Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte
Part 19
Jedes Hammerwerk hat wenigstens einen Leiter, welcher ein technisch gebildeter Mann sein muß, und einen Schichtmeister, dem das Rechnungswesen anvertraut ist, während ersterem die technische Leitung des Werkes obliegt. Zu dem Hohofen, in welchem der Eisenstein geschmolzen wird, gehören 1 Steinpocher, 2 Aufgeber, 2 Hohöfner und 1 Schlacken- oder Wascheisenpocher. Ehe der Hohofen angeht, wird durch den Leiter der untere Teil des Hohofens eingebaut, was man Zustellen nennt; früher besorgte dies der Hohofenmeister. Bei einem Stabhammer oder Frischfeuer, in welchem das rohe, durch den Hohofen gewonnene Eisen ausgeschmiedet wird, arbeiten der Meister oder Frischer, der Vorschmied, der Einschmelzer und ein Junge; zuweilen bei französischen Feuern noch ein Fröner, welcher Vorschmiedsstelle dann mit versehen muß. Die Arbeit der Hammerschmiede ist und bleibt wohl eine der schwersten und schweißvollsten. Der Aufgeber muß in die Mündung des Hohofens, wo die Flamme hoch in die Höhe schlägt, Kohlen und Eisenstein schütten. Der Arbeiter in dem Frischfeuer steht neben dem Feuer, wo das Roheisen gefrischt und geschmolzen wird, und muß das glühende Eisen, mehrere Zentner schwer, herausnehmen, auf dem Amboß teilen und die Teile ausschmieden. Während des Schmelzprozesses verdient ein Hohöfner wöchentlich 3 Thaler, ein Aufgeber und Steinpocher 2 Thaler. Der Meister erhält rohes Eisen und Kohlen und muß dafür eine bestimmte Anzahl Stabeisen liefern. Hat er Überschuß, so ist der Gewinn sein, allein er darf den Überschuß nur an den Hammerherrn verkaufen. Liefert der Frischer nicht so viel Eisen, als er sich verbindlich gemacht hat zu liefern, so muß er das Fehlende bezahlen. Seinen Arbeitslohn erhält er nach dem Gewichte des ausgebrachten Stabeisens. In dem Zainhammer wird das Arbeitslohn nach der Wage bezahlt, d. h. je mehr Wagen Eisen die Arbeiter auszainen, desto mehr erhalten sie. Sie können ebensoviel verdienen, als die Arbeiter beim Frischfeuer oder Stabhammer. Da die Hammerschmiede während ihrer Arbeit einer großen Hitze ausgesetzt sind, so ist ihre Kleidung sehr einfach. Sie gehen meist nur im blauen Hemde und in leichten Hosen, welche ein langes Schurzfell festhält; früher gingen sie meist nur im bloßen Hemde, weil der glühende Sinter, der während der Arbeit herumspringt und mithin dem Arbeiter sehr oft auf den Leib gerät, leichter auf die Erde fällt, wenn er das Schurzfell lüftet. Das Rohschmelzen im Hohofen, das Toben der Hämmer, das Heulen und Pfeifen der Gebläse und dabei das pausenweise Aufschlagen der Gichtflamme, welches zur Nachtzeit dem Wetterleuchten ähnlich ist, die von Kohlenstaub geschwärzten Arbeiter mit starken, ausdrucksvollen Gesichtszügen, Zähnen wie Elfenbein, das Innere der Hände mit hufartiger Rinde, an welche sich die krummen, wenig gelenkigen Finger anschließen, kann uns das Gemälde des Dichters versinnlichen, wenn er von der Werkstätte des Vulkans und seiner Cyclopen schreibt. Ein königlicher Hammer-Inspektor führt die Aufsicht über sämtliche sächsischen Hammerwerke, geht den Werksbesitzern mit Rat an die Hand, nimmt etwaige Beschwerden entgegen und sieht die Betriebstabellen ein.
