Gestalten der Wildnis

Part 8

Chapter 83,744 wordsPublic domain

Nachdem er die Lage kurz überprüft hatte, watete der Bär ins Wasser. Er steckte den Kopf unter die Oberfläche, um sich von der Qual brennender Augen und Nüstern zu befreien. Wo er stand, war die Bogan seicht, aber ihr Boden sumpfig, so daß er Gefahr lief, zu versinken. Immer wieder riß er Fuß um Fuß aus dem verderblichen Schlamm -- da flog aus der Brandwolke ein lodernder Ast heraus und schlug gegen eine Wildkatze, die nahebei auf einem Ast saß. Die Katze sprang heulend in die Luft und lief Gefahr, in das Wasser zu fallen, das sie haßte; in der Luft gab sie sich einen Ruck, und es gelang ihr, auf dem mächtigen Rücken des Bären zu landen. Ihre Klauen bohrten sich tief ein, mit schmerzlichem Gebrumm versuchte er, sie abzuschütteln. Sie aber, wahnsinnig vor Angst, schien in ihm nichts zu sehen, als einen lebendigen Baumstamm, und immer fester hielt sie sich, bohrte sie ihre Klauen in sein Fell. Zu jeder anderen Zeit hätte er sie abgeschüttelt und in Stücke gerissen, aber jetzt konnte er nicht mehr zornig werden. Das Ganze war so unpersönlich, er wußte nur, daß irgend etwas auf seinem Rücken quälte, und daß er es los werden mußte. Er warf sich nieder, überrollte sich im Wasser, und dabei erstickte er die Katze im Schlamm. Als er wieder hoch kam, war die quälende Last verschwunden, aber sein Platz in der Bogan befriedigte ihn nicht mehr. Das Wasser war nicht tief genug, er fühlte sich wie eine Ratte in der Falle. Was er brauchte, war mehr Raum, mehr Luft, mehr Sicht, selbst wenn es nur Schlamm zu sehen gab. Ein paar Rehböcke, die ihn mit ihren großen, sanften, entsetzten Augen kaum sahen, stieß er zur Seite und watete zum Eingang der Bogan. Hier fühlte er den Strudel, der ihn die Wasserfälle hinabzureißen drohte, hier ließ er sich in tieferem Wasser nieder, das seine Schultern überspülte. Eine unbeholfene Elen-Kuh stand nahe bei, zuckte verzweifelnd mit ihren Ohren, starrte nicht in die Flammen, sondern in die verfärbten Wellen und den Schaum der gepeitschten Wasser. Dann kam an seiner Nase vorbei ein großer brauner Otter geschwommen. Er hob Kopf und Schultern über die Wellen wie ein wachsamer Seehund, prüfte die Fälle, und dann stürzte er sich geradewegs, das Haupt furchtlos gehoben, in den Fall. Sicher hatte er sich klar gemacht, daß die kleine Bogan nicht länger Sicherheit bot. Der Bär sah nachdenklich und fast neidisch ihre Flucht, aber ihm fehlte der Mut, sich in die sprudelnden, brüllenden Wellen zu werfen. Bald aber wurde das Gebrüll der Wellen unhörbar im unermeßlich grausamen Aufruhr des Feuers. Flammen sprangen und tosten, es war, als heulten sie, und als hätten selbst die Rauchwolken brüllende Stimmen bekommen. Die Hitze wurde giftig, wurde unerträglich; Funken und Brände fielen so dicht über die Bogan, daß viele Tiere mit plötzlich versengtem Fell wahnsinnig wurden und in den Schmelzofen hineinstürzten, während andere einfach im Wasser niedersanken und sich ertrinken ließen. Die Tiere, die das Wasser kannten, tauchten, so tief sie nur konnten, und erwarteten zitternd ihr Schicksal; nur der weise Fuchs schwamm vorsichtig alle Winkel der Bogan aus und fand endlich eine Höhle unter dem Ufer, deren Eingang von durchweichten Wurzeln geschützt war. In diesem herrlichen, kleinen Versteck saßen zwar schon, eng zusammengedrückt, ein paar Ottern und Moschusratten, aber er drängte sich ohne Förmlichkeit hinein und überließ es den andern, sich unterzubringen. Da die sonst nicht sehr vollkommene Geschichte jenes Waldes zu erzählen weiß, daß er noch in späteren Jahren zwischen den verkohlten Stämmen der Rodung des Menschen auf Hasen und Rebhühner jagte, ist anzunehmen, daß dies Versteck sich als zuverlässig erprobt hat.

