Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte

Part 20

Chapter 203,195 wordsPublic domain

In der Kreishauptmannschaft Zwickau bestehen 27 vom Staate beaufsichtigte und unterstützte Spitzenklöppelschulen. Die Orte, in denen sich die Schulen befinden, sind: Albernau, Aue, Bermsgrün, Breitenbrunn, Crandorf, Elterlein, Grünhain, Hammerunterwiesenthal, Haßlau (I und II), Hundshübel, Jöhstadt, Neustädtel, Oberwiesenthal, Planitz (I und II), Pöhla, Rittersgrün (I, II und III), Rothenkirchen, Schlema, Schneeberg, Schwarzenberg, Unterwiesenthal, Wilkau (Abteilung ~A~ und ~B~) und Zschorlau. Diese Schulen wurden im Jahre 1896 von 1303 Schülerinnen besucht. Der gesamte Arbeitsverdienst betrug 30177 M 48 Pf, durchschnittlich 23 M 16 Pf. Die gesamten Einnahmen beliefen sich auf 22718 M 36 Pf und die Ausgaben auf 20717 M 51 Pf. Als Staatsbeihilfen wurden 15580 M gewährt. Das Gesamtsparguthaben der Klöppelschülerinnen bestand am Schlusse des Jahres 1896 in 29935 M 45 Pf. In der Kreishauptmannschaft Dresden besteht nur eine Spitzenklöppelschule, nämlich in Brand bei Freiberg. Außerdem besteht in Schneeberg die Königl. Spitzenklöppelmusterschule.

57. Der ehemalige Hausierhandel im Erzgebirge.

Zahlreiche Erzgebirger früherer Zeit wanderten in jedem Jahre monatelang gleich Zugvögeln in die Fremde, um dann wieder zur heimischen Scholle zurückzukehren, die ihnen als das schönste Erdenfleckchen erschien und darum über alles teuer war.

Die im Anschlusse an den erzgebirgischen Bergbau auf Eisen und andere Metalle betriebenen Gewerbe erzeugten eine mannigfaltige Menge von Gegenständen. Zahlreiche Bewohner fanden nicht nur unmittelbar beim Eisenbergbau, sondern auch in den Hammerwerken, Walz- und Drahtwerken, sowie bei der weiteren Bearbeitung des Eisens und Stahls zu Löffeln, Nägeln, Nadeln, Schneidewerkzeugen Beschäftigung und Brot. Neben den Waren aus verzinntem Blech wurden auch solche aus Schwarzblech gefertigt. Im Raschauer Grunde war die Nagelfabrikation ein Jahrhunderte alter Erwerbszweig.

Alle die genannten Erzeugnisse der Handarbeit unserer Erzgebirger wurden nun von zahlreichen Personen im Kleinhandel vertrieben. So bildete sich ein Wanderleben, das lange Zeit eine Eigentümlichkeit vieler Bewohner des Erzgebirges gewesen ist. Schon 1628 besuchten die +Bockauer+ mit hölzernen und blechernen Waren die Jahrmärkte viele Meilen weit. Im 17. Jahrhunderte führten die Händler auch Eisenwaren mit sich.

Die mit Blechwaren hausierenden +Schönheider+ nannte man »Röhrenschieber«. Mit ihnen waren es auch +Bärenwalder+, +Bernsbacher+ und +Beierfelder+, welche auf Schiebkarren oder kleinen selbstgezogenen Wagen die schwarzen Blech- und Eisenwaren von Ort zu Ort fuhren und so lange von ihrem Dorfe fortblieben, bis sie alles verkauft hatten.

Neben den Haarnadeln und anderen in das Nadlergewerbe einschlagenden, aus Stahl gefertigten Gegenständen lieferte Oberwiesenthal vor etwa 100 Jahren besonders auch Stecknadeln, zu denen der Messingdraht aus Rodewisch bezogen wurde.

Unter den von erzgebirgischen Hausierern geführten Waren sind auch Farben aus den obererzgebirgischen Blaufarbenwerken gewesen.

