Part 5
Das Lager der alten Bärin lag in einer kleinen Höhle mit engem Eingang, gerade dort, wo die geneigte Fläche aus Schiefergestein, die einen Ausläufer des Blauberges bildet, plötzlich abbricht und einen tiefen Hohlweg überschattet. Dort, etwa fünfzehn Fuß unter dem Schiefer-Vordach lief ein halb zerborstenes Riff, das zum Eingang der Höhle führte. Auf diesen Eingang fiel jetzt ganz unbewölkt das Licht des Mondes und tauchte die Spitzen der Tannen im Tal darunter in schneeiges Weiß.
Es war zweifellos eine gefährliche Sackgasse, ohne Hintertür zum Entweichen, aber Ismael zögerte nicht. Er wußte, daß die alte Bärin weit fort war, in dem Dickicht auf der anderen Seite des Felsens, und ihr gestohlenes Mahl verzehrte. So glitt er an dem Schieferdach hin, einen Augenblick lang stand sein dunkler, biegsamer Schatten verräterisch im Licht. Dann schlüpfte er in die Höhle. Die beiden schwarzen, glänzenden Bärenjungen, die vielleicht die Größe einer Hauskatze hatten, fingen gerade an, hungrig zu werden. Im Hintergrund der Höhle zusammengekauert, wimmerten sie sich gegenseitig an, ihre kleinen, spitzen Ohren mühten sich ab, die schlürfenden Fußtritte der heimkehrenden Mutter zu hören. Ihre hellen, schalkhaften, kleinen Augen hingen sehnsüchtig an dem Flecken von Licht, der den Eingang zu ihrer Behausung füllte. Plötzlich sahen sie nicht die große Gestalt ihrer Mutter, hinter der alles Licht verschwand, sondern einen kleinen flinken Schatten, der mit zierlichem Sprung hereinkam. Und da wußten sie, daß dies springende Geschöpf ein Todfeind war, daß es sie deshalb mit so grausam gierigen Augen anstarrte, und beide erhoben sie ein schrilles, jammervolles Hilfegeschrei.
Wie es unter so persönlich gearteten, so hoch entwickelten Tieren wie den Bären oft vorkommt, waren die beiden Jungen in ihrem Temperament ganz verschieden. Eins von ihnen stellte sich tapfer der Gefahr, sein weiches Pfötchen fuhr zum Schlag empor, und die dünnen, schwarzen Ränder seiner Lippen fletschten sich mutig über den dünnen Zähnen. Das andere erstarrte im Blick der nahen, drohenden Augen, es zitterte bang und verlor alle Kraft, sich zu bewegen.
Dies unglückliche kleine Geschöpf war es, auf das Ismaels Auge zuerst fiel. Mit einem Sprung saß er an seiner Kehle, drehte es auf den Rücken und begann wild, das Blut zu saugen. In diesem Mord war die Wollust befriedigter Rache, und darüber vergaß Ismael alle Vorsicht.
Eine Sekunde später wurde Ismael durch ein schwaches Kratzen und Nagen an seinem Hinterbein gestört. Das andere Bärenjunge, von jenem Schlag, der die Gefahr nicht abwägt, war seinem kleinen Bettgenossen tapfer zu Hilfe gekommen. Mit triefenden Backen und furchtbarem Knurren sprang Ismael zur Seite, um sich auf den machtlosen Angreifer zu werfen. Im selben Augenblick aber fingen seine Ohren das Schleichen rascher Schritte draußen in dem Felsen. Mit einer blitzschnellen Bewegung, als wäre sein Körper ganz aus stählernen Federn, kam er bis zum Eingang zur Höhle. Dort aber erreichte ihn auch die Bärenmutter, atemlos vor Hast. Kaum beim Mahl, war plötzlich instinktive Angst über sie gekommen, sie hatte diese Angst nicht abschütteln können -- jetzt war sie da! Ihre furchtbare Tatze traf Ismael mit aller Wucht ins Gesicht, trieb ihm den Kopf zwischen die Schultern und klebte ihn an den Felsen. Dann traf die andere Tatze, wie ein Rammklotz, auf seine schlanken Lenden. Aber selbst in Todesnot arbeiteten seine Zähne noch, schnappte er wild und furchtbar um sich. Freilich, in ein oder zwei Sekunden war alles vorbei, lag er ohne Atem, eine formlose Masse aus Blut und Pelz, zu Füßen der Siegerin.
