Part 4
»Mir scheint alles so spielend leicht, wenn ich auf dem Wasser bin,« sage ich, »fast als ob dies Gleiten und Wiegen die Körper- und Seelenschwere zugleich aufgehoben hätte. Und dann all die Schönheit ringsum. Nein, es ist mir heute schlechterdings unmöglich, unglücklich liebende Männer tragisch zu nehmen.« -- Erich lacht. »Wenn ich gewußt hätte, daß der Wassersport auch seelisch abhärtend wirkt, dann hätte ich Ihnen nicht so leidenschaftlich zur Anschaffung dieses Punts geraten.«
»Was verlieren Sie dabei?« frage ich und drehe den Kopf nach ihm hin, »Sie sind ja Gott sei Dank der einzige meiner Freunde, der nicht unglücklich liebt, und Sie glauben nicht, wie wohltuend das auf mich wirkt.«
»Und auf mich erst!« lacht er. »Übrigens verspreche ich Ihnen, falls mich das Malheur doch mal ereilen sollte, meinen Seelenschmerz männlich vor Ihnen zu verschließen. Denn erstens sind Sie mitleidslos --« -- »Nur auf dem Wasser,« werfe ich dazwischen.
»Nun, Sie werden nicht leugnen, daß Sie auch auf dem festen Land die Leiden anderer, und wären es die schmerzlichsten, mit bedeutend mehr Fassung tragen als zum Beispiel --« -- »Als zum Beispiel meine eigenen, und wären sie auch viel geringfügiger. Aber ich behaupte, damit keine unrühmliche Ausnahme zu machen, denn -- wenn Sie mir ein unpoetisches Wort in dieser poetischen Umgebung gestatten wollen, -- der eigne Rock ist uns allen immer noch bedeutend näher als andrer Leute Hemd. -- Übrigens, lieber Erich, glauben Sie ja nicht, mir jemals Ihre Seelenstimmung oder Verstimmung verbergen zu können. Sie sind durchsichtig wie Glas --«
»Ich werde eine undurchdringliche Maske wählen,« verspricht er.
»Ungefähr so, wie einer meiner Bekannten, der immer wenn er Unannehmlichkeiten erlebt hat, fröhlich trällernd zu seiner Frau ins Zimmer kommt, um sie über seinen Seelenzustand zu täuschen. Sie erschrickt denn auch jedesmal zu Tod, wenn sie sein Trällern hört.«
»Wie schade,« sagt Erich, »auf diesen liebenswürdigen Trick werde ich also schon verzichten müssen. Und ich bin nun wirklich selbst neugierig, welche Maske ich mir vorbinden muß, um Sie zu täuschen. Was meinen Sie, wenn ich das Raffinement so weit triebe, mir die Durchsichtigkeit als Maske zu wählen?«
»Eine gewisse kühle Durchsichtigkeit, ja. Das wäre ein sehr feiner Zug, der besondere Schlauheit verrät. Sie müssen nämlich wissen, daß der wahre Psychologe den Menschen am besten an der Maske erkennt, die er sich wählt. Und man könnte daher den sehr veralteten Spruch mit Recht dahin umändern: ›Ich weiß, wer du scheinen willst und sage dir, wer du bist‹.«
»Und damit wäre die Maske wieder nur ein Teil von uns selbst, und es bedürfte einer zweiten und dritten, um die erste zu verbergen. Nein,« sagt Erich energisch, »da bin ich doch schon aus Klugheits- und Ventilationsgründen für offenes Visier.«
»Das nützt auch nichts,« entgegne ich bekümmert, »denn es gibt Menschenkenner, die so niederträchtig fein sind, daß sie uns selbst ohne Maske durchschauen.«
Erich lacht. »Sie rechnen sich dazu?«
»Ach nein,« sage ich, »ich weiß mich frei von der Schwäche psychologischer Neugier und danke Gott täglich, daß er den Menschen die Gabe verliehen hat, ihre wahren Gesichter zu verbergen. Denn Erich, wirklich, bei Licht besehen, es ist ein Pack.«
»Und nur wir beide nicht?« fragt er.
