Part 3
Aber die Orca schien den Versuch nicht wiederholen zu wollen. Die Gewalt ihres Angriffs war furchtbar gewesen und hatte wohl auch ihr den Atem verschlagen. Jetzt schwamm sie ruhig vor dem Felsen auf und ab, ein grausamer und schrecklicher Belagerer. Gardner sah in ihre kalten, kleinen Augen und zitterte vor dem intelligenten und unversöhnlichen Haß, der darin flammte.
Als er sich soweit erholt hatte, um seine Lage zu überdenken, mußte er zugeben, daß sie nahezu verzweifelt war. So weit er auch nach den Seiten und nach oben die Klippen abfühlte, fand er keine Zacke und keinen Griff, mit Hülfe deren er hoffen konnte, die Spitze des Felsens zu erklettern. Wie lange sein rachsüchtiger Feind die Belagerung fortsetzen würde, konnte er nicht beurteilen. Aber wenn er bedachte, wieviel Leid er ihm zugefügt hatte, wie sachlich seine Art der Belagerung war und wie furchtbar die Wut seines Angriffs, hatte er wenig Anlaß, zu hoffen, daß er seinen Posten bald verlassen würde. Er wußte, daß die Orca in diesen belebten Wassern reichliche Nahrung finden würde. Aber so reich dies Meer auch an tierreichem Leben war, wußte er doch, daß ein Schiff hier nur selten auftauchen würde. Die Küstenschooner mußten hier einen weiten Bogen machen, der unsichtbaren Riffe und unterirdischer Strömungen wegen. Seine Insel war sicher nur eine halbe Meile weit vom Strand, unter gewöhnlichen Umständen für ihn eine leichte Schwimmübung. Aber selbst wenn der Belagerer ihn verließ, hatte er keinen Schutz gegen die Gier der riesigen Haie, die in diesen Insel-Kanälen ihr Wesen trieben. Er war der vollen Glut der Sonne ausgesetzt -- der Felsen fühlte sich unter seinen Händen schmerzhaft heiß an -- und so fragte er sich, wie lange es dauern würde ... Bald würden seine Beine unter dem Gewicht des Körpers einknicken, er würde vorwärts torkeln, direkt in den Rachen seines lauernden Feindes. Dann beruhigte er sich über diese Gefahr, denn er bemerkte plötzlich, daß die Sonne bald hinter seinem Riff verschwinden und ihn im Schatten lassen würde. Was die Hitze anbetraf, konnte er es also bis zum nächsten Morgen ruhig aushalten. Aber dann? Blieb das Wetter schön, wie sollte er dann die unerträglich lange Glut des Vormittags überstehen, ehe die Sonne zum zweiten Mal hinter der Klippe verschwand? Er begann, um Sturm und undurchdringlichen Nebel zu beten. Aber dabei hielt er plötzlich inne, es wurde ihm bewußt, in welcher Klemme er war. Kam ein Sturm, dann war zu dieser Jahreszeit anzunehmen, daß es ein Südost war; in diesem Falle würden die ersten brandenden Seen ihn von seinem Sitz herunterwaschen. So beschloß er endlich, sein Gebet ganz allgemein zu halten und der Vorsehung keine zweifelhaften Ratschläge zu geben.
Unwillkürlich kramte er in seiner Tasche herum, zog ein Paket durchnäßten, triefenden Tabaks nebst einer Büchse nasser Streichhölzer hervor. Unter den Streichhölzern waren ein Paar Wachszünder, und er hatte eine dürftige Hoffnung, daß er sie nur sorgfältig zu trocknen brauchte, um vielleicht einen Funken zu schlagen. Er breitete sie mit dem Tabak auf den heißen Stein zwischen seinen Füßen. Seine Pfeife hatte er bei der Katastrophe verloren, aber in seiner Tasche fanden sich Briefe, und mit diesen, die er gleichfalls trocknen wollte, konnte er sich vielleicht Zigaretten drehen. Das Unternehmen gab ihm etwas zu tun und half ihn so über den endlosen Nachmittag hinweg. Zuletzt aber mußte er feststellen, daß keins der Wachshölzer ihm einen Funken geben würde. Aergerlich warf er die nutzlosen Ueberbleibsel in's Meer.
