Part 11
Nun war es geschehen, daß ein Wiesel-Vater, die grausamen Augen rot von Gier und Blutdurst, den Fichtenstamm entlang wanderte. Er hatte gerade die Spur eines Eichhörnchens verloren, dem er so nahe gekommen war, daß er es fast schon sein Eigentum genannt. In Gedanken hatte er gerade dem armen Schächer seine Zähne durch die Gurgel gejagt, als wie durch ein Wunder der Nacht -- und für die Geschöpfe der Wildnis ist die Nacht voll von Wundern -- Wild und Spur verschwanden. Im Fichtenbaum hatte sich das ereignet, und jetzt suchte der furchtbare Jäger den ganzen Baum nach der verlorenen Witterung ab, fest entschlossen, seine bösen Absichten nicht vereiteln zu lassen. Auf dieser Suche kam er auch, geschmeidig und schnell wie eine Schlange, den hohen Ast entlang, auf dessen äußerster Gabel die kleine Fledermaus ihre Babys gelassen hatte.
Puck, der Düstere, hatte während seines kurzen Lebens niemals eine ernstliche Meinungsverschiedenheit mit größeren Geschöpfen als etwa einem Nachtfalter oder einem Maikäfer gehabt. Welch ein unbekämpfbares und schreckliches Ungeheuer dieser lange, dunkle Schatten auf dem Ast war, ahnte er vielleicht, aber er zögerte nicht! Das Wiesel erschrak, als ihm plötzlich ein harter Flügelhieb quer übers Gesicht fegte. Mit bösem Knurren bäumte es auf und schnappte nach dem kühnen Angreifer. Aber seine langen, weißen Zähne griffen nur leere Luft, und beinahe verlor er das Gleichgewicht auf dem Ast. Als es sich erholt hatte, die Seele voll Wut, sah es hinter sich, beinahe in Reichweite, einen dunklen, kleinen, flatternden Schatten, der wie eine verwundete Katze am Baum hinkroch. Geschmeidig wie ein Aal, schnell wie der Blitz, fuhr es auf den kecken kleinen Schatten los. Aber der war verschwunden! Und ein paar Fuß unterhalb des Astes sah das Wiesel Puck, den Düsteren, gemächlich auf und nieder schweben. Des Wiesels eng zusammensitzende Augen glühten wie Kohlen, und bei dem Gedanken, von einer armseligen Fledermaus hereingelegt zu sein, fletschte es die langen, weißen Zähne. Aber während es sich mit der Herausforderung Pucks wütend beschäftigte, hatte die kleine Mutter ihre süßen Babys wieder sicher ins Genick genommen und segelte mit ihnen durch den Abend. Aber nach einem solchen Erlebnis hatte sie genug von Spiel und Tänzen. Sie dachte nur daran, ihre Kinder in das sichere Versteck des Scheunengiebels zurückzubringen, sie dort zu säugen, ihre seidenen Pelze zu lecken und die süßen kleinen Schwingen mit ihren Lippen sorglich zu reinigen.
Puck, der Düstere, war jetzt allein gelassen und dachte, vielleicht erregt und übermütig durch sein erfolgreiches Abenteuer mit dem Wiesel, an neue, tolle Unternehmungen. Ganz nahe dem Gartenhaus jagte er einen großen Falter, der mit unglaublicher Geschwindigkeit flog. Hart bedrängt, rettete er sich in die Dunkelheit eines weit offenen Fensters. Puck folgte ihm unbedenklich und erwischte den Flüchtling, als er gegen die Decke des Zimmers stieß. In diesem Augenblick schloß ein Dienstmädchen das Fenster. Dann ging sie hinaus, ohne den Eindringling zu bemerken, und verriegelte das Tor.