Inzwischen verzagte der Bär, als das Schicksal mit Flammen über ihn hereinbrach. In der ganzen Gesellschaft war er außer dem weisen Fuchs das einzige Tier, das klug genug war, die Schrecken dieser Stunde ganz zu überdenken. Für seinen mächtigen Körper war keine Höhle im Wasser groß genug. Er wimmerte erbärmlich und kehrte die Augen sehnsüchtig zu dem wild schäumenden Kanal, durch den jenes andere Tier geflüchtet war. Er wagte sich nicht auf diesen Pfad, der ihm sicherer Tod schien. Zwischen zwei Mauern aus Rauch und Flammen war dies stürzende Wasser nur noch eine siedende Straße ins Verderben.

Aber auch die Bogan selbst wurde ein Ort der Schrecken. Was von kleineren Tieren noch lebte, bedeckte wie ein Teppich ihre Oberfläche. Eine oder zwei Wildkatzen, unzählbare Eichhörnchen, Wiesel, Marder, Murmeltiere, Mäuse, Waschbären und selbst ein paar Hasen, die in dieser Stunde letzter Verzweiflung gelernt hatten, zu schwimmen -- alles andere war tot. In dem Tollhaus-Gedränge, das jetzt in der Mitte des Teiches wütete, waren selbst ein paar Rehe untergegangen. Der Bär und das schwerblütige stoische Elen hielten sich in all dem vernichtenden Trubel noch aufrecht; sie lagen im Wasser und hoben von Zeit zu Zeit die Mäuler, ihre Lungen mit der brausenden und giftigen Luft zu füllen.

Als er durch Zufall seine verzweifelten Augen stromaufwärts wandte, sah der Bär plötzlich eine wilde Gestalt durch Gischt und Rauch auf sich niederkommen. Sogleich erkannte er sie. Es war der Mensch, der im Heck seines leichten Kanoes ausgestreckt lag und es mit wuchtigen Paddeln zwischen Felsen und Sturzseen hindurchsteuerte. Er hatte sich das Ende einer Decke um den Kopf geschlungen. Ein Zipfel davon, der hinter ihm in der Luft wehte, glimmte und rauchte. Er lenkte sein Kanoe in die Bogan, und beinahe wäre er gekentert, als er heftig gegen den untergetauchten Rücken eines der Elentiere rannte. Auf Armlänge von dem Baren glückte es ihm, das Boot zum Halten zu bringen, und jetzt sah der Bär, daß sein Aussehen sich seltsam verändert hatte. Seine großen, sehnigen Hände, sein mutiges Gesicht waren schwarz und ausgedörrt. Die Augen starrten furchtlos aus kahlen Höhlen, Augenbrauen und Wimpern waren abgesengt. Trotzdem sah der Bär in seinem Kommen einen Schimmer von Rettung. Er fühlte: hier ist ein gewaltiger Geist, den selbst die Dämone des Feuers nicht überwältigen werden! Heulend näherte er sich dem Kanoe, in seinem Herzen wuchs eine Hoffnung. Der Mensch bemerkte ihn und erkannte selbst in diesem verzweifelten Moment, mit entstelltem Lachen, den Feind, der seinen Listen so oft entgangen war.

»Diesmal hat's uns beide im Genick, alter Kerl!« brummte er, während er sich die Decke vom Kopf riß und sie rasch über die Wand des Bootes ins Wasser tauchte. Dann schlang er sie, noch triefend, wieder um Kopf und Schultern, nahm eine Sonde zwischen die Zähne, um die Rauchwolken durch diesen Filter zu atmen. Gleich darauf stürzte er sich wieder in die Wirbel, und in Rauchschwaden eingehüllt, brauste er hinein in den heulenden Wasserfall. Einen Augenblick zögerte der Bär, winselte wie ein junger Hund, und dann stürzte er sich nach.