Als Landreisende können wir die Bergfertigen, alten oder kranken Bergleute bezeichnen, welche mit Nachbildungen von Berg- und Pochwerken umherzogen, um sie bei Jahrmärkten auf den Straßen, in Wirtsstuben oder in den Schulen zu zeigen und zu erklären.

Als der Bergbau erlag, wandte man sich vielfach anderer Beschäftigung zu. Zunächst bot der Wald mit seinem billigen Holze dazu Gelegenheit. Aus kleinen Anfängen entstand die Holzwarenindustrie. »Seiffner Waren« nannte man die Schachteln, Nadelbüchsen, Knöpfe, Spindeln und dergleichen. Im Vogtlande nicht nur, auch im Erzgebirge und besonders im Amte Schwarzenberg fanden viele Bewohner durch Pechsieden und Rußbrennen Beschäftigung und Verdienst.

Die Rußbuttenmänner zogen Handel treibend im Lande umher. 1501 erhielt Wilhelm von Tettau durch den Kurfürsten Friedrich den Weisen die Belehnung über die Pechwälder der Herrschaft Schwarzenberg. In der Neuzeit ist das Pechsieden untersagt.

Wie die Rußbuttenmänner, so sind auch die Bernsbacher, Beierfelder, Neuhausener, Oberwiesenthaler und Wolkensteiner Händler mit Feuerschwamm verschwunden. Der aus Buchenschwämmen bereitete Feuerschwamm wurde nicht nur auf Messen und Jahrmärkten, sondern auch im Hausierhandel verkauft.

In +Lauter+ bildet noch gegenwärtig die Korbflechterei einen hervorragenden Erwerbszweig. Nicht nur aus Weidenruten, auch aus Holzspänen und Wurzeln verfertigt man Körbe.

Besonders zahlreich waren die mit allerhand Arzneien, Ölen umherziehenden Händler. Ihre Absatzgebiete waren außer den sächsischen Erblanden die Ober- und Niederlausitz, Thüringen, Bayern, Mecklenburg, Polen, Schwaben, Schweden, selbst die Türkei. Ausgedehnt war besonders der Handel mit Schneeberger Schnupftabak. Der Hauptort seiner Herstellung war Bockau. Aus heilkräftigen Kräutern wurden allerhand Arzneien von den »Laboranten« hergestellt. 1782 waren in Bockau 20 »Laboratorien« im Gange. Noch 1799 beschäftigten sich 41 Personen mit Herstellung von Arzneien oder dem Wurzel- und Kräuterhandel. Der Handel blühte besonders am Anfange unseres Jahrhunderts in Bockau, Eibenstock, Sosa, Jöhstadt, Jugel, Neudorf, Crottendorf, Johanngeorgenstadt, Hundshübel, Lauter, Schneeberg.

Von dem Boden und seinen Erzeugnissen unabhängig entstanden die Spitzenklöppelei, Posamenten- und Bürstenfabrikation. Auch diese Erwerbszweige waren auf die Hausierer angewiesen, welche die Waren an den Mann brachten.

Viele Hunderte zogen noch am Anfange unseres Jahrhunderts fast den größten Teil des Jahres mit Blechwaren, blauer Farbe, Schwefel, mit Spielzeug, Bändern und Spitzen, mit Schneeberger Schnupftabak, Pillen und Pflastern, Schönheider Pinseln und Bürsten umher. Aber zum Winter kehrten sie heim, wie die Strichvögel, und verzehrten, umnebelt von Dünsten des vaterländischen Bodens, von Hütten und Hohofendampf, und oft in verschneiter Heimat den sauer erworbenen Verdienst mit Weib und Kind.

Nach ~Dr.~ Köhler und Engelhardt.

