Part 4
Die Nacht war angebrochen, der Mond, dreiviertel voll, zeitig erschienen. In einem Versteck aus Hollunderbüschen, einer Art Insel im offenen Land, lagen zwei Jäger, die in dieses Tal gedrungen waren, um Elen zu jagen. Der eine, ein Riese von Kerl, nach seinem Anzug zu schließen wahrscheinlich der Führer, trug außer dem Gewehr eine Axt und ein langes Rohr aus Birkenrinde, das wie eine Trompete aussah. Es war Brunstzeit. Wohl versteckt, aber doch mit freiem Ausblick auf die Steppe, hatten die beiden es sich für eine lange, ereignislose Wartezeit bequem gemacht. Adam Moore, der Führer, nahm sein Birkenrohr an die Lippen und orgelte den seltsamen Lockruf der Elenkuh, der hart und formlos, aber unbeschreiblich wild und einsam klingt. »Bei Gott, Adam,« murmelte Rawson, »Sie treffen den Ton!« Moore dankte für so viel Anerkennung; dieser kaltäugige, abgehärtete Engländer, der in jedem Winkel der Welt großes Wild gejagt hatte, gehörte zu den wenigen Sportsleuten, auf deren Anerkennung er Wert legte. Nach kurzer Pause stieß er seinen Lockton zum zweitenmal aus, dann legte er das Instrument über seine Kniee und wartete. Die Luft war unbewegt. Unter blauweißem Mondschein schien die lautlose, unbegrenzte Wildnis zu Glas erstarrt. Dann aber kam von fern her das Geräusch brechender Aeste, kam näher und näher. »Dacht' ich mir, Adam,« flüsterte Rawson. Er hob sein Gewehr auf ein Knie. Moore legte die große Hand auf seinen Arm:
»Hören Sie! Zwei!«
Auf gute Schußweite wurden die Flüchtlinge sichtbar, verhetzt und erschöpft. Das Geweih des Bullen war herrlich! Aber Rawson sah nur die Angst der Prachttiere, und unwillkürlich ließ er sein Gewehr fallen. In ihrer Angst vor Unbekanntem kamen die Flüchtlinge geradenwegs auf das Dickicht zu, dachten nicht an die Schrecken, die dort auf sie lauern mochten. In ihrem Weg lag ein Baumstumpf, den ein vergangenes Hochwasser hergetragen und zurückgelassen hatte. Der Bulle umging ihn. Die Kuh aber, fast blind vor Erschöpfung, stolperte darüber, fiel mit einem klagenden Schrei auf ihre Schnauze und lag da, als fürchte sie nicht länger ihr Schicksal. Als die Gefährtin nicht mehr an seiner Seite ging, blieb auch der Bulle stehen und beschnüffelte sie gesenkten Hauptes. Er berührte sie mit seiner Schnauze, stieß sie mit dem scharfen Geweih, um sie zu neuer Anstrengung zu zwingen. Dann stand er trostlos neben ihr, blickte den Weg hinab, den sie gekommen.
»Gutes Wild!« flüsterte Rawson mit glänzenden Augen.
Im nächsten Augenblick rauschte es heran, unsere Gestalten huschten durch das Mondlicht.
»Wölfe, Hochlandswölfe!« schrie Moore. Er war im Westen gewesen und kannte die Sorte.
