Part 10
Da die Kühe mit zwei Jahren ausgewachsen sind, die Bullen aber nicht vor dem siebenten Jahr, und da die Weibchen außerdem in größerer Anzahl geboren werden als die Männchen, kamen im Durchschnitt zehn oder zwölf von ihnen auf einen erwachsenen Bullen. Trotzdem war kein Bulle in der Herde, der nicht Angst gehabt hätte, er würde zu kurz kommen.
Die ersten beiden Kühe kamen knapp hintereinander direkt auf das Riff unseres bedrängten, aber jetzt triumphierenden Hausvaters zugeschwommen. Er erwartete sie in großer Erregung, den Kopf so hoch übers Wasser gehoben wie es nur möglich war und eifrig winkend. Das Seehundsweibchen ist viel kleiner als ihr polygamer und gewalttätiger Herr, sanftäugig und von milden Sitten. Als die erste Schwimmerin das Riff erreichte, griff der Hausherr ihr formlos ins Genick, ehe sie noch Zeit hatte, aus eigenem Antrieb den Felsen zu erklettern, und half ihr mit mehr Gewalt als Zärtlichkeit aufs Trockene. Der derbe Griff seiner Zähne in ihr Genick mußte schmerzhaft sein, aber die kleine Kuh schien es als Zeichen seiner Zuneigung zu nehmen, denn sie beklagte sich nicht. Er jedoch, der so plötzlich ihr Herr geworden, nahm sich nicht die Zeit, schön zu tun oder seine glitzernde Braut auch nur zu bewundern. Als er sie sicher in seinem Rücken wußte, machte er sich blitzschnell daran, ihrer Reisegefährtin dieselbe verbindliche Aufmerksamkeit zu beweisen. Diesmal aber kam er zu spät. Sein energischer Nachbar zur Rechten war ihm gerade noch zuvorgekommen und schnappte stolz die widerstandslose Schöne fort, um seinen eigenen Herd mit ihr zu schmücken.
Heulend vor Enttäuschung und eifersüchtig blickte der Hausherr über seine Grenzen hinüber, um zurückzufordern, was er für sein Eigentum hielt. Aber da zeigte ihm ein kurzer Blick nach rückwärts, daß sein Nachbar zur Linken sich eben anschickte, die Braut zu rauben, die er schon erobert hatte. Einen Augenblick lang bebte er in hilfloser Unentschlossenheit. Aber die treulose, kleine Kuh gab kein Zeichen, als ob sie ihm folgen wollte, sondern sie schien bei der Aussicht eines plötzlichen Wechsels ihres Eheherrn schamlos gleichgültig. So verfügte er sich wütenden Herzens an ihre Seite und stand dort mit keuchendem Rachen Posten. Der Frauenräuber, der schon öfter als einmal die Rauflust unseres Hausherrn gekostet hatte, war bescheiden genug, sich zurückzuziehen. Inzwischen kamen die Kühe in solcher Zahl an, daß jeder große Bulle genug zu tun hatte, alle einzufangen, die in seinen Bereich kamen und nicht mehr versuchen mußte, seinen Nachbarn zu berauben. Während der nächsten achtundvierzig Stunden etwa gelang es dem schnellen und unermüdlichen Hausherrn, nicht weniger als zwei Dutzend sanftäugige Weiberchen zu greifen und unterzubringen. Schön artig huddelten sie sich auf der Felsplatte in seinem Rücken und beobachteten mit Bewunderung seine herkulischen Anstrengungen, ihre Zahl zu vergrößern. Eifersucht kannten sie nicht. Die meisten von ihnen waren vielleicht sogar stolz, einem gut besetztem Harem anzugehören, dessen Größe die Tapferkeit seines Herrn bekundete. Zwei allerdings erlaubten es sich, die Liebenswürdigkeit eines leichtsinnigen jungen Bullen in der hinteren Linie entgegenzunehmen, dem es bisher nicht gelungen war, sich eine Gefährtin zu sichern. Ihr Herr war ja eifrig damit beschäftigt, weitere Ankömmlinge in Empfang zu nehmen. Aber für die meisten lag in dem Griff, mit dem der Hausherr sie im Nacken gepackt hatte, etwas Unvergeßliches. Er bewies ihnen einen gewaltigen Liebhaber und nahm ihnen die Lust zum Herumtreiben.