Ganz unerwartet kam die Nacht, wie immer in diesen Breiten, und das Mondlicht verzauberte die langen Wellen in leuchtendes Glas. Die ganze Nacht über schwamm die Orca vor dem Felsen auf und ab, bis die Eintönigkeit ihrer Bewegung den Gefangenen hypnotisierte, daß er seine Augen gegen die Felsspitze richten mußte, um dieser Hypnose zu entgehen. Seine tötliche Angst war, er könnte in seiner Schwäche einschlafen und aus der Grotte herausfallen. Die Beine wurden ihm schwer, aber in der Nische war kein Raum, sich niederzusetzen, oder auch nur einigermaßen bequem zu kauern. In seiner Verzweiflung entschloß er sich endlich, seine Beine über den Felsen herunterbaumeln zu lassen, wo die Feindin sie freilich erschnappen konnte, wenn sie wieder einen ihrer wilden Luftsprünge wagte. Sobald er sich bewegte, schwamm sie näher und starrte ihn mit unverändertem Haß an. Aber sie versuchte nicht, ihren Luftangriff zu wiederholen. Gardner nahm an, daß sie zu einem zweiten Zusammenprall mit dem Felsen keine Lust hatte.
Endlich erschöpfte sich diese endlose Nacht. Der Mond war schon lange hinter der Klippe verschwunden, der samtne Purpur des Nebels wurde dünn, die Sterne erblaßten. Dann erwachte der unendliche Glanz eines wolkenlosen tropischen Morgens über der See, die schimmernde Fläche des Wassers schien sich der Sonne entgegenzuwerfen. Gardner riß seine letzte Kraft zusammen, um die Feuerprobe zu bestehen, die jetzt auf ihn wartete.
Um sich auf diese Feuerprobe vorzubereiten, zog er seinen leichten Rock aus und heftete daran ein Stück Bindfaden, das sich in seinen Taschen fand. Dann warf er den Rock hinab und tauchte ihn tief in's Wasser. Die Orca schnellte vor, um zu sehen, was er tat, aber er zog den triefenden Rock wieder empor, ehe sie ihn schnappen konnte. Dieser Einfall war beinahe eine Offenbarung, denn indem er seinen Kopf und Körper feucht hielt, hätte er der Hitze länger trotzen können und vielleicht auch die äußersten Qualen des Durstes mildern.
Ein gütiges Schicksal hatte es jedoch gewollt, daß seine Prüfung bald zu Ende ging. Es war vielleicht 9 Uhr morgens, da klang irgendwo hinter der Insel ein gleichmäßiges, gedämpftes Tschug, Tschug, Tschug, Tschug, für Gardners Ohren die göttlichste aller Melodien. Im Augenblick hatte er sein weißes Hemd über den Kopf gezogen und hielt es in zitternden Händen. Ein Augenblick verging und es kam eine mächtige vierzig Fuß lange Motorbarke in Sicht. Sie war kaum hundertfünfzig Meter weit fort und machte gewaltigen Lärm, aber Gardner schrie wie ein Wilder und schwenkte sein Hemd in die Luft, bis es ihm glückte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie nahm die Richtung auf seinen Felsen, aber gleich darauf setzte der Motor aus und die Barke schwenkte wieder zur Seite. Der Führer hatte gesehen, daß Gardner belagert war.
Es waren drei Mann in der Barke. Einer rief den Gefangenen an.
»Was gibt's?« fragte er kurz.
