängen oder Thalhängen und Berg- oder Höhenwiesen. Jede aus dieser Hufengattung bestehende Dorfflur bildet ebenfalls ein geschlossenes Ganzes; die Hufe ist sogar vollständig abgeschlossen, wie bei der ersten Hufengattung: denn jedes neugerodete Stück Land liegt außerhalb der Hufe. Daher kommen neben der Hufe häufig noch einzelne Äcker vor, besonders dann, wenn der Wald ursprünglich geschlossenes Gemeindeeigentum war. -- Die zu dieser Hufengattung gehörigen Hoferaithen liegen stets zu einem geschlossenen Dorfe vereinigt beisammen.
Für die große Mehrzahl aller Dörfer im Erzgebirge, wenigstens soweit sie mit Ackerbau und Viehzucht in Verbindung stehen oder wenigstens in Verbindung gestanden haben, kann man die Ansiedelung der Dorfgemeinde im ganzen als die Regel annehmen. Dies schließt jedoch nicht aus, daß eine kleine Ansiedelung durch Zuzug einer geschlossenen Menge neuer Ansiedler mit einem Male oder durch allmählichen Zuwachs nach und nach im Laufe der Jahrhunderte wesentlich vergrößert worden ist.
Nach M. v. Süßmilch.
~c.~ Reste der sorbischwendischen Sprache.
Noch heuzutage sind auf dem Abhange des Erzgebirges mancherlei Wörter und Bezeichnungen inmitten einer vollkommen deutsch erscheinenden Bevölkerung gebräuchlich, welche auf sorbenwendischen Ursprung zurückweisen. In der bergmännischen Sprache begegnen wir den Wörtern »Halde« für eine Aufschüttung von Gesteinen, was auf ~halda~ = der Weiler führt; »Perl«, der Breithammer, auf ~perlik~; »Kaue«, das Stollenhaus, auf ~kavna~ = die Hütte; »Tscherper«, das Messer der Bergleute, auf ~serp~ = die Sichel; »Nusche«, das schlechte Messer (auch Kutternusche), auf ~nuz~ = das Messerchen; »Schragen«, Holzschragen, ein bestimmtes Maß Holz auf ~srak~ = das Gestell (zum Messen des Holzes); »Bähnert«, ein runder Korb, auf ~bane~ = der Flechtkorb. Unter anderen Benennungen deuten »Latschen«, schlechte oder geringe Schuhe, auf ~hlacice~ = Strümpfe; »Hütsche« auf ~hecna~ = die niedere Bank; »Hurkel« auf ~hurka~ = der Hügel, Buckel; »Zieche« auf ~cicha~ = der Bettüberzug. Ferner »Schlottig« auf ~slota~ = Lumpengesindel; »Klike«, die Gesellschaft, auf ~klika~ = das Gespann, Joch; »Schmant« auf ~smanta~ = Schmutz; ferner weist »Wischka« auf ~miska~ = der Eber; »Kunzen« auf ~cunce~ = das männliche Spanferkel. An Orts- und Richtungsbezeichnungen und dergl. kann man aufführen: »Nische« von ~nize~ = schrägüber; »lätsch« von ~lezny~ = falsch; »quatsch« von ~kvaz~ = das Gekrächze; »pritsch« von ~pric~ = fort; dergleichen an Zeitwörtern »hätscheln« von ~hejckám~ = auf dem Arme schaukeln; »bischen«, das Kind auf dem Arme tragen und einsingen, von ~pisenka~ = das Lied; »dahlen« von ~dal~ = weitläufig (sprechen); »tatschen« von ~tacim~ = im Kreise drehen (mit seiner Rede); »pesteln« von ~pestam~ = vorsorgen, pflegen; »pitzeln« von ~piclam~ = mit stumpfem Messer schneiden; »anfuzen«, jemand grob anreden, von ~fucim~ = sausen; »balzen« von ~palcivy~ = hitzig sein; »Husche« von ~husa~ (Hus) = Gans; »Kaluppe« oder Schaluppe (schlechte Hütte) von ~chalupa~ = Hütte; »paddeln« von ~padlám~ = in der Erde wühlen; »pomäle« (behaglich, bequem) von ~pomalu~ = langsam; »ketscheln« von ~kecam~ = spritzen, sudeln, besudeln u. a.
