Part 2
Und ich weiß, daß ich umsonst geredet habe. Und versuch's doch noch einmal: »Vielleicht gibt es einen Grund dafür, der tiefer liegt, als Sie ihn suchen. Vielleicht sollen Sie jetzt nicht glücklich sein, Frank Meinert, vielleicht sollen Sie nie auf die Art glücklich sein, weil Sie zu anderem bestimmt sind als zu einem bißchen Rausch, und dann im besten Fall zu lebenslänglichem, spießbürgerlichem Behagen. Dazu sind Sie dem Schicksal zu schade. Und mir auch, trotz Ihrer Sauertöpfigkeit und der verdrießlichen Grimassen, die Sie sich nicht abgewöhnen wollen.«
Er brütet noch immer vor sich hin, aber ein bißchen wetterleuchtet's schon in seinem unruhigen Gesicht. »Ich weiß, daß ich nie glücklich sein werde,« sagt er, »und ich weiß, daß ich einsam bleiben muß. Das ist merkwürdig bei mir, daß ich es von jeher gefühlt habe, schon als Kind zwischen all den Geschwistern. Und dies immer und immer wieder Enttäuscht- und Einsamwerden, das wird mein Schicksal bleiben, ich weiß es. Es ist mein typisches Erlebnis, wie Nietzsche sagt.«
Ich nicke und bin nun schon ganz beruhigt: Fürs erste hat Frank Meinert sein Spielzeug gefunden.
»Ob ich die Einsamkeit werde tragen können?« sagt er vor sich hin, »nur die Größten haben es gekonnt.«
»Es ist doch nur das äußere Einsamsein,« antworte ich. »Innerlich sind wir ja immer allein, nur daß wir's oft nicht wissen. Aber in den lichten Momenten, in denen wir das ganze Dasein als sinnlos, dunkel und verworren empfinden -- denn das sind unsere lichten Momente, Frank Meinert --, da wissen wir, daß wir einsam sind, wie ein Wanderer in sturmdunkler Nacht. Da wissen wir auch, daß aus zweien niemals eins werden kann.«
»Ja,« nickt Frank langsam vor sich hin, »auf uns trifft das zu, weil wir Ganze sind. Halbe können vielleicht zu einem Ganzen verschmelzen, unsere Bestimmung ist es, allein und wir selbst zu bleiben. --
Weshalb lächeln Sie?« fragt er plötzlich mißtrauisch und gereizt. Ich bestreite, gelächelt zu haben und drehe das Licht an, um ähnlichen Irrtümern vorzubeugen. Und Frank sagt leise, den Kopf in die Hand gestützt: »So kommt man also früh zur Resignation.«
Jetzt lächle ich wirklich: »Ach nein, lieber Freund, so leicht kommt man nicht zur Resignation, wie Sie in diesem Augenblick glauben. Da müssen noch viele bittere Schmerzen durchgebissen und überwunden werden, ehe Sie dahin gelangen. Resignation, das ist die reifste Frucht an unserem Lebensbaum.«
»Und doch die bitterste,« sagt er, und wir schweigen beide.
Plötzlich sieht er nach der Uhr, steht mit einem Ruck auf und streckt mir seufzend die Hand hin: »Ich muß gehen. Es ist fabelhaft, wie in diesem Zimmer die Zeit versinkt! Schon die Tapete hat so etwas unglaublich Wohltuendes. Aber ich muß an die Arbeit.«
Ich nicke. »Man muß sich rühren, wenn man über Wasser bleiben will.«
Wir stehen einen Augenblick, und dann sagt Frank:
»Ob wohl alle Menschen ihr typisches Erlebnis haben?«
»Ich glaube wohl,« antworte ich, »aber die wenigsten sind sich dessen bewußt. Und es gibt auch viele Menschen, deren typisches Erlebnis ›Nichterleben‹ heißt.«
Und da er mich fragend ansieht, setze ich hinzu: »Das will ich Ihnen noch sagen, Frank, weil es vielleicht ein Trost für Sie ist: Nicht das Unglück, das uns trifft, schafft uns das bitterste Leid. Viel schwerer als das traurigste Erlebnis belasten uns die unerlebten Dinge, die Ahnung der tausend Möglichkeiten, für die wir uns bestimmt und gerüstet fühlen, und die sich uns niemals ereignen.«
Es ist eine Weile still im Zimmer, dann fragt Frank Meinert:
»Wann darf ich wiederkommen?«
»Sobald Sie wollen,« antworte ich.
