Part 6
»Tja,« sagt er, mich nachdenklich betrachtend, »ich dachte zuerst, als ich Sie sah, an die Franzosen. Renoir oder so etwas. Aber ich bin davon abgekommen. Ich möchte Sie jetzt am liebsten als Daphne malen.« -- »Daphne?« wiederhole ich und wühle verzweifelt in den Untergründen meiner mythologischen Erinnerungen. Leider umsonst. »Es wird nur seine Schwierigkeiten haben,« fährt er fort, »wegen der Bekleidung und auch sonst.«
Ich blicke unwillkürlich zu dem Mädchen mit dem Strumpfband hinüber und bitte dann etwas verschüchtert um Aufklärung über Daphne.
»Daphne,« erklärt er, auf der Tischkante sitzend, mit weicher Stimme, »war die Tochter der Gäa, zu deutsch Erde, und des arkadischen Flußgottes Ladon. Andere behaupten zwar, daß Amyklas ihr Vater war und noch andere nennen Pennios, aber --« -- »Lassen wir die Frage offen,« schlage ich vor, »Sie wissen =La recherche de la paternité= --« Er lächelt und fährt fort:
»Apollo liebte Daphne, aber er hatte einen Nebenbuhler an Leukippos, der ihr als Jungfrau verkleidet folgte und auf Apollos Veranlassung hin von den Nymphen getötet würde. Nun floh Daphne auch vor Apollo, sie wurde von ihrer Mutter aufgenommen und in einen immergrünen Lorbeerbaum verwandelt.«
Ich sitze ein paar Sekunden lang still, fasse mich aber allmählich und sage: »Also alles in allem ein Mädchen von Charakter. -- Nun gestatten Sie mir aber bitte noch ein paar Fragen: Zuerst, in welchem Stadium ihres ereignisreichen Lebens wollen Sie Daphne malen? Zweitens, woran soll man mich als Daphne erkennen? Und drittens und letztens, warum überhaupt Daphne?«
»Ich sagte es ja schon,« antwortet Artur Vollmer, »die Sache wird ihre Schwierigkeiten haben. Aber die Idee wird mir lieb und lieber, je mehr ich darüber nachdenke. Es liegt eine tiefe Symbolik darin: Die Frau, die sich, vor dem Geliebten fliehend, in Lorbeer verwandelt. Man müßte natürlich diesen Moment festhalten, noch halb Weib, halb schon Baum --.«
Ich habe plötzlich das Gefühl, als ob ich schon halb zum Baum erstarrt wäre und mache heimlich ein paar schlenkernde Bewegungen mit den Beinen, um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Dann stehe ich auf und sage:
»Ihre Idee ist wirklich sehr interessant und sogar geistreich wie alle Ihre Bilder. Aber ich weiß doch nicht, ob ich mich dazu entschließen kann, Ihnen als Daphne zu sitzen. Ich glaube, daß mein tiefstes Wesen in Ihrem Daphnebild nicht zum Ausdruck käme. Ich mache Ihnen daher einen anderen Vorschlag: Malen Sie mich ganz einfach hier im Sessel sitzend, möglichst bequem, das entspricht am besten einem Grundzug meines Wesens. Und machen Sie das Bild so ähnlich wie möglich, dann wird ganz gewiß auch etwas von meiner Seele in Ihre Farben fließen, denn ich bilde mir ein, daß meine Seele meinem Gesicht gar nicht so unähnlich ist. -- Und wann wollen wir anfangen?«
Wir bestimmen die Zeit, und ich verabschiede mich von dem etwas frostig gewordenen Künstler, und dann sitze ich im Auto und überlege mir den Fall.
Und je mehr ich darüber nachdenke, über die ausgeklügelt geistreichen Bilder und über das unproportionierte Mädchen mit dem Strumpfband und über Frank Meinerts geschwollene Backe, um so deutlicher steigt ein schwarzer Verdacht in mir heraus, der sich nach und nach zur Gewißheit verdichtet.
