Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte

Part 2

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Auch Geyer muß damals einen erbarmungswerten Anblick gewährt haben, sagt ~P.~ Blüher in seinen Aufzeichnungen, und fährt derselbe in seiner Beschreibung der Stadt, allerdings vor den Bränden in den Jahren 1854, 1862 und 1863 fort:

Wer vom alten Schießhausplatz aus über die Schützenhofgasse herab durch die Badergasse an der Marktschmiede vorüber bis zum Bergamtshaus ging, der sah zur Linken und vom Bergamtshause bis zur Tannenberger Grenze zu seiner Rechten eine fast ununterbrochene Reihe in Asche liegender Häuser und außerdem waren 8 Brandstätten in der Zinngasse, in der Gegend, in welcher sich der große, freie Platz der ersten aufsteigenden Straße gegenüber sich befindet. Noch im Jahre 1661 zählte man 118 Brandstätten und nur 83 bewohnte Häuser.

Der Friedensschluß, welcher den dreißigjährigen, unerhörten Trübsalen ein Ziel setzte, erfolgte am 14. Oktober 1648 zu Osnabrück. Ganz Deutschland erlangte dadurch die heißersehnte Ruhe. Das Friedensfest wurde zwischen Kaiserlichen und Schweden im großen Saale des Rathauses zu Nürnberg gefeiert. Während die Abgesandten in der hochgewölbten, glänzend erleuchteten Halle ein Fest abhielten, waren für die Armen der Stadt zwei Ochsen geschlachtet und viel Brot ausgeteilt worden, und aus einem Löwenrachen lief sechs Stunden lang weißer und roter Wein herab. Aus einem größeren Löwenrachen waren dreißig Jahre lang im ganzen deutschen Reich Blut und Thränen geflossen!

Hermann Lungwitz.

5. Salzburger Emigranten ziehen durch Geyer.

Als im Jahre 1732 der Erzbischof von Salzburg, Leopold Anton, Graf von Firmian, die religiöse Unduldsamkeit bis auf das Äußerste trieb, wanderten 30000 friedfertige, arbeitsame Protestanten aus und fanden in dem Lande des Königs Friedrich Wilhelm I. von Preußen gastliche Aufnahme. Auf verschiedenen Wegen zogen die Emigranten ihrer neuen Heimat zu, und so geschah es auch, daß ein Trupp Emigranten seinen Weg durch Geyer nahm. Anfangs wollte der Kommissar Balzig die Vertriebenen nicht durch unsere Stadt führen, da dieselbe sich zu dieser Zeit infolge des Niederganges des Bergbaues in mißlichen Verhältnissen befand. Doch, berichtet eine im Besitz des königlich sächsischen Altertumsvereins befindliche Handschrift, gab sich der damalige Geyersche Stadtrichter Neubert selbst die Mühe, am 5. August 1732 nach Zwönitz zu schicken, wo die Vertriebenen ihr Nachtlager hätten und sich den Durchzug von ihnen auszubitten. Als die Bürger Geyers dieses hörten, wurden sie ungemein erfreut, daß sie das Glück genießen sollten, den Salzburgern Gutes zu erweisen. Sie machten sich daraufhin für den kommenden Tag bereit, dieselben mit möglicher Liebe aufzunehmen. Die Schule, der Prediger, der ganze Rat und die Bürgerschaft gingen ihnen entgegen und empfingen sie mit einer Rede. Sie führten die Vertriebenen bei vollem Geläute in die Stadt, wobei dieselben bewegliche Lieder sangen und auf dem Markte Betstunde hielten; verlesen wurde Jerem. Kap. 51, welches von Babels Zerstörung handelt. Nach der Beendigung des Gottesdienstes verschwanden gleichsam die Emigranten, denn die Einwohner nahmen sie in der größten Geschwindigkeit mit sich, daß man auch für Geld keinen mehr bekommen konnte. Der Priester der Stadt war ein wenig abgetreten, um einen kranken Salzburger mit Trost aufzurichten. Er hätte gewiß leer ausgehen müssen, wenn sich nicht der Kommissar über ihn erbarmet und ihm zu zwei Personen geholfen hätte. Nach eingenommenem Mittagsmahle fing man wieder an, mit der großen und weitberühmten Glocke zu läuten. Darauf versammelten sich unsere Emigranten und man führte sie ebenso aus der Stadt, wie man sie eingeholet hatte. Die Abschiedsrede gründete sich auf Offenbarung St. Johannis 2, 10. Dies alles schrieb man in die Kirchenmatricul, damit es zum ewigen Andenken beibehalten würde. Sonntags darauf sammelte man auch hier die Kollekte, welche man in Sachsen für die Salzburger zusammengelegt hatte, sie betrug 19 Thaler 7 Groschen; vorher war keine Kollekte so reichlich, so lange Geyer gestanden hat. Die Emigranten zogen von hier aus nach Wolkenstein weiter.