Noch ein paar Tage lang rückten verspätete Abteilungen von Kühen ein, und da dem Hausherrn das Glück treu blieb, sah er sich endlich als das Haupt eines Harems von mehr als vierzig Mitgliedern. Für sein weites Herz und seine gewaltigen Ansprüche waren das nicht zu viel, aber es machte ihn zum Gegenstand der bittersten Feindschaft. Selbst seine tüchtigsten Nachbarn von rechts und links besaßen keine so zahlreiche Gesellschaft auf ihren Klippen, während im Rücken eine ganze Straße voll junger Bullen war, die zu spät gekommen waren und immer auf eine Gelegenheit zum Wildern lauerten. So sehr war der Hausherr mit ehrenvollen Aufgaben beschäftigt, daß er nicht die Zeit fand, ein Auge voll Schlaf zu nehmen. Und was die Nahrung anbetraf, hatte er schon so lange darauf verzichtet, daß er kaum mehr wußte, was Essen bedeutete. Vierzig Weiber -- und alle in Gefahr, von irgend einem Stärkeren oder schlaueren Gesellen geraubt zu werden, der zufällig des Weges kam! Es war schon eine Aufgabe für den bedrängten Hausvater, seine Frauenschar immer wieder abzuzählen. Immer wieder umstreifte er wachsam die eng gelagerte Schar. Und wenn eine, die sich vielleicht vernachlässigt oder übersehen glaubte, den Versuch machte, sich wegzustehlen, um einem traurig blickenden Bewerber in der hinteren Linie zuzulaufen, erfuhr sie plötzlich, daß sie weniger vergessen war als sie gedacht hatte. Sie wurde im Genick gepackt und geschüttelt, bis sie sich selbst für eine verworfene Sünderin hielt, und dann in die Mitte des Harems hineingeschleudert. Alles dies ging natürlich nicht ohne fortgesetzte Reibereien ab, denn der eine oder andere enttäuschte Ehebrecher versuchte, es auf einen Kampf ankommen zu lassen. Aber für die jungen, unerfahrenen Bullen aus der hinteren Gasse war der Hausherr ein viel zu starker und erprobter Kämpfer, so daß diese Reibereien stets rasch ein Ende fanden.
Ein paar Tage nach Ankunft der Kühe wurden die ersten, wolligen, kleinen Hundchen zur Welt gebracht. Als die Geburten zunahmen, verringerten sich die Sorgen des Hausherrn ein wenig. Sobald ein Junges geboren war, konnte er sicher sein, daß die Mutter nicht mehr daran dachte, auszureißen. Ehebrecher freilich waren noch so gefährlich wie immer, denn diese schmiegsamen Räuber scheuten keine Verantwortung und zeigten sich stets bereit, Mutter und Kind zugleich an sich zu nehmen. Sobald die Jungen ihre erste Hilflosigkeit überwunden hatten, durften die Mütter ihren Herrn verlassen, direkt durch das Haupttor, um Fische zu fangen und sich für ihre Kleinen mit Milch zu versehen. Der Hausherr wußte, daß jetzt jede Kuh pünktlich heimkehren würde. Für ihn selbst aber gab es auch jetzt weder Ruhe noch Futter. Er hatte nichts zu tun, als zu Hause zu sein, Wache zu halten, den Nachwuchs von vierzig Weibern zu hüten und Nebenbuhler in die Flucht zu jagen. Es war ein aufreibendes Leben. In jener Zeit war er nicht mehr ein glatter und wohlgenährter Ritter, sondern ein jämmerliches Gestell aus Haut und Knochen, bedeckt mit unschönen, aber ehrenhaften Narben. Kraft und Feuer blieben ihm jedoch, und kein Nebenbuhler forderte ihn heraus, der es nicht bereuen mußte.
