Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte
Part 3
Bereits mit dem Jahre 1510 erscheint im Erbbuch der Stadt Geyer das Besitztum Kaspar Thieles als ein ansehnliches Gut aufgeführt. Nachdem das Gut im Jahre 1535 in den Besitz +Christoph Schnees+ übergegangen war, ließ es derselbe mit Genehmigung des Herzogs Heinrich zu einem Ritterlehen oder sogenannten Freihof erheben, um es dadurch der Stadtobrigkeit zu entziehen. Überhaupt scheint Schnee infolge seines hochfahrenden und willkürlichen Wesens zu dem Stadtrat von Geyer in sehr gespanntem Verhältnis gestanden zu haben, was aus den vielen Streitigkeiten hervorgeht. Nach dem im Jahre 1556 erfolgten Tode Schnees gestalteten sich die Verhältnisse des Freihofs »aufm Geyer« insofern ungünstig, als der nunmehrige Besitzer desselben, +Heinrich von Etzdorf+, als Amtmann von Koburg genötigt war, einen Verwalter, Lorenz von Wolnitz, auf dem Gute einzusetzen, der so wenig Aufsicht führte, daß der Rat in einem Schreiben vom Jahre 1564 über die durch unvorsichtige Gebaren der Gutsinsassen verursachte Feuersgefahr sich beschwerte und zugleich das Gemeindekapital von 247 fl. kündigte. Darauf sahen sich Schnees Erben nach einem Käufer um, den sie im Jahre 1565 in dem kurfürstlichen Landbaumeister Hieronymus Lotter fanden. Unter Lotters Verwaltung erreichte nicht nur das Rittergut seine Blütezeit, sondern es begann überhaupt in Geyer ein neues Leben, da Lotter den größten Teil des Geyerschen Zinnbergbaues besaß, den er schwunghaft betrieb. Von ihm erhielt das Gut den Namen »Geyersbergscher Hof« oder »Rittergut Geyersberg«, wie er es auch durch kurfürstlichen Lehnbrief vom Jahre 1569 erlangte, daß dasselbe auch auf die weibliche Linie forterben durfte. Doch trotz aller Erfolge sollte er gegen Ende seines Lebend noch in eine recht traurige Lage geraten, da er bei seinem Landesfürsten in Ungnade fiel und durch unglückliche Unternehmungen sein ganzes Vermögen verlor. Nach vierjährigem Elende starb er 1580 und hinterließ seinen 3 Söhnen ein zerrüttetes Erbe. Sie verkauften das Gut nach achtjährigem Besitze an ihren Hauptgläubiger +Philipp Bruck+, und dieser überließ es bereits 1590 für 1300 fl. an +Paul Tanner+ und dessen Schwägerin +Anna Buchner+, die bereits vorher den Zinnhandel und Bergbau um Geyer in ihre Hände gebracht hatten. Da aber seit dem Jahre 1599, in welchem der letzte Sohn Lotters gestorben war, die Enkel des alten Lotter wieder Erbansprüche auf das großväterliche Gut erhoben, so kam es zu einem recht langwierigen Streit zwischen ihnen und den Tannerschen und Buchnerschen Erben, woraus der häufige Wechsel der Besitzer des Geyersberges erklärlich wird. Es folgten nämlich auf die Anna Buchner im Jahre 1615 zunächst deren Erben bis 1617, dann Paul Tanner auf Neunhof, von welchem es im Jahre 1619 der Hauptmann und Bergrat +Samson von Hohenwald+ in Preßnitz kaufte. Letzterer suchte besonders durch Bierbrauerei und Holzverkauf Nutzen aus dem Rittergute zu ziehen, obwohl er die Kaufsumme für das Gut nie erlegte, sondern nur ein Angeld von 600 fl. an Tanner entrichtet hatte. Inzwischen wußten die Enkel des alten Lotter durch kurfürstlichen Bescheid den Kauf des genannten Hohenwald rückgängig zu machen und verglichen sich bald