Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte

Part 16

Chapter 163,530 wordsPublic domain

Preußen, Österreicher und das Reichsheer belästigten auch 1759 unsere Gegend. Friedrichs Bruder, +Heinrich+, lag in Sachsen. Dies erzeugte eine Reihe von Durchzügen, die den armen Gebirgern namentlich große Beschwerung brachten, da der österreichische +General Daun+ mit 30000 Mann durch das Gebirge von Böhmen aus in Sachsen einzubrechen drohte. Am 1. Mai mußte der erzgebirgische Kreis 300 Wagen nach Chemnitz und Zwickau stellen, auf jedem Wagen 12 Säcke.

Am Sonntage Exaudi, den 27. Mai, stießen Österreicher und Preußen aufeinander. Der preußische +Oberst von Wolfersdorf+ trieb die Österreicher, Husaren und Kroaten, unter +Generalmajor von Brentano+, aus +Aue+ heraus. Den Kaiserlichen mußten die Lebensmittel auf Schiebkarren nachgefahren werden, weil die wenigen noch vorhandenen Wagen zum Fortschaffen der Verwundeten verwendet werden mußten. Das ist die sogenannte +Auer Schlacht+.

8. Die Jahre 1760 und 1761.

Auch das Jahr 1760 brachte dem Gebirge eine Menge Drangsale. Die Neigung des Volkes war für die an Manneszucht gewöhnten Preußen. Zu Anfange des Jahres 1761 waren die Kaiserlichen von den Preußen ganz aus dem Erzgebirge bis an die böhmische Grenze zurückgedrängt. Die Preußen stellten jetzt viel ärgere Forderungen als früher. +Zwickau+ mußte 18000, +Annaberg+ 16000, +Schneeberg+ 16600, +Aue+ 3000 Thaler Brandschatzung geben. Einquartierungen und alle anderen Steuern und Abgaben waren noch außerdem zu leisten. Die Preußen verfuhren mit einer Strenge, wie man sie nicht von ihnen gewohnt war. Mord und Brand waren sofort die Losung, wenn das Geforderte nicht geschafft werden konnte. Im Mai kamen die Kaiserlichen wieder, die sich als Retter geehrt wissen wollten.

9. Das Ende des Krieges.

Im Juli 1762 hatten aber die Preußen unter dem +General Kleist+ schon wieder bei +Zwickau+ ein Lager aufgeschlagen. Die Kaiserlichen zogen sich zurück, ohne den Angriff abzuwarten.

Die Kriege zwischen Österreich und Preußen drückten mit Einquartierungen und Kosten schwer auch auf +Geyer+ und schlugen die Nahrung der Stadt vollends nieder. In einer Urkunde von 1762 bekannte der Stadtrichter Christian Porges mit den Ratsherren, Viertelsmeistern und einem Bürgerausschusse, daß die Gemeinde, um die von den Preußen auferlegte Brandschatzung von 6000 Thalern, die in 3 Teilen von 8 zu 8 Tagen gezahlt werden sollte, aufzubringen, von Hofrat Karl Friedrich Trier, Oberhofgerichtsassessor in Leipzig, 6000 Thaler aufgenommen habe, unter der Bedingung, daß die anderen 3000 Thaler durch jährliche Lieferung von 100 Schragen Holz, jeder Schragen drei Ellen hoch und neun Ellen breit, an das Geyersche Vitriol- und Schwefelwerk vom Jahre 1763 an verzinst und abgezahlt werden sollten. Schon im folgenden Jahre fand eine neue Anleihe statt. Ein Eintrag vom 15. Januar 1763 berichtet, daß die Preußen binnen wenigen Tagen wieder eine Summe von 6265 Thalern verlangt hätten; um dieses Geld aufzubringen, hätten sich die Bürger insgesamt verbindlich gemacht, alle bei währenden Kriegsdrangsalen erborgten und zu erborgenden Gelder samt Zinsen künftig aus eigenen Mitteln und Vermögen wieder zu bezahlen, insoweit solches nicht durch Holz, Stöcke und Kohlen geschehen könnte. Dieser öffentlichen Verpflichtung der gesamten Bürgerschaft folgte, um der gedrohten Ausplünderung zu entgehen, am 19. Januar 1763 das Bekenntnis einer neuen Anleihe von 2000 Thalern bei Hofrat Trier mit 112 Thaler Zinsen, die durch Lieferung von Stöcken an das Vitriolwerk bezahlt werden sollten. Dieser Urkunde folgte am 3. Februar das Bekenntnis der Gemeinde über eine Gesamtschuld von 10000 Thaler bei Hofrat Trier mit dem Versprechen, die kurfürstliche Anerkennung binnen ¾ Jahr bei Personalarrest zu beschaffen. Die letzten 2000 Thaler waren infolge einer dritten Kriegsforderung von 3480 Thaler unter denselben Bedingungen aufgenommen worden.