Die alte Bärin nahm Abstand und warf noch einen langen Blick auf den Kadaver, dann hastete sie wimmernd vor Angst in ihr Lager. Das unverletzte Junge kam ihr entgegen gekrabbelt. Mit hastigem Lecken und Beschnüffeln überzeugte sie sich, daß ihm nichts fehlte, dann wandte sie sich zu dem toten. Heulend beroch sie es, liebkoste es mit ihrer Zunge, bewegte es zärtlich mit der Tatze. Vielleicht eine volle Minute dauerte es, bis sie ganz begriffen hatte, daß es tot war. Als sie an der Wahrheit nicht länger zweifeln konnte, hörte sie auf zu jammern. Mit dem starren kleinen Leichnam im Maul verließ sie die Höhle und legte ihn sorgsam auf eine steil abfallende Felsecke. Als hätte sie ihm eine Art Beerdigung zugedacht, ließ sie den Körper langsam den Felsen hinabgleiten. Er fiel schneller und schneller, überschlug sich und blieb endlich in den Zweigen einer alten Pechtanne hängen, die, wohl fünfzig Fuß tiefer, gleichsam gewartet hatte, ihn aufzunehmen.
Die Mutter gönnte sich nicht die Zeit, diesen Fall zu beobachten. Heftig wandte sie sich um und warf sich noch einmal auf die Ueberreste Ismaels. Da schlug und bearbeitete sie diese mit ihren Tatzen, bis sie an kein Geschöpf mehr erinnerten, das je die Wildnis durchstreift hatte. Sie dachte nicht daran, sein widerwärtiges, zähes Fleisch zu verzehren -- sie war wählerisch im Essen, liebte Honig und Früchte und reine Nahrung. Als sie an dem Kadaver ihre ganze Wut ausgetobt hatte, schleuderte sie ihn rechts über die Felsnase, dann zog sie sich in die Höhle zurück, um das Kleine zu säugen, das ihr geblieben war. Was von Ismael übrig geblieben war, fiel in einen Hohlweg hinab, der viel begangen war. Dort balgten sich vielleicht um sein Fleisch ein paar neidische alte Füchse oder Wildkatzen, vielleicht bot er -- noch unrühmlicher -- ein lang ausgedehntes Fest für aasfressende Käfer und Schmeißfliegen.
Ein Jahr ohne Kaninchen
Es war das Hungerjahr -- für alle fleischfressende Kreatur der nördlichen Wildnis ein Jahr voll nie unterbrochenen Lauerns, hellster Wachsamkeit, ungeahnt heftiger Fehde. In diesem Jahre brach jede Schonung, jeglicher Vertrag.
Denn es war das Jahr ohne Kaninchen! Was kaum einmal in Jahrzehnten vorkommt, ihre schwärmenden Rudel waren auf rätselhafte Art verschwunden, als hätte eine Pestilenz sie ausgerottet oder als hätte eine Laune unbekannter Mächte sie ins Exil verstoßen. Seitdem herrschte Anarchie in der Wildnis, denn das Kaninchen ist dort die letzte Auskunft, der große Erhalter des Friedens. Das Kaninchen ist es, das unter den gefährlich selbständigen und unleitbaren Jägern und Räubern dem Leben eine gewisse Gleichmäßigkeit gibt. Auf seine unerschöpfliche Fruchtbarkeit, auf den Vorrat an Nahrung, den es mit der Legion seiner lebendigen Körper bietet, sind alle anderen Leben angewiesen. Die leichte Jagd auf Kaninchen befriedigt den Blutdurst der Raubtiere. Dank dieser mühelosen Jagd können die Raubtiere des Waldes sich nutzlose Kämpfe ersparen, und indem sie eins das Leben der anderen schonen, vermeiden sie Gefahren und unnützes Blutvergießen. Denn, mit Ausnahme mancher Männchen in der Brunstzeit, suchen nur wenige Raubtiere den Kampf um des Kampfes willen. Mit einem Gegner von annähernd gleicher Tüchtigkeit lassen sie sich nur dann ein, wenn es die Verteidigung ihrer Jungen gilt. Ein zu kostspieliger Sieg ist ja meist so schlimm wie eine Niederlage. Er schwächt auch den Sieger, daß er dem nächsten Feind, den der Zufall über seinen Weg führt, zur leichten Beute wird.
Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, wenn man unter den größeren Tieren manchmal so etwas wie Waffenstillstand beobachten kann, soweit er die hilflosen Jungen angeht. Es handelt sich da nicht um Wohlwollen, es ist einzig und allein die Frage kühler Ueberlegung. Werden aber ihre Jungen bedroht, dann sind selbst die Schwachen gefährlich, die Starken von unversöhnlichem Rachedurst. Im allgemeinen gilt deshalb unter gleich Starken das Beschleichen von Brutplätzen nicht als gute Jagd. Die Gefahr ist zu groß für den Gewinn. Als jedoch die Kaninchen verschwunden waren, hatte sich alles geändert. Da wurde jede Jagd gute Jagd.
Man kann sich schwer vorstellen, daß diese kleinen, huschenden, schlau-äugigen Tierchen im Haushalt der Wildnis eine so bedeutsame Rolle spielen. Dennoch war kein Tier so stark oder hochmütig, daß es bei ihrem Verschwinden gleichgültig geblieben wäre. Der Mensch sogar wurde davon betroffen; denn jetzt kamen die Füchse und die Wildkatzen seiner Siedlung nahe, pürschten sich an die Hühnerhöfe und die Weideplätze abgelegener Farmen. Auch die großen Pflanzenfresser, Hirsche, das Renntier und sogar das gewaltige Elen wurden von der plötzlich einreißenden Anarchie ergriffen. Jetzt mußten Elen und Renntier ihre Jungen mit einer Wachsamkeit behüten, wie nie zuvor. Die schwächeren Tiere aber bekamen Feinde, die sie bisher kaum beachtet hatten, die aber grausam gefährlich wurden.
Von allen Bewohnern der Wildnis war der Bär am wenigsten betroffen. Er hatte nie mehr als einen gleichgültigen Seitenblick für ein so geringes Wesen wie das Kaninchen gehabt, und solange er im Forst Wurzeln, Früchte und Schwämme, Maden und Käfer, Ameisen und Honig fand, spielte Fleischnahrung für ihn kaum eine Rolle. Wurde aber einmal der Hunger auf Fleisch mächtig in ihm, dann liebte er große Jagd auf Rehe, Schafe oder eine verlaufene Färse. Aber trotz all ihrer Unabhängigkeit mußten selbst die Bären auf das Verschwinden des Kaninchens Rücksicht nehmen. Sie bekamen Furcht, sich allzu weit von ihrem Lager zu entfernen, denn in ihrer Abwesenheit konnte ein besonders kühner Fuchs oder Luchs oder Fischer eindringen und die Jungen töten.
Die Luchse waren es andererseits, die am meisten zu leiden hatten. Sie und die Wiesel waren die eifrigsten Kaninchenjäger, dem Luchs aber fehlte die Anpassungsfähigkeit des Wiesels. Der Luchs geht seinen von Alters her bestimmten Weg; obwohl er viel wilder und auch viel kampftüchtiger ist als sein kleiner Vetter, die Wildkatze, ist er doch dem Menschen und all seinem Beginnen gegenüber besonders scheu. Statt mit Fuchs und Wildkatze die Bauernhöfe zu umschleichen, blieb der Luchs, wo er einmal war, hungerte oder ging auf gefährliche Jagd.
