Part 9
Kein Walroß war zu sehen, aber die Nase der Bärin konnte sich nicht getäuscht haben. Daß die plumpen Seetiere da waren, auf der andern Seite der Insel wahrscheinlich, war sicher; sie sonnten sich wohl und genossen den herrlichen Tag. Walrosse waren eigentlich nicht das Wild, das die Bärin gewählt hätte. Die großen Bullen waren mutig und hitzköpfig, die mächtigen Kühe furchtlos in der Verteidigung ihrer Jungen wie sie selbst -- sie waren Gegner, die man, wenn irgend möglich, vermied. Aber gerade jetzt hatte sie keine Wahl. Ihr Junges hungerte! Nichts auf der Welt schien ihr so wichtig, wie dies kleine unruhige Bärlein mit seinen Schalksaugen.
Mit dem Jungen eng an ihren Fersen, stahl sie sich nun, durch die Eisschollen gegen jede Sicht geschützt, in die zurückebbende Flut hinein. Die Bucht war so voll von Treibeis, daß sie für ihr Junges fürchtete, aber zurücklassen konnte sie es nicht. So nahm sie es beim Schwimmen eng an ihre Seite. Es war ein guter Schwimmer, der furchtlos tauchte, wenn sie es tat, der mit seiner kleinen, schwarzen Nase die grau-grünen Wellen tapfer und schnell durchschnitt. Es tat ihr alles nach, war wachsam, schnell und vorsichtig wie sie, denn es wußte, daß diese Jagd auf großes Wild ging.
Die Insel war der Ausläufer einer Berghöhe und fiel in steilen Hängen zum Meer. Die weiße Bärin war viel zu klug, um die Höhe zu erklettern und dann über die Walrosse herzufallen. Sie wußte gut, daß die Herde gegen jede Annäherung von der Landseite her auf ihrer Hut war. Von dorther kam ja alles, was sie fürchteten. Als sie das Gestade erreicht hatte, schwamm sie deshalb unter Wasser bis zum äußersten Vorsprung. Dort erst ging sie, durch eine Scholle gedeckt, an Land und preßte sich dabei so eng an den Felsen, daß sie selbst ein Stück davon schien. Jede Bewegung machte das Junge eifrig nach. Aber als sie sich auf den Hintertatzen hob und den schmalen Kopf in einen Riß der Scholle legte, um hinüberzuäugen, hielt es sich im Hintergrund und wartete auf sie, den Kopf ängstlich zur Seite gedreht.
Die Walrosse waren nicht fünfzig Fuß weit weg in guter Sicht. Bei aller Hungerqual übereilte die Bärenmutter sich nicht, sondern blieb minutenlang auf der Lauer, prüfte die Zugänge zum Walroß-Lager, während eine leichte Brise ihr die angenehmste Witterung in die Nüstern trug. Sie sah, daß an die Herde selbst nicht heranzukommen war, denn die lag wohlgeschützt und nahe dem Wasser. Wenn sie einen Ueberfall versuchte, würden alle beim ersten Alarm entweichen; versuchte sie aber, eins der Jungen im Wasser zu greifen, dann wäre sie im Augenblick überwältigt, gespießt von den mächtigen Hauern, auf den Meeresboden gezerrt, ersäuft und zerrissen worden. Mit glühenden Augen aber beobachtete sie die Kuh und das Kalb, die höher am Abhang lagen. Da war eine Aussicht, voll von Gefahr, aber es war eine Aussicht! Sie ließ sich auf alle Viere fallen, machte sich flach und begann, zwischen den Felsen in die Höhe zu kriechen, jeden Hügel, jeden Vorsprung als Deckung nützend. Das Junge folgte ihr noch immer.
Es war wunderbar, wie klein sich das gewaltige weiße Tier machte, während es langsam seine Beute beschlich, seine Bewegungen waren geräuschlos wie die einer Katze. Das war auch nötig, denn das Walroß hat scharfe Ohren, und in der Luft war kein Hauch als das tiefe Atmen und Grunzen der Herde, das gelegentliche Klirren und Klingen von brechendem Eis.