58. Die erste Baumwollspinnerei Sachsens.

Die Zeiten, in welchen die Hausfrau mit ihren Töchtern und Mägden während der langen Winterabende am Spinnrade saß und spann, sind vorüber; nur dem Namen nach hat sich das Andenken daran in verschiedenen Gegenden erhalten. »Sie geht zu Rocken,« sagt man wohl noch heutzutage im Gebirge, wenn die Nachbarin die andere besucht; indes hier ist an Stelle des Spinnrades und des Rockens oder der Kunkel das »Böckel« getreten, worauf die »schwarze Arbeit«, welche zum Verzieren der Frauenkleider dient, aufgerollt wird. In den Dörfern des oberen Vogtlandes wird noch immer fleißig Leinengarn gesponnen, von den ländlichen Webern gewebt und gebleicht, zu Leib-, Tisch- und Bettwäsche, sowie indigoblau gefärbt, zu Schürzen und Taschentüchern verwendet. Das in den altdeutschen Einrichtungen unseres Jahrzehntes aufgestellte Spinnrad ist bloß ein stilvolles Zierstück. Das Spinnen der Baumwolle dagegen besorgen die großen Spinnereien, die sich überall in unserem Gebirge, wo irgend eine genügende Wasserkraft vorhanden war, angesiedelt haben. Und doch sind noch nicht hundert Jahre verstrichen, seitdem es überhaupt in Sachsen Spinnereien giebt!

Die Erfindung der Maschinenspinnerei ist bekanntlich eine englische; man schreibt sie gewöhnlich Richard Arkwright zu. Doch haben spätere Nachforschungen ergeben, daß Arkwright wohl ein großer Verbesserer, aber nicht der Erfinder der Spinnerei gewesen ist. Schon im Jahre 1730 spann Wyatt in Litchfield einen Baumwollfaden ohne Hilfe der Finger; doch hatte sein Versuch keine weiteren Folgen. Im Königreiche Sachsen waren in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts kleine Handmaschinen zum Spinnen der Baumwolle in Gebrauch. Gegen Ende des Jahrhunderts führte Karl Friedrich Bernhard das englische Spinnereisystem in Sachsen ein. Seine Maschinen waren Mulemaschinen; sie wurden in einem dazu errichteten Gebäude in Harthau bei Chemnitz durch einen Engländer, Namens Watson, aufgestellt. Da Watson als bloßer Maschinenbauer die Maschinen nicht in Gang zu bringen wußte, namentlich, so wird erzählt, die Trommelschnur nicht aufzuziehen verstand, wurde im März des Jahres 1802 der englische Spinner Evan Evans herübergezogen, der auch alsbald auf den Maschinen Garn spann. K. F. Bernhard hatte sich im Jahre 1801 mit seinem Bruder Ludwig vereinigt, und sie führten die Firma: Gebrüder Bernhard.

Evan Evans war 1765 in Llangeblidt in Caernavonshire in Nord-Wales, Großbritannien, geboren und kam aus Manchester 1802 im März als Werkmeister nach Harthau. Bei Gebrüder Bernhard, denen das Verdienst des Unternehmens gebührt, spann er auf neu von ihm hergestellten Maschinen die ersten Mulgarne, erfand hier die so weit verbreitete Spindelschleifmaschine, ehe eine dergleichen in England vorhanden war, erhielt auch dafür von der sächsischen Staatsregierung außer 400 Thalern Prämie eine Verdienstmedaille. Er war zugleich der Lehrer der ersten Spinner in Sachsen. Im Jahre 1806 fing er an, zu Dittersdorf selbständig sich mit Maschinenbauen zu beschäftigen, wählte aber 1809 Geyer zur Fortsetzung seiner zu immer höherer Anerkennung gelangenden Arbeiten. Evan Evans fertigte die Maschinen für eine Menge neu entstehender Fabriken in Erfenschlag, Wolkenburg, Wegefahrt, Mühlau, Lugau, Plaue, Schlettau u. a., auch für viele kleinere Unternehmungen im Erzgebirge und im Vogtlande, sowie in und um Chemnitz. Im Jahre 1810 brachte er die selbsterfundene, später vielfach nachgeahmte Maschine zum Cylinderreifeln am Wasser in Gang, während man sich damals selbst in England noch der Handarbeit dazu bediente. Zwei Jahre später legte Evans den Grund zu seiner eigenen Fabrik in Siebenhöfen. 1823 brachte er die erste sächsische Spulmaschine (Flyer) nach eigener Erfindung in Gang und empfing dafür von der Regierung eine Belohnung von 500 Thalern. Ebenso erfand er eine andere Spulmaschine zum Abwickeln des Garns, deren Nachahmungen weit verbreitet waren. Auf der Dresdener Ausstellung von sächsischen Gewerbeerzeugnissen erhielt der rührige Spinnmeister und Fabrikbesitzer die Große silberne Medaille auf ein Bündel von baumwollenem, rohem, zweidrähtigem Zwirn. Der amtliche Bericht meldet darüber, daß die ausgezeichnete Beschaffenheit des Fadens, sowohl hinsichtlich der Gleichmäßigkeit, als auch der Haltbarkeit alles zu übertreffen scheine, was bisher in dieser Art in Sachsen geleistet worden sei. Evan Evans ist in einem Alter von 79 Jahren am 9. Dezember 1844 gestorben und auf dem Friedhofe neben der Hauptkirche zu Geyer beerdigt worden.