Hermann Lungwitz.

6. Evan Evans, der erste Baumwollspinner Sachsens.

Unter den Prunkgeräten aus den früheren herzoglichen Schlössern, welche im Museum zu Braunschweig aufbewahrt werden, findet sich auch ein schmuckloses Spinnrad, das von Georg Jürgens, einem Braunschweiger, gefertigt sein soll, der zur Zeit Luthers das Spinnrad erfand und damit die seit Jahrtausenden zum Spinnen dienende Spindel außer Gebrauch setzte. Geyer hätte ebenfalls Ursache, eine Maschinenspindel im Rathaus aufzuhängen, denn Evan Evans, ein Geyerscher Bürger, war es, der das Spinnrad durch das Einführen des Maschinenspinnens in Sachsen verdrängte. Die Maschinenspinnerei ist eine englische Erfindung. Man schreibt sie gewöhnlich Richard Arkwright zu; doch haben spätere Nachforschungen ergeben, daß er wohl ein großer Verbesserer, aber nicht der Urerfinder des Maschinenspinnens gewesen ist. In Sachsen waren in den 80er und 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts kleine Handmaschinen von 10 bis 20 Spulen zum Spinnen der Baumwolle in Gebrauch. Gegen Ende desselben führte Karl Friedrich Bernhard das englische Spinnereisystem in Sachsen ein. Seine Maschinen waren Mulemaschinen; sie wurden in einem dazu errichteten Gebäude in Harthau bei Chemnitz durch einen Engländer, Namens Watson, aufgestellt. Da er aber als bloßer Maschinenbauer die Maschinen nicht in Gang zu bringen wußte, namentlich, wird erzählt, die Trommelschnur nicht aufzuziehen verstand, so wurde ein englischer Spinner, Evan Evans, aus England herübergerufen, der auch alsbald auf den Maschinen Garn spann. Der Vater des sächsischen Maschinenspinnens, besonders der Baumwollspinnerei, ist Evan Evans. Er ist 1765 in New-Wales in England geboren und kam im März 1802 auf erhaltene Veranlassung aus Manchester nach Sachsen. Nachdem er sich in Harthau als Spinnmeister bewährt hatte, ging er nach Dittersdorf, um sich mit Maschinenbauen zu beschäftigen. Mit dem Jahre 1809 siedelte er nach Geyer über und legte drei Jahre später den Grund zu seiner eigenen großen Fabrik im benachbarten Siebenhöfen. Evans zeichnete sich als Erfinder auf dem Gebiete des Maschinenspinnens aus und wurde auch als solcher wiederholt von der sächsischen Regierung ausgezeichnet. Er fertigte die Maschinen für eine Menge neu entstehender Fabriken in Erfenschlag, Wolkenburg, Wegefahrt, Mühlau, Lugau, Plaue, Schlettau etc., auch für viele kleinere Werkstätten im Erzgebirge und im Vogtland, sowie in und um Chemnitz. Evan Evans ist am 9. Dezember 1844 in einem Alter von 79 Jahren gestorben und liegt auf dem Friedhofe bei der Hauptkirche in Geyer begraben. Die Saat aber, die der von groß und klein hochgeachtete Bürger von Geyer gesät hat, grünt und blüht heute noch fort, denn am Geyersbach, der der Zschopau zufließt, hat er seine erste Spinnerei gegründet und längs des Zschopauflusses haben sich die größten Spinnereien des Sachsenlandes angesiedelt.

Hermann Lungwitz.

7. Die Binge auf dem Geyersberge bei Geyer.

Einst hätten, so erzählt die Sage, Geier dem Hühnerhof des Rittergutes Tannenberg argen Schaden zugefügt. Da bestieg der geschädigte Edelmann sein Jagdroß, um den Raubvögeln nachzuspüren. Das Gestrüpp auf der bewaldeten Höhe hinderte ihn am weiteren Vordringen, er band daher sein Pferd an einen Baum, schritt zu Fuß weiter und fand den Horst der Rittelgeier auf, er zerstörte denselben, ebenso gelang es ihm, die alten Vögel zu erlegen. Als er zu seinem Roß zurückkam, hatte es mit seinen Hufen Zwitter und Zinngraupen entblößt. Der Edelmann steckte das Erz zu sich, zeigte es Kundigen und auf deren Anraten schlug man auf derselben Stelle ein. So wurde der Geyersberg fündig. Es geschah dies nach Tschrans Vermutung zu Anfange des 14. Jahrhunderts. Die Ansiedelung aber, welche sich wegen der schon früher aufgefundenen reichen Silber- und Kupfererze in dem Thale gebildet hatte, bekam nach den Raubvögeln den Namen Geyer, und noch heute führt diese Stadt drei Geierköpfe im Wappen.