»Acht Stück!« Er warf das Rohr fort und griff zum Gewehr. Wild von langer Hatz, zögerten die Wölfe keinen Augenblick, sondern sprangen wie besinnungslos auf ihre Beute, ihr grauer Führer eine halbe Länge vor der Front. Im Näherkommen glühten die nackten, weißen Fangzähne und kalten Augen im Mondlicht. Der gehetzte Bulle rührte sich nicht. Als das Leittier jedoch nach seiner Gurgel sprang, zuckte er zurück und schlug mit scharfen Hufen furchtbar um sich. Diese unbekannte Art von Verteidigung überraschte das Leittier; in vollem Sprung prallte es gegen die wirbelnden Hufe und blieb mit zerschlagenem Schädel liegen. Gleich darauf knallte Rawsons Gewehr, ein zweiter Wolf fiel. Die übrigen aber hingen an Flanke und Schultern des tapferen Bullen und versuchten, ihn niederzureißen. Noch einmal feuerte der Engländer, ohne der Wirkung zu achten. Dann sprang er rasend vor Kampflust, dem Bullen zu Hilfe, schwang sein Gewehr wie eine Keule. Moore, der nicht mehr schießen konnte, weil er Gefahr lief, Rawson zu treffen, griff zur Axt und folgte ihm in langen Sätzen. Als Rawson seinen Kolben auf den Rücken eines Wolfs schmetterte, der im Genick des Bullen hing, sah er ein kleineres, schmaleres Tier, das ihn von der Seite beschlich. Instinktiv brüllte er »Kusch« und gab dem Angreifer einen wütenden Fußtritt unter die Schnauze. Wäre er weniger mit seinem Kampf beschäftigt gewesen, dann hätte er mit Erstaunen gesehen, daß der neue Angreifer winselnd den Schwanz zwischen die Beine zog, ihn umschlich und in seltsamer Ergebenheit vor ihm liegen blieb. Ganz plötzlich hatte ein Befehl aus menschlicher Kehle alte Dressur in dem Hundebastard wieder lebendig gemacht.
Ihres weisen Führers beraubt, kehrten die jungen Wölfe nun alle Wut gegen die neuen Angreifer. Für Minuten hatte Rawson Not, sich gegen die Sprünge einer flammenäugigen Bestie zu decken, die er nur mit kurzen, wütenden Stößen bekämpfen konnte, weil der Raum für einen tötlichen Schlag fehlte. Zugleich aber führte der Riese seine Axt mit so furchtbarer Wirkung, daß die Zahl der Angreifer schon auf drei geschmolzen war. Einen von diesen erledigte der Bulle, der, blutüberströmt, aber nun im Kampf von seiner dunklen Angst befreit, die hämmernden Vorderhufe so blindwütend brauchte, daß er Freund und Feind gleich gefährlich wurde. Das Glück wollte es, daß er Rawsons Gegner traf, der sich jetzt heulend gegen ihn kehrte. Dadurch fand Rawson Zeit zu einem vollen, sausenden Schlag, der den Kampf beendete. Von den beiden letzten Wölfen erlag einer, der Moore von der Seite angesprungen hatte, seiner sausenden Axt. Beim Klang seines Todesröchelns zog der letzte überlebende sich zurück, zögerte einen Augenblick und gab dann die verlorene Schlacht auf. Als er floh, den Bauch an der Erde, schwang Moore noch einmal die Axt. Sie pfiff von der Faust eines erfahrenen Hinterwäldlers gelenkt durch die Luft, und zerschmetterte dem Flüchtling das Rückgrat. Der Riese sprang nach, ergriff noch einmal die Waffe und gab dem winselnden Tier den Gnadenschlag.
Die arme Kuh war inzwischen wieder zu Atem gekommen und stellte sich mühsam auf die Füße. Sie zu schützen, nahm der Bulle seine Retter an. Rawson entging mit knapper Not seinem Angriff.
»Wir sind nicht länger beliebt,« lachte er und zog sich in sein Dickicht zurück. Da sprang die Bastardhündin, die er fast vergessen hatte, mit unverkennbar hündischer Demut an ihm empor. Er betrachtete sie einen Augenblick voll Erstaunen, erkannte sie dann und verstand.
»Scher dich weg und sei dankbar für dein ganzes Fell!« kommandierte er: »Ueberläufer!«
Er wollte seinem Befehl mit dem Gewehrkolben Nachdruck geben, aber Moore widersprach:
»Nicht wegjagen!« sagte er. »Bin froh, daß Sie sie nicht wollen. Jetzt behalte ich sie selbst. Ist mehr wert, als ein Dutzend meiner elenden Köter ohne Nase und Appell. Sie hat übrigens ihre Lektion hinter sich! Die geht nicht wieder zu den Wölfen über!«
Ismael in den Schierlingstannen
Er war wirklich ein Ismael. Seine Zähne und Krallen waren gegen jedes Geschöpf der Wildnis, ob groß oder klein, und jedes andere Geschöpf der Wildnis war gegen ihn -- die Schwachen in nie ruhender Angst, und selbst die Stärkeren in einem Haß, dem Furcht sich beimischte. Der Bär sogar, der so herablassend höhnisch auf viel größere Feinde blickte, bequemte sich, ihn mit wachsamer Feindseligkeit zu betrachten. Ganz gleichgültig war nur das riesige Elen-Tier. Es stolzierte durch den Forst und beachtete seine Existenz nicht.
