Geyer und das Obererzgebirge in Sage und Geschichte

Part 12

Chapter 123,318 wordsPublic domain

7. Der Sage nach ist der Anbau von +Mittel-+ mit +Ober-+ und +Niedersayda+ in der Zeit des Hussitenkrieges unter Ziska und Prokopius zwischen 1419 und 1435 geschehen, da viele der bedrängten Hussiten auswanderten und sich in den waldigen Gegenden des Erzgebirges anbauten. Noch in diesem Jahrhunderte lebten in Obersayda zwei Familien, die Seyfertsche und Zimmermannsche, deren Vorfahren zu den Ausgewanderten gehörten. Das wäre also ein seltenes Beispiel, wonach auch die Hussiten einen Ort errichteten, anstatt zu zerstören.

Nach ~Dr.~ Herzog, ~Dr.~ Köhler u. a.

41. Das Obererzgebirge im Bauernkriege.

~a.~ Die Kriegsereignisse.

Den Bauern drückten am Ende des Mittelalters allerhand Lasten weltlicher wie geistlicher Herren. Er hatte Frondienste, Zehnten, Zinsen und Abgaben aller Art zu leisten. Luther sagt: »Wenn der Acker eines Bauern so viel Thaler wie Ähren trüge, es würde nur die Ansprüche der Herren vergrößern.« Die Reformation sollte ihnen auch ihre Menschenrechte vor die Seele führen. Mannigfache Flugschriften erschienen, und bald entstand unter den Bauern eine Bewegung, die man den +Bauernkrieg+ nannte. In 12 Artikeln waren die Forderungen der Bauern zusammengefaßt.

An der allgemeinen Bewegung nahm auch das Sachsenland und unser Obererzgebirge teil. Durch sein tyrannisches Wesen hatte sich besonders Ernst von Schönburg hervorgethan, der damals im oberen Erzgebirge ausgedehnte Besitzungen hatte. Ließ er doch zwei Annaberger Bürgern, die in seinem Gebiete Fischdiebstahl begangen hatten, die Augen ausstechen.

Wolf Göftel aus Buchholz und Andreas Ziehner, beides Bergknappen in Marienberg, machten den vogtländischen Aufrührern zu Waldkirchen bei Reichenbach die Artikel. Wir sehen, daß auch die Bergleute mit fortgerissen wurden von der Bewegung. Größere Ansammlungen von Bauern entstanden zunächst in Zwickau und Stollberg. Daher ist der Amtmann von Annaberg und Schellenberg, Anton von Kospoth, der in letzterem Orte seinen Wohnsitz hatte, bald in Annaberg, bald in Chemnitz, um Ruhe zu stiften. Er gab dem Herzog Georg den Rat, die Schätze der Annenkirche auf Schellenberg zu verwahren. Die Stadt aber blieb still und erklärte, zum Herzoge zu halten. An Annaberg erging von diesem das Ersuchen, sich dem Herzoge zum Kriegsdienste zu stellen. Feldhauptmann Utz von Solgau aus Annaberg sollte das Werbegeschäft besorgen. In Thum, Geyer und Ehrenfriedersdorf, auch in Joachimsthal forderten Maueranschläge zum Kriegsdienste auf. Kospoth schrieb über die Annaberger wegen ihrer Weigerung: »Es sei ein teuflisch Volk unter die Annaberger gekommen.«

Nachdem die aufrührerischen Bauern von Schneeberg, Aue, Schwarzenberg und Zwönitz, von Raschau, Steinberg, Kühnheide und anderen Orten Zuzug erhalten hatten, wandten sie sich gegen Klösterlein und Aue, tranken dem Probst das Bier weg, führten 16 Stück Vieh und sämtliches Getreide davon. Dann wandten sie sich gegen das Kloster Grünhain. Der Abt schickte eiligst zum Bergvogte Matthis Busch nach Buchholz um Hilfe. Dieser ritt mit wenigen nach Grünhain, wo er gegen 700 Bauern die Bewachung des Klosters übernahm. Abt und Mönche wandten sich nach Annaberg. Als das Kloster dem Richter und den Schöffen zu Grünhain zur Verwahrung gegeben war, wurde es bald eine Beute der Aufrührer, die es plünderten. Von Grünhain wandten sich die Haufen nach Schlettau, bemächtigten sich der Stadt und des Schlosses. Ein anderer Haufe zog nach Raschau und zerstörte die Kirche.