darauf mit den Tannerschen und Buchnerschen Erben, sodaß das Rittergut samt Zinnbergwerk im Jahre 1627 in den Besitz +Ludwig Lotters+ gegen Zahlung von 5000 fl. überging. Alle Bemühungen des neuen Besitzers um Hebung des arg vernachlässigten Gutes waren erfolglos in der Schreckenszeit des 30jährigen Krieges; denn zweimal wurde der Geyersberg geplündert, sodaß er 3 Jahre lang im wüsten Zustande blieb. Lotter selbst wurde öfter von den Feinden mißhandelt und gepeinigt. Als er kurz nach dem Friedensschlusse aus dem Leben schied, hatte der Besitz des Gutes so wenig Verlockendes für seine Erben, daß das Gut bereits 1652 an einen böhmischen Exulanten, +Edeslaw von Stampach+, verkauft wurde, der bereits das benachbarte Rittergut Tannenberg besaß. Er erlebte ruhigere Zeiten bis zu seinem Tode im Jahre 1666. Seine beiden Töchter verkaufen schon 1669 das väterliche Erbe an den Obersten +Heinrich von Bünau+ für 1000 Mfl., welchem aber nur eine zehnmonatliche Verwaltung desselben beschieden war. Auch seine Erben, 2 Töchter, dachten bald wieder an Veräußerung des Gutes und verkauften es 1678 für 1200 Mfl. an den böhmischen Exulanten und damaligen Besitzer des Rittergutes Tannenberg, +Felix Friedrich Hruschka+ von Briexen. Auch dieser konnte in 26jähriger Bewirtschaftung das Gut nicht heben, sondern hinterließ es bei seinem Tode 1704 in ganz verfallenem und trostlosem Zustande, sodaß seine 4 Töchter das Kaufgebot des Georg Erasmus +von Hartitzsch+ in Lichtenberg bei Freiberg gern annahmen. Da aber das Gut mit großen Schulden belastet und in schwere Händel mit dem Stadtrat verflochten war, wurde von den Gläubigern und vom Rate Einspruch gegen den Kauf erhoben. So geschah es, daß Erasmus von Hartitzsch 1709 starb, ohne überhaupt in den Besitz des Geyersbergs gelangt zu sein. Erst der nächste Kauf des Oberstleutnants +von Haß+ wurde rechtskräftig. Haß, »ein Ordnung und Frieden liebender Mann«, vermochte den Stadtrat zur Ausfertigung einer Urkunde über Gerechtsame und Grenzen des Rittergutes, in welcher als Zubehör desselben genannt werden: ein Brauhaus, ein Malzhaus, die 2 Türme der Kirchhofmauer und ein überbautes Erbbegräbnis mit Kirchenchor. Trotz eines Testamentes entstanden nach dem Tode des alten Haß 1736 Streitigkeiten unter den Erbberechtigten, wobei sich gelegentlich der Erörterungen über die eigentümlichen Verhältnisse des Gutes ergab, daß es seit 1602 auf Bitten der +Anna Buchner+ in ein Erbgut -- doch mit Vorbehalt der Lehensfolge -- verwandelt, demnach unter dem Namen eines Erblehngutes fortgeführt worden sei. Das Gut ward nunmehr 1744 einem Erben des letzten Besitzers, dem Hauptmann +von Reitzenstein+, verlehnt. Unter seiner Verwaltung steigerte sich der Wert desselben dergestalt, daß er es im Jahre 1754 für 3700 Thaler an +Julius Heinrich von Schütz+ auf Thum, Hauptmann der Ämter Stollberg, Wolkenstein, Lauterstein und Frauenstein, verkaufen konnte. Bald aber begannen die Leiden und Drangsale des 7jährigen Krieges, während dessen Stadt und Rittergut Geyer durch Einquartierung und Kontributionen stark litten. Amtshauptmann von Schütz starb in der Zeit, da der Notstand seine höchste Stufe erreicht hatte, Anfang des Jahres 1763. Seine Witwe verkaufte das Gut für 3400 Thaler an