Das Eisen, welches sich in 12stündiger Schicht im Hohofen angesammelt hat, fließt einem Feuerstrom gleich in einen trogartigen Sandgraben, welches Ablaufen, »Abstechen« heißt. Diese Masse erstarrt sehr bald und heißt eine »Ganz«, weil es eine ganze rohe Eisenmasse ist. Eine solche Ganz wiegt 3 bis 4 Zentner. Diese Gänze, sowie überhaupt das Roheisen, werden, wie erwähnt, verfrischt. Das Walzen der Stäbe geschieht, um aus den gefrischten, höchstens nur unter dem »Stirnhammer« etwas vorgeschmiedeten Eisenmassen die Stäbe herzustellen, oder um die schon unter dem »Aufwerfhammer« weiter ausgestreckten Kolben oder dicken Stöcke zu verfeinern. Im ersten Falle wendet man erst Präparierwalzen und nachher das eigentliche Stabwalzwerk an, im zweiten Falle gebraucht man letzteres allein. Die dünnsten Stäbe werden oft durch eine das Auswalzen an Schnelligkeit noch übertreffende Verfahrungsart dargestellt, indem man 3 bis 5 Zoll breite und 30 bis 40 Fuß lange gewalzte Schienen nach ihrer ganzen Länge in Streifen zerschneidet. Hierzu bedient man sich des Eisenspaltwerkes, der Schneidewalzen.
Nach Elfried v. Taura.
~c.~ Die Blechlöffelfabrikation.
Man darf nicht glauben, als würde der Löffel mit einem Male vollendet; es gehen da eine Masse Arbeiten voraus, ehe er als solcher verkauft werden kann. Zunächst bezieht die Fabrik das Eisen für alle Gattungen von Löffeln von den Hammerwerken, wo es unter dem Namen Löffeleisen in Stäbe geschmiedet und nach der Wage verkauft wird. Der Fabrikant liefert dasselbe nach dem Gewichte an die Plattenschmiede, welche zerstreut in nahen und entfernt liegenden Ortschaften wohnen; diese verfertigen daraus die Platten, d. h. die ebenen, plattausgehenden Eisenstücke, die noch keine Vertiefung haben. Zwei solche Plattenschmiede können täglich gegen 24 und aus einer Wage etwa 36 Dutzend Platten schmieden, die sie an den Fabrikanten wieder nach dem Gewichte abliefern. Nun kommen die Platten wieder in die Hände der zerstreut wohnenden Löffelmacher, welche sie austeufen, wozu sie einen Amboß, worauf die stählernen Modelle oder Formen befestigt und nach verschiedenen Größen und Gestalten eingelassen sind, und verschiedene Teufhämmer haben. Dann bringt man sie wieder zur Ablieferung. Täglich kann ein Löffelmacher 25 Dutzend abteufen. Endlich werden die Löffel ins Zinnhaus abgegeben, da verzinnt, dann mit Kleie gescheuert, sortiert und so vollendet aufs Lager und in den Handel gebracht.
Nach Elfried v. Taura.
53. Die Blaufarbenwerke.
~a.~ Besuch eines alten Blaufarbenwerkes.
Elfried von Taura schildert den Besuch eines Blaufarbenwerkes zu seiner Zeit wie folgt. Bei den Gesamt-Blaufarbenwerken, dem Schlemaer und beiden gewerkschaftlichen zu Pfannenstiel und dem Schindlerschen zwischen Aue und Schwarzenberg, ist die Einrichtung getroffen gewesen, daß kein Werk seine gefertigten Farben für sich verkaufte, sondern solche in das gemeinschaftliche Lager nach Leipzig und Schneeberg lieferte. Diese Bestimmung der gleichen Absendung der Farben besorgte der in Schneeberg wohnende Kommunfaktor. Die Ablieferung geschieht demnach von allen Werken zu gleichen Teilen, sodaß das Ganze als ein ⁵/₅ betrachtet wird, wovon das königliche als Doppelwerk ⅖ und das Gesamt Privatwerk ⅗ abliefert. Die Werke haben das Recht, daß alle Kobalte, die im Lande gefunden werden, an sie verkauft werden müssen, und darum kommen in jedem Quartal Berg- und Blaufarbenwerk-Offizianten, zu welchen letztern die Faktore und Farbenmeister gehören, nach Schneeberg, um die Kobalte chemisch