Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte
Part 13
Obgleich nun am 24. April schon der Kurfürst Johann Friedrich auf der Lochauer Haide Schlacht und Kurhut verloren hatte, so schwärmten doch noch später kurfürstliche Truppen unter dem bekannten Obersten von Thumshirn hier im Gebirge umher. Es war, wie es scheint, die Kunde von des Kurfürsten Mißgeschick sogar da noch nicht bis hierher gedrungen, als an einem schönen Frühlingstag, Sonntag Jubilate am 1. Mai um 10 Uhr vormittags, eine stattliche Reiterschar von Zwickau her durch die Zwickauer Gasse nach der sogenannten Fürstengasse, dem heutigen Fürstenplatz in Schneeberg, hereingetrabt kam. Es waren vornehme Kavaliere, unter ihnen ein Kaspar von Stadion, also wohl ein Württemberger. Die Schneeberger aber, die etwa bei der Hand waren, um die glänzenden Reiter anzustaunen, mögen thatsächlich wohl Mund und Nase aufgesperrt haben, denn von den lauten Reden, die die Herren wechselten, als sie sich vor Wenzel Gassauers Gasthof -- dem späteren Fürstenhaus, einem Gebäude, das wechselvolle Schicksale gehabt -- von den Rossen schwangen, haben die Zuschauer wenig verstanden, da hauptsächlich Spanier und Italiener sich darunter befanden. Vielleicht ist einer von den Bergleuten, die in der Umgegend wohnten, dann später den Leuten des Thumshirn in die Hände gelaufen, oder es hat ein treuer Anhänger des Kurfürsten -- und das scheint bei der damals in den Bergstädten vorhandenen Gesinnung gegenüber den katholischen Hilfstruppen des Herzogs Moritz wahrscheinlicher -- Botschaft hinüber in die Annaberger Gegend, wo die kurfürstlichen Völker streiften, gesendet. Fast möchte man der Zeit nach freilich glauben, daß diese schon nach unserer Gegend her unterwegs waren, denn gerade als die 28 kaiserlichen Offiziere unter fröhlichem Scherzen und Lachen beim stattlichen Mahle waren, »etwan nach Mittags um 1 Uhr« heißt es in der Chronik, da kam ein starker Haufe der Thumshirnschen Reiter zum Hartensteiner Thor herein. Sie mögen wohl durch Nebengassen heranschleichend das Haus umstellt haben, einen Warner für die Schmausenden hat es aber nicht gegeben, denn urplötzlich brach das Verhängnis über sie herein. Kaum hatten sie Zeit, nach der Wehr zu eilen, ein fürchterliches Getöse entstand. Die Überraschten und vom Wein vielleicht schon etwas Bemeisterten vermochten nichts gegen die Übermacht. Ob sie sich auch tapfer zur Wehr setzten, einige auch die Thür gewannen und die Treppe hinab mit wuchtigen Hieben sich Bahn brachen, die Gegner waren zu stark, hier und da brach einer blutend zusammen, zwölf wurden ihrer niedergemacht und einer, der sich auf die Oberstube des Nebenhauses gerettet, dort zum Fenster heruntergestürzt; die übrigen gaben sich gefangen.
Nach ~Dr.~ Jakobi.
43. Der Dreißigjährige Krieg im oberen Erzgebirge.
~a.~ Kurfürst Johann Georgs I. Verteidigungswerk.
Schon im Jahre 1613, als die in Böhmen ausgebrochenen Religionsstreitigkeiten und Unruhen immer bedenklicher wurden, errichtete +Kurfürst Johann Georg I.+ von Sachsen für sein ganzes Land, um dasselbe möglichst wehr- und kriegsfähig zu machen, ein sogenanntes +Verteidigungswerk+, d. h. eine Art von Land- und Bürgerwehr, wozu durch besondere Ausmusterungen die kriegstüchtigen Männer aus den Städten und Dörfern ausgehoben und in besondere Haufen gebracht wurden.