Fast auf der Spitze eines steilen und felsigen Hügels, im Herzen eines Zedern-Dickichts, hatte eine weise alte Luchsmutter ihr Lager. Die Oberfläche des Hügels war ein Wirrwarr aus verknorrten Birken und Schierlingstannen, in brüchige Felsblöcke eingekeilt, das Lager aber eine Höhle mit engem Eingang, nahe der Spitze. Hier glaubte die Mutter der Wildnis ihre Brut wohl versorgt. Alle Zugänge zu der Höhle waren eng und schwierig, und nur ein kühner Feind hätte diesen gefährlichen Eingang betreten, solange er nicht ganz sicher war, ob die Mutter zurückkehren würde. So wagte sie es, was in dieser gefährlichen Zeit nur wenige Mütter wagten, weit hinaus auf Beute zu schweifen. Und das war gut. Denn ihre getigerten, samtigen Kätzchen waren derbe und hungrige Kinder, deren Säuglingsgewinsel schon einen herben, streitlustigen Klang hatte, selbst da sie noch blind im Nest krabbelten. Die Mutter mußte tüchtig jagen, um für die Ansprüche dieser geliebten Brut Milch genug in den Brüsten zu haben.
Im Gegensatz zu den meist glücklicheren Müttern der Wildnis hatte sie ganz allein für ihre Familie zu sorgen. Ihr zügelloser Gatte durfte nicht einmal wissen, wo das Familienversteck lag, sonst war es möglich, daß er sich in einer Anwandlung unväterlicher Gier aus dem eigenen Nachwuchs ein Festmahl machte. Für gewöhnlich sah sich dies wilde und verschlafene Ehepaar, ausgenommen in der Brunstzeit, nur selten. In diesem Hungerjahr aber trafen sie sich häufig zu gemeinsamer Jagd auf irgendein Wild, mit dem sie einzeln nicht fertig werden konnten. War das Glück ihnen günstig, dann konnten sie zusammen vielleicht einen Bock zur Strecke bringen. Aber kaum hatten sie sich brav daran gesättigt und die Ueberreste im Dickicht verborgen, floh das Weibchen in angstvoller Hast zu ihrem Lager. Das Männchen stellte sich, als wollte es ihr folgen; aber da wandte sie sich mit so drohender Wut gegen ihn, daß er zurücksprang, sich auf seine Keulen setzte, seine noch bluttriefenden Lippen schleckte und sie so unschuldig anblickte wie ein Kätzchen seinen Herrn, nachdem der Kanarienvogel verschwunden ist. Die erfahrene Mutter aber ließ sich nicht täuschen. Ueber ihre graue Schulter zurückäugend, knurrte, spuckte und zischte sie, bis die gefährliche Erscheinung ihres Gatten außer Sicht war. Dann schwenkte sie von ihrem Wechsel ab und schlug eine entgegengesetzte Richtung ein. Ihr Eheherr aber hatte viel zu viel Liebe zu seinem Fell, als daß er es gewagt hätte, ihr zu folgen.
Als die Luchsmutter eines Tages von solch einem Ausfluge heimkehrte, bald wie ein Lichtstrahl durchs Dickicht gleitend, dann wieder in großen, geräuschlosen Sprüngen, fühlte sie plötzlich etwas wie eine dumpfe Vorahnung. Vielleicht war sie länger als gewöhnlich fort gewesen. Mit gespanntem Körper schlich sie voran, hinein in das Gewirr aus Blöcken und Felsen. Kaum am Ziel, fing ihre Nase eine scharfe, fremde Witterung, und ein Streifen rötlich-gelben Fells verschwand unter einem Busch. Schnell wie der Blitz war auch sie in diesem Busch -- aber da war nichts mehr! Um die nächste Ecke jedoch bog ein großer Fuchs. Sie zauderte einen Augenblick. Besinnungslos vor Wut, war sie nahe daran, ihn zu verfolgen, ihn mit ihren furchtbaren Krallen in Stücke zu reißen -- dann war die Mutterliebe stärker. Sie eilte zu ihrem Lager, schnüffelte hinein, wimmernd vor Angst und Sehnsucht.
