Part 7
Nach kaum einer Stunde waren die Knochen so sauber, daß nur jenen Kreaturen etwas blieb, die am Kopf Bohrer tragen und imstande sind, aus dem festen Knochenbau Säfte zu saugen. Und dann war die Schar der Gäste wieder verschwunden: teils von ihren Feinden verschlungen, teils beschäftigt, andere zu verschlingen. Von den mächtigen Rippen und aus dem porösen Rückgrat des Skeletts schwanden die Lichter.
Zu seinem Mißvergnügen hatte der Wegelagerer, obwohl sein Versteck kaum fünfzig Fuß weit vom Seelilienbett entfernt war, keinen Teil an dem Trubel nehmen können. Es war gegen seine Methode, sich aus dem Schlamm zu erheben und in fremde Händel einzugreifen. Für ihn war es am besten, wenn er sein Lämpchen emporreckte und ein paar unzufriedene Mitläufer solchen Gelages an sich zog. Ein paar bescheidene Bissen waren ihm auf diese Art zuteil geworden, gerade genug, seinen Appetit zu erregen.
In seiner Gier erlaubte er sich, aus seinen seltsam verhüllten Augen einen fahlen Schimmer auf der Suche nach Beute umherzustrahlen.
Diese glimmernden Augen entdeckten etwas, das ihr Licht sofort verlöschen, die violette Farbe verschwinden ließ, als hätte man ein Lämpchen entzwei geschlagen. Mit einem Ruck vergrub der Wegelagerer sich tiefer im Schlamm. Was er gesehen hatte, war ein langer, kränklich weißer, suchender Fühler, der -- viele Schritte fern -- die Rippen des Skeletts abtastete. Andere, gleich neugierige Sucher waren gefolgt. Aber der Wegelagerer hatte sich nicht die Zeit gegönnt, sie zu beobachten. So viel Schlamm wie möglich wünschte er über sich, selbst über seine Augen gebreitet, solange diese Fühler, Riesenschlangen gleich, durch die Nachbarschaft geisterten.
Ein Zufall hatte es gewollt, daß ein riesiger, weißer Tintenfisch, auch Tiefsee-Teufelsfisch genannt, der mit Hunderten seinesgleichen ein paar Meilen weit sein Lager hatte, über sein Jagdgebiet hinausgeschweift war. Vielleicht hatte der Angriff eines Zuges von Pottwalen ihn aufgeschreckt und zur Wanderschaft veranlaßt. Seine weiten, alles umfassenden Augen hatten das schimmernde Sinken des Skeletts beobachtet. Er bewegte sich langsam; wenn die Not nicht große Eile bedingt, pflegt er seinen Körper über den Meeresboden zu schleppen, statt wie der kleine Tintenfisch in höheren Gewässern auf dem Rücken zu schwimmen.
So war, als er den Schauplatz erreichte, von dem großen Mahl nichts übrig geblieben, seinen Hunger zu stillen.
Dieser träge Wandersmann war keineswegs unter seinesgleichen besonders beachtenswert. Zusammen mit seinem Kopf, der einen Papageienschnabel trug, maß der kriechende Sack seines Körpers kaum zehn Fuß, denen allerdings die gespreizten Fühler noch weitere zwanzig Fuß Reichweite gaben. So stark wie der Arm eines Mannes war jeder dieser Fühler, die sich in einem Büschel wie Karottenblätter von der Stirn ausbreiteten. Jeder Fühler trug an seinem Ende eine Saugplatte von großer Gewalt und war empfindlich wie der empfindlichste Menschenfinger. Wie ebensoviele blasse, hungrige Schlangen waren sie in emsiger, steter, suchender Bewegung. Das unheimlichste an dem unbeschreiblichen Monstrum aber waren die Augen: zwei tintenschwarze Linsen, weit ausgebuchtet und so hoch, daß ihre oberen Ränder den Kopfansatz fast berührten. Ohne Lider, unbeweglich und von einer nicht beschreibbaren Bösartigkeit, blickten sie drein, als könnte ihrer wachsamen Gier nichts entgehen.
