Gestalten der Wildnis

Part 6

Chapter 63,512 wordsPublic domain

Als die Rache ganz vollzogen war, kehrte sie um, beschnüffelte minutenlang zärtlich ihr Junges, und aus ihrer zottigen Kehle kamen tiefe Schmerzenslaute. Stundenlang stand sie noch so, das Haupt gesenkt, bewegungslos, bis der letzte Sonnenschein dahin war und der Wald im tiefen Schwarz lag. Dann ging der Mond auf, warf sein weißes Licht über die Baumspitzen und breitete sich wie eine blasse Hand über den Felsen, bis er das traurig-grausame Schauspiel am Fuße des Hügels beleuchtete. Da war es, als verstünde die Elen-Kuh plötzlich, daß das Geschick sich unerbittlich vollzogen hatte. Sie hob das schwere Haupt, sog die Nachtluft mit vollen Lungen ein, und lautlos verschwand sie in den Zedern.

Ein oder zwei Stunden später pürschte sich vorsichtig der Bär wieder heran. Erst versteckt, hatte er seine letzte Gegnerin abziehen sehen, mit einem Ausdruck, als würde sie in diesem Forst nie wieder erscheinen. Hocherstaunt kam er jetzt angetrottet, um eine Erklärung für dies Wunder zu suchen. Die Erklärung war ganz nach seinem Geschmack. Für die zerstampften Reste der Luchsin hatte er nur ein verächtliches Grunzen, aber gesegneten Hungers machte er sich über das herzhafte Mahl her, das ihm das Elen-Kalb bot. Glückselig saß er auf seinen Keulen und genoß dies Fest, vielleicht mit einem Gedanken daran, wie doch die Bären unter allen Geschöpfen der Wildnis die glücklichsten seien. Das wäre zumindest eine kluge und richtige Betrachtung gewesen, hätte er sie nur anstellen können, und nicht mehr als der gebührende Dank für jene Mächte, die seine Art so großmütig bevorzugt haben.

Die kleinen Luchse in ihrem Lager, Säuglinge, die jetzt über allen Begriff hungrig wurden und jammervoll weinten, schienen einem langsamen und erbärmlichen Lebensende geweiht. Doch so grausam ist die Natur nur selten. Voll Neugier, zu wissen, ob auf dem Hügel etwas Neues passiert sei, kam der Fuchs durch die schwarzen Schatten geschlichen! Aus dem Dickicht heraus beobachtete er den Bären bei seinem Festmahl und begriff. Weiter durchforschte er das Hügelland und hörte das Jammern der Kätzchen. Sich diesen Ton zu erklären, fiel ihm nicht schwer. Noch eine kurze Erkundung, dann tauchte er in die Höhle unter. Ein paar Schreie, die schwach aber tapfer klangen, und nun war auch der Jammer von Hunger und Einsamkeit verklungen. Der Fuchs war viel zu sachlich, um mit seinen Opfern zu spielen und sie zu quälen, wie irgend ein Katzentier es getan hätte. Er tat sie auf einmal ab und schickte sich schleunigst an, sie in seinen Bau zu schleppen. Denn obgleich er selbst einen tüchtigen Imbiß wohl brauchen konnte, dachte er zuerst an sein Weibchen und seine Kinder, denen er mit ganzem Herzen ergeben war.

Jetzt, da die schreckliche Luchs-Mutter den Hügel nicht länger beherrschte, fing das kleinere Waldvolk wieder an ihn mit Vorsicht zu besuchen. In der Nachbarschaft des verlassenen Lagers hielten sie sich freilich nicht gerne auf, denn die Höhle im Gipfel konnte leicht einen neuen, gefährlichen Mieter finden. Von den beiden Körpern am Fuße des Felsens waren bald nur noch ein paar sauber und weiß geputzte Knochen übrig, dann verödete der Ort. Ein paar wilde Hühner und Spechte wurden seine einzigen Besucher.