So bestand das +Freiberger+ Verteidigungswerk aus der Mannschaft, die nicht allein aus der Stadt und dem Amtsbezirke, sondern auch aus dem +Wolkensteiner+, +Grünhainer+ und +Tharandter+ Amte genommen war und zusammen 520 Mann ausmachte. Diese Mannschaften mußten von den betreffenden Städten mit den nötigen Waffen und den vorgeschriebenen Ausrüstungsstücken, nämlich grauen Röcken mit roten Aufschlägen, roten Tuchstrümpfen und schwarzen Hüten versehen werden. Zum Unterhalte dieser Verteidiger wurde im ganzen Lande eine Steuer ausgeschrieben, wozu jede Stadt nach Verhältnis beizutragen hatte. Die +Marienberger+ Stadtgeschichte berichtet, daß von diesem Orte allein im Jahre 1631 nicht weniger als 513 Gld 9 Gr 2 Pf Angeld und 43 Scheffel 9½ Metze Hafer an das Amt +Augustusburg+ abgegeben werden mußten. Im genannten Jahre, wo die Kriegsunruhen die sächsischen Grenzen bereits aufs schlimmste bedrohten, wurden von den erwähnten Verteidigern viele an die sächsisch-böhmische Grenze geschickt, um da in Gemeinschaft mit den gebirgischen Bewohnern alle Pässe zu verhauen oder wenigstens zu bewachen und das Eindringen von feindlichen Streifhorden aus Böhmen zu verhindern.
Nach Donat-Holzhaus.
~b.~ Wie in Böhmen der Krieg ausbricht.
Kaum hatten sich die unglücklichen Bürger +Annabergs+ von den Schäden des großen Brandes 1604 notdürftig erholt, da hatten sie um die gerettete Habe wegen des in Böhmen 1618 ausgebrochenen Dreißigjährigen Krieges zu fürchten. Von 1622 an suchten verschiedene böhmische Protestanten in Annabergs Mauern eine Freistatt ihres bedrückten und verfolgten Glaubens. Dieser Zuzug steigerte sich wesentlich 1625--26. Namentlich viele Edelleute waren es, die sich hier niederließen. Zu ihnen gehörte +Sidonie von Hassenstein+. Das gewöhnliche Volk bezog die Dörfer oder gründete neue Ansiedelungen. So ließen sich in damaliger Zeit eine Anzahl Flüchtiger in +Cranzahl+, +Bärenstein+, +Stahlberg+ und anderen Orten nieder. Aus einem Dorfe bei Elbogen hinter Karlsbad flüchtete ein vertriebener Bauer, Barthel Leibelt, in die +Cranzahler+ Richterschmiede. Bei dem glaubensfrischen Steiger Christian Päßler in +Stahlberg+, der an seiner Kirche sein Paradies gehabt hat, ließen sich sehr viele nieder und bauten sich an. Wie groß die Glaubenstreue gewesen ist, ersieht man daraus, daß Georg Wagner, Richter am +Weipert+, 1643 als Apostata oder Abtrünniger erwähnt ist. Insbesondere mußten auch die Geistlichen, in +Joachimsthal+ sogar 3, katholischen Priestern und Mönchen weichen. Der Weiperter Pfarrer vermochte sich bis 1625 zu halten. Als er da der Macht wich, zog er nach +Cranzahl+. Seine Gemeinde ging mit ihm hier zur Kirche. Erwähnt sei noch, daß 1620 Michael Mahn und Joachim Petzelt von +Cranzahl+ in Böhmen von Kriegsleuten angegriffen und ums Leben gebracht worden sind. Ihnen wurden wenigstens in Cranzahl Leichenreden gehalten.
Nach ~P.~ Schultze und Finck.
~c.~ Wie dem Obererzgebirge das Kriegsunglück naht.