Herzog Heinrich verließ nach solchen Ereignissen Wolkenstein und siedelte nach Freiberg über.

Als in Annaberg Bergvogt Hans Rühling die Bergleute nach ihren Plänen fragte, erfuhr er, daß sie mit Leib und Leben für den Herzog einstehen wollten. Bürgerwachen an den Thoren hielten Zuzug fern.

In Joachimsthal hatten sich die Leute der Grafen von Schlick in gefahrdrohender Weise erhoben, das Schloß eingenommen und geplündert. Da vermittelte der Rat von Annaberg mit Glück durch Abgesandte zwischen den Streitenden.

Wolf Göftel und Andreas Ziehner waren immer unterwegs, um aufzuregen. Sie machten den erzgebirgischen Bauern die Artikel und verpflichteten sie, indem sie jeden eine Hand aufheben ließen, zum Zeichen, daß er bei ihnen stehen wolle.

Den Geyerschen versprach Göftel mit den Bauern Hilfe. Das Bestreben der Führer ging dahin, den Edelleuten ihre Sitze zu stürmen, den Fürsten ins Land zu fallen, die Obrigkeit zu vertreiben, Wildbret und anderes frei zu haben, die Klöster zu stürmen. Wenn sie in Grünhain, Marienberg und Wolkenstein Glück gehabt hätten, wollten sie nach Chemnitz und Kloster Zelle.

Zuerst fiel ihnen die Pfarre zu Mildenau zum Opfer. Die Mildenauer teilten den Königswaldern mit, daß die Pfarre leer stehe, da der Pfarrer geflohen sei; da zog der unternehmungslustige Richter Rebentisch mit einer Anzahl Gesellen Sonntag, den 14. Mai, nach Mildenau. Er kehrte um, aber die übrigen drangen in die Pfarre ein, plünderten und zerschlugen alles und tranken dem Pfarrer das Bier aus. Kospoth war auf diese Nachricht sofort mit 12 Pferden aufgebrochen. Bei seinem Erscheinen verliefen sich die Aufrührer, sodaß er nur einige von ihnen gefangen nehmen konnte. Weidenbach, der Wolkensteiner Amtmann, dem sie übergeben wurden, ließ sie frei. Da wurden die Marienberger nötig und überfielen die Rückerswalder Pfarre. Die Mildenauer zogen nach Schönbrunn. Sie nahmen die Pfarre ein und trieben allerlei Unfug. Lukas Merten aus Wolkenstein machte Butter in der Pfarre; dessen Sohn schlachtete eine Kuh und kochte auch sogleich das Fleisch; Eulner aus Neundorf zerschlug mit dem Berghammer ein Kruzifix und warf es ins Wasser; Petzold aus Neundorf hieb dem Johannisbilde, das in der Schönbrunner Pfarre hing, den Kopf ab, hing es an den Füßen auf und trug es im warmen Bade umher zur Freude des Wirtes.

In Geyer unterblieb die Erstürmung der Pfarre, da es zum Ausgleich kam. Die Drehbacher wollten sich gegen ihre Herren, die von Stangen auf Drehbach, erheben. Gegen 400 Mann zogen vor das Schloß und verlangten Freisprechung. Rudtloff von Stangen aber, ein furchtloser Mann, erklärte, würden sie ihm und seiner Mutter etwas nehmen, so würde er sie in Haus und Hof verbrennen. Da zogen sie ab.

In Zöblitz suchten zwei Häuer aus Marienberg Unruhe zu stiften. Sie fanden Anhang. Die Aufständischen hatten vor, die Zöblitzer Pfarre zu plündern, die aber geschützt wurde. Um diese Zeit ward auch die Pfarre zu Lauterbach geplündert.