»Dann darf ich Ihnen morgen ausführlich erzählen, wie das alles kam, mit Margot und mir?«
»Gewiß,« antworte ich und lächle erst, nachdem die Tür sich hinter ihm geschlossen hat.
»Hat sie wirklich so schöne Schultern?«
»Gnädige Frau,« sagt der sehr hübsche junge Mann, »ich möchte Ihnen für mein Leben gerne etwas sagen. Es quält mich, seit ich hier sitze und Sie ansehe, aber ich wage es nicht.«
»Ist es etwas so Schlimmes?« frage ich, »dann verschweigen Sie es lieber. Sie wissen, ich lasse mir meine Kaffeestunde nicht gerne stören.«
»Es ist nichts Schlimmes,« antwortete er, »aber es brennt mir auf der Zunge.«
»Dann hoffe ich, daß es eine brennend pikante Geschichte ist. Aber ich warne Sie, je amüsanter sie ist, um so schwerer werde ich sie für mich behalten können. Verschwiegenheit gehört nun einmal nicht zu den Tugenden, die ich von mir verlange, denn man muß auch sich selbst gegenüber in seinen Ansprüchen maßvoll sein.«
Georg Wendringer lacht: »Zum Glück beansprucht das, was ich Ihnen sagen will, keine Diskretion. Es ist nicht einmal neu, und eigentlich ist es nur _ein_ Satz: -- Gnädige Frau, Sie sind unglaublich schön.«
Ich muß hell herauslachen. »Ist das alles?«
»Ja,« sagte er, »das ist alles, und es ist eine wundervolle Befreiung, es gesagt zu haben. Und Sie sind nicht böse?«
»Ich weiß noch nicht,« antworte ich. »Es liegt natürlich eine Beleidigung darin, besonders in dem ›unglaublich‹, das eine böse Nebenbedeutung haben kann. Aber diesmal will ich's nicht so nehmen und Ihnen sogar gestehen, daß es für eine Frau nichts Wohltuenderes und Erwärmenderes gibt, als das Bewußtsein, schön gefunden zu werden. Alle Bewunderung für unsere Tugenden, ja sogar für unsere Liebenswürdigkeit und unseren Geist läßt uns kalt, denn sie ist nicht das Primäre.«
»Ich sehe, Sie sind nicht böse,« sagt er vergnügt, »dann darf ich mehr sagen.«
»Davon möchte ich abraten,« antworte ich, »jedes Mehr müßte den guten Eindruck stören, den Sie bis jetzt gemacht haben.« --
»So finden Sie also wirklich, daß für eine Frau Schönheit das Höchste und Begehrenswerteste ist?« fragt er kopfschüttelnd, »von Ihnen hätte ich das nicht gedacht.«
»Warum nicht von mir?« frage ich ein wenig erstaunt.
»Nun,« erklärt er mir, indem er versucht, seine langen Glieder in eine etwas bequemere Lage zu bringen, »ich hatte bis jetzt immer gefunden, daß nur die mehr klugen als schönen Frauen dieser Ansicht waren, während umgekehrt die mehr schönen lieber für klug --.« Hier lache ich so herzlich, daß er erschrocken innehält.
»Und da komme ich nun, mehr dumm als häßlich und doch immer noch klug genug, nicht klug sein zu wollen und werfe Ihr ganzes schönes Schema über den Haufen.«
»Habe ich wirklich so was Dummes gesagt?« fragte er kleinlaut.