Im Jahre 1629 wurde am 6. März zu Annaberg das +Restitutionsedikt+, das die Herausgabe sämtlicher Kirchengüter forderte, veröffentlicht. Bis zum Jahre 1629 hatte man im Erzgebirge von dem großen Kriege in den deutschen Landen nur wenig bemerkt. Einige Durchmärsche der Kaiserlichen über das Gebirge brachten nur vorübergehende Unzuträglichkeiten. 1630 feierte man in allen protestantischen Kirchen das Jubeljahr der Übergabe des +Augsburgischen Bekenntnisses+. Die entscheidende Wendung brachte das Jahr 1631, nach +Gustav Adolfs+ Sieg bei +Breitenfeld+ am 7. September. Kurfürst +Johann Georg I.+ ließ nun Truppen werben. Die Erzgebirgspässe wurden besetzt. Der alte +Slavenpaß+, der über +Weipert+ und +Komotau+ in das Egerthal führt, bildete nun in dem wechselvollen Kriege eine viel benutzte Heerstraße. »Das gute Gebirge mußte alle Parteien von Freund und Feind erdulden, sie speisen, auslösen, fördern und hausen lassen.«
+Meltzer+ erzählt in seiner Stadtgeschichte Schneebergs von Wunderzeichen am Himmel, welche den Krieg anzeigten. Am 25. Januar oder Pauli Bekehrungstage 1630 hat man überall im Gebirge ein Feuer- und Wunderzeichen am Himmel gesehen, als wenn unterschiedene Kriegstruppen miteinander im Gefechte wären. Dergleichen hat man gehöret, als wenn Musketen losgingen, zur Begrüßung geschossen würde. Dies haben unzählige Personen mit Verwunderung und Schrecken beobachtet, aber auch mit seiner Bedeutung in erfolgten feindlichen Einfällen und Kriegsbewegungen erkannt.
Nach Meltzer u. a.
~d.~ Wie wichtige Obererzgebirgspässe besetzt werden.
Drei Hauptpässe, erzählt +Chr. Lehmann+ in seinem »Schauplatze«, gehen über dieses Gebirge nach Böhmen, nämlich der +Rittersgrüner+, +Preßnitzer+ und +Reitzenhainer+. Der +Rittersgrüner+ liegt in einer festen Enge, daß man den ganzen Grund mit einer Schanze sperren konnte, und hat Holck viel Mühe und Beschwerden gekostet, ehe er durch das enge und morastige Waldgebirge hat brechen können. Der Preßnitzer geht über +Kühberg+, +Paßberg+ und ist ein gut Stück gebrücket. Die 10 Minuten langen Schanzen am +Blechhammer+ sind noch jetzt zu erkennen. Der +Reitzenhainer+ geht über +Stollberg+, +Zschopau+ und +Marienberg+ hin, liegt mitten im Walde eine halbe Meile von +Paßberg+ und hat der reisenden Leute halber einen Gasthof.
Durch diese Pässe haben die Gebirger im Dreißigjährigen Kriege großen Schaden erlitten. Diese Waldpässe wurden im Jahre 1631 im September weit und breit verhauen, viel tausend Bäume gefället, daß sie meist mannshoch übereinander lagen, weder Roß noch Wagen durch konnten und Korn, Malz und Mehl, alles herübergetragen oder geschleppt und kümmerlich durchgezogen werden mußte.
Vor dem +Reitzenhainer Paß+ war eine böhmische Schanze und ein Vorratshaus von Böhmen besetzt, welche der sächsische +Oberst Taube+ mit 1500 Mann zerstörte. An dem +Preßnitzer Paß+ hatte man zwei Schanzen angelegt. Die eine war nahe an +Weipert+ am Grenzwasser beim Gasthofe. Man hatte den Hof und das Haus mit hohen Pfählen verschanzt, Schießlöcher durch die Ställe gemacht und den hohlen Weg zum Laufgraben gebraucht. Das Wachhaus war mit Pfählen hoch verschanzt und darüber eine kleine viereckige Schanze. Diesen Paß besetzte der auf +Preßnitz+ liegende +Hauptmann Krebs+ mit 50 Musketieren, setzte die nächsten Dörfer umher in Kriegskosten, gab Schutzwachen aus nach +Crottendorf+, +Sehma+, +Cranzahl+.
Ehe diese Pässe verhauen wurden, mußten die Gebirger vier Wochen lang in großer Anzahl davorliegen. Die +Wolkensteiner+ bewachten den Paß von +Reitzenhain+ und +Kriegwald+, die +Annaberger+ und +Grünhainer+ den +Preßnitzer+, das Amt +Schwarzenberg+ den Paß bei +Wiesenthal+ und +Rittersgrün+.
