Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte
Part 8
Leider hat selbst unter den einst ihrer Frömmigkeit wegen bekannten Bergleuten die Vergnügungssucht weit mehr Platz gegriffen, als bei der einfachen Lebensführung, zu der die meisten dieser Familien genötigt sind, erwartet werden dürfte und ihnen gut ist. Das junge Volk begiebt sich zu Spiel und Tanz bei Bier und Branntwein und nur wenige der Bergleute von altem Schrot und Korn ziehen es vor, daheim bei Weib und Kind zu feiern und beim Klange der immer mehr in Vergessenheit geratenden, teilweise recht anmutigen Bergmannslieder, die höchstens noch um Weihnachten allgemeiner gehört werden, oder im harmlosen Gespräch über des liebgewonnenen Standes Würde und Bürde die schönere Vergangenheit zu neuem Leben zu erwecken. Einige suchen wohl auch die benachbarten schattigen Wälder auf, um die gerade ihnen so überaus nötige ozonreiche, würzige Luft zu genießen. Denn im allgemeinen ist der Bergmann wie der Erzgebirger ein Stubenhocker, der beim geringsten Luftzug zu erkranken fürchtet und daher äußerst selten, und auch dann nur mit wohlverwahrtem Hals und Kopf, das Freie aufsucht, wobei ihn manchmal selbst im Hochsommer ein Bedauern überkommen mag, daß nicht auch hier, wie daheim, ein lustiges Feuer im Ofen prasselt. Gleichwohl bildet der »Streittag« als einziges wirkliches Bergfest einen der seltenen Lichtblicke im Leben des anspruchslosen schwarzen Völkchens droben, und wenn es an demselben mit sprichwörtlicher Zähigkeit festhält, so begreifen und billigen wir das nicht bloß vom materiellen, sondern weit mehr vom idealen Standpunkte aus. Denn gerade in dieser Zeit der Ernüchterung und des platten Materialismus ist es mehr denn je geboten, die spärlichen Reste von Poesie und idealem Sinn, die unser Volks- und Berufsleben noch aufweist, sorgsam zu hüten und zu bewahren. Ein solcher Hauch von Poesie verklärte auch dereinst das harte Bergmannsleben, und wer nur ein einziges Mal Anackers leider jetzt so selten gewordenen »Bergmannsgruß«, der, wie Verfasser sich wohl entsinnt, früher selbst in den Schulbüchern zu finden war, mit seiner mächtig ergreifenden »Steiger-Arie«, seinen zarten Familienszenen u. s. w. gehört hat, der wird auch verstehen, warum der echte und rechte Bergmann selbst heute noch mit Begeisterung an seinem schweren Berufe hängt; es ist etwas von dem Himmelssegen, den auch dieser Beruf in sich trägt, wenn anders nur die, welche ihm angehören, sich aus der Tiefe nach oben zu erheben wissen. Und das bedeutet auch der alte sinnige Bergmannsgruß: »Glück auf!«
Nach dem Wochenblatte.
Dritter Abschnitt.
Die Besiedelung des Obererzgebirges.
25. Die Besiedelung des Erzgebirges.
~a.~ Die Besiedelung des Erzgebirges in vorwettinischer Zeit.