Eines Tages erschien jedoch ein Feind, dem selbst des Hausherrn Mut nicht gewachsen war. Die Pelzjäger erschienen auf dem Nistplatz. Es waren nicht jene verbrecherischen Schlächter, die Wilderer, sondern ehrliche Jäger, die mit Schonung töteten. Sie kümmerten sich nicht um die alten Bullen und ihre heranwachsenden Familien, obwohl die Bullen sie wütend anbrüllten. Sie brachen vielmehr in die Spielplätze der unverehelichten Jugend ein und richteten dort unter den Halbbullen und Jungburschen ein furchtbares Gemetzel an. Bald war der einst so fröhliche Spielplatz mit Blut und Leichen bedeckt. Doch achteten sie darauf, selbst von den unglücklichen Jungburschen einen guten Prozentsatz zu schonen, damit der nutzbringende Stamm der Pelzrobben nicht ausgerottet würde.
Mit den Pelzjägern kam ein nachdenklicher Mann, der nicht töten, sondern beobachten wollte. Das Töten liebte er nicht. Als er sich einen Augenblick das Schlachten angesehen hatte, rümpfte er mit Ekel seine Forschernase. Dann hatte er es sehr eilig, sich abzuwenden und den übrigen Teil der Niederlassung zu studieren. Sie mit einer Kamera zu beschießen und in Erfahrung zu bringen, was die Pelzrobben treiben, wenn sie eine ärmlichere Aufgabe hatten als die, geschlachtet zu werden. Ohne auf Drohungen, Geheul und schnappende Rachen zu achten, ging er langsam hinter den Nistplätzen entlang; blieb alle paar Schritte stehen, um seinen Apparat anzusetzen und zu knipsen. Voll Begeisterung und neuer Kenntnisse kam er hinter das Felsstück, auf dem der kampfgewohnte Hausherr seinen Harem von vierzig Schönheiten bewachte.
Diese ungeheure Familie und ihr imposanter Wächter fesselten das Auge des Beobachters. Das war wirklich ein Hausstand, den man beobachten mußte. Erst knipste er aus einigem Abstand; dann entschloß er sich, in das gedrängte Privatleben einzudringen und die häuslichen Einrichtungen zu untersuchen. Ohne besondere Aengstlichkeit wich er den zornigen Bullen der Hintergasse aus, die vor ihren armseligen Harems tobten, und wanderte furchtlos mitten hinein unter die ängstlichen Kühe und die rundäugigen, treuherzigen Jungen von der Familie unseres Hausherrn. Soviel Seehunde hatte er kampflos schlachten sehen, daß er sich von dem Mut dieser Tiere ein falsches Urteil gebildet hatte. Ohne auf die scharfe Warnung des Hausherrn zu achten, beugte er sich nieder, um eines der Jungen zu untersuchen und zu streicheln, das ihn mit seinen Augen voll rührender Tiefe und Sanftheit furchtlos anblickte.
Nun wußte der Hausherr recht gut, wer dieser Fremde war -- der ungeheure Mensch, der alle Tiere unterworfen hat, der plötzlich zu töten versteht, unsichtbar oder mit einer zuckenden Flamme --, aber er zauderte nicht; es galt, sein Heer zu verteidigen und da dachte er nicht an die Gefahr. Eine häßliche, aber gefährliche Gestalt, schritt er sofort zum Angriff.
Gerade im kritischen Augenblick blickte der Mensch auf und sah den rasenden Bullen. Er machte einen wilden Sprung, verlor seine Kamera, aber entging dem gefährlichen Biß seines Angreifers. Eine große Flosse traf ihn jedoch und so fiel er halb betäubt auf den Rücken einer protestierenden Kuh.
Zu seinem Glück beschäftigte sich der Hausherr zunächst damit, die Kamera zu vernichten, und inzwischen fand der Mensch Zeit, sich auf den nächsten Ueberfall vorzubereiten. Die einzige Waffe, die er trug, war ein schwerer Knotenstock, den er zugleich als Stütze und als Keule benutzte. Als er zur Seite sprang, bekam sein Gegner einen schweren Hieb über die Nase, die empfindlichste Stelle des Seehundes und der Hausherr brach zusammen wie ein durchbohrter Gladiator.