»Ach nein,« beruhige ich ihn, »wenn ich von dem zweifelhaften Kompliment für mich absehe, war es sogar eine sehr feine Beobachtung; Sie dürfen sie aber nicht jeder Frau verraten, denn sie ist ein Messer, das auf beiden Seiten schneidet. Wahr ist es übrigens schon, die Frauen, die sich ihrer Schönheit bewußt sind, wollen für klug gelten, denn zwei Vorzüge sind mehr als einer, und man überschätzt bekanntlich den Wert dessen, was man nicht hat. Die Klugen sind klüger und wollen gern schön sein, denn sie wissen, was das bedeutet und welche Macht darin liegen kann. Kann -- sage ich, denn es gibt sehr viel Schönheit, die ungenutzt verlorengeht.«
»Ja,« antwortet er nachdenklich, »ich kenne zum Beispiel eine junge Frau, die jeden Abend, wenn sie vorm Spiegel steht und ihr Haar bürstet, ›Schade, schade!‹ sagt.«
»Ich will nicht indiskret sein,« versichere ich, »welche Bemerkung man übrigens immer voraus schickt, wenn man eine große Indiskretion beabsichtigt, aber ich möchte mir doch die Frage gestatten: Hat die junge Frau Ihnen das selbst erzählt?«
»Ich muß mit Oskar Wilde antworten,« sagt Georg Wendringer, »eine Frage ist niemals indiskret, nur die Antwort kann es sein.«
»Gut geantwortet, Georg Wendringer und Oskar Wilde,« sage ich. »Und da das Fragen nicht indiskret sein kann, so frage ich also getrost weiter: Hat sie wirklich so schöne Schultern?«
»Ich glaube, ja,« antwortet Georg mit seinem verschmitzten Lächeln und setzt, plötzlich ernst werdend, hinzu: »Übrigens sind wir nur sehr gut befreundet ohne jeden erotischen Beigeschmack.«
Ich muß ein wenig ungläubig dreingeschaut haben, denn er fragt schnell: »Aber Sie glauben vielleicht nicht an Freundschaft zwischen Mann und Frau?«
»O Gott!« seufze ich, »seit meinem sechzehnten Jahr quält man mich mit dieser Doktorfrage.«
»So haben Sie gewiß genügend darüber nachgedacht und können mir das Resultat mitteilen.«
»Nein,« sage ich, »das werde ich nicht tun, denn ich habe mir geschworen, auf diese Frage nicht mehr einzugehen, seitdem ein vorlauter Jüngling mir auf meine Antwort hin die noch heiklere Frage gestellt hat: Und was ist es also, was zwischen uns beiden besteht?«
Georg lacht: »Ich hatte nicht die Absicht, Sie in eine solche Falle zu locken, aber ich möchte für mein Leben gern wissen, welche Antwort der naseweise junge Mann bekam.«
»Die Antwort, die ich allen jungen Männern gebe, sobald sie anfangen, naseweis zu werden. Ich habe gelacht, ihm die Zigaretten gereicht und gefragt, ob er sich nicht zum Abschied noch bedienen wolle.«
»Das war hart,« sagt Georg, »denn seine Frage lag so nah, die Gelegenheit war so günstig.«
»Was wäre denn Takt,« antworte ich, »wenn es nicht die Fähigkeit und der Wille wäre, gute Gelegenheiten ungenützt zu lassen.«
Georg seufzt: »Schweigen ist aber oft sehr schwer!« und sieht so bekümmert aus, daß ich lachen muß. -- »Ja, es muß sehr schwer sein. Allein wenn ich bedenke, wie früh man sprechen lernt und wie spät erst schweigen.«
Georg schüttelt den Kopf: »Das stimmt nicht ganz, so hübsch es klingt. Denn es kann sich ja nur um das richtige Sprechen und das richtige Schweigen handeln, und das lernt sich wohl gleich schwer und ist im Grunde genommen dasselbe, denn eins ohne das andere ist wertlos und eben nicht das Rechte.«