Im Juli 1762 ist ein preußischer Truppenteil unter +Generalleutnant von Seydlitz+, gegen 7000 Mann Kavallerie, Infanterie und Husaren, teils durch +Tannenberg+ durchmarschiert, teils haben sie auf den Feldern gerastet. Das ganze Kriegsvolk marschierte durch den Pfarrhof und hat der damalige Geistliche 3 Schock Korn, ein Fuder Heu und 1½ Schragen Holz eingebüßt. Vom 28. Dezember 1762 bis zum 2. Februar 1763 hat eine Eskadron schwarzer Husaren unter +Rittmeister Franz v. Sorini+ in +Tannenberg+ und in +Dörfel+ gelegen. Auch haben zu dieser Zeit zwölf Husaren in Tannenberg das heilige Abendmahl genommen. Von einem Husaren ist sogar ein Altartuch der Kirche verehrt worden.

Am 24. November 1762 schloß +Friedrich II.+ mit den Österreichern einen Waffenstillstand, worauf ein Teil des Obergebirges in der Gewalt der Kaiserlichen blieb. Am Fastnachtstage, den 15. Februar 1763, kam endlich der ersehnte Frieden zu +Hubertusburg+ zustande. Auch in unserer Gegend hatte man Veranlassung, Gott in besonderer kirchlicher Feier zu danken.

Nach Karl Lehmann, Zippert und ~Dr.~ Falke.

10. Ein Beispiel der Vaterlandsliebe aus dem Siebenjährigen Kriege.

Es war in einer stürmischen Nacht in der Zeit des Siebenjährigen Krieges, als in einem Hirtenhause zwischen Pichelberg und Thein bei Bleistadt Vater und Sohn vor einem Kienfeuer sitzend in einem lauten Gespräch begriffen waren. Dieses war besonders für letzteren unterhaltend, denn oft ließ der fünfzehnjährige Michel seine Hände, welche sich mit Kieferspäneschnitzen beschäftigten, sinken und hörte lange Zeit mit gespanntester Aufmerksamkeit auf das, was sein Vater, ein alter, verdienter Soldat, von seinen Feldzügen gegen den hartnäckigsten Feind +Maria Theresias+ mit großem Eifer und gewisser Lebendigkeit zu erzählen wußte. Besonders heute war sein Mund gesprächiger als je; denn eine österreichische Truppenabteilung, bei deren Anblick sich des Alten Erinnerungen neu belebten und gestalteten, war seit wenigen Stunden an der Hütte vorbeimarschiert und lagerte sich für die Nacht eine kurze Strecke davon. Immer und immer wieder wurde Michel zu bewundernden Ausrufen hingerissen, und es wäre ihm am liebsten gewesen, wenn er gleich als Soldat mit Säbel und Gewehr hätte Bekanntschaft machen können.

»Aufgemacht!« schrie da plötzlich eine rauhe Stimme und begleitete den Befehl mit einem Kolbenschlage, der das Fenster zertrümmert in die Stube warf. »Heraus mit Euch, oder das Feuer wird schnelle Beine machen!«

Auf seinem Stelzfuß hinausgehumpelt, sah sich der alte Soldat einem Haufen preußischen Fußvolkes gegenüber, dessen Anführer von ihm zu erfahren wünschte, wenn die kaiserliche Truppe hier vorbeigezogen, wie stark sie sei und wo dieselbe liege. Der Alte erwiderte, daß er dieses alles nicht wisse, und weder Versprechungen, noch harte Drohungen und arge Mißhandlungen, welche Michel zum Widerstande bewogen, konnten den braven Mann veranlassen, zum Verräter zu werden, sodaß die Preußen diesen verschlossenen Leuten gegenüber einen anderen Weg einschlugen, um zum Ziele zu gelangen.