Die schrecklichen Fühler betasteten jeden nackten Knochen des Walfischskeletts, ergriffen jede armselige Kreatur, die dort noch hing und warfen sie in den grausigen Schnabel. In furchtbarer Schnelle und Präzision vollendeten bei dieser Gelegenheit auch ein paar arme Fische ihr Schicksal, unklug genug, den Schauplatz nicht längst verlassen zu haben. Im Papageienschnabel begegneten sie sich mit etlichen Krabben und Krahfischen, die vergeblich versucht hatten, sich ins Versteck der Seelilien zu retten. So bescheidene Beute aber diente nur als Appetitanreger. Voll Jagdlust hob das blasse Ungeheuer sich auf den Grat des Walfischskeletts, spähte aus und ließ sich gemächlich auf die andere Seite gleiten, seine unfehlbare Gier hatte in dem benachbarten Felsstück etwas Bemerkenswertes entdeckt. Rasch zogen zwei neugierige Fühler zur Aufklärung aus. Mit einem Griff, der das zähe Fleisch des Wegelagerers krampfte, faßten sie zu.
Entdeckt und ohne Hoffnung sich zu retten, geriet der Straßenräuber nicht in Verzweiflung, sondern in sinnlose Wut. Er stammte aus grimmigem Kämpferblut, seine Augen spieen grüne Flammen, wie wahnsinnig schnappte das Tor seines Rachens. Wohl zwei Fuß weit tat dieser Rachen sich auf, packte einen der Fühler, wo er vier oder fünf Zoll dick war, und zermalmte ihn ohne Anstrengung, so sehnig er war. Dann aber hatten vier weitere Fühler sich in seinen Körper geheftet, daß alles Schnauben und Spucken und Schnappen keinen Widerstand mehr bedeutete.
Nicht schnell, aber unwiderstehlich wurde er aus seinem Lager geholt und in das Gezüngel schnürender Arme gezogen. Weite, tintenschwarze Augen glühten ihn ausdruckslos an. Dann tat der Papageienschnabel sich furchtbar auf, in einem langen, durstigen Schlürfen verschwand der Wegelagerer, den Kopf voraus, wehrlos, wohlschmeckend.
Mit diesem nahrhaften Bissen war das weiße Monstrum einstweilen gesättigt. Er setzte seinen Körper langsam in Bewegung und verkroch sich in die Rippen des Walfischs. Dort schien es mit offenen Augen zu schlafen, die Fühler sorglos um sich gebreitet. Als es wiederum still wurde, steckten die Glühwürmer ihre Lichterchen in Brand, ganze Büsche weißer Strahlen umschlangen rote und grüne Sterne, all die schwebenden, kaum erkenntlichen gespenstischen Lichter zogen Phosphorglanz durch stille Wasser. Nur das schöne zarte Violett tanzte nicht mehr über der verankerten Felsplatte im Schlamm der Tiefe, fünfhundert Faden unter dem Meeresspiegel.
Stromfahrt durchs Feuer
Gewissermaßen kannten sie einander recht gut, der Mann und der Bär. Seit fast zwei Jahren waren sie anerkannte Feinde.
Tatsächlich +gesehen+ hatte der Mann den Bären nur einmal, und auch da nur für einen kurzen Blick -- ein Paar pfiffiger, neugieriger Augen, die im tiefen Dickicht aufblitzten, einen furchtbaren, schwarzen Schatten, der geräuschlos im Dunkel versank. Die großen Spuren aber kannte er gut, die ein Drittel größer waren als die des gewöhnlichen schwarzen Bären in Ost-Kanada und sich in bedrohlichen Kreisen rings um seine Hütte zogen. Er kannte seine Klauen-Abdrücke, narbengezierte Bäume, in die der Träger dieser Klauen seine Zeichen fast so hoch setzte wie ein Grizzly-Bär.
Diese gefährlichen Klauen hatten manchen dicken, kaum halb verfaulten Baumstamm wie Papier auseinandergerissen, wenn der Bär nach Ameisen und Käfern suchte. Aus alldem konnte der Mensch unschwer den Schluß ziehen, daß hier seiner Herrschaft über die Wildnis, eine Herrschaft, die er vor kurzem erst angetreten hatte, ein gefährlicher Nebenbuhler drohte. Und dieser Nebenbuhler würde wahrscheinlich, wenn die kleine Farm erst mit Vieh versorgt war, auf Schafe und Ochsen eine schwere Steuer legen.