So endete der Sommer. Als die Ahorn-Aeste sich langsam in herbstliches Gelb kleideten, erschienen wieder ein paar Kaninchen, einzeln und in Paaren, ein furchtsames, auseinander gestreutes Volk. Sie ließen sich nieder, und da die Zahl ihrer Feinde geringer geworden, vermehrten sie sich mit erstaunlicher Schnelligkeit, als wäre es ihr einziges Ziel, die Erde zu bevölkern. Bald horchten ihre langen Ohren, äugten ihre scharfen Augen wieder durchs Dickicht, empfindliche Nüstern witterten jeden Windhauch, und flockige, weiße Spiegel hoppelten aus dem goldigen Farrenkraut. Zwar liebten die Kaninchen den Zedernwald mit seinem feuchten und schwarzen Moos, seinen halb versteckten Teichen nicht, aber ein paar besonders abenteuerfrohe Gesellen unter ihnen streiften überall hin.

An einem frischen Oktobermorgen, als die Birkenbäume schon ganz in Gold getaucht zwischen den grauen Felsen des Hügels standen, streifte ein tapferer Kaninchen-Rammler am Fuße des Hügels hin und stöberte jenes Häuflein weißer Knochen auf. Erst erschrak er gewaltig und suchte mit großen Sätzen Zuflucht im Dickicht. Aber da die Knochen keine feindliche Haltung einnahmen, fühlte er sich bald beruhigt. Als er sie lange genug angestarrt hatte, kam er zur Ueberzeugung, sie seien harmlos. Mit verständnisloser Neugier umsprang er sie, dann ließ er sich wie ein Wachtposten auf dem Spiegel nieder, die langen Ohren in närrischer Wachsamkeit gespitzt. Nichts wäre ihm weniger in den Sinn gekommen, als die Tatsache, daß er und die Seinen verantwortlich waren für dieses Häuflein bleichender Gebeine.

Unter gespenstischen Lichtern

In jene ungeheure Tiefe drang nie ein Strahl von Licht, sie lag eine halbe Meile unter der wild gepeitschten grünpurpurnen Fläche des Ozeans und ihren milchweißen Schaumkämmen. Die seltsamen Bewohner dieser Tiefen konnten nicht bis zu den sonnenbestrahlten Flächen emporsteigen, durften nie erfahren, wie es dort oben war. Sie waren für gewaltigen Druck gebaut, unter dem sie geboren waren -- bei einer Reise zum Licht wäre ihr Gerüst zerstört, wären ihre Eingeweide nach außen gedreht, ihre Augen aus den Höhlen gerissen worden, und die zerbrechlichen Gewebe ihres Körpers hätten zerfallen müssen. So lebten sie ihre Jahre hin, ohne zu wissen oder zu ahnen, was Sonne ist, in einer Ruhe, die auch der wildeste Orkan nicht stören konnte.

Und doch waren diese Tiefen nicht in völlige und ewige Dunkelheit versenkt. Dann und wann verbreitete ein Schwarm zarter Infusorien vom Stamm jener Lebewesen, die nachts an der Oberfläche der See leuchten, ein Fleckchen nebelhaften Schimmers. Dann und wann kam ein blasser, trügerischer Schein, der immer wieder verlosch und wie ein Atemzug neu auflebte, von den weithin gebreiteten Büschen jener seltsamen pflanzenähnlichen Geschöpfe, die man Seelilien nennt. Und aus dem weiten Beben des tangbestreuten Meeresgrundes stieg ein seltsam phosphoreszierendes Leuchten auf, das die Dunkelheit bekämpfte. So herrschte für Augen, die empfindlich genug waren, diese leichten Bewegungen wahrzunehmen, etwas wie gespenstisches Zwielicht, das sich zumindest in Lichtflecken über das Bett der Tiefsee hinzog.