Am 17. Mai ließen die Gemeinden, die Herzog Heinrich unterthan waren, als Schönbrunn, Neundorf, Wiesa, Drehbach, Venusberg, damals Feuchberg genannt, und Hilbersdorf ihre Beschwerden durch den Wolkensteiner Amtmann Balthasar von Weidenbach an den Herzog gelangen.

Erfüllt wurden die Forderungen der Bauern nicht. Nach der Niederlage bei Frankenhausen zerstreuten sich die Unruhestifter. Viele flohen, um harter Strafe zu entgehen, die auch nicht ausblieb. Herzog Georg erschien bald im Erzgebirge. Am härtesten verfuhr Ernst von Schönberg gegen die Aufständischen. Milde war Kurfürst Johann.

In Annaberg wurden vom Herzog Georg viele ausgewiesen oder in Gefangenschaft gesetzt. Andere mußten die Mauern um Annaberg bauen helfen. Herzog Heinrich ließ die Richter zu Mildenau, Arnsfeld und Schönbrunn köpfen. Die Geringswalder und Rückerswalder wurden gespießt, viele verloren ihre Güter.

Wolf Göftel, der Hauptführer im Erzgebirge, war entflohen. Ernst von Schönburg schrieb an Herzog Georg, er habe dem Pfarrer zu Penitz die Ohren abschneiden lassen. Zu Hartenstein ließ er einen henken und fünf köpfen. In Elterlein büßten ebenfalls sieben die Köpfe ein, fünf ließ er in der Scheibe einziehen, einen bei Rotensehma spießen und viele andere an Geld und Freiheit strafen. Das war das Ergebnis der bäuerlichen Bewegung.

Nach ~Dr.~ Wolf.

~b.~ Die 12 Artikel der Bauern.

Eine allgemeine Gährung hatte sich der Gemüter bemächtigt. Wanderprediger und Flugschriften trugen die Gedanken in das Volk hinaus. Auf der einen Seite war lästig der Druck der Kirche und des verderbten Pfaffenwesens, auf der anderen der Druck der weltlichen Herren und die Vorrechte der Städte. Man darf sich nicht wundern, wenn die Bewegung nächst der religiösen auch bald eine politische und soziale Färbung annahm.

Die »zwölf Artikel« der Bauern geben ein Bild ihrer Forderungen. »Die Gemeinde soll das Recht haben, den Prediger zu wählen und zu entsetzen ... Der Prediger soll das reine Evangelium lehren ... Der große Zehnte vom Getreide soll dem Pfarrer zum Unterhalte dienen; der kleine Zehnte von den übrigen ländlichen Erzeugnissen und das Ehegeld soll abgeschafft sein ... Sie wollen nicht unfrei sein, nicht Hörige, Lite, Lassen, sondern freie Männer ... Die Frondienste sollen aufhören und mit ihnen die Belastung der Güter und die Hutungsrechte ... Gemeindeäcker, Wiesen und Forsten sollen an die Gemeinden zurückgegeben werden ... Jagd und Fischerei frei sein.« Allen auf die 12 Artikel gegründeten Forderungen war das Örtliche und Persönliche in reichem Maße beigemischt.

Das Thun und Treiben der Bauern stand in vollem Widerspruche zu ihren Erklärungen von Gehorsam, Gesetzlichkeit und Willigkeit, sich eines besseren belehren zu lassen. Lärmen, Toben, Saufen, Fressen, Unbotmäßigkeit, Plündern, Rauben, Verwüsten, Sengen und Brennen: das waren ihre Heldenthaten.

~c.~ Anzeichen für den Bauernkrieg.