»Ach, wir beide auch,« antworte ich, »aber von den Anwesenden spricht man nicht gern, und deshalb sagt man auch immer, sie sind ausgeschlossen.«
Wir fahren eine Weile schweigend weiter, endlich sagt Erich, wie mir scheint, etwas verdrossen: »Eins begreife ich nicht und ärgere mich darüber, -- nämlich, was Sie zu dem abfälligen Urteil über Ihre Mitmenschen berechtigt. Die Erfahrungen, die Sie bisher gemacht haben, sollten doch gerade danach angetan sein --«
»Lieber Freund,« unterbreche ich ihn, »was wissen Sie von meinen Erfahrungen, da Sie nur die Seite von mir und meinem Leben kennen, die Ihnen zugekehrt ist? -- Aber selbst, wenn Sie recht hätten, wäre es doch nichts als Bestechlichkeit, wenn ich Welt und Menschen deshalb im rosigen Schein sehen wollte, weil mir's gut geht, und weil man mich nach mancherlei Richtung hin verwöhnt hat. Es wäre eine ziemlich oberflächliche Bestechlichkeit, deren ich mich nicht schuldig machen will; trotzdem ich mich ganz gewiß nicht für unbestechlich halte. -- Ebensowenig wie irgendeinen Menschen auf der Welt.«
Erich schüttelt ungeduldig den Kopf: »Ich weiß, daß es Ihre Gewohnheit ist, große Worte gelassen auszusprechen, aber ich glaube, dies große Wort von der Bestechlichkeit aller Erdenkinder werden Sie doch nicht aufrechterhalten können. Sie werden trotz Ihrer pessimistischen Weltanschauung zugeben müssen, daß es Menschen unter uns gibt, die niemand bestechen kann.«
»Ja,« sage ich, »das gebe ich ohne weiteres zu. Niemand kann sie bestechen, weil niemand ihnen den Preis bieten kann, für den sie zu haben wären. Ich spreche natürlich nicht von Geld, denn es gibt ja Leute genug, die so viel Geld haben, daß sie damit nicht zu ködern sind. -- Aber wir alle haben Wünsche, die so brennend und tief sind, daß wir für ihre Erfüllung unsere Ehre und unsere sogenannte Seligkeit über Bord würfen. -- Da aber ein Mensch dem anderen niemals das geben oder auch nur versprechen kann, was dieses Opfer lohnt, so bleiben wir unbestochen bis an unser Lebensende, Gott sei's geklagt. --«
»Vielleicht Gott sei gelobt,« meint Erich altklug, »denn wir wissen es ja, daß erfüllte Wünsche meist eine grausame Strafe sind. -- Und doch,« fährt er nachdenklich fort, »Sie haben recht. Trotzdem wir es wissen, wir gäben Ehre und Seligkeit und ein paar Jahre unseres Lebens für die Erfüllung.«
»Ja,« antworte ich zögernd, »Ehre und Seligkeit gewiß, -- aber ein paar Jahre meines Lebens? -- Oder,« füge ich plötzlich ganz erleichtert hinzu, »wenn es vielleicht ein paar aus meiner Vergangenheit sein dürften?«
Erich lacht herzlich. »So fassen Frauen das selbstverständlich immer auf, wenn sie für irgend etwas Jahre ihres Lebens zu opfern bereit sind. -- Aber sind Sie wirklich so ängstlich besorgt um die zukünftigen?«
»Ach ja, Erich, denn es ist ohnehin immer schon später als wir glauben.«
Erich hat das Ruder eingezogen, und wir treiben jetzt in dem kleinen, fast ganz von Gärten eingeschlossenen See langsam im Kreise. Ich habe die Zigarette über Bord geworfen und die Hände um die Knie geschlungen.