Zwei Mann mußten den alten Hirten bewachen, während Michel gezwungen wurde, den Weg zu zeigen. Man warf um seinen Leib einen Strick, dessen Ende der Befehlshaber selber in die Hand nahm, wobei er drohend und nachdrücklich sagte: »Du, Bursche, gehst links zwei Schritte neben mir und wirst weder husten, noch scharf auftreten. Zwei Mann mit gezogenen Säbeln gehen vier Schritte voraus, ebensoviele hinten und an den Seiten, die Mannschaft folgt sechs Schritte entfernt nach. Du führst uns den nächsten Weg zu dem Lager der Österreicher, und wenn irgend ein Wort meiner Befehle übertreten wird, so werden Dich meine Leute augenblicklich niederstoßen.« Der arme bedauernswerte Michel leistete anfangs mit stürmischem Herzpochen, was man von ihm verlangte; allmählich wurde er aber ruhiger, dachte nach und machte endlich den Versuch, die verhaßten Preußen irrezuführen, um die Soldaten seiner Kaiserin zu retten. Die Absicht wurde aber von dem Offizier bald gemerkt; denn dieser zog ihn an sich und zischelte dem Burschen ins Ohr: »Wenn wir in einer halben Stunde die Österreicher nicht haben, stirbst Du eines martervollen Todes.« Nun wußte Michel keinen Ausweg mehr und entschlossen bog er links in einen Hohlweg ein, der gerade auf das Lager der kaiserlichen Truppen führte. Die schwarze Nacht, die unheimliche Stille, das raubtierartige Gebaren seiner schlagfertigen Begleiter hatten etwas Fürchterliches, was im Vereine mit den heute von seinem Vater erzählten Kriegserlebnissen seine Thatkraft zeitigte und den kühn gefaßten Entschluß zur Reife brachte. Plötzlich entdeckten die Vordermänner eine Schildwache, welche, als sie den Werdaruf geben wollte, lautlos zu Boden sank. Die Kaiserlichen mußten in der Nähe sein, weshalb der Führer sich wendete und ein leises Zeichen zum Stillstande gab. Diesen Augenblick benutzte der Bursche, sprang wie ein Luchs auf den Befehlshaber und, ihn am Halse fest umschlingend, schrie er aus allen Leibeskräften: »Auf! auf! die Preußen! Holla! die Feinde!« Der Heldenmütige blutete schon aus vielen Wunden, bevor der Todesstoß auf ewig seinen Mund verstummen machte, dessen Rufe die kaiserliche Mannschaft rettete und ihr über die durch den unverhofften Verrat betäubten Preußen einen leichten Sieg verschaffte.

Nach Joh. Böhm.

46. Die Freiheitskriege.

Das Banner der sächsischen Freiwilligen.

1. Der Aufruf.

Unter dem Namen »+Das Banner der Freiwilligen+« sollte dem gebildeten Teile des sächsischen Volkes, wie in Preußen durch die Jägerkorps, Gelegenheit gegeben werden, seine Teilnahme an dem großen Werke der Befreiung Deutschlands werkthätig an den Tag zu legen. Der Ausschuß des +Erzgebirgischen Kreises+ zur Landesbewaffnung erließ deshalb folgenden Aufruf:

»Das Vaterland erhebt sich zum heiligen Kampfe für Ehre, Recht und eine bessere Zeit, die mutig erzwungen werden muß. Wem noch ein deutsches Herz im Busen schlägt und wer den kräftigen, mutvollen Geist der Sachsen treu bewahrt hat im Drange der Ereignisse, der hört mit lauter Freude den Ruf der Ehre und des Vaterlandes. Schon strömen von allen Seiten mutige Jünglinge und Männer in die Reihen der Freiwilligen, und bald erhebt sich der Sachsen Banner in dichten Haufen der Edlen, Blut und Leben dem heiligen Kampfe weihend.