Puck glaubte, man könne den Raum so leicht verlassen wie man hineinkam und stieß im Flug hart gegen die blaß schimmernde Fensterscheibe. Er war ein wenig betäubt und sehr erstaunt. Wieder und dann noch einmal versuchte er, die harte, unsichtbare Barrière zu überwinden, aber nicht blindlings oder in verzagter Heftigkeit, wie ein Vogel es getan hätte. Selbst in dieser unerwarteten und gefährlichen Lage behielt er den Kopf klar. Als die erste Ueberraschung verwunden, fing er an, das Glas von dem Luftraum draußen zu unterscheiden, und dann gab er mit Gleichmut auf, Unmögliches zu ertrotzen. Zuerst widmete er sich der genauesten Untersuchung jeder Ecke und jedes Verstecks im Zimmer. Aber obwohl der Raum voll von zerbrechlichem Tand und zierlichen Nippes war, sah und flog er so vorsichtig, daß seine Flügel nicht den kleinsten Schaden anrichteten. Er kam unter jedes Stück Möbel, hinter jedes Bild und untersuchte aufs gründlichste den Wandschirm, der während des Sommers den Ofen verbarg. Bei diesen Entdeckungsreisen stöberte er eine ganz unerwartet reiche Auswahl von Insekten auf, und seine Angst war keineswegs so groß, daß er nicht alle Leckerbissen dankbar verzehrt hätte, die der Zufall ihm brachte.
So verging die Nacht mit dem Gefühl einer gewissen Unsicherheit, aber nicht gerade langweilig. Als die Dämmerung grau durchs Fenster kam und die Geranien sich glühend färbten, gab Puck, keineswegs in Verzweiflung, sein vergebliches Mühen auf. Tagesanbruch war für ihn der Moment, schlafen zu gehen. So hing er sich bequem in eine Falte des großen Vorhangs in einer Ecke des Zimmers und bettete sich mit philosophischer Ruhe, als wäre er in seiner Scheuer unter seinem gewohnten Dach.
Ein paar Stunden später kamen zwei Dienstmädchen ins Zimmer und fingen an, aufzuräumen. Im Verlauf dieser Tätigkeit nahmen sie die Vorhänge ab. Sie schüttelten sie tüchtig, um sie später zusammenzulegen. Zu ihrem Entsetzen fiel Puck, der Düstere, heraus.
Beim Anblick dieses gut vier Zoll langen Ungeheuers schrien sie so entsetzlich, daß der Mann herbeieilte, der abends mit seinem Mädchen im Garten spaziert war. Er trug Reithosen und Handschuhe. Puck, der nur halbwach und sehr ärgerlich über die rauhe Berührung war, richtete sich auf dem Vorhang mit halb gespreiteten Flügeln und funkelnden, winzigen Jett-Augen auf. Der Ausdruck seiner Meinung über die Dienstmädchen wurde so heftig, wie möglich, und klang etwa wie das Räderdrehen einer besonders großen und besonders schlecht geölten billigen Taschenuhr.
»Großer Gott, Hanne,« rief der Herr, »ich dachte, Sie und Liese hätten mindestens ein Rhinozeros aufgestört, solchen Lärm schlagt ihr! Glaubt ihr, die arme, kleine Fledermaus will euch fressen?«
Er bückte sich, um Puck aufzunehmen. Aber der kleine, barsche Kerl schnarrte ihn an und schnappte so heftig nach ihm, daß der Mann froh war, dicke Handschuhe zu tragen. Die Mädchen zitterten.
»Sehen der Herr nur!« schrie Hanne. »Er würde uns fressen, wenn er nur könnte, er ist so wild!«
»Er ist wirklich ein richtiger kleiner Teufel!« sagte der Mann, nahm Puck behutsam in seine handschuhbekleideten Hände und trug ihn zum Fenster.
Puck war jetzt hellwach, und sein Uhrwerk-Schnarren empörte sich schrill gegen die Gefangenschaft in Händen eines Menschen. Am Fenster ließ der Mann ihn los. Der Glanz des vollen Tages verwirrte Puck. Aber indem er die Augen zu einem kaum haarbreiten Spalt schloß, konnte er die Landschaft doch einigermaßen erkennen. Im Augenblick hatte er sich in die Luft geworfen, und im nächsten schon flatterte er in den nahen Aesten. Er nahm seinen Weg, so dicht wie möglich in den Bäumen, zum Flußufer, und von da ging's über die Wiesen zur alten Scheuer! Ein paar Minuten später hängte er sich unverzagt neben seine schlafenden Kameraden in den warmen, braunen Schatten des Giebels.