»Wissen Sie, Erich,« seufze ich, »es ist sonderbar mit dem Altwerden, es ist das leichteste und das schwerste Ding zugleich.« Er nickt. -- »Aber mir ist's doch immer so, als müßte es nicht sein, daß fast alle Menschen vom dreißigsten Jahr an geistig zu schrumpfen anfangen,« sagt er, »denn leider tun sie das.«
»Nun ja,« antworte ich, »man hält zu oft für Temperament oder Begabung, was nur Jugend ist und schnell verschwindet, sobald der Mann Amt und Brot, und die Frau einen Mann gefunden hat. Erst wenn ein Mensch darüber hinaus den Schwung seines Wesens bewahrt hat, kann man sagen, daß er echt gewesen ist. Wie ja auch die körperliche Anmut einer Frau erst dann mehr ist als etwas zufällig Angeflogenes, wenn sie die Jugend überdauert, weil sie sich immer wieder von innen heraus durch seelische Kräfte erneut.«
»Ja,« sagt Erich seufzend, »wenn es so eine Art seelische Kosmetik oder Massage gäbe --«
»Die gibt es sicher,« tröste ich ihn, »eine sehr gute Seelenmassage ist zum Beispiel schon die Liebe. Aber um Himmels willen keine glückliche, denn die bewirkt gerade das Gegenteil --, führt leicht zu Ehe, Schlafrock und Kinderkriegen, und unmerklich aber sicher ins Himmelreich der Philister. Aber so eine recht unglückliche Liebe, sehen Sie --«
Ich breche erschrocken ab, denn Erich lächelt gar zu wehmütig und schelmisch zugleich.
»Erich,« sage ich und starre ihn entsetzt an, »um Himmels willen, Sie auch?«
Er wendet mir langsam sein liebes und ehrliches Gesicht zu und nickt ...
»Wie habe ich meine Maske getragen?« fragt er leise.
»Das ist nun mal mein Fimmel --«
Die Mittagstafel im Sanatorium für Nervöse und Überarbeitete geht ihrem Ende zu. Ja, der Doktor ist sogar schon aufgestanden, und während ein Teil der Gäste noch mit dem Pudding beschäftigt ist, steht er, die Hände auf die Lehne gestützt, hinter seinem Stuhl im Gespräch mit dem großen Dichter und der interessanten Frau, die ihm täglich gegenüber sitzen. Er spricht lebhaft und angeregt, bricht aber plötzlich mittendrin ab, überfliegt die Tafel mit einem zerstreuten Blick, der scheinbar nichts aufnimmt und zieht sich zurück, ohne sich von jemandem zu verabschieden. Gleich darauf erheben sich auch die Gäste, und während man sich dem Ausgang zudrängt, vermischen sich die zwei sonst streng geschiedenen Tische, der Tisch der Geistigen und der Tisch der Harmlosen, und das Stimmengeschwirr geht lauter hin und her.
»Hie weise Reden, hie Gelalle, -- ich leg' mich in die Liegehalle,« sagt jemand neben mir, und da ich den Schüttelreimfimmel des sehr gesprächigen kleinen Assessors schon seit Wochen kenne, sage ich nur gewohnheitsmäßig: »Schauderhaft!« und füge gleich hinzu: »Ich komme aber mit hinauf, muß jetzt auch liegehallen.«
Bald darauf haben wir's uns mit Hilfe von Kissen und Decken in unseren Liegestühlen bequem gemacht, und Fritz Burmeister sagt: »Na, bei Ihnen da drüben am Tisch der Berufenen und Auserwählten ging's ja heute wieder mal verflucht kriegerisch zu. Mir dröhnen noch die Ohren. Um welche heiligsten Güter wogte denn der Kampf so geräuschvoll hin und her?«
»Sie hatten heute Dostojewsky vor,« berichte ich seufzend und streife die Asche von meiner Zigarette. »Die Brüder Karamasow waren dran, und sie stritten darüber, ob das Buch mehr typisch russisch oder mehr typisch menschlich sei. Und dabei kamen sie auf das typisch Menschliche im allgemeinen zu sprechen, und der große und der kleine Dichter gerieten einander in die Haare, und da ich gerade zwischen den beiden sitze, geriet ich in die Gefahr, im Interesse der typischen Menschlichkeit zerquetscht oder erschlagen zu werden.«