Der Ruhm der Evansschen Spinnerei lebte unter Eli Evans, einem Sohne des Gründers, lange Zeit fort. 1845 erhielt die Spinnerei auf der Dresdener Ausstellung die goldene Medaille für die zweidrähtigen Zwirne (~Lacedreath~) Nr. 70 bis Nr. 120. Sie erschienen nicht nur an sich vollkommen, sondern auch in dieser Vollkommenheit und in Darstellung der höheren Nummern in ganz Deutschland als einzig in ihrer Art, und auch die Preise stellten sich verhältnismäßig billig. Eli Evans war Mitglied der sächsischen Kammer und des deutschen Parlaments.

Evan Evans war im Kreise seiner Bekannten geschätzt und verehrt als ein Mann von seltener Redlichkeit und Hoheit der Gesinnung, bewährt unter allen Wechseln der Zeit. Pastor Blüher hat in der »Leipziger Zeitung« zur Errichtung eines +Denkmals+ für Evan Evans aufgefordert. Dasselbe sollte an der Stelle, wo der um Sachsen hochverdiente Mann seinen letzten Schlummer schläft, in Geyer, errichtet werden, wo er sich durch Thätigkeit seines rastlosen Geistes die Mittel zur Begründung der eigenen Fabrik in dem angrenzenden Siebenhöfen erworben, in Geyer, welches ihm immer als seine zweite Heimat galt, und wo er sich neben Gattin und Enkeln seine Ruhestätte gewählt hatte.

Die erwerbslosen Jahre ließen den Vorschlag Blühers nicht zur Reife gedeihen. Der gesammelte Betrag wurde zu einer +Evansstiftung+ an den technischen Staatslehranstalten in Chemnitz verwendet. Die Saat, die Evans gestreut, grünt und blüht noch heute im Erzgebirge und im ganzen Königreiche Sachsen fort. Zwar ist in dem mächtigen, von dorischen Halbsäulen flankierten Baue in Siebenhöfen jetzt eine Pappenfabrik und Prägeanstalt untergebracht, aber es haben sich doch an den Ufern der Zschopau und ihrer Zuflüsse, zu denen auch der Geyersche Stadtbach zu rechnen ist, der kurz unterhalb der »Evansschen« Fabrik einmündet, die größten und bedeutendsten Spinnereien des Sachsenlandes angesiedelt.

Zu den beiden Faktoren, Steinkohle und Eisen, welche die Welt regieren, ist als dritter die Baumwolle hinzugekommen. Der dünne, baumwollene Faden bildet eine starke Kette von Erdteil zu Erdteil, von Volk zu Volk, von Werkstatt zu Werkstatt. Tausend fleißige Hände müssen sich regen, ehe die Baumwolle verarbeitet zu dem Pflanzer und Erbauer derselben zurückkehrt. Ein Neger z. B. arbeitet in einer Plantage Brasiliens. Die gewonnene Baumwolle wird dem Händler eingeliefert, wandert über den Ozean und kommt in eine erzgebirgische Spinnerei. Als gesponnenes Garn geht sie nach Thum, wird hier gewirkt, und eine Chemnitzer Weltfirma schickt sie über das Weltmeer zurück nach Amerika, und hier gelangt sie schließlich als Strumpf wieder in die Hände desjenigen Negers, welcher sie seiner Zeit als Wolle in der Kapsel von der Staude pflückte.