Unter gewöhnlichen Umständen hätte Puck sich jetzt niedergelassen, um den Rest des hellen Tages zu verschlafen. Aber es war Bestimmung, daß diese vierundzwanzig Stunden eine besonders ereignisreiche Zeit für ihn werden sollten. An einem schmalen, wagerechten Dachsparren, nur ein paar Fuß unter sich, bemerkte er seine Spielgefährtin vom letzten Abend, die kleine Mutter mit ihren beiden Jungen. Sie hatte ihren Nachwuchs an der glatten Oberfläche des Sparrens verwahrt, während sie selbst mit ihrem Putz beschäftigt war -- eine Angelegenheit, die für die Fledermaus so wichtig ist wie für die eitelste Katze. Mit erstaunlicher Gewandtheit kratzte sie sich mit den Hornspitzen ihrer Flügelarme hinter den Ohren, kämmte sich den Pelz an Stellen des Körpers, die unerreichbar schienen. Dann machte sie sich an die Haut der Flügel, nahm erst den einen, dann den andern vor, streckte und prüfte sie, zog sie durch die Lippen und beleckte die ganze Fläche, bis über ihre Makellosigkeit kein Zweifel mehr bestehen konnte.
Während die kleine Mutter so beschäftigt war, schwirrte aus den schmutzigen Nestern unter der Dachtraufe eine Schwalbe hastig in den Giebel empor, um eine große Wespe zu jagen. Der verzweifelte Käfer war seiner Verfolgerin im Giebeldach entgangen, und jetzt stürzte er sich gerade über der Dachsparre in die Tiefe, so daß er die Fledermaus-Babys im Flug berührte. Die Schwalbe schoß ihm rücksichtslos nach, und diesmal blieb es nicht bei einer streifenden Berührung der kleinen Krabbler. Die Schwalbe traf sie so rauh, daß beide glatt von dem Sparren abgerissen wurden. Obgleich sie Fliegen noch nicht gelernt hatten, spreiteten sie zwar instinktiv ihre zerbrechlichen Flügel, aber sie fielen doch mit Geflatter wie zwei abgestorbene Eichblätter herunter auf den Boden. Glücklicherweise war der Boden der Scheune mit Spreu und Halmen und allen Spuren der letzten Heuernte dicht bedeckt, so daß die Säuglinge sanft landeten und nicht verletzt wurden. Aber sie landeten weit voneinander, wie zwei wirbelnde Blätter es getan hätten. Die Mutter, die gerade, als das Unheil passierte, dicht in die Falten ihrer Flügel eingewickelt war, machte sich schleunigst los und eilte ihren Kleinen nach. Dann kam ihr Puck, den seine letzten Abenteuer unternehmungslustig gemacht hatten, im Zick-Zack nach, um zu sehen, was er für sie tun könnte.
Er fand Beschäftigung, und das sofort! Die große Ratte, die unter der Diele der Scheuer wohnte, kam gerade aus ihrem Loch. Es war ihr, als ob irgend etwas gefallen war, und obwohl sie nicht recht wußte, was es war, kam sie eilig und in großen Erwartungen angeschossen. Sie vermutete eine junge Schwalbe, die aus dem Nest gefallen oder geworfen war, und junge Schwalben liebte sie der Abwechslung halber.