Und doch war dieses Geschöpf, dem es glückte, einen so gewaltigen Tribut an Furcht und Haß zu erheben, wie dieser Ismael aus den Schierlingstannen, nicht größer als ein Fuchs. Unter den Waldleuten und den Trappern war er unter verschiedenen Namen bekannt. Meist nannte man ihn den »Fischer«, obwohl es im Dunkel liegt, warum er so genannt wurde. Seine Tüchtigkeit im Fischen war bei weitem nicht so groß wie die des Waschbären, und mit der Geschicklichkeit solcher Meister, wie Mink und Otter, konnte er sich nicht vergleichen. Auch unter dem Namen »schwarze Katze« war er bekannt, obwohl er weder schwarz, noch eine Katze war. Daß er so unpassende Namen trug, ist jedoch weniger erstaunlich, als es auf den ersten Blick schien. Er gehörte nicht zu denen, die sich einer peinlichen und sorgfältigen Beobachtung fügen. Was die Menschen dann und wann von ihm zu sehen bekamen, war nur geeignet, Irrtümer zu erregen.
Als ein Mitglied der großen und gefürchteten Mustela-Familie besaß dieser Ismael aus den Schierlingstannen ganz die blitzhafte Gewandtheit und den wilden Mut seines kleinen Vetters, des Wiesels, aber zugleich die unerbittliche List und die erstaunliche Muskelkraft seines größeren Stammesgenossen, des verhaßten Vielfraßes, den man auch den »indianischen Teufel« nennt. Obwohl von der scharfen, grausamen Schnauze bis zum Ende seines hübschen, buschigen Schweifes keine drei Fuß lang, war er durch unglaubliche Gewandtheit und die Wut seines Angriffs selbst dem stärksten Fuchs und jedem Hund, der nicht mindestens zweimal so groß war, ein überaus gefährlicher Gegner. Die wenigen Feinde, die er als überlegen an Kraft anerkennen mußte, konnte er im allgemeinen durch List besiegen.
Im tiefen Dickicht der Schierlingstannen hatte Ismael seine Zuflucht, dort, wo die tiefen, immergrünen Bäume Winters wie Sommers die Sonne abschließen, wo geborstene und faulende Baumstämme die Erde zu einem Labyrinth gewundener Schleichwege und unübersehbarer Verstecke machen. Hier war sein eigentliches Gebiet, denn er konnte wie ein Eichhörnchen klettern, und es war ihm gleichgültig, ob er auf dem Erdboden marschierte, oder in den bebenden Spitzen der Tanne. Doch gab es, dank seiner allzu großen Jagdtüchtigkeit, im Schierlingswald nicht mehr allzu viel Wild, und so mußte er seine Beutezüge weit über Land führen. Da er geräuschlos wie ein Mink und unermüdlich wie ein Wolf lief, legte er zwischen Abend- und Morgenrot ungeheure Entfernungen zurück. Irgendwelche Grenze erkannte er nicht an. Ganz unparteiisch brach er in alle Reservate ein und forderte jeden anderen Waldfrevler zum Wettbewerb an Kraft und Arglist heraus. Den ganzen Tag aber schlief er im tiefen, grünen Schatten der Schierlingstannen, zusammengeknüllt wie eine friedliche Katze, die in einem Heiligenschrein ruht. Sein ungeheurer Kraftaufwand forderte lange Ruhe. Und das war ein Glück für alle anderen Waldtiere, denn so konnten sie den ganzen Tag ungehindert durch den Tannenwald ziehen und ihren verstohlenen Geschäften nachgehen, ohne an den schrecklichen Schläfer in dem Baum zu denken. Verschwand aber die Sonne, dann fürchteten sich selbst die schnellen Waldmäuse vor seiner Nachbarschaft. Und die wilden Kaninchen, die auf Ismaels Speisezettel eine Hauptrolle spielten, flohen den wegsameren Hartholzwäldern zu, um ihre Mondscheinfeste zu feiern. Das Wiesel sogar, dieser unversöhnliche Mörder aller Brut, versagte es sich, im Schierlingswald zu jagen. Denn es wußte, Ismael würde es nicht nur hetzen -- etwa in blinder Freude an dem schwierigen Sport --, nein, er würde auch sein zähes, sehniges Fleisch, das trocken wie eine Peitschenschnur ist, herunterwürgen, dies Fleisch, das kein anderer Forsträuber berührte, solange ihn nicht verzweifelter Hunger trieb.