Nach Lungwitz.

59. Die gegenwärtigen Industriezweige im oberen Erzgebirge.

Im 16. Jahrhunderte verpflanzten ausgewanderte Schweizer die Musselin- und Schleierweberei nach dem Vogtlande und dem daranliegenden Erzgebirge. Nach den Drangsalen des Dreißigjährigen Krieges vermehrte sich die Bevölkerung hier eher wieder, als in anderen, weit besser gelegenen Landschaften. Wesentlich trug dazu die Einwanderung von böhmischen Protestanten bei, welche, ihres Glaubens wegen aus der Heimat vertrieben, sich in den verödeten erzgebirgischen Orten ansiedelten und neuen Unternehmungsgeist und neue Arbeitskraft mitbrachten. Während in anderen Bezirken damals manches zerstörte Dorf als Wüstung liegen blieb, entstand im Erzgebirge sogar eine neue Stadt, Johanngeorgenstadt; denn dieses ist nur wenige Jahre nach dem Westfälischen Friedensschlusse, im Jahre 1654, von böhmischen Vertriebenen angelegt worden.

Doch half auch zur Hebung des Gebirges, daß in den nächsten Jahrzehnten neue Erwerbszweige aufkamen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde Chemnitz und Umgegend der Sitz einer bedeutenden Baumwoll-Industrie, der sich später die Wollindustrie anschloß. Der damalige Faden war Handgespinst, und es mußten Tausende von Leuten sich rühren, um den Bedarf an Garn zu decken. Später fertigte man den Faden auf Handmaschinen, von denen jede 10--30 Spulen zählte. Noch zu Anfange unseres Jahrhunderts gab es 18000 Menschen, welche auf solche Art Baumwolle spannen. -- Zu der Spinnerei gesellte sich die Weberei und Strumpfwirkerei. Vor dem Dreißigjährigen Kriege hatte in Chemnitz außer der Leinweberei die von Niederländern eingebürgerte Tuchmacherei geblüht. Nunmehr wandte man sich mit Erfolg der Baumwollweberei zu und fertigte anfangs 1717 Barchent und dann 1725 Musseline und Kattune und allerlei bunte Waren. Fünfzig Jahre nach dem Betreten der neuen Bahn mögen in und um Chemnitz 2000 Handstühle in Thätigkeit gewesen sein. Die Strumpfwirkerei war in Chemnitz schon 1728 eingeführt worden. Sie gewann aber erst große Bedeutung, als es dem Kaufmann Esche in Limbach 1776 gelungen war, mit Hilfe zweier geschickter Arbeiter den von dem Engländer Lee erfundenen Strumpfwirkerstuhl nachzubauen.

Auch das erzgebirgische Frauengewerbe erhielt im Laufe des 18. Jahrhunderts eine Zugabe. Die aus Bialystock gebürtige +Klara Angermann+, welche sich mit dem Förster Nollain in Eibenstock vermählte, hatte in einem polnischen Kloster das Tambourieren oder Sticken mit einer Häkelnadel gelernt und verpflanzte es 1775 nach Eibenstock.

Rechnet man zu dem allen, daß der Bergbau durch die 1765 in Freiberg errichtete Bergakademie zur Wissenschaft erhoben wurde und man nun im stande war, einen größeren »Teufen« abzubauen und minder edle Erze zu verhütten, so wird man begreifen, daß schon im verflossenen Jahrhunderte das Erzgebirge ein Hauptindustriegebiet für Sachsen, ja für ganz Deutschland wurde. Dabei ist jedoch anzuerkennen, daß die Großindustrie erst seit Anwendung der Maschinen und der Einführung des fabrikmäßigen kaufmännischen Betriebes entstanden ist. Der Gebrauch der Spinnmaschine, die 1775 durch +Richard Arkwright+ in England verbessert wurde, die Anwendung des Jacquard- und des Kraft- oder mechanischen Webstuhles wirkten entscheidend. Trotzdem daß die Handspinnmaschinen in die Rumpelkammer verwiesen, das Weberschifflein der Hand des Arbeiters entzogen und der gewöhnliche Strumpfwirkerstuhl auf gewisse Arbeiten beschränkt wurde, so wuchs die Erzeugung von Waren doch ungemein und wurden überhaupt viel mehr Leute beschäftigt denn früher.