Im 4. Jahrhundert rückten die +slawischen Stämme+ von Osten her vor. Zwischen 454 und 495 drangen die Tschechen in Böhmen ein. Ungefähr zu gleicher Zeit kamen aus der Weichsel- und Odergegend die Milczener, Lutizier, Obotriten und Sorben bis in die später sächsischen, mecklen- und brandenburgischen Länder. Von diesen rückten die Sorben oder Serben, deren Name sie ganz besonders als ackerbautreibendes Volk bezeichnet, in das spätere Meißnische und, da 531 von den Franken und Sachsen das mächtige Reich der Thüringer vernichtet wurde, westwärts bis zur Saale vor. Die +Sorben+ waren demnach die unmittelbar nördlichen Nachbarn des alten Miriquidi. Sie gründeten sehr bald in den fruchtbaren Niederungen und Thälern Orte und bebauten das Land. Aber noch wurde dieses Volk von der Ansiedelung auf den rauhen, unwirtlichen Waldhöhen abgeschreckt, bis endlich nach den langen Vernichtungskämpfen der mächtigen deutschen Kaiser im 9. Jahrhundert, denen die Erbauung der Burg Meißen folgte, und ganz besonders, als unter +Otto I.+ die Grafen Hermann Billung und Gero glücklich die letzte Erhebung an der niederen Elbe und in den Lausitzen niederschlagen, die Macht der Slaven völlig gebrochen war. Der Zinspflichtigkeit zu entgehen, festhaltend an dem Glauben ihrer Väter, erfüllt mit tiefem Haß gegen die christliche Geistlichkeit, welche von ihren Einkünften an Getreide und Vieh, Leinwand, Honig und Wachs den zehnten Teil forderte, zogen sich nun nach den für ihr Volk unglücklichen Kämpfen zahlreiche sorbische Familien in das unfreundliche und von wilden Tieren bevölkerte, aber ihnen doch Freiheit und Sicherheit gegen ihre Besieger verheißende Erzgebirge zurück. So wurden bereits gegen Ende des 10. Jahrhunderts von diesen slawischen Einwanderern daselbst einzelne feste Niederlassungen gegründet. Immer höher stiegen sie, vorzugsweise wohl in den Thälern und so dem Laufe der Gewässer entgegen, auf der nordwestlichen Senkung des Gebirges bis ungefähr zur Linie Eibenstock-Schlettau-Zöblitz-Sayda auf. Erst vom 12. Jahrhundert an, da das Gebirge durch die Entdeckung reicher Silbererze zum Erzgebirge wurde, drangen auch die +Deutschen+ zahlreicher vor, gründeten Städte und Dörfer. Das germanische Element verschlang sehr bald die slavischen Reste, wo sich dieselben bis dahin noch in einiger Selbständigkeit erhalten hatten. Wohl erhielt sich noch, wenigstens am Fuße des eigentlichen Gebirges, ihre Sprache; denn im Jahre 1327 wurde der Gebrauch derselben bei den Zwickauer Gerichten und in Meißen sogar erst 1424 verboten; jedoch auch in den höher gelegenen slavischen Ansiedelungen wird die Muttersprache nach Berührung mit den später vorgedrungenen Deutschen nicht sobald erloschen sein, da viele slavische Wörter, die selbst in der Gegenwart nicht verschwunden sind, von den Deutschen festgehalten wurden.
Nach ~Dr.~ Köhler.
~b.~ Die Besiedelung des oberen Erzgebirges in wettinischer Zeit.
1. Die wilde Ecke.
Vor über 400 Jahren, bis zum Jahre 1496, wo man +Annaberg+ gründete, war die Stelle, an der jetzt die Stadt steht, nichts denn dicker, finsterer Wald voll Steinblöcke und Felsen, überragt gleich einer Warte von dem Pöhlberge. In den dichten Wäldern hauste mancherlei unzähliges Getier. Des Nachts erklang das gellende Geschrei des Uhus und am Tage krächzten Raubvögel und Unglück verkündende Raben massig in der Luft und horsteten auf den hohen Fichten. Der Bär brummte, der Wolf heulte und die Wildkatze schlich nach Beute. Der Fuchs und der Dachs führten ihre Baue auf und auch das Wildschwein grunzte in den geringen grünen Eichenwaldungen. Scheuen Blickes und eilenden Fußes umgingen die bewaffneten Bewohner der benachbarten Häuerdorfer die »wilde Ecke«, um nicht eine Beute der Raubtiere zu werden. Da die Gegend noch wenig angebaut war, so mußte man die Nahrungsmittel weit herholen. Die »wilde Ecke« führte darum auch noch den Namen »Hungerloch«.
Noch heute erinnert uns manches an die ehemalige Wildheit. Von Süden grüßt uns der Bärenstein, im Norden liegen rechts vom Sehmaflusse die Wolfshöhle und links der Sauwald. Auch die Fuchsgasse mag mit genannt werden.
»Sehr wild und felsicht war's in diesen Wald-Sudöden; Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind; Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten; Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.«
Nach Arnold und M. Chr. Lehmann.