Und ich nehme mir vor, morgen zu Karl Gerhard zu sagen: »Lieber Freund, Ihr Protegé ist ein interessanter junger Mann, wenigstens versteht er mit herzlich wenig Unkosten darauf zu posieren. Er hat eine einschmeichelnde Stimme und sehr gepflegte Hände. Er ist in der Mythologie erstaunlich gut bewandert und hat die eigenartigsten symbolischen Ideen. Er versteht, sehr nüanciert zu lächeln, und ich bin überzeugt, daß er auch sonst noch allerlei kann. Nur ein einziges kann er ganz bestimmt nicht, und das ist eigentlich sehr schade: er kann nicht malen.«
»Mir scheint, Sie weiden sich an meiner Todesqual --«
Wir haben uns gezankt und sitzen uns nun gegenüber wie Kinder, die beide ihre Heftigkeit bereuen und doch zu eigensinnig sind, das erste gute Wort zu sprechen. Wir sehen einander nicht an, aber ich merke, daß seine Hand, die die Zigarette hält, ein bißchen zittert, und wieder einmal, wie nach jedem Streit mit Herbert Arndt, steigt in mir das Mitleid auf.
Vielleicht habe ich ihm doch unrecht getan, als ich ihn oberflächlich genannt, denke ich, und weiß doch zugleich, daß der scheinbar tiefe Eindruck, den der Wortwechsel auf ihn gemacht hat, wie der Eindruck ist, den man einem Gummiball beibringen kann. Sobald du den Finger zurückziehst, ist alles, wie es war.
Und dieses Wissen um Herbert Arndts stets veränderliche Unveränderlichkeit ist es vielleicht, was mich ihm gegenüber oft zu einer Heftigkeit hinreißt, die mir sonst ganz fremd ist und die mich im Augenblick weit über den zufälligen Anlaß hinaus erbittert.
Was konnte es mich zum Beispiel kümmern, daß Herbert Arndt heute fast verächtlich von einem Menschen sprach, den er vor kurzem voll Begeisterung einen bedeutenden Mann von seltener geistiger Anmut genannt, und für dessen vornehm künstlerische Lebensgestaltung er eine andachtvolle Bewunderung gezeigt hatte.
Heute entsann er sich dessen kaum und nannte das Wesen des vor ein paar Tagen so hoch Gepriesenen unmännlich und affektiert, im Gegensatz zu der kraftvollen und knorrigen Einfachheit, mit der alle wirklich Großen ihr Leben geführt. Und ich wurde gereizt und nannte es Haltlosigkeit, nie bei einer Empfindung und einem Urteil beharren zu können und, wie die Snobs, immerfort seine Geschmacksrichtung zu ändern, sobald von den Obersnobs eine neue Parole ausgegeben wird. Und er nannte es Sentimentalität oder Indolenz, an alten Erinnerungen und alten Wertschätzungen zu kleben, und wir steigerten uns in immer größeren Zorn, und plötzlich schwiegen wir beide, weil wir fühlten, daß wir nicht weitergehen durften.
Und jetzt sitzen wir da und möchten uns versöhnen und wissen nicht wie. Endlich steht Herbert auf und sagt mit etwas rauher Stimme, der man noch die Erregung anhört:
»Ich will Sie lieber jetzt von meiner Gegenwart befreien. Ich kann mir denken, wie peinlich Ihnen der Anblick eines so charakterlosen und minderwertigen Menschen ist.«
Nun muß ich doch lachen. »Ich finde, Ihre Zerknirschung geht zu weit.« Er verzieht den Mund: »Ich habe mich augenblicklich nur mit Ihren Augen gesehen.«
»Ich habe diese Worte nicht gebraucht,« antworte ich, »und Sie wissen sehr gut, daß ich mit einem Menschen, den ich für charakterlos und minderwertig halte, nicht fünf Minuten lang sprechen, wieviel weniger mich in einen Streit einlassen würde.«
»Ach so,« bemerkt er, »dann habe ich es vielleicht als Ehre aufzufassen, daß Sie sich die Mühe nahmen, mich einen Snob und einen Menschen ohne inneren Halt zu nennen.«
»Mindestens als einen Beweis sehr herzlicher Freundschaftsgefühle,« antworte ich und sehe, wie ihm wider Willen ein Lächeln um die Mundwinkel zuckt. Und ich sage:
»Seien Sie kein Frosch, Herbert Arndt, und setzen Sie sich noch mal hin, denn gewöhnlich machen Sie's doch wie Wotan im letzten Akt der Walküre und nehmen stundenlang Abschied. Und in der Zeit kann man ebensogut vernünftig reden.«
Er setzt sich zögernd, denn trotz des Lächelns ist sein Ärger noch nicht überwunden, und ich schiebe ihm seine Tasse und den Kuchen näher, weil ich finde, daß es fast nichts auf der Welt gibt, das nicht gleich ein bißchen weniger schlimm aussieht, sobald man Kaffee und Kuchen vor sich hat.