»Natürlich,« stimme ich bei, »Ihre Gründlichkeit hat wieder mal recht, und ich muß es zugeben, trotzdem Sie mir damit meine schöne Sentenz einfach totgeschlagen haben. Es muß auch das rechte Schweigen sein, denn es gibt Menschen, die nur darum für verschlossen und abgründig tief gelten, weil sie einfach nichts zu sagen haben, und weil man sich gar nicht vorzustellen vermag, daß jemand wirklich so gar nichts zu sagen haben kann. Ihre ganze Klugheit besteht darin, zu verbergen, daß sie nichts zu verbergen haben, und es kann lange dauern, bis man dahinter kommt, daß nichts dahinter ist, und daß sie durch und durch oberflächliche Geschöpfe sind. Denn, so paradox es klingen mag, es gibt wirklich Menschen, die durch und durch oberflächlich sind.«
Georg lacht: »Sie haben heute Ihren paradoxen Tag, aber es klingt wieder sehr hübsch, und ich werde mich diesmal hüten, Ihre schönen Sentenzen zu zerstören, so leicht und verlockend es wäre.«
»Ich kenne aber noch eine andere Art von falschen Schweigsamen,« fahre ich fort, »das sind die, die in Gesellschaft mürrisch und verschlossen sind und selten den Mund auftun, außer zum Gähnen, weil es nur ein einziges Thema für sie gibt, und das ist ihre eigene Person. Wie gesprächig werden sie aber, wenn sie auf dies Thema kommen! Es ist ihnen gleichgültig, wer zuhört, es liegt ihnen auch nichts daran, sich in ein besonders gutes Licht zu setzen, ja, sie verleumden sich lieber, ehe sie eine Gelegenheit vorbeigehen lassen, von sich zu sprechen, und sie können in einer Viertelstunde mehr von sich preisgeben, als andere gerne plaudernde Menschen in Jahren.«
Georg zieht nachdenklich den Rauch seiner Zigarette ein, bläst ein paar Ringe und fragt dann: »Steckt nicht in den meisten von uns etwas von dieser Leidenschaft? Und bedeutet sie nicht eigentlich nur eine übergroße Ehrlichkeit?«
»Nun ja,« sage ich, »insoweit ein gewisser Mangel an Schamgefühl Ehrlichkeit bedeutet.« -- »So meinte ich's nicht,« unterbricht er mich, »ich meinte die Ehrlichkeit, die darin liegt, kein Interesse heucheln zu wollen. Und ist es nicht fast immer Heuchelei, wenn wir vorgeben, es könne uns irgend etwas auf der Welt mehr interessieren als unsere eigene Person?«
Ich muß lachen, »eine Unterhaltung zwischen mehreren solcher Ehrlichkeitsfanatiker stelle ich mir sehr reizvoll vor. Übrigens müssen sie doch bedenken, daß wir mit jedem Wort, das wir sprechen, von unserer eigenen Person ausgehen und deshalb, streng genommen, immer nur von uns reden. -- Das sollte selbst dem unersättlichsten auf diesem Gebiet genügen.«
Wir schweigen eine Weile, und ich sehe, daß Georg, trotzdem er scheinbar seine Rauchringe aufmerksam verfolgt, mit einem Entschluß kämpft. Plötzlich blickt er auf und sagt: »Verzeihen Sie, daß ich so zerstreut bin -- aber -- ich habe eine Bitte.«
»Zerstreutheit ist bekanntlich immer der höchste Grad von Aufmerksamkeit, nämlich für eine andere Sache,« antworte ich, »und deshalb dachte ich mir's gleich, daß Sie etwas auf dem Herzen haben. Also -- herunter damit.«
»Ja,« sagt er ein bißchen stockend, »es ist vielleicht eine sonderbare Bitte, aber Sie werden mich nicht mißverstehen: Ich möchte Sie für mein Leben gern mit meiner Freundin bekannt machen.«
Ich schweige einen Augenblick und frage dann, um Zeit zu gewinnen: »Ist es die junge Frau mit den schönen Schultern?«
Er nickt und seine blauen Augen blicken mich treuherzig ernsthaft an.
»Lieber Freund,« sage ich und drücke mein Zigarettenstümpfchen langsam aus, »was versprechen Sie sich für Ihre Freundin und mich davon?«
»Oh, sehr viel,« antwortet er lebhaft, »vor allem für Lilly. Sehen Sie, sie hat nicht den richtigen Verkehr, -- wenigstens ich finde das, sie ist ja leider ganz zufrieden damit, aber ich hoffe, wenn sie Sie kennenlernt --«
»Hat sie denn den Wunsch geäußert?« frage ich und sehe, wie eine kleine Verlegenheit über sein ehrliches Gesicht schleicht.