Neben diesem unruhigen Schimmer, der stets an seiner eigenen Schwäche hinzusterben schien, tauchte ab und zu ein Schwarm von Glühwürmern auf, die unter irgend einem Riff oder einem Busch von Lilien erstrahlten, um Sekunden später wieder zu verlöschen. Oft auch entflammten ein paar bescheidene Lämpchen in blauen oder violetten Farben, die sich in sanfter Bewegung rechts und links neigten, als ob ein unsichtbarer Träger das grausige Dunkel mit ihnen absuchte. Auf beiden Seiten dieses unkenntlichen Geschöpfs schimmerten blasse, lichte Büschel, helle Augen leuchteten auf, wurden größer und verschwanden. Manchmal bewegte sich durch das Dunkel etwas wie ein anderes Wesen, gleichsam das Gespenst eines Lichts; zwei lichte Büschel wehten von seiner Nase, seine Flossen schimmerten wie durchsichtige Nebel, und auf jeder Seite trug es eine doppelte Reihe sanft glühender Punkte. Oft folgte ihm eine größere Gestalt, geisterblaß, der Kopf gewaltig groß und lang, der Körper bebend und stürzte sich wie zur Flucht ins Gewirr der Seelilien. Gespenstische Lichter hasteten immer, in irgendwie phantastischer Form durch das lautlose Dunkel. Ueber einem Ding, das wie ein riesiger flacher Stein aussah, schwebte, zwei Fuß hoch, ein Büschel violetter Flammen, gleichsam eine Aureole zartleuchtender Gewebe, die wie Flaum aus einem Keim schwachen Lichts erwuchsen. Diese leuchtende Blüte hing, das verriet ihre duftige Durchsichtigkeit, an der Spitze eines dünnen Rohrs, das leise schwankte, obwohl in dem umgebenden Wasser keine Bewegung war. Diese Stütze aus Rohr schien aus einem flachen Felsstück zu wachsen, dessen schwärzliche Ränder im bewegten Schatten des Schlammes ringsum verschwanden. Die schöne kleine Flamme zitterte manchmal, manchmal zerrte sie an ihrer Stütze, manchmal verblaßte sie bis zur Unsichtbarkeit, um dann wieder in hellerem Glanz aufzustrahlen, im ganzen hatte sie eine Lebhaftigkeit, für die sich kein Anlaß zeigte.

Plötzlich erspähte einer der gespenstigen Fischkörper mit doppelter Linie glühwurmartiger Punkte auf den Seiten und riesigen weißlichen Augen die zitternde Flamme und nahm Richtung, sie zu erforschen. Der Besucher war klein, kaum einen Fuß lang und schien deswegen mit einiger Bescheidenheit aufzutreten. Doch als er näherkam, glaubte er, dies kleine violette Licht sei etwas, das man nicht nur mit Behagen essen, sondern auch ohne Gefahr in Besitz nehmen könnte. Er beeilte sich, daß nicht irgend ein hungriger Wanderer ihm zuvorkäme. Abgesehen von seiner seltsamen Beleuchtung machte er den Eindruck eines gewöhnlichen Fischleins aus höher gelegenen Wassern. Aber im Sturm auf das Flammenbüschel tat er einen erschreckend weiten Rachen auf, einen Rachen, aufgerissen bis zum Scheitel seines langen Kopfes!

Die kleine Flamme entwischte zur Seite und beugte sich zierlich zum Grund, als hätte sie Augen und wollte dem Angriff geschickt ausweichen. Gleich darauf geschah etwas Entsetzliches. Der flache, schwarze Block, der die Flamme getragen hatte, klaffte auf. Es tat sich eine Höhle auf, mit langen Zähnen bewehrt, die alle nach innen strebten. Der tollkühne Gespensterfisch war gefangen. Mit Schnappen schloß die Höhle sich; rechts und links schimmerten, wo sie gewesen war, zwei blasse, kalte Totenaugen. Ihr Phosphoreszieren dauerte nur eine Sekunde oder zwei, dann schien der schwarze Stein wieder eine leblose Platte wie zuvor, an der Augen wie dumpfe Warzen saßen. Und wieder stieg das violette Flämmchen sanft empor, zitterte und bewegte sich grundlos wie zuvor.