Wir schweigen einen Augenblick, dann sagt Herbert: »Was mich am meisten beleidigt, ist ja gar nicht, daß Sie meine Art, die Dinge zu sehen, verachten. Ich kann Ihnen das nicht verwehren, denn jeder schätzt im Grunde genommen nur seine eigene Lebensanschauung, und wenn wir von jemandem sagen, daß er vernünftige Ansichten habe, dann hat er sicherlich die gleichen Ansichten wie wir. Was mich beleidigt, ist, daß Sie an meine Art, die Dinge zu sehen, überhaupt nicht glauben, daß Sie annehmen, ich rede nur so oder so, um mich interessant zu machen, oder aus Affektiertheit oder aus irgendeiner anderen Verlogenheit heraus.«
»Nein,« unterbreche ich ihn, »das ist ganz gewiß nicht der Fall. Und das ist eigentlich das Traurige an der Sache, das Hoffnungslose, möchte ich sagen, daß Sie immer ehrlich sind.«
»Und gerade deshalb ist der Fall hoffnungslos?« fragt er. »Wie soll ich das verstehen?«
»Es ist ganz einfach,« antworte ich, »und ich will's Ihnen erklären, selbst auf die Gefahr hin, Sie noch einmal zu beleidigen und auf die Gewißheit hin, daß es nichts nützt, denn ein Mensch, der sich immerfort ändert, der kann sich niemals ändern.«
Herbert hebt erstaunt den Kopf. »Und ich ändere mich immerfort,« fragt er.
»Und Sie wissen das gar nicht?« frage ich dagegen. »Sie wissen es gar nicht, daß bei Ihnen immerfort ein Eindruck den anderen verwischt und auslöscht, und daß Sie immerfort wie auf einem dünnen Seil gehen, nichts rechts, nichts links, so daß man ordentlich schwindelig wird, wenn man Ihnen zusieht.« -- »Ich verstehe das nicht,« sagt Herbert schroff.
»Nun also,« antworte ich, »dann will ich Ihnen aus der leider übergroßen Fülle der Beispiele nur eines nennen: Waren Sie nicht vor kurzem noch ganz berauscht von den Versen Stefan Georges, den Sie nach Goethe den einzigen deutschen Dichter nannten? Und sprachen Sie nicht ein paar Tage darauf sehr abfällig von seiner hypermodernen Pathetik, die doch im Grunde genommen hohl sei, wenn man einen einzigen Mörikeschen Vers damit vergleicht? Und war nicht wieder ein paar Tage darauf Mörike spießbürgerlich und deutsch-borniert und veraltet, weil Sie gerade bei irgendeinem dekadenten französischen Absinthlyriker angelangt waren? -- Und ist es nicht so auf jedem Gebiet? Die fanatische Ausschließlichkeit, mit der Sie jeden Tag eine andere Sache anbeten und jeden Tag mit der gleichen überzeugenden Ehrlichkeit, als gäbe es nur die eine auf der Welt, die macht mich müde und ungeduldig zugleich.«
Herbert schüttelt den Kopf. »Ich verstehe nicht, was Sie mir vorwerfen. Gefühl ist doch nichts, was ein für allemal feststeht, Empfindungen, selbst die wärmstem schwanken auf und ab. Und wären wir Menschen, wenn wir nicht Stimmungen unterworfen wären?«
»Ja,« nicke ich, »oft denke ich, Sie haben gar keine Empfindungen, sondern nur Stimmungen, oder besser gesagt: Anwandlungen, und Anwandlungen kommen nicht aus dem Gemüt, sondern aus den Nerven und der Phantasie.« -- »Und was ist Gefühl denn anderes als Betätigung der Nerven und der Phantasie?« fragt Herbert lebhaft und schnell. »Können wir irgend etwas empfinden, Liebe, Haß, Mitleid, Begeisterung, Freude oder Schrecken, ohne daß unsere Nerven zucken und unsere Phantasie die Flügel hebt? Der phantasieloseste Mensch ist der gefühlloseste zugleich, und -- so paradox es klingen mag -- die Verstandsmenschen sind die dümmsten von allen.«