Nicht mehr als zwanzig Schritt vor ihrer Beute hielt die alte Bärin und warf ihrem Jungen einen kurzen, strengen Blick zu. Sofort stand es auch und verkroch sich dann behutsam hinter einen Felsen. Nun schlich die Mutter allein weiter. Sie wußte, daß ihr Kleines flink genug war, um dem Ansturm eines Walrosses auszuweichen, aber sie wollte es keiner Gefahr aussetzen.
Plötzlich hob die Walroßmutter den Kopf und spähte um sich, als ahnte sie eine Gefahr. Es war nichts Drohendes zu sehen, aber sie war unruhig geworden. Sie neigte den Kopf zu ihrem Kalb und fing an, es den Hang hinunter zu der übrigen Herde zu wälzen.
Wie aus den nackten Felsen gezaubert, erhob sich da, nicht zwölf Fuß weit vor ihr, eine riesige, weiße und furchtbare Gestalt. Der alte Bulle auf Posten ließ seinen Warnungsruf hören. Aber in dem Augenblick schon fiel die weiße Masse über das kranke Kalb her, hob die Tatze und zerschmetterte ihm das Genick, ehe es noch wußte, wie ihm geschah.
Mit Geheul richtete die Walroßmutter sich auf, warf die Wucht ihres Körpers gegen den Feind. Ihr Angriff war schnell, erstaunlich schnell, aber die weiße Bärin war schneller. Fast im selben Augenblick, in dem sie den tödlichen Schlag geführt hatte, schob sie mit verblüffender Kraft und Sicherheit ihre tote Beute zur Seite, ein paar Fuß tief den Abhang hinunter. Zugleich spannte sie ihren langen Rücken wie einen Bogen, und so gelang es ihr, den Ansturm der Walroßmutter halb zu parieren, der andernfalls ihr Ende bedeutet hätte. Immerhin trug sie auf der einen Hüfte eine schwere Wunde von ihren furchtbaren Hauern davon, die wie Rammklötze niederfuhren, und auf ihrem weißen Fell zeichnete sich eine breite, blutige Spur. Im nächsten Augenblick hatte sie ihren Raub vor dem zweiten Angriff der Mutter in Sicherheit gebracht.
Das Walroß-Lager war jetzt in Aufruhr! Die anderen Kühe hatten ihre erregten Jungen sofort in die See gerollt und stürzten sich ihnen mit gewaltigem Plätschern nach. Die drei Bullen kletterten mit furchtbarem Grunzen, in großen ungeschickten Sätzen die Höhe hinauf, voll Eifer, in den Kampf zu kommen. Die beraubte Mutter stöhnte und keuchte in vergeblichen Anstrengungen, die Mörderin ihres Jungen zu erreichen. Doch zeigte sie sich immerhin so gewandt, daß die Bärin genug zu tun hatte, ihr zu entgehen, während sie ihre Beute den Hügel hinauf halb schleppte, halb trug.
Auf einmal blieb das tote Kalb in einer Spalte hängen, und die Bärin mußte eine Pause machen, es freizubekommen. Das dauerte nur einen Augenblick, aber es fehlte nicht viel, dann wäre dieser Augenblick ihr letzter gewesen. Die ungefüge Gestalt der Kuh war ihr im Rücken, sie fühlte es mehr, als sie es sah. Wie eine plötzlich freigegebene Sprungfeder schnellte die Bärin zur Seite, und die beiden Hauern fuhren nieder, gerade da, wo sie gestanden hatte, mit der Wucht einer ganzen Tonne von Knochen und Muskeln, deren Waffe sie waren.