Plötzlich aber ging die Flamme aus, verlöschte ganz. Eine Reihe harter Stöße hatte die Wasser durchzuckt. Auch alle die anderen Lichtchen in der Nachbarschaft verlöschten plötzlich, die Glühwurmbüschel, die flimmernden Punkte und Sterne, die suchenden Augen und gespenstigen Lichtbüschel, ja selbst das bläßliche Leuchten der unerschütterlichen Seelilien war nicht mehr. Nichts war mehr zu sehen als die Nebelflecken der Infusorien und trügerischer Schein über dem Schlammbett. Irgendwo im Dunkel, viel zu weit, um sichtbar zu sein, aber nahe genug, sich schrecklich fühlbar zu machen, tobte eine Schlacht von Giganten. Für all die kleineren Wesen der Unterwelt hieß das »Licht aus und nicht gerührt!« Selbst jener große Steinblock von Kreatur, der doch sieben oder acht Fuß lang war und gut zwei Fuß breit -- dort wo sein Höllenmund sich geöffnet hatte, wünschte die Aufmerksamkeit dieser Kämpfer nicht auf sich zu lenken. Er hielt seinen zarten, violett schimmernden Köder gut versteckt und freute sich, unter allen Steinblöcken auf dem Meeresgrund am wenigsten beachtet zu sein. Allmählich verschwand die Unruhe, wieder lag das Wasser in schwerer Ruhe. Als erste Tiefseebewohner, die Vertrauen faßten, suchten die Seelilien das Dunkel, das eine unwiderstehliche Lockung für alle Arten zartlebender Organismen war, die ihr zuschwammen oder zuwehten, um von den fleischgierigen, immer hungrigen Blumen verschlungen zu werden.

Bald ließen auch andere vorsichtige Geschöpfe ihr Geisterlicht wieder ausstrahlen, nahmen ihr Schweifen, Schwimmen und Krabbeln wieder auf, -- Fische, Krebse, Seesterne, Krabben, mächtige Seeigel und purpurschwarze Rochen. Zu allerletzt schwenkte der riesige Wegelagerer, der Tiefseeräuber, seine liebliche violett schimmernde Todeslampe wieder über dem geheimen Abgrund seines Rachens.

Die Geistertiefe war keineswegs verlassen, wenigstens nicht in dieser Region. Geheimnisvoll geschäftiges, fast unsichtbares Leben schwärmte überall, jagte und wurde gejagt; aber ein paar Augenblicke lang kam dem schwebenden Köder nichts mehr nahe. Das Ungeheuer verlor die Geduld. Sein Hunger wuchs, es lebte doch nur, ihn zu befriedigen! Aber da es bei aller Kraft keine Schnelle besaß, die Beute zu verfolgen, konnte es nichts tun, als warten, immer tiefer in dem Schlamm versinken, der sein Versteck sicher machte. Sein einziger Ausdruck von Ungeduld war gesteigertes Wiegen und Beben des violetten Flämmchens am schlanken Rohr.

Ganz unerwartet wurde solcher Eifer belohnt. Das Licht erregte die Aufmerksamkeit einer drollig aussehenden krabbenartigen Kreatur, deren kleiner, runder, rosenfarbiger Körper sich auf unendlich langen Stengeln von Beinen bewegte. Seine Freßpartie war fast so groß wie sein Körper, und vom Kopf hingen zwei peitschenähnliche Antennen oder Fühler, die in ihrer Endlosigkeit fast noch lächerlicher waren als die Beine. In seinen Fühlern mochte irgend ein geheimnisvolles Organ, die Umgebung wahrzunehmen, verborgen sein, denn das Tier bemerkte das zitternde Violett der Flamme. Wo seine Augen hingehörten, da waren nur zwei schwarze Punkte, eine Art Nagelköpfe und dürftige Andeutung dessen, was bei einem seiner Tiefseevorväter Augen gewesen sein mochten. Dennoch, wie immer es geschehen sein mochte, die Storchenkrabbe hatte den Köder wahrgenommen. Tolpatschig, aber mit großer Geschwindigkeit pürschte sie sich heran, ihre mächtigen Kinnbacken arbeiteten gierig.