Vor alters hatte man von +Freiberg+ die Pässe von +Frauenstein+, +Reitzenhain+, +Preßnitz+. Durch diese sehr wilden und engen Pässe ist man nach +Halle+, +Leipzig+ und dem +Harze+ gefahren und zwar nicht ohne große Mühe und Gefahr wegen des Morastes, des tiefen Schnees und der Räuber. Sie sind aber auf viertel, halbe und dreiviertel Meilen gebessert und gebrücket, auch darum mit Zöllen und Geleitgeldern beleget worden. Überdies findet man auch richtige Wege zur Jägerei und Anführung der Zeugwagen. Bei +Joachimsthal+ ließ +General Holck+ einen neuen Weg durch Aufhauung des Waldes räumen.
Ein Lichtungsweg oder Paß berührte also auch die +Bärensteiner+ und +Weiperter+ Flur. Eine Fortsetzung der Handelsstraße von Prag nach +Laun+, +Saaz+, +Kralup+ und +Kaden+ darstellend, zog er sich durch +Reischdorf+ nach +Preßnitz+, wo ein Schloß mit drei Türmen stand, von einem Wassergraben umgeben und geschützt durch eine Zugbrücke. Von dieser mutmaßlichen Zollstätte führte der Paß nach +Pleil+ und +Sorgenthal+, dem +Weißen Hirsch+ und durch die nördliche Spitze +Weiperts+ nach dem +Blechhammer+ herunter. Hier überschritt er den Grenzbach, die Pöhla, und ging über +Kühberg+ und +Zollhaus Berghäusel+ nach +Cranzahl+ herein, von hier aber auf der »alten Schlettauer Straße« nach +Schlettau+ und weiter nach +Elterlein+, +Zwönitz+, +Stollberg+, +Leipzig+ und +Halle+, woher die Böhmen das unentbehrliche Salz holten, das ihr Kesselland nicht besitzt. Noch heute sind an vielen Stellen die tief und breit in Felsboden ausgefahrenen Hohlwege sichtbar, wie am +Blechhammer+, in +Kühberg+, vor dem Erbgerichte und auf der »alten Straße« nach Schlettau, das übrigens noch im Jahre 1807 zur Wiederherstellung der Grenzbrücke am Blechhammer 72 M beitragen mußte.
Nach Chr. Lehmann und ~P.~ Schultze.
~e.~ Die ersten Kriegsdrangsale in Marienberg.
Am 16. September 1631 wurden 1500 Mann kaiserliches Fußvolk, das bei Leipzig nach der Schlacht bei +Breitenfeld+, am 7. September, sich ergeben hatte und nun freien Abzug nach Böhmen erhielt, durch sächsische Reiterei und Infanterie bis +Reitzenhain+ geführt, bei welcher Gelegenheit die Stadt Marienberg die genannten Truppenteile aufzunehmen hatte und derselben ein Kostenaufwand von 425 Gld 20 Gr erwuchs.
Sehr verhängnisvoll sollte das Jahr 1632 für +Marienberg+ werden. Dies erfuhr die Stadt schon, als am 4. Mai die +Fürsten von Anhalt+ und der von Altenburg auf dem Durchmarsche nach Böhmen mit zwei Regimentern einrückten und einige Wochen später der sächsische +Oberst Vitzthum von Eckstädt+ mit einem Reiterregimente die Stadt als Musterungsplatz wählte. in beiden Fällen hatte dieselbe für Verpflegung u. a. 825 Thlr 5 Gr, sowie später noch 1435 Gld 9 Gr 8 Pf zu zahlen.
Nach Donat-Holzhaus.
~f.~ Wallensteins Truppen kommen.
In großen Schrecken sollte das Obererzgebirge versetzt werden, als +Wallenstein+ seine dem Laster ergebenen und aus allerlei Volk zusammengelesenen Truppen nach Sachsen führte. Der +General Holck+, Wallensteins Oberstfeldmarschall, ein Protestant aus Dänemark, sowie der +Kroatenoberst Corbitz+ führten ihre Banden über +Altenberg+, +Schneeberg+ und +Annaberg+ durch unser Gebirge, wodurch dieses aufs höchste geängstigt ward. Am 10. August 1632 rückte der Vortrab des Holckschen Heeres unter +Oberst Isaak von Brandenstein+ vor +Annaberg+, wo nicht nur 2000 Thaler Brandschatzung gezahlt werden mußten, sondern auch, trotz des gegebenen Ehrenwortes, die Stadt vor aller Unbill zu schonen, in schrecklichster Weise geplündert und alles Vieh weggetrieben wurde.