»Ich habe gestern dem Biest sein Kalb geschossen!« rief Gardner zurück. »Es hat mein Boot zerschlagen und mich auf diesen Felsen gejagt.«
Einen Augenblick war Schweigen in der Barke. Dann sagte der Kapitän: »Wenn einer was erleben will, braucht er sich nur mit einem Mordwal einzulassen.«
»Ich bin auch schon darauf gekommen, daß es eine Dummheit war,« gab Gardner zur Antwort. »Aber es war gestern morgen, und jetzt bin ich fertig. Kommt her und nehmt mich auf.«
Auf der Barke wurde Rat gehalten. Die Orca setzte ihren Patrouillengang vor dem Felsen fort, als wäre so ein Ding, wie ein vierzig Fuß langes Motorboot, nicht der Mühe wert, sich darum zu kümmern.
»Du mußt noch ein bißchen länger zappeln!« schrie der Kapitän. »Wir gehen in den Hafen zurück und holen eine Walfisch-Kanone. Wir haben eine schwere Büchse an Bord, aber es hat keinen Sinn, sie damit zu ärgern. Denn wenn der erste Schuß nicht richtig sitzt, macht sie in zehn Minuten Brennholz aus unserem Boot. In einer Stunde sind wir wieder zurück, hab' keine Angst.«
»Dank!« sagte Gardner, und in einem weiten Bogen verschwand die Barke hinter der Insel.
Diese eine Stunde schien dem Gefangenen entsetzlich lang. Er hatte Zeit, seine kühltropfende Jacke zu segnen, ehe er wieder das Tschug, Tschug, Tschug des Motors hinter seinem Kerker hörte. Diesmal hielt das Boot, kaum daß es in Sicht war, geradewegs auf die Orca. In seinem Bug, der anmutig über die Wellen tanzte, bemerkte Gardner eine seltsame Kanone -- eine Art Elefantenbüchse auf drehbarer Lafette. Jetzt nahm die Orca Notiz von der Tatsache, daß das Boot direkt auf sie hielt. Sie unterbrach ihr ruheloses Patrouillieren und schien zu überlegen, ob sie das Boot angreifen sollte oder nicht. Die Schrauben arbeiteten rückwärts, bis die Barke zum Stillstand kam, und der Kapitän am Bug richtete die Waffe. Es war ein mächtiger Knall. Das See-Ungeheuer warf sich halben Leibes aus dem Wasser und fiel mit gewaltigem Klatschen wieder zurück. Eine Sekunde lang tobte es wie irrsinnig im Halbkreis, prellte dann mit dem Kopf gegen die Klippe und sank dann, zwei Faden tief, auf ein zackiges Riff.
»Ist es tief genug, um herunterzuspringen?« fragte der Kapitän, als die Barke langsam beidrehte.
»Reichlich,« sagte Gardner, schwang sich steifbeinig aus seiner Grotte und kletterte die Felsen hinab.
Eindringlinge
Der See war halb ausgetrocknet. Sein weiter Spiegel lag unbewegt unter widerstandslos brennender Sonne, ein mattes, rauchiges Orange, in das der Widerschein der Wolken grüne Lichter warf. Sein fernes westliches Ufer, mit niederen Fichten bestanden, hing zackig und schwarz gegen die Wolken. Sein östliches Ufer lag, fernher schimmernd, glatt und nackt. Nur ein Dickicht aus Weiden und Pappeln zeichnete die Mündung eines dort einfließenden Stroms. Alles kam zusammen, ein Bild unbeschreiblich trauriger Schönheit zu bilden: fließend düstere Farben, die Leblosigkeit des umragenden Horizonts, die matte Ruhe der Wasserfläche.