zu untersuchen und nach dem ausgefallenen Werte den Gruben die Kobalte zu bezahlen. Alle Kobalterze werden geröstet, gepocht, kalziniert und mit andern Materialien verschmolzen, um die blauen Farben zu bereiten. Jedes Farbenwerk hat seine nötigen Schürer oder Schmelzer, Gemengmacher, Kalzinierer, Waschstübner, Farbereiber, Oxydmacher u. s. w., die alle den gemeinschaftlichen Namen Farbearbeiter oder Farbebursche führen. Ihre Erzeugnisse sind Smalte, Safflor, Zaffers, Ultramarin. Zum Schmelzen des Kobaltglases dient ein besonders eingerichteter Ofen, in welchen Häfen aus festem, gutem Thon hineingebracht, in welche das Gemenge eingelegt wird, um dies eben darin zu Glas zu verschmelzen. Das Kobaltoxyd giebt mit Säure Salze, welche rot gefärbt sind. Die zur Herstellung der Farben nötigen Hauptmaterialien sind: die Kobalterze, Pottasche, Quarz, Arseniksäure als Zuschlag. Die Kobalterze sind entweder schon oxydiert oder müssen oxydiert werden. Dieselben werden zuvörderst gesaigert und dann geröstet, was in besondern Öfen geschieht; das geröstete Erz wird gesiebt und so zur weiteren Verarbeitung aufbewahrt. Der Quarz wird »gebrannt« und dann »gepocht«. Das Gemenge wird im Schmelzofen geschmolzen, was gewöhnlich 8 Stunden dauert. Ist die Masse flüssig, so schöpft man das Glas mit eisernen Löffeln und bringt es in einen daneben stehenden Trog mit Wasser zum »Abschrecken«. Unter dem Glase befindet sich im Schmelzhafen die leichter flüssige »Speise«, welche nicht »abgeschreckt«, sondern in eisernen Eingüssen, in Form von Schüsseln, hart an dem Ofen eingesenkt, aufgesammelt wird. Die abgeschreckten blanken Gläser werden aus dem Troge genommen und unter Pochstempeln gepocht, dann gesiebt, auf Mühlen mit Wasser vermahlen. Der so gewonnene Schlamm kommt in ein Waschfaß, wo die Abscheidung der Farben durch Niederschlagen erfolgt. Die über dem Niederschlage stehende Flüssigkeit wird in die »Eschelfässer« abgezapft, in denen man den »Eschel« gewinnt. Die gewonnene Farbe sowohl als der Eschel werden wiederholt von den Waschstübnern verwaschen, bis alles rein ist. Das trübe Wasser, vom Verwaschen der Eschel bläulichgrau aussehend, setzt zuletzt den schlechtesten Eschel in den »Sumpf« ab, d. i. »Sumpfeschel«, der den Glasgemengen wieder beigesetzt wird. Die Farben und Eschel werden getrocknet, sowohl in den geheizten Trockenstuben als auch von der Luft in Trockenhäusern, dann zerrieben und gesiebt.
Jedes Werk wird verwaltet vom Faktor, dem bei dem königlichen Werke noch ein Chemiker, bei dem Privatwerke zu Pfannenstiel noch ein technischer Faktor (zugleich mit für das Schindlersche Werk) beigegeben ist. Die Farbenbereitung leiten die Blaufarbenmeister. Sämtliche Blaufarbenwerker müssen beim Läuten des Hüttenglöckleins punkt 5 Uhr im Werke eintreffen: zuerst wird gebetet und gesungen, um 6 Uhr ist alles in voller Thätigkeit. Abends um 6 Uhr, nachdem wieder gebetet und gesungen worden, wird Schicht gemacht. Die Arbeiter haben bei Paraden ihre besondere Tracht, bestehend in einem weißen Leinwandbergkittel mit blauem Steh- und Hängekragen, weißen Leinwandhosen, blauem Schurz, schwarzem Schachthut, den die Sachsenkokarde ziert. Die Offizianten haben nach ihrem Range ganz die Uniform wie die Bergoffizianten. Ihr Gruß ist »Glück auf«, ihre Zeichen sind Krücke und Kratze. -- Jeder Arbeiter beginnt seine Laufbahn als Taglöhner. Zeigt er sich als Taglöhner brav und brauchbar, so wird er »wirklicher Arbeiter« und darf nun als Auszeichnung die weiße Schürze bei der Arbeit tragen.