2. Entstehung der Orte in Annabergs Umgegend.
Die Ansiedelungen im oberen Erzgebirge sind von sehr verschiedenem Alter. Es läßt sich die Zeit der Gründung der einzelnen Städte und Dörfer nur annähernd bestimmen. Im allgemeinen gilt, daß die Bebauung für das Gebirge später eintrat, als für das Niederland und der Bergbau auch in ältester Zeit Anlaß gab, die sonst gemiedene Wald- und Berggegend zur Wohnstätte zu wählen. Aus der Benennung, welche man den Ansiedelungen gab, läßt sich schließen, daß z. B. die Städte des oberen Gebirges: +Lößnitz+, +Zwönitz+, +Zöblitz+, +Schlettau+ bereits während der Zeit der Sorben-Wenden, also vor dem 10. Jahrhundert gegründet worden sind.
Um das Jahr 1173 wurde das Kloster +Zelle+ bei Aue durch Mönche aus dem Kloster zu Zelle bei Freiberg gegründet. -- Vorher, im 11. Jahrhundert, mögen zum Schutz und Trutz die Burgen +Wolkenstein+ und +Schwarzenberg+ mit den sich anschließenden Stadtgründungen entstanden sein. +Elterlein+ scheint seine Entstehung dem Bergbaue auf Eisen im 12. Jahrhundert zu verdanken.
Unter Markgraf +Heinrich dem Erlauchten+, vielleicht auch früher, entstand westlich von Elterlein die Ansiedelung von +Grünhain+. Daselbst stiftete, wahrscheinlich 1238, +Meinherr II.+, Graf zu Hartenstein und Burggraf zu Meißen, das Kloster Grünhain und stattete dasselbe 1240 mit zehn Dörfern der Umgegend aus. Später kamen teils durch Kauf, teils durch Schenkung noch andere Besitzungen hinzu, sodaß eine große Anzahl Städte und Dörfer dem Kloster gehörten und sein Gebiet im 15. Jahrhundert sich bis unterhalb Zwickau und einige Meilen nach Böhmen hinein erstreckte. -- Außer dem Kloster Grünhain gehört dem 13. Jahrhundert noch die Entstehung der Stadt +Ehrenfriedersdorf+, d. i. Herrenfriedersdorf, um 1240 an.
Das Städtchen +Geyer+ ist um 1395 infolge der reichen Anbrüche auf Zinn, Silber und Kupfer von Ehrenfriedersdorf aus angelegt worden. -- Bald nach der Ansiedelung in Geyer soll zu Anfang des 15. Jahrhunderts ebenfalls infolge des Bergbaues die benachbarte Stadt +Thum+ entstanden sein.
Die um Annaberg gelegenen Dörfer +Frohnau+, +Kleinrückerswalde+, +Geyersdorf+ u. a. sind früheren Ursprungs als Annaberg und Buchholz.
3. Entstehung Annabergs und anderer Bergstädte des Obererzgebirges.
In dem bei der Teilung 1485 von +Albert+ gewählten Meißnerlande war nach dem Tode dieses Fürsten im Jahre 1500 sein Sohn +Georg der Bärtige+ (1500--1539) gefolgt. Dieser war der eigentliche Gründer von Annaberg, da sein Vater zu jener Zeit als »des Kaisers gewaltiger Marschall und Bannermeister« Krieg mit den Niederländern führte und seinem Sohne während seiner Abwesenheit die Regierung des Meißnerlandes übertragen hatte. Als Georg 1500 zur selbständigen Regierung gelangte, bewies er der durch ihn gegründeten Stadt vor allen seine Gunst und Zuneigung und besuchte die reiche Bergstadt mehrmals von Dresden aus. Er spendete bedeutende Beihilfen zum Bau der schönen Annenkirche (1499--1525), ließ das Franziskaner-Kloster (1502--1512) erbauen und begnadigte die Stadt mit vielen Rechten und Freiheiten.