Plötzlich erschien ein schwarzer Punkt -- nein zwei schwarze Punkte waren es -- im Bleiglanz des Seespiegels, die sich aus dem Dunkel des westlichen Ufers gelöst hatten. Seite an Seite schoben sie sich rasch durch die Flut, brachen mit langen, sanft verlaufenden Kräusellinien eine Straße zum Mittelpunkt des Sees. Die glühende Sonne verriet, daß diese beiden Punkte die Köpfe schwimmender Elentiere, einer Kuh und eines Bullen, waren. Bis auf die dunklen, ungeschlachten, aber schönen Köpfe, deren lang ausgreifende Schnauzen durchs Wasser schnitten, waren ihre Körper ganz bedeckt. Die gewaltigen Geweihe des Bullen lagen flach auf dem Seespiegel über unsichtbaren, machtvoll arbeitenden Schultern. In den Augen des Tierpärchens lag eine fragende Angst, gepeinigte Wildheit wie vor einer Panik. Dieser Ausdruck berührte seltsam in den Augen der stolzen Herren der Wildnis, die gerade in dieser Jahreszeit, wenn die riesigen Bullen brünstig sind, alle Kreatur ringsum zum Kampfe fordern. Aber über sie war die einzige Angst, die beugen konnte, plötzlich gekommen: die Angst vor dem Unbekannten. Das Pärchen hatte sich gerade auf dem offenen Landstreifen zwischen dem Kiefernwald, durch den es wechselte, und dem Ufer, an dem es badete und Lilienwurzeln fraß, aufgehalten, als die Angst mit aller Gewalt über sie kam, sie in den gelben Spiegel des Sees jagte, am anderen Ufer Zuflucht zu suchen. Wovor sie flohen, wußte keines. Seit Tagen schon war die Kuh unruhig, der Bulle zornig und mißtrauisch. In der Luft lag die Ahnung einer dunklen, neuen Gefahr, die unwiderstehlich näher kam. Durch irgendeine mystische Fernwirkung war diese Angst aus Staunen, Furcht und Entsetzen des kleineren Wilds in die Nerven der großen, sonst unerschütterlichen Elentiere übergesprungen.
Im Glanz dieses Oktobermorgens war das Geheimnisvolle nahgerückt -- war fühlbar geworden, ohne daß es aufgehört hätte, ein Geheimnis zu sein. Als die Kuh allein am Ufer stand und ihrem Gefährten rief, machte der Gedanke sie zittern, irgend etwas Anderes, Unbekanntes, nicht ihr Männchen, könnte dem Schrei ihrer Sehnsucht folgen. Der Bulle kam dann plötzlich, wachsam, geräuschlos, als fürchte er einen Hinterhalt oder eine schreckliche Ueberraschung. Wie ein Schatten war sein stolzer, schwarzer Körper an ihrer Seite, indes ihre Schreie noch durch die Stille nachechoten.
Während die Beiden ihre zarten, liebenden Schnauzen eng aneinanderlegten, war ein Rotbock aufgesprungen, entsetzt, aber unentschlossen, wohin er fliehen sollte. Die Beiden starrten ihm nach, als wäre der gewohnte Anblick eines rennenden Bocks plötzlich ein Ereignis geworden. Der seltsame Schrecken, den der Bock erregt hatte, war kaum vergessen, als ein Fuchs eilig aus den Büschen brach. Als er das Elenpaar, ganz ineinander versenkt, schwarz und geheimnisvoll, am Ufer stehen sah, nicht achtend, welche Augen es sehen könnten, kam der Fuchs angeschlichen und setzte sich, ein Dutzend Schritte fern, abwartend auf seine Keulen. Seine klugen Augen waren voll Erwartung, als bilde er sich ein, ihr sorgloses Vertrauen bilde eine Zuflucht, die ihm selbst Rettung war. Zu anderer Zeit hätte das stolze Liebespaar seine Annäherung zornig abgewiesen, aber heute erwiderten sie seinen fragenden Blick mit noch größerer Angst. Aus ihren Augen schloß der Fuchs, daß auch hier keine Hilfe warte. Unruhig spähte er über seine Schulter ins Fichtendunkel, aus dem er gekommen war, kam langsam auf seine Füße und trottete zum Wasser hin. Mit gespanntem Blick folgten ihm die Beiden, sahen, wie sein Trott in den Galopp verzweifelter Flucht überging, bis er den Schutz des Walddickichts gefunden hatte. Der Anblick so plötzlicher Panik an einem Tier von der Klugheit des Fuchses nahm ihnen die letzte Nervenkraft. Viele Füchse hatten sie gesehen, doch keinen, der sich so benahm. Was hatte er von ihnen gewollt? Warum hatte er sie so forschend angesehen? Und warum war er geflohen?