Ich nicke ihm langsam zu: »Es ist wahr, wir sind alle nur bauernschlau, solange es uns nicht gegeben ist, weise zu sein. Und auch das andere, was Sie sagten, ist wahr: Es gibt kein wertvolles Gefühl ohne Phantasie. Aber die Phantasie muß in unserem Gemüt ihren Ursprung haben, sonst ist der Mensch wie ein Ofen, der von außen erwärmt wird statt von innen, der heiß, vielleicht sogar überheizt erscheint, aber niemals Wärme abgibt und verströmt.«
»Ein sinnfälliger Vergleich!« sagt Herbert, und sein Mund verzieht sich spöttisch. »Ich gebe allerdings zu, daß ich wenig Talent zum traulich wärmenden Ofen habe, und offen gesagt, mein Ehrgeiz geht nicht dahin. -- Ich gebe auch zu,« fährt er nach einem kurzen Schweigen fort, »daß ich leicht von diesem oder jenem Eindruck überwältigt werde und leicht alles andere darüber vergesse, aber ich schäme mich dessen nicht, im Gegenteil, ich bin froh und glücklich darüber, denn ich selbst liebe nur Menschen, die impulsiv und warm und stark empfindend sind.«
»Ach, lieber Freund,« sage ich, »heute! Heute lieben Sie die Impulsiven, vielleicht weil heute morgen oder gestern abend ein liebes Mädel in schöner Impulsivität Ihnen die Hand hingestreckt und etwas Herzliches gesagt hat. Und morgen lernen Sie eine interessante Frau kennen, die kühl und geheimnisvoll und verschlossen ist, und dann erzählen Sie mir, daß alles Impulsive doch eigentlich recht vulgär sei, und daß der wahre Reiz eines Menschen in seiner geheimnisvollen Verschlossenheit läge.«
»Ja,« antwortet Herbert, »und Sie erzählen mir dann, was ich Ihnen gestern erzählt habe, und werfen mir meine Treulosigkeit gegen das liebe Mädel vor. Aber der Reiz des Lebens liegt doch gerade darin, daß ich heute die Impulsiven lieben darf und morgen die Verschlossenen.«
»Ach, lassen wir's,« sage ich ein bißchen müde, »ich merke schon, wir reden aneinander vorbei und werden uns nicht verstehen.«
»Das ist weibliche Kriegstaktik,« antwortet Herbert, »sobald sie nichts zu antworten wissen, ziehen sie sich hinter die männliche Begriffsstutzigkeit zurück. Aber ich möchte jetzt meine Sache bis zu Ende verfechten und erbitte mir Antwort darauf, weshalb es ein, -- nun sagen wir, ein verächtlicher Zug sein soll, jeder Art und Gattung Geschmack abgewinnen zu können.« -- »Das ist's ja nicht,« sage ich seufzend, »und ich möchte Ihnen gerne noch einmal antworten, aber ich fürchte, die Anklagerede wird lang.«
»Wenn ich als Delinquent einen letzten Wunsch äußern darf,« sagt Herbert, »dann möchte ich mir noch ein Stück Kuchen erbitten.«
»Gewährt,« antworte ich, »und möge Ihnen das letzte Stück Kuchen leicht werden!« -- »So leicht wie Ihnen mein Todesurteil,« erwidert er mit einer höflichen Verbeugung und zieht sich den Teller mit Kuchen näher heran.
Mein Ärger ist längst verflogen, und ich muß lachen.
