Gesichte: Essays und andere Geschichten
Part 8
Ecke Französische und Charlotten-Straße lachen aus einem der Glaskästen schöne, weiße Zähne, zwischen frischen Lippen in Mädchengesichtern. Manche von den jungen Schauspielerinnen offenbaren ihre ureigene Begabung, denn ihre Perlmutterhecken sind gar nicht erschaffen, am Abend hinter zuckenden Lippen versteckt zu schimmern. Über dem Atelier von Marie Böhm scheint auch der Himmel zu heiter; die wundervolle Photographin kann nicht genug Vorhänge über die Sonne ziehen, die macht immerfort ein freundliches Gesicht. Marie Böhm ist die Eigentümerin des kunstphotographischen Ateliers Becker und Maaß. Man kann sich ohne Gefahr vor Entstellung vor ihren Apparat begeben. Marie Böhm weiß im richtigen Augenblick den Blick vom Auge zu nehmen. »Der nichtssagendste, ausdrucksloseste Mensch hat einen Augenblick, den muß man eben festhalten.« Ihre lieben, blauen Augen strahlen, als sie das antwortet. Ich verstecke mich unter einem Tisch hinter langen Laubgewächsen, um aus meiner Froschperspektive einige Aufnahmen zu beobachten. Daß das nicht angehe, meint Fräulein Böhm -- schon naht das Brautpaar, ich rufe ihr aus meiner Lage zerstreut zu, sie soll sagen -- im Fall -- ich bin Arzt und interessiere mich für neuartige Operationen. Diese Ideenverwirrung stammt von meinem Vater her, er verwechselte immer das Zahnziehen mit dem Photographierenlassen. Beides hat so was mit dem Herausholen zu tun -- und -- »der eine Augenblick«. Marie Böhm aber hat keine Zange in der Hand. Bräutigamundbrautumschlungen sitzen die beiden auf der Bank und drehen ihr den Rücken zu; ihre Gesichter blicken sich auf einmal nach etwas um. Ob sie mich quaken hören! -- »Danke!« Zweite Aufnahme. -- Für die Photographien müßte es auch eine Welt geben aus gediegenem Silberoxyd im Krinolin. Das Album ist aus der Mode gekommen, darin sich das photographierte Onkeltantengeschlecht zum Aufblättern befand; es stirbt nicht aus. In Schalen liegen all die Pietäten, Frauen, die sich auch schon Löckchen drehten. Nun sind unsere Kleidersäcke zugebunden. Auf den spätverwandten Bildern stehen die Röcke weit in Runden. Ihre Augen aufgetan in