»Das nun gerade nicht,« sagt er, »es ist eigentlich mehr ein Wunsch von mir. Aber ich bin sicher --«
»Ganz gewiß,« antworte ich, »aber wenn die junge Frau mit ihrem Verkehr zufrieden ist --«
»Aber ich sage Ihnen ja, ihr Verkehr ist nicht der richtige,« unterbricht mich Georg erregt. --
»Der Verkehr, mit dem man zufrieden ist, ist eigentlich immer der richtige,« antworte ich, »und vielleicht wäre ich ganz und gar der unrichtige. Sie überschätzen mich sicher, trotzdem Sie mir vor ein paar Minuten den Verstand so ziemlich abgesprochen haben.« -- »Das habe ich nicht getan,« verteidigt er sich, »Sie wissen es recht gut, und was Sie jetzt sagen, entspringt wieder Ihrer übergroßen Bescheidenheit!«
»Bescheidenheit ist ein Ding, das ich überhaupt nicht kenne, weder bei mir noch bei anderen,« antworte ich, »und ich behaupte, es ist ein Wort, dessen Inhalt nicht existiert.«
»Das ist eine kuriose Behauptung,« kopfschüttelt Georg.
»Sehr einfach,« erkläre ich ihm, »entweder ein Mensch kennt seine Vorzüge nicht, dann ist seine Bescheidenheit nicht Bescheidenheit, sondern die selbstverständliche Folge seiner Selbsteinschätzung. Oder ein Mensch kennt seine Vorzüge, dann kann seine Bescheidenheit nichts anderes sein, als Heuchelei, im besten Falle Anstandsgefühl oder Rücksichtnahme auf Schwächere, alles, nur keine Bescheidenheit.«
»Auf diese Weise läßt sich alles aus der Welt wegdisputieren,« sagt Georg verstimmt, »aber ich bin optimistisch genug zu behaupten, --« -- »Ich muß Sie noch weiter ärgern,« unterbreche ich ihn lachend, »und behaupte, daß es mit dem Optimismus fast dieselbe Sache ist. So sicher Sie nämlich in dem Moment unbescheiden sind, in dem Sie sich Ihrer Bescheidenheit bewußt werden, so sicher sind Sie nicht mehr optimistisch in dem Augenblick, in dem Sie sich so nennen. -- Ich will das erst beweisen,« fahre ich fort, da er versucht, Einwendungen zu machen.
»Optimistisch sind Sie, solange Sie die Welt schöner und besser sehen, als sie ist. Sobald Sie aber wissen, daß Sie die Welt besser sehen, als sie ist, wissen Sie auch, daß sie eigentlich schlechter ist, als Sie sie sehen, und mit diesem Wissen stehen Sie schon auf der anderen Seite der Weltanschauung und können fast für einen Pessimisten durchgehen. -- Und jetzt dürfen Sie antworten.«
Aber Georg ist verdrießlich: »Daß ich kein Pessimist bin, weiß ich, trotz Ihrer philosophischen Purzelbäume, und ich verwahre mich entschieden dagegen.«
»Weshalb denn?« frage ich, »mir sind die Pessimisten sehr viel lieber als die frischfröhlichen ›Lebensbejaher‹, wie es jetzt modern aber etwas unklar heißt. Nur über eins habe ich manchmal nachgegrübelt und weiß es nicht: Ist es das traurige oder das tröstliche Moment im Leben der Pessimisten und Skeptiker, daß Sie zum Schluß immer recht behalten?«
Georg sieht mich einen Augenblick schweigend an, dann sagt er:
»Sie haben mir noch keine endgültige Antwort auf meine Bitte gegeben, und ich müßte dümmer sein als ich bin, wenn ich nicht gemerkt hätte, daß all Ihr Philosophieren nur den Zweck hatte, mich davon abzulenken. Aber ich bestehe darauf, daß Sie --«
»Lieber Herr Wendringer,« sage ich ein wenig gedehnt und greife nach dem Zigarettenetui, das ich ihm langsam hinüberreiche, »wollen Sie nicht --.«
Georg ist rot geworden, er springt auf.