Tatsächlich war der Bär ein besserer Schwimmer als er selbst geglaubt hatte. Nach den ersten Sekunden hilfloser Verzagtheit im Toben und Rasen der Strudel fand er die Kraft, seinen Kopf wieder über Wasser zu halten und mehr oder weniger seinen Weg zu bestimmen.

Anfangs mißverstand er die Anzeichen der Strudel und steuerte sich schlecht. Aber nachdem er atemlos seinen Weg durch eine Reihe wahnsinniger Stürze hindurch gekämpft hatte, sah er vor sich, ein wenig rechts, etwas wie einen sanfteren Durchlaß durch eine Schranke von Brechern. Dorthin strebte er mit aller Kraft, während er flußabwärts gewirbelt wurde, und erreichte sein Ziel. Seine Füße schleiften am Boden hin, krampfhaft versuchte er, sich mit den Klauen zu halten, aber er wurde fortgerissen, und vom Rand einer spitz auslaufenden Felsnase stürzte er mitten hinein in einen gischtenden Kessel.

Glücklicherweise war der Kessel so tief, daß die Wucht seines Sturzes den Bären nicht zerschmettern konnte. Er kreiste in einem Strudel, bis Atem und Ueberlegung ihm wieder kamen. Dann entrann er seitwärts und geriet wieder in den tosenden Strom. Aber von jetzt ab verstand er es, die heimtückischen sanften Strecken zu meiden, hielt sich in den wirbelnden, heftig schäumenden Kanälen, die ihm genügende Wassertiefe und einen klaren Weg boten.

Der Mensch, der mit seinem starken Ruder steuern und die Fahrt beschleunigen konnte, war jetzt außer Sicht. Aber der Bär schwamm vertrauensvoll in seinen Spuren. Beide Ufer des Flusses waren jetzt eine einzige tobende Feuersbrunst, ein Chaos, eine schwarze Rauchwolke, von roten und gelben Flammen zerrissen. Riesige Stämme bebten minutenlang darüber, dann schwankten und fielen sie, und das Schmettern ihres Falles blieb in all dem Toben ungehört. Maul und Nüstern des Bären brannten wie das Feuer selbst, wenn er seinen triefenden Kopf hob und die glühende Luft atmete. Aber sein Vertrauen in die Führung des Menschen war so groß, daß er nicht mehr verzweifelte.

Der Hauptarm des Südfork mündete endlich in einer gewaltigen Mulde, in die er mit einem Donnern hineinschoß, das selbst im Brausen der Flammen zu hören war. Hier kämpfte der Bär, um ans Ufer zu kommen, aber es war zu spät. Unwiderstehlich packte ihn der Strom, einen Augenblick später war er wieder im Wirbel. Die Strudel überrollten ihn, tauchten ihn unter, dumpfes Dröhnen füllte seine Ohren, seine Lungen waren am Bersten. Dann plötzlich wurde er wieder in die Luft geworfen, fast erstickt fühlte er unter seinen Füßen glatte, wegsame Steine! Im nächsten Augenblick griffen seine Klauen in Holz, sie krallten sich ein wie Zangen und hielten fest! Gleich darauf zog er sich aus dem Strom und kämpfte mit aller Kraft zu ein paar Baumstämmen hin, die abgetrieben und zwischen Felsen eingeklemmt waren. Gerade vor sich sah er zu seinem Erstaunen den Menschen klettern, der, den Körper noch unter Wasser, in einem Felsspalt steckte. Nur seine Augen hielt er frei, der ganze Kopf war in die triefende Decke eingeschlagen, das Kanoe nirgends zu sehen. Mit stieren Augen erkannte der Mensch das schlammbedeckte, keuchende Tier und schob sich in den Stämmen vorwärts, ihm Platz zu machen.