»Traurig, traurig,« sagt der kleine Assessor, »aber warum krakehlen Sie nicht mit? Das ist gewöhnlich die einzige Rettung. Ich könnte es ja natürlich nicht, denn ich lese keine russischen Romane. Nicht etwa aus irgendeinem patriotischen oder moralischen Prinzip heraus, nein einfach nur, weil ich die Namen darin nicht behalten kann. Wenn nämlich der eine Fedor Alexandrowitsch heißt und ein anständiger Mann ist, dann heißt der andere unfehlbar Alexander Fedorowitsch und ist ein Schurke, und ich bin mir am Schluß des Buches immer noch unklar darüber, wer der eine und wer der andere war. Aber Sie mit Ihrem glänzenden Namengedächtnis --«
»Ach, darauf kommt es nicht an,« sage ich, »und Sie hätten ruhig mitreden können. Man kann nämlich das Blödsinnigste sagen, ohne daß einer es merkt. Heute tat ich nur deshalb nicht mit, weil ich essen wollte.«
»Was sicher das typisch Menschlichste an der Sache war,« entscheidet er und fährt fort: »Ich begreife überhaupt nicht, wie man die Geschmacklosigkeit haben kann, bei Tisch Welträtsel zu lösen!«
»Ach, wenn die Beefsteaks so hart sind wie gestern abend, dann löse ich gern mit,« erkläre ich ihm. »Es war einfach unerhört, die reinen Schuhsohlen! Der große Dichter war auch empört und mußte kohlensaures Natron hinterher nehmen.«
Burmeister schweigt einen Augenblick, und ich sehe ihn erstaunt ob der ungewohnten Pause an. Da hebt er aber auch schon den Zeigefinger und deklamiert pathetisch:
»Er sprach, ich bin kein Sohlenkauer, drauf nahm er Natron kohlensauer.« -- »Schauderhaft,« sage ich, und er antwortet mit dem treuherzigen Sanatoriumspruch, der hier all unsere Sünden decken muß:
»Das ist nun mal mein Fimmel, deshalb bin ich hier! --
Übrigens,« fährt er fort, »zeigt es sich nach Ihrer Aussage wieder einmal deutlich, daß die Lösung des Welträtsels nur eine Magenfrage ist, und wer weiß, wie nahe wir morgen mit Hilfe des Beefsteaks der endgültigen Entscheidung kommen. -- Wie verhält sich aber Ihre Tischgesellschaft zu dem schwierigen Problem der gleichzeitigen geistigen und leiblichen Ernährung?«
»Sie löst es spielend,« antworte ich. »Der große Dichter spricht immer kauend, wodurch der Sinn seiner Reden nicht klarer wird, der kleine ist für sehr reichliche Nahrungsaufnahme, aber er beeilt sich kolossal, schiebt mir oder seiner Nachbarin zur Linken schnell seine abgegessenen Teller hin und stürzt sich kopfüber ins Gespräch. Der Doktor ißt ja überhaupt fast nichts aus lauter Zerstreutheit und ist zufrieden und glücklich, wenn er, wie jener sagenhafte Heinrich, jeden Mittag wenigstens einen Dichter im Topf hat.«
»Erlauben Sie,« wendet Burmeister höflich ein, »es war ein Huhn, das jener sagenhafte und ziemlich weltfremde Heinrich jeden Sonntag im Topf seiner Untertanen zu sehen wünschte; und ich hege einen zu großen Respekt vor allem, was sich dichtend betätigt, um diese Verwechslung gutheißen zu können. -- Ich als simpler Bürger --«
»Ich bitte Sie, ein preußischer Regierungsassessor,« erinnere ich ihn, aber er wehrt nervös ab: »Ach bitte, bitte! Ich bin, wie Sie wissen, ohne jeden Standeshochmut. Und überhaupt, preußischer Assessor, das höre ich gern! Welche gräßlichen Vorstellungen knüpfen sich an dieses Wort! Ein unsympathischer und streberhafter Geselle ohne Gemüt und Idealismus, so leben wir in jedem deutschen Roman, so laufen wir durch jedes deutsche Drama.
Immer müssen wir die undankbaren Episodenrollen spielen, sind sozusagen die Schlagschatten, durch die die Lichtgestalt des Helden um so leuchtender erscheint. Und ich weiß nicht einmal, warum die Volksseele auf diese frevelhafte Weise vergiftet wird. -- Wir sind eben die Stiefkinder der Literatur,« setzt er in so tragischem Ton hinzu, daß ich gerührt werde und ihm verspreche, demnächst ein Drama zu schreiben, das eine Ehrenrettung sämtlicher Assessoren der Welt mit besonderer Berücksichtigung Preußens werden solle.