Biedere Bewohner des Erzgebirges! -- stets brav und treu der Ehre und dem Vaterlande -- eilt, den ersten Preis des mutigen Sinnes für die gerechte Sache zu gewinnen. Sorgt, daß der alte Ruhm des Biedersinns und der Vaterlandsliebe nicht unserem Kreise entrissen werde! Wer von Euch könnte es ertragen, einst sagen zu hören, daß die Söhne des Gebirges schmachvoll zurückgeblieben seien im großen Kampfe für die gute Sache? Was Ihr jetzt thut für diese, wie Ihr jetzt Euch zeigt vor den Augen der Völker, das entscheidet für Jahrhunderte hinaus über Eure Ehre, das Glück Eurer Enkel, den Ruhm unseres Kreises!

Und Ihr werdet -- wir verbürgen das mit Stolz im voraus -- kräftig und mutvoll Euch zeigen, werdet tapfere Beschützer des Rechts und willige Förderer der guten Sache sein; Ihr werdet ruhmvoll kämpfen oder, wenn die Umstände Euch diese Ehre versagen, eifrigst sorgen, daß das große Werk des Volkes durch jedes Hilfsmittel, durch willige Opfer, That, Kraft und warme Teilnahme mächtig gefördert und erleichtert werde.

Wir werden deshalb in den nächsten Tagen näher zu Euch reden. Um indes im voraus dem edlen Drange derer, die bereits freiwillige Beiträge zur Ausrüstung der unbemittelten Landesverteidiger bei uns gemeldet haben und noch melden wollen, zu begegnen, haben wir eine Kreiskasse zur Aufnahme solcher Beiträge bestimmt und ein offenes Buch anlegen lassen, worin der Name und der Beitrag jedes edelmütigen Vaterlandsfreundes, der auf diese ehrenvolle Weise seinen Eifer für die gute Sache an den Tag legt, eingetragen wird. Diese schöne Liste soll öffentlich bekannt gemacht werden, damit das Vaterland die Förderer seiner Ehre und seiner Wohlfahrt kennen lerne. Diese Beiträge können hier unmittelbar oder durch die Bezirksämter gemeldet werden.

Ausschuß des Erzgebirgischen Kreises zur Landes-Bewaffnung.«

2. Die Einrichtung des Banners.

Das sächsische Banner sollte aus 5 Schwadronen Reiterei, 2 Regimentern Jäger, 1 Kompanie Sappeurs und aus einem verhältnismäßigen Artilleriekorps bestehen. Die Mitglieder des Banners erhielten den Rang eines Gefreiten, Befreiung von körperlicher Züchtigung und wurden mit »Sie« angeredet. Wer aus bürgerlichem Dienste in das Banner trat, behielt sein Amt und die Einkünfte desselben. Nach Beendigung des Krieges konnte jedes Banner in seine vorigen Verhältnisse zurücktreten. Jeder, der den Feldzug mitgemacht hatte, sollte bei seiner Beförderung im Dienste berücksichtigt werden. Die Freiwilligen des Banners mußten sich selbst kleiden, beritten machen und womöglich auch bewaffnen. Anfang Dezember war die Anzahl der Freiwilligen bereits auf 1500 gestiegen. Die angesehensten Männer traten in die Reihen der Gemeinen. Einer der ersten Freiwilligen war der Professor +Krug+ in Leipzig, der das Jahr zuvor Rektor Magnifikus gewesen war. Ebenso folgte der Professor ~Dr.~ +Tzschirner+ in Leipzig als Feldprobst.

Aus +Schwarzenberg+ und dem Hammerwerke +Erla+ traten 17 junge Männer zum Banner.

Aller Orten und Enden wurden zahllose Scharen von Rekruten geübt, um geschickt zu werden, an der feierlichst verkündigten und versprochenen Freiheit des deutschen Vaterlandes mit aller Macht kämpfen und arbeiten zu helfen. Das Erzgebirge blieb nicht zurück. Mehrere Abteilungen Landwehr bildeten sich auf den Bergen und in den Thälern desselben. Auch das Banner erhielt manchen Gebirger in seinen stattlichen Reihen. Das erste Bataillon des Banners empfing sogar eine Fahne von +Schneeberg+.

Nach Karl Lehmann.