~b.~ Sage von der Erfindung der Blaufarbenbereitung.
Als im 16. Jahrhundert der Bergsegen des Obererzgebirges jährlich sich verminderte und überall ein Wehgeschrei über den Silberräuber, so oder Kobold nannte man das taube Erz, welches das Silberausbringen erschwerte, sich erhob, da kam Christoph Schürer, eines Apothekers Sohn aus Westfalen, landesflüchtig seines evangelischen Glaubens wegen, nach Schneeberg, wo er, als ein in der Chemie und Naturlehre wohlerfahrener junger Mann, bald eine Anstellung bei den Hütten fand. Schon wenige Tage nach seiner Ankunft gewann er die Liebe Annas, der Tochter des Hüttenmeisters Rauh, und bald auch durch sein einnehmendes Betragen das Jawort ihres Vaters, sodaß die Hochzeit auf das nächste Bergfest bestimmt wurde. Ehe aber das Bergfest kam, drohte Schürers Unstern alle seine Hoffnungen zu vernichten. Nämlich in seiner Forschgier war er auf den Gedanken geraten, den vielverrufenen Kobold, den verhaßten Silberräuber, durch chemische Zubereitungen zu etwas Nützlichem umzugestalten. Er machte demnach insgeheim in einer Schmelzhütte in Oberschlema vielfache Versuche, und trieb es damit oft die ganze Nacht hindurch, so eifrig, daß er bald in den Verdacht der Alchymisterei und Schwarzkünstelei geriet. Als daher aus Platten in Böhmen, wo er sich bei seinem früheren Aufenthalte daselbst durch seinen Glauben Feinde und durch seine Kenntnisse und sein Ansehen Neider gemacht hatte, mehrfache Klagen einliefen, daß er ein Zauberer, Dieb und Glaspartierer gewesen sei und man seine Auslieferung forderte, gebot der Bürgermeister, ihn zu verhaften. Eben war Schürer in der Schmelzhütte mit seinen Versuchen beschäftigt, da kam der Fron, ihn festzunehmen, fand aber die äußere Thür verschlossen und meldete es dem Bergmeister. Diesen, sowie den Hüttenmeister Rauh und einige Geschworne trieb jetzt die Neugier, mitzugehen. Die Thür wurde aufgesprengt, und mit freudefunkelnden Augen trat der gesuchte Verbrecher den Eintretenden entgegen. Aber wie staunte er, als der Fron ihn griff und ihn einen Zauberer, Dieb und Partierer schalt! »Männer,« rief er, schnell sich fassend, mit fester Stimme, »Männer, prüfet, ehe Ihr entscheidet! Meint Ihr, ich treibe bösen Unfug hier mit schwarzer Kunst, so tretet her! Seht, dies wollte ich gewinnen und, Gott sei Dank, endlich ist's gelungen! Ich meine, es soll dem Lande von großem Nutzen sein!« Somit reichte er ihnen eine Mulde voll feinen, schönblauen Staubmehles hin. Die Bergherren staunten und begehrten zu wissen, wie und woraus er solche schöne Farbe bereitet habe. Schürer zeigte ihnen alles willig und reinigte sich so von dem Verdachte, daß er ein Schwarzkünstler sei. Auch machte es dem Bergmeister so große Freude, daß derselbe versprach, alles zu thun, um Schürers Unschuld gegen die Anklagen der Böhmen zu erweisen. Dies gelang auch dem wackern Manne bald, und Schürer erhielt nun seine Freiheit wieder und kam durch die Erfindung der schönen blauen Farbe, die man anfangs nur blaues Wunder nannte, zu großen Ehren, und als das Bergfest gekommen war, wurde er des Hüttenmeisters glücklicher Eidam!
