Part 3
»Paulsen,« sage ich, »haben Sie wirklich keine Ahnung davon, wie viele Komödien uns durch diese Komödie erspart blieben? -- Aber bis jetzt haben Sie nur um die Sache herumgeredet und mir immer noch nicht erzählt, warum Sie gerade heute Ihre Grantigkeit so wenig bändigen konnten, daß sie schon auf der Treppe mit Ihnen durchging? Und was sollte das heißen: ›Eine schöne Leich'‹?«
»Nun, das soll heißen, daß wir heute unseren guten Franz Lindner mit Harmoniumklängen und Feierreden sanft eingesargt und begraben haben. Nicht nur für uns, was selbstverständlich und nicht von Bedeutung ist, sondern auch für die Welt, und -- wie ich fürchte, für ihn selbst.«
»Für einen Toten fand ich ihn unverhältnismäßig zufrieden und glücklich aussehend,« bemerke ich etwas trivial, und Paulsen fährt denn auch auf: »Ein Mann und noch dazu ein Künstler, der mit fünfundzwanzig Jahren zufrieden und glücklich aussieht, der gehört unbesehen zu den Toten, denn er ist das jämmerlichste von allen Geschöpfen.«
»Lieber Freund,« sage ich beschwichtigend, »ich hoffe, daß das nur einer Ihrer bekannten rethorischen Superlative ist, die wirklich immer superlativischer und rethorischer werden.«
Aber Paulsen schüttelt den Kopf. »Alles darf ein Künstler wollen,« sagt er nachdrücklich, »das Höchste und das Niedrigste, das Edelste und das Gemeinste, nur das armselige Glücklichsein, das darf er nicht wollen, das muß er den Philistern und den Weibern überlassen, sonst hat er ausgespielt -- versungen und vertan.«
»Ich verstehe das nicht,« antworte ich. »Sollte eines Mannes großes, vielleicht überschwängliches Glück nicht auch Kunstwerke schaffen helfen?«
»Glück!« sagt Paulsen und verzieht das Gesicht, als habe er unversehens auf ein Pfefferkorn gebissen. »Nehmen Sie bitte das Wort einmal in die Hand, wie Schnee wird's darin zerfließen.«
Ich schüttle langsam den Kopf, aber er fährt fort: »Jawohl, ich kenne allerlei angenehme Dinge, die dem Glück zum Verwechseln ähnlich sehen. Erstens und vor allem befriedigte Eitelkeit, dann vielleicht noch Sorglosigkeit und Behagen. Ich kenne auch allerlei Räusche, aber immer, wenn man Glück dazu sagen will, zerfließen sie wie Schnee zu Wasser und zu Dreck. -- Nein, das sogenannte überschwängliche Glück hat noch keine großen Werke geschaffen, und wenn dazu überhaupt ein Empfinden helfen kann, dann kann es nur ein überschwängliches Leid. Aber im allgemeinen bin ich der prosaischen Ansicht, daß die großen Werke keine Stimmungsprodukte sind, sondern Arbeitsprodukte.«
Wir schweigen einen Augenblick, dann fügt er hinzu: »Und wer arbeiten will, muß die Arme frei haben und ohne Verantwortung sein oder ohne Gewissen. Und wenn Kraft dazu gehört, die Einsamkeit zu ertragen, so gehört Größe dazu, sich als Künstler in der Zweisamkeit zu behaupten, die man bürgerliche Ehe nennt, und die meist alles andere als nur Zweisamkeit bedeutet.«
»Mag sein,« antworte ich nachdenklich. »Aber glauben Sie nicht, daß die Unzufriedenheit und innere Einsamkeit, die Ihnen zum Künstlertum unerläßlich scheinen, bei Franz schnell wieder die Oberhand gewinnen werden, sobald das Neue, das ihn jetzt noch berauscht wie alles Neue, alltäglich geworden ist?«
»Vielleicht,« nickt Paulsen. »Nur daß es dann nicht mehr die rechte Unzufriedenheit ist und nicht mehr die rechte Einsamkeit. Nicht mehr das Leid, das den Menschen erhebt, indem es ihn zermalmt. -- Es wird die ganz alltägliche Qual sein, die einen feinnervigen Menschen im Zwang des immerwährenden Beisammenseins mit einem anderen zerreiben muß. Wie ja überhaupt die Frage, ob jemand in der Ehe unglücklich wird oder nicht, immer nur die Frage ist, wieviel er aushalten kann, im letzten Grund also nichts anderes als eine Nervenfrage.«
Ich nicke und lächle vor mich hin, denn Paulsens Art, die kompliziertesten Dinge auf die einfachste Formel zu bringen, amüsiert mich immer von neuem.