den Oberstleutnant +Friedrich Theodor von Peterkowsky+. Der neue Besitzer hatte noch unter den schweren Folgen des Krieges zu leiden, welche durch die Teurung und Hungersnot der Jahre 1771 und 1772 noch verschlimmert wurden. Als er 1781 starb, hinterließ er seinen Erben das Gut mit einer schweren Schuldenlast. Mit Mühe behaupteten sich die Erben 6 Jahre im Besitz, worauf Konkurs ausbrach. Bei der hierauf folgenden öffentlichen Versteigerung wurde es dem Posamentiermeister und Handelsmann +Johann Georg Thierfelder+ aus Thum für 3520 Thaler zugesprochen. Er hätte es am liebsten bald wieder veräußert, wenn sich ein Käufer gefunden hätte. So aber bewirtschaftete er es bis zu seinem im Jahre 1813 erfolgten Tode. Erbin war seine einzige Tochter +Frau Schulz+, welche wieder schwerere Zeiten erlebte, infolge deren sie Teile ihres Grundstückes an den Tannenberger Rittergutsbesitzer, Kaufmann +Hänel+ in Annaberg, verkaufte. Unter ihrem Sohne und Nachfolger +Friedrich August Schulz+ gingen die mit dem Lehngute von jeher verbundenen Ober- und Niedergerichte auf den Staat über; ebenso machte sich das neue Grundsteuersystem bei dem Geyerschen Rittergute geltend. Schulz verkaufte das Gut 1859 an +Karl Heinrich Zimmermann+ für 6420 Thaler. Derselbe nahm mit größter Energie die Verbesserung des Gutes in Angriff, ließ die Gebäude neu herstellen und errichtete eine Brauerei. Nachdem Herr Zimmermann das Gut eine lange Reihe von Jahren vorzüglich bewirtschaftet hatte, wurde es im Jahre 1891 an Herrn Hugo Diendorf zu einem Preis von 77000 Mark verkauft. Herr Zimmermann ist am 6. Dezember 1891 gestorben. Herr Diendorf veräußerte die Grundstücke, und die Gebäude gingen am 8. September 1894 an Herrn Karl Wilhelm Moritz Schürer über. Der genannte Herr verwendete die Nebengebäude zur Errichtung einer Holzwarenfabrik, bekannt unter der Firma: Erste Sächsische Waschbretterfabrik C. M. Schürer. Die Brauerei hatte bereits vorher Herr Franz Naumann erworben. Noch schaut das im wesentlichen unverändert gebliebene Wohnhaus des Hieronymus Lotter auf die alte Bergstadt Geyer herab.
Das Obererzgebirge.
Erster Abschnitt.
Die Landschaft des Obererzgebirges.
1. Unera Hamet.
Wenn anr ins Gebörg rauf kimmt Dort aus n Niedrland, Do möcht r alles ah su sah, Wie sinst in Bichrn stahnd.
Do sölln da altn Hammerschmied In gedn Nast rim stih Un Klipplmad mit Klipplsöck När eitl hutzn gih.
A Wammes un da Pudelmitz Un ah da Ladrhus, Dos sölln da ganzn Leit noch trong, Geleich, öb kla, öb gruß.
Do söll, wenn ah schuh Summer is, Dr Schnee zemstrim noch lieng, Da Kuhlnbrenner patznweis In dickn Wald rim krieng.
Na, na, ihr Leit, su is fei net, Es is viel anrsch wurn, Es wärd in darer itzing Zeit Ka setts als Zeig geburn.
Gebliem sei när da altn Barg, Es Wassr un dr Wind, Da Menschn sei was Anrsch wurn, Dos waß gedwedig Kind.
Gebliem is ah da alta Sproch Noch bun a feins paar Leit, Sa schnadln odr egal dra In darer itzing Zeit.
Gebliem is ah dr viela Rehng Un is halt egal reg, Is gu wos lus in Annebarg, Do hot's ah Niederschlög.
Gebliem is odr ah noch wos In unrn wing Geblit, Un söll ah bleim wie unra Barg: A orndlich guts Gemit!
Röder-Johanngeorgenstadt.
2. Das Lied vom Erzgebirge.
Weise: Gott sei mit dir, mein Sachsenland.