An einem Frühlingsabend -- das Licht des aufgehenden Mondes versilberte die dünne Spitze, ehe noch der letzte Sonnenstrahl im Nebel verschwunden war -- wachte Ismael mit ungewöhnlichem Appetit auf. Ein bißchen hastig kroch er aus seinem Lager und gönnte sich nicht, wie sonst, die Zeit, an dem langen, schräg liegenden Baumstumpf, hinter dem seine Höhle lag, hinzuscheuern. In der vergangenen Nacht hatte er ausschließlich von Kaninchen gelebt, und Kaninchenfleisch hat seine Eigenart, der Hinterwäldler sagt, »es hält nicht vor«. Man wird sofort wieder hungrig, auch nach einem noch so herzhaften Kaninchenmahl, so daß man sehr häufig essen muß, wenn man von diesem Fleisch leben will. Vielleicht ist das eine Fürsorge der Natur, die hindern will, daß das fruchtbare Geschlecht der Kaninchen die ganze Erde überschwemmt.
Als Ismael auf seiner Treppe auftauchte, hallte eine dumpfe, hohle Stimme plötzlich durch die Baumspitze. Diese Stimme war schrecklich, und sie klang ganz nahe, aber dennoch war es fast unbestimmbar, woher sie kam. Ismael kannte ihr Drohen sehr gut. Aber ohne sich daran zu kehren, sprang er den schiefen Baumstamm hinab. Für ihn hatte die große Horneule, der Schrecken aller kleineren Räuber, keine Bedeutung.
Zufällig aber war dieser fremde Marodeur ein Neuankömmling, eingewandert aus den wenig besiedelten Distrikten südlich des Ottanoon-Tales, wo »Fischer«, die Nachbarschaft und Gewohnheiten der Menschen fürchten, selten sind. Die Eule kannte Ismael nicht. Ihre blassen, starren Augen sahen eine pelzumkleidete Gestalt am Baum hinuntergleiten. Als auf diesen huschenden Körper ein Strahl des Mondlichts fiel, schloß die Eule ihre Schwingen über den Rücken und stieß geräuschlos nieder. Gerade da blickte Ismael mit tiefem Knurren auf. Mit einem heftigen Satz sprang er zur Seite, es war für ihn kein schwieriges Abenteuer. Ismaels geschmeidiger Hals reckte sich und seine langen Zähne senkten sich tief in die gepolsterten Schenkel der Eule. Zwar bekam er nur ein Maul voll dauniger Federn, aber der verletzte Vogel ließ rasch von einer so gefährlichen Begegnung ab. Ismael spuckte gewaltig, um sein Maul von dem zähen, würgenden Gefieder zu befreien.