»Wie geht's, Geselle?« rief er. »Mach' dir's bequem hier! Du und ich, wir sind wohl die Einzigen, die noch leben hier herum!«

Der Bär schrak ängstlich zurück, betroffen von dem matten Klang dieser Worte oder von den Augen des Menschen, die auf ihm lagen. Aber da er an seinen Hinterbeinen noch den reißenden Strudel fühlte, drang er weiter vor und kroch in Sicherheit, kaum einen Arm weit ab von dem Mann.

Einstweilen waren die beiden Flüchtlinge sicher. Sie hatten Wasser genug, sich damit zu bedecken, und ein paar Felswände über ihren Gesichtern schützten sie vor gelegentlich vorzischenden Flammen, die über die Fläche des Stroms hinleckten. Nun konnten sie nichts mehr tun, als warten.

Den ganzen Tag und die ganze Nacht (obwohl sie nicht wußten, wann Tag und Nacht miteinander wechselten) lagen Mensch und Tier so nebeneinander und klammerten sich ans Leben, während rings um sie und über sie fort das Feuer raste. Dann begann es abzusterben, glühende Baumstümpfe und Stämme blieben zurück, ihr Rauch schwelte am Ufer, hier und da zischte noch eine Flamme auf. Die Luft war jetzt so kühl, daß man ohne Qual atmen konnte. Und ein verzweifelt grauer Wolkenhimmel blickte auf das Bild der Zerstörung herab.

Der Mann stand auf, reckte seine steifen Glieder, wrang das Wasser aus seinen Kleidern und dann -- so rasch wechseln unsere Bedürfnisse! -- setzte er sich an die nächste Glut, um seinen Körper zu wärmen. Der Bär beobachtete ihn ängstlich, aber er wagte sich nicht näher. Wie ein Hund folgte er den Bewegungen des Menschen. Für den Augenblick hatte er allen eigenen Willen verloren.

Der Mensch erkannte jetzt klar: für die nächsten Tage gab es keine Flucht von diesen glühenden Gestaden, wenn nicht ein Wolkenbruch kam und die schwelenden Torflager löschte. Aber zwischen seinem Zufluchtswinkel und dem Ufer, ein kleines Stück stromabwärts, bemerkte er eine Landzunge aus Sand und Geröll, an der ein paar Holzblöcke gestrandet waren. Sie lag unter dem sprühenden Schaum der Wasserfälle so geschützt, daß die Hitze wohl ein paar Büsche angesengt, aber nicht vermocht hatte, sie zu verbrennen. Diese langgestreckte Kiesfläche schien dem Menschen ein Weg zur Rettung, er mußte sie erreichen. Aber der tiefe Wirbelstrom würde ihn, obgleich er ein tüchtiger Schwimmer war, wie einen Strohhalm vorbeiwirbeln. Wenn der Bär es nur zuerst versuchen wollte! Gleich darauf aber fiel ihm ein, daß selbst dieser Versuch ihm nichts nützen würde, denn der Bär war imstande, sich in einer Strömung zu behaupten, in der er selbst unterging wie eine junge Katze. Trotzdem sah er den Bären auffordernd an und rief ihm über die tosenden Wellen zu:

»Versuch du's, Kamerad! Hier können wir noch lange hängen.«

Der Bär glaubte, er würde irgend eines Verbrechens angeklagt, und zog sich ängstlich in einen Winkel zurück. Da er nichts tun konnte, als sich dem Schicksal zu stellen, verlor der Mensch jetzt keine Zeit mehr. Durch Warten konnte er weder Kraft noch einen neuen Entschluß gewinnen. Indem er sich sorgfältig auf der schmalen Brücke zwischen den beiden Kanälen hielt, nutzte er alles aus, was sein tolles Wagnis erleichtern könnte. Als er dem reißenden Strom nicht länger widerstehen konnte, warf er sich so weit hinaus wie möglich und schwamm verzweifelt darauf los, hoffnungslos und doch hoffend, er würde die Landzunge erreichen, ehe der Fluß ihn vorbeigetrieben hätte. Im nächsten Augenblick freilich erkannte er, daß alles umsonst war. In diesem Wirbel war er nicht mehr als ein treibendes Blatt.

