Gespräche für Freimaurer

Chapter 2

Chapter 21,595 wordsPublic domain

Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, die dem Vorurteile ihrer angebornen Religion nicht unterlägen; nicht glaubten, dass alles notwendig gut und wahr sein müsse, was sie für gut und wahr erkennen.

ERNST

Recht sehr zu wünschen!

FALK

Recht sehr zu wünschen, dass es in jedem Staate Männer geben möchte, welche bürgerliche Hoheit nicht blendet und bürgerliche Geringfügigkeit nicht ekelt; in deren Gesellschaft der Hohe sich gern herablässt und der Geringe sich dreist erhebet.

ERNST

Recht sehr zu wünschen!

FALK

Und wenn er erfüllt wäre, dieser Wunsch?

ERNST

Erfüllt?--Es wird freilich hier und da, dann und wann einen solchen Mann geben.

FALK

Nicht bloss hier und da; nicht bloss dann und wann.

ERNST

Zu gewissen Zeiten, in gewissen Ländern auch mehrere.

FALK

Wie, wenn es dergleichen Männer itzt überall gäbe? zu allen Zeiten nun ferner geben müsste?

ERNST

Wollte Gott!

FALK

Und diese Männer nicht in einer unwirksamen Zerstreuung lebten? nicht immer in einer unsichtbaren Kirche?

ERNST

Schöner Traum!

FALK

Dass ich es kurz mache.--Und diese Männer die Freimäurer wären?

ERNST

Was sagst du?

FALK

Wie, wenn es die Freimäurer wären, die sich mit zu ihrem Geschäfte gemacht hätten, jene Trennungen, wodurch die Menschen einander so fremd werden, so eng als möglich wieder zusammenzuziehen?

ERNST

Die Freimäurer?

FALK

Ich sage: mit zu ihrem Geschäfte.

ERNST

Die Freimäurer?

FALK

Ach! verzih!--Ich hatt' es schon wieder vergessen, dass du von den Freimäurern weiter nicht hören willst--Dort winkt man uns eben zum Frühstücke. Komm!

ERNST

Nicht doch!--Noch einen Augenblick!--Die Freimäurer, sagst du--

FALK

Das gespräch brachte mich wider Willen auf sie zurück. Verzeih!--Komm! Dort in der grössern Gesellschaft werden wir bald Stoff zu einer tauglichern Unterredung finden. Komm!

DRITTES GESPRÄCH

ERNST

Du bist mir den ganzen Tag im Gedränge der Gesellschaft ausgewichen. Aber ich verfolge dich in dein Schlafzimmer.

FALK

Hast du mir so etwas Wichtiges zu sagen? Der blossen Unterhaltung bin ich auf heute müde.

ERNST

Du spottest meiner Neugierde.

FALK

Deiner Neugierde?

ERNST

Die du diesen Morgen so meisterhaft zu erregen ,wusstest.

FALK

Wovon spachen wir diesen Morgen?

ERNST

Von den Freimäurern.

FALK

Nun?--Ich habe dir im Rausche des Pyrmonter doch nicht das Geheimnis verraten?

ERNST

Das man, wie du sagst, nicbt verraten kann.

FALK

Nun freilich; das beruhigt mich wieder.

ERNST

Aber du hast mir doch über die Freimäurer etwas gesagt, das mir unerwartet war; das mir auffiel; das mich denken rnachte.

FALK

Und was war das?

ERNST

0 quäle mich nicht!--Du erinnerst dich dessen gewiss.

FALK

Ja, es fällt mir nach und nach wieder ein.--Und das war es, was dich den ganzen langen Tag unter deinen Freunden und Freundinnen so abwesend machte?

ERNST

Das war es!--Und ich kann nicht einschlafen, wenn du mir wenigstens nicht noch eine Frage beantwortest.

FALK

Nach dem die Frage sein wird.

ERNST

Woher kannst du mir aber beweisen, wenigstens nur wahrscheinlich machen, dass die Freimäurer wirklich jene grosse und würdige Absichten haben?