Dann trat er in großer Geschwindigkeit seinen Marsch an. In der Nachbarschaft hatte er kein Wild zu erwarten, deshalb war er in Eile, und wie er so in langen, geräuschlosen Sprüngen auszog, war er eine schöne Verkörperung von Kraft, Gliederbeherrschung und Schnelligkeit. Um aber keine Gelegenheit zu versäumen, die irgendein Jagdzufall ihm in den Weg führen konnte, hielt er im Laufen die Nase hoch und achtete auf jede Witterung. Als er den Schierlingswald verlassen hatte, geriet er in ein Gebiet von jungem Nachwuchs, in ein Dickicht aus halbhohen Kiefern, vermischt mit Birken, Pappeln, Ahorn und Weichseln. Hier nahm er ganz unerwartet eine scharfe Witterung auf. Er stand still wie vor einem Schuß, erstarrte im Augenblick zur Unbeweglichkeit, hielt die Schnauze hoch, und seine scharfen Nüstern prüften die Luft in jeder Richtung. Die Witterung kam von einem Stachelschwein und war so frisch, so einladend, daß er wußte: das stachlige Nagetier war nicht weit. Seine unermüdlichen Augen spähten die Umgebung ab. Endlich, in die Höhe blickend, bemerkte er einen dunklen Ball, der sich im schlanken Ast einer Birke wiegte.
Nun ist das Stachelschwein eine Beute, auf die sich die meisten Waldjäger nur ungern einlassen. Seine todbringenden Stacheln sind scharf wie Nadeln und mit dünnen Widerhaken so besetzt, daß sie sich, einmal ins Fleisch eingedrungen, immer weiter bohren, bis sie ein Zentrum des Lebens erreichen. Wiesel, Fuchs oder Luchs setzen sich dieser Gefahr nur aus, wenn der Hungertod sie bedroht. Aber Ismael hatte seine eigene Art, mit Stachelschweinen umzugehen und er wußte, daß das Fleisch unter diesem gefährlichen Panzer kräftig und wohlschmeckend ist. Ehe das stumpfsinnige Stachelschwein seine Nähe auch nur ahnte, saß er schon auf der Birke, weit draußen auf dem wiegenden Ast.
Der dünne Ast bog sich unter seinem Gewicht, als Ismael vorsichtig darauf hinschlich. Das Stachelschwein wunderte sich, daß es plötzlich so viel schwerer wurde, und zog sich auf einen weniger gefährdeten Punkt zurück. Aber ehe es seinen Weg noch halb gemacht hatte, stand es plötzlich, nur ein paar Zoll weit, dem schweigenden, todbringenden Gesicht Ismaels gegenüber.
Im Augenblick stand jede Stachel zur Verteidigung auf. Aber die Lage auf dem schwankenden Ast war so schwierig, daß das Tier sich nicht sofort in jene Kugel aus spitzen Nadeln verwandeln konnte, vor der alle seine Feinde sich fürchten. Krampfhaft versuchte es, sein nacktes, ungeschütztes Gesicht zwischen den Pfoten zu verbergen. Die Erscheinung vor ihm schlug zu rasch zu. Ismaels Kopf schnellte vor, schnell und geradeaus wie das Maul eines Rattlers, bohrte sich unter die drohende Front der Widerhaken und grub in die Nase des Stachelschweins seine unwiderstehlichen Fangzähne.
Im selben Augenblick begann Ismael, der alle nur möglichen Gefahren dieser Lage kannte, auf dem Zweige rückwärts zu kriechen. Das Stachelschwein kämpfte darum, sich zu wenden, um den Feind mit seinem mächtigen Schwanz niederzuschlagen, aber es wurde allzu heftig fortgerissen. Es wehrte sich mit den Pfoten, hielt sich mit aller Kraft zurück und trachtete, seine blutende Nase freizubekommen. Aber da war jede List und jeder Widerstand zu schwach, so unwiderstehlich zerrte Ismael.