Die Ausbeute des Geyersberges scheint eine sehr reiche gewesen zu sein, sind doch aus den Gruben nach einer vom Bergamt zu Freiberg gemachten Zusammenstellung von der Auffindung bis zum Jahre 1845 (die Ausbeute nach diesem Jahre ist ohne Belang) im ganzen rund 72600 Zentner Zinn gefördert worden, die einen Wert von 7 bis 8 Millionen Mark darstellen. Das Werk im Geyersberg wurde Zwitterstockwerk genannt. Unter Zwitter verstand der Bergmann den Zinnstein, ein dem Gneise verwandtes oder mit ihm durch Übergänge verknüpftes Gestein, hauptsächlich aus eisenschüssigen Quarzen, mit Chlorit, Arsenkies und Zinnstein gemengt. Der Zinnstein in Gängen wurde zuweilen, wie Charpentier berichtet, so reich befunden, daß drei Zentner Zinnerz zwei Zentner Zinn beim Schmelzen gaben. Mit dem Bergbau im Geyersberg ist die Geschichte der Stadt auf das Innigste verknüpft, kein Wunder, daß auch die Sage die Erwerbsquelle umrankt wie der Epheu das verfallene Bergschloß. Es berichtet eine alte Handschrift, auf dem Geyersberge hätte sich ein Paar Raben aufgehalten, welche durch ihren hohen oder niederen Flug Anzeichen von einer bevorstehenden Veränderung gaben, bestünde dieselbe entweder in der kommenden teuren Zeit oder auch in einem Unfalle, welcher dem Bergmann im Schoße der Erde zustieße. Das Rabenpaar habe nie ein anderes neben sich geduldet, selbst die eigenen Jungen habe es, sobald der Hafer begann, gegen den Schuß hin gelb zu werden, mit Schnabelhieben davongetrieben. Ob sie auch im Herbst 1704 ein Anzeichen gaben, darüber schweigt die erwähnte Handschrift, wohl aber geschah es, »daß eine große Wand oder Tagklippe niederging, durch welchen Bergfall viel Holz verstürzet und die Häuser im Geyer erschüttert worden, wie von einem Erdbeben«. Es mag eine furchtbare Erschütterung gewesen sein, als die möglicherweise mit nicht allzu großer Vorsicht angelegten Höhlen in sich zusammenbrachen, wodurch der große Tagebruch, die Binge, entstand. Schon nach der ersten Senkung muß die entstandene Vertiefung eine mächtige gewesen sein; denn als im Herbste 1773 der Kurfürst und spätere König Friedrich August sein durch die große Hungersnot heimgesuchtes Gebirge besuchte und auch am 7. September nach Geyer kam, zeigte man demselben den Geyersberg »und bezeugte Ihro Churfürstliche Durchlaucht nicht undeutlich Höchstdero Wohlgefallen an dessen grauen Altertume und Seltenheit«. Leider hatte es mit dem einen Zusammenbruch nicht sein Bewenden, denn der Hauptbruch erfolgte am 11. Mai 1803. Während die Grubenarbeiter bei dem Bruch von 1704 durch vorherige Anzeichen in den Gruben gewarnt und daher geflohen waren, wurden 1803 die beiden Bergleute Christian Gottlieb Schramm und Johann Gotthilf Zimmermann, welche nach der Senkung das Werk untersuchen wollten, ob weiterer Broterwerb möglich sei, verschüttet. Ihre Leichen ruhen noch jetzt im Schoße der Binge. In dem am Neujahrstage 1804 ausgetragenen Zettel klagt der Kirchner Hofmann:

Zum neuen Jahr sei neues Glück, Mein Geyer, dir beschieden; Vergiß das alte Mißgeschick -- Nur Stückwerk ist's hienieden!

Der Geyersberg erzeugte zwar Uns bittre Thränen-Tage, Und Teurung blieb im alten Jahr Der Armen stete Klage.