Macht uns die Sorge still und matt Auf harter Lebensbahn, Sind wir des Kohlendunstes satt, Dann zieh'n wir flugs bergan: Hinauf, wo reine Lüfte weh'n, Im blauen Duft die fernen Gipfel steh'n, Hinauf, hinauf ins Bergrevier!
O Greifenstein, o Morgenleit', Ihr locket mit Gewalt! O Auersberg im grünen Kleid, Du hoher Spiegelwald, Des Sonnenwirbels mächt'ger Thron: Ihr gebt dem Steiger schönsten Lohn; Seid uns gegrüßt vieltausendmal!
Aus dunklen Forsten, treu gepflegt, Rinnt froh der reine Quell, Der Kuckuck ruft, der Finke schlägt, Die Amsel jubelt hell. Wie beut dem Aug' ein lieblich Bild Am steilen Hang das edle Wild. Wie schön bist du, o Erzgebirg'!
Mit Felsenboden mutig ringt, Nicht achtend Sturm und Eis, Bis er zur kargen Frucht ihn zwingt, Des Erzgebirgers Fleiß. Dein zahlreich Volk auf magerm Land, Wie rührt es froh und flink die Hand: Glückauf, Glückauf, du wackerer Stamm!
Orangen wachsen dir nicht wild, Auch Myrte schwer gedeiht, Dafür belebet dein Gefild Lust und Zufriedenheit. Und wird auch rar dein glänzend Erz: Du machst gesund ein jeglich Herz: Behüt dich Gott, du fröhlich Land!
T. S.
3. Die Bedeutung des Erzgebirges für das Vaterland.
Das Erzgebirge ist seinem Hauptteile nach ein Kammgebirge. Untergegangen sind die Erinnerungen an die Wenden, bis auf einige Ortsnamen in ihrer Sprache. Auch sind im Aberglauben noch schwache Spuren des kleinen, schwarzhaarigen, fremdsprechenden Volkes, das im verschwiegenen Waldthale dem wenig freigebigen Boden mühsam Nahrung abrang, sich in selbstgewebte grobe Leinen kleidete und vielleicht mit dem behaarten Fell des bekämpften und erlegten Waldtieres gegen das rauhfeuchte Klima des Miriquidiwaldes schützte.
Germanen bewohnten das Gebirge erst vom 14. Jahrhundert an. Im 15. Jahrhundert werden Neustädtel, Schlema, Grünhain außer wendisch benannten Orten schon erwähnt. Da nur wenige zum Kamme vordrangen, blieb das wilde Waldgebirge eine Scheidewand zwischen den Wohnplätzen der Slaven in Böhmen und derer in Sachsen. Die Scheidewand erleichterte die Erhaltung und Einführung des Deutschtums und damit einer höheren Entwicklungsstufe.
Diese schützende Rolle spielte das Gebirge auch im Hussitenkriege. Die Gebirgsmauer hinderte die Unternehmungen der Hussiten sehr, indem sie von einem eigentlichen Besitzergreifen des Landes abgehalten wurden.
Als im 30jährigen Kriege Sachsen Kriegsschauplatz wurde, da hinderte das Gebirge den österreichischen Kaiser, das für ihn als Wiege der Reformation wichtige Land zu behaupten und unmittelbar Einfluß zu gewinnen.
Wie in geschichtlicher, so ist auch in natürlicher Beziehung das Gebirge wichtig für Sachsen. Noch heute finden wir stattliche Wälder. Der Wald aber ist der Vermittler zwischen Luft und Erde. Den rasenden Lauf der Stürme weiß der Wald zu besänftigen, die gefahrdrohende Gewitterelektrizität leitet er ab, das Wasser lenkt er in die Tiefe, aus der es in dem Seitenthale als Quelle hervorbricht, die Fluren des Landmanns tränkt er, dem Müller treibt er die Mühle und günstige Gelegenheit zur Ansiedlung bietet er allen denen, die der Wasserkraft bedürfen. Solche Ansiedlungen bergen die Thäler der Mulde, der Zschopau, der Sehma, der Chemnitz. Im Sommer dient das Gebirge als die Sparbüchse, die bei Wassermangel noch die Not lindern kann. Außer dem Wasser spendet das Gebirge auch dem Lande Holz, das als Brenn- und Bauholz verwertet wird. Zu erwähnen sind besonders die auf den Holzreichtum sich stützenden bodenständigen Gewerbe, so früher die Glasfabrikation, jetzt die Holzschleiferei und Spielwarenfabrikation. Auch die Eisenindustrie, die früher im Gebirge blühte, war auf den Holzreichtum zurückzuführen. Das Erlöschen derselben folgte auf die Verteuerung des Holzes. Wichtig sind auch die Torflager.