Zitternd drängten sie sich aneinander, starrten in die dunkle Wildnis, in der der Fuchs verschwunden war. Dort war auch ihr Heim, ihr sicheres, wohlbekanntes Versteck, dem sie kein Vertrauen mehr schenkten. Welcher Verrat mochte sich in den schweigenden Schatten vorbereiten?
So scharf die Augen der Elentiere waren, sie entdeckten nichts. Plötzlich aber fingen ihre großen Ohren, weither, durch unendliches Schweigen den Widerhall eines geisterhaften Lautes. Vielleicht war es das Schleichen vieler Füße. Dann sahen sie aus den Tiefen ganz schwarzer Waldschatten ein Grün leuchten, ein Züngeln blasser Feuer, vielleicht das Glühen fremder Augen. Endlich kam eine Brise aus dem Forst, so leicht, daß sie kaum die langen Zotteln an des Bullen Hals bewegte. Sie trug eine Witterung, die ihnen fremd, aber unbeschreiblich drohend war. Vor diesem letzten Zeichen von Gefahr zerbrach ihr Widerstand völlig. Zitternd drückten sie sich, immer Seite an Seite ins Wasser. Die Augen in den Forst versenkt, schwammen sie ins Leuchten hinaus.
* * * * *
Acht riesige Wölfe zählte das Rudel, dazu einen, der kleiner und zarter gebaut war, der aber trotzdem einen gewissen Einfluß auf seine Kameraden hatte. Die acht waren so ungeschlachte Gesellen, wie man sie in der östlichen Wildnis nicht erwartet hätte. Sie stammten vom gewaltigen Alaskawolf ab, hatten lange Rachen und lange Flanken, einen breiten Schädel, schwere Schultern, und jeder von ihnen war stark genug, die Kehle einer Elenkuh mit einem einzigen Biß zu zerreißen.
Mit der Ausnahme eines Einzigen hatten sie jedoch niemals Alaska noch ein Elen gesehen, auch nicht die wilden Ströme, die nordwärts rollten, noch die unbegrenzten Felder vereisten Schnees. Sie waren südlich vom St. Lorenzstrom geboren, und auf der Suche nach weiteren Einsamkeiten, als ihre Heimat sie bot, kamen sie nordostwärts gezogen. Auf seltsame Art hatte diese große und kampftüchtige Gesellschaft sich mitten im kultivierten Osten gebildet.
In einem Dorf in Nord-Vermont war vor Jahren ein großer, grauer Wolf aus einer reisenden Menagerie entsprungen, war tagelang mit Toben und Brüllen gehetzt worden. Aber er war klug. In seinem langen und unermüdlichen Galopp hatte er sich nicht einmal unterbrechen lassen, ehe zwischen ihm und seinen Verfolgern viele Meilen lagen und er einen Forst fand, der wild genug schien, ihn zu verbergen. Hier hatte er in weiser Zurückhaltung nur Rehe und Hasen gejagt, aber nie ein Geschöpf belästigt, das er unter dem Schutz des Menschen glaubte. Dank dieser Vorsicht ahnte kein Mensch sein Dasein. Später begegnete er, nahe dem Dorfe, einer langschnauzigen, wolfsähnlichen Bastardhündin, die er bewog, ihren Herrn zu verlassen und sein wildes Leben zu teilen, nach dem sie immer Sehnsucht empfunden hatte. Treu hatte sie an seiner Seite gejagt und ihm zwei Junge geschenkt, schwerknochige Welpen, die stark und wild wie ihr Erzeuger wurden, aber nicht vorsichtig wie er, sondern wild und unbezähmbar in ihren Trieben. Sie gehorchten ihrem Vater und Herrn, weil sie ihn fürchteten und seine Ueberlegenheit anerkannten, sie achteten das heiße, zähe Temperament ihrer schlanken Mutter. Als aber die Zeit verging und das Wild seltener wurde, ließen sie sich nicht zurückhalten, um die Dörfer zu streifen, und so zogen sie die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich. Als ein paar junge Pferde und viele Schafe ihr Opfer geworden und einige unschuldig in Verdacht geratene Hunde erschossen waren, rief der weise Alte sein Rudel zusammen und führte es ostwärts.
