Gespräche im Zwielicht

Part 5

Chapter 53,763 wordsPublic domain

»Kommen Sie nur näher, wenn Sie schon mal da sind,« sage ich, »und drehen Sie das Licht an, zum Lesen ist's schon ein bissel dunkel geworden.«

»Das finde ich nicht,« antwortet er, an der Tür stehenbleibend, »ich lese sogar schon von hier aus in Ihrem Gesicht mit den hochgezogenen Augenbrauen mein -- nun, sagen wir wenigstens -- mein gesellschaftliches Todesurteil.«

Ich schüttle den Kopf. »Ich habe keinerlei Urteile, am wenigsten Todesurteile auszusprechen.«

Er kommt langsam näher, bleibt aber beim Flügel stehen und sagt, die Arme auf das Instrument gestützt:

»Es sind nicht nur die ausgesprochenen Todesurteile, die töten. Und ich habe in den letzten Tagen manchmal denken müssen, daß die Menschen auch nicht immer an ihren eigenen Gebrechen sterben. Es ist schon mancher an der Herzensträgheit eines anderen zugrunde gegangen.«

»Gerhard!« sage ich.

»Es ist nur eine theoretische Abhandlung, gnädige Frau,« antwortet er, »und ich will Sie nicht mit Details quälen. -- Darf ich ein paar Minuten bleiben?«

Ich nicke. »Aber setzen Sie sich und nehmen Sie sich etwas zu tun, denn ich möchte dies Kapitel gern noch zu Ende lesen.«

»Darf ich mich so lange am Klavier nützlich machen, bis Sie erfahren haben, ob der Graf sein schändliches Ziel erreichen und die Unschuld zu Fall bringen wird?« Und er sitzt schon am Flügel und spielt aus Mahlers Achter »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis«.

Ich klappe seufzend das Buch zu.

»Ich weiß zwar noch nicht, ob der Graf sein schändliches Ziel erreichen wird,« sage ich, »aber daß Sie's erreicht haben, ist sicher. Also lassen Sie Mahler und das Vergängliche und erzählen Sie mir, was Sie heut so spät noch hertreibt.«

»Ich hoffe, Sie haben ein Zeichen ins Buch gelegt oder sich wenigstens die Seitenzahl gemerkt,« sagt er bedächtig. »Oder vielmehr, ich hoffe es nicht, denn es stände im Widerspruch mit meiner Anschauung von der weiblichen Psyche. Ehe eine Frau nämlich ein Zeichen ins Buch legt oder im Register nachsucht, blättert sie lieber eine halbe Stunde lang seufzend hin und her.«

»Es wird auch Frauen geben, die es anders machen,« antworte ich, »wenn ich auch leider von mir zugeben muß --«

»Sehen Sie,« triumphiert er mit aufgehobenem Zeigefinger, »das Zeichen ins Buch legen ist eben ein männlicher Zug, und wenn es Frauen gibt, die es dennoch tun, so beweist das nur, daß sie männliche Züge aufweisen und sich vom Zwang des Geschlechts befreit haben.«

»O Gott,« stöhne ich, »lassen Sie Weininger ruhen, wenn Sie auf meine Freundschaft auch nur den geringsten Wert legen.«

»Gut,« lacht Karl Gerhard, »legen wir also Weininger zu Mahler, da es Ihnen heute so beliebt, und da die Wahl zwischen einem toten Philosophen und einer lebendigen Freundin keine nennenswerten Kämpfe in mir weckt. -- Was haben Sie aber ernstlich gegen den guten Weininger einzuwenden? Der Umstand, daß man ihm mit der Bezeichnung eines modernen Frauenlob bitter unrecht täte, dürfte doch bei Ihnen nicht schwer wiegen, da Sie eingestandenermaßen Ihr eigenes Geschlecht nur bis zum Backfischalter erträglich finden?«

»Vielleicht ist der weibliche Korpsgeist doch stärker in mir als man denken sollte,« antworte ich, »vielleicht ist's aber auch nur die Weiningersche Beweisführung, die Sie soeben auch anwandten; die erscheint mir oft so billig, daß sie eines klugen Mannes, also auch Ihrer, nicht würdig ist.«