Aber auch im Innern birgt das Erzgebirge Schätze fürs Land. Im steinernen Gebirgskörper schlummerten Silberadern. Die Reichtümer verhalfen den Landesfürsten zur Hebung der Macht und des Einflusses unseres Landes. Es entstanden neue Bergorte, die vielfach für die Entwicklung des Landes auch in geistiger Beziehung wichtig geworden sind: wie Freiberg, Annaberg und andere Städte.
Mit dem Erzbergbau in Verbindung stehen die Blaufarbenwerke, die von bedeutendem Einfluß auf Handelsbeziehungen zum Auslande wurden. Ihren eigentlichen Ursprung haben die großartigen chemischen Fabriken in den Glashütten gehabt, die der Holzreichtum des Gebirges in Begleitung der Bergwerke entstehen ließ. 1822 erfand in Schneeberg ~Dr.~ +Geitner+ die Bereitung des wichtigen Argentans oder Neusilbers. Eine Grube bei +Aue+ lieferte +Böttcher+ den Stoff zu seinen Versuchen, deren Ergebnis die Porzellanerzeugung in Sachsen wurde.
Da die Bergleute Freunde des Bergmannssohnes Luther waren, so steht auch mit dem Bergbau in Verbindung die Einwanderung Vertriebener aus katholischen Ländern. Die Einwanderer brachten Gewerbefleiß und neue Beschäftigungsarten ins Gebirge. Selbst nach dem Erliegen des Bergbaues finden wir noch die Bodenbeschaffenheit wesentlich. Die dichte Bevölkerungszahl im Bergbaugebiete erleichterte das Entstehen der Hausindustrie, wie der Spitzenklöppelei und der Posamentenfabrikation.
Erst in neuerer Zeit sind die Kohlen, die am Fuße des Erzgebirges reichlich vorhanden sind, von so weittragender Bedeutung geworden. Im Zeitalter der Dampfkraft sind Kohle und Eisen Träger und Stützen der Industrie.
Aus alledem geht hervor, daß unser heimisches Gebirge bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung unseres gesamten Vaterlandes geübt hat.
Nach ~Dr.~ Jacobi.
4. Das Obererzgebirge.
Das Erzgebirge zerfällt in das westliche, mittlere und östliche Erzgebirge. Das mittlere liegt zwischen Schwarzwasser und Freiberger Mulde. Elster und Gottleuba begrenzen das ganze Gebirge im Westen und Osten.
In der Richtung von Süd nach Nord unterscheidet man das +Obere+ und das +Niedere Erzgebirge+; jenes reicht von dem zusammenhängenden Kamme, der eine durchschnittliche Höhe von 800 m hat, etwa bis Falkenstein, Schneeberg, Thum, Wolkenstein, Frauenstein und Schmiedeberg; dieses von den genannten Orten bis in die Gegend von Zwickau, Lichtenstein, Chemnitz, Frankenberg, Hainichen, Nossen, Tharandt. Im mittleren Teile des Erzgebirges kommt der jähe Absturz nach Süden und die sanfte Abdachung nach Norden am meisten zur Geltung.
Das Gebirge besteht aus Urgebirgsarten: Thon- und Glimmerschiefer, Gneis und Granit. Gneis herrscht im Osten vor und reicht bis weit ins mittlere Erzgebirge nach Schlettau, Wolkenstein, Schellenberg. Der Gneis ist die wahre Erzmutter. Um Eibenstock herrscht der Granit. Besonders bemerkenswert sind die Basaltberge des Obererzgebirges: Pöhlberg, Bärenstein, Scheibenberg.