Die verzweifelte Kuh richtete sich blitzschnell auf, um ihre Vorteile auszunutzen. Aber diesmal kam sie schlecht an. Ihre viel intelligentere Feindin hatte sie umgangen und fuhr jetzt mit wütenden Zähnen von hinten in ihren Nacken. Aus dem Gleichgewicht geworfen, rollte die Kuh felsabwärts und überschlug sich, ehe sie wieder zum Stehen kam. Die drei Bullen hielten mitten in ihrem atemlosen Ansturm inne, um zu sehen, was geschehen war. Und in diesem Augenblick gelang es der Bärin, ihre Beute auf ein Riff zu schleppen, das die Walrosse unmöglich erklettern konnten. Ein paar Fuß höher, und sie hatte eine geräumige Plattform erreicht, von der sie zwanzig Fuß hoch auf die wütenden Walrosse hinab sah. Wenige Sekunden später traf auch das Junge auf ihren Ruf bei ihr ein. In sicherem Abstand vom Feind war es leichtfüßig über die Felsen geklettert.
Als die drei Bullen erkannten, daß die Mörderin sich ihrer Rache ganz entzogen hatte, kehrten sie um, wälzten sich grunzend und zankend ins Meer zurück. Die Mutter aber, in Gram und Zorn untröstlich, blieb! Richtete sich an der Felswand auf, klammerte sich mit ihren großen Flossen machtlos daran fest, schlug ihre Hauer gegen den Stein, als sollte er unter ihren Hieben zerbrechen. Wieder und wieder fiel sie zurück, um ihre nutzlosen und dennoch erhabenen Anstrengungen zu wiederholen, sobald sie nur wieder Atem in der Brust fühlte. Die alte Bärin aber sah, ihr Junges stillend, gelassen auf dies Schauspiel herab.
Langsam kam die unglückliche Kuh dann zur Besinnung, kehrte um und kroch schwerfällig, mit müden, ruckartigen Bewegungen den Felsen hinab. Sie stürzte sich ins Meer, hoch auf schlugen die Wasser, und dann schwamm sie davon, eine Meile weit draußen zu ihrer Herde zu stoßen.
Ein bedrängter Hausvater
Im vergangenen Jahre war der Seehundbulle verspätet nach Norden gekommen und hatte trotz seines Grimms und seiner Rauflust, was Wohnung und Weiblichkeit betraf, schlecht abgeschnitten. Mit einem recht mittelmäßigen und ganz nackten Felsstück, weit fort vom Wasser, hatte er sich zufrieden geben müssen, dazu mit einem armseligen Bestand von drei sanftäugigen, aber mehr oder weniger mitgenommenen kleinen Damen. Diese drei, die er in wildem Kampf von zwei benachbarten Bullen eroberte, hatten bei der Auseinandersetzung über ihre unterwürfigen Reize manche Mißhandlung erlitten, und ihre sonst glatten Pelze waren danach so zerrissen und zerschlissen, daß der bedenkenfreieste Pelzhändler erschrocken wäre.
In Erinnerung an den Preis, den er für seine Verspätung bezahlt hatte, wurde unser Seehundbulle in diesem Jahre schon frühzeitig erregt, tobte in der purpurnen See und hielt sein Antlitz nordwärts gewendet. Längs der steilen, umbrandeten Küsten von Kalifornien und Oregon, durch die wilden Brecher des Pazific schwamm er nun zielbewußt, manchmal gradenwegs wie ein Fisch, dann in schönen Bogen, die er mit gewaltiger Schnelligkeit und biegsamem, öligem Gleiten beschrieb, als hätte er aus seinem ganzen schweren Körper eine mächtige Schraube gemacht, die ihn durch die Flut trieb. Während des größten Teils seiner leidenschaftlichen Reise schwamm er unter Wasser und hob nur von Zeit zu Zeit seine schnurrbärtige Schnauze in die Luft, um zu atmen. In jenen belebten Meeren gab es soviel Fische, daß selbst er seinen nie ruhenden Hunger mühelos sättigen konnte. Von Zeit zu Zeit unterbrachen sie dennoch ihre Fahrt, er und seine Gefährten, -- denn er war auf dieser Nordlandreise in Gesellschaft anderer gereifter Bullen --, um ein paar Stunden ihrer kostbaren Zeit mit tollen, fast kindlichen Spielen im Schein der verführerischen Frühlingssonne zu verbringen. Es war, als hätten sie für den Augenblick vergessen, wie eilig ihre Reise war, und als ob eine Welle von Leichtsinn sie mit sich risse.