Der Mensch sah voll Mitgefühl auf seinen gefallenen Feind nieder, hob das Ueberbleibsel von Kamera auf, tätschelte ein Junges, das ihm nicht aus dem Weg gehen wollte und zog sich zurück. Als er die rückwärtige Linie der Bullen durchbrochen hatte, sah er sich um und stellte mit großer Befriedigung fest, daß sein Hieb nicht ganz so wirksam gewesen war, wie er gefürchtet hatte. Der Hausherr kam langsam wieder zu sich, hob sein furchtloses Haupt und überzählte seine Familie, um festzustellen, ob keines fehlte. Dann brüllte er wieder, obwohl es noch ein bißchen schwächlich klang, allen Eindringlingen seine Verachtung zu.
Als die erfolgreichen Jäger ein paar Tage später die Insel verließen, mußte er natürlich der Meinung sein, daß sie seinetwegen von dannen zogen. Da sich niemand fand, der seine Theorie bestritt, ist es erklärlich, daß er stolz darauf war.
Etwa sechs Wochen später, gegen Ende Juli, waren die Jungen stark genug, um zu reisen. Die Qualen des endlos verlängerten Fastens waren fast unerträglich geworden, und so kam der Hausherr und alle seine Nebenbuhler plötzlich zu der Erkenntnis, daß es nicht der Mühe wert war, an einer solchen Küste ihre Harems zusammenzuhalten. Es fiel ihnen ein, daß sie nächstes Jahr andere, aber nicht viel weniger reizende Gefährtinnen sammeln könnten. Da waren plötzlich die schrecklichsten Fehden vergessen, sie stürzten sich ins Wasser und machten sich hungrig daran, Fische zu jagen. Dann wandten sie plötzlich alle die Gesichter nach Süden und bald lagen die öden Felsen einsam da, um wieder Sturm und Kälte der nahenden Polarnacht zu bestehen.
Puck im Zwielicht
Puck, der Düstere, zickzackte durch das purpurne Zwielicht unter dickblättrigen, überhängenden Aesten, und Mücken zu jagen, war alles, woran er dachte. Die langen, ruhigen Stunden des goldigen Sommertages hindurch hatte er geschlafen, wie ein Sack im schattigen Giebel einer alten Scheune aufgehängt, die mitten in einer blühenden Wiese lag. Andere braune Fledermäuse hatten Seite an Seite mit ihm dort geschlafen, wie er, an ihren langen Hakennägeln festgekrallt und feierlich eingehüllt in das seidige Schwarz ihrer faltigen Schwingen. Es war ein beliebter Schlafraum für die Fledermäuse, dieser düstere Giebel, in dem kreuzweise gelegtes Balkenwerk ihnen die angenehmste Gelegenheit gab, sich fest zu haken -- und infolgedessen herrschte dort einiges Gedränge. Der eine oder andere fand sich manchmal beengt, wachte auf, quiekte und stieß seinen Nachbarn mit den knochigen Ellbogen seines Flügels, um dann mit blecherner Stimme zu protestieren, -- mit einer sehr blechernen, aber doch barschen, ein wenig zitternden Stimme, die fast wie das Räderwerk einer Drei-Mark-Uhr klang. Puck selbst hatte das Glück, ganz am Ende der Reihe zu hängen, als nächster zu einem weiten Spalt im Dach, der die frische Abendluft hereinströmen ließ. Aber mehr als einmal war er fast von diesem Hochsitz abgedrängt worden, sodaß er öfter als irgend ein anderer aufgewacht war, gequiekt und räder-geschnarrt hatte. Auch hatte ihn bei dieser ungewöhnlichen Wachsamkeit ein oder zweimal der Anblick einer großen Ratte geärgert, die tief unten auf einem langen Balken herumlungerte und ihn mit ihren grausamen Perlenaugen anstarrte. Ratten haßte er, aber da er sich in diesem Fall außer Reichweite wußte, war er nicht weiter erschrocken. Er hatte sich in seine Flügel eingehüllt und war wieder eingeschlafen, noch unter dem Blick des Feindes. So war ihm der Tag angenehm genug vergangen. Als es Nachmittag wurde, hatte er sich ein paar Mal aufgerafft, um zu dem Spalt am Giebel zu flattern und einen Blick auf das Wetter zu werfen, bis er sich endlich, als die Sonne hinter den niedrigen Hügeln jenseits des Bachs strahlend untergegangen war, durch den Spalt hindurch ins gold-violettene Dunkel schwang. Zehn Minuten später schon waren ihm die Mitinhaber des Schlafsaals gefolgt, und der Giebel ihrer alten Scheuer war nun leer.