Im übrigen nahm der Mann an, daß sein Rivale einen Pelz von seltener Pracht trug, der auf dem Pelzmarkt einen besonderen Preis erzielen würde. In den Pausen zwischen Roden und Graben, Kartoffelpflanzen und Weizen säen, Hütten bauen und Busch brennen begann er deshalb, seinem gefährlichen Gegner Fallen zu stellen, denn er hielt ihn für zu listig, in den Bereich seiner Büchse zu kommen.
Der Bär kannte andererseits den Menschen viel besser, als der Mensch ihn kannte. Er beobachtete ihn, seit er zum ersten Male den Fuß auf die Ufer des wilden Südfork gesetzt hatte. Seitdem folgte ihm das riesige schwarze Tier wie ein Schatten, feindselig natürlich, weil er ein Fremder und ein Störenfried in seinen Einsamkeiten war, vor allem aber mit gespannter Neugier. Trotz seiner Größe konnte er sich, wenn es nötig schien, so geräuschlos wie ein Wiesel oder eine Schlange bewegen. Bewegungslos wie einer der alten Baumstümpfe, die längst vergessene Holzfäller zurückgelassen, hatte er beobachtet, wie des Menschen Axt blitzte und durch die Luft flog, wie Birken, Tannen und Eschen fielen, wie die Rodung wuchs und Sonnenlicht auf den wirren Grund des Forstes fiel.
Sein Erstaunen waren die beiden schweren, roten Ochsen, die dem scharfen Ruf des Menschen folgten und gefällte Stämme für ihn schleppten. Dann hatte er beobachtet, wie unter den geschickten Händen des Menschen die Hütte Form bekam, eine ganz überraschende Form. Anfangs hatte er nicht begriffen, warum die beiden großen Ochsen so gehorsam waren, statt sich gegen den Menschen zu kehren, ihn auf die langen Hörner zu spießen oder mit den gespaltenen Hufen in den Boden zu trampeln. Bald aber hatte er eine unerklärliche Gewalt in der Stimme des Menschen erkannt, in seiner unbedenklichen Gleichgültigkeit gegen jedes Auge, das ihn aus dem Dunkel des Urwalds anstarren mochte. Es war klar, daß der Mensch sich nicht fürchtete. Er mußte also sehr stark sein. Da begann der Bär, ihn zu fürchten, obwohl er zunächst nicht wußte, wovor er sich eigentlich fürchtete. Höchstens war es das Geheimnisvolle in der menschlichen Stimme, das scheinbar die Ochsen unterwarf und zum Gehorsam zwang.
Als die Hütte gebaut war, geschah etwas Sonderbares. Der Mensch war außer Sicht, über der sonnenbeschienenen Rodung summten Wespen und Fliegen, die roten Ochsen lagen wiederkäuend im Schatten und atmeten tief, ein großer Rehbock trat aus dem Baum und äugte nach der Hütte.
Da trat der Mensch aus der Tür und hob etwas an die Schulter, das wie ein langer, brauner Stock aussah. Gleich darauf kam ein Funke aus dem Ende des Stockes gesprungen, zugleich hörte man ein kurzes, scharfes Geräusch. Der Bock aber, der weit weg auf der andern Seite der Rodung stand, sprang in die Luft und fiel tot nieder. Bei diesem Anblick war dem Bären ein Entsetzen durch alle Nerven gefahren, und er hatte sich tief ins Dickicht verkrochen. Kein Wunder, daß die großen, roten Ochsen, trotz ihrer gefährlichen Hörner, diesem Geschöpf dienten, wenn es weithin töten konnte, mit einem kleinen Stock und einem scharfen Knall! Von nun an war der Bär noch eifriger dabei, den schrecklichen Eindringling zu beobachten, Angst und Feindschaft machten ihn immer wachsamer. Sicherlich durfte er den Menschen auch auf noch so kurze Zeit nicht aus den Augen lassen, sonst geschah etwas nie Gehörtes und nie Vergeßbares.
Als der Mensch jetzt zum ersten Male sein Feld bestellt, gesät und gepflanzt hatte und seine Hütte wetterfest war, legte er sich darauf, den Bären in einer Falle zu fangen. Der Bär aber wußte schon einiges von diesem Plan! Unter all den unsichtbaren, neugierigen Zuschauern, deren scheue Augen das Werk beobachteten: Eichhörnchen, Rebhühnern, Hasen, Waschbären, Regenpfeifern, Waldmäusen, Rehen, Füchsen und Eulen, war es der Bär, der am schärfsten beobachtete und verstand.