Bald nach der Gründung der beiden sächsischen Städte +Annaberg+ und +Buchholz+ entdeckte man auch Silber auf der böhmischen Seite des Erzgebirges. Im Jahre 1516 ward +Joachimsthal+ in Böhmen gegründet und 1520 zur freien Bergstadt erhoben. Gewöhnlich nimmt man an, daß die dort vom Jahre 1519 an geprägten Münzen abgekürzt »Thaler« genannt worden seien und dadurch dieser Name für jede Münze von gleichem Werte in Gebrauch kam, was aber von Sachkundigen bezweifelt wird. Man leitet richtiger den Münznamen von ~talentum~ ab.
Was die Gründung anderer Städte des Obererzgebirges infolge reicher Erzanbrüche betrifft, so merke man noch: Im Jahre 1517 wurden +Gottesgab+, +Eibenstock+ und +Jöhstadt+, eigentlich Josephsstadt, gegründet, 1521 +Marienberg+, 1522 +Scheibenberg+, 1526 +Wiesenthal+, 1532 +Platten+.
Das Gebiet, wo die Städte Gottesgab und Platten damals erbaut wurden, gehörte 1459--1547 durch den Vertrag zu Eger zur Mark Meißen, fiel aber infolge des Wittenberger Vertrages an Böhmen zurück.
+Jenesius+ sagt in seiner Geschichte Annabergs: »Die Bergstädte haben ihren Namen nicht von ohngefähr, sondern aus reifem Nachdenken bekommen. Meine Vaterstadt ist anfangs +Schreckenberg+ genannt worden. Aber es wurde kurz hernach, auf Ansuchen des Herzogs Georg und der Bürgerschaft durch den Kaiser Maximilian I. bewilligt, daß dieselbe +Sankt Annaberg+ heißen sollte. Die böhmischen Grafen von Schlick nahmen von der Benennung dieser Stadt Veranlassung, die von ihnen erbaute Stadt nach dem Ehemanne der Anna +Joachimsthal+ zu nennen. Dies bewog ferner den sächsischen Fürsten Heinrich den Frommen, den Bruder Georgs, daß er der von ihm gegründeten Stadt den Namen +Marienberg+ beilegte und den Flecken, welcher an der äußersten Grenze des Meißener Landes in waldiger Gegend liegt, +Jöhstadt+, d. i. Josephsstadt, benannte. Es gefiel also den Herren dieser Länder, die Städte nach denen zu benennen, die die Voreltern des Heilandes nach dem Fleische waren, damit die Einwohner zur Verkündigung der Wohlthaten Christi entzündet würden und sich ihnen mit Seele und Leib, mit Hab' und Gut weihten.«
4. Jüngere Gründungen im Obererzgebirge.
Der Bergbau in Buchholz war durch einen furchtbaren Wolkenbruch am 21. Juli 1565 fast ganz vernichtet worden, und im Jahre 1568 hatte die Pest Annaberg und die Umgegend verheert. Auf Anregung des +Kurfürsten August+ ward damals überall im Lande nach neuen Schätzen des Erdbodens geforscht. So wurde 1546 der Serpentin bei +Zöblitz+ entdeckt. In den Kalkbrüchen von +Crottendorf+ fand man 1575 abbauwürdige Marmorlager. Der daselbst gebrochene Marmor ist bis auf die Gegenwart herab vielfach zu Bauwerken und Kunstgegenständen verwendet worden. Seit einigen Jahren hat jedoch die Ausbeute an Marmor aufgehört und es wird nur Kalk gefunden.
Nach Schulrat ~Dr.~ Spieß.
26. Die Urbarmachung des Gebirges.
Das wilde Gebirge ist auf mannigfaltige Weise urbar gemacht worden. Es geschah durch Räumung und Abziehung der Wälder, Anlegung geraumer Wege und Pässe, Brückung und Austrocknung der Moräste, Ausbrennung der Heiden, Ebnung der struppichten und wilden Beerhübel. Auch geschah es durch Ausrottung der Stockräume, Ablesung der Steine und mühsame Wegschaffung der Wacken, womit die Berge und Felder überhäuft waren. Das ist besonders bei so vielen mitten im wilden Walde angelegten und erbauten Dörfern, Flecken und Städten geschehen. Ferner trug der Bergbau zur Urbarmachung bei, indem dadurch vermöge der Bergfreiheit viele hunderttausend Stämme und Schragen Holz weggetrieben und verbaut wurden. Die Hammerwerke, welche durch ihre Holzbauer und Kohlenbrenner die allergrößten Wälder sehr gelichtet haben, hatten auch daran Teil.