Er war ein seltsam dreinschauender Kerl, der kleine braune Fledermäuserich, ein Gemisch aus Vogel und Maus und Kobold, drollig aber finster, ein richtiger Puck, der alle hellen Stunden verdröselte und im Dunkel zu seinem launischen und ausschweifenden Leben erwachte. Sein kleiner Körper, der in einen kurzen, braunen Pelz von auserlesener Feinheit gekleidet war, hing zwischen zwei ungeheuren Flügeln aus brauner Haut. Diese Haut, die biegsamer war als feinster Gummi, spannte sich, wie Seide über ein Schirmgestell, über die unglaublich entwickelten Arm- und Fingerknochen der Vorderglieder. Am Ende seines Rückens vereinigten sich die beiden Flügel und umspannten noch die zerbrechlichen Hinterbeine bis zu den Knien, die dadurch aussahen, als seien sie in eine falsche Richtung gezogen. Zwischen den starken Schulterblättern saß ein kleiner, seltsamer, fast formloser Kopf mit einem Knuttel von Nase, einem launischen breiten und schiefgezogenen Mund, großen flachen Ohren und winzigen, unruhig glitzernden Jett-Augen. Häßlich und grotesk war er, wenn er sich von seinem Sitz schwang oder im Gebälk herumkletterte. Im Augenblick aber, in dem er sich ins Halbdunkel des Abends schwang, bot Puck, der Düstere, ein erlesenes, ganz phantastisches Bild. So breit und biegsam waren seine Flügel, daß bei gleichem Gewicht kein Vogel der Welt seine Luftübungen von bewundernswerter Gewandtheit nachahmen konnte. Aus vollem Schnellflug in grader Linie konnte er sich plötzlich wie einen Stein fallen lassen oder, im beinahe rechten Winkel hochschnellen wie ein Geschoß, das aus der Schleuder fliegt. Ein schwindelerregendes Zickzack schien sein natürlicher Flug, und Haken konnte er schlagen von einer Exaktheit, die selbst den Sperber beschämten. Daß er das konnte, war gut. Denn die Mücken, die durch die Luft schnellten und tanzten, und andere flinke Insekten waren Pucks Nahrung, die jäh niederschießende Eule seine einzige Feindin.
Als er in dieser Nacht durch die duftenden Wiesen am Wasser segelte, war die ruhige Luft voll von Insekten: Mücken, Fliegen, Nachtfalter und die ersten schwärmenden Maikäfer. Solange er hungrig war, schnappte er gierig nach allem, was er sah. Aber als das Dunkel wuchs und sein Heißhunger gestillt war, wurde er wählerisch. Manchen guten Bissen, der leicht zu haben war, ließ er sich direkt am Munde vorbei gehn und vergnügte sich damit, nach schwer erreichbarem Wild zu jagen. So haschte er einmal nach einem hoch fliegendem Falter weit über den Baumspitzen, und diese Beute griff er unmittelbar vor dem Schnabel eines niederstoßenden Nacht-Vogels, schlang sie hinunter und verschwand, ehe der enttäuschte Vogel noch recht wußte, wer ihm zuvorgekommen war. Ein anderes Mal ließ er sich fallen und erwischte einen Maikäfer, der grade von einem wiegenden Grashalm aus die Flügel zum Flug spreitete, zur namenlosen Empörung einer Spitzmaus, die sich an den Käfer herangepürscht hatte und grade zum Sprung ansetzte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Pucks Augen, denen das Zwielicht klar wie Kristall war, die wildernde Spitzmaus im Gras beobachtet hatten, und daß es ihm ein diebisches Vergnügen war, ihr die Beute vor der Nase wegzuschnappen. Selbst die pfeilschnellen Turmschwalben konnte er manchmal auf diese Art narren -- ein Schatten tauchte vor ihnen auf, und auf geheimnisvolle Weise verschwand die eben noch gejagte Motte.