Die Kätzchen waren alle da, ungestört, und drängten sich an ihre Zitzen, als sie es fühlten und rochen, daß die Mutter sich über sie beugte. Aber sie hatte jetzt keine Zeit, sich den Wünschen der Jungen zu widmen. Der Gedanke an ihren Feind ließ sie nicht ruhen. In aller Hast beleckte sie die Kleinen, um sie ein wenig zu beruhigen, dann ließ sie sie wieder allein, und hinter ihr klang hell der Jammer von Hunger und Enttäuschung.
Sorgfältiges Abschnüffeln belehrte die Mutter bald, daß der Fuchs kaum auf zehn Fuß weit an den Einschlupf herangekommen war. Aber für ihr liebendes Herz war das schon mehr als genug. Der Feind hatte aufgeklärt, er hatte das Versteck gefunden, in dem sie ihren Schatz verbarg! Es war ein Feind, den sie fürchtete, denn er war stärker als sie selbst, und ganz außer sich vor Wut und Angst suchte sie jeden Winkel und jeden Spalt auf dem Hügel ab. Natürlich fand sie nichts als Moschus-Duft, den er so freigebig zurückzulassen pflegt. Der Zufall aber wollte es, daß sie am Fuße des Hügels, fast unmittelbar unter ihrem Lager, einen anderen Eindringling entdeckte. Ein schwarzer Bär grub dort Wurzeln aus der fetten Erde zwischen den Felsen. Sein Besuch war so harmlos wie möglich, er dachte nicht einmal an junge Luchse. In den Augen der sorgenden Mutter aber spionierte auch er den Weg zum Versteck ihrer Kleinen auf!
Natürlich kann auch der stärkste Luchs den Kampf mit einem Bären nicht wagen. Eine Mutter aber ist Mutter, und dies ist das große Wunder unserer Schöpfung. Der Bär wühlte aufmerksam Moos und Gras durcheinander und dachte an keine Gefahr, als wie ein Wirbelwind Klauen und Zähne und wildes Fauchen ihm ins Genick kamen. Er war völlig überrascht, blutete schwer und schlug vergeblich mit seinen schweren Pranken über die Schulter. Jeder Schlag hätte seinen wütenden Angreifer getötet, aber nicht ein Mal traf er; kaum daß er ein Stückchen armseliges Fell berührte. Im nächsten Augenblick floh er, und von Entsetzen gepackt, tobte er durch die Zedern. Die Luchsmutter saß ihm im Nacken, biß und kratzte, bis ein niedriger Zweig sie abschüttelte. Worauf sie eine Pause machte, um die langen, schwarzen Haare, die sie so eifrig ausgerissen hatte, aus ihren Zähnen zu spucken und dann mit erleichtertem Herzen zu ihrem Lager zurückzukehren.
Der Bär rannte drauf los, aber sein Entsetzen wich allmählich einem Gefühl von Entrüstung, bis dieses jedes andere Gefühl unterdrückte. Da machte er Kehrt und trottete langsam auf der eigenen Spur zurück. Er wollte den unverschämten Wegelagerer aufspüren und erledigen!
Als er den Hügel erreicht hatte, änderte er abermals seine Absicht. Schließlich: war es der Mühe wert, der Hexe aufzulauern? Sie schien reichlich listig zu sein. So wechselte er zur anderen Seite des Hügels und tobte dort seine Wut aus, indem er einen alten Baumstamm zu Splittern riß.
Obwohl ein winziger Gegner ihn ruhmlos in die Flucht geschlagen hatte, war das Abenteuer für den Bären nicht allzu wichtig. Seine Wunden waren leicht und bald vergessen. Etwas anderes war es für die Luchsmutter. Ihre Sicherheit war dahin! Sie fühlte, daß beide, Fuchs und Bär, hinter ihren Jungen her waren, durfte sich nicht mehr aus dem Bau wagen, um zu jagen. Nahe dem Lager aber gab es, dank ihrem guten Ruf, selten ein Stückchen Wild zu sehen. So konnte sie nichts mehr tun, als in unermüdlicher Geduld auf wilde Hühner und Waldmäuse zu lauern. Dabei wuchs ihr Hunger, der Vorrat kostbarer Milch in ihren Brüsten wurde geringer, indes die Jungen, deren Augen sich gerade öffneten, in ihrer Gier immer dringlicher wurden.