Er verbeugt sich: »Dank für die gute Meinung. -- Ich tue leider in letzter Zeit so vielerlei, was eines klugen Mannes nicht würdig ist, daß der harmlose Weiningersche Trick mit unterlaufen mag.«

»Ja, ich habe so etwas gehört,« sage ich und schiebe ihm die Zigaretten hin, da die Zöpfchen, die er aus den Fransen meiner Tischdecke flicht, schon anfangen mich zu irritieren. Und nach einer kurzen Pause setze ich langsam hinzu: »Gerhard, warum machen Sie auch so dumme Geschichten?«

Er bläst ein paar Ringe in die Luft, blickt ihnen nach und fragt:

»Sie wissen es nicht, gnädige Frau?«

Und dann plötzlich den Kopf zu mir wendend: »Sie haben keine Ahnung, warum ich neulich abend von Wartenbergs fortlief wie -- na, sagen wir wie ein wildgewordener Esel, wenn es so was gibt, -- und geradeswegs in die Bar, wo ich mit einem anderen Esel in einen etwas deutlichen Wortwechsel geriet.«

»Sie sollen ihn so verprügelt haben, daß der Wirt Sie hinauswerfen ließ.« -- »O nein,« widerspricht Gerhard und drückt bedächtig seine Zigarette aus, »ich ging ganz von selbst, nachdem ich mir ein bißchen Luft gemacht hatte. Und ich ging stolz.« -- »Gestützt auf Emmi,« unterbreche ich ihn.

»Hieß sie Emmi?« fragt er, »ja richtig, gestützt auf Emmi, denn ein Stuhlbein hatte ich doch bei der Diskussion abgekriegt. Sie sind gut unterrichtet, gnädige Frau.« -- »Nicht besser als alle Welt,« versichere ich ihn.

»Und Sie wissen auch nicht besser als alle Welt, was die Veranlassung zu all meinen Dummheiten ist?« fragt er vorgebeugt und nach seiner Gewohnheit die Hände ums Knie geschlungen.

»Vielleicht doch,« antworte ich, »soweit Sinnlosigkeit eine Veranlassung haben kann. -- Aber ich habe schon zu viele Kinder gesehen, die wild um sich schlugen und sich selbst Beulen in den Kopf rannten, weil man ihnen einen Wunsch versagen mußte oder ihnen ein gefährliches Spielzeug aus der Hand nahm, als daß mich Ihre Erlebnisse in der Bar und anderswo gewundert hätten. Ich ahnte fast so etwas, als Sie so plötzlich bei Wartenbergs verschwanden.«

»Sie sind ja auch so klug,« lächelt er mit ironisch verzogenen Mundwinkeln. »Aber ob es so klug war, mir mein Spielzeug aus der Hand zu nehmen, -- ich weiß doch nicht. Denn darin haben Sie recht, wir sind alle nur einfältige Kinder, die immer etwas zum Spielen haben müssen, damit wir nicht schreien. Fällt uns ein Spielzeug aus der Hand, schnell ein neues hineingesteckt, damit wir nicht schreien. Niemand von uns kann ohne ein Spielzeug leben.«

»Und da ging Karl Gerhard zur Bar und kaufte sich ein neues.«

»Mein Gott,« antwortet er, »man nimmt, was man gerade findet. Wählerisch ist man in solchen Momenten nicht.«

»Nun, Gott sei Dank,« sage ich, »ich sehe, daß es Äquivalente für alles gibt.« -- »Es gibt keine Äquivalente auf der Welt,« bemerkt Gerhard, »es gibt höchstens Surrogate.«

»Mag sein,« gebe ich zu, »aber Surrogate tun ja auch ihre Schuldigkeit.« -- »Nein,« ruft er plötzlich heftig, steht auf und läuft quer durchs Zimmer.

»Nein?« frage ich ganz naiv erstaunt und sehe ihm nach.

»Nein,« wiederholt er, »und ich will nicht, daß wir uns in diese Bitterkeit hineinreden, aus der wir nachher nicht wieder herauskönnen. Sie wissen so gut wie ich, daß ich kein Äquivalent und kein Surrogat gesucht habe, daß ich einfach --« -- »Ja, ich weiß,« sage ich und wundere mich, wie weich meine Stimme klingt.