FALK

Halbe ich dir von ihren Absichten gesprochen? lch wüsste nicht.-- Sondern da du dir gar keinen Begriff von den wahren Taten der Freimäurer machen konntest, habe ich dich bloss auf einen Punkt aufmerksam machen wollen, wo noch so vieles geschehen kann, wovon sich unsere staatsklugen Köpfe gar nichts träumen lassen.--Vielleicht, dasz die Freimäurer da herum arheiten. Vielleicht!--da herum!--Nur um dir dein Vorurteil zu benehmen, dass alle baubedürftigen Plätze schon ausgefunden und besetzt, alle nötige Arbeiten schon unter die erforderlichen Hände verteilet wären.

ERNST

Wende dich itzt, wie du willst--Genug, ich denke mir nun aus deinen Reden die Freimâurer als Leule, die es freiwillig über sich genommen haben, den unvermeidlich en Uebeln des Staats entgegenzuarbeiten.

FALK

Dieser Begriff kann den Freimäurern wenigstens keine Schande machen.-- Bleib dabei!--Nur fasse ihn recht. Menge nichts hinein, was nicht hineingehöret.--Den unvermeidlichen Uebeln des Staats!--Nicht dieses und jenes Staats. Nicht den unvermeidlichen Uebeln, welche, eine gewisse Staatsverfassung einmal angenommen, aus dieser angenommenen Staatsverfassung nun totwendig folgen. Mit diesen gibt sich der Freimäurer niemals ab; wenigstens nicht als Freimäurer. Die Linerung und Heilung dieser überlässt er dem Bürger, der sich nach seiner Einsicht, nach seinem Mute, auf seine Gefahr damit befassen mag. Uebel ganz andrer Art, ganz höherer Art sind der Gegenstand seiner Wirksamkeit.

ERNST

Ich habe das sehr wohl begriffen.--Night Uebel, welche den missvergnügten Bürger machen, sondern Uebel, ohne welche auch der glücklichste Bürger nicht ein kann.

FALK

Recht! Diesen entgegen--wie sagtest du?--entgegenzuarbeiten?

ERNST

Ja!

FALK

Das Wort sagt ein wenig viel.--Entgegenarbeiten!--Um sie vö11ig zu heben?--Das kann nicht sein. Denn man würde den Staat selbst mit ihnen zugleich vernichten.--Sie müssen nicht einmal denen mit eins merklich gemacht werden, die noch gar keine Empfindung davon haben. Höchstens diese Empfindung in dem Menschen von weitem veranlassen, ihr Aufkeimen begülnstigen, ihre Pflanzen versetzen, begäten beblatten-- kann hier entgegenarbeiten heissen.--Begreifst du nun, warum ich sagte, ob die Freimäurer schon immer tätig wären, dass Jahrhunderte dennoch vergehen könnten, ohne dass.slch sagen lasse: das haben sie getan.

ERNST

Und verstehe auch nun den zweiten Zug des Rätsels--Gute Taten, welche gute Taten entbehrlich machen sollen.

FALK

Wohl!--Nun geh und studiere jene Uebel und lerne sie alle kennen und wäge all ihre Einflüsse gegeneinander ab, und sei versichert, dass dir dieses Studium Dinge aufschliessen wird, die in Tagen der Schwermut die niederschlagendsten, unauflöslichsten Einwürfe wider Vorsehung und Tugend zu sein scheinen. Dieser Aufschluss, diese Erleuchtung wird dich ruhig und glücklich machen--auch ohne Freimàurer zu heissen

ERNST

Du legest auf dieses heissen so viel Nachdruck.

FALK

Weil man etwas sein kann, ohne es zu heissen

ERNST

Gut das! ich versteh'--Aber auf meine Frage wieder zu kommen, die ich nur ein wenig anders einkleiden muss. Da ich sie doch nun kenne, die Uebel, gegen welcbe die Freimäurerei angehet.

FALK

Du kennest sie?

ERNST

Hast du mir sie nicht selbst genannt?

FALK

Icb habe dir einige zut Probe namhaft gemacht. Nur einige von denen, die auch dem kurzsichtigsten Auge einleuchten; nur einige von den unstreitigsten, weitumfassendsten.--Aber wie viele sind nicht noch übrig, die, ob sie schon nicht so einleuchten, nicht so unstreitig sind, nicht so viel umfassen, dennoch nicht weniger gewiss, nicht weniger notwendig sind!

ERNST

So lass mich meine Frage denn bloss auf diejeniten Stücke einschränken, die du mir selbst namhaft gemacht hast.--Wie beweisest du mir auch nur von diesen Stücken, dass die Freimäurer wirklich ihr Ahsehen darauf haben?--Du schweigst?--Du sinnest nach?