Auch bei der Klöppelei und Stickerei traten Maschinen auf, so die 1809 von Heathcoat in Nottingham erfundene und rasch vervollkommnete Bobbinetmaschine, welche einfache Spitzen sehr billig herstellt, und ferner die von den Schweizern aufgebrachte Stickmaschine, welche 200--500 Nadeln durch einen Hebeldruck in Bewegung setzt und darum nicht zu verwickelte Muster um einen geringen Preis liefert. Beide Maschinen machten der Frauenarbeit gefährlichen Wettbewerb, drückten die Löhne herab und drohten, der weiblichen Hand, welche früher das Spinnrad und neuerdings durch die Strick- und Nähmaschine fast das Strick- und Nähzeug verloren hat, auch den Klöppel und die Sticknadel zu entwinden. Aber durch den Übergang zu künstlicheren Mustern und die Verbindung von Maschinen- und Handarbeit ist es ihr dennoch gelungen, sich neben und mit den Maschinen zu behaupten.

Im Sehmathale herrscht die Posamentenerzeugung als Hausindustrie und zieht sich in starkbevölkerten Dörfern über Annaberg und Buchholz bis zu dem Fichtelberge hinauf, an dessen Fuße die vier Städtlein Wiesenthal liegen. Die Mannigfaltigkeit der Posamentenerzeugung läßt sich nur andeuten; alles, was Kleiderbesatz und Garnitur heißt, Ornamente, Knopf, Borte, Franse, Quaste, Schnur, wird gewirkt und geschlungen, gedreht und genäht. Geht das Geschäft flott, wie 1844--1849, in den 60er Jahren, auch in den ersten 70er Jahren noch, dann sind Tausende von Posamentierstühlen, Hunderte von Mühlstühlen und Chenillemaschinen im Gange. Im Jahre 1863 hat ein Annaberger Geschäft für 600000 Mark umgesetzt. Die Jahresausfuhr nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, welches ein Konsulat in Annaberg unterhält, beträgt ungefähr 5½ Mill. Mark. Annaberg hat über 100, Buchholz 30 Posamenten- und Spitzenhandlungen, Buchholz 100 Posamentenfabrikanten und Verleger. In Annaberg wohnen über 600, in Buchholz über 450 Posamentierer. In beiden Städten giebt es zusammen 20 Schnurenfabriken. Besonders merkwürdige Erzeugnisse sind Gold- und Silberspitzen in Annaberg und Kleinrückerswalde, sowie gedrehte und geklöppelte Theater- und Uniformschnüre. Je nach der herrschenden Mode werden fast auf dem ganzen Gebirge durch Frauen- und Kinderhände Zwirn-, Woll- und Seidenspitzen geklöppelt. Der Verdienst der Klöpplerinnen ist sehr gering, dennoch mögen manchmal im Annaberg-Buchholzer Arbeitsbezirke 20000 Klöppelkissen in Thätigkeit gewesen sein. Neue Geschäftszweige, welche bei gänzlichen Modeveränderungen und umfänglichen Geschäftsstockungen allgemeine Notstände nicht mehr aufkommen lassen, sind beispielsweise in Buchholz durch 8 Kartonnagenfabriken und 6 Prägeanstalten vertreten. Da werden Pappkartons, von den einfachsten Apothekerschächtelchen bis zu den feinsten Bonbonnieren und Ostereiern, mit kostbaren Stickereien und Gemälden, Holzkästen, von den billigsten Sparbüchsen und Federkästchen bis zu den schönsten Schreibschatullen, Zigarren- und Nähkästen hergestellt. Die Prägeanstalten liefern aus Gold- und Silberpapier Sargverzierungen, welche das letzte Haus der Sterblichen mit Randschmuck und sinnigen Bildern und Inschriften bedecken und in teueren Formen besonders in Österreich, Ungarn, Spanien und Südamerika beliebt sind, und fertigen aus Silber- und Papierkanevas tausenderlei Unterlagen zu Stickereien, von den Buch- und Lesezeichen an bis zu Lampen-Tellern und -Schirmen, Papierlaternen, Puppenstubenmöbeln und dergleichen. Sie bringen »papierne Zinnsoldaten«, unter dem Christbaume aufzustellende »Krippen«, »Christgeburten«, Jagden u. a. in den Handel. Holzbildhauerwerkstätten liefern Schrankgesimse und Leisten, Sargfüße und Flaschenpfropfen und dergleichen. -- Andere Geschäfte versenden Kränze von Moos und trockenen Blumen, andere wieder Sträuße, Borten und Kartons, Papier-Manschetten und -Spitzen. Auf eigenartigen Stühlen werden Perlengewebe, Sessel, Kissen, Ofenschirme und Fußbänke angefertigt, ein Ersatz kostspieliger Stickereien.