»Übrigens,« fährt er fort, »ist diese Frage absolut nebensächlich, und es ist möglich, daß wir Franzens Anpassungsgabe und Nervenstärke unterschätzen; vielleicht wird er sich bald wohl fühlen in der Philisterei, die er dann vornehmes Bürgertum nennen wird oder so ähnlich. Denn Leute, die ein bißchen journalistisch verseucht sind, finden bekanntlich immer ein rettendes Wort.«
Wir sind an der Alster angelangt und gehen eine Weile schweigend nebeneinander her, bis ich endlich ein wenig kleinlaut frage: »So wäre also für den Künstler die Frage, glücklich oder unglücklich verheiratet? immer nur die Frage nach dem kleineren Übel und eine ungelöste, wie mir scheint.«
Paulsen nickt zerstreut und deutet nach der sonnenglitzernden Alster und den Gärten rechts und links, von denen der Duft herüberstreift.
»Da ist er wieder, der große Betrüger,« sagt er, »dem wir in unserer Dummheit jedes Jahr von neuem auf den Leim gehen.«
Ich sehe ihn fragend an, und er fährt grimmig fort: »Oder hat Ihnen der Frühling vielleicht schon einmal gehalten, was er Ihnen versprochen hat?«
»Nein, Paulsen,« sage ich, »er hat mir noch nie gehalten, was er mir versprochen hat. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich nie dumm genug war, ihm ganz zu glauben.«
»Tja, ja,« nickt Paulsen, und sein Gesicht verzieht sich wieder zu der wehmütig-spöttischen Grimasse, und nach einer kleinen Pause noch einmal langsam: »Tja, ja.«
»Ich weiß, Paulsen,« sage ich seufzend und reiche ihm die Hand zum Abschied, denn wir sind vor meinem Hause angelangt. »Ich weiß es schon lange, das Dümmste, was wir haben, ist allemal unser Verstand!«
Von klugen und törichten Jungfrauen, himmelblauen Kleidern und schlechten Gewohnheiten
Dufaure und ich laufen durch den Wald, das heißt wir laufen nicht so, wie die Kinder laufen, obwohl wir's gerne möchten, aber wir gehen auch nicht so kur- und promenadenmäßig, wie sich's für verheiratete und ernst zu nehmende Leute ziemt. Denn wir sind beide ungeduldig. Wir haben schon viel zu lange bei der Table d'hote stillsitzen müssen, und während die anderen Gäste in ihren Liegestühlen schmökern und gähnen, kommt über uns beide manchmal das fast unbezwingliche Verlangen, ziellos in der Welt herumzulaufen.
»Fast so, als ob wir vor etwas davonrennen müßten, dem wir doch nicht entgehen werden,« sagt Dufaure, und ich nicke nur und spreche dann weiter über das vorher begonnene Thema und höre plötzlich ganz erstaunt mir selbst zu, als wär's ein fremder Mensch, der da voll Eifer Vorträge über Kindererziehung und Volksaufklärung hält.