Bis tief in das 13. Jahrhundert hinein, dann wieder zu Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts, stellenweise selbst bis in die neueste Zeit ist das Ausroden des Waldes, um Ackerland und auch Wiesenland für neue Ansiedelungen zu gewinnen, im umfangreichsten Maße betrieben worden. Jahrhunderte lang bildete der Wald den unerschöpflich erscheinenden Vorrat, durch dessen Niederschlagen man Raum für Feld, Holz für Bauten, Bergwerks- und Hüttenanlagen, Geld für Zinsen und Steuern u. s. w. erlangen konnte, ohne an die Wiederaufforstung kahl geschlagener Höhenzüge und Abhänge denken zu müssen. Der Wald war die unerschöpfliche Geldquelle für den fortschreitenden Anbau. Erst Jahrhunderte später, nachdem das Land durch die länger als ein halbes Jahrtausend fortgesetzte Urbarmachung und Zerstörung des Waldgebietes seine gegenwärtige Oberflächengestalt und Bedeckung gewonnen hat, ist man zu der Überzeugung gekommen, der Waldvernichtung nicht bloß Einhalt thun zu müssen, sondern auch das Waldgebiet durch Neuanpflanzung erhalten und vergrößern zu sollen.
Mit dem Vordringen des deutschen Stammes in das Gebiet der Slaven und in das Gebiet des waldbedeckten Gebirges beginnt erst die geschichtliche Zeit diesem Landes. Wenn auch die Vorgänge, besonders auf dem letzteren, vielfach unbekannt geblieben oder verschleiert und entstellt auf die Nachwelt gekommen sind, lassen sich doch die allgemeinen Grundzüge dieser Entwickelung noch erkennen.
Nach ~M.~ Lehmann und Süßmilch.
27. Die obererzgebirgischen Ortsnamen.
Bei der anzutretenden Wanderung durch das Gebiet der Ortsnamen des Obererzgebirges halten wir zuerst eine Umschau über die +Berge+. Die Namen derselben tragen fast durchgehends deutsches Gepräge und sind nach den verschiedensten Gesichtspunkten gegeben. Auf die Gestalt weisen hin: Spitzberg, Ochsenkopf, Hut- und Kanzelberg, Hirnschädel; auf das Klima oder die Unfruchtbarkeit einzelner Höhen: Kaltes Feld, Kalter Muff, Kahler Berg, Kahle Höhe und Thürmrich, d. i. Dürrer Berg (bei Frauenstein); nach den Pflanzen, die auf ihnen wuchsen oder noch wachsen, sind benannt: Buch-, Eichel-, Ahorn-, Kiefern- und Fichtelberg; nach den Tieren, die häufig dort angetroffen wurden: Bären-, Wiesel- und Wolfsstein, Krahstein, d. i. Krähenstein und Adlerstein; nach Erzen: der Kupferhübel und der Eisenberg. Einzelne, wie der Kapellenberg, der Hofberg, der Zechenberg verdanken ihren Namen bestimmten auf ihnen errichteten Gebäuden, andere, wie Andreasberg, Gastberg, Geringsberg, Richterberg dem Besitzer der Fluren, auf denen sie lagen. Einer ausdrücklichen Erwähnung verdient noch der Name der bei Schwarzenberg sich erhebenden Morgenleite. Der zweite Teil dieses Worten ist das ahd. ~hlita~, mhd. ~lite~, in Norwegen noch in der Form ~Lid~ bekannt. Derselbe bezeichnet eine Berglehne oder einen Abhang und kommt in dieser Bedeutung im Erzgebirge außerordentlich häufig vor. Man unterscheidet die Süd- und Nordseite eines Berges als Sommer- und Winterleite: den ersteren Namen tragen in Annaberg zwei an der Sommerseite eines Abhanges angelegte Gassen, den letzteren ein Teil des Geyerschen Waldes; an der unteren Preßnitz heißt ein Abhang die Hirschleite; in der Nähe von Dorfchemnitz bei Sayda finden sich Buch- und Thonleite, bei Oederan die Hammerleite. In der sächsischen Holz- und Forstordnung von 1560 werden aufgeführt: Habichts-, Pech-, Grase-, Brand- und Trachenleite, und bei Elterlein heißt ein Dorf, in welchem sich früher eine Bergwäsche befand, Waschleite. Von dem in vielen unserer Bergnamen hervortretenden Grundworte Hübel, wie bei Lerchen-, Zeisig- und Hahnenhübel, begegnet uns in oberdeutschen Gegenden in Orts- und Bergnamen die umgestellte Form Bühel, ahd. ~puhil~. In unserem Gebirge ist der Ausdruck unbekannt. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß der ehrwürdige Annaberger Geschichtsschreiber Jenisius auf dem richtigen Wege ist, wenn er Pöhlberg auf jenes Bühel zurückführt, aus welchem dann Pihl und Pehl als entstellte Formen hervorgegangen sein würden.