54. Torfstecherei im Erzgebirge.
Neben dem Filzteiche befindet sich eine beträchtliche Torfstecherei. Man hat schon ums Jahr 1708 im obern Erzgebirge Versuche mit Torfgraben gemacht, z. B. am Kranichsee bei Carlsfeld, bei Scheibenberg und Schneeberg. Aber kein Mensch wollte Torf kaufen, denn man hatte des Holzes genug; und so blieb es bei dem Versuche, der im Jahre 1756 fast ebenso erfolglos wiederholt wurde. Man gab da für 1000 Torfziegel zu stechen 10½ Groschen und verkaufte solche zu 21 Groschen. Aber die Macht des Vorurteils war so groß, daß man den Torf nicht einmal umsonst haben wollte, sodaß viele hunderttausend Stück Ziegel verdarben und zerfielen. Erst seit dem Jahre 1789 wurde auf wiederholte Anordnung des Finanzkollegiums die Torfstecherei am Filzteiche ordentlich in Gang gebracht, und im Jahre 1790 wurden auch Trockenhäuser und Kohlenschauer angelegt. Ein einziger Arbeiter konnte täglich über 1000 Stück stechen; sogar Kinder verdienten dabei ihr Brot, denn man bediente sich ihrer zum Zählen und Aufschlichten der Ziegel. Der Torf, ein aus Wurzeln bestehender Filz, ist schwarzbraun. Die Ziegel wurden in den 4 großen Trockenhäusern gedörrt und dann nach Schneeberg ins Torfmagazin geschafft. Man verkohlte deren viele Hunderttausende in Meilern zu 36000 Stück. Im Jahre 1795 wurden 1000 Stück zu 8 Groschen verkauft. -- Nicht weit vom Filzteiche ist auf Johannisgrüner Revier im Jahre 1791 eine zweite Torfstecherei angelegt worden. Die Torffeuerung ist in Sachsen schon seit dem Jahre 1560 bekannt.
Nach Schumann.
55. Die Auer Porzellanerde.
Bei Aue wurde noch am Anfange dieses Jahrhunderts in der +Fundgrube des Weißen St. Andreas+ weiße Thonerde bergwerksmäßig gewonnen und zur Verfertigung des Meißener Porzellans verwendet. Es fuhren außer dem Steiger täglich 32 Bergleute an. Die Erde oder das »Weiße Zeug« wurde getrocknet, von wilden Arten oder Beimischungen geschieden, und fässerweise wurden aller 14 Tage gegen 120 Zentner durch zwei verpflichtete Fuhrleute nach Meißen geschafft. Die Fässer waren umschnürt und wohlversiegelt. Die Erde durfte nicht außer Lande geschafft werden, ja auf der Zeche selbst bekam man sie kaum zu sehen. In die Gruben, Trocken- und Vorratshäuser durfte niemand ohne Erlaubnis. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Ausfuhr des weißen Thons der Auer Gegend anfänglich bei großer Geldstrafe und im Jahre 1745 sogar beim Strange verboten. Im 7jährigen Kriege ließ Friedrich der Große mehrere Wagen voll Auer Erde nach Berlin schaffen, um sie untersuchen zu lassen, damit er in seinen Ländern nach ähnlicher graben lasse. Es entstand auch daraufhin die Berliner Porzellanfabrik.
Nach Schumann.
56. Die Spitzenklöppelei im Erzgebirge.
~a.~ Barbara Uttmann.
O rauhes Erzgebirge, von Sturm und Frost gewiegt, Wohl klagt die Armut, weinend an deine Brust geschmiegt. Doch reich wie du im Innern an stufigblankem Erz, Schmückt dich auch, gottergeben, manch treues Menschenherz.
Doch all dein Seelenreichtum und all dein Herzenswert In einer Frauenblume ward wunderhold verklärt. Sie stieg aus deinen Gründen als tröstend mildes Licht, Das um den Herd des Elends das Band der Liebe flicht.
Das Band der Menschenliebe: denn sieh, da Nächte lang Sie still in Mitleidsthränen nach Kraft von oben rang, Gott bittend, sie zu lehren ein Werk, das fromm und frei, Die fleiß'ge Hand belohnend, der Armut Labung sei.
Sie, als sie stand früh morgens im kalten Kämmerlein, Durch winterliche Scheiben umhaucht von Frührotschein, Ihr dämmerdunkles Sinnen ward plötzlich auch zum Tag: »Ich hab's, ich hab's gefunden, wenn Gott mir helfen mag!