Und mitten drin fragt Dufaure ruhig und sanft: »Wollen wir nicht lieber von etwas sprechen, was Sie interessiert?«
Da lache ich und sage: »Sie sind ein feiner Seelenkenner, Hänschen Dufaure. Mir ist's wirklich im Moment vollkommen gleichgültig, ob das Volk aufgeklärt wird oder dumm bleibt.«
»Mir nicht,« sagt er, »aber ich glaube, selbst wenn Ihnen ernstlich darum zu tun wäre, kämen wir der Lösung nicht näher, solange Sie solchen Kuddelmuddel darüber reden wie eben jetzt. Denn -- Verzeihung, das haben Sie wirklich getan.«
»Ach Hänschen,« seufze ich, »es ist doch unglaublich gleichgültig, was man redet. Wenn man nur nicht zu denken braucht.«
»Merkwürdig,« sagt er kopfschüttelnd, »diese Maßnahme der meisten, selbst der klügsten weiblichen Wesen, beim Sprechen das Denken auszuschalten! Übrigens begreife ich nicht, was es für Gedanken sein können, die Sie so quälen, denn daß Sie sich über die Kinder- und Volkserziehung keine Sorge machen, ist mir soeben klar geworden, während Sie so leidenschaftlich darüber sprachen.«
Und da ich schweige, fährt er fort: »Wenn ich ganz ehrlich sein soll, glaube ich überhaupt nicht, daß Sie sich über irgend etwas in der Welt Kummer machen. Mir scheint es so, als ob das Leben vor und hinter Ihnen läge wie ein schöngepflegter Park, durch den Sie in wundervollen himmelblauen Gewändern wandeln. Und über Ihnen schwebt so etwas wie ein Schutzgeist, der paßt auf Ihre himmelblauen Gewänder auf.«
»Hänschen,« sage ich, »Sie sind wirklich nicht dumm.«
»Wie hübsch, daß Sie das finden,« antwortet er, »noch hübscher, daß Sie's so überzeugend sagen, denn ich halte mich manchmal für verzweifelt dumm. Ja, wenn ich uns zwei so betrachte, scheint mir's immer, als wären wir die lebendige Illustration zu der Geschichte von der klugen Jungfrau und dem dummen Hans. -- Sie kennen doch die Geschichte?«
»Nein,« sage ich, »aber mir scheint, Sie werden sie gleich erzählen, sie brennt Ihnen schon auf der Zunge.«
»Nur den Anfang,« sagt er zögernd, »denn die Geschichte hat noch keinen Schluß.«
»Sie wird auch keinen bekommen,« sage ich.
Und dann sehen wir uns einen Augenblick an, und dann frage ich, ob er gute Nachrichten von zu Hause habe.
»Ich danke,« sagt er, »die Kinder kommen täglich an die Luft und sehen gut aus. Und Baby hat jetzt den zweiten Zahn, und die Amme will fortgehen. Und der Große hat gestern zweimal gehustet, aber der Doktor sagt, es ist nichts. -- Ich nehme an, daß Sie sich hierfür brennend interessieren.« -- »Nicht so sehr für die Details,« antworte ich, und wir gehen eine Weile schweigend nebeneinander her, bis er plötzlich fragt:
»Wird Ihnen das Kleid nicht über, wenn Sie es immerfort tragen?« -- »Welches Kleid?« frage ich erstaunt. -- »Das himmelblaue,« antwortet er.
»Mein Gott, ob es mir über wird!« seufze ich. »Aus dem himmelblauen Gewand ist ja schon richtig eine Zwangsjacke geworden! Aber was nützt's, wenn ich auch heraus will, mein Schutzgeist zieht mir's immer wieder über den Kopf, und so hab' ich mich abgefunden und werde himmelblau ins Grab steigen, verlassen Sie sich darauf, Hänschen.«
»Daran glauben Sie also wie an ein unabwendbares Fatum, das Ihr Leben bestimmt?«
»Ich glaube, daß unsere Natur das Fatum ist, das unser Leben bestimmt, -- ein unentrinnbares Fatum.«
»Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen,« zitiert er, »aber wie wird es, wenn unsere Natur in Konflikt gerät mit der Natur und dem tiefsten Wesen eines anderen, das doch für ihn ebenso lebenbestimmend sein muß wie unseres für uns? Wenn zum Beispiel ein Mensch, der, sagen wir, vom Gesetz der Trägheit regiert wird, -- ja, jetzt lachen Sie --,« unterbricht er sich, »aber seien Sie ehrlich: Heißt das, was wir Schutzgeist und Natur und Fatum nannten, nicht wirklich so ähnlich wie Trägheit?«
»Nennen Sie es so, wenn Sie wollen,« antworte ich, »und wenn Sie noch einen Namen dafür brauchen. Die meisten Menschen finden sich ja leichter mit einer Erscheinung ab, sobald sie erst einen Namen dafür gefunden haben. Und so hoffe ich, daß Sie sich endlich mit meiner Trägheit abfinden werden.«
»Hoffen Sie das ernstlich?« fragt er, und wir stehen einen Augenblick still und sehen einander in die Augen.