Als in den Wolken das violette Licht verblaßte, verließ Puck, der Düstere, seine Wiese und flog stromabwärts, über Feld und Hecken, zu einem Garten, in dem zwischen Rosen- und Blumenbeeten, im Schutz tiefer Bäume, ein Haus mit breiten Veranden lag. Hier schien die linde Sommernacht wie trunken vom Hauch taufeuchter Rosen und Levkojen, japanischer Lilien und Würze streuender Nelken. Hierher zog süßer Honigduft die Nachtkäfer in dichten Schwärmen. In diesem Garten, unter den Bäumen, lustwandelten ein Mann und ein Mädchen am Flußufer, das weiße Kleid des Mädchens leuchtete durch die Nacht.
Eine andere kleine, braune Fledermaus, ein Weibchen, gesellte sich zu Puck und nahm an seinen fröhlichen Spielen teil. Vielleicht war es sein Weibchen, jedenfalls seine Spielgefährtin. Ueber diesen Punkt läßt sich nicht streiten, denn in Bezug auf seine häuslichen und intimen Gewohnheiten hat Puck, der Düstere, bisher wenig erraten lassen. Eine kleine Weile wiegten sich die beiden in fröhlichen Tänzen, umkreisten, überflogen und untertauchten sich, drehten sich manchmal in schwindelnd rasch gezogenen Bogen, um sich an irgend einem Stelldichein-Platz in der Luft wieder zu finden. Das Weibchen flog weniger leicht, nicht ganz so blitzsicher wie Puck selbst -- und wer die beiden auf kurze Entfernung und bei gutem Licht beobachtet hätte, hätte gesehen, daß sie bei aller Spieligkeit eine sehr treue und hingebende Mutter war. Denn bei allem Tollen trug sie ihre beiden Kleinen mit sich! Die brachten es auf irgend eine seltsame Art zu Wege, ihr ins Genick zu klettern, und dort saßen sie so fest, daß ihre schnellsten Wirbelflüge, ihre fast atemberaubend steilen Schwünge die Kleinen nicht aus dem Sitz warfen. Ein lebhafter Abend muß es für diese Mauskinder gewesen sein, die noch zu jung waren, um zu Hause zu bleiben, weil eine schweifende Ratte sie finden konnte.
Mitten im Spiel stürzte sich irgend woher aus den Lüften ein geräuschloser Schatten, den mächtige Flügel trugen, auf das tanzende Paar. Zwei riesige Augen, kreisrund, starr und matt glühend, starrten sie an, und gewaltige Krallen, die furchtbar greifen konnten, jagten sie nach rechts und links, in gräßlicher Stille. Aber so blitzhaft schnell war ihr Ausweichen, daß beide, Puck und die kleine Mutter, den gierigen Krallen entgingen. Wie ein paar Blätter waren sie beim Angriff der Eule auseinander geweht. Sofort verschwanden sie tief unter den Aesten, und die enttäuschte Eule rauschte weiter, um weniger listiges Wild zu jagen. Gleich darauf flatterten auch die beiden Fledermäuse wieder empor. Aber, obgleich unverzagt, empfanden sie doch die Notwendigkeit, aufzupassen, solange der Feind sich in der Nähe aufhielt. Deshalb begaben sie sich zu ihrem Spiel ins untere Ende des Gartens, wo der Mann und das Mädchen spazierten, und um deren gedankenschwere Häupter schwangen sie jetzt ihre kreisenden Tänze. Menschliche Geschöpfe hielten sie für harmlos und nur dazu gemacht, die Eulen fern zu halten.