In der ganzen Umgegend von Annaberg und Buchholz ist denn auch die Landwirtschaft von untergeordneter, die Industrie von weit überwiegender Bedeutung. Ja, bezeichnend genug für die späte und doch so schnelle Entwickelung des Obererzgebirges ist es, daß man auf der alten Poststraße, ohne mehr als zwei Dörfer zu berühren, zwölf Städte besuchen kann: Annaberg, Buchholz, Schlettau, Scheibenberg, Elterlein, Zwönitz, Geyer, Thum, Ehrenfriedersdorf (Stadt), Wolkenstein, Marienberg, Zöblitz.

Nach Prof. Berlet und ~Dr.~ Manke.

60. Ehrentafel berühmter Obererzgebirger.

Das obere Erzgebirge ist die Heimat oder der längere Aufenthaltsort einer Reihe bedeutender Persönlichkeiten gewesen, die für die Kulturentwickelung unseres engeren und weiteren Vaterlandes nicht ohne Bedeutung geblieben sind. Zu ihnen gehören +Barbara Uttmann+, die das Spitzenklöppeln 1561 in +Annaberg+ bekannt machte, und +Klara Angermann+, welche in +Eibenstock+ 1775 das Tambourieren einführte. 1589 schon hat +Georg Einenkel+, angeblich aus +Dünkelsbühl+ in Schwaben, das Posamentiergewerbe in +Buchholz+ eingeführt. 1776 gelang es dem Kaufmann +Esche+ in +Limbach+, den Strumpfwirkerstuhl den Engländern nachzubauen. In der Nähe von +Geyer+ errichtete 1812 in +Siebenhöfen+ der um die sächsische +Baumwollenspinnerei+ sehr verdiente +Evan Evans+ die erste Baumwollenspinnerei in Sachsen.

Aber außerdem giebt es noch eine Anzahl bekannter Männer des Obererzgebirges, die auf Kunst und Wissenschaft, auf das ganze Geistesleben des sächsischen Volkes nicht ohne Einfluß geblieben sind. Wir gedenken des 1492 geborenen Rechenmeisters +Adam Ries+ aus +Staffelstein+, der seine Rechenwerke in Annaberg als Bergbeamter schuf. Ferner haben wir den berühmten Rektor der Annaberger Lateinschule, +Johannes Rivius+, der 1552 in Meißen starb, zu nennen. In +Grünhain+ wurde 1586 +Johann Hermann Schein+ geboren, der Dichter des Liedes: »Mach's mit mir, Herr, nach deiner Güt'.« 1619 ist der Dichter des Liedes: »Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören«, +Tobias Clausnitz+, in +Thum+ geboren worden. 1726 wurde zu +Annaberg+ der berühmte Kinderfreund +Felix Weiße+ geboren. 1674 stellte in +Annaberg+ auf der Münzgasse in dem ihm vom Kurfürsten +Johann Georg II.+ überlassenen Münzgewölbe der Chemiker +Kunkel+, als einer der allerersten, +Phosphor+ her.

Zu den erwähnten fügen wir hier noch die Namen eines +Mykonius+, +Sarcerius+, +Pufendorf+, +Gottfried Arnold+, +Kramer+ und +Duflos+.

1. Mykonius, ein Geschichtsschreiber der Reformation.