Ein anderer Landstreicher hatte das lockende Violett gleichzeitig wahrgenommen! Ein riesiger Purpurkrebs, stark wie eine Languste, schwamm vom Rücken heran. Der konnte freilich sehen, denn er trug ein Paar ausschweifend großer Augen und jedes dieser Augen hatte ein breites weißes Licht, strahlend wie eine Automobillampe. Er sah nicht nur den Köder, sondern auch den langbeinigen Rivalen, der sich von der Seite heranpürschte, und in eifersüchtiger Hast schoß er auf die Beute. Beide kamen gleichzeitig an, das Flämmchen gab sein Winken auf und sank. Beide verfolgten es, krachten aneinander und verschwanden in einer schwarzen Höhle, die ihnen jählings entgegenklaffte. Die Höhle tat nur einen saugenden Laut, dann schloß sie sich mit Schnappen. Für Sekunden erwachten die fahlen Augen an ihrer Seite, glühten im satten Grün und verloschen abermals. Dann wieder hob die violette Flamme sich lockend über schlammigem Grund. -- -- --

Der nächste Passant sah so stattlich aus, daß man glauben mußte, der Wegelagerer würde sich erschreckt vor ihm in Schatten hüllen. Es war ein gewaltiger Tintenruderfisch, gut achtzehn Fuß lang, mit zwei langen, dünnen Floßfühlern, die wie ein Paar Ruder von den Seiten seines Kopfes weg schwenkten. Für seine Größe war der Körper außerordentlich schlank, kaum einen Fuß im Durchmesser, er trug eine Rückenflosse, die vom Schwanz bis zum Ende des Kopfes reichte. Auf dem Kopf aber krönten diese Flosse ein paar schwere Stacheln, wohl zwei Fuß lang, die drohend über der Schnauze des Besitzers wachten. Der Körper war silbrig, in einer Art Kleid, das mattgrün phosphoreszierte.

Gleichgültig schwamm der Ruderfisch das zitternde lila Lämpchen an, das, so bedrohlich er aussah, sein Kommen kühn erwartete. Als er herankam, tat er ein schmales, nicht sehr gefährliches Maul auf, natürlich verschwand das Licht. Die Höhle darunter öffnete sich, schlürfte empor und schloß sich hinter den Kiemen des Ruderfisches. Minutenlang peitschte der lange Schwanz verzweifelt das Wasser, daß alle Lichter rings vor Schreck erloschen. Aber in der Gewalt dieses schrecklichen Rachens, dieser langen, reißenden Fänge, war der Tintenfisch hilflos trotz aller Kraft und Größe. Rasch wurde er reinlich in zwei Hälften zerbissen, der Kopf mit seinen Schutzstacheln rollte zur Seite. Die breite, nicht gerade einnehmende Gestalt des Räubers schwang sich aus dem Schlamm empor, schnappte gierig nach dem zitternden Körper, riß ein Stück von zwei Fuß Länge ab und verschlang es mühelos. Sein Magen schwoll und schwoll, aber er hielt das Festmahl durch, bis nur mehr ein zwei oder drei Fuß langes Stück Schwanzende an das Opfer erinnerte. Dann sank er auf sein Lager zurück, paddelte mit den Flossen, bis sein geschwollener Körper wieder ganz im Schlamm vergraben war und fuhr fort, das Riesenmahl zu verarbeiten. Da für den Augenblick kein Nahrungsbedürfnis bestand, wurde die violette Lampe eingezogen.

Sobald der Tumult sich gelegt hatte und die gespenstischen Lichter wieder erschienen waren, lief auf irgendwelchem seltsamen Weg das Gerücht um, neben dem großen Stein würde ein Festmahl gehalten. Nach wenigen Minuten schon wurden die beiden Ueberbleibsel des toten Ruderfisches, sein Schwanz und sein bewehrtes Haupt der Mittelpunkt von gierigem Leben und scharfen Kämpfen, über die in seltsamer Verwirrung Lichter spielten. Der blutrote Tiefseekrahfisch, gewaltige Krabben, Fische, die nur aus Kopf, Rachen und langen, peitschenähnlichen Schwänzen bestanden, Fische, die nur Magen und Därme waren, Fische mit Papageienschnäbeln, Geschöpfe ohne Augen, aber mit langen tastenden Antennen ausgerüstet, Fische, deren riesige, starrende Augen in gar keinem Verhältnis zu ihrem übrigen Körper standen, rissen Bündel von den beiden widerstandslosen Fetzen Fleisch oder fielen sich gegenseitig an, -- wie ihr Geschmack sie reizte. Ihre Lichter spielten ineinander und verwoben sich, bis jedes Stück des Opfers eine Masse aus pulsendem Dämmerlicht schien.