Zu Pucks Erstaunen stieß das Mädchen plötzlich einen hellen Schrei aus und warf sich ihren leichten seidenen Schal über den Kopf, daß sie wie eine florentinische Madonna aussah.
»Igitt!« schrie sie ängstlich. »Da versucht wieder eins von diesen schrecklichen Tieren in mein Haar zu kommen!« Der Mann lachte friedlich und zog sie an sich.
»Dummes Mädel, selbst in +dein+ Haar würde eine Fledermaus für kein Zureden kriechen! Sie wäre geschmacklos genug, sich dort höchst unbehaglich zu fühlen!«
»Ja, aber aus Versehen könnte sie hineinkommen!« behauptete das Mädchen, und ihre weiten Augen folgten, unter dem Schutz ihres Arms, den Grotesk-Tänzen der beiden Schatten. »Du weißt, sie sind fast blind, meine Amme hat mir erzählt, als ich noch ein kleines Mädel war, wenn mir je eine Fledermaus ins Haar käme, müßte ich's ratzekahl abschneiden. Sie würde sich so hinein verwickeln, daß man sie nie wieder herausbringt!«
»Deine Amme hat Dir merkwürdige Dinge erzählt, scheint mir,« widersprach der Mann. »Wenn Du mir glaubst, daß die Fledermäuse so wenig blind wie irgend denkbar sind, wirst Du Dir an Sommerabenden viel Angst sparen. Sie sehen sogar wunderbar gut, mein Schatz, und sie verfliegen sich nie, im Gegenteil, im Gleiten und Stürzen sind sie sicherer als irgend ein Vogel. Jedes von diesen kleinen Biestern, die da um uns herumflattern, könnte von Deiner süßen, kleinen Nase eine Mücke herunter schnappen, ohne Dich auch nur mit dem Flügel zu treffen.«
»Ich mag sie aber doch nicht!« sagte das Mädchen etwas getröstet. »Ich wollte, sie gingen weg!«
»Wie alle Welt beeilen sie sich, deinem leisesten Wunsch zu gehorchen,« erwiderte der Mann und lachte wieder, denn bei den letzten Worten des Mädchens hatten Puck und seine Gefährtin sich emporgeschwungen, und jetzt verschwanden sie unter den Baumwipfeln.
Ich behaupte nicht, daß die Beiden Englisch verstanden, oder daß sie in ihrem empfindlichen Nervenzentrum durch Fernwirkung Kenntnis von der Abneigung der jungen Dame bekommen hatten. Ihr Grund war einfach, daß die kleine Mutter sich vom Gewicht ihrer beiden Babys im Genick ermüdet fühlte und davongeflogen war, um einen sicheren Ast zu finden, auf den sie die Kleinen für ein paar Augenblicke verstecken konnte. Hoch oben im dunklen Wipfel einer Fichte nahm ein gewaltiger Ast die Jungen auf, die sich, gehorsam dem Befehl der Mutter, an die Rinde krallten und ihre winzigen Körper fest an das rauhe Holz preßten. Hier gibt es keine Gefahr, dachte die kleine Mutter, und verließ sie, um sich für ein paar Minuten lang in ungestörtem Flug zu erholen und ein wenig mehr Mücke und Motte zu sich zu nehmen. Puck hatte gewartet, bis sie ihre Babys im Ast versorgt hatte, jetzt flog er leichten Herzens mit ihr, um über den Blumenbeeten zu fouragieren.
Nicht mehr als fünf Minuten lang waren sie fort, als es der kleinen Mutter plötzlich wie mit einem Schlage durchs Herz fuhr: die Kinder brauchten sie! Im schwirrenden Bogen eilte sie zur Fichte zurück, und nach ganz kurzer Ueberlegung folgte Puck ihr auf den zierlichen Fersen.