Aus Urgebirge bestehen: Keilberg (1238 m), Fichtelberg (1213 m), der Spitzberg bei Gottesgab (1107 m), der Auersberg bei Wildenthal (1021 m), der Kupferhügel bei Kupferberg (906 m), der Schneckenstein bei Gottesgab (874 m), die Morgenleite bei Schwarzenberg (808 m), der Greifenstein bei Geyer (731 m).
Die Basaltberge sind: der Haßberg bei Preßnitz (991 m), der Bärenstein bei Weipert (898 m), der Pöhlberg bei Annaberg (832 m), der Scheibenberg bei gleichnamiger Stadt (805 m), letztere drei in Grabhügelform.
Bei Eibenstock, Schwarzenberg und Crottendorf befinden sich große Staatsforsten. Fichtenwald herrscht vor, doch finden sich bei Marienberg und Steinbach auch zusammenhängende Buchenbestände.
Die wichtigsten Flußthäler des Obererzgebirges sind: das Schwarzwasserthal, das Zschopauthal, das Flöhathal, das Sehmathal. Das wildeste ist das der schwarzen Pockau.
Im Obererzgebirge sind folgende meteorologische Stationen zu merken: Annaberg, Oberwiesenthal, Reitzenhain. Dem Obererzgebirge ist bisher die Cholera fern geblieben. Bei Gottesgab und Oberwiesenthal erntet man nur Hafer und Kartoffeln.
Bei der Urbarmachung des Gebirges verfuhr man nach dem Grundsatze: »Wo der Pflug kann gehn, soll der Wald nicht stehn.« Am Kamme des Gebirges beträgt die Bevölkerungsdichtigkeit 90--95 auf den Quadratkilometer, am Abhange 145--155.
Wie anderwärts, so hat sich auch im Obererzgebirge jede Industrie in bestimmten Bezirken festgesetzt, demgemäß giebt es bestimmte Industriebezirke. Holzschleifereien, Sägemühlen, Baumwoll-, Woll- und Flachsspinnereien, also alles Fabriken, welche Wasserkraft brauchen, finden sich in den Thälern der Sehma, der Pöhla, der Preßnitz, der Zschopau, der Flöha.
Bei Eibenstock und Schwarzenberg finden sich +Hohöfen+ mit Gießereien, Hammer- und Walzwerken verbunden. Zinnhütten bestehen im Marienberger Gebiete, Blaufarbenwerke zu Oberschlema, Niederpfannenstiel und Zschorlau.
Der +Posamentierbezirk+ umfaßt die Ortschaften Annaberg, Buchholz, Schlettau, Scheibenberg, Geyer, Ehrenfriedersdorf, Wolkenstein.
Der Spitzenklöppelbezirk erstreckt sich von Marienberg über Drehbach und Zwönitz bis Schneeberg und Eibenstock, und von da über Johanngeorgenstadt, Wiesenthal und Kupferberg bis Reitzenhain und Pobershau.
Eibenstock ist obererzgebirgischer Mittelpunkt des Näh- und Stickereibezirkes.
Noch sind einzelne Orte mit besonderen Erzeugnissen zu erwähnen: Annaberg, Buchholz, Scheibenberg fertigen Schnürleiber; Annaberg und Buchholz Sargverzierungen; Buchholz besondere Kartonagen; Johanngeorgenstadt Handschuhe; Karlsfeld Schwarzwälder Uhren. Annaberg liefert auch Leonische Waren, das sind unechte Gold- und Silbertressen. Wiesenthal fertigt Stecknadeln; Schönheide allerlei Bürsten, Pinsel und Kardätschen; Lauter, Beierfeld, Bernsbach, Grünhain stellen Blechwaren, besonders Blechlöffel, her; Zöblitz hat seine Serpentindrechselei; Bernsbach seine Feuerschwamm- und Bockau seine Medizinbereitung.