Eigentlich war diese Auswanderung fast ohne Gefahr für die Vorhut des Seehundvolkes. Alles Bullen, ausgewachsene Bullen, stark und gewandt, mit Körpern von mindestens sechs Fuß Länge, die aus Sehnen und gestählten Muskeln bestanden, gab es selbst in diesen gefährlichen Wassern wenig Feinde, die sie zu fürchten hätten. Wenn sie nicht gar zu unachtsam waren, würde kein Hai ihnen nahe kommen, denn mit ihrer überlegenen Geschwindigkeit und ihrer wunderbar entwickelten Tauchkunst konnten die großen Robben dem plumpen Hai recht unangenehme Ueberraschungen bereiten. Sie fürchteten höchstens den blitzschnellen, erbarmungslosen »Mörder«, den Schwertfisch, der ohne Anzeichen plötzlich aus den Tiefen emporstoßen konnte. Auch waren sie immer auf der Wache gegen die schwarz-weiße Schreckensgestalt der furchtbaren Orca, die man auch den Mord-Wal nennt. Die schlimmsten Feinde der nordwärts wandernden Seehunde aber -- jene skrupellosen Räuber von menschlichen Wilddieben -- ließen unsere Bullen und seine Kameraden friedlich ziehen, denn ihr grobes und narbiges Fell war für die Pelzhändler wertlos. Diese Verbrecher warteten lieber auf die glatten jungen Kühe und die zweijährigen, oder höchstens dreijährigen Bullen mit ihrem feinen Pelz, die »Jungburschen«, wie sie von den Pelzjägern genannt werden.
Aber obwohl kein Wilddieb ihm die Reise störte, hatte der große Seehund eine furchtbare Angst zu überstehen, ehe er die lange Strecke der britisch-columbischen Küste hinter sich hatte. Von den Königin-Charlotte-Inseln kam ein kanadischer Regierungskutter, klein, aber geschäftig und gierig wie ein Terrier, der Ratten jagt, mitten in die Herde gedampft. Der große Bulle tauchte tief in den dunkelgrünen Glimmer der See, tief erschreckt durch den feindseligen, schwarzen Kasten und die grausam schäumende Schraube, während die übrige Herde sich in panischer Angst zerstreute. Aber inzwischen hatte der kanadische Kommandeur schon festgestellt, daß er bloß die Vorhut von alten Bullen vor sich hatte, und daß er seine Beute, nämlich die Pelzwilddiebe, weiter südlich zu suchen hätte.
Nach diesem Abenteuer hielt der große Seehund westwärts und folgte dem kühn geschwungenen Bogen der Küste von Alaska. In steigender Hast hatte er sich an die Spitze der Vorhut gesetzt und so umschwamm er den Zipfel von Alaska, passierte die Kette der alëutischen Inseln, dort, wo sie sich wie die Steine einer Furth zum Nachbar-Kontinent hinüberstrecken, und kam an die seichte Flut des Behring-Meeres. Bis hierher war die Reise fast ohne Ereignisse gewesen. Aber gerade hier hatte er ein Abenteuer zu bestehen, das seine Laufbahn beinahe zu einem plötzlichen und wenig rühmlichen Ende geführt hätte.