»Ich danke Ihnen,« antwortet er und verbeugt sich, soweit der Liegestuhl es zuläßt. »Es wird eine befreiende Tat sein. -- Apropos befreiende Tat,« fährt er lebhaft fort, »hat sich denn immer noch niemand im Sanatorium dazu bereit finden können, die interessante Frau, die an Ihrer Tischecke da oben sitzt und in eminenter Geistigkeit macht, geräuschlos aus der Welt zu schaffen?«
»Ach nein,« antworte ich, »Sie vergessen, daß wir leider alle noch nicht in dem vorgeschrittenen Stadium sind, in dem der Staatsanwalt und die Geschworenen auf Freisprechung erkennen müssen.«
»Traurig, traurig!« sagt er und überlegt. »Was ist denn alles hier an schönen Sachen? Vollkommene Geistesgestörtheit? Nein. Totaler Stumpfsinn? Schon eher, aber das gibt höchstens lumpige mildernde Umstände. Vielleicht ginge es mit sinnlosen Wutanfällen. Und ich bin sicher, vor jedem Gerichtshof der Welt Verständnis zu finden, wenn ich behaupte, daß diese Trägerin eminenter Geistigkeit und noch eminenterer Dummheit mich täglich in sinnlose Wut versetzt, wenn sie ihre unkontrollierbaren indischen und chinesischen Weisen in den Himmel hebt und mit verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln von dem langweiligen Moralphilister Kant, dem verwirrten Schwätzer Nietzsche und dem salbadernden Geheimrat Goethe spricht. Kein Gerichtshof der Welt --«
»Tun Sie's trotzdem nicht,« unterbreche ich ihn. »Ihr Klaps ist leider noch nicht vorgeschritten genug, um vor den Sachverständigen zu bestehen. Und schließlich, was tut sie Schlimmes? Wenn sie nicht gerade ihre Verachtung für alles Europäische kundgibt, oder mit dem kleinen Dichter über Fragen des Unterbewußtseins diskutiert, ist sie harmlos. Sie spielt die Kosmopolitin, seitdem sie mit ihrem Mann ein paar Wochen in China war oder in Australien, was ja schließlich dasselbe ist. --«
»Erlauben Sie mal!« fährt er entsetzt in seinem Stuhl hoch. »Ich meine ja nur, was den Effekt betrifft,« beruhige ich ihn. -- »Und das Unterbewußte, das ist nun einmal des kleinen Dichters Steckenpferd.«
»Ich weiß,« sagt Burmeister bekümmert, »Ihr Tischgenosse Janssen hat mir erzählt, daß er ihn schon zweimal mit der Frage nach seinem unterbewußten Empfinden in die tödlichste Verlegenheit versetzt hat. Janssen fand das gemein und anstößig, noch dazu in Gegenwart von Damen und nennt den kleinen Dichter seitdem nur noch ›Mayer mit dem Unterbewußten‹.«
Hier muß ich so laut herauslachen, daß eine der Hausdamen den Kopf zur Tür hereinsteckt und daran erinnert, daß Ruhezeit ist, und daß man uns im ganzen Haus hören könne.
»Das spricht für die Harmlosigkeit unserer Unterhaltung,« versichert Burmeister treuherzig, schiebt aber mit Rücksicht auf das ganze Haus unsere Stühle so dicht wie möglich zusammen und fragt mich im Flüsterton, ob ich Janssens Auffassung nicht sehr berechtigt fände.