»Mir scheint, Sie weiden sich an meiner Todesqual?« fragt er kauend, »oder hat meine sieghafte Liebenswürdigkeit so schnell die Wolken von Ihrer Stirne verjagt? -- Es wäre eigentlich schade,« setzt er hinzu, »denn ich hatte mein ganzes Wesen schon auf Bußfertigkeit eingeschaltet, und außerdem war es von jeher meine Leidenschaft, zuzuhören, wenn von mir die Rede war.« -- »Ja,« sage ich, »es ist die einzige Leidenschaft, der Sie bis jetzt treu geblieben sind.«
Er sieht mich einen Augenblick schweigend an und sagt dann: »Über diesen Punkt dürften Sie besser orientiert sein.«
»Ich weiß,« antworte ich nach einer kleinen Pause, »aber ich finde immer, das erotische Gebiet, denn darauf spielen Sie ja an, liegt so abseits, daß es nicht in Betracht kommen kann, wenn von dem Charakter eines Menschen die Rede ist. Und selbst wenn jemand hartnäckig an seiner ersten Liebe hängen sollte --«
»Erste Liebe,« unterbricht er mich lächelnd.
»Oder an seiner dritten oder vierten,« antworte ich, »denn eine erste Liebe gibt es ja eigentlich nicht, weil immer schon eine vorher dagewesen ist. Aber es handelt sich jetzt gar nicht um die Treue gegen andere, sondern um die Treue, die wir uns selbst schuldig sind.«
»Uns selbst, uns selbst,« sagt Herbert ungeduldig, »wie einfach klingt das! Aber wer von uns kennt sich und wertet sich richtig? Wir sind doch viel zu sehr in uns selbst gefangen, um unbefangene Richter über uns zu sein.«
»Aber lieber Freund,« sage ich, »was hat die Treue mit der Erkenntnis zu tun, da sie doch nichts Bewußtes ist, sondern so selbstverständlich wie das Atemholen, und da sie aufhört zu existieren, sobald sie bewußt und ein Willensakt geworden ist. Und wer wir selbst sind, fragen Sie? Nun, wir sind nicht nur die, die jetzt hier sitzen und reden. Zu uns gehört alles, was wir vor Jahren und Monaten, und was wir gestern und heute erlebt und gefühlt haben. Und wenn wir das täglich und stündlich von uns werfen können wie alte Kleider, dann werfen wir uns täglich und stündlich selber weg. Wie ein Mensch ohne Schatten sind wir dann, und ich begreife jetzt, was ich als Kind nie verstanden habe, weshalb Chamisso es als so traurig und als so schmachvoll hinstellt, keinen Schatten zu haben.«
Herbert ist blaß geworden. »Traurig und schmachvoll,« wiederholt er, während er mit nervöser Hand seine Zigarette in der Schale zerdrückt.
Dann hebt er den Kopf, und seine Augen haben den eigensinnig fanatischen Blick, den ich kenne.
»Vielleicht haben Sie Chamisso doch falsch verstanden,« sagt er leise, »vielleicht war es nur deshalb so traurig und schmachvoll, keinen Schatten zu haben, weil alle Welt einen Schatten hat, und weil alle Welt die haßt und verachtet, die anders sind als alle Welt.
Und jetzt will ich gehen,« sagt er aufstehend, und setzt mit einem sonderbaren, etwas hilflosen Lächeln hinzu: »Diesmal nicht wie Wotan.«
»Und doch wie Wotan,« sage ich und strecke ihm die Hand hin, die er einen Augenblick sehr fest in seiner hält. »Leben Sie wohl, einäugiger Wanderer!«
Es ist ein echt weiblicher Zug von Ihnen --
Der Fünfuhrtee im Kaiserhof ist in vollem Gang, und ich sitze an einem der kleinen, mit Blumen und Lampen geschmückten Tische und erwarte meinen Berliner Freund, den Professor, den ich fast ein halbes Jahr lang nicht gesehen habe.
Ich behalte die Eingangstür im Auge, um ihm gleich zuwinken zu können, denn ich weiß, daß es ihm, trotz einer absichtlich betonten Nonchalance, peinlich ist, sich erst lange zwischen den eleganten Gästen und den unsagbar vornehmen Kellnern durchwinden zu müssen.