Da jeder dieser rasenden Genießer von kleiner Figur war -- die größte der Fischgestalten maß nicht mehr als einen Fuß Länge -- herrschte während der ersten Zeit unter den Festgenossen keinerlei Mangel. Dann aber kamen drei seltsam blickende Fremdlinge angesegelt, zu sehen, was los war. Schwarze Fische mit kurzen Leibern, etwa zwei Fuß lang, mit schleppenden, traurigen Säcken am Bauch. Ohne Eile schwammen sie herbei, überblickten die Sachlage, öffneten ihre Mäuler. So weit waren diese Mäuler, daß der eigene Körper des Fisches bis zum Schwanz darin Platz gehabt hätte. Neben diesen gähnenden Fallen wurden ihre Träger selbst beinahe zierlich.

Ohne Gier begannen die Besucher sich zu nähren, nicht vom Aufgetragenen, sondern von ihren Festgenossen. Sie schlürften ein wenig und verschlangen mühelos die ganz in Anspruch genommenen Esser. War man einmal in diesem Rachen, dann gab es nur noch einen Weg, denn die Kinnbacken waren mit langen, scharfen Zähnen besetzt, die alle hineinführten in die fassungskräftige und glitschige Gurgel. Fische, Garnelen, Krabben, sie alle wurden unparteiisch aber energisch in diese breiten elastischen Mägen gepumpt, in denen sie zu Paketen gequetscht liegen blieben, bis die Säure mächtig einsetzender Verdauung ihnen die letzte Ruhe gab.

Nach ein paar Minuten hing unter jedem der drei Fremdlinge ein Bauch, der größer war, als sein gesamter übriger Organismus. Dann segelten sie gewichtig und nachdenklich von dannen, das Versteck eines Tiefsee-Anemonen-Dickichts zu suchen, in dessen Schutz sie friedlich verdauen konnten. Die unbeschädigten Festteilnehmer aber setzten ihr Bankett fort, als hätte sie nichts gestört.

Verdauung ist für die Bäuche dieser Tiefseebewohner ein Prozeß, der mit erstaunlicher Schnelligkeit vor sich geht. Schon nach einer oder zwei Stunden hatte der Körper des überfüllten Wegelagerers seine normale Gestalt annähernd wiedergewonnen, sofort auch erwachte sein Hunger von neuem, sah man wieder sein lockendes, violettes Flämmchen über der Schlammplatte funkeln und tanzen.

Diesmal hatte er nicht lange zu warten, denn der Erfolg des vorangegangenen Gelages machte die sonst einsame Stätte zu einem Treffpunkt der Tiefseewelt. Eine unglaublich monströse, phantastisch formlose Gestalt kam langsam an. Mit großen, leeren Augen sah sie den Köder, machte sich langsam auf, ihn zu verschlingen. Der Neuankömmling, der sich in grünsilbriger Beleuchtung nur schattenhaft kundgab, sah aus wie eine Art Doppeldecker. Bei einer Länge von etwa fünf Fuß erinnerten Kopf und Hinterkörper an einen ungewöhnlich fetten und großmäuligen Aal. Tatsächlich war er eine seltsam entstellte Abart der Aalfamilie. Was ihn vom Familientyp abweichen ließ, war sein Bauch, der ausgewalzt schien, an den Randflossen fast durchsichtig, und der ungefähr wie ein lenkbares Luftschiff zigarrenförmig unter seinem Körper hing. In dieses amüsante Gepäckstück von Bauch war ein starker, schwärzlicher Fisch, von nicht weniger als zwei Fuß Länge hineingepackt, zusammen mit einer Masse zinnoberroter kleiner Seekrebse.