+Lehmann+ erzählt von einem Sturme, der für Abergläubische als Anzeichen des Bauernkrieges galt. Ein Anzeichen war es, als am 15. Februar 1525 des Nachts das mit Riegeln, Ketten und Schlössern stark verwahrte Schloßthor in Joachimsthal von einem fast unnatürlich gewaltsamen Winde aufgestoßen und geöffnet wurde. Es wurde so getrennt, daß das Hinterteil des mittleren Riegels samt dem starken Thornagel und der eisernen Feder geborsten und das Vorlegeschloß samt dem Kloben, der das Thor mit einer starken eisernen Kette über dem Thorriegel geschränkt, eine Stube weit davon auf dem Schloßplatze verschlossen gelegen. Dieser ungemeine Sturm hat den damaligen Bauernkrieg nach sich gezogen.

42. Das Obererzgebirge im Schmalkaldischen Kriege.

~a.~ Der Kriegsschauplatz im Obererzgebirge.

Als der +Schmalkaldische Bund+ siegreich gegen +Kaiser Karl V.+ zog, fiel +Herzog Moritz+ in das Kurfürstentum Sachsen ein. Da trennte sich am 23. November 1546 +Kurfürst Johann Friedrich+ von seinen Bundesgenossen, um sein eigenes Land wiederzuerobern. Nachdem er Leipzig vom 9. bis 27. Januar 1547 vergeblich belagert hatte, zog er mit seinem Hauptheere in die Gegend von Borna und Altenburg. Von da aus entsendete er einzelne Truppenabteilungen gegen die von +Moritz+ besetzten Landesteile und Städte, sowohl des herzoglichen als aus kurfürstlichen Gebietes. Es gewannen Mitte Mai seine Heerhaufen die Bergstädte +Annaberg+, +Marienberg+ und einige andere Orte dieser Gegend und drangen bis +Joachimsthal+ vor.

In dem Schmalkaldischen Kriege scheint die Stadt +Geyer+ durch ihre Doppelstellung zu dem albertinischen und ernestinischen Hause, die auch in betreff des Bergbaues Schwierigkeiten machte, wenigstens auf kurze Zeit in eine gefährliche Lage gekommen zu sein. Der Kurfürst +Johann Friedrich+ war im Anfang März 1547 mit seinem Heere gegen Rochlitz aufgebrochen und hatte hier den Markgrafen +Albrecht von Brandenburg-Kulmbach+, damals des Herzogs Moritz Verbündeten, in einem Treffen geschlagen. Während +Moritz+ und +August+ auf Dresden zurückgingen, wandte sich der Kurfürst gegen das erzgebirgische Oberland und nahm hier eine Stadt nach der andern, ohne aber seine glücklichen Erfolge thatkräftig genug auszubeuten. In dieser für das albertinische Haus gefahrvollen Zeit schrieb am 29. März +Katharina+, die Witwe des Herzogs Heinrich, die sich gleichfalls nach Dresden geflüchtet hatte, an ihre erzgebirgischen Städte +Geyer+, +Ehrenfriedersdorf+, +Wolkenstein+ und warnte dieselben ernstlich, daß sie sich nicht wider ihre Landesherren +Moritz+ und +August+ durch den Kurfürsten +Johann Friedrich+ gebrauchen lassen sollten, von dessen Kriegsvolk sie vor etlichen Tagen überzogen worden seien.

Nach ~Dr.~ Spieß und ~Dr.~ Falke.

~b.~ Kriegsdrangsale in Zwickau.