Und dann sehe ich doch mal nach dem sehr feschen Paar am Nebentisch hinüber, und gerade in diesem Augenblick sagt jemand neben mir: »Guten Abend,« und der Professor setzt sich an den Tisch, als habe er mich gestern zuletzt gesehen. Ich reiche ihm die Hand hinüber und frage statt aller Begrüßungszeremonien:
»Hoffentlich hat Sie mein telephonischer Anruf gestern nicht gestört?«
»Natürlich hat er mich gestört,« antwortet er, indem er die Blumen vom Tisch nimmt und daran riecht. »Ich hatte gerade meinen Mittagsschlaf angefangen.« -- »Das schadet nichts,« sage ich kühl, »welcher ausgewachsene Mensch schläft auch am hellichten Tage?«
»Nun, zum Beispiel ich und zum Beispiel Sie,« erwidert er, »denn Sie wollen mir doch nicht einreden, daß heut vormittag um zehn Uhr, als ich Sie vergeblich zu sprechen wünschte, Mitternacht war. -- Und übrigens -- ausgewachsener Mensch! Wer ist ausgewachsen? Welche Anmaßung! Wollen Sie etwa von sich behaupten, daß Sie ein ausgewachsener Mensch seien?«
»Lieber Professor,« sage ich, »ich höre gern meine Jugend preisen, aber ich finde, augenblicklich geht Ihre Höflichkeit zu weit.«
»Und wer weiß,« fährt er fort, »ob wir nicht gerade im Schlaf am besten wachsen?« -- »Jawohl,« werfe ich ein, »von den Säuglingen wird das allgemein behauptet.«
»Dummes Mädel,« fährt er mich an, »muß denn immer von körperlichen Funktionen die Rede sein? Es ist ein echt weiblicher Zug von Ihnen, daß Sie nie das Geistige ins Auge fassen können.«
»Verzeihen Sie, aber der Gedanke lag mir zu fern, daß Sie als Lehrer der Jugend den Schlaf für das beste geistige Förderungsmittel ansehen könnten. Es sei denn, Ihre Vorlesungen -- --«
Er schlägt mit der Hand auf den Tisch, daß das Nachbarpaar erstaunt herübersieht und der Kellner nervös zusammenzuckt.
»Herrgott, hat dieses Mädel ein Mundwerk! Ein wahres Glück, daß ich Sie nicht geheiratet habe!«
»Warum?« frage ich, »ich kann mir das reizend vorstellen, und es wäre uns beiden sicher sehr gesund gewesen.«
»Gesund?« antwortet er, »das wäre möglich, etwa nach der Methode, daß man den einen nimmt und den anderen damit verprügelt.«
»Ja, so dachte ich mir's,« bestätige ich und sehe vergnügt zu, wie er sich zum Entsetzen des Kellners den Teller mit Kuchen belädt. Nachdem der Befrackte endlich entlassen ist, sage ich:
»Es ist ein echt weiblicher Zug von Ihnen, daß Sie so gern Kuchen essen.«
»Wer sagt Ihnen, daß ich gern Kuchen esse?« fragt er gereizt, »und wenn Sie mich übrigens deshalb gestern am Telephon mit allen Mitteln weiblicher Verführungskunst hierhergelockt haben, um mir anzudeuten, daß Ihnen mein Appetit unsympathisch ist --.« -- »Wieso unsympathisch?« frage ich, »mir ist jeder menschliche Zug an Ihnen willkommen. Ich habe Sie aber nicht deshalb hierherbeordert --.« -- »Gefleht haben Sie.« -- »Hierherbeordert,« wiederhole ich. -- »Auf den Knien haben Sie gelegen.«
»Nein,« sage ich, »dazu war die Schnur zu kurz. Aber Sie sehen, ich habe es versucht, und das genügt Ihnen hoffentlich. Also lassen Sie mich gefälligst ausreden. Nicht deshalb, um mich an Ihrem Appetit zu erfreuen, sondern um festzustellen, ob Sie noch immer so ein Grobian sind wie früher. Und ich muß sagen, mein Wissensdurst ist gestillt.«
»Nun, dann kann ich ja Gott sei Dank nach Hause gehen, wenn ich den Kuchen aufgegessen habe, denn wenn Sie etwa glauben --«
»Ja, das können Sie,« unterbreche ich ihn, »eine Stunde werden Sie reichlich damit zu tun haben, und mehr Zeit habe ich ohnehin nicht für Sie vorgesehen.«
»Kellner!« ruft er. -- »Um Gottes willen,« flehe ich, »Sie blamieren mich, wenn Sie sich noch mehr Kuchen nehmen. Wir werden hinausgeworfen.« -- »Werden Sie jetzt artig sein?« fragt er. »Sie sehen, ich habe Sie in der Hand, ich kann Sie aufs tödlichste blamieren, wenn ich will. Also geben Sie jetzt zu, daß Sie mich angefleht haben, hierherzukommen?« -- »Ja, ja,« sage ich, denn der Kellner steht schon neben uns.