Die Neugier der Ratte wurde durch einen leichten Schlag auf ihren Kopf abgelenkt. Eine Fledermaus war ihr scheinbar direkt auf den Rücken gefallen. Die Ratte wurde nicht ärgerlich, im Gegenteil, sie war ungeheuer interessiert. Noch nie hatte sie eine Fledermaus gegessen, aber schon oft Lust dazu gehabt. Und ihr bot sich unzweifelhaft eine Gelegenheit, denn diese Fledermaus schien krank oder verwundet. So sprang die Ratte auf die neue Beute. Sie sprang falsch, zweifellos, aber doch nur um Fingersbreite, und die jämmerlich matte Fledermaus flatterte noch immer in Reichweite. Wieder und wieder sprang die Ratte an, ihre langen, weißen Zähne schnappten mit furchtbarem Laut zusammen, aber sie fingen nichts, bis sie sich auf einmal wieder vor dem Loch am Winkel fand, aus dem sie gerade aufgetaucht war. Dann schwang sich zu ihrem Mißvergnügen die armselig flatternde Gestalt, die doch schon fast in ihren Zähnen gewesen war, mit starken Flügelzügen doch empor. Und zugleich stieß eine andere Fledermaus schwirrend aus der Mitte der Diele auf, mit zwei Jungen, die in ihrem Genick saßen. Enttäuscht und beschämt machte sich die Ratte hinaus in die Wiesen, um sich mit einem Paar gemütlichen Grashüpfern zu trösten. Puck, der Düstere, aber schwang sich, von Triumph geschwellt, auf seinen hohen Sitz zurück. Nach dem, was er mit Eulen, Wieseln, Faltern und Menschen und Ratten erlebt hatte, fühlte er seine gewöhnliche Schläfrigkeit nicht. So machte er sich an seinen Putz, den er so eifrig und peinlich besorgte, wie es einer braunen Fledermaus von seiner Tüchtigkeit ansteht.
Schläfer im Schnee
I.
Mit Stöhnen und Knirschen kam der wacklige Zug an der frostigen Hinterwaldstation »Blechkessel« zum Stehen, rechts und links von Schneewällen eingepfercht.
Außer Melissa Elliot war kein Fahrgast für Blechkessel im Zug. Sie war ein großes, blondes Mädel mit blauen Augen, Pelzmütze auf dem Kopf, das energische Kinn in einer grauen Luchsboa vergraben und beide Hände voll von Paketen und Bündeln. So stand sie auf den vereisten Stufen, bis zwei junge Männer, die am andern Ende des Wagens ängstlich gewartet, angerannt kamen und ihr ans Licht halfen. Jeder versuchte, dem andern zuvorzukommen, das Mädchen für sich in Beschlag zu nehmen, aber Melissa benahm sich so taktvoll, daß jeder nur einen Ellbogen zu stützen bekam, gleichzeitig aber zur Entschädigung seinen gerechten Anteil ihres Handgepäcks. Der Schaffner warf ihren braunen Koffer mit lautem Knall auf die Plattform. Der Zugführer rief: »Alles einsteigen!« obwohl er der Einzige war, der dieser Einladung folgen konnte. Und langsam, mit Gestöhn und mächtigen Rauchwolken (denn der Nordwind stand gerade auf Blechkessel) zog der schmierige Zug wieder an.
Station und Stationsvorstand schienen ihm sehnsüchtig nachzublicken; Blechkessel wurde in jeder Richtung nur von einem Zuge täglich berührt! Und von der Station selbst sah man nichts als ein paar senkrecht eingerammte Stämme, die sich hier und da aus dem Schnee erhoben, dahinter einen ragenden Wall von Fichtenbäumen und die schmale, doppellinige Metallspur, die aus dieser Wildnis in die geschäftige Welt führte. Das Dorf »Blechkessel«, ein dürftiges, kleines Sägemühlennest, lag im Flußtal, hinter dem Wald verborgen, wohl zwanzig Meilen von der Station ab.
Obwohl nur ein Fahrgast gekommen, warteten zwei Gefährte vor dem Bahnhofsgebäude. Walter Bird hatte seine glänzende braune Stute flott in den leichten Promenadenschlitten gespannt, Jimmy Wright aber einen seiner großen grauen Lastgäule und den schweren »Pung« mitgebracht, einen niedrigen Lastschlitten, wie man sie im Hinterwald braucht. Die jungen Männer lauerten schon seit einer Woche auf jeden einwärts brausenden Zug, denn daß Melissa zu Weihnachten nach Hause kommen wollte, wußten sie und keiner gönnte dem andern auch nur den leisesten Vorzug. Bubenhaft stolz auf die größere Eleganz seines Fahrzeugs, schwang Walter seine Pakete wie eine Trophäe in die Luft und versuchte Melissa geradenwegs zu seinem Schlitten zu ziehen.