Ja Kirche, Schule, Rat und Euch, Geliebte Bürger, schütze Der gute Gott, er segne Euch Und sei der Knappschaft Stütze.

Obwohl der Betrieb des Bergbaues im Stockwerk vorläufig infolge weiterer Brüche eingestellt werden mußte, nahm man ihn später, wenn auch in geringerem Maße, wieder auf, bis mit dem Jahre 1855 das letzte Zinnschmelzen stattfand. Die Förderkosten belaufen sich zu hoch im Vergleich zum Preis des Zinnes, die reichen Gruben des Auslandes gaben zu große Ausbeute.

Etwas Unheimliches über den Geyersberg berichtet M. Metzler in seinen Totennachrichten von 1692. Da heißt es: Den 24. Novembris starb Gregor Schneider, ein Kärner, welchem ein Spectrum am Geyersberge unter die Augen gespeiet, daß ihm das ganze Angesicht verbrannt und das eine Auge durch die Nasen ausgeschworen ist.

Heutzutage fürchtet man kein Gespenst mehr am Geyersberge; die Binge ist vielmehr ein von nah und fern gern besuchter Ausflugspunkt in unserem Erzgebirge. Nachdem der Wanderer sich an der köstlichen Fernsicht geweidet hat, schaut er in die grausige Tiefe; das Werk, welches fleißige Hände im Laufe von Jahrhunderten schufen, ist zusammengestürzt. Da sieht man noch Spuren von früheren Förder- und Abbaugängen, von Strecken etc. Die große Binge ist 70 ~m~ tief, gegen 200 ~m~ lang und 160 ~m~ breit. Aus der Ferne gesehen, gleicht sie einem gewaltigen Krater, das dunkle Gestein ähnelt den Lavablöcken.

8. Das Steinkreuz auf dem Ziegelsberg in Geyer.

An Weichbildsgemarkungen, an Kreuzwegen, an Stadtthoren, vor Kirchthüren, auf Gemeindeplätzen, an Ackerrainen, auf früheren Richtstätten etc. findet man im Sachsenlande hier und da Steinkreuze errichtet, deren Zweck im allgemeinen war, die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen und die Erinnerung der Nachkommen festzuhalten. Kreuze stellte man in alten Zeiten auf Märkten, wo sonst Gericht gehalten wurde, auf zum Zeichen, daß ein jeder hier vor Unrecht und Gewalt gesichert sei und in Frieden wandeln könne, und zur Versicherung des königlichen Willens hing man in den Städten, welchen Weich- oder Stadtfriede gegeben war, des Königs Handschuh daran. Doch nicht allein auf der Stelle, wo der Markt oder Gerichtsplatz war, errichtete man derartige Kreuze, man setzte sie auch, soweit der Gerichtsbezirk des Ortes sich erstreckte; daraus entstanden die unter dem Namen Weichbilder bekannten Grenzsteine. Findet man jedoch an solchen Orten Kreuze, die auf nichts, was zum Amte der weltlichen Obrigkeit gehört, Beziehungen haben, jedoch außerhalb der gewöhnlichen Begräbnisstätten stehen, so sind sie zum Andenken oder zur Förderung der Seelenruhe gemordeter Personen von schuldigen, obgleich nicht vorsätzlichen Totschlägern, die ihre That dadurch mit verbüßen mußten, errichtet worden. Wenn ein Totschlag aus Zorn, Trunkenheit oder auf andere unvorsätzliche Weise erfolgt war, so schloß in alter Zeit der Mörder einen gerichtlichen Vergleich mit der Familie des Ermordeten ab, worin er derselben eine Summe Geldes zu entrichten gelobte, wogegen er das Versprechen erhielt, daß er wegen seiner That keine Verfolgung oder Rache zu fürchten haben solle. Oft mußte sich außerdem der Mörder noch zu einer kirchlichen Bußübung oder zur Errichtung eines Kreuzsteines verpflichten.

Nach Blühers Aufzeichnungen ist in Geyer ein solcher Fall vorgekommen. Im Jahre 1530 ward nämlich am Montag nach Michaelis von Balzer Bach in Gemeinschaft von seinen Geschwistern und nächsten Verwandten Bestimmung über 50 Gulden sogenanntes Blutgeld getroffen, welches sie zur Sühne ihres vor 15 Jahren ermordeten Bruders erhalten hatten. Ob von diesem Gelde auch ein Sühnekreuz errichtet oder ob es vollständig dem »Gestifte unserer lieben Frau« zugewendet wurde, läßt sich aus der beregten Quelle nicht ersehen. Ein Steinkreuz stand früher an der alten Zolltafel, wie sich wohl die ältesten Bewohner der Stadt Geyer erinnern können. Die Zolltafel war an der Ehrenfriedersdorfer Straße aufgestellt, da, wo jetzt rechts der Weg nach der Binge abbiegt.