Die Reise war lang und von Gefahren umdroht. Manchmal gab es wenig Wild, und das Rudel lernte den Hunger kennen. Manchmal fanden sie kein waldiges Land, um ihre Reise zu verbergen, manchmal, wenn sie gezwungen waren, sich an der Herde irgendeines Dorfes zu vergreifen, schwärmten die Bauern mit Hunden und Flinten und Flüchen gegen sie aus, daß die Vorsicht des Alten begründet war. So erreichten sie endlich die wilden Gebiete der sicheren Tannenforste, der Seen und wilden Wasserstürze, die Grenzen von Maine, mit Neu-Braunschweig und Quebeck. Auf dieser Reise hatten sie Gehorsam und Vorsicht gelernt.
Nie hatte diese Wildnis in ihren schrecklichsten Träumen eine Heimsuchung wie dies Rudel geahnt. Keine Erinnerung an irgendeine Plage wie diese lebte in den Pelz oder Federn tragenden Bewohnern der östlichen Wildnis. Von Wölfen hatte man überhaupt nur eine Art dunkler, ererbter Ueberlieferung, und da handelte es sich nur um die kleinen, östlichen Nebelwölfe, die wohl tapfere Jäger, aber kaum einen Alp bedeuteten. Kein Bär oder Renntier hatte sich jemals um den Nebelwolf gekümmert, der seit einem halben Jahrhundert hier nicht mehr aufgetaucht war. So entstand die Panik, so kam es, daß lange Zeit kein Geschöpf dieser Region den Weg der Eindringlinge kreuzte.
Das Land, in das sie eindrangen, beherbergte Bären, und es war unvermeidlich, daß das Rudel mit ihnen zusammenstieß. Eines Tages streiften sie geräuschlos auf der frischen Spur eines Rehes -- geräuschlos, wie der weise Führer es sie gelehrt hatte --, da stießen sie plötzlich auf ein großes, schwarzes Tier, das mitten in der Rehspur stand und einen verfaulten Baumstumpf absuchte. Sie hielten, bildeten einen Halbkreis, das Fell auf ihren starken Nacken und Schultern sträubte sich wie Bürsten.
Der Bär schien gleichfalls überrascht. Ein alter, mißlauniger Einzelgänger, hatte er vom Einzug der schrecklichen Bastarde weder etwas gehört noch gespürt, hätte sich auch kaum um ihr Erscheinen bekümmert. Er war kein Opfer nervöser Panik. Sich umwendend, um den Eindringlingen sein Gesicht zu zeigen, hockte er sich auf die Keulen, brummte aus tiefer Kehle, hob eine große Tatze mit langen, scharfen Krallen und blickte seine Gegner furchtlos an. Er war zu jedem Kampf bereit, aber ebenso bereit, Frieden zu halten, wenn man ihm seine Ruhe ließ. Ameisen, Käfer, Beeren und verrottete Baumstämme waren ihm zu wichtig, als daß er Kampf um Kampfes wegen gesucht hätte.