»Schau dir meine neue Yacht an, Melissa!« rief er in naiver Pfiffigkeit, »seit einem Monat hab' ich sie und noch hat kein Mädel drin gesessen! Für dich hab' ich das Möbel frisch gehalten!«
Jimmy Wrights scharfe, tiefgelagerten Augen hatten indes beim Anblick des schweren braunen Koffers geleuchtet. Denn neben der Verlockung des kleinen, flotten Schlittens hatte er sich vor Mißtrauen krank gefühlt, jetzt aber hatte das Auge des Praktikers festgestellt, daß der Schlitten zu klein war, diesen Koffer zu tragen. Indes er Melissas Arm ließ, stürzte er sich über den Koffer und schwenkte ihn wie eine Handtasche in seinen Pung. Er war überzeugt, daß eine Dame und ihr Gepäck sich nicht voneinander trennten.
»Hab' mir ja gedacht, daß du einen Koffer mit dir führtest, Lissy,« brummte er. »Hab' deshalb den Pung mitgebracht und nicht den Spazierschlitten. Hoffentlich macht es dir nichts, in einem Pung zu fahren, jetzt wo du so lange in Frederikton warst.«
Melissa sah zögernd von einem zum andern. Ihre blauen Augen zeigten nur Freundlichkeit und ein gewisses kindliches Behagen an der schmeichelhaften Lage.
»Es war lieb von euch Beiden, nach mir zu sehen!« rief sie plötzlich, »und am liebsten würde ich mit beiden zugleich fahren. Wär' ich nur im Zirkus aufgewachsen, vielleicht könnt' ich's dann!« Sie lachte und rang in drolliger Verzweiflung die Hände.
»Jimmy hat deinen Koffer erwischt,« behauptete Bird.
»Der hat seinen Teil weg, du kommst mit mir!«
Jimmy Wright sah grimmig aus, als Mann von schweren Worten fand er keine Antwort. Der brennende Wunsch, diese verlockende schlanke Gestalt zu packen und mit sich zu nehmen, machte ihn fast noch schweigsamer, als er gewöhnlich war. Seine Ruhe aber war ihm vielleicht nützlicher als Schlagfertigkeit, denn im Augenblick machte sie Melissa zu seiner Verbündeten.
»Walter,« widersprach sie, »wenn du glaubst, das ist eine anständige Verteilung, dann wird Jimmy wahrscheinlich mich nehmen und dir den Koffer lassen! Ein netter Einfall, daß ein alter, brauner Koffer, gleichgültig was drin steckt, als Entschädigung für mich gelten soll!«
Jetzt sah Bird niedergeschlagen aus, und, seinen Kummer zu steigern, fand Jimmy diesmal Worte, gerade die rechten, die eigentlich er hätte finden müssen.
»Es ist nicht irgend ein Koffer, Lissy,« sagte er. »Es ist deiner, und das macht den größten Unterschied von der Welt.«
Melissa dankte ihm mit einem lustigen Blick, erschrak aber über die jähe Betrübnis in Walter Birds sonst so frischem und selbstbewußtem Gesicht.
»Es läßt sich nur auf eine Weise machen,« sagte sie fest, »und wenn einer von euch nicht einwilligt, dann geh' ich gerade mit dem andern. Wenn ihr aber beide einverstanden seid, dann fahr' ich den halben Weg mit dem einen und die zweite Hälfte mit dem andern. Und zwar die erste Hälfte mit dir, Walter,« setzte sie hastig hinzu, denn sie sah, daß Bird aussah, als wollte er widersprechen. Ohne es selbst zu wissen, hatte sie ein besonderes Vertrauen zu Jimmys Gleichmut, und gerade deshalb neigte sie dazu, ihm die schwerere Probe aufzuerlegen.
»Sehr anständig, Lissy, bist immer für gleiches Spiel,« stimmte Jimmy herzlich zu. »Fahre euch bis zur Ecke von Boilsweg nach, dann steigst du zu mir in den Pung. Boilsweg ist gerade die Mitte zwischen Station und Postamt.« Bird vergrub in diesem Augenblick Melissas Füße in die Decken seines wohleingerichteten Schlittens.