Der Bär hatte jede seiner Bewegungen verfolgt. Was das Manöver bedeutete, ahnte er nicht, aber er glaubte, daß der Mensch auf diesem Wege den Rettungswinkel nicht verlassen könnte. Als er dann sah, wie der sich mitten in den Fluß hineinwarf, den Kopf zum Ufer gewandt, fühlte er sich ganz verlassen. Mit einem wimmernden Schrei stürzte auch er in den Strom. Den Menschen aus den Augen zu lassen, wagte er nicht mehr. Dann würde das Feuer zurückkehren und ihn vernichten!

Die Schnauze hoch gehoben, kämpfte er sich prachtvoll durch die wirbelnde Flut. Und obwohl in furchtbarer Geschwindigkeit stromabwärts getragen, gelang es ihm doch, seine Diagonale immer weiter zu sichern. Jetzt endlich hatte er es gelernt, die Gewalt abzuschätzen, gegen die er zu kämpfen hatte, und die Richtung gefunden, in der die Landspitze zu erreichen war -- da stürzte eine Welle den Menschen auf ihn! Der Mensch klammerte sich im langen Pelzhaar seiner Flanke fest. In seinem Entsetzen über diesen unerwarteten Angriff kämpfte der Bär noch machtvoller drauf los. Der Mensch blieb, wie das Schicksal es gewollt hatte, in seine Flanke eingekrallt.

Mit letzter Anstrengung erreichte der Bär an einer bequemen Zugangsstelle die Landzunge und schwang sich wie eine erschreckte Katze hinauf. Der unheimliche Griff in seiner Flanke ließ nach. Als er sich umdrehte, um zu sehen, was passiert war, stand der Mensch atemlos, aber lachend im Sand und rief: »Hab Dank, Geselle! Gut gemacht!«

Entsetzt von diesem Lachen, einem Geräusch, wie er es nie gehört hatte, sprang der Bär auf die andere Seite der Landzunge und spähte zum Ufer.

Der Mann war inzwischen wieder zu Atem gekommen. Jetzt machte er sich daran, im ruhigen Wasser an den Ausläufern der Sandbank zwei Baumstämme nebeneinander zu rollen. Aus treibenden Wurzeln und den Ruten von halb verdorrten Weidenbäumen drehte er Taue, mit denen er die beiden Stämme immer wieder und wieder umwand. So brachte er ein Floß zuwege, das stark genug war, ihn über alle Schnellen zu tragen. Er wußte, daß er nur noch eine halbe Meile vom See entfernt war; und er wußte auch, daß die schlimmsten tobenden Katarakte des Südfork hinter ihm lagen.

Er hatte weder Ruder noch Staken, um seinen Kurs zu halten, aber trotzdem stieß er das Floß vertrauensvoll in die Flut. Dabei winkte er seinem Gefährten Lebewohl.

»Bleib ruhig sitzen, Kamerad!« rief er. »Du bist gut, wo du bist, laß die Wälder sich abkühlen!«

Der Bär war durch die drohenden Flammen nicht mehr geängstigt, aber noch erschreckt von dem kraftvollen Griff in sein Fell. So nahm er den Rat des Menschen scheinbar als endgültig hin. Anfangs freilich folgte er dem Floß ein Stück weit in die brandenden Wasser hinein und wimmerte unentschlossen. Dann aber ließ er sich auf seinen Keulen nieder und beobachtete, wie es schwankend und taumelnd die Wellen niederschoß. Der Mann kauerte darauf, und der Bär sah ihm nach, bis er an einer Flußkrümmung verschwand.