Die Wölfe waren nicht hungrig und fühlten, daß der Bär keine leichte Beute war. Unentschlossen warteten sie ab, ob ihr Führer ein Zeichen zum Angriff gäbe. Der aber saß mit hängender Zunge im Mittelpunkt der Schlachtreihe und zeigte keine Hast. Er studierte den Feind; als begabter Feldherr besaß er das Talent, abzuwarten. Dieses Talent fehlte dem Bären. Als er zu wissen glaubte, daß die hageren Fremden seine Waldkäfer-Jagd nicht stören wollten, wandte er sich wieder dem Baumstamm zu und spaltete mit einem Griff seiner großen Tatze einen ganzen Block. In diesem Augenblick stieß das kleine, schneidige Bastardweibchen wie eine Schlange vor und schnappte nach seinen Hinterfüßen, um ihm die Sehne zu zerreißen. Mit solcher Leichtigkeit und Schnelligkeit aber drehte er sich und schlug nach ihr, daß sie kaum ein Maul voll Pelz in den Zähnen hielt und dem furchtbaren Schlag mit genauer Not noch entging. Daß sie ihm nicht ganz entkommen war, bewies ein langer, blutiger Riß an ihrer Seite. Im Augenblick war das ganze Rudel zum Angriff übergegangen. Als der Leiter aber seine Gefährtin gerettet sah, rief er die wilde Brut wieder zurück. Die Jungen gehorchten, denn sie sahen jetzt, mit welcher Art Feind sie es zu tun hatten. Nur einer von ihnen war schon zu weit vorgedrungen. Ein sausender Schlag hatte ihn vor die Brust getroffen, warf ihn mitten unter seine Brüder, zerbrochen das Genick, zerfetzt die Gurgel. Als er zuckend und geifernd lag, kam der Vater zu raschem Entschluß. Solange gewöhnliches Wild in der Nähe war, schien es zwecklos, das Rudel auf einen so gewaltigen Gegner zu hetzen und schwere Opfer zu bringen. Mit scharfem Befehl rief er sein Volk zusammen, führte es im Lauf seitab und nahm die Spuren des Rehs wieder auf. Den Leichnam ließ er zurück, gleichgültig, was aus ihm werden mochte. Der Bär sah ihnen zornig nach, bis sie außer Sicht waren. Dann wandte er sich zu dem toten Körper, beschnüffelte ihn, drehte ihn mit der Tatze um und kehrte endlich zu seinen Käfern zurück. Wolf oder Hund war nicht nach seinem Geschmack. Das Rudel machte indes erregt und zornig seine Beute. Ueber dem warmen Wildpret vergaß es sein mißlungenes Abenteuer, der verlorene Bruder war bald vergessen. Immerhin war man um eine Lehre reicher.
Ein paar Tage später kamen die Wölfe zum sonnendurchglühten See, aus dem dunklen Schatten der Tannen sahen sie voll Verwunderung die ersten Elentiere ihres Lebens.
Vor kurzem noch hätten die Wölfe diese ungeschlachten Gestalten als eine Art übertrieben großen Rehwildes betrachtet und sich ohne Zaudern an die Verfolgung gemacht. Jetzt aber erinnerten sie sich des Bären. Sie trauten diesen beiden hochschultrigen Geschöpfen nicht, ihren gespaltenen Hufen und ihren nichtssagenden Gesichtern. So warteten sie auf das Zeichen ihres Führers, und der Führer war auch diesmal nicht eilig, es zu geben.
Welch unerwartete Kräfte mochten in diesen Riesen stecken, die dem gewöhnlichen Wild so ähnlich und doch so unähnlich waren? Als die beiden Elen jedoch, von dem Unsichtbaren geängstigt, ins Wasser gingen, durch die orangegelbe Flut schnitten, entschloß er sich, sie als Jagdbeute zu betrachten.
Allein zog er auf Kundschaft aus, bis er bestimmt wußte, wohin das Paar sich gewendet hatte. Als dann der kürzeste Weg gefunden war, kehrte er in den Waldschatten zurück, und einen Augenblick später war das Rudel in voller Hatz.
Die Elentiere hatten das andere Ufer erreicht, machten aber noch keinen Halt. In ihrer fiebrigen Angst setzten sie schwarz und triefend den Marsch fort -- wenn ein Elentier einmal läuft, läuft es lange. In ihrem weit ausholenden scheinbar mühelosen Trott, der aber Meilen frißt, folgten sie ihrer Angst, bis der Orangeschimmer weit hinter ihnen lag, das schwach bewaldete Hinterland sie aufnahm. Sie hatten nur einen Zweck -- sich vor den grünen Augen, den schleichenden Schritten im Tannenwald zu retten. Daß ihr Weg sie geradezu in den Bann dieser grünen Augen und schleichenden Schritte führte, ahnten sie nicht.
* * * * *