»Die Braune ist manchmal ein bißchen hartmäulig,« warf er über die Schulter hin. »Wenn's nach Hause geht, ist es nicht gerade leicht, sie am Boilsweg zum Halten zu bringen, Jimmy.«
Melissa hatte plötzlich einen roten Kopf. Jimmy Wright behauptete mit Recht, daß sie für ehrliches Spiel war.
»Ich steige am Boilsweg um,« sagte sie bestimmt, und Bird merkte, daß sie es sicher tun würde, ob die Stute hielt oder nicht. So gab er den Kampf auf.
»Werd' sie schon zum Halten bringen,« rief er zuversichtlich, »ob der Hafer sie sticht oder nicht! Habe das nur gesagt, um Jimmy aufzukratzen.«
»Wußte ich ja, Walter,« stimmte Melissa bei und bestätigte ihm, sie sei das einzige Mädchen, das ihn verstand. Triumphierend hob er die Zügel, und die Braune ging in einem Tempo los, das zunächst rechtfertigte, was er ihr nachgesagt. Dann fiel ihm ein, wie kurz die Strecke nach Boilsweg war, und plötzlich hielt er sie zurück. Jimmy Wrights schwerer Grauer holte im Humpelgalopp auf. Anfangs war Walter vergnügt, daß er Melissa als erster bei sich hatte. Dann fiel ihm plötzlich ein, sein Rivale würde die Schöne im Dorf einfahren, während er im leeren Schlitten hinterhertrotten mußte, als hätte er den Kampf aufgegeben. Melissa bemerkte seine veränderte Miene und machte ihm so schöne Augen, daß jetzt auch Jimmys Gesicht hinten im Pung sich verfinsterte. Die Frage war tatsächlich so schwierig, daß selbst ein gewandteres Mädchen als Melissa sie kaum gelöst hätte. Ihre eigene frohe Laune verging langsam in diesem Kampf der Gefühle um sie. Darüber wurde ihr bewußt, daß sie kalte Füße hatte und der scharfe Frost ihre Finger steif machte, und als die Ecke von Boilsweg erreicht war, hatte sie Lust, mit beiden Rittern zu grollen. Hatte sie nicht für alle Beide das Beste gewollt. Hatten die Beiden ein Recht, sie zu quälen?
Bird hatte seine Stute allmählich fast Schritt gehen lassen, aber trotzdem kam endlich die kritische Ecke.
»Hier sind wir,« sagte Melissa etwas spitz, und Bird hielt gehorsam, wenngleich wütend. Jimmy trieb seinen großen Gaul schleunigst durch die tiefen Schneewehen am Straßenrand und brachte seinen Pung so nahe an den Schlitten, daß Melissa einfach hinüberspringen konnte.
»Wohin jetzt?« fragte Bird. »Wirst doch im Hotel absteigen, die Postkutsche fährt erst morgen Nacht.«
»Ich ins Hotel?« rief Melissa, »nein, fahr mich geradenwegs zu Parkers, Jimmy, von denen bekomm ich, was ich brauche. Ich kenne seine drei Pferde, sie kennen mich, und sein alter roter Pung kann jeden Weg machen. Glaubt ihr, ich bleibe eine Nacht und einen Tag in Blechkessel, wenn ich nur zwanzig Meilen von daheim bin, am Abend vor Weihnachten? Sobald ich gegessen habe, geht's nach County-Line! Der Weg wird schwierig sein, aber ich darf keine Zeit verlieren.«
Jimmy Wright hatte gerade seinen Gaul antreiben wollen. Als Melissa ihre Absicht auseinandersetzte, ließ er die Zügel wieder fallen und sah hilflos zu Bird hin. Ein verständnisvoller Blick machte die jungen Leute im Augenblick zu Bundesgenossen.
»Tausend Wetter!« rief Bird, da fiel ihm ein, daß Melissa das Fluchen haßte. Um aber seine Worte nachdrücklicher zu machen, setzte er gerade noch einmal an.