Nach dieser Heldenthat ging es weiter, und mitten in der Nacht kam die Bande vor +Marienberg+ an. Ein kaiserlicher Trompeter sprengte vor das verschlossene Annaberger Thor und begehrte im Namen des Kaisers Öffnung und Übergabe der Stadt. Der +Bürgermeister Franke+ bat um einen Tag Bedenkzeit; der Trompeter ritt zurück und nach einer in großer Angst durchwachten Nacht öffnete man das Thor und -- nirgends war ein feindlicher Soldat mehr zu erblicken. Die Gefahr war für diesmal abgewendet; aber die Angst stieg wieder aufs höchste, als man vernahm, daß der grausame +General Holck+ selbst bereits in +Schneeberg+ angekommen sei und sein Heer dort nicht nur alles geplündert und zerstört, sondern auch Fliehende und Flehende unbarmherzig niedergeschossen, viele Bürger getötet oder bis auf den Tod gequält, ja den Stadtrichter vor der Thür seines Hauses und einen 90jährigen Greis, den früheren +Bürgermeister von Schlackenwerth+, niedergemetzelt hatte.
Von +Eger+ kommend, drang 1632, Mitte August, der +General Holck+ mit seinen Scharen über +Elbogen+, +Neudeck+ nach +Eibenstock+ und von da gegen +Schneeberg+ vor. Gar übel haben die Kroaten überall gehaust. +Schwarzenberg+, +Schneeberg+, +Lößnitz+, +Grünhain+, +Elterlein+, +Geyer+ wurden geplündert und niedergebrannt. Schreckliche Zeiten waren gekommen. Das liebe Getreide wurde zertreten, viele hundert Stück Vieh wurden geraubt, von den Marketendern teuer verkauft, Brot und Bier wurde durch dieselben abgeführt und dadurch Hunger, Brotmangel, Zagen und Wehklagen verursacht.
Nach Donat-Holzhaus u. a.
~g.~ Oberst Preuß vor Marienberg.
Am 21. August rückte +Oberst Preuß+ vor +Marienberg+, nachdem ihm +Holck+, in Rücksicht darauf, daß die Stadt noch vom großen Brande her zum Teil in Schutt lag, einige Schonung anempfohlen hatte. Am genannten Tage früh 10 Uhr reitet ein Trompeter vor das verschlossene Thor und verlangt, daß man öffne. Niemand hört ihn und erbittert reitet er zum Heerhaufen zurück. Als auch auf eine erneute Aufforderung keine Antwort erfolgte, ward Sturm geblasen, das Thor gesprengt, und vorsichtig rückte man auf den großen, weiten Markt vor. Zwei volle Stunden läßt der Oberst, der einen Hinterhalt vermutet, seine ungeduldigen Soldaten hier stehen. Ringsum herrscht aber die Stille des Kirchhofs -- kein Mensch zeigt sich! Da wird das Rathaus gewaltsam geöffnet; aber auch hier ist kein Mensch zu finden. Selbst der Rat hatte den Mut verloren und mit zuerst die Flucht ergriffen; alle Einwohner waren samt den Geistlichen in den Wald geflohen und nur einige Arme und Kranke zurückgeblieben. Der Ratsdiener aber und einige Bürger wurden noch in der Nähe der Stadt ergriffen und von den Kroaten niedergeschossen.
Als die Bande sah, daß die Stadt aus Furcht vor der Gefahr preisgegeben worden war, begann sofort die Plünderung, welche zehn volle Tage hindurch fortgesetzt wurde. Mit einem unglaublichen Spürsinne wußten die Soldaten in Kellern und Bergschächten, wohin man das Beste der Habe vergraben und verborgen hatte, diese aufzufinden. Auf dem Rathause fand man so viel Gold- und Silberzeug, daß damit allein die Stadt hätte von der Plünderung befreit werden können, wenn der zweite Bürgermeister, +Adam Genser+, nicht ganz und gar den Kopf verloren gehabt hätte. Als derselbe sich nach einigen Tagen wieder aus dem +Reitzenhainer Walde+ hervor in die Stadt wagte, nahmen ihn die Kroaten gefangen und ließen ihn nicht eher los, bis die Kämmerei 100 Thaler für ihn bezahlt hatte.