Die erste Falle war gebaut, mit dem Köder versehen und aufgestellt, und der Mann war fortgegangen, um sie ihre grausame Arbeit tun zu lassen. Da hatte der Bär sie der schärfsten Prüfung unterzogen. Obwohl er über den Fall Trojas nie etwas gehört hatte, besaß er doch von Natur aus jenes wichtige Stück Intelligenz, das den Männern von Troja, zu ihrem Unglück, gefehlt zu haben scheint. So fürchtete er den Menschen, selbst wenn er Geschenke machte. Er roch den Köder zwar, ein Stück frischen, fetten Specks, aber nur aus angemessener Entfernung. Damit wollte er nichts zu tun haben! Aus Großmut, nahm er an, war ein solcher Leckerbissen nicht für den ersten Besten dort aufgehängt.
Während er in einem Dickicht aus jungen Fichten, deren scharfer Duft seine Witterung einschläferte, saß und lauerte, kam eine langschwänzige Wildkatze angepürscht. Sie sah den leuchtenden, weißen Köder und machte sich rasch an den Eingang zur Todesfalle. Ihre runden, blassen Augen leuchteten gierig, obwohl sie vor dem scharfen Menschengeruch ringsum ängstlich die Ohren niederlegte. Klug war sie nicht, die Wildkatze. Sie wußte wohl, daß das köstliche Stück Fleisch dem Menschen gehörte. Aber er war doch nicht in Sicht! Sie konnte ja von weitem hören, wie er seine dummen Ochsen anrief. Geduckt zog sie vorwärts und warf sich mit leisem Freudeknurren über die Beute. Irgend etwas schien sich zu bewegen. Mit entsetzten Augen sah der Bär die drei schweren Stämme, die über dem Köder ein Dach bildeten, krachend niederfahren. Mit ohrenzerreißendem Gedröhne, das aber aufhörte, kaum daß es begonnen, hatten die Balken die unglückliche Wildkatze zerquetscht.
Ein rotes Eichhörnchen, das von einem nahen Ast den ganzen Vorfall beobachtet hatte, brach in jammervolles Geschrei aus. Ein Rabe, der sich auf schwarzen Flügeln aus den Baumwipfeln fallen ließ, setzte sich vorsichtig auf einen der Stämme und sah mit harten, neugierigen Augen die tote Katze an. Dabei wackelte er mit dem Kopf, als wollte er sagen: »Ich habe mir's ja gedacht!« Er war der Meinung, alle Wildkatzen sollten tot sein. Das war der Zustand, in dem er sie am meisten liebte. Aber die Art, in der diese hier ihr Ende gefunden hatte, erschreckte ihn doch und schien ihm ein Wunder.
Von diesem Tage an schien alles Werk des Menschen dem Bären eine Art Falle -- alles mußte er mit angstvoller Wißbegier untersuchen, aber nichts durfte er berühren!
So kam es, daß der Mensch im Laufe der Zeit eine Kuh und ein Kalb in die Rodung bringen durfte, dann ein Schwein, dann Schafe und ein halbes Dutzend geschäftiger Hennen, ohne daß der Bär je eine Tatze gegen sie hob. Besonders beim Anblick der Schafe wässerte ihm das Maul, aber sie sahen so verdächtig harmlos aus. Sicher waren sie Fallen. Wenn er eins ergriff, würden vielleicht die Balken über ihm zusammenkrachen und ihn so flach schlagen, wie die Wildkatze. Der Mensch nahm dies Verhalten als Selbstverständlichkeit und dachte nicht darüber nach, daß es Vorsicht war. Aber das Fehlschlagen aller seiner Listen machte ihn auf die Dauer wütend, und er schwur, des Bären Pelz zu besitzen, ehe noch ein anderer Winter ins Land zog.