Etwa drei Tage nach dem Besuch des Bären und des Fuchses tauchte eine riesige Elen-Kuh in der Gegend jener Höhle auf, die suchte, wie die Luchsmutter es jüngst getan hatte, Ruhe und Sicherheit. Sie langte auf der andern Seite des Hügels an und ahnte nichts von der Luchsin, die in ihrem Buschversteck, nahe der Spitze, auf der Lauer lag. Sie war schwarz und grimmig und sah sehr gefährlich aus, die große Elen-Kuh. Sicher konnte sie mit einem einzigen Schlag ihrer gespaltenen Vorderhufe auch die größte Katze zusammenschmettern. Deshalb dachte die Luchsin auch nicht daran, mit ihr selbst anzubinden. Aber sie wußte genau, weshalb die schwarze Pflanzenfresserin dies Versteck aufsuchte, und hoffnungsvoll leckte sie ihre schnurrbärtigen Lippen.
Bei Tagesanbruch gebar die Elen-Kuh ein langbeiniges, zitterndes Kalb und bettete es in das zarte Moos am Fuße des Felsens. All ihre Schmerzen waren im Augenblick vergessen, lang und zärtlich beleckte sie das Neugeborene, bis sein zartes Fell trocken war und dunkel glänzte. Als dann der warme Tag erwachte, krabbelte es auf seine schwachen Füße und machte den ersten Versuch, zu säugen. Es war so lächerlich mager und klapprig, dickköpfig und gliederschwach! Die wackligen Beine konnten das Gewicht des Körpers kaum tragen, nach zwei oder drei Minuten sank es wieder ins Moos zurück. Und da lag es, blickte mit sanften, neugierlosen Augen um sich, indeß die Mutter es mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit betrachtete. Für sie war dieses Kälbchen das Einzige im ganzen grünen Forst, das wirklich schön war ...
Ein Raschellaut, aber anders als der von fallendem Laub oder Gezweig, kam plötzlich an ihr wachsames Ohr. Scharf wandte sie den Kopf. Da hockte, keine hundert Fuß weit ab, der Bär am Zedernstamm, wühlte Erde und hatte das Maul voll heller, gelber Pilze. Ein Bär! Unter allen nur möglichen Feinden war das der furchtbarste! Mit einem harten Schrei, einer Art heiseren Gebrülles, stürzte sie gegen ihn!
Der Bär war überrascht und erschrak beim Anblick des schwarzen Unwetters, das auf ihn niederging. Er war kein besonders großer Bär, aber sie war eine besonders große Elen-Kuh. Falls er imstande war, nachzudenken -- eine Frage, in der die Gelehrten sich scharf widersprechen -- dann überlegte er vielleicht, daß dieser Hügel keine besonders glückliche Gegend für ihn war. Zu viele Mütter und kaum genug Pilze. Jedenfalls beschloß er, eiligst zu verschwinden. Und diesen großen Entschluß führte er so geschwind aus, daß es ihm gelang, einen gewaltigen Abstand hinter sein Hinterteil und diese furchtbar schmetternden Hufe zu legen. Da empfand er, daß er sich mit einiger Berechtigung Glück wünschen dürfe.
Die Luchsin hatte aus ihrem hohen Versteck den wilden Angriff der Elen-Kuh auf den Bären beobachtet, und ihre blassen, runden Augen standen in Flammen. Unhörbar verließ sie ihr Versteck -- das schwache Opfer ließ keinen Schrei hören. Viel zu erfahren, viel zu geschickt im Töten war die Luchsin! Sie wünschte keinen Kampf, der die Aufmerksamkeit der Mutter von der Verfolgung des Bären abzog. So verließ das unglückliche Kalb dies Leben, dem es eben erst seine Augen geöffnet hatte und wußte nicht, wie ihm geschah. Die Luchsin schleppte ihre widerstandslose, aber noch zitternde Beute eilig den Felsen hinauf. So rasch wie irgend denkbar mußte sie das Kälbchen aus dem Bereich seiner Mutter bringen.