»Zehntausend Wetter, Lissy, kannst einfach nicht daran denken, bis nach County-Line durchzufahren. Kommt gar nicht in Betracht! Mußt auf die Kutsche warten!«
»Walter hat recht,« erklärte Jimmy nachdrücklich. »Seit dem letzten Schneefall ist kein Schlitten bis County-Line runtergefahren, und seither hat es gehörig geweht. Die Kutsche sogar wird morgen zu tun haben, um durchzukommen. Für ein Mädel wie dich -- noch dazu allein -- ganz unmöglich!«
»Jetzt werdet ihr beide langweilig,« sagte Melissa scharf. »Als hätt' ich's nicht schon hundertmal gemacht!«
Im Zorn auf beide schüttelte sie die Hände und kam sich zugleich sehr lächerlich vor. -- Seite an Seite standen zwei Schlitten im tiefen Schnee, und statt zu reisen, diskutierte man.
»Wenn Tilly Smith zum Beispiel nach County-Line wollte, um ihre Eltern und ihre kleine Schwester zu sehen, würde der Unsinn nicht gesagt werden.«
Walter Bird lachte verächtlich. »Tilly Smith!« rief er. »Wer die anschaut, braucht gleich einen neuen Spiegel!«
»Ist das ein Grund, daß man ihr nicht hilft und sich nicht um sie kümmert?« fragte Melissa.
»Ach was, Tilly Smith kann sehr gut für sich selbst sorgen.«
»Ich auch!« rief Melissa und machte ein resolutes Gesicht.
»Ihr Beide wart sehr gut und lieb, daß ihr mir entgegengekommen seid, aber was ich tu und lasse, hat mir keiner von euch vorzuschreiben. Ich weiß es selbst. Jetzt bitte vorwärts, zu Parkers! Man friert ja an!«
»Schön,« antwortete Jimmy, »wenn du durchaus nicht auf die Kutsche warten willst, bring' ich dich hin, Lissy. Mein alter Grauer wird durch die Schneewehen durchkommen, Parkers Gäule bleiben stecken.«
»Und ich sage dir, daß ich allein fahre!« widersprach Melissa, der die Geschichte langsam auf die Nerven ging. Dann merkte sie selbst, wie unhöflich sie war.
»Verzeih, Jimmy, ich wollte nicht so grob werden. Natürlich ist es lieb von dir, daß du so weit mit mir fahren willst, und es wäre ja nett, wenn ich dich bei mir hätte. Aber es geht nicht, es würde so komisch aussehen. Papa und Mama wissen, daß ich im Winter und im Sommer den Weg oft genug allein gemacht habe. Sie würden glauben, ich wäre in der Stadt ein ganz anderes Mädel geworden, oder ich wäre überhaupt keine Hinterwäldlerin mehr. Und andererseits, wenn du so weit mit mir fährst, können sie dich nicht mehr nach Hause lassen. Dann müßtest du bei uns bleiben, Jimmy, und es ist Weihnachten,« setzte sie in einem fast bettelnden Ton hinzu, voll Angst, er könnte sich verletzt fühlen. »Sechs Monate bin ich weg gewesen.«
Jimmys robustes braunes Gesicht hatte sich während Melissas Rede verfinstert, aber die letzten Worte besänftigten ihn. Er verstand am besten, daß sie sich nach Hause sehnte, weil er so lange nach ihr gehungert hatte.
»Mir scheint, wir müssen dich gehen lassen, du warst immer groß darin, deinen eigenen Weg zu suchen.«
»Gut!« rief Bird, der gleichmäßig fürchtete, Melissa könnte den Weg allein machen, oder sie könnte ihn mit Jimmy Wright allein machen. »Kann nur sagen, wenn ich frei wäre, würd ich's nicht so leicht aufgeben, Jimmy. Allein kann sie nicht fahren. Ich habe Lust, den ganzen Weihnachtszauber aufzugeben und selbst mit ihr zu fahren.«
Melissa war dicht dran, ihm eine deutliche Antwort zu geben. Aber dann änderte sie ihren Sinn.
»Natürlich würdest du alles aufgeben, Walter,« sagte sie liebenswürdig, »wenn ich dich wirklich brauchte. Aber ich lasse nicht zu, daß deine Mutter Weihnachten allein ist. Jetzt ist genug Unsinn über all das gesprochen worden. Ihr seht, außer meinen Kleidern hab' ich in Frederikton nichts verändert. Bin dasselbe Hinterwaldmädel wie immer!«
II.