Das Ende dieses Sommers brachte quälende Trockenheit. Der Südforkstrom, der immer in wilden Stürzen dahinsaust und aus nie versiegenden Seen im Hochgebirge gespeist wird, sank nur wenig. Im Ottanoonfluß aber zeigten sich nackte Sandbänke und schimmernde Steinblöcke, die von den ältesten Wäldlern im ganzen Land keiner je trocken gesehen hatte. Mancher Waldbach verschwand gänzlich; was noch an ihn erinnerte, war eine Kette stiller, schwarzer Tümpel unter gewaltigen Zedernwurzeln. In den Wildseen starben die Lilien, fahl lagen sie auf stinkendem, wurzeldurchwachsenem Morast. Der Mensch war nicht allzu erregt. Denn kaum dreihundert Meter weit von seiner Hütte, am Ende der Schonung, floß der Südfork, dem keine Trockenheit etwas anhaben konnte. Sein Weizen und seine Kartoffeln waren weit genug, um durch die erste Trockenheit nicht ganz zerstört zu werden. Und sein Vieh war mit Wasser versorgt.
An diesem Punkt und vielleicht eine Meile stromabwärts und flußabwärts brauste der Südfork nicht sehr wild, so daß der Mensch ihn in seinem großen Kanoe bequem befahren und ausfischen konnte. Weiter unten wurden die Stürze zwölf oder fünfzehn Meilen lang und fast unüberwindlich steil, bis der tobende Strom sich endlich in einen schattigen See ergoß.
Unter einem leblosen und trockenen Himmel, in brütender Hitze, schien der Forst qualvoll zu stöhnen und sich nach Regen zu sehnen. Aber statt der lang ersehnten grauen und kühlen Wolken, die schwere Sturzregen in sich trugen, kam plötzlich eine tiefe, braune Wolke, durch die die Sonne wie ein Diskus aus glühendem Kupfer aussah. Der balsamische Duft des Waldes verschwand, statt seiner kam ein scharfer, böser Dunst, der die Augen quälte und den Gaumen brennen machte. Da verschwanden die Adler, Eulen, Krähen und alle flügelstarken Vögel. Alle die vierfüßigen Jäger der Wildnis wurden unruhig, Gefahren umdrohten sie, die sie nicht bekämpfen und denen sie nicht entfliehen konnten. Der große, schwarze Bär suchte, die Nase hoch gehoben, in allen Richtungen des Kompasses die Wolken ab. Er verlor alle Angst vor dem Menschen und seiner Arbeit, wimmernd zog er sich fünf Meilen weit stromabwärts zu einem Tümpel, der sich im Bereich des schäumenden Südfork gebildet hatte.
Zur gleichen Stunde lehnte sich der Mensch, der unentwegt an seinem traurigen Kartoffelacker geschafft hatte, auf seine Hacke und sah mit Besorgnis die veränderten Wolken an.
»Feuer!« murmelte er. »Irgendwo in der Nähe, und vielleicht gar nicht weit! Wenn nur kein Wind kommt!«
Dann warf er die Hacke zur Seite, legte den Ochsen das Joch über und schickte sich an, drei Tonnen voll Wasser vom Fluß zu seiner Hütte zu bringen. Falls Funken über die Rodung fliegen, dachte er, ist es gut, Wasser zur Hand zu haben.
Bei dieser Arbeit fühlte er sich wie gelähmt, die tote Luft und eine dumpfe Vorahnung drückten. Als er jedoch sein Gespann am Ufer halten ließ, sah er jenseits des Flusses ein Bild, das Leben in seine Glieder jagte! Die Ochsen sahen es auch, sie wurden scheu, schnaubten und zerrten an ihrem Joch. Jenseits der Baumspitzen stiegen Rauchwolken auf, durch ihre Aeste brach da und dort eine rote Flamme, die wie eine höllische Zunge um sich schlug.