Zwei bekannte Bergnamen, Auersberg und Rammelsberg, haben insofern noch eine besondere Bedeutung, als sie auf die Frage nach der Besiedelung unseres Gebirges führen. Wie die in andere Erdteile Ausgewanderten ihre neuen Ansiedelungen mit Vorliebe nach heimatlichen Orten benennen, so haben auch die durch Krieg und Hungersnot leidenden Harzer Bergleute, die einst massenhaft in die silberhegenden Berge unseres Vaterlandes einwanderten, Namen aus ihrer alten Heimat auf Wohnsitze und Örtlichkeiten übertragen. Noch heute finden sich im Harze nicht nur die erwähnten beiden Bergnamen, sondern auch zahlreiche Ortsnamen des Gebirges wie Hohenstein, Kirchberg, Stollberg und der bekannte Name Quedlinburg, den einmal unser Elterlein geführt haben soll. Ein anderer heute noch im Harze vorkommender Bergname, der Eibenberg, läßt es kaum zweifelhaft erscheinen, daß auch die Stadt Eibenstock als eine Niederlassung jener Harzer Bergleute zu gelten habe und daß der Name derselben wie der jenes Eibenberges auf die in Norddeutschland und auch im Harze heimische Eibe oder den Taxusbaum zurückzuführen sei.
Wir steigen von den Höhen herab und wenden uns nach den +Waldungen+ und +Fluren+. Wir beschränken uns namentlich auf Hervorhebung einiger aus älterer Zeit überlieferter, jetzt unverständlich gewordener Benennungen von Waldbezirken. Dahin gehören vor allem die mit »Struth« bezeichneten Waldungen bei Bernsbach, Flöha und Plaue, sowie die obere und niedere Struth im Westen von Langenau bei Freiberg. In diesem Ausdrucke lebt noch ein altes deutsches Wort für Wald, Buschwerk oder Dickicht, das heute nur noch in Hessen gebräuchliche, mhd. die ~strut~ oder ~struot~, fort. Der von Chemnitzer Geschichtsschreibern aufgeführte Name Bramenwald, der heutige Zeisigwald bei Chemnitz, erklärt sich aus dem ahd. der ~prâmo~ und die ~prâmà~, d. h. Dornstrauch, Dorngebüsch, insbesondere Brombeerstrauch. Daß der bei Zöblitz wie bei Satzung vorkommende Name Kriegwald in Beziehung steht zu den in diesen Wäldern ausgefochtenen Kämpfen im Hussitenkriege, daran ist wohl um so weniger zu zweifeln, als man dort noch im 17. Jahrhundert aufgeschichtete Haufen von Totengebeinen und Waffen gefunden hat. Nicht an den Krieg, wohl aber an die um Grenze und Rainung geführten Rechtsstreitigkeiten einzelner Personen oder ganzer Gemeinden mag die in verschiedenen Gegenden erscheinende Bezeichnung Streitwald erinnern. Die meisten dieser Wald- und Flurbezeichnungen lehnen sich wiederum an +Tiernamen+ an: von diesen Bildungen seien nur die in Lehmanns »Schauplatz« angeführten erwähnt: Aus den Lautersteinschen Wäldern: der Drachenwald, Rabenberg, die Dachslöcher; auf dem Crottendorfer Oberforstgebiete: die Vogelleite, Hirsch- und Auerhahnpfalz, der Säu- und Bärenfang, Tier- und Saugarten; im Grünhainer Gebiete: der Bärenacker, Fuchs- und Wolfsstein; auf dem Lauterschen: das Wolfslager, der Hirschstein, Habichtshübel, die Bärenstallung, der Wolfsgarten, Rabenberg, die Drachenleite, Bärenlage und Sauwiese.