»Ja,« sage ich.
»Nein,« sagt er, »Sie hoffen es nicht, und Sie glauben es auch nicht. Denn Sie wissen, ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich abfinden und sich abfinden lassen. --«
»Ich hoffe es doch,« antworte ich, »denn niemand kann mit dem Kopf durch die Wand, -- es sei denn, er gehörte zur Kategorie derer, mit denen man Wände einrennt, und dazu habe ich Sie nie gezählt. -- Aber jetzt sagen Sie mir bitte, wann wir heute Tennis spielen wollen. Vor sechs Uhr ist es gewiß zu heiß und um sieben geht es schon wieder zu Tisch.«
Statt aller Antwort fragt Dufaure: »Haben Sie eigentlich nie geritten?«
»Nein,« antworte ich, ein bißchen erstaunt, wie immer über seine sprunghafte Art. »Sie wissen ja, daß ich eine unnatürliche, ich möchte fast sagen eine traumartige Angst vor Pferden habe.« --
»Dann kennen Sie vielleicht auch nicht die eigentümliche Scheu, die manchmal ganz plötzlich und aus unaufgeklärten Gründen so ein Tier befällt. -- Stellen Sie sich vor: es geht seelenruhig und brav bis zu einer bestimmten, ganz harmlosen Stelle. Aber an dieser Stelle macht es plötzlich kehrt, und keine Mühe, kein Schmeicheln und Drohen kann es bewegen, weiter als bis zu diesem Punkt zu gehen.«
»Ich habe schon davon gehört,« antworte ich, »und die Lösung dieses Rätsels wäre vielleicht ein wertvoller Beitrag zur Erforschung des pferdlichen Seelenlebens. Mir scheint sie übrigens nicht so schwierig wie Ihnen. Vielleicht ist der Punkt, vor dem die Scheu besteht, doch nicht ganz so harmlos wie Sie glauben. Es ist ja nicht gesagt, daß zwei Wesen darin gleich empfinden müssen.«
»Und wenn es nun gerade die Gefahr ist, die den Reiter lockt, wenn er nun gerade den Widerstand überwinden und diese -- meinetwegen nicht harmlose Stelle erreichen will. Was dann?«
»Ja, was dann?« sage ich, »Sie sind ja Reiter, lieber Freund, nicht ich. Wäre ich der Reiter, dann umginge ich vielleicht die gefährliche Stelle -- vielleicht, sage ich.«
»Das ist kein Heldenstück,« spottet er, »weder das Umgehen noch das Vielleichtsagen. Und wenn nun das andere ›Vielleicht‹ einträte, und Sie nicht so besonnen und weise wären, nicht so ganz kluge Jungfrau, was machten Sie dann?«
»Dann, ja dann machte ich wahrscheinlich eine große Dummheit, bei der ich den Kopf riskierte, oder doch wenigstens den Kragen, was auch peinlich sein kann.«
»Und das schöne himmelblaue Gewand, -- ja, das wäre bitter.«
»Nein, Hänschen,« sage ich, »bitte zu bedenken, daß ich als Reiter kein himmelblaues Kleid trüge und also weit weniger zu riskieren hätte als die kluge Jungfrau, die außerdem bekanntlich noch eine kleine Öllampe in der Hand trägt, deren Licht sie treulich hütet. Ich glaube, so etwas kommt in der Bibel vor, und ich habe diese klugen Öllampenjungfrauen von jeher verabscheut.«
»Ja, nicht wahr?« sagt Dufaure ordentlich glücklich, »Sie finden also auch, daß Lampen, die nicht im richtigen Augenblick verlöschen, so recht eigentlich ihren Zweck verfehlt haben.«
»Ich möchte mir hierüber noch kein abschließendes Urteil gestatten,« antworte ich, »besonders deshalb nicht, weil der rechte Augenblick immer eine strittige Frage sein wird. Was aber die klugen Jungfrauen im Leben betrifft, so bin ich unbesorgt, denn ich habe die tröstliche Erfahrung gemacht, daß es gar keine gibt. Sogar unsere Tischgenossin, die alte und magenleidende Tante, die es so genau mit ihrer Diät nimmt, und die ich deshalb für das Ideal einer klugen und enthaltsamen Jungfrau hielt, hat neulich, als ihr der Lachs gereicht wurde, tief und schmerzlich aufgeseufzt: ›Einmal im Leben möchte ich mit gutem Gewissen sündigen dürfen.‹«
Wir lachen beide, und Dufaure behauptet, daß er das gute Gewissen von jeher für eine Erfindung der alten und magenleidenden Tanten gehalten habe.