Der Mann wurde ein Satan von Kraft. Hin und her sprang er mit seinem Wassereimer, vom Fluß zur Tonne und zurück, brüllte furchtbar auf die Ochsen ein, die nicht stillhalten wollten, und bald hatte er die Tonne bis zum Rand gefüllt. Auf dem Weg zur Hütte aber konnte er nicht hetzen, der Weg war uneben, er mußte vorsichtig fahren, sonst verschütteten die Tonnen ihren kostbaren Inhalt. Die Ochsen aber brauchte er nicht anzutreiben, und nach einer schwierigen Fahrt auf dem heißen, holprigen Wege erreichte er einen abgerodeten Hügel hinter seiner Hütte. Hier blieb er einen Augenblick wie erstarrt. Auch vom südlichen Horizont, jenseits der Rodung, stiegen diese seltsamen Wolken auf, auch dort leckten dünne, rote Zungen bösartig empor und verschwanden wieder. Von beiden Seiten schloß sich das Feuer um ihn zusammen! Erst jetzt erkannte er die gräßliche Gefahr! Wassertonnen! Weiß Gott! ... Mit einem bitteren Lachen und einem Fluch über die Nutzlosigkeit seiner Mühen, in Gram und Wut über den Zusammenbruch all seiner Hoffnungen, befreite er die Ochsen aus dem Joch und rannte den Abhang hinunter, den Rest seiner Herde loszulassen. Er gab ihnen allen dieselbe Möglichkeit, das Leben zu retten, die er selbst hatte. Dann riß er eine Decke und ein leichtes Felleisen von seinem Lager und rannte zum Fluß.
Mittlerweile hatte der Bär den kleinen Teich -- Bogan nennen ihn die Indianer -- fünf Meilen stromabwärts erreicht. Er fand ihn schon gedrängt voll von schwimmenden, zitternden Flüchtlingen. Denn schon war im Norden und Süden der Himmel voll Rauchwolken, die in dunklen, rollenden Massen näher kamen, und von Baumspitze zu Baumspitze sprangen tobende Flammen.
Unter dem Druck eines plötzlich erwachten Ostwindes trieben die beiden Feuersbrünste zusammen. Mit furchtbarer Geschwindigkeit vereinten sie sich über dem Fluß, der gerade an dieser Stelle einen Bogen beschrieb und sich über eine Reihe gebrochener Felswände brodelnd südwestwärts wandte. Aber das Brausen der Wasserfälle wurde jetzt durch einen viel schrecklicheren Laut übertönt, das Zischen und Lodern der Feuersbrunst.
Durch die Aeste brachen gelbe, stickige Rauchwolken, von allen Seiten, unberechenbar wohin, und warfen sich auf das Wasser, wurden dünn und verloren sich, als hätte der sprühende Schaum sie verschluckt. Hier und dort loderte ein einsamer Tannbaum in Flammen auf und leuchtete wie eine riesige Notfackel, und plötzlich heulte es durch die Luft, ratterte wie von unsichtbaren Explosionen, und schwirrende Brände, Vorreiter der großen Feuersbrunst, loderten mit Zischen in die Flut.
An den Rändern der engen Bogan saßen die Tiere gedrängt und sahen mit weiten, angstgequälten Augen dies flammende, fliegende, fallende Verderben. Ein paar Wildkatzen und ein großer, grauer, kanadischer Luchs kauerten am Ufer oder auf ausgedorrten Stümpfen und Aesten. Als eine Lohe nahe von ihnen niederfiel, legten sie die Ohren glatt und schauerten schreiend zurück. All ihre Leidenschaft, zu jagen und zu töten, war von Furcht verdrängt, und sie sahen nicht einmal die zitternden Hasen, die verzagten Eichhörnchen, die stoisch-gleichgültigen Murmeltiere, die rings um sie zusammengedrängt saßen. Das blutdürstige Wiesel sogar dachte einmal nicht an Mord, in den behenden Reihen glitt es ängstlich auf und nieder. Ein roter Fuchs, sonst ein Geselle, der jeglicher Gefahr trotzte, saß am Ende eines gestrandeten Holzblocks und äugte in die Baumspitzen, als grübelte er in seinem Sinn über irgendeine Kriegslist nach, mit der dieser grauenvolle Gegner sich schlagen ließe. Die schwimmenden Tiere, Ottern, Biber und Wasserratten, bedeckten mit ihren Köpfen die Oberfläche der Bogan; bei allem Entsetzen vor dieser Katastrophe, der die Welt zu unterliegen drohte, vertrauten sie dennoch ihrem alten Element, das immer ihr Schutz gewesen. Ein schwarzer Elen-Bulle mit zwei Kühen und ein Dutzend Stück Rotwild standen bis zum Bauch im Wasser und tauchten von Zeit zu Zeit unter, um sich Kühlung zu verschaffen. Nur Bären waren nicht da, außer dem großen Schwarzen selbst, denn alle Rivalen hatte er in seiner Eifersucht längst aus der Gegend vertrieben.