Er bleibt plötzlich stehen, kommt dann näher an den Tisch und fragt:

»Darf ich noch einen Augenblick bleiben?« -- »Ja,« sage ich, und er setzt sich und starrt vor sich hin.

»Und ich hatte mir geschworen, nie mehr hierherzukommen!«

»Du lieber Himmel!« sage ich, »wenn es einen Gerichtshof für all die Meineide gäbe, die wir uns selber schwören! -- Aber vielleicht wäre es doch besser gewesen, Sie hätten diesmal Ihren Schwur gehalten, wenigstens ein paar Wochen lang --«

Er sieht mich an und schüttelt langsam den Kopf.

»Denn sehen Sie,« fahre ich fort, »es gibt außer diesem Zimmer noch so viel Schönes auf der Welt, das zu sehen und zu genießen lohnt.«

»Ach, ich verstehe,« sagt er, »eine kleine Reise oder so etwas, was bessere Leute in meinem Fall immer zu unternehmen pflegen. Wenigstens steht es so in allen schlechten Romanen der Weltliteratur, daß der unglückliche Held eine Reise um die Welt unternimmt und gereinigt und herrlicher denn je an die Stätte seiner früheren Leiden zurückkehrt. Manchmal bringt er sich ein Mädchen von den Fidschiinseln mit, das an Holdheit alles Lebende überstrahlt und die schnöde, heimische Kokette bis auf die Knochen blamiert. -- Es kann auch eine Geisha sein, aber das ist veraltet und sentimental, und die Fidschiinseln und Neuseeland sind sozusagen noch unberührter Boden. Vielleicht gestatten Sie, daß ich Ihnen von da aus eine Ansichtskarte --«

»Gerhard,« sage ich, »wer bringt jetzt den bitteren Ton hinein?« Und nach einer kleinen Pause: »Ich finde übrigens auch, daß eine Reise als seelisches Heilmittel veraltet und literarisch ist. Man denkt an Goethe und Italien, und die ganze Literaturstunde steht vor einem auf. Und ich glaube auch, es ist gleichgültig, ob man da oder dort ist, solange man sich selber überall mit hinschleppt.« -- »Jawohl,« sagt Gerhard, »einmal aus der Haut fahren, das wäre noch das einzige.«

»Nein, über sich selbst hinauswachsen, oder vielmehr bis zu sich selbst hinwachsen, -- denn Sie wissen es ja, unser wahres Selbst liegt nicht tief verborgen in uns, sondern hoch über uns --«

Gerhard nickt langsam: »Nietzsche, und ein großes Wort. -- Aber, Gott sei's geklagt, sie helfen uns nicht, die großen Worte.«

»Nun, dann ein kleines, wenn Sie die großen nicht lieben. Wir müssen versuchen, das In-uns zu ändern, wenn wir das Außer-uns nicht ändern können. Wir müssen versuchen, uns anders einzustellen und an den kleinen Dingen des Lebens Freude zu gewinnen. Glauben Sie mir, wir leben alle von der Hand in den Mund und müssen uns aus lauter kleinen Stücken und Stückchen etwas zurechtschneidern, was vor der schlimmsten Kälte schützt.«

Karl Gerhard lehnt sich im Sessel zurück, stützt die Fingerspitzen gegeneinander und sagt bedächtig: »Gestatten Sie mir, zu bemerken, was schon der alte Fritz Reuter richtig herausgefunden hat, daß nämlich die Armut allemal von der Pauvreté herrührt. Wenn ich die kleinen Freuden des Lebens genießen könnte, dann wäre ich gesund und brauchte Ihnen nicht mit Jammertönen lästig zu fallen. -- Aber das ist's ja,« fährt er heftig fort, »von jeher haben die satten Leute den armen hungrigen Teufeln gesagt: ›Was klagt ihr über Hunger! Seht doch um euch und genießt die herrliche Natur und die Schönheiten des Lebens und der Kunst!‹ -- Und von jeher haben die armen Teufel dagegen geschrien: ›Macht uns erst satt!‹ -- Denn wer kann Michelangelo genießen und Schuberts Unvollendete und den Lago Maggiore, solange ihm der Hunger die Eingeweide zerreibt!«

Und er legt den Kopf im Sessel hintenüber und schließt die Augen.