»Haben Sie noch nicht bemerkt, daß es immer und ewig recht haben will, genau so wie die alten Tanten?« fragt er.
»Es hat auch immer recht,« antworte ich, »denn es spricht nur, wenn es recht hat, und das unterscheidet es von allen alten Tanten der Welt.«
Und nach dieser Feststellung setzen wir uns auf einen kleinen Rasenabhang und rauchen und starren in die Luft.
Auf einmal fragt Dufaure: »Spricht Ihr Gewissen nicht schon seit drei Wochen unaufhörlich mit Ihnen?«
»Nein,« sage ich und starre weiter in die Luft.
»Dann muß es recht gut erzogen sein,« behauptet er.
»Finden Sie, daß ich so in Sünden wate?«
»Nun,« antwortet er, »die äußere Korrektheit bedeutet oft nichts als die Inkorrektheit des Herzens. Aber vielleicht reagiert Ihr Gewissen nicht auf Unterlassungssünden.«
Ich muß unwillkürlich lächeln: »Worunter also in diesem Fall meine unterlassenen Sünden zu verstehen wären.«
Und da er mich schweigend und mit einem eigensinnigen Ausdruck ansieht, kann ich nicht anders, als ein altes Kinderlied zitieren, und ich sage leise in seine flackernden Augen hinein: »Hänschen, Hänschen, sei gescheit!«
»Ja,« antwortet er zwischen den Zähnen und, plötzlich aufspringend: »Weiß auch nicht, welcher Teufel mich manchmal packt und Ihnen den Spaziergang durch die himmelblauen Gärten stört.«
Mir kommt plötzlich eine drollige Kindheitserinnerung, und während wir weitergehen erzähle ich ihm:
»Als meine Schwestern und ich noch klein waren, hatten wir mal ein sonderbares Spielzeug. Daran muß ich jetzt denken, vielleicht weil Sie gerade vom Teufel sprachen. Es war ein sehr hübscher, harmlos aussehender Kasten, dessen Schloß schwer zu finden war. Und während man danach suchte, berührte man jedesmal eine geheime Feder, der Kasten sprang auf, und ein kleiner Teufel flog heraus. -- Und wir erschraken jedesmal zu Tod, und einmal habe ich sogar vor Schrecken geweint. Und wir hatten es doch vorher gewußt, daß der Teufel darin saß und hätten doch die Hände von dem gefährlichen Spielzeug lassen können.«
»Ja,« sagt Dufaure, »wir hätten ja die Hände von dem gefährlichen Spielzeug lassen können. -- Daß es nicht geschah, trotz des besseren Wissens, bestätigt mal wieder meinen schönen, aber traurigen Satz: ›Klugheit schützt vor Dummheit nicht.‹ Übrigens vermute ich, daß Ihre Tränen schnell getrocknet waren. Es gibt ja so viele Spielsachen auf der Welt, und der Teufel sitzt nicht in allen.«
»Sicher war ich schnell getröstet,« antworte ich, »besonders, weil ich als Kind oberflächlich genug war, nicht hinter jeder harmlosen Sache eine tiefe Symbolik zu wittern.«
»Verzeihen Sie,« sagt Dufaure, »die Symbolik lag hier so nahe. Aber um Sie zu versöhnen, will ich Ihnen auch etwas aus meinem Kinderleben erzählen, wenn Sie es hören wollen.« Ich nicke und er erzählt:
»Ich hatte als Kind neben vielen schlechten Gewohnheiten eine, die besonders fatal und gefährlich war, nämlich die Gewohnheit, mich immer selbst zu sehen und zu hören. Ich ging immer gleichsam neben mir her und beobachtete mich. Anfangs mag es eine gewollte Spielerei gewesen sein, aber dann wurde es zur Gewohnheit und schließlich zum Zwang. -- Auch daß ich mich beobachtete, beobachtete ich und so immer weiter, so daß es war, als stünde ich zwischen zwei Spiegeln, die sich ineinanderspiegeln und in denen man sich unheimlicherweise in einer endlosen Reihe sitzen, stehen und bewegen sieht. Sie können sich nicht denken, wie qualvoll das war -- und noch ist, denn es ist noch nicht vorbei. Noch keine Erregung, noch kein Erlebnis war stark genug, mich in mir selbst zu verlöschen, mich von mir selbst zu erlösen.«
Dufaure schweigt einen Augenblick und setzt dann langsam hinzu:
»Und ich sehne mich nach dieser Erlösung. Ich möchte mich selbst verlieren, -- einmal im Leben.«
Wir stehen auf der kleinen Brücke und sehen hinunter, und unsere Hände liegen auf dem Gitter nahe beieinander, aber nicht so nahe, daß sie sich berühren. Und plötzlich sage ich in die Stille hinein, fast ohne es zu wissen und zu wollen, und meine Stimme klingt wie dünnes Glas, das im nächsten Augenblick zerbrechen kann:
»Ich möchte mich selbst finden, -- einmal im Leben.«
Und dann sprechen wir gar nichts mehr. --
Von Märchen und Masken
Ein unbeschreiblicher Reiz liegt über der Alster, wenn sie an warmen Sommerabenden mit unzähligen kleinen Fahrzeugen übersät ist, wenn die Ruder- und Segelboote, Punts und Kanus lustig durcheinanderschießen, und junge Gestalten in bunten Sportgewändern einander zurufen und nicken und plaudern und lachen und flirten, als wäre die Welt ein großer Festplatz und Leben der entzückendste Sport.
Aber ein anderer, feinerer Reiz liegt über der Alster, wenn man an lieben Sommermorgenden langsam durch ihre stillen Kanäle fährt. Gärten rechts und links, Weiden, deren Zweige bis ins Wasser hängen, Schwäne, die sich langsam dem Boot nähern, und die ein leichter Ruderschlag wieder vertreibt. Hier und da Kinder in den Gärten und ein kleiner Hund, der ans Ufer kommt und bellt. Und wir gleiten an all dem vorbei, und es ist wie im Märchenland.
»Andersens Märchen,« sage ich, und Erich Halpern sieht nach dem Ufer hinüber und nickt. Er sitzt an der Spitze des Punts, in weißem Sportanzug mit bunter Krawatte und braunem Wildledergürtel, frisch, klug und hamburgisch aussehend. Langsam und wie zum Spiel läßt er das leichte Ruder durchs Wasser gleiten, während ich mir am Boden des Fahrzeuges zwischen den unzähligen bunten Kissen und Polstern mein bequemes Lager hergerichtet habe. --
»Hier müßte man Märchen erleben,« sagt er lächelnd.
»Märchen erlebt man nicht,« antworte ich ein bißchen faul und blicke den Wölkchen meiner Zigarette nach, »man erzählt sie höchstens seinen Freunden.«
»Womit Sie hoffentlich nicht sagen wollen, daß alle Erlebnisse, die man seinen Freunden erzählt, Märchen sind?« -- »Das will ich doch hoffen,« entgegne ich, »denn sobald sie aufhören, Märchen zu sein, sind sie schon Indiskretionen.«
»Müssen es denn immer Liebesgeschichten sein?« fragt er lachend.