In der Mündung eines reißenden Polarflusses stieß er auf einen mächtigen Schwarm von Lachsen, die zu ihren Laichplätzen schwammen. Das war eine jener Gelegenheiten, bei denen die sonst so selbstbeherrschten Seehunde den Kopf verlieren. Die ganze Herde wurde wild. Es war das große Lachsfest. Durch den eng gedrängten Schwarm jagten ihre großen, schwarzen, sehnigen Körper, bissen und töteten in einer Art von Delirium zehnmal mehr Fische, als sie vertilgen konnten, bis auf der trüben, grauen Flut große, blutrote Flecke standen. Manchmal warf sich ein schmaler, schwarzer Kopf, der einen stattlichen Schnurrbart trug und auf einem massiven Genick von ungeheurer Kraft saß, hoch über die sprudelnden Wasser und biß in einen fetten, zuckenden Fisch, den er im Maul trug; als wäre ein toller Zerstörungswahnsinn ausgebrochen, zerbissen die Seehunde den schimmernden Lachs in zwei Stücke, schluckten ein Maul voll und ließen die blutigen Reste ins Wasser zurückfallen. Und schon stürzten die tobenden Fischer sich auf neue Beute. Für den Lachs war dies eine böse Stunde. Denn schon pürschten sich vom nahen Ufer ein paar gemächliche weiße Bären heran, die sich in den Schwarm warfen und reiche Beute machten, die sie aber ans Ufer trugen, um sie dort in Ruhe zu verzehren. Das Lachsvolk aber, das unter der Gewalt eines unerträglichen Triebes stand, wich nicht aus und hielt nicht an, und ihre Anzahl war so unermeßlich, daß Seehund und Bär zusammen kaum fühlbaren Schaden anrichten konnten.
Im Ueberschwang seines Jagdeifers passierte es dem großen Bullen, daß er die Ruhe eines nicht allzu friedlich blickenden fremdartigen See-Bewohners störte, der sich zufällig auf dem schlammigen Meeresboden von einer Seite auf die andere wälzte. Das Tier trug eine blasse Leichenfarbe, war etwa zwölf Fuß lang und erweckte den Eindruck, als entstammte es der Mesalliance eines Einhorns mit einem Tümmlerwal. Aus der Mitte seines ungeheuren, stumpfen Maules ragte, wohl sechs Fuß lang, ein massiver, scharf zugespitzter, seltsam geschwungener Hauer aus hartem Elfenbein. Seine kleinen, kalten Schweinsaugen betrachteten die Legionen von Lachsen, die über ihm hinzogen, ohne Teilnahme, vielleicht, weil einstweilen sein Riesenappetit auf Lachs befriedigt war.
An jener Stelle war das Wasser der Mündung nicht mehr als zehn oder zwölf Fuß tief. Da geschah es, daß der große Seehund bei seinem besinnungslosen Tauchen das See-Einhorn mit seiner Hinterflosse gewaltig über die Schnauze schlug. Vielleicht litt das Einhorn gerade in diesem Moment an Verdauungsstörungen. Jedenfalls war sein Zorn sehr leicht gereizt. Mit jäher Wut stieß es in die Höhe. Der Seehund sah gerade mit einem Blick den blassen Koloß in die Höhe schnellen, obwohl das schäumende Wasser fast undurchsichtig war. Geschmeidig wie ein Aal wich er zur Seite, gerade noch zur rechten Zeit. Die starke Elfenbein-Lanze traf nicht in ein Zentrum seines Lebens, aber immerhin riß sie ihm gerade vor der Vorderflosse eine breite, rote Wunde in die Flanke.
In der Wildheit seines Angriffs fuhr das Einhorn nicht nur mit dem Hauer, sondern mit seinem halben Körper aus dem Wasser heraus. Als er wieder untertauchte, griff der gereizte Seehund ihn seinerseits an und schlug ihn gewaltig über das Schweinsauge. Aber dabei stellte er fest, daß sein Angreifer einen Panzer aus Tran trug, der für seine Zähne undurchdringlich war. Und so zog er sich aus dem Gefecht und verlor sich unter den Lachsen, während das Einhorn sich wieder in den Schlamm sinken ließ, um seine unterbrochene Verdauung fortzusetzen.
An einem fast unbewegten Morgen, als die blasse Sonne tief am Horizont hing, erreichte der große Seehund jene seltsame Insel der Pribiliv-Gruppe, die während der ganzen Nordlandsfahrt sein Ziel gewesen war. Die Küste dieser Insel war über alle Beschreibung kahl und elend, aber die Spitze, auf die der Seehund hielt und auf deren Besitz er Anspruch erhob, bot für seinesgleichen gewisse Vorteile. Eine halbe Meile vorgelagert lag eine andere flache Insel, die schmal und lang, als Wellenbrecher gegen die schweren Seen des Ozeans diente. Der Kanal zwischen den beiden Inseln aber war immer voll von Fischen, und rings um den Felsvorsprung, auf dem er Wohnung genommen hatte, war das Wasser klar und tief. Als er landete, war der lange Bogen jener Felsküste sogleich von den Scharen seiner Reisegefährten bestürmt. Durch die Polar-Einsamkeit, die bisher still wie ein Grab gewesen, hallte jetzt ihr scharfes Gebell und grunzendes Schreien, denn wie Wilde stürzten sich die Ankömmlinge über das Felsgestade.