Nach ~Dr.~ Göpfert u. M. v. Süßmilch.
29. Einzelansiedelungen im Obererzgebirge.
Der Einzelansiedler hatte vollständig freie Hand, sich anzubauen, wo es ihm gefiel. Da gab es bis in die neueste Zeit Einzelhäuser im Walde und Einzelgehöfte vor dem Walde und an dessen Rande, ungerechnet die zahlreichen Mühlen, welche einsam an den Wasserläufen und in den prächtigsten Thalstrecken entlang verstreut liegen. Die verschiedenen Häusergruppen auf dem Gebirgszuge zwischen Freiberg und Brand, die Höfe von Drachenwald und Neusorge, die Gehöfte und Häusergruppen »Auf dem Gebirge« bei Marienberg, die verschiedenen Vorwerke bei Ehrenfriedersdorf und Geyer, sowie im Nordosten von Annaberg und im Norden von Buchholz, die Höfe am Bärenstein, die Vorwerke bei Oberwiesenthal, die Berghäuser bei Unterwiesenthal, die Tellerhäuser bei Oberwiesenthal, die verschiedenen Vorwerke bei Schwarzenberg, Brünnlaß am Gleesberge, die Sonnenwirbelhäuser, die Unruhe, die Spitzberghäuser, die Försterhäuser und andere geben sämtlich Beispiele für die Einzelansiedelungen, sei es als Jäger, Wilddieb, Kohlenbrenner, Bergmann, Viehzüchter und Ackerbauer.
Nach M. v. Süßmilch.
30. Die Bauart des Erzgebirgshauses.
Das für das Erzgebirge eigentümliche Wohnhaus ist das Blockhaus. Das ursprüngliche Blockhaus ist allerdings nur noch in mäßiger Anzahl zu finden, da bei allen neuen Bauten die gesteigerten Holzpreise, sowie staatliche und örtliche Bauvorschriften die Errichtung von wirklichen Blockhäusern verbieten. Das Blockhaus, wie man es in der ursprünglichen Bauweise an einzelnen Stellen noch vortrefflich erhalten findet, und zwar für eine Familie, ist die Grundform für alle Hausbauten auf dem Gebirge.
Auf einem Viereck von großen Steinen in Trockenmauer, seltener in Lehm- oder Kalkbau, steht das aus zweikantig beschlagenen, auf den beiden übrigen Seiten nur geschälten Balken errichtete Haus. Die Balken liegen wagerecht; ihre Enden sind über einander geschnitten und ragen etwa eine Hand breit vor. Die Balken waren 30 bis 35 ~cm~ starke Bohlen, und man fügte dieselben zwischen stehende Säulen von 30 ~cm~ Stärke. Für Thüre und Fenster sind entsprechende Öffnungen gelassen. Die inneren Zwischenwände sind ebenfalls Blockwände. Nur zur Aufnahme der Esse und Abgrenzung einer kleinen, schwarzberußten Sommerküche ist Mauerwerk von mehr oder weniger hart gebrannten Ziegeln aufgeführt. Die Fugen zwischen den Balken sind mit Moos, Erde oder Lehm ausgestopft und das Innere ist mit Kalkfarbe gestrichen, bei wohlhäbigeren Bauten aber mit Holzverkleidung bedeckt. Die Stuben- und Kammerdecke ist mit Brettern zwischen den Balken verschlagen; die Fenster sind mit Läden versehen. Die Holzverkleidungen sind meist in Felder geteilt; aber eigentliche Holzschnitzereien sind nirgends zu treffen. Zunächst der kleinen Hausflur befindet sich eine ungefähr 5 ~m~ im Gevierte haltende Stube, an dieser eine Kammer. In der Stube steht ein großer Kachelofen, in der kleinen Küche ein Herd. Das zweiseitige, mit Schindeln gedeckte Dach bildet ein gleichseitiges Dreieck über den niederen Außenwänden. Die über das Dach wenig aufragende Esse ist von Lehmsteinen oder Ziegeln gebaut, mit einer Holzverkleidung umfaßt und mit einem Wetter- und Schneedache überdeckt. Zu dem Dachboden führt eine offene Stiege. Dem Verlaufe der Ansiedelung entsprechend, liegen die Häuser vereinzelt, mitten im Lande, am Wege oder in Gruppen über oder nebeneinander, am Abhange oder auf dem Bergvorsprunge.