5. Ehemaliges Landschaftsbild des Obererzgebirges.
Das +Obererzgebirge+ war nach +Lehmann+ ehedem allenthalben mit dicken Wäldern bedeckt, mit Felsen und Bergen angefüllt, nach denen ihre Namen haben: Rauen-, Harten-, Wolken-, Lauter-, Bären-, Katzen-, Frauen-, Greifenstein, Pöhl-, Schwarzen-, Scheiben-, Keil-, Schotten-, Zechenberg u. s. w. Ferner waren unzählige Moräste, Sümpfe, Moosräume, Bruchwerke und Weiher in Räumen und Wäldern um und unter Platten, Gottesgab, Johanngeorgenstadt, um Scheibenberg, Grünhain, Elterlein, Schlettau, Geyer, Buchholz, Zöblitz, Lengefeld, Kühnhaide, bis die Wälder abgetrieben, die Waldpässe gebrückt, die Wildberge nach ihren Flügeln und Rundungen abgezogen, Floß- und andere Teiche angelegt und durch Röschen und Stolln die Wasser abgezapft wurden. An diese Beschaffenheit erinnern die Namen Moosraum, Rote Pfütze, Sauschwemme, Thörichter See, Filzsumpf.
Wilde Katzen, Marder, Wiesel, Fischottern, Iltisse, Bären, Hirsche, Wölfe, Wildschweine und Raubvögel bevölkerten die Gegend. Daher kommen vor im Crottendorfer Revier die Namen: Vogelleite, Hirsch- und Auerhahnpfalz, Sau- und Bärenfang, Lachsbach, Tier- und Saugarten; im Grünhainer aber: Bärenacker, Fuchs- und Wolfstein; im Lauterschen: Wolfslager, Dachslöcher, Hirschstein, Habichtsbüchel, Bärenstallung, Wolfsgarten, Rabenberg.
Nach den schauerlichen Wäldern und Gründen sind benannt: Teufelsgrund, Drachenleite, Teufelsstein u. a.
Nach feindlichen Einfällen und Kämpfen sind genannt: Streitknochen, Kriegwald, Hundsmarder, Haderwinkel.
+Lehmann+ berichtet von den erzgebirgischen Wäldern: »Da hörte man nichts als der Raben Rappen, der Bären Brummen, der Wölfe Heulen, der Hirsche Börlen, der Füchse Bellen, der Auerhähne Pfalzen, der Ottern Zischen, der Frösche Quaken und Racken; das machte einen Reisenden so lustig, als hätte er Fliegenschwämme und Krähen gefressen. Das waren damals die Lauten, Zithern, Violen, Posaunen, Trompeten, Zinken, Flöten, Schalmeien, Schuarien, Baßgeigen, Clavicimbeln, Trommeln, Heerpauken, Sackpfeifen, Orgeln, Glocken und musikalische Waldinstrumente, welche unter dem Sausen der Winde, Grollen der Donner, Gebrülle der Bestien, Geschnatter der Enten, Geächze der Hohlkrähe, Uhuhen der Eulen, Schnarren der Schnarrer, Geschrei und Geschwirre der Buchfinken, der Quäker, der Zippen, der Schneppen und anderen Gevögels eine gräßliche Harmonie gegeben.«
Johann +Salianus+ verwundert sich in einem dem Rate 1507 gewidmeten Gedichte, daß die Stadt Annaberg innerhalb 10 Jahren in dieser Wildnis mit Mauern, Wällen und Gräben, mit herrlichen Häusern, mit verständigen Ratsverwandten und bürgerlichen Rechten versehen und von einer so volkreichen Gemeinde bewohnt werde. Diese Stadt sei auf einem wilden, unfruchtbaren Boden, in Bergen und unter rauhem Himmel angelegt, da vormals Herzog Georg unter lauter rohem Wald viel hundert Stück Bären, Hirsche, Wölfe und andere wilde Tiere gejagt und niemand vermeint, daß daselbst eine Stadt sollte angelegt werden.
Unsere Berge sind nach Lehmanns Benennung Warten, Wetterpropheten, Zufluchtsorte, Jagdhausstellen, Grenzscheiden, Bollwerke, Wasserständer, Futterkästen, Schatzkästen, Lustplätze, Denkpfeiler Gottes!
6. Erzgebirgische Jagden.
~a.~ Eine Jagd im Erzgebirge im Jahre 1 nach Christo.