Bis jetzt war das Abend-Zwielicht in seiner geisterhaften Mischung aus Sonnenuntergang und erstem Mond ganz ohne Stimmen gewesen. Nur der friedliche Ruf eines Nachtfalken klang manchmal hoch über dem violetten Gewölk der Abendnebel. Jetzt brach in diesen Frieden ein jammervolles Gewirr von Tönen, halb unterdrückt und dennoch verzweifelt. Nur wer unmittelbar unter dem Baum stand, hätte den Kampf mit ansehen können. Aber das heftige Brechen von Zweigen, atemlos stöhnende Seufzer, das Knirschen von Klauen, die unbarmherzig aus der Rinde gerissen wurden, waren beredte Künder des Trauerspiels. An der Gabel des Astes angekommen, krallte Ismael seine kräftigen Hinterläufe in den Stamm ein, und mit einem plötzlichen Ruck brachte er das Stachelschwein um seinen Halt, schlug es mit Gewalt gegen einen tiefer liegenden Ast. Halb ohnmächtig und von Entsetzen gepackt, legte das Opfer all seine Stacheln zurück und suchte krampfhaft nach einem Halt. Ismael ließ es diesen Halt beinahe finden, aber als die Beute so ausgestreckt und verteidigungslos hing, gab er die Nase frei und schnappte nach der Gurgel. Sofort erlahmte der Widerstand und hörte im Augenblick ganz auf. Als das Tier bewegungslos hing, ließ es Ismael los, und der Körper fiel in die Tiefe. Voll Angst, irgendein anderer Räuber könnte ihm zuvorkommen, folgte Ismael ihm nach, wälzte ihn sorgfältig auf den Rücken -- denn er wußte, daß die unteren Teile unbeschützt waren -- und dann begann er sein Mahl.
Nachdem er gefressen hatte, so viel er konnte, ließ er die Ueberbleibsel achtlos für den nächsten Hungrigen zurück, mit dem ganzen Selbstvertrauen eines immer erfolgreichen Jägers. Er selbst begab sich in die Krone einer nahen, hochstämmigen Buche. Hier machte er sich an eine sorgfältige Toilette, putzte seinen schönen Pelz, bis auch nicht eine Spur des blutigen Abenteuers zurückblieb. Dann verließ er die Buche und schlich durch die mondsilbrige Stille, so wach und jagdlustig, als hungerte er seit vielen Stunden.
Durch diese Stille kam jetzt das leichte Plätschern eines laufenden Wassers. Als hätte dieser Laut eine Erinnerung in ihm geweckt, schwenkte er scharf zur Seite, und in ein paar Sekunden erreichte er eine kleine grasige Halde am Ufer eines seichten Baches, der sanft über die Kiesel plätscherte. Ismael war nicht durstig. Er schenkte dem Wasser keine Aufmerksamkeit, sondern kroch schnüffelnd durch Gras und Kräuter, bis er plötzlich gefunden hatte, wonach er suchte. Da stürzte er sich hinein, überschlug sich wieder und wieder und biß in einer Art von Wollust um sich. Was er gefunden hatte, war ein Beet mit Katzenkraut, ein Gewürz, für das er die halb wahnsinnige Leidenschaft der Katzen selbst fühlte.
Als Ismael sich an dieser Kostbarkeit genug getan hatte, ging er stromabwärts, die Nase hoch, wie immer. Aber die Schärfe seiner Witterung hatte im Augenblick durch das Gewürz gelitten. So geschah es, daß Ismael, als er einen schweren verfaulten Baumstamm umschlich, geradezu in eine große schwarze Bärin hinein rannte, die im Moder nach Käfern grub. Die Bärin machte mit ihrer riesigen Tatze einen furchtbaren Angriff, und nur durch einen blitzschnellen Seitensprung entging Ismael einem bösen Schicksal. Wütend und feindselig umschlich er den Stamm und erschien plötzlich auf der andern Seite, knurrte giftig und duckte sich, als wollte er dem großen Tier an die Kehle fahren. Doch war er keineswegs wahnsinnig; als die Bärin mit zornigem Brummen nach ihm schlug, duckte er sich zur Seite und verschwand wie eine Schlange im Unterholz.
Unter den Aesten eines Tannen-Dickichts hinkriechend, stieß er fünf Minuten später auf etwas, das warm und lebendig war und zusammengeknüllt auf dem Boden lag. Ismaels Nase hatte diesmal versagt -- vielleicht weil die Brut der wilden Tiere bisweilen, gleichsam zu ihrem Schutz, keine Witterung gibt --, und seine Augen hatten gleichfalls versagt, weil die unbewegte kleine Gestalt in Farbe und Linie ganz in ihre Umgebung verschmolz. Die Ueberraschung war für Ismael nicht überwältigend. Seine geübten Zähne fuhren sofort und ohne Ueberlegung nach der Gurgel des neuen Opfers. Es erklang ein scharfes Wimmern, voll Ohnmacht und Sehnsucht, dann kämpften hilflose Glieder einen tragisch-kurzen und matten Kampf. So sorgsam die Mutter es versteckt hatte, das Rehkalb war allzu früh dem Schrecken der Wildnis erlegen.