Du blumiges Gewebe an dir, lieb Fensterlein, Du bist der Hauch des Engels, der mir will gnädig sein! Lehr' mich, gefrorner Odem, nachahmen dein Gewand -- Gewonnen sei den Bergen die Kunst vom Niederland!«
Und emsig, fromm und freudig regt Hand und Nadel sich. Vergeblich mancher Anfang, umsonst wohl mancher Stich! Doch endlich, fest und sicher, gelingt's dem treuen Fleiß. Es ranken sich zu Blumen die Spitzen fein und weiß!
Und aus den Hütten jubelnd herbei kommt klein und groß. Welch emsig Müh'n und Schaffen rings um der Mutter Schoß! Herdflammen knistern fröhlich, die Müh lohnt fern und nah: Das kam vom Segenswirken der edlen Barbara!
Zu Annaberg, im Kirchhof, leis' rauscht der Lindenbaum, In schlanken Wipfeln flüstert's, wie sel'ger Geister Traum. Treu dankbar netzt den Hügel der Armut Thränentau Und preist des Erzgebirges verklärte Engelsfrau!
Richard v. Meerheimb.
~b.~ Das Spitzenklöppeln im Obererzgebirge.
Aus früherer Zeit wird uns über das Spitzenklöppeln im Erzgebirge folgendes Bild von +Berthold Sigismund+ entworfen:
Im Obererzgebirge sieht man fast hinter jedem Hüttenfenster eifrige Klöpplerinnen. In der schönen Jahreszeit trifft man ganze Gesellschaften von klöppelnden Frauen, Mädchen und Kindern im Freien. Im Winter kommen die Klöppelmädchen abends zusammen und arbeiten gemeinschaftlich, wie anderwärts die Spinnerinnen. Die Haltung der Klöpplerinnen ist allerdings nicht sonderlich anmutig, indem sie beim Arbeiten den Oberkörper, ähnlich wie beim Schreiben, etwas vorbeugen. Die gewandten Bewegungen der Hände aber lassen sich ebenso schwer darstellen, wie der flüchtige Tanz der Finger des Klavierspielers. Die Handhabung der Nadeln beim Stricken ist nichts im Vergleiche zum Gebrauche der Klöppel beim Spitzenanfertigen. Die Verwunderung über die Kunstfertigkeit der Klöppelhände wird noch gesteigert, wenn man das äußerst schlichte Werkzeug sieht, dessen die Klöpplerin sich bedient. Sie sitzt vor einem walzenförmigen, einen Fuß langen, mit Kattun umhüllten Polster, dem sogenannten Klöppelsack oder Klöppelkissen, das mit einer großen Anzahl von Stecknadeln gespickt ist. Der Klöppel selbst ist ein 10 ~cm~ langes, zur Form eines Trommelstockes gedrechseltes Holzstück, über welches das »Tütle«, eine dünne hölzerne Hülse von 4 cm Länge, gesteckt ist, damit der um den Klöppel gewickelte Faden nicht beschmutzt wird. Einen solchen Klöppel mit Tütle kauft man um einige Pfennige. Das Köpfchen ziert eine Perle. Jede Klöpplerin sucht ihren Stolz in einer bunten Mannigfaltigkeit der letzteren. Zu schmalen Spitzen gehören 2--4, zu breiten wohl 100 Paare. Um die Mitte des Kissens ist ein Streifen starken Papiers, auf welchen das Muster durch Nadelstiche vorgezeichnet ist, der sogenannte Klöppelbrief, geschlungen. Zunächst werden soviele Fäden, als das Muster erfordert, auf ebensoviele Klöppel aufgewunden, die freien Enden in einen Knoten geschürzt und auf dem Kissen befestigt. Dann beginnt das Klöppeln, welches im wesentlichen nicht anders ist, als eine kunstvolle Art zu flechten. Die Arbeiterin faßt mit den Fingerspitzen bald der rechten, bald der linken Hand mehrere Klöppel, wickelt durch gewandte Drehung derselben etwas Faden ab und kreuzt die Fäden durch einen »Schlag« zu einer Art Knoten. Die so gebildeten Maschen werden zeitweilig durch bunte, glasköpfige Stecknadeln an dem Klöppelbriefe festgehalten. Rasch beseitigt nun die Hand diejenigen Klöppelpaare, welche eben gebraucht wurden und bis auf weiteres entbehrlich sind, dadurch, daß sie dieselben mit einer großen Aufstecknadel seitlich am Kissen feststeckt. Dann nimmt sie mit bewunderungswürdiger Sicherheit aus der Menge der Klöppel, die alle gleich aussehen und nicht an Nummern oder sonstigen Zeichen kenntlich sind, andere Paare heraus, um damit weiter zu arbeiten. -- Es ist begreiflich, daß die Fertigkeit, mit welcher die Klöpplerin für jede Nadel den rechten Klöppel findet und benutzt, nur durch Übung von frühester Jugend an errungen werden kann, weshalb auch Kinder schon im vierten und fünften Lebensjahre zu klöppeln anfangen. Auch sorgen für Erlernung der erzgebirgischen Kunst außer den Familien mehrere vom Staate unterstützte Klöppelschulen.