Nach M. v. Süßmilch.
31. Der erzgebirgische Kirchenbau.
Die Grundrisse der erzgebirgischen Kirchen verraten eine gemeinsame Kunstanschauung. Die zu Annaberg besteht aus drei Schiffen, von welchen das mittlere nur wenig breiter ist als die äußeren. Gegen Osten sind drei aus dem Achteck gebildete Chorbauten angeordnet. Der Bau bildet im übrigen ein Rechteck, welches etwa doppelt so lang als breit ist.
Die Kirche zu Pirna entspricht der Annaberger fast völlig. In dieser Planbildung sehen wir die ältere Schule jener Gegend; denn die Pirnaer Kirche entstand seit 1504. Ihr Meister dürfte jener +Peter von Pirna+ sein, von dem wir wissen, daß er vor +Jakob von Schweinfurt+ in Annaberg baute.
Diese Grundrißform war keine neue. Ihre Wahl war vielleicht durch Jerusalem beeinflußt; dort stand die Abtei St. Anna, die im 12. Jahrhunderte von den Kreuzfahrern über der Gruft der Großmutter Christi errichtet worden war. Auch sie zeigt jene Form und war eine jener Heilstätten, die damals kein Wallfahrer unberührt ließ. Schwerlich ist aber die Annenkirche in Jerusalem allein maßgebend gewesen. Das Vorbild der Teynkirche zu Prag und verwandter Bauten wirkte jedenfalls mit. Das dortige Chor findet sich schon 1388 an der Moritzkirche zu Halle wiederholt.
Aber zwischen allen diesen Bauten und dem Annaberger besteht ein sehr einschneidender Unterschied. Dort sind die Umfassungsmauern zwischen die inneren Endungen der Strebepfeiler gestellt, sodaß diese nach außen die Wandfläche gliedern; hier ist die Außenwand völlig glatt gebildet, sind die Streben ganz nach innen gezogen. Ursprünglich war die Hallenkirche geplant. Die folgenden Meister gingen erst zur Emporenkirche über, wie in der Wolfgangskirche zu Schneeberg und der Kirche zu Laun. Der Emporenumgang über den eingebauten Kapellen erstreckte sich in Brüx nun auch über das Chor. Die reiche, bildnerische Ausschmückung der Emporenbrüstungen, die feine Gliederung der Pfeiler, die die Decke zu einem ganzen zusammenfassende Bildung der sich durchdringenden Kurvenrippen, die Stellung der Kanzel -- alles dies giebt solchen Kirchen im hohen Grade den Eindruck des Saalartigen, des Gemeindebaues, der Predigtkirche, soweit dies bei gotischen Formen überhaupt erreichbar ist. Ähnlich ist die Schneeberger Kirche gestaltet. Schon hielt man hier nicht mehr für nötig, dem Mittelschiffe einen chorartigen Abschluß zu geben. Der Altar steht frei vor der ringsumlaufenden, den Eindruck des Raumes künstlerisch beherrschenden Empore. Diese Form war entlehnt von der Marienkirche zu Zwickau, welche 1465--1475 erbaut wurde.