Selbst mit so außerordentlichem Proviant war die seltsame Kreatur noch wohl bei Appetit, vielleicht hielt sie das hübsche, violette Lämpchen für einen pikanten Nachtisch. Sie riß den Rachen auf und schoß herbei. Mit der unteren Kinnlade berührte sie schon beinahe das glühende Ding, indes sie sich leicht zur Seite warf, dabei aber hatte der pendelnde Zylinder ihres Magens den Felsblock im Schlamm beinahe berührt. Es öffnete sich der Felsblock und nahm gemächlich beides zugleich auf: den Bauch selbst und seine halbverdaute Beute. Dann schloß sich der felsähnliche Rachen, mit krampfhaftem Schwanzschlagen machte sich der Schwimmer davon, von Gestalt nun etwa einem gewöhnlichen Aal gleichend. Minutenlang drehte er sich in wahnsinnigen Kreisen, dachte nicht mehr an Feind noch Beute, für die er ja keine Verwendung mehr hatte. Dann, mit seinem Bauch jeden Lebensinhalts beraubt, legte er sich zur Seite und sank auf den Meeresgrund. Ehe er noch ausgezuckt hatte, war er schon zum Fraß einer Kolonie winzig kleiner, zitronengelber, augenloser Krabben geworden.

Die gelben Krabben hätten in kaum fünf Minuten eine bunte und zahlreiche Auswahl ungeladener Gäste bei ihrem Bankett gesehen, hätte nicht ein seltsames Etwas nun alle Aufmerksamkeit in etwas höhere Wasserschichten gezogen. Unmittelbar über ihren Köpfen erschien eine massige Gestalt, die im Niedergehen immer größer und glänzender wurde. Als sie näherkam, erwies sie sich als blaßgrünlicher Körper, mit langen Reihen und Bündeln aus weißem, gelbem, blauem und violettem Licht übersät! Der verwandelte sich in eine strudelnde Masse wildkämpfenden Lebens. Endlich ließ er sich langsam auf die Seelilien nieder und war nun das fast nackte Skelett eines Walfisches, innen und außen von jeder Species Tiefseeschmarotzer überschwemmt. Kein Wunder, daß unter solchen Umständen die zitronengelben Krabben ihren Raub in Ruhe verzehren durften.

Der Walfisch war an der Oberfläche von Fischern harpuniert, abgetrant und weggeworfen worden. Als das blutende Stück Aas versank, hatten sich zuerst Scharen von Haien gierig daraufgeworfen, sein Fleisch in großen, dreieckigen Stücken vom Skelett gerissen. In einer Tiefe, in der Haie den Druck des Wassers nicht länger ertragen können, war das riesige Skelett schon beinahe kahl. Den Haien folgten in immer größerer Zahl Scharen hungriger Tiefseebewohner, von jeder Familie und Art, schreckliche, 12 bis 15 Fuß lange, lanzenähnliche Geschöpfe, deren bewaffnete Kinnladen dem gewaltigsten Hai Respekt einflößen, kleine, schwarze, taschenähnliche Fische, die nicht größer sind, als eine Menschenhand, die nur aus Magen und Rachen bestehen, die aber keine Schwimmkraft haben, um die saftigen, Fleischstücke an sich zu reißen, in die sie die bissigen Zähne versenken. Während das mächtige Knochengerüst im größeren Wasserdruck immer langsamer niedersank, retteten die kleineren Geschöpfe sich so weit wie möglich in sein Inneres, um vor den größeren und gierigeren Tafelgenossen sicher zu sein. Aber innerhalb wie außerhalb des Skeletts war dieses Mahl ein unaufhörlicher und unbarmherzig geführter Krieg, denn großzügig und unparteiisch fraßen die Gäste einander auf.

Sobald das Skelett in seinem zitternden Glanz in das Bett von Seelilien gesunken war, eilten meilenweit alle Kriechtiere herbei, die meisten ohne Augen, aber mit langen Antennen von wundervoller Empfindlichkeit, und jedes wollte seinen Teil erobern. Jetzt strahlte das riesige Aas von Licht und Funken.