»Reichen Sie der Dame den Kuchen,« sagt der Professor großartig.
Ich lasse den Kellner unverrichteterdinge abziehen und sage: »Ich habe mich vorhin schon bedient, während Sie wahrscheinlich noch mit Ihrem geistigen Wachstum beschäftigt waren.«
Er schnippt mit Daumen und Mittelfinger nach meiner Hand, die ich erschrocken zurückziehe.
»Sie haben die körperliche Züchtigung verdient,« sagt er, »denn Sie hätten merken können, daß ich jetzt vernünftig mit Ihnen sprechen will.« -- »Es ist mir nichts aufgefallen.« -- »Ruhig! -- Also, wie geht es Ihnen?«
»Auf eine so originelle Frage kann ich nur ebenso originell antworten. Es geht mir natürlich sehr gut.« -- »Wieso natürlich?« fragt er, »ach so, Sie meinen, einer so entzückenden Dame gegenüber kann das Schicksal natürlich gar nicht anders als zart und galant verfahren. Sie stehen ja auf einem so hohen Piedestal, Sie schweben so hoch über allen Erdendingen --.« -- »Um Gottes willen,« sage ich, »was haben Sie auf einmal?« -- »Warum?« fragt er, »war ich etwa nicht grob?« -- »Geradezu unverschämt,« versichere ich.
»Na also,« sagt er, »was ist da zu erschrecken! Mir scheint, Sie sind etwas verwöhnt und verzärtelt worden seit unserem letzten Zusammensein. -- Was machen übrigens Ihre vierzig Freunde?«
»Sie verwechseln das,« belehre ich ihn, »bei unserem letzten Zusammensein war von Ihren dreiundvierzig Freundinnen die Rede.«
»Nun ja, warum sollte ich nicht drei mehr haben als Sie?« fragt er, »gönnen Sie mir die etwa nicht?«
»Von Herzen,« sage ich. »Don Juan hatte noch mehr.«
»Don Juan war auch kein feiner Genießer wie ich,« erklärt er. »Ich bin nur für Auslese, und deshalb kann auch der Kreis unmöglich vergrößert werden, so sehnsüchtig Sie darauf warten, aufgenommen zu werden.«
»Weshalb sind Sie so grausam?« frage ich, »gehen mir vielleicht ein paar Tugenden ab, die notwendig sind, um unter die Göttinnen eingereiht zu werden?«
»Alle,« erklärt er, »zuerst die wichtigste, Bescheidenheit. Sie sind von einem ebenso unberechtigten wie unerträglichen Hochmut geradezu geschwellt. Sie halten sich für unausstehlich gescheit --.« -- »Ganz im Gegenteil,« versichere ich, »ich halte mich für sehr angenehm begabt.«
»Sie sind überzeugt, daß Sie keine Fehler haben --.« -- »Auch das nicht,« antworte ich, »aber ich habe gerade meine kleinen Untugenden von jeher sehr reizvoll und sympathisch gefunden. -- Fahren Sie übrigens nur fort, es gibt für mich nichts Wohltuenderes, als wenn sich jemand so eingehend mit meiner Person beschäftigt.«
»Für diese niedrige Eitelkeit verdienen Sie meine Verachtung,« antwortet er, »oder ist Ihnen eine körperliche Züchtigung lieber?«
»Ach nein,« sage ich erschrocken und verstecke die Hände unterm Tisch, »wenn ich dann lieber um Ihre Verachtung bitten dürfte.«