In der Kirche zu Oederan aber, wie in jenen zu Penig und Geithain und sämtlichen kleineren Orten des Erzgebirges, ließ man auch die Pfeiler als Dachstützen fort und schuf lediglich den von den Emporen umgebenen Saal, an den das Chor als etwas Selbständiges sich anlegt. Am entschiedensten und merkwürdigsten zeigt sich die neue Richtung an der Kirche zu Joachimsthal, die erst nach dem Beginne der lutherischen Reformation angelegt wurde. Die böhmische Bergstadt ist in vielen Beziehungen eine Tochter Annabergs. Die ganze Anlage der Kirche ist sehr nüchtern. Sie ist durchaus protestantisch, durchaus zweckmäßig, durchaus im bewußten Gegensatze zu der Altarkirche des alten Glaubens errichtet, sodaß hier dem Katholizismus ernste Schwierigkeiten erwuchsen, als er den Bau für seinen Gottesdienst einrichten ließ.
War also das Aufgeben der malerisch reizvollen Grundrißformen der Gotik zu Gunsten einer möglichst klaren, einheitlichen Raumgestaltung ein Werk des Bestrebens, Predigt- und Gemeindekirchen zu schaffen, so zeigt sich dies auch in der Pfeilerbildung. Die Pfeiler wurden nun fast notwendige Übel. Man bildete sie deshalb so einfach als möglich und suchte einen Stolz darin, die Zahl der Stützen unter den Gewölben thunlichst zu beschränken. In Schneeberg ist die sehr nüchterne Führung der Gewölblinien in allen drei Schiffen dieselbe; in Laun tritt eine Eigentümlichkeit der Spätzeit der Gotik auf, nämlich die, daß die Rippennetze aus Bogen gebildet sind, eine Erscheinung, die sich in Brüx, am Hauptchor in Pirna, am Chor der Stadtkirche zu Lommatzsch und an der Annaberger Kirche wiederholt. Diese Formen finden sich auch wieder am Wradislavsaale des Schlosses auf dem Hradschin und in dem erst durch +Jakob von Schweinfurt+ errichteten Wappensaale der Albrechtsburg in Meißen. -- Von besonderer Wichtigkeit ist, zu sehen, wie die Baumeister sich den Emporen gegenüber verhielten. Man errichtete neben den Pfeilern des Mittelschiffes der alten Kirche die neuen, schwächeren Pfeiler, spannte die Gewölbe ein und konnte dann die alte Kirche aus dem Innern der neuen entfernen. So geschah es in Annaberg. In Annaberg entwickelte sich der Emporenbau nur schrittweise; der älteste Teil ist die »Musika«, die Orgelempore. In der Marienberger Kirche (1558--1564 erbaut) liegt die Sakristei hinter der Empore, welche den ganzen Bau umzieht. Das Chor als solches ist ganz aus dem Plane gestrichen. In der Bergkirche zu Annaberg ruhen die Emporen auf Säulen und ziehen sich ringsum. Jemehr die Strebepfeiler nach innen rückten, desto ungegliederter wurde das Äußere. In Laun, Freiberg, Schneeberg, Oederan, Buchholz erscheinen die Streben als mehr oder minder schwache Wandstreifen. In Brüx und Annaberg sind die Umfassungswände ebenso glatt wie an den meisten Schloßkapellen. Die Art der Gotik ist umgewendet.
Während an dem Dome zu Köln, wie an den großen französischen Kirchen eine gewaltige Zahl von Nebenkapellen, Strebepfeilern und Bogen, Fialen, Brüstungen und Wimpergen sich äußerlich zeigt, die ein schmales, schlank aufsteigendes Mittelschiff als eigentlichen Hauptraum der Kirche umrahmen, erscheint hier ein äußerlich schmuckloser, ganz nach innen gekehrter Hallenbau; während dort das Ganze in seinen zahlreichen Teilen, seinen verschiedenen Schiffen und Kapellen dem Wesen der Heiligen-, Klerikerkirche entspricht, ist hier der Predigtbau bei allem Bauaufwande doch in seiner zweckdienlichen Einfachheit ausgebildet, ein durchaus neues, zwar aus der Gotik entwickeltes, aber keineswegs mehr mittelalterliches Werk geschaffen.