Hunger und Elend nahmen unter den unglücklichen Bewohnern überhand, welche neun Tage in Höhlen und Klüften der Wälder gelebt hatten, weshalb sich eine Anzahl mutiger Bürger entschloß, beim +Oberst Preuß+ um sichere Rückkehr in die Stadt zu bitten. Die Erlaubnis ward gegeben und sogar eine Abteilung zur Deckung des traurigen Einzugs beordert, und so kehrten am 30. August sämtliche Bewohner zurück, fanden aber bald genug zu ihrem größten Schrecken, daß ihre so sicher geglaubte Habe geraubt war. Der Stadtgeschichtsschreiber berichtet hierüber: »38 Fähnlein Fußvolk sind auf dem Markte, als der Marsch wieder fortgegangen, gestanden; die Reiterei ist aber bei der Stadt vorüber nach +Freiberg+ zu marschiert; es ist weder Brot noch einiger Trunk in der Stadt zu bekommen gewesen, und hat nach diesem Unglücke ein Brot -- sonst einen Groschen -- 5 Groschen und eine Kanne Bier 3 Groschen gegolten.« Auch wird noch weiter hinzugefügt: »Es sind auch 325 Personen an der Soldatenkrankheit gestorben, welche die kaiserlichen Völker für Ausplünderung der armen Stadt als Trinkgeld hinterlassen. Unter den Verstorbenen waren auch die Stadtschreiber Joachim Frank und Josephus Collmann, sowie der Stadtrichter Heinrich von der Feldt.« Übrigens lagen noch bis zum 25. September Soldaten in der Stadt, wo sie bis auf 15 Mann, welche als Schutzgarde zurückgeblieben, abzogen. Ehe aber der Aufbruch geschah, sollte zuvor einer, der einen Mönch erschlagen, stranguliert werden, »hatte sich aber, als ein seltsamer Abenteurer, vom Galgen wieder losgemacht«.
Nach Donat-Holzhaus.
~h.~ Wie die Kaiserlichen nach der Lützner Niederlage im Gebirge hausen.
Früher ward in der gewölbten Sakristei der +Zwickauer Marienkirche+ ein in Gold gefaßtes Stücklein vom Kreuze Christi verwahrt, welches der Hauptmann Martin +Römer+ im Jahre 1479 der Kapelle geschenkt hatte. An dieses Kreuz heftete sich der Fluch: »Wer ein Stücklein von diesem Holze mit Gewalt nehmen wird, der sei verflucht und das heilige Kreuz bringe ihn um.« Nun hat +Herzog von Friedland+ oder +Wallenstein+ am 1. September 1632 dieses Kleinod durch seine Vettern +Graf Maximilian von Wallenstein+ und +Graf Paul von Lichtenstein+ abholen und dem Kaiser eigenmächtig im Namen der Stadt +Zwickau+ anbieten lassen. Nachdem dies am 14. September geschehen, hat +Wallenstein+ am 6. November die große +Schlacht bei Lützen+ verloren und seit dieser Zeit kein Glück mehr gehabt, also daß er schließlich zu +Eger+ umgekommen ist. Auch die beiden Grafen sind eines unnatürlichen Todes gestorben. So erzählt die Sage. In der +Lützner Schlacht+ hat auch auf Seite der Kaiserlichen +Herzog Franz von Sachsen-Lauenburg+ mit gekämpft. Es ist derselbe, welcher die +Kapelle+ auf dem +Kupferhügel+ in Böhmen gründete. Er weihte sie der Maria. Man hat jeden Freitag zur Zeit der Blüte des dortigen Bergbaues Gottesdienst darin gehalten. Später verfiel sie und ward erst 1821 wieder hergestellt. Der Gründer, +Franz von Sachsen-Lauenburg+, ist derjenige, welchem der Tod des Schwedenkönigs +Gustav Adolf+ in der Schlacht bei +Lützen+ zugeschrieben wird. Die kaiserliche Besatzung vor +Leipzig+ fiel den Schweden in die Hände, wurde entwaffnet und von schwedischen Reitern auf dem +Weiperter Paß+ nach Böhmen geführt. Kaum war die schwedische Bedeckung fort, so fielen die in die Wälder geflüchteten Bauern am +Kühberge+ über Wagen und Rosse her und hieben die Begleitung der Rosse nieder.