FALK

Wahrlich nicht dem, was ich auf diese Frage zu antworten hätte!--Aber ich weiss nicht, was ich mir für Ursachen denken so11, warum du mir diese Frage tust.

ERNST

Und du willst mir meine Frage beantworten, wenn ich dir die Ursachen derselben sage?

FALK

Das verspreche ich dir.

ERNST

Ich kenne und fürchte deinen Scharfsinn.

FALK

Meinen Scharfsinn?

ERNST

Ich fürchte, du verkaufst mir deine Spekulation für Tatsache.

FALK

Sehr verbunden!

ERNST

Be1eidiget dich das?

FALK

Vielmehr muss ich dir danken, dass du Scharfsinn nennest, was du ganz anders hättest benennen können.

ERNST

Gewiss nicht. Sondern ich weiss, wie leicht der Scharfsinnige sich selbst betriegt; wie leicht er andern Leuten Pläne und Absichten leihet und unterlegt, an die sie nie gedacht haben.

FALK

Aber woraus schliesst man auf der Leute Pläne und Absichten? Aus ihren einzeln Handlungen doch wohl?

ERNST

Woraus sonst?--Und hier bin ich wieder bei meiner Frage.--Aus welchen einzeln, unstreitigen Handlungen der Freimàurer ist abzunehmen, dass es auch nur mit ihr Zweck ist, jene von dir benannte Trennung, welche Staat und Staaten unter den Menschen notwendig machen müssen, durch sich und in sich wieder zu vereinigen?

FALK

Und zwar ohne Nachteil dieses Staats und dieser Staaten.

ERNST

Desto besser!--Es brauchen auch vielleicht nicht Handlungen zu sein, woraus jenes abzunehmen. Wenn es nur gewisse Eigentümlichkeiten, Besonderheiten sind, die dahin leiten oder daraus entspringen.--Von: dergleichen müsstest du sogar in deiner Spekulation ausgegangen sein; gesetzt, dass dein System nur Hypothese wäre.

FALK

Dein Misstrauen äussert sich noch.--Aber ich hoffe, es soll sich verlieren, wenn ich dir ein Grundgesetz der Freimäurer zu Gemüte führe.

ERNST

Und welches?

FALK

Aus welchem sie nie ein Geheimnis gemacht haben. Nach welchem sie immer vor den Augen der ganzen Welt gehandelt haben.

ERNST

Das ist?

FALK

Das ist, jeden würdigen Mann von gehöriger Anlage, ohne Unterschied des Vaterlandes, ohne Unterchied der Religion, ohne Unterschied seines bürgerlichen Standes in ihren Orden aufzunehmen.

ERNST

Wahrhaftig!

FALK

Freilich scheint dieses Grundgesetze dergleichen Männer, die über jene Trennungen hinweg sind, vielmehr bereits vorauszusetzen als die Absicht zu haben, sie zu bilden. Allein das Nitrum muss ja wohl in der Luft sein, ehe es sich als Salpeter an den Wänden anlegt.

ERNST

O ja!

FALK

Und warum sollten die Freimäurer sich nicht hier einer gewöhnlichen List haben bedienen dürfen?--Dass man einen Teil seiner geheimen Absichten ganz offenbar treibt, um den Argwohn irrezuführen, der immer ganz etwas anders vermutet, als er sieht.

ERNST

Warum nicht?

FALK

Warum sollte der Künstler, der Silber machen kann, nicht mit altem Bruchsilber handeln, damit man so weniger argwohne, dass er es machen kann?

ERNST

Warum nicht?

FALK

Ernst!--Hörst du mich?--Du antwortest im Traume, glaub' ich.

ERNST

Nein, Freund! Aber ich habe genug; genug auf diese Nacht. Morgen mit dem frühsten kehre ich wieder nach der Stadt.

FALK

Schon? Und warum so bald?

ERNST

Du kennst mich, und fragst? Wie lange dauert deine Brunnenkur noch?

FALK

Ich habe sie vorgestern erst angefangen.

ERNST

So sehe ich dich vor dem Ende derselben noch wieder.--Lebe wohl! gute Nacht!

FALK

Gute Nacht! lebe wohl!

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Gespräche für Freimaurer, von Gotthold Ephraim Lessing.