»Jawohl -- zum Abschied, ich verstehe.«
Aber schon im nächsten Augenblick geht ein spitzbübisches Lächeln über sein Gesicht. »Liebe gnädige Frau, ich war naseweis; aber ich hoffe, Sie machen mir das nicht zum Vorwurf, denn da bekanntlich die Bescheidenheit ins Reich der Fabel gehört, wäre es doch unbescheiden, zu verlangen, daß gerade ich --« -- »Jawohl,« sage ich lachend, »und ich werde bis zu Ihrem nächsten Besuch darüber nachgrübeln, wie es kommt, daß es zwar keine Bescheidenheit gibt, daß sich aber an Dreistigkeit vorerst noch kein Mangel fühlbar gemacht hat.«
»Wann darf ich annehmen, daß Sie die Frage gelöst haben?« erkundigt sich Georg.
»Das kommt darauf an, wie hoch Sie meinen Verstand einschätzen,« antworte ich, und er verbeugt sich tief und sagt galant:
»Fast so hoch wie Ihre Schönheit.«
Was man von geschmackvollen Menschen verlangen darf
Ich komme von Franz Lindners Trauung und steige langsam und nachdenklich die Treppe der eleganten schwiegerelterlichen Villa hinunter. Neben, vor und hinter mir drängt sich die Schar der übrigen Gäste, und plötzlich sagt jemand halblaut in der Nähe meines Ohres: »Eine schöne Leich'.«
Ich blicke ein wenig empört zur Seite und gerade in Doktor Paulsens blasses und scharfes Gesicht.
»Noch nicht auf der Treppe,« wehre ich ab. »Wissen Sie nicht, daß es guter Ton ist, erst vor dem Haus anzufangen?«
»Wohin gehen wir?« fragt er unten angelangt und sieht mir durch seinen Kneifer ernst und erwartungsvoll ins Gesicht. Ich muß lachen.
»Ich hatte die Absicht, allein zu gehen. Hab' allerlei durchzudenken und durchzufühlen. Ein Freund, der einem soeben endgültig aus der Hand geglitten ist, Sie verstehen --«
Paulsen zuckt die Achseln. »Ich erlaube mir zu bemerken, daß uns die Dinge meist nur aus der geöffneten Hand gleiten.«
»Nun ja,« antworte ich, »aber manchmal rät der Verstand, die Hand rechtzeitig zu öffnen.«
Paulsen verzieht das Gesicht zu einer wehmütig-spöttischen Grimasse. »Tja, ja, der Verstand!« bemerkt er tiefsinnig, und ich fahre fort:
»Übrigens können Sie auch mitkommen, denn wenn ich mir's recht überlege, sind Sie einer der wenigen Menschen, mit denen sich's fast ebensogut geht wie allein.«
Er zieht den Hut und streckt mir abschiednehmend die Hand hin: »Nach diesem Hymnus auf die Einsamkeit --«
»Ach, keine Fissimatenten,« sage ich und schiebe ihn mit dem Ellenbogen vorwärts, »kommen Sie mit. Sie wissen ja, es ist ein schönes Ding um die Einsamkeit, aber man muß einen haben, dem man sagen kann: ›Es ist ein schönes Ding um die Einsamkeit‹!«
»Gut und weise!« lobt er und geht langsam neben mir weiter. »Nur daß Sie mich damit zum Spiegel Ihrer schönen Gefühle erniedrigen! Und außerdem hätten Sie an Stelle des unpersönlichen Fürworts unbedingt ›die Frau‹ sagen müssen, denn wir Männer ertragen die Einsamkeit auch ohne Spiegel.«
»Das ist ein unliebenswürdiger Zug von euch,« behaupte ich, »und außerdem glaube ich's nicht. Ihr braucht euer Publikum so gut wie wir.«
»Ja,« antwortet er, »aber nur von Zeit zu Zeit. Verhältnismäßig selten. -- Eine Frau kann aber nicht leben ohne Spiegel. Sie kann weder Kunst noch Natur allein genießen, sie braucht immer einen, der ihre Bewunderung bewundert. Ja, ich behaupte sogar, eine Frau allein in einem Zimmer, in dem sie weder gehört noch gesehen werden kann, hört auf zu existieren. Sie erlischt wie eine Kerze im luftleeren Raum.«
»Hören Sie, Paulsen,« sage ich und bleibe stehen, »wirken Trauungen immer so beunruhigend auf Sie? Dann hätten Sie mich doch lieber allein gehen lassen sollen, selbst auf die Gefahr hin, daß ich wie eine Kerze im luftleeren Raum verlösche.«
»Man muß sich austoben,« brummt er.