47. Die Pest im Erzgebirge.

1. Wie die Pest in Annaberg auftritt.

Zu den Drangsalen durch den Feind gesellten sich die Verheerungen, welche die Pest über das ganze obere Gebirge brachte. Sie wütete besonders im August und September 1633 in +Annaberg+, +Marienberg+, +Zöblitz+, +Altenberg+, +Zwickau+ und Umgegend. +Annaberg+ hatte eine Menge der wegen Kriegsdrangsale flüchtigen Landleute nur eben aufgenommen, als fast gleichzeitig die Pest ihren grauenhaften Einzug hielt und in kürzester Zeit die meisten unglücklichen Flüchtlinge tötete. Ebenso wurden viele Bewohner der Stadt selbst von der Seuche erfaßt. Im August gab es in 140 Häusern Pestkranke. Es sind deshalb manchen Sonntag 385 Abendmahlsgäste in der Kirche gewesen, um noch Trost vor dem nahenden Tode zu suchen. Auch die meisten Schüler der Lateinschule wurden dahingerafft, daß nur wenige, wie schon 1521, übrig blieben. +General Holck+ starb auch 1633 zu +Adorf+ an der Pest. Die an der ansteckenden Krankheit Verstorbenen, deren Särge man nicht durch die Gottesackerkirche trug, schaffte man durch das von der Geyersdorfer Straße unmittelbar hineinführende Thor. Es erhielt davon den Namen »+Pestthor+«.

Nach Arnold u. a.

2. Wie die Krankheit sich zeigt.

Die Krankheit besteht in einem durch Ansteckungsfähigkeit schnell fortschreitenden Fieber, welches meist entzündlicher Natur ist und einen nervösen und fauligen Zustand erzeugt, heftige Entzündung der Drüsen, besonders in den Weichen, sowie den Blutschwären ähnliche Beulen bildet, die äußerst schmerzhafte, bald in Brand übergehende und entzündete Geschwülste in den häutigen und fleischigen Teilen des Körpers verursachen. Sie tötete in den allermeisten Fällen oft schon in wenigen Stunden, zuweilen aber auch erst nach einigen Tagen, manchmal noch später. Sie ist wohl nie in ihrer das Leben und die Gesundheit zerstörenden Wirkung von einer anderen Seuche übertroffen worden. Das hauptsächlichste Mittel zur Verbreitung ist unstreitig das Pestgift, welches durch die Krankheit selbst erzeugt wird und sich besonders durch unmittelbare Berührung mitteilt.

Nach ~Dr.~ Köhler.

3. Wie schon 1568 kein Geistlicher zu den Pestkranken gehen will.

Während früher unter allen erzgebirgischen Städten einzig +Schneeberg+ gänzlich von der Pest verschont blieb, wurde namentlich +Annaberg+ 1568 furchtbar verheert. Das am 17. Juli desselben Jahres daselbst beobachtete Erdbeben sah man als die Ursache der Krankheit an. Kein Haus blieb damals verschont, und was sich heute noch, so berichtet der Geschichtsschreiber, gesund begrüßte, war morgen schon eine Beute der Pest. Vergeblich verlangten die Sterbenden nach Tröstung durch das heilige Abendmahl, da die dasigen Geistlichen nicht zu den Verpesteten gehen durften. Es erschien daher die Anstellung eines besonderen Pestgeistlichen nötig. Aber niemand fand sich, der den todbringenden Seelsorgerdienst übernehmen wollte. Damals irrte ein geächteter sächsischer Geistlicher seit 5 Jahren unstät und flüchtig in den böhmischen Grenzorten umher, +Wolfgang Uhle+, ein Bürgerssohn aus +Elterlein+, welcher am 10. Juli 1563 als Pfarrer zu +Clausnitz+ in wildem Jähzorne den dortigen Dorfrichter Georg Biber mit einem Hammer erschlagen hatte. Dem Vollzuge des über ihn ausgesprochenen Todesurteils hatte er sich durch schnelle Flucht nach Böhmen entzogen, wo er die Bedrängnis der Stadt +Annaberg+ erfuhr. Alsbald ließ er dem Rate sagen, daß er sein ferneres Leben gern dem Troste und Beistande der Pestkranken opfern wolle, wenn ihm Begnadigung gewährt werde. +Kurfürst August+ begnadigte ihn hierauf auch wirklich unter der Bedingung, daß er seines Berufes als Pestprediger treu warte. Der Geächtete kehrte nun frei ins Vaterland zurück, begab sich nach +Annaberg+, wo bereits 2228 Personen an der Pest verstorben waren, setzte sich mutig der größten Gefahr aus, blieb aber wunderbarerweise von der schrecklichen Krankheit unberührt. Als die Pest erloschen war, wurde Uhle als für immer Begnadigter zum Pastor in +Breitenbrunn+ ernannt, wo er bis 1594 in Segen wirkte und im gedachten Jahre mitten in der Ausübung seines Amtes am Altar von einem Schlagflusse getroffen ward, sodaß er nach den Worten des Geschichtsschreibers so schnell zu Boden sank, wie 30 Jahre zuvor der Unglückliche, den er erschlagen hatte.