Von den Höhen steigen wir herab in die +Thäler+ und gelangen so zu den +Flüssen+. Bei ihnen ist die Namengebung ausgegangen vom Laufe und der Gestalt derselben, der Farbe des Wassers, den anstehenden Pflanzen, der Umgebung und zuweilen wohl auch von anliegenden Ortschaften. Die Namen der größeren Flüsse Elbe, Elster und Mulde lassen ohne weiteres ihren deutschen Ursprung erkennen. Auch die kleineren Gebirgsbäche wie das Schwarzwasser, der Saubach, Rauschenbach, Sandbach, Schindelbach, Goldkrönlebach, die zwei letzteren bei Großrückerswalde und Pobershau, und andere sind von den Deutschen benannt worden. Für eine größere Anzahl unserer Gebirgswässer läßt sich dagegen eine Ableitung aus dem Deutschen nicht gewinnen. Aus der slawischen oder sorbenwendischen Zeit stammen denn auch die zahlreichen slawischen Orts- und Flußnamen unseres Gebirges. Der Name der Zschopau, nach welchem auch die Stadt genannt ist, wird zurückgeführt auf slawisch ~Sapawa~ = die Reißende, Zischende, Tosende; gleiche Bedeutung hat das tschechische ~bistry~, von welchem die in Urkunden als ~flumen Bistrice~, später ~Wistricz~ aufgeführte Weißeritz den Namen hat; nach der Buche, slawisch ~buky~, tschechisch ~buk~ ist die Bockau, nach der Birke, slawisch ~briza~ oder ~brschiza~ die Preßnitz, nach dem Biber, slawisch ~bibra~, tschechisch ~bobr~ die Bobritzsch, nach dem Wildschwein, slawisch ~svisnija~ die Zwönitz benannt. Die Chemnitz, urkundlich ~flumen Caminizi~, heißt Steinbach, nach dem slawischen ~Kameni~ = Stein, und Lößnitz, urkundlich ~Lessenitz~ aus slawisch ~lêsu~, tschechisch ~les~ = der Wald oder Busch, bedeutet der Waldbach.
Unsere Wanderung in den Flußthälern auf- und abwärts und über die Scheiden der Wasserläufe führt uns weiter zu den verschiedenen +Ortschaften+, den freundlichen Städten und Städtchen und den friedlichen, sauberen Dörfern unseres Gebirges.
Das Dorf Drebach bei Wolkenstein erscheint urkundlich als ~Träte-~, ~Tretebach~, ~Dratbach~. Der erste Teil diesem Namens, ~Drat~ oder ~Träte~, ist ein gutes deutsches Wort, ahd. ~drâti~, mhd. ~draete~ mit der Bedeutung schnell, rasch. Dasselbe bezog sich auf den raschen Lauf des durch den Ort eilenden Baches. Aber da es längst schon dem Sprachbewußtsein entschwunden ist, suchte man sich den Namen Trätebach durch Anlehnung an das geläufige Zeitwort drehen verständlich zu machen und bildete mit Unterdrückung des inlautenden t Drehbach. Daß der Volksgeist oft mit recht kühnen Deutungen bei der Hand ist, beweist eine Mitteilung über das Städtchen Geyer, wonach dasselbe seinen Namen vom Teufel haben soll, der auf einem Spaziergange beim Anblick der unwirtlichen Gegend ausgerufen habe: »Pfui Geyer!«