Nach Berthold Sigismund.
~c.~ Die Namen der Spitzenmuster.
Erbsgrund, Batzen, Wickelkind, Töpfe, worin Blumen sind, Rohrstuhl, Mücken, Steingeränder, Wanzen und auch Schlangenbänder, Auch Pantoffeln, Hirschgeweih, Quärche, Schwanzbirn, Stickerei, Hummeln, türkisch zahm gemacht, Schneeball gar in schwarzer Pracht, Himmelswägel, Stiefelknecht, Maul vom Frosch -- ist auch nicht schlecht --, Katzenbuckel, Kuchenschieber, Wässerle, bald hell, bald trüber, Hacke, um das Kraut zu reißen, Kirchenfenster und Hufeisen Derart nennen, die da schwitzen An den Klöppeln, ihre Spitzen.
Nach ~Dr.~ Otto Krause.
~d.~ Maria im Erzgebirge.
Ein armes Mädchen mußte durch Klöppeln für sich und die alte Mutter das kärgliche tägliche Brot erwerben. Da wurde ihm einst von der reichen Edelfrau, der Besitzerin ausgedehnter Güter und ihrer Herrin, der Auftrag erteilt, für sie in einer bestimmten kurzen Frist ein reiches Spitzenkleid zu fertigen. Wenn die arme Klöpplerin ihre Aufgabe pünktlich und zur Zufriedenheit ihrer Herrin löste, sollte ihr reicher Lohn werden; beim Gegenteile erwartet sie dagegen Spott und bitterer Hohn. Die arme Klöpplerin saß Tag und Nacht bei ihrer Arbeit. Doch als die sechste Nacht kam, da konnte sie sich nicht mehr des Schlafes erwehren, und sie wankte todmüde an das Bett der Mutter hin. Aber wunderbare Träume zogen jetzt wie ein Frühlingshauch durch ihre Seele. Die ärmliche Stube erglühte in rosenrotem Schein, und leise trat eine holde Frau ein mit einer goldenen Krone auf dem Haupte. Es war die Himmelskönigin Maria. Dieselbe setzte sich an das Klöppelkissen, und die Klöppel flogen so zauberhaft, wie es dem Mädchen nie gelungen war, sodaß vor Anbruch des Tages das reichste Spitzenkleid vollendet dalag. Als das also träumende Mädchen aus dem Schlafe erwachte, stand bereits die Sonne hoch am Himmel. In Wirklichkeit aber, wie der Traum es gezeigt hatte, war das Spitzenkleid fertig und die Klöpplerin trug es frohen Mutes hinauf zum Schlosse. Da freute sich die stolze Herrin und belohnte die Arbeit so reichlich, wie nie zuvor. In dem Kleide jedoch war Gottes Segen eingewoben, welcher in der Folge nicht nur der strengen Edelfrau, sondern auch der armen Klöpplerin zu teil wurde.
Nach Bowitsch und ~Dr.~ Köhler.
~e.~ Die jetzigen Klöppelschulen.