»Ach bitte ja,« antworte ich, »alle anderen sind doch wirklich gar zu langweilig. Oder können Sie sich etwas Tödlicheres denken, als wenn jemand seine Abenteuer auf anderem Gebiet zum besten gibt. Beispielsweise Reiseerlebnisse: Man kann mir die Besteigung des Montblanc in den glühendsten Farben schildern, man kann mir die Kämpfe mit Buschmännern und Moskitofliegen noch so reizvoll ausmalen, es wird mich alles gleichgültig lassen der Frage gegenüber, ob die unglückliche Liebe, der man auf seiner Reise um die Welt entfliehen wollte, erkaltet ist oder nicht. Aber leider ist es die traurige Eigentümlichkeit der unglücklichen Lieben, daß sie auch in der Entfernung nicht erkalten.«
»Haben Sie diese betrübliche Erfahrung aktiver- oder passiverweise gemacht?« fragt Erich, »wenn es nicht indiskret ist, sich danach zu erkundigen.«
»Es ist indiskret,« antworte ich, »aber ich will Ihnen trotzdem antworten, daß ich in unglücklichen Liebesfällen meistens die leidende Form bevorzugt habe.«
»Bei der Sie anscheinend nicht allzuviel litten,« meint er trocken.
»Ach, ein Vergnügen ist auch das Unglücklichgeliebtwerden nicht,« antworte ich, »und vor allem ist es bedeutend schwerer, jemanden heraus als hinein zu verlieben.«
»Vielleicht weil man sich dieser Arbeit nicht mit der gleichen Hingabe unterzieht,« vermutet er, und ich kann ihm nicht ganz unrecht geben. »Es ist eine zu langweilige und trübselige Arbeit,« nicke ich. --
»Und zudem eine, die mir die moralischen Kräfte einer Frau bedeutend zu übersteigen scheint,« sagt Erich und beugt sich einen Augenblick nieder, um unter den Weidenzweigen durchzuschlüpfen, die fast bis ins Wasser hängen.
»Ach, man kann es schon, wenn man ernstlich will,« antworte ich zerstreut, denn es ist zu herrlich in der grüngoldnen Dämmerung, durch die wir fahren, als daß ich so recht zur Unterhaltung aufgelegt sein könnte.
»Ja,« entgegnet Erich, »man kann bekanntlich alles, was man ernstlich will, es fragt sich immer nur, ob man es ernstlich wollen kann. Und -- ich muß gestehen -- ich traue einer Frau jede Selbstlosigkeit und Opferfreudigkeit zu, nur die eine nicht, einen Anbeter wissentlich und willentlich zu ernüchtern. Es wäre fast übermenschlich.«
»Wenn er uns ganz gleichgültig ist,« werfe ich dazwischen; aber Erich antwortet: »Ein Mensch, der uns anbetet, ist uns nie ganz gleichgültig, und außerdem sind wir so eitel, daß uns sogar an der Schätzung der Menschen, an denen uns gar nichts liegt, noch viel gelegen ist. Ich weiß nicht, wer das einmal gesagt hat, aber es wird wohl eine Frau gewesen sein.«
Ich nicke. »Die Ebner-Eschenbach, und sie hatte recht. Aber unbesorgt, die Ernüchterung wird schon selbsttätig eintreten, denn die Eitelkeit der Männer ist so stark, daß ihre heißeste Liebe der Gleichgültigkeit gegenüber erlischt. Und wenn es schon schwer ist, den Haß oder die Liebe zu verkleiden, -- die Gleichgültigkeit zu verbergen, ist uns einfach unmöglich.«
»Heil, heil!« ruft Erich vergnügt, »eine der schwierigsten Menschheitsfragen ist gelöst, und unglücklich liebende Männer laut Beschluß von heute aufgehoben. O du glückliche Welt, in der sich alles so spielend löst.«
Ich liege auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf, und schaue in den Himmel und die ziehenden weißen Wolken hinein.