Mütter des Nordens

Es war im ersten, trunkenen Sturm des arktischen Frühlings. Wie durchzuckt von der Wärme langer Tage, die voll Sonne waren, brach zu Füßen der südwärts gewandten Gletschermauern strahlendes Grün und blühendes Leben aus dem dünnen Erdreich, das ewiges Eis umschloß. Bäche erwachten in sonnenbeschienenen Tälern, an ihren Ufern sproßte das Gras, öffneten sich wie in leidenschaftlicher Eile sternengleich Blumen, weiße, gelbe und blaue. Die kleinen nordischen Schmetterlinge kamen in Schwärmen, mit ihnen wespenschlanke Bienen und unzählbare Arten von Käfern, als hätten die plötzlich erwachten Blüten sie, in ihrer Sehnsucht befruchtet zu werden, aus dem Schlaf gerufen. Ueber ihren schmutzigen Nestern, in unzugänglichen Klippen, schrien die Möwen, oder sie füllten die Luft mit dem Leuchten ihres Gefieders, wenn sie über das graugrüne ruhige Meer hinschwärmten. Für einen Augenblick versuchte die nordische Welt alle Qualen des Winters zu vergessen, seine mitleidlose Wildheit, seine tätliche Kälte und sein Dunkel.

Die plumpen, großen, grunzenden Walrosse fühlten ihn auch und begrüßten ihn, den Glanz des arktischen Frühlings in ihren Einsamkeiten. In den Klippen einer Felsinsel, ganz nahe dem Wasser, sonnte sich eine kleine Herde. Es waren zwei alte Bullen und vier Kühe mit ihren krabbelnden, klumpigen Kälbern. Alle hatten sie sich gern, sie lagen da Kopf an Kopf, die Vorderflossen zärtlich über des Andern formlosen Leib gelegt, und in allen Tönen des Behagens grunzten, stöhnten, brummten sie, während die helle Sonne ihre dicken Häute kitzelte. Alle fühlten sie sich unter diesem Himmel frei von Sorgen, bis auf einen einzigen alten Bullen. Er war auf Wache, streckte seinen mächtigen Kopf mit Hauern und Schnurrbart hoch über die schweigenden Gefährten hin, hielt Augen, Ohren und Nase bereit, um eine nahende Gefahr zu wittern.

Eins der formlosen, unbeholfenen Kälber lag mit seiner Mutter in einer Vertiefung des Felsens, vielleicht zwanzig Fuß weit fort von der Brandung -- in einem sicheren Winkel, den kein Wind aus Nord oder Ost berühren konnte. Die übrige Herde war dem Meer so nahe, daß von Zeit zu Zeit eine breite, bleigrüne Welle aussprang und sie überspülte. Die Jungen zeigten Lust, aufzuspringen und sich diesen plötzlichen Duschen zu entziehen. Aber ihre Mütter waren streng genug, um sie nahe dem Wasser zu halten.

Jetzt wurde die kleine Gruppe durch ein Haupt vermehrt. Ein anderer alter Bulle, der auf dem Boden des Meeres fouragiert hatte, indem er mit seinen Hauern Muscheln, Seesterne und Austern aufgrub und sie in der massiven Mühle seiner Kinnbacken klein schrotete, hob plötzlich sein wildes Haupt an die Oberfläche. Trotz seines mächtigen Körpers bewegte er sich im Wasser fast so schnell und graziös wie ein Seehund. In einer Sekunde war er an der Klippe. Dort stemmte er seine ungeheuren Hauer ein, zog sich mit der Kraft seines breiten Rückens empor, stützte sich auf eine breite Vorderflosse und hob sich aus dem Wasser. Dann warf er sich laut grunzend vor Zufriedenheit unter seine Kameraden.