Hier schlug der große Bulle sofort sein Heim auf: die Wolken waren sein Dach, die vier Winde seine Mauern, sein Fundament eine schräg abfallende Klippe, die auch der tollste Polarsturm nicht erschüttern würde. Wie gut er gewählt hatte, sollte er sogleich erproben, denn als er kaum fünf Minuten lang im Besitz seiner Wohnung war, mußte er sie schon verteidigen. Ein anderer Bulle, noch größer als er selbst, mit ergrautem Schnurrbart und mit einer weißen Narbe quer übers Gesicht, warf sich auf die Klippe und fiel in Wut über den Hauseigentümer her. Aus der Selbstverständlichkeit dieses Angriffs ließ sich vielleicht schließen, daß er im vergangenen Jahr der Inhaber der Wohnung gewesen war und berechtigte Ansprüche zu verfechten glaubte. Aber an jenen wilden Gestaden gelten nur solche Rechte, die man sich erkämpft. Mit Gebrüll richtete sich der Hausbesitzer auf, stemmte sich auf seine seltsamen, wackligen Knochen und fiel mit entnervender Wut über den Eindringling her.
Die überhöhte Stellung gab ihm einen gewissen Vorteil. Seine hinteren Flossen, die breit, kurz und stark sind, waren nach vorn gebogen, wie die Hinterbeine eines Land-Vierfüßlers, nicht trostlos nach rückwärts wie die der östlichen Seehunde, sie boten ihm eine sichere Stütze für diesen Angriff. Beim ersten Streich schon verwundete er seinen Gegner unbarmherzig und drängte ihn bis auf den rechten Winkel des Felsens zurück. Der Eindringling jedoch war wuchtig und stark-knochig und wußte sich zu halten. So blieb der Ausgang des Kampfes minutenlang zweifelhaft.
Die einander würdigen Gegner brüllten sich ihre Wut ins Gesicht, während die nächsten Nachbarn in Beifallsbezeugungen ausbrachen. Im schräg auffallenden Strahl der Sonne wiegten sich die beiden Nacken der Duellanten auf und nieder, ihre Köpfe stießen so blitzschnell gegeneinander, daß das Auge kaum folgen konnte, und zielten einander nach der Gurgel und parierten mit weit offenem Rachen die tödlichen Hiebe. Die Ueberlegenheit an Temperament und Jugend, die es dem Hausbesitzer möglich gemacht hatte, als erster der ganzen Herde anzukommen, erwies sich endlich dem schwereren Gewicht überlegen. Der Eindringling bekam einen schweren Stand, und plötzlich, sei es, daß er den Mut verlor, oder daß er durch seine Wunden geschwächt war, wurde er geworfen und taumelte ins Wasser. Auf seine Klippe postiert, noch immer kampflustig den Kopf wiegend, erwartete der Hausherr einen neuen Vorstoß. Aber der Eindringling hatte genug. Noch einmal streckte er den Kopf hoch über die Wellen und blickte seinen Feind an, dann tauchte er unter, schwamm beschämt von dannen und suchte sich einen Platz in den überspülten Ausläufern der Niederlassung.
Während der nächsten vierundzwanzig Stunden hatte der Hausherr noch vier Kämpfe zu bestehen, um sein Eigentum zu verteidigen. Von diesen späteren Zusammenstößen war aber keiner so gefährlich wie der erste. Dann wurde, zum Glück für seine blutende Flanke, das Leben friedlicher, denn das Lager war endlich aufgeteilt.