Nach ~Dr.~ Köhler.

4. Wie man an Pestmacher glaubt.

Da man sich über die Ursache der todbringenden Pestkrankheit nicht klar war, so vermutete man, die Totengräber wendeten Zaubermittel an, um nur recht viel Leichen zu haben, damit ihre Einnahme sich mehre. Sonderbare Sachen werden uns aus den Pestzeiten erzählt.

Im Jahre 1680 wurde zu +Geyer+ der Totengräber wegen Zauberei auf dem Gottesacker verhaftet und gefänglich eingezogen. Man hatte ihn auf den Markt gehen und aus einer Schachtel etwas ausstreuen sehen. Als nun hernach allerhand Merkmale gesucht wurden, ihn seiner Bosheit zu überweisen, fand man unter anderm, daß er sein eigenes Weib wieder ausgegraben, ihr Augen, Nase und Zunge ausgeschnitten und die Teile zu Pulver verbrannt hatte, welches er also auf die Gasse gestreut. Er wurde deswegen mit dem Staupenschlag bestraft und ewig des Landes verwiesen.

Zu +Wolkenstein+ hat im Jahre 1614 ein Totengräber einer Pestleiche den Kopf im Grabe abgestoßen, diesen in seiner Stube an einer Schnur in Teufelsnamen aufgehängt. Darin hat er Hefen, Bier und Blut von Verstorbenen, ebenso Milch vermischt, warm gemacht und gegessen. Soviel nun Tropfen aus dem schwitzenden Hirnschädel gefallen, so viele Pestleichen hat er selbigen Tag gehabt. Dieser Pestzauberer hatte auch zweierlei Pulver, ein gutes wider die Pest und ein ansteckendes, so er aus einer Pestdrüse gemacht. Um solcher schrecklichen Übelthaten willen ist er verbrannt worden.

Im Jahre 1620 regierte die Pest zu +Gottesgab+, davon der Ort halb ausstarb. Der Totengräber kam in Verdacht, er habe die Seuche mit bösen Mitteln verursacht. +Hans Leonhard+, ein verwegener Mühlknecht, der eben aus dem Kriege gekommen, wagte sich hinein in des Totengräbers Häuslein und fand einen Totenkopf über dem Ofen hängen. Darüber hat er sich erbost und den Totengräber samt seinem Weibe krumm und lahm gehauen. Er holt Feuer und brennt das Spital gar weg. Aus dem sind zwar die tödlich Geschlagenen gekrochen. Aber dennoch sind sie an ihren Wunden gestorben.

Im Jahre 1630 hatte eine gewisse Pittelin zu +Abertham+, einem früher durch seinen Käse berühmten Dorfe, die Pest durch Zaubermittel vermehren helfen. Wie sie in der Marter bekannte, hat sie eine Bürste neben eine Leiche ins Grab geworfen, welche dann auf ihren Rat wieder herausgenommen werden mußte, denn sonst würde nach ihrer Aussage ganz Abertham aussterben. Schon 263 Personen waren gestorben. Es hat sich mit der Bürste auch also befunden und wurde diese Pestzauberin am 18. November in +Joachimsthal+ an einem Pfahl mit dem Strange erwürgt, die Tochter von 13 Jahren enthauptet, beide Körper verbrannt und der Sohn des Landes verwiesen.