Ismael liebte Wildpret fast noch mehr als Stachelschwein. So trank er gierig das warme Blut, obwohl er nicht gerade hungrig war, und brachte es sogar fertig, noch einen soliden, kleinen Nachtisch zu sich zu nehmen. Bei dieser angenehmen Beschäftigung versäumte er es doch nicht, nach der alten Rehkuh zu wittern, denn er wußte, daß ihre messerscharfen Hufe und ihre Mutterverzweiflung selbst ihm gefährlich werden konnten. Plötzlich dröhnte und krachte etwas durch die Aeste. Es war jedoch nicht die Hindin, die in das Dickicht einbrach, es war die große, schwarze Bärin. Sie hatte ihn verfolgt, und jetzt war sie da, ihm seine Beute abzunehmen. Eine oder zwei Sekunden lang war Ismael blind vor Zorn, stemmte sich über das Wildpret, und so gefährlich war die Wut, mit der er den Eindringling anfletschte, daß es schien, als würde die Ungleichheit ihrer Kampfmittel ausgeglichen. Aber die Bärin kümmerte sich nicht um diesen Zorn. Sie polterte vorwärts und schlug plötzlich nach dem kleinen braunen Tier, das so unverschämt war, ihr Widerstand zu leisten.
Der Hieb fiel natürlich in die Luft, denn Ismael war wie ein Schatten verschwunden. Aber gleich darauf fühlte die Bärin einen stechenden Schmerz in den großen Muskeln über ihrer Ferse. Wie der Blitz fuhr sie herum und schlug abermals. Aber wieder war Ismael verschwunden. Laut knurrend duckte er sich, zwölf Fuß weit fort von ihr, als forderte er sie zur Verfolgung auf.
Die Bärin jedoch, so böse sie war, ließ sich nicht verlocken. Ihre Wunde war wohl schmerzhaft, aber nicht gefährlich, denn der Rachen ihres Gegners war viel zu schmal, um ihren großen pelz-geschützten Gliedern ernsthaften Schaden zu tun. An Gewandtheit aber, das wußte sie, konnte sie sich mit dem durchtriebenen kleinen Gegner nicht messen. Vor allem war sie hungrig. In ihrem Lager, unter der Felsnase eines nahen Bergrückens, hatte sie zwei helläugige, lustige Bärenjunge liegen, und der Appetit dieser Jungen stellte Anforderungen an ihre Brüste, denen sie mit einer Nahrung aus Waldkäfern und wilden Knollen kaum entsprechen konnte. Das Fleisch der Rehkitze war für sie ein Gottesgeschenk. Unfreundlich brummend, machte sie sich an die Mahlzeit, hielt aber dabei einen wachsamen Blick auf den Feind.
Nun traf es sich durch Zufall, daß Ismael von dem Lager unter der Felsnase und seinen verwöhnten Inhabern wußte. Aus sicherem Hinterhalt hatte er alles beobachtet, vor Bosheit mit den Zähnen knirschend, aber doch nicht wagemutig genug für das gefährliche Abenteuer, dort einzudringen. Jetzt war seine Wut stärker als jeder Gedanke an Vorsicht. Trotzdem verließ die Schlauheit ihn nicht ganz. Er machte einen zweiten drohenden Vorstoß gegen seine Gegnerin, um sich ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit zu versichern, und dann drehte er sich zur Seite, als hätte die Wut ihres Gegenangriffs ihn gelähmt. Er verzog sich nicht allzu schnell, und in einer Richtung, die entgegengesetzt zu der des Bärenlagers war. Pfiffig hielt er sich im Mondlicht der offenen Wiese, die Augen der alten Bärin folgten ihm aufmerksam, bis er unter dem Schatten verschwand.
Endlich, als er sicher war, daß kein Auge mehr ihm folgte, machte er Kehrt, beschrieb einen kurzen Umweg und eilte dann schnurstracks zur Felsnase.