Ein Sühnekreuz mag aber das im Sommer 1890 zufällig aufgefundene Steinkreuz auf der Verlängerung des Ziegelsberges sein. Wie kommt aber das Richtschwert hinzu, dessen Umrisse ganz deutlich auf der einen Seite des granitnen Kreuzes zu sehen sind? Auf der bekannten Dillichschen Federzeichnung der Stadt Geyer findet sich der Galgen zwar an dem Fußsteige, wo das Kreuz aufgefunden wurde, doch etwas weiter hinauf nach dem Schlegelswald zu. Da jedoch von einer Bebauung mit Häusern auf dem Ziegelsberg auf erwähnter Zeichnung noch keine Andeutung vorhanden ist, da ferner das Steinkreuz in einer vom Silberbergbau herrührenden Halde aufgefunden wurde, so schließt dies durchaus nicht aus, daß an der Fundstelle in Geyers frühester Zeit der Richtplatz zu suchen sei, und daß derselbe nur erst infolge des Bergbaues und der Bebauung des Ziegelsberges weiter dem Walde zu angelegt worden ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach stand vielmehr das Kreuz auf der alten Richtstätte; das darauf gemeißelte Richtschwert deutete an, daß der Mörder eigentlich an dieser Stelle sein Grab habe finden müssen; denn bekanntlich wurden in früheren Zeiten die Gerichteten an Ort und Stelle verscharrt.

Der hiesige Verschönerungsverein hat unter der Leitung des Herrn Kaufmann Max Päßler das alte Steinkreuz wieder aufrichten und im Grunde befestigen lassen. Es ist dies wohl das einzige in unserer Amtshauptmannschaft, wenigstens führt ~Dr.~ R. Steche in seiner »Beschreibenden Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen«, viertes Heft, keins auf, während in anderen Amtshauptmannschaften verschiedene erwähnt werden und 1885 bei Ausgabe des Heftes noch das Geyersche nicht bloßgelegt war. Der Verschönerungsverein fühlt sich übrigens den beiden Herren Gustav Morgenstern und Karl Einenkel zum Dank verpflichtet, da ersterer das Kreuz, welches auf seinem Grund und Boden gefunden wurde, bereitwilligst dem Verein übergab und letzterer die Aufstellung auf seinem Eigentume gestattete.

Ein ähnliches Kreuz liegt umgestürzt und vergessen am Fußwege, welcher von der Ehrenfriedersdorfer Hauptstraße links von der Großschen Wirtschaft im Grunde des Greifenbaches abzweigt, einige hundert Schritte oberhalb des Röhrgrabens. Der rührige Verschönerungsverein unserer Nachbarstadt wird hoffentlich dieses Denkmal aus vergangenen Tagen vor Überackerung und Einsinken schützen.

Hermann Lungwitz.

9. Sage.

Die Geyerschen Stadtpfeifer werden vom Greifenstein beschenkt.

Einst hatten die Geyerschen Stadtpfeifer den Tanzenden im Thumer Ratssaale bis tief in die Nacht hinein aufgespielt und traten, nachdem der Reigen geendet, den Heimweg über den Greifenstein an. Als sie in die Nähe der alten Felsen kamen, schien es ihnen, als ob dieselben in einem besonderen Lichte erglänzten. Ein Spielmann machte den Vorschlag, zu Ehren des Greifensteins eine muntere Weise zu blasen. Wie gesagt, so gethan. Beim Abstieg nach Geyer sahen die Stadtpfeifer im Scheine des Mondes große Zinnstufen am Wege liegen, sie meinten, der letzte heftige Gewitterregen habe sie ausgewaschen. Ohne Säumen hoben sie die Stufen auf und steckten sie in ihren Rucksack. Als die Frauen und Kinder am andern Morgen die Rucksäcke nach einem Wurstzipfel oder sonst einer Gabe durchsuchten, wurden sie die Stufen gewahr und brachten sie zum Schmelzmeister. Der erkannte sie als reines Silber und lohnte die Frauen reichlich. Nutzen hingegen habe die reiche Spende des Greifensteins den Stadtpfeifern nicht gebracht, es sei alles wieder durch die Musikantenkehle geflossen.

Hermann Lungwitz.

10. Kurzer Abriß der Geschichte des Rittergutes Geyersberg.