»Und damit scheint einer der seltenen Momente gekommen zu sein, in denen selbst der Mann ein Publikum braucht. Was hat Sie übrigens, wenn ich fragen darf, in diese erfrischende Stimmung versetzt? Vielleicht der famose Geistliche, gegen den Franz sich noch bis zum letzten freien Atemzug gewehrt hat und von dem er mir eben noch schnell und mit seiner wütendsten Grimasse zuflüstern mußte, daß er ein idiotischer Wanderprediger sei! Wobei mir nur eines unklar geblieben ist: warum gerade Wanderprediger?«
»Es fiel ihm wohl im Moment nichts Beschimpfenderes ein,« vermutet Paulsen. »Aber der ist ja nur nebenbei, gewissermaßen als ein Symbol dieser ganzen irrsinnigen Heiraterei.«
»Wieso irrsinnig?« frage ich sanft. »Ich habe noch nie eine Heirat gesehen, die -- wenigstens von einer Seite aus -- von so idealer Vernünftigkeit getragen war wie diese. Man könnte sagen, Herz und Verstand halten sich bei Franz die Wage, und sieht fast die zwei gleichstehenden Schalen vor sich. Von Gertruds Seite muß übrigens wirklich nur leidenschaftliche Liebe vorliegen, denn soviel ich mir auch den Kopf zerbreche, sogenannte Verstandesgründe für diese Heirat sind nicht aufzufinden.
Aber Paulsen, Sie können sagen, was Sie wollen und lächeln, wie Sie wollen, für euch Männer gibt es ja allerlei Glücksmöglichkeiten und allerlei Arten von Vernunftheiraten, aber für uns gibt es nur eine Art von Glück und nur eine Vernunftheirat, und das ist die Heirat aus Liebe.«
Paulsen lächelt grimmig: »Es gibt für euch Frauen nur einen absolut sicheren Weg zum Unglücklichwerden: das ist eine Heirat aus sogenannter leidenschaftlicher Liebe. Mit einem ungeliebten oder gleichgültigen Mann kann eine Frau ja ein ähnliches Ziel erreichen, aber der Weg ist nicht halb so sicher. Da gibt es noch Seitenpfade, in die sie abbiegen kann, womit ich nicht allein die illegitimen gemeint haben will. Frauenstimmrecht und Wohlfahrtspflege sind sogar extra dazu angelegte, gesellschaftlich sanktionierte Nebenstraßen. Für die leidenschaftlich liebende Frau gibt es aber keine Nebenstraßen, ihr Weg führt direkt und unbedingt in die Hölle.«
»Ja, Paulsen, denn eure Unzulänglichkeit schreit zu Himmel und Hölle. Aber selbst wenn Sie die Liebe als Vernunftgrund verwerfen, so müssen Sie doch zugeben, daß sie das einzig anständige Motiv zur Eheschließung ist.«
Aber Paulsen ist heute durchaus nicht in der Zugebelaune und erklärt verbissen:
»Ich will Ihnen etwas sagen, gnädige Frau, es gibt nur eine anständige Art von Liebe, und das ist die, von der's im Volksliede heißt: ›Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß‹, nämlich die heimliche, von der ›niemand nichts weiß‹. -- Und wenn zwei Menschen es über sich gewinnen, mündlich und schriftlich und mit Blicken und Mienen stolz vor aller Welt zu verkünden, daß sie einander leidenschaftlich lieben und deshalb heiraten wollen, so nenne ich das eine unanständige Handlung. Von geschmackvollen Menschen sollte man verlangen dürfen, daß sie, wenigstens der Welt gegenüber, die Komödie der Vernunftehe aufrechterhalten.«
Hier muß ich so herzlich lachen, daß Paulsen mich durch seinen Kneifer erstaunt betrachtet, denn ihm ist's, wie immer, bitter ernst.