Für ein Tier ihres Gewichts, nicht mehr als vierzig armselige Pfund, war die Luchsin bewundernswert stark, und dabei war sie leidenschaftlich in ihrem Entschluß. Dies Beutestück würde es ihr möglich machen, im Bau zu bleiben, bis die Jungen die Zeit der völligen Hülflosigkeit überwunden hatten. Nichts konnte sie mehr in die Ferne locken. Aber trotz aller verzweifelten Anstrengungen war das armselige Kälbchen mit seinen langen, schleppenden Beinen so unhandlich, daß sie nur gefährlich langsam über die brüchigen Felsen klettern konnte.
Als die Elen-Kuh erfaßt hatte, daß der Bär ihr entronnen war, machte sie eilends kehrt. Das leichte Moos flog unter ihren gespaltenen Vorderhufen, so schnell eilte sie zu ihrem Kalb zurück. Dann fiel sie in einen schlendernden Trott, dachte nichts Böses mehr und war stolz darauf, den Feind so tapfer vertrieben zu haben. Da war das Junge nicht mehr auf seinem Platz! Einen gewaltigen Satz tat sie vorwärts, ihre lodernden Augen suchten die ganze Fläche des Hügels ab, und da sah sie mit einem Blick nach der Höhe, was geschehen war!
Als diese schwarze Rachegestalt donnernd auf sie zutobte, strengte die Luchsin sich verzweifelt an, ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Der Abhang war an dieser Stelle so steil, daß ein Elen ihn kaum erklettern konnte. Aber die verzweifelte Mutter schnellte sich dennoch empor, und ihre vorgeworfenen Hufe trommelten zu beiden Seiten des toten Kälbchens auf die Felsen. Im Augenblick verzagt, ließ die Luchsin ihre Beute fahren und duckte sich mit bösem Fauchen. Dann sah sie, daß der Gegner zu kurz gesprungen war, stieß wieder vor und senkte die Zähne aufs neue in die Gurgel des Opfers.
Von ihrem wilden Sprung war die Mutter heftig auf die Keulen zurückgefallen. Ohne den Stoß zu beachten, nahm sie einen neuen Anlauf, und dann ging's abermals zum Angriff. Diesmal war sie weniger ungestüm, und die Luchsin, die über die Schulter des Kälbchens nach ihr äugte, war ohne Angst. Aber in Wirklichkeit war die weiße alte Elen-Kuh nie so gefährlich wie gerade jetzt. Sie, die schon so manches Lebensjahr, so manche Gefahr triumphierend überstanden hatte, sie wußte, wie ihre Kraft am besten zu brauchen war. Und bei dem ersten Sprung schon hatte sie gesehen, daß ihrem Jungen nicht mehr zu helfen war. Rache war alles, woran sie denken konnte!
Bei diesem Angriff stemmte sie die beiden Hinterbeine ein und prallte in einem wundervoll berechneten Stoß vor. Die Luchsin wurde völlig überrumpelt. Nahe daran, das Gleichgewicht zu verlieren, klammerte sie sich mit aller Kraft auf ihren Stützpunkt, in wütendem Zorn, mit zitternden Ohren. Diesmal hatte sie sich gänzlich verrechnet. In der nächsten Sekunde schon traf sie die Wucht eines der stampfenden Vorderhufe, trieb ihren Kopf zwischen die Schultern -- und da torkelte ihr zäher Körper, kraft- und willenlos über das tote Kälbchen hin.
Abermals fiel die Elen-Kuh zurück, denn es war ihr auf dem festen Abhang nicht möglich, festen Fuß zu fassen, dann wiederholte sie den wundervollen Sprung. Diesmal stampfte sie die beiden Körper ineinander und ließ sie den Abhang hinunterkollern. Klar und unerbittlich in ihrer Wut, fegte sie das Opfer sorgfältig zur Seite, trampelte seine Reste in die Erde.