»Mir scheint,« sage ich, »der Gute sucht sich an der ganzen Literatur dafür zu rächen, daß die Worte ›Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer‹ nicht in der Jungfrau von Orleans vorkommen, wie er neulich behauptet und beinahe beschworen hat.«
»Sie könnten auch ganz gut da vorkommen,« verteidigt der Assessor seinen Freund. »Und überhaupt, Schiller oder Goethe, so feine Nuancen braucht man wirklich nicht zu kennen. Mich quält aber schon seit Wochen eine andere Frage und zwar, welchen Befähigungsnachweis Janssen erbracht hat, um an Ihrem Tisch aufgenommen zu werden.«
»Es war wohl hohe Protektion dabei im Spiel, wie bei mir auch,« antworte ich. »Der Doktor glaubte, mir damit gutzutun, und dabei blicke ich doch immer voll Sehnsucht zu Ihnen hinüber --«
Burmeister verneigt sich. »Ich meine natürlich zu Ihrem Tisch, dem Tisch der Harmlosen, dem Tisch der holden Gewöhnlichkeit, wie Thomas Mann alias Tonio Kröger sagen würde. Es ist oft so abspannend bei uns.«
»Ach, glauben Sie ja nicht, daß es bei uns leichter ist,« warnt er eifrig. »Es ist ein aufreibendes Stück Arbeit, bis zum Beispiel jeder Kurgast jeden Kurgast davon überzeugt hat, was für eine vornehme Persönlichkeit er in Berlin oder Stettin oder Frankfurt ist, und ich weiß nicht, ob die Sache dadurch einfacher oder komplizierter wird, daß jeder nur zuhört, solange er selber redet und voll Sehnsucht diesem Moment entgegenlebt, solange ein anderer das Wort hat.«
»Ich finde, Sie sind ein bißchen überheblich, Burmeister,« sage ich. »Sie müssen doch immer bedenken, daß wir uns in einem Sanatorium für Nervöse und Überarbeitete aufhalten.«
»Ja richtig,« antwortet er, »und dabei fällt mir ein, daß ich Sie schon lange etwas fragen wollte, und zwar etwas sehr Plumpes und Taktloses, wie ich vorausschicken muß. Ich fühle mich dabei lebhaft in die Zeit meiner ersten Kinderkostümfeste versetzt, bei denen ich es, trotz mütterlicher Ermahnungen, nie unterlassen konnte, an alle mich umgebenden Masken mit der taktlosen Frage heranzutreten: ›Als was bist du eigentlich hier?‹ Was die verschiedenen Spanier, Rotkäppchen und Schornsteinfeger jedesmal in peinliche Verwirrung versetzte. Also, gnädige Frau, nehmen Sie's nicht übel, Sie sind so staunenswert unnervös, eine Wortbildung, die es eigentlich nicht gibt, und für die demnach kein starkes Bedürfnis vorzuliegen scheint, und vor dem Gedanken, daß Sie sich jemals im Leben überarbeitet haben, schreckt die kühnste Phantasie zurück. Also, ich kann nicht anders: Als was sind Sie eigentlich hier?«
»Lieber Herr Burmeister,« sage ich, »ich wußte natürlich, daß diese Frage kommen würde, und habe mir während Ihrer schönen Einleitung überlegt, ob ich sie beantworten darf. Es ist nämlich ein Geheimnis dabei im Spiel.«
»Oh, ein Geheimnis?« fragt er eifrig. »Rätsel zu lösen, war von jeher meine Spezialität. Hat man etwa die Absicht, Sie langsam durch kohlensaure Bäder, Hypnose und schwedische Heilgymnastik aus der Welt zu schaffen, um einer ungeheuren Erbschaft oder gemeingefährlicher Dokumente willen? Oder sind Sie vielleicht als Polizeispitzel tätig und beauftragt, einer Eheirrung aus allerhöchsten Kreisen auf die Spur zu kommen? Oder in diplomatischer Mission, um etwas über die Stärke unserer Militärmacht oder über den Stand unserer auswärtigen Beziehungen auszukundschaften? Oder hat man --«
»Um Gottes willen Schluß!« rufe ich, »ich hänge den Hörer an. Und ich will's Ihnen lieber anvertrauen, ehe Sie sich ganz und gar ins Reich der unbegrenzten Möglichkeiten verlieren: Ich bin wirklich partiell gesund, ich bin nur hier, um Studien zu machen --«