Der große Bulle konnte jetzt zwar ausruhen und verschnaufen, aber seine Ruhe mußte er mit unermüdlicher Wachsamkeit bezahlen. Nachkömmlinge wollten landen, die seinen Anspruch auf die gewählte Wohnung bestritten. Aber wenn er an den Rand seines Riffs kroch, seinen blutenden Körper zeigte, den mächtigen Nacken wiegte und seine großen, klugen Augen in ihrer entschlossenen Wachsamkeit funkeln ließ, bot er das Bild eines so gefährlichen Gegners, daß die Herausforderer sich meist beruhigten und weiterschwammen, um leichtere Kämpfe zu bestehen. Versuchte wirklich einer zu landen, dann fiel der Hausherr über ihn her, ehe er noch recht ans Trockene gekommen war, und fertigte ihn mit klaffenden Wunden ab. Zugleich aber mußte er gegen seine unmittelbaren Nachbarn, zwei schwere rauflustige Bullen auf der Hut sein. Die hatten zwar selbst gute Wohnungen gefunden, aber sie drohten stets, die Grenze zu überschreiten, die er gezogen hatte. Vielleicht war diese Grenze wirklich fast übertrieben weit, aber der Hausherr hatte die Absicht, eine große Familie zu gründen und sich für die Entbehrungen des letzten Jahres zu entschädigen. Mit wütendem Bellen und Brüllen warnte er deshalb vor jedem Versuch, in sein Recht einzugreifen.
Eine traurige Begleiterscheinung dieser Lage war es, daß der ununterbrochen bedrängte Hausherr keine Zeit mehr hatte, sich zu nähren. Wenn er nur für einen Augenblick seinen Posten verließ, mußte er damit rechnen, daß er bei der Rückkehr einen anderen Bullen dort treffen und gezwungen würde, neue Kämpfe zu führen, deren Ausgang zweifelhaft war. Keine zehn Schritte weit vor seiner Nase war die Tafel gedeckt. Fette Fische schwärmten in der eisigen, großen See, aber er konnte nicht gehen, um sie zu fangen. In dieser Beziehung war er sicherlich schlechter daran als seine Kameraden und Nebenbuhler. Aber jeder Bulle, der einen wirklich guten Platz gesichert hatte, mußte alle Zeit und alle Aufmerksamkeit darauf verwenden, ihn zu bewachen.
Es war vielleicht der erste Mai, und während der folgenden fünf oder sechs Wochen, durch all die langen, blassen Polartage, an denen die Sonne tief am Horizont stand und kaum einen Augenblick dahinter verschwand, brach der Hausherr kein einziges Mal sein Fasten. Ja, er wagte es kaum, zu schlafen, denn immer noch konnte irgend ein tapferer, junger Neuankömmling ihn überfallen. Zum Glück war er von dem fetten Winter und seinem leichten Dasein her noch gut genährt, und die stattliche Transchicht unter seinem Fell hielt seine Kräfte aufrecht.
Gegen Ende des Monats kamen die glatten und friedlichen Horden der »Halbbullen« und der »Jungburschen« an, die noch nicht alt genug waren, sich zu paaren, oder auch nur Ansprüche an dergleichen zu stellen. Mit ihnen erschien die Schar der kleinen, sanftäugigen, einjährigen Kühe, spielfrohe Kinder des Ozeans. Diesem ganzen Gewimmel Unschuldiger schenkten die alten Bullen keinerlei Aufmerksamkeit. Die schwärmten an den Ausläufern der Niederlassung hin, waren glücklich über jede Art Unterkunft, die sie fanden, und verbrachten ihre friedvollen Stunden -- wenn sie sich nicht mit Fischen beschäftigten -- mit harmlosen, glücklichen Spielen wie eine Schar Kinder, die von der Schule kommt. Dann endlich, in der ersten Woche des Juni, trat das lang erwartete Ereignis ein, dem all dies Suchen nach Unterkunft, dies Wachen und Kämpfen und Fasten gegolten hatte, die Ankunft der erwachsenen Kühe.
Sie kamen in immer größeren Scharen, Flosse an Flosse gedrängt.