Der Rückzug der Kaiserlichen nach der Schlacht bei +Lützen+ verbreitete von neuem Schrecken, Elend und Not. Die Kaiserlichen trieben alles Vieh, was sie überhaupt noch in den Ställen fanden, mit fort. Als einigermaßen wieder Ruhe wurde, kamen die geflüchteten Landesbewohner aus den Bergschluchten und Wäldern wieder hervor. Kaum elendes Kleienbrot und Salz konnten sie auftreiben, als der Landmann wieder zum Pfluge griff. -- Sogar +Bernhard von Weimar+ ließ +Wolkenstein+, +Lauterstein+, +Augustusburg+, sowie die +Bergstädte+ brandschatzen. Am 16. Dezember rückte er vor +Zwickau+, beschoß die sich lebhaft verteidigende, von Kaiserlichen besetzte Stadt und legte mit dem Feuer von acht halben Kanonen die Stadtmauer am Rößleinturme nieder, sodaß die Kaiserlichen mit fliegenden Fahnen, Kugeln im Munde, brennender Lunte und viel Vorratswagen abzogen.
Im nächsten Jahre 1633 kam +Holck+ wieder ins Gebirge. 16000 Kaiserliche zogen über den +Weiperter+ Paß nach Böhmen. Zwei Jahre lang blieb derselbe besetzt. Alles wurde zu nichte gemacht. In +Schneeberg+ raubt er den Altar, heilige Geräte, Meßgewänder, vernichtete die Bilder von Luther und Melanchthon. +Aue+ wurde niedergebrannt, +Lößnitz+ geplündert und ausgeraubt. Dazumal ist auch das Getreide im Felde an vielen Orten niedergetreten worden. Wochenlang brachten die Bewohner der Orte in den Wäldern zu.
Später befreite der sächsische +Oberst von Taube+ das Land von den Kaiserlichen. Aber die eigene verwilderte Soldatenhorde hauste nicht minder schrecklich. Es waren sächsische Dragoner, welche die Thore von +Marienberg+ stürmten und die Stadt, wie später auch +Annaberg+, plünderten.
Nach ~Dr.~ Köhler, M. v. Süßmilch u. a.
~i.~ Wie die Bauern die Kaiserlichen vertreiben.
Als im Jahre 1632 die Kaiserlichen die Ausgänge der Pässe von +Preßnitz+ und +Reitzenhain+ besetzt hielten, thaten sich die Bauern zusammen, vertrieben die Kaiserlichen aus den Schanzen und lauerten ihnen auf, wenn sie mit Beute durchs Gebirge zogen. Der Anführer der Bauern war der +Amtsschösser+ von +Grünhain+, +Friedrich Türck+. Als nun von allen Seiten Klagen über die Bauern beim +General Gallas+, welcher um Freiberg lag, einliefen, schickte dieser wiederholt Boten an +Türck+ mit Warnungen und Drohungen und verlangte Kriegskosten. +Friedrich Türck+ wollte davon nichts wissen und ließ den Kaiserlichen entbieten, er wollte ihnen Pestilenz, Pulver und Blei und alle katholischen Steine aus dem Kloster Grünhain auf die Köpfe geben. Dies konnte nicht ungestraft bleiben. +Gallas+ entsandte 2000 Pferde mit 20 Standarten unter dem +Obersten Kehreuß+ gegen die Bauern ins Gebirge. Am 7. November kamen sie auch durch +Kühnhaide+. Von +Friedrich Türck+ wird gerühmt, »er habe seine Bauern dermaßen begeistert und abgerichtet, daß sie frisch vorm Feinde standen, keine Gefahr scheuten und sich trefflich wehrten, sonderlich, wenn er dabei war und ihnen zusprach«. -- Es drängt sich die Vermutung auf, daß die »+Türckenheide+« bei Kühnhaide ihren Namen von jenem Bauernführer erhalten hat.