»Ah,« macht er verständnisvoll, »für das Drama, das eine Ehrenrettung der preußischen Justizbeamten werden soll. Ich muß gestehen, Sie hätten sich für Ihre Studien keinen besseren Platz wählen können. Und jetzt begreife ich auch, warum Ihr alter Freund, der Doktor, Sie mitten zwischen die Dichter und Denker gesetzt hat. Er nimmt an, daß die Dichtkunst eine Art ansteckender Krankheit sei, vielmehr ein Bazillus, der bei häufiger Berührung der Ellenbogen, oder so, von einem zum anderen überspringt und eine verheerende Wirkung ausübt. Traurig, traurig! Mich tröstet nur die Gewißheit, daß es Menschen gibt, die gegen die entsetzlichsten Krankheiten immun sind, und -- ohne Ihnen schmeicheln zu wollen -- ich halte Sie für immun gegen alles, was mit Dichtkunst zusammenhängt.«
»Traurig, traurig!« sage ich. »So könnte ich also mit Domingo aus dem Don Carlos, oder wenn Sie lieber wollen aus der Iphigenie sprechen: ›Wir sind vergebens hier gewesen‹.«
Burmeister nickt: »Vergebens vielleicht, -- umsonst sicherlich nicht.«
Und ich kann nicht umhin, diesen mehr humor- als trostvollen Ausspruch seufzend zu bestätigen. --
Aber dann deute ich nach den Bergen drüben und dem sonntagstillen Tal unten und sage: »Doch nicht vergebens, und wenn es nichts weiter war als das.«
»Das ist so weit,« murrt Burmeister, »und dann immer nur ansehen!« -- »Ja,« gebe ich zu, »man fühlt sich übergroßer Schönheit gegenüber immer so hilflos und hat das Gefühl, daß es nur zwei Arten von Erlösung gibt: man müßte sich in das Schöne hineinstürzen oder es auffressen können.«
Burmeister hat den Arm auf die Lehne meines Sessels gestützt und blickt mir von unten her ernsthaft in die Augen.
»Sie haben recht,« antwortet er, »und ich empfinde es mit aller Entschiedenheit, deren ich fähig bin: Der Kuß wäre augenblicklich die einzige Lösung.«
Ich muß lachen: »Ich glaube, in der Juristensprache nennt man so etwas eine Unterschiebung; aber ich zweifle nicht daran, daß Sie hier im Sanatorium allerlei Verständnis für Ihre Auffassung finden.«
»Die Sie nicht teilen?«
»Die ich teile, -- unter Vorbehalt natürlich.«
»Unter welchem Vorbehalt?«
»Nun, erstens natürlich unter dem Vorbehalt der Legitimität.«
»Legitime Küsse!« Er schüttelt sich. »Aber zweitens?« drängt er. »Auf erstens muß doch immer ein zweites folgen.«
»Zweitens,« antworte ich und lehne mich soweit in meinem Liegestuhl zurück wie es irgend möglich ist, »zweitens will ich Ihnen mal was sagen, Burmeister: Sie sind neugierig. Ich habe Ihnen heute schon ein Geheimnis anvertraut und diese Erinnerung macht Sie kühn, um wieder mal aus dem Don Carlos zu zitieren.«
»Du lieber Gott, kühn!« seufzt Burmeister. »Wenn Sie wüßten, wie wenig kühn ich in diesem Augenblick bin!«
»Na also, dann ist's ja gut,« sage ich, »dann setzen Sie sich wieder bequem zurück, wie sich's gehört und bedenken Sie, daß nach Tisch von Gottes und Doktors wegen Ruhezeit ist. Und dann will ich Ihnen das zweite Geheimnis anvertrauen.«
»Das Geheimnis Ihrer Unnahbarkeit?« fragt er.
»Ja,« antworte ich, »und nun hören Sie gut zu: Die Unnahbarkeit ist nämlich mein Fimmel --«
»Und deshalb sind Sie hier!« stößt er mit einem so herzlichen und lauten Jubelton heraus, daß ich ihm unbedingt den Mund zuhalten muß.
Und da ging Karl Gerhard zur Bar --
»Herein,« sage ich ein wenig erstaunt und sehe nicht gerade angenehm überrascht vom Buch auf, denn meine Kaffee- und Besuchsstunde ist längst vorbei, und in diesem, vielleicht einzigen Punkt bin ich ein bißchen Pedant.
Und es schießt mir durch den Kopf, ob Karl Gerhard wirklich nur darum so unsicher und zerknirscht aussieht, wie er da in der Türe steht, oder ob noch etwas anderes --? Ich habe allerlei Fatales gehört in letzter Zeit -- --