Es bildete keine sehr liebliche Gesellschaft, dies ungeschlachte Seevieh, das muß zugegeben werden. Die Ausgewachsenen waren zehn bis elf Fuß lang, rund und ausgebaucht wie Bierfässer. Der Schmuck eines Schwanzes ging ihnen ab, ihre Farbe war ein schmutziges Gelbbraun. In dünnen Büscheln war ihre Haut mit widerspenstigen Borsten bewachsen, und das gab ihnen etwas Ungepflegtes, als wären sie von Mäusen befressen. Lächerlich krumm waren ihre kurzen, aber stark entwickelten Flossenfüße. Der obere Teil ihres Schädels war flach, schmal und ohne Ohren, die Schnauze dagegen ungeheuer entwickelt, denn sie mußte die massiven, abwärts wachsenden Hauer tragen, von denen jede ihre zwölf bis fünfzehn Fuß lang war. Die tolle Vergrößerung des Oberkiefers wurde auch noch betont durch den Schmuck langer, steifer Schnurrbärte, die ihrem Träger den Ausdruck borstiger Reizbarkeit gaben. Die wackligen Gestalten der Kälber machten denselben Eindruck wie die der Eltern, aber ihr sauberes, junges Fell war noch nicht so faltig, auch durch Beulen und Schrammen noch nicht entstellt, natürlich hatten sie keine Hauer, aber in Erwartung dieser Waffe war ihre Schnauze schon überstark und gab ihnen einen Ausdruck von Roheit, dem die Sanftheit ihrer Babyaugen lächerlich widersprach. Sie rollten und schmiegten sich gegen die berghaften Flanken ihrer Mutter, deren wachsame Hingabe sie empfanden.

Das Kalb, das von der Herde am weitesten getrennt landeinwärts lag, hatte Schmerzen und wimmerte. Am Morgen hatte es vom Horn eines vorbeiziehenden Narwals einen bösen Stich in die Schulter bekommen, und die ängstliche Mutter versuchte es zu trösten, preßte es derb aber zärtlich an ihre Seite und lockte es, zu säugen. Die ganze Herde schien in diesem Augenblick mit dem Leben so über alle Begriffe einverstanden. Aber die besorgte Mutter war mit den Klagen ihres Jungen zu sehr beschäftigt, um auch nur zu fühlen, wie zärtlich die Frühlingssonne schien.

Noch eine andere Mutter, nicht fern von dieser, war trotz des Frühlings unglücklich. Auf dem Festland, das hinter der Insel lag, kam ein magerer weißer Bär mit seinem Jungen zum Ufer gewandert. Die enge Bucht zwischen Insel und Festland war voll großer Eisschollen, die der Strudel der letzten Flut hineingetragen hatte. Von diesen wellenzerfressenen und verschlammten Blöcken waren viele am Ufer zurückgeblieben, die jetzt im Strahl der Sonne zerschmolzen und manchmal mit gläsernem Klirren auseinander fielen. In der Hoffnung, einen toten Fisch oder irgend einen anderen genießbaren Abfall der See zu finden, schnüffelte die brave Mutter zwischen diesen Trümmern hin und her. Schon lange war ihre Jagd schlecht gegangen, die Lachsschwärme hatten ihr Erscheinen an der Küste unerklärlich verspätet, und jetzt rumorte der Hunger in ihren Eingeweiden. Freilich füllte sie sich den Magen, wie es eben ging, mit den jungen Trieben der Binsen und anderem Grünzeug, aber das war nicht die Kost, für die Mutter Natur sie nun einmal gebaut hatte. In Ermangelung richtiger Nahrung preßte sie ihr lebendiges Leben selbst in die Brüste, um den Kleinen zu stillen. Aber auch er litt, denn der Vorrat an Muttermilch war erbärmlich gering. Gerade jetzt, als die alte Bärin still stand, um einen Haufen Seetang zu durchschnüffeln, kroch der Kleine unter ihren Leib, um zu säugen. Er wimmerte vor Enttäuschung, so dünn war der Strahl ihrer Milch. Sie drehte den Kopf, um ihn zärtlich zu lecken, und ihre stolzen Augen schimmerten in Traurigkeit.

Da sich unter den angeschwemmten Eisschollen nichts fand, was ein Bär genießen konnte, wandte sie sich verzweifelt dem Wasser zu, als sie plötzlich eine seltsame Witterung von der See her fing. Die kam direkt von der Insel, war Walroß-Witterung! Sie hob die lange Schnauze mit der schwarzen Spitze und sicherte, dann stand sie unbeweglich wie ein Eisklotz und suchte prüfend die Insel ab. Das Junge stand ebenso bewegungslos, entweder ahmte es die Mutter nach, oder es gehorchte einem wohlverstandenen Zeichen. Sich still zu verhalten, gehört zum Ersten, was jede kleine Kreatur der Wildnis zu lernen hat.