Licht! lautet eine Grundforderung der erzgebirgischen Bauten. Die Meister der erzgebirgischen Predigtkirche fanden auch statt der Abteilung des Baues in verschieden heilige Teile eine einheitliche Form durch unbefangene Ausgestaltung der Forderungen des neuen Gottesdienstes.
Nach Gurlitt.
32. Die Wappen der Erzgebirgsstädte.
Es ist lehrreich, die Städtewappen des Erzgebirges zu vergleichen. Dieselben trennen sich in zwei große Gruppen: in die Wappen der Städte, welche vor 1500 bestanden, und in die der Städte, welche nach 1500 gegründet wurden. Diese letzteren sind alles Bergstädte, wie auch ihre Bergmannswappen bezeugen.
Der größte Teil der alten Städte führt eine Stadtmauer mit Thor und Türmen als Beleg ihrer Wehrhaftigkeit im Wappen. Diese Städte sind sämtlich im 13. Jahrhundert, jedenfalls zu Anfang desselben, wo nicht schon früher, am Ausgang des 12. Jahrhunderts, gegründet worden. So haben Colditz, Leisnig, Döbeln, die drei alten Städte vor dem Fuße des Erzgebirges, eine Mauer mit offenem Thor, Döbeln sogar drei, und drei Türme. Colditz hat über dem mittelsten Turme einen Schild mit dem Meißener Löwen, Leisnig vor dem Thore den Wappenschild der Burggrafen von Leisnig. Freiberg führt eine Mauer mit Thor und drei Türmen, vor dem Thore den Schild mit dem Meißener Löwen; Lößnitz eine Mauer mit drei Türmen, vor deren mittelsten den Schild der Burggrafen von Meißen; Elterlein eine Mauer mit Thor und zwei Türmen, rechts oben an der Mauer den Schild der Burggrafen von Meißen mit dem Andreaskreuz, links oben den Schild der Grafen von Schönburg mit seinen zwei roten Schrägstreifen. Wolkenstein führt eine Mauer mit offenem Thor und drei Türmen, auf dem rechten bläst der Wächter ins Horn. Später hat man das Wappen durch zwei zwischen die Türme gesetzte Schilderhäuschen verunziert. Frankenberg hat eine Mauer mit Thor und zwei Türmen, zwischen denen eine Jungfrau mit Kranz steht. Kirchberg, sowie Zschopau hat eine Mauer mit Thor und drei Türmen; Chemnitz ebenfalls, an dem mittelsten Turme jedoch den Schild mit dem Reichsadler. Öderan hat eine Mauer mit Thor und zwei Türmen, zwischen denen sich ein Wagenrad als Wahrzeichen der Heerstraße befindet. Die uralte Stadt Sayda hat nur den Schönburgschen Löwen.
Die Ansiedelung im Waldgebiete bezeugen die Wappen von Geringswalde oder Gerungiswalde, eine Tanne, an welcher sich ein Eber reibt, von Grünhain mit drei Tannen, vor welchen ein Auerhahn steht. Hainichen führt zwei umgeschlagene Tannen, auf dem einen Zweige sitzt ein Vogel. Nossen hat drei große Bäume, zwischen denen ein Turm steht. Dippoldiswalde zeigt zwei gekreuzte Eichen und das Brustbild eines Mannes mit Bart. Zöblitz führt einen Bärenkopf in goldenem Schilde.
Die Wappen von Dohna und Frauenstein haben keine geschichtlichen Beziehungen; ebensowenig das am Rathause von Geyer 1496 angebrachte Stadtwappen mit den drei Geiersköpfen.
Ein uraltes, redendes Bergmannswappen führt Eibenstock, nämlich Rechen und Radehaue als Wahrzeichen des Zinnseifens.