Ich sehe ihn eine Weile schweigend an und sage dann: »Immer muß ich doch denken, wieviel Glückliche man machen könnte mit dem Glück, das in der Welt ungenutzt verlorengeht. Da sitzen Sie nun, jung und gesund und unabhängig und begabt wie wenige --«

»Wie hübsch,« unterbricht mich Gerhard lächelnd, »daß sich auch bei Ihnen einmal weiblich ökonomische Instinkte melden! Nichts umkommen lassen, ist ja die erste Hausfrauenregel, mögen es nun Brotkrumen sein oder Glücksmöglichkeiten, die unter den Tisch gefallen sind.« -- »Sie sollen nicht unter den Tisch fallen,« sage ich heftig. »Wo ist Ihr Ehrgeiz und Ihr Glaube an sich selbst, der Glaube, von dem Sie einmal sagten, daß es der einzige sei, der Berge versetzen könne.«

»Ich will keine Berge mehr versetzen,« sagt Gerhard müde und steht auf. »Ich will jetzt nur noch eins: irgendwo hingehen, wo es warm ist. Mir ist in diesem Augenblick so erbärmlich kalt zumut. Und darin haben Sie recht, wir müssen uns aus den Fetzen des Lebens etwas zurechtschneidern, was vor der bittersten Kälte schützt.«

»Ja,« antworte ich, »wir alle. Aber die Fetzen, die wir zu dem schützenden Mantel verwenden, die zeigen, wer wir in Wahrheit sind. Der eine geht zur Bar, um sich zu erwärmen, der andere schafft ein unsterbliches Werk. Denn was sind alle großen Werke anderes als ein Mantel, den ein armer frierender Mensch um seine zitternde Blöße gedeckt hat und um seine Wunden und Male? Und was ist alle Tollheit und aller Rausch und alle Niedrigkeit anderes, und was alles Insichversinken und Träumen anderes als ein Schutz gegen die Kälte da draußen? Aber das Material, das wir zu dem Mantel wählen, Gerhard, das ist's, das über uns entscheidet.«

Gerhard kommt plötzlich einen Schritt näher und streckt mir die Hand hin. »Ich will wieder arbeiten,« sagt er mit so eindringlicher Plötzlichkeit, daß ich wider Willen lächeln muß.

»Fein,« sage ich und reiche ihm die Hand. »Ehrenwort?«

Er zuckt die Achseln. »Für einen anständigen Menschen ist jedes gegebene Wort ein Ehrenwort.«

»Hören Sie, Gerhard, mit dieser Sentenz auf den Lippen müßten Sie gehen, es wäre ein vorzüglicher Abgang.«

Er lächelt. »Ich bin zwar nicht so effektsüchtig wie Sie glauben, aber trotzdem, wenn es denn sein muß, -- leben Sie wohl!«

Von Seelenmalerei und einer geschwollenen Backe

Man hat mir so lange vorgeredet, ich müsse mich malen lassen, bis ich selber von ungeduldigem Verlangen nach meinem Bildnis erfaßt wurde und die Sache mit Karl Gerhard besprach. Von dem naheliegenden Gedanken, daß er der Maler des Bildes werden solle, haben wir schnell abgesehen, denn unsere Freundschaft ist uns zu heilig, um sie leichtsinnigerweise einer so harten Probe auszusetzen.

Er hat mir aber einen jungen Künstler aus seinem Bekanntenkreis empfohlen, der sich schon mit viel Glück im Porträtieren versucht habe, ganz modern und ein Werdender sei. Von jeher waren mir die Werdenden interessanter als die Gewordenen, und als mir Gerhard noch erzählte, daß Artur Vollmer es besonders gut verstehe, die Seele seines Modells zu versinnbildlichen, da war mein Entschluß gefaßt.

Wie wird er meine Seele malen? Diese Frage hat mich tagelang aufs angenehmste beschäftigt.

Auch jetzt, während ich zur Besprechung in Artur Vollmers Atelier bin, verläßt sie mich nicht, sie hat aber inzwischen etwas leicht Beängstigendes angenommen.