Nach ~Dr.~ Gräße.

5. Die letzte Pest im Erzgebirge.

+Pestopfer+ waren an Zahl 1582 in Großrückerswalde 51, 1585 in Schwarzenberg 54, 1586 in Geyersdorf 86, in Kleinrückerswalde 61, 1607 in Aue 73, in Wiesenthal 50, in Joachimsthal 204, 1613 in Wiesa 133, 1625 in Zöblitz 323, 1626 in Gottesgab 178, in Breitenbrunn 81, in Schwarzenberg 205, 1633 in Joachimsthal 800, in Breitenbrunn 145, in Marienberg 117, 1634 in Wiesa 145, 1636 in Gottesgab 107, 1637 in Schwarzenberg 262, in Bernsgrün 52, in Lengefeld 80, 1639 in Gottesgab 114, in Fernrückerswalde 205, in Cranzahl von 1582 bis 1640 auf 200.

1679 wütete in Wien die Pest. Von da aus verbreitete sie sich auch nach Prag und schritt dann über die Grenze nach Sachsen.

Am 24. Oktober 1679 wurde ein »Fast-, Bet- und Bußtag um pestilenzialischer Krankheiten« feierlich begangen. Furchtbar trat der Würgengel im Erzgebirge auf. In Freiberg sollen 1200 Menschen dahingestorben sein.

1680 zeigte sich der erste Pestfall in +Marienberg+, ihm folgten 554 Personen. In Wolkenstein fielen der Krankheit viele zum Opfer. Annaberg, Schneeberg und Chemnitz wurden abgesperrt. In +Annaberg+ ließ man einen Spitzenhändler, welcher aus einem angesteckten Orte kam, durch den Steckenknecht oder Gerichtsdiener gleich nach seinem Eintritte aus der Stadt bringen. So erging es einem andern, der bald auf freiem Felde hilflos niederfiel und verstarb. In der Stadt trat Brotmangel ein. Die Bürger +Lahl+ und +Scheuereck+ setzten das eigene Leben daran, ihre Leidensgenossen durch den gefahrvollen Ankauf von Lebensmitteln vom Hungertode zu erretten. ~Dr.~ Macasius besuchte ohne Scheu die Kranken und starb bald selbst. In Marienberg starben beide Geistliche. In Rauenstein starben sieben Abendmahlsgäste. Bei Reifland nahmen die Geängstigten das Abendmahl unter freiem Himmel. An der Stelle errichtete man einen Denkstein zur Erinnerung an das letzte Pestjahr in Sachsen.

Nach Lehmann und B. Schlegel.

48. Die Teuerung und Hungersnot im Erzgebirge in den Jahren 1771 und 1772.

Auch bei dem besten Ertrage der Felder unseres Erzgebirges ist derselbe nie zur Ernährung der dichten Bevölkerung hinreichend. Wir sind bei dem Getreideeinkauf auf die Niederungen angewiesen, mit deren Bewohnern wir gegen unsere Industrieerzeugnisse Brot eintauschen. Jetzt umspannt das Eisenbahnnetz den ganzen Erdteil, aus den entferntesten Gegenden kann mit Leichtigkeit Getreide herbeigebracht werden. Wie war es aber früher, als es noch keine Bahnen gab, die Straßen noch nicht im besten Zustande waren und oft der verschneite Hohlweg den Verkehr auf Tage, ja auf Wochen hinaus hemmte? Auch in den Zeiten vor den Eisenbahnen mußte das Getreide drunten im Niederlande gekauft oder aus den gesegneten Gefilden des nahen Böhmerlandes herbeigeschafft werden. Der Haupthandelsplatz war die Stadt Zwickau, hierher brachte der Altenburger Bauer sein Korn, der Müller und Bäcker aus dem Gebirge kaufte da ein. Wenn aber auch in den Niederungen Mißernte eingetreten war, wenn Böhmen die Grenzen sperrte und kein Getreide hereinließ, dann pochte die drückende Sorge um das tägliche Brot an die Pforten der Wohnungen der sonst so frohgesinnten Gebirgsbewohner, dann trat wohl eine Hungersnot ein, wie sie die Altvordern in den Jahren 1771 und 1772 erlebt haben.