Daß sich dieser Krieg, dessen Fäden beim Ausbruch in der Hauptsache nach Süddeutschland führten, im weiteren Verlaufe nach Sachsen spielen und dort zur Entscheidung kommen würde, hatte wohl niemand, die beteiligten Führer nicht ausgenommen, geahnt. Auch unser Erzgebirge mußte manche Sturzwelle desselben über sich ergehen sehen. Ganz besonders hatte die Stadt Zwickau zu leiden. Diese galt in der damaligen Zeit für eine ziemlich bedeutende Festung und wurde als Schlüssel zum Vogtland und zur böhmischen Grenze angesehen. Ihre Bürger waren gut kurfürstlich gesinnt. Ferdinand von Böhmen, der Bruder des Kaisers, sollte zunächst die böhmischen Lehen des Kurfürsten Johann Friedrich einnehmen und dann dem kaiserlichen Bundesgenossen Herzog Moritz von Sachsen bei der Einnahme Zwickaus Hilfe leisten. Die Zwickauer hatten schon im Sommer ihre Stadt gerüstet; durch den kurfürstlichen Obristen Thumshirn waren Adelige, Bürger und Bauern der Gegend gemustert worden. Die großen Geschütze der Stadt wurden auf dem Anger vor der Stadtmauer versucht. Der Kurfürst schickte den Zwickauern 1000 Scheffel Korn zur Versorgung für eine voraussichtliche Belagerung. Die Besatzung bestand aus 7 Fähnlein Knechten, die sich aus einem Fähnlein wirklichem Kriegsvolk und 6 Fähnlein Bauern zusammensetzten. Die wohlgerüsteten Bürger sahen kampfesmutig der Gefahr entgegen. Herzog Johann Wilhelm, der Sohn des Kurfürsten, wurde um Hilfe angegangen, leider vergeblich. Er tröstete die Bittenden in einem Schreiben mit den Worten, Gott werde den boshaften Anschlägen wehren. Unterdessen zeigten sich die ersten Feinde im Erzgebirge. Die Bergwerke von Platten und Gottesgab wurden durch wilde Horden böhmischen Kriegsvolkes heimgesucht. Am 23. Oktober 1546 tauchten dort die gefürchteten und berüchtigten Husaren, vom Volke Hussern genannt, auf. Schrecken ging ihrem Erscheinen voraus, Schrecken verbreiteten sie allenthalben, wo sie sich zeigten. Es waren aber zumeist kroatische, walachische und polnische Grenzer. Leicht und ungerüstet saßen sie zu Roß, nur mit Spieß und Tartsche, einem kleinen Schilde, bewaffnet. Dem deutschen Landsknechte war nach Schilderungen der damaligen Zeit dieses wüste Raubgesindel in seinen viehischen Gelüsten über. Wie mögen die armen Gebirgler unter solchen Barbaren gelitten haben! Von diesen aus dem Gebirge anrückenden Truppen Ferdinands erging die erste Aufforderung an die Zwickauer, sich zu ergeben, wurde aber abgewiesen. Da nahte Herzog Moritz. Er hatte Dresden mit nur wenigen Reitern verlassen und eilte nach Annaberg. Dorthin rief er seine 9 Fähnlein Fußvolk, die während des Sommers in Chemnitz Quartier genommen hatten. Auf dem Zuge nach Lößnitz verstärkten sich diese so, daß Moritz vor Zwickau mit 12 Fähnlein Knechten und 600 Reitern ankam. Dort gedachte er sich mit den Böhmen zu vereinigen, die über Eger in das Vogtland eingefallen waren und dort unterdessen greulich hausten. Am 2. November ließ Moritz die Zwickauer zur Ergebung auffordern. Die Besatzung befand sich in verzweifelter Lage. Bei Adorf waren bereits sechs Stück der Stadt Zwickau gehörige Büchsen unter dem Hauptmann Erhard Zölchner verloren gegangen. Moritz stand wohlgerüstet vor den Thoren, und die Böhmen und Hussern rückten aus dem Vogtlande an. Der Kurfürst schickte Trostbriefe, aber die ersehnte Hilfe blieb aus. Dennoch dachten die Bürger nicht an Unterwerfung. Die Stadt wurde gegen ihren Willen durch die Befehlshaber Dolzig und Planitz übergeben. Am 6. November überreichte eine Abordnung von Ratsherren die Schlüssel der Stadt an Moritz, am 8. leisteten ihm die Bürger auf dem Kaufhause die Zwangshuldigung. Die Bauern verließen die Stadt, die kurfürstliche Besatzung erhielt dem Vertrage gemäß freien Abzug, sie rückte mit fliegenden Fahnen nach Wittenberg.

Moritz zog am andern Tage über Altenburg in nördlicher Richtung weiter, auf seinem Zuge die Zwangshuldigung der Werdauer und Crimmitschauer empfangend. Für die Bergstädte trat nun in gewissem Sinne Ruhe ein, abgesehen von den Reibungen, die fortgesetzt zwischen der evangelischen Bevölkerung und der katholischen Besatzung stattfanden; die Städte des Herzogs Moritz machten hierin keine Ausnahme, weil der Herzog allgemein als Judas an der guten lutherischen Sache angesehen wurde.

Unterdessen war der Kurfürst aus Süddeutschland über Naumburg, Jena, Weimar, Langensalza und Halle gekommen und hatte im Sturme seine verlorenen Städte wiedergenommen. Moritz geriet in Not. Seine einzige Hoffnung beruhte auf den festen Punkten Leipzig, Dresden, Freiberg und Zwickau, welche er noch in den Händen hatte. Aber von Zwickau trafen täglich Nachrichten ein, wie der gemeine Mann gegen die Besatzung »ganz seltsam und aufwägig« sei und durchaus dem alten Herrn anhinge. Der Annaberger Stadthauptmann schickte einige hundert Knechte für Moritz nach Zwickau, die Zwickauer weigerten sich, diese einzulassen. Der Stadtoberst Wolf von Ende sandte eine Klage über die andere an Moritz, bis dieser selbst in der Nacht zum 15. Januar 1547 über Freiberg und Chemnitz in Zwickau ankam.

Er besichtigte die Befestigungen, legte noch ein Fähnlein Hakenschützen und ein Geschwader Reiter in die Stadt und zwang die Bürger, ihm und dem Böhmenkönig noch einmal zu huldigen. Da traf die Nachricht ein, der Kurfürst, welcher 21 Tage vor Leipzig gelegen hatte, wolle in das Gebirge rücken. In seiner Bedrängnis befahl Moritz, das Landvolk solle sich in Dresden, Annaberg und Freiberg in seiner besten Wehr sammeln und für einen Monat Versorgung mitbringen. Die Gebirgler waren zumeist durch die Geistlichen gegen Moritz gestimmt und stellten sich nur in geringer Zahl. Anfang Februar waren 5 Fähnlein böhmischer Knechte nach Freiberg gekommen, um nach kurzer Rast weiterzuziehen, blieben aber liegen, weil sie ihren Sold, den die Offiziere in Dresden verspielt hatten, nicht bekamen. Natürlich mußten darunter die Freiberger bitter leiden. Zwischen den Berghäuern und Soldknechten kam es dort zu Thätlichkeiten, die selten unblutig abliefen. Als wenige Wochen darauf die Freiberger Besatzung gemustert wurde, waren nicht weniger als 150 Knechte entlaufen.

Schrecklich war es während dieser Zeit den Zwickauern ergangen. Dort war der Markgraf Albrecht von Brandenburg-Culmbach zur Sicherung der von den Bürgern bedrohten Besatzung eingerückt. Als er aber am 31. Januar nach Chemnitz beordert wurde, ließ er ohne weiteres die Bürger aus der Stadt ausweisen. Nur die zur Arbeit nötigen wurden zurückbehalten. Die Bürgerschaft zog an diesem Tage unter entsetzlichem Jammer der Weiber und Kinder bei großer Kälte aus der Heimat in die Nachbarstadt Schneeberg. In Zwickau wurde zum Zeichen des Kriegsregiments auf dem Markte der Galgen aufgerichtet. Die Vorstädte und 18 Dörfer der Umgegend legte die Besatzung in Asche. Die Plünderung war allgemein. Als Gegenstück, angeblich aus Rache gegen den Zwickauer Befehlshaber Wolf von Ende, Besitzer von Rochsburg, ließ der Kurfürst Rochsburg verbrennen und die Höfe von Kriebstein ausbrennen. Furchtbar litt das arme Sachsenland unter dem Vetternkriege, der sich immer mehr zu Ungunsten des Herzogs neigte. Dieser zog sich deshalb nach Freiberg zurück, um im Falle einer Niederlage Dresden oder Böhmen nahe zu sein. Ja, selbst in Freiberg fühlte er sich nicht sicher; er lebte in beständiger Furcht, daß ihm die Wege nach Böhmen versperrt werden könnten. Am 8. März wurde Chemnitz durch eine kurfürstliche Abteilung zur Übergabe aufgefordert, die Chemnitzer gaben gar keine Antwort und blieben vorläufig unbehelligt. Im Erzgebirge aber wurde der kurfürstliche Obrist Thumshirn, welcher von einem Streifzuge aus Franken her anrückte, mit offenen Armen aufgenommen.

Die Annaberger empfingen ihn mit Freude, die Wolkensteiner und Marienberger ergaben sich auf bloße Aufforderung. Die Ratsherren dieser Städte waren zwar gegen sofortige Ergebung, allein das Volk, das Moritz als Verräter ansah, riß die Gewalt an sich. Oederan und Zschopau wurden am 27. und 28. März durch Thumshirn nach Annaberg zur Huldigung befohlen. Auch Joachimsthal nahm dieser ein und veranlaßte dadurch den Aufstand in Böhmen gegen Kaiser und König, der dort schon lange gärte. Wäre Thumshirn in der eingeschlagenen Richtung weiter vorgerückt, so hätte er Ferdinand und Moritz, die mit ihren Truppen von Freiberg über Lauenstein nach Teplitz und Brüx zogen, um sich in Eger mit dem Kaiser zu vereinigen, den Weg abschneiden können. Moritz selbst war als letzter aus Freiberg am 24. März abgezogen, um den üblen Eindruck seines fluchtartigen Aufbruchs zu verwischen. Sein Zug ging über Frauenstein, Sayda und Klostergrab nach Brüx. Thumshirn aber benutzte seinen Vorteil nicht, sondern plünderte das herzogliche Schloß zu Marienberg und zog weiter brandschatzend durch das sächsische Erzgebirge. Am 3. April fiel Chemnitz, am 8. Freiberg und das Amt Schellenberg bei Chemnitz.

Trotz dieser Erfolge zog sich das Verderben dunkel und drohend über die Kurfürstlichen zusammen. Lange hatte der Kaiser gezögert, ob er sich um seiner Krankheit willen pflegen oder ins Feld ziehen solle. Da verbreitete sich plötzlich die Nachricht, daß der Zug nach Sachsen beschlossen sei. In Eger war noch in Gegenwart des Kaisers das Osterfest feierlich begangen worden. Am 10. April rückte Herzog Moritz, dem das ganze kaiserliche Heer folgte, mit einem Vortrab im Vogtlande ein. Am 16. April unternahm der Obrist Kruda mit 800 Reitern, einigem Fußvolk und Geschütz einen Ausfall von Zwickau nach Schneeberg, das sich nach kurzer Gegenwehr ergab, worauf der Obrist das Ratskollegium und die höheren Bergbeamten mit fortschleppte und erst nach Erlegung einer Summe von 500 Gulden wieder losgab. Am 16. April war der Kaiser selbst in Werdau. Das nachbarliche Zwickau vermied er absichtlich, weil dort eine fürchterliche Seuche wütete. -- Der weitere Verlauf des schmalkaldischen Krieges bis zu dem Unglückstage auf der Lochauer Haide bei Mühlberg an der Elbe ist allenthalben bekannt. Als die aufrührerischen Böhmen von der Niederlage des Kurfürsten hörten, unterwarfen sie sich kläglich und ließen Thumshirn mit seinen 4000 Fußknechten und 600 Reitern im Erzgebirge im Stich. Moritz beeilte sich nun, diesem Rest der kurfürstlichen Truppen die Erzgebirgspässe zu verlegen. Es gelang ihm nicht. Thumshirn brach durch und vereinigte sich mit des Kaisers Feinden. Bald ertönten die Friedensglocken auch im Erzgebirge, aber der ersehnte Frieden mochte nicht kommen. Lange noch raubten und plünderten die unbezahlten Söldnerscharen im armen, unglücklichen Lande.

~c.~ Drangsale in Schneeberg.