Wir haben ein paar nebensächliche Fragen bereits erledigt, er hat mir eine Zigarette gereicht, und ich habe versucht, mit ihm zu plaudern, da ich mir einrede, daß er bei dieser Gelegenheit meine Seele kennenlernen will. Vorerst scheint es ihm noch nicht sehr darum zu tun zu sein, denn er hat bis jetzt jedes meiner Worte nur mit einem leisen Lächeln quittiert, das genau die Mitte zwischen Höflichkeit und Unverschämtheit innehält. Ich ziehe es daher vor, schweigend die Bilder zu betrachten, die bunt und wirr an den Wänden hängen, und mein Blick bleibt an einem kauernden, etwas unproportionierten Mädchen haften, das so angestrengt bemüht ist, sich ein Strumpfband ums Bein zu binden, daß ihm die Haare wild übers Gesicht hängen.

Und ich kann die Frage nicht unterdrücken, warum dieses junge Mädchen sich so leidenschaftlich um sein Strumpfband bemüht, da es doch weder Strümpfe noch sonst etwas an Kleidung Erinnerndes auf dem Leibe hat.

»Es ist eine Studie,« beantwortet Vollmer meine unkünstlerische Frage, und ich bin zufrieden.

»Dies Ding ist übrigens eines der ersten, die ich gemacht habe,« spricht er zu meinem Erstaunen weiter, sich mit einem schwermütigen Lächeln zu mir wendend. »Es stammt noch aus der Zeit, als ich ein junger Springinsfeld war und mir wer weiß was vom Leben versprach.«

Er spricht langsam und in einem sehr weichen Dialekt eigner Erfindung und erzählt nun, einmal in Gang gekommen, ausführlich von den Enttäuschungen des Künstlerlebens, den Intrigen der stümpernden Kollegen, der Parteilichkeit der Ausstellungsdirektoren und der Verlogenheit der Kunsthändler. -- Ich höre schweigend zu, und während sein sanft sonores Organ mich weich umspült, gerate ich langsam in jenen fast hypnotischen Zustand, der mich jedesmal überkommt, wenn die Maniküre die Fingerspitzen meiner einen Hand sanft streichelt, während die der anderen im lauwarmen Seifenwasser ruhen.

»Ja,« schließt er jetzt sein Gespräch, »wenn man nicht als Künstler geboren wäre! Lieber hätte man in seiner Jugend Holzhacken lernen sollen, es wäre damit besser für das Alter gesorgt.«

Ich schüttle den hypnotischen Bann so gut es geht von mir und sage, noch ein wenig benommen: »Es ist gewiß sehr traurig, daß so viele Menschen die erste Hälfte ihres Lebens dazu benutzen, die zweite unglücklich zu machen.«

Vielleicht, daß dieser sonst gute Ausspruch nicht hierhin paßt, vielleicht auch, daß Vollmer die Abstecher ins Allgemeine nicht liebt, jedenfalls geht er mit einem leisen, etwas unbehaglichen Räuspern darüber hinweg, und ich setze schnell hinzu:

»Aber die Kämpfe, die Sie mir geschildert haben, sind ja kein Unglück zu nennen und sie bleiben wohl keinem erspart, der seine Persönlichkeit durchsetzen will.« -- »Gewiß,« bestätigt Vollmer, »und je neuartiger und origineller die Persönlichkeit sich äußert, um so härter sind heutzutage die Kämpfe mit der Lauheit und der Bequemlichkeit des Publikums.«

»Man sagt das allgemein,« antworte ich und sehe mit Schrecken, daß wieder ein leises Unbehagen über seine etwas verschwommenen Züge geht, »aber ich finde, gerade das Gegenteil ist heute der Fall. Noch zu keiner Zeit lief eine neue und eigenartige Begabung so wenig Gefahr, übersehen oder verlacht zu werden, wie heutzutage. Wir verehren und lobhudeln ja alles Schrullenhafte, und je absurder sich ein Künstler in seinen Werken gebärdet, um so eifrigere Anhänger und Förderer wird er finden. Gefahr, übersehen zu werden, laufen eigentlich nur die Stillen im Land, die einfach schaffen, wie sie können und müssen, ohne sich um Richtungen und Moden zu kümmern, die unliterarischen, möchte ich sagen.«

»Die Langweiligen mit einem Wort,« lächelt Vollmer.

»Nun ja,« antworte ich lachend, »zur Gesellschaft sind mir auch die anderen lieber, die vielseitig Interessierten, die lebhaft Bewegten, die eigenartig Schillernden. Aber ich glaube bestimmt, die wirklichen Künstler kommen aus der anderen Sphäre, aus der Sphäre der Einseitigen und Schwerfälligen, die darum in Gesellschaft langweilig sind, weil sie in ihrer Seele zuviel Kunst haben und zuwenig Literatur.«

Vollmer schweigt ein paar Sekunden. »Ja, ja, die Seele,« bemerkt er dann sinnend, und mir fällt plötzlich wieder der Zweck meines Besuches ein.

»Sie sollen ja ein ganz besonders feiner Forscher auf diesem Gebiet sein,« sage ich, »wenigstens hat man mir berichtet, daß Ihre Bilder wahre Seelenporträts seien, und ich muß sagen, ich bin gespannt --.«

Artur Vollmer lächelt zurückhaltend und weist mit der Hand auf ein großes Bild, das gleich beim Eintritt meinen Blick auf sich gelenkt hat und das ich jetzt aufmerksam betrachte. »Porträt von H. K.« steht darunter, und es stellt einen sorgsam und elegant gekleideten jungen Mann von phantastischer Häßlichkeit dar, der in einer romantischen Landschaft im Profil steht und einen Apfel, den er zwischen Daumen und Zeigefinger hält, entsetzt betrachtet.

»Sehr eigenartig,« sage ich höflich und überzeugt. »Ist es wirklich ein Porträt?«

»Sie kennen das Modell,« antwortet er und setzt nachlässig hinzu: »Auf die äußere Ähnlichkeit haben wir allerdings verzichtet, aber Sie müßten ihn schon an der Art erkennen, wie er den Apfel hält.«

Ich will schon bedauernd den Kopf schütteln, denn mir fällt keiner meiner Bekannten ein, der die Gewohnheit hat, einen Apfel mit zwei Fingern zu halten, doch da kommt mir der rettende Gedanke: -- Seelenmalerei! Und ich sage stolz und glücklich: »Vielleicht ist es einer, der alle Dinge im Leben sehr vorsichtig anfaßt?« -- »Ja,« nickt Artur Vollmer, »mit einem gewissen Abscheu sogar. Betrachten Sie den Ausdruck von Ekel in seinem Gesicht.«

»Nun ja,« sage ich etwas zaghaft, »aber genügt dieser eine Zug, um das Bild Porträt zu nennen? Und warum, wenn Sie H. K. schon malen wollten, haben Sie so vollkommen auf die Ähnlichkeit verzichtet?«

Vollmer schweigt einen Augenblick und sagt dann mit einem zerstreuten Blick aus dem Fenster: »Ähnlichkeit bekommen Sie für zwanzig Mark das Dutzend beim Photographen.«

Und so stark ist die Suggestionskraft seiner Worte, daß mir in diesem Augenblick die Photographen als eine durchaus minderwertige Menschengattung erscheinen. Aber dann erwacht mein besseres und mutiges Selbst und ich riskiere die Schreckensfrage, die Banausenfrage, die Frage, mit der man jungen Malern das Gruseln beibringt:

»Kann ein Porträt nicht künstlerisch und doch ähnlich sein?«

Und Artur Vollmer antwortet denn auch mit einem leisen Klang von Gereiztheit in seiner milden Stimme: »Sie sprechen immer von Ähnlichkeit, gnädige Frau, und das ist in der Kunst ein so ganz verfehlter Standpunkt. Die Hauptsache, daß das Bild ein Kunstwerk ist. Wer fragt in den Galerien und Museen heute danach, ob die Porträts von Dürer und Rembrandt und Van Dyk dem Modell auch ähnlich waren. Es sind Kunstwerke, und sie bleiben bestehen, während die Ähnlichkeit von heute schon morgen nicht mehr wahr ist.«

»Das ist sehr richtig,« antworte ich, »nur ist es dann nicht nötig, sich selbst malen zu lassen. Ich kann mir statt dessen irgendein berühmtes Bild eines berühmten Meisters kaufen, dessen Wert anerkannt ist, während es doch bei aller Hochachtung vor Ihrer Kunst noch nicht völlig sicher ist --«

»Daß ich Rembrandt oder Van Dyk erreiche,« unterbricht er mich, und die Stimme umspült mich wieder sanft wie Seifenwasser. »Nein, gnädige Frau, das ist sogar sehr unsicher, aber Sie vergessen, daß es noch eine andere Ähnlichkeit gibt, als die rein äußerliche, von der Sie reden. Die Ähnlichkeit, die vielleicht nur der Künstler sieht. -- Kennen Sie den hier?«

Und er nimmt ein Bild vom Boden, das bis jetzt mit dem Gesicht nach der Wand gestanden hat, und stellt es auf eine Staffelei.

»Mein Gott!« sage ich entsetzt, »Frank Meinert.«

Es ist wirklich Frank Meinert, der mir aus einem blutigroten Hintergrund entgegenstarrt. Frank Meinert mit einer blutigroten Krawatte, die eine Backe geschwollen, die Züge nicht ganz unähnlich, aber ins brutal Verbrecherische verzerrt, und mit dem bösartig lauernden Ausdruck, mit dem die Shakespeareschen Meuchelmörder über die Bühne zu schleichen pflegen.

»Mein Gott!« wiederhole ich nur, aber in meinem Innern setze ich hinzu: Was wird er aus meiner Seele machen? Gott sei meiner armen Seele gnädig!

Und nach diesem Stoßgebet frage ich gefaßt:

»Sie sind befreundet mit Frank Meinert?«

»Ja,« sagt er, »wir treffen uns oft des Abends im Café und auch sonst --«

»Und so erscheint Ihnen seine Seele?«

»So sehe ich ihn,« antwortet er einfach.

»Nun,« sage ich, »dann bewundere ich aufrichtig Ihren Mut. Fürchten Sie denn gar nicht, daß er Ihnen eines Abends Strichnin oder Zyankali in den Kaffee schüttet, oder daß er Sie auf dem Heimweg mit einem Schlagring überfällt?«

Vollmer lächelt melancholisch. »Nein,« sagt er, »was Sie da auf dem Bild sehen, ruht ja ungewußt und ungehoben in den tiefsten Gründen seines Wesens. Es wird nie zutage kommen.«

»Das wollen wir zu Gott hoffen!« antworte ich inbrünstig. »Lebenslängliches Zuchthaus wäre das wenigste. -- Übrigens maße ich mir kein Urteil darüber an, ob nicht wirklich brutale Triebe in Franks Seele schlummern. Er deutet selbst gern so etwas an, aber das ist kein Grund dafür, es nicht zu glauben. Kein Mensch kann dem anderen bis auf den Grund der Seele blicken, schon darum nicht, weil die Seele keinen Grund hat. Es geht immer noch tiefer und tiefer. Und wahrscheinlich könnten Sie jeden von uns mit dem gleichen Recht zum Verbrecher stempeln. -- Zum mindesten freundschaftlich kann ich das Bild nicht finden.«

»Und wie würden Sie an meiner Stelle Frank gemalt haben?« fragt Vollmer lächelnd, indem er das Gemälde, diesmal richtig herum, an die Wand lehnt.

»Nun,« sage ich, »da Sie die Bilderrätsel lieben, hätten Sie ihn für mein Gefühl am besten als Narziß gemalt, schwermütig am Bach ruhend, verliebt und versunken in sein Spiegelbild. -- Darf ich mir aber noch die Frage erlauben, welche Bedeutung die geschwollene Backe auf dem Bild hat?«

»Da ist doch keine geschwollene Backe,« widerspricht er zum erstenmal wirklich gereizt und holt das Bild wieder herbei. »Ich bitte Sie, das scheint doch nur so durch die Haltung und die Beleuchtung.« -- »Ach so,« sage ich, froh, daß keine Beziehung zwischen Franks Seele und dieser Schwellung besteht.

»Und wie denken Sie sich mein Bild?« frage ich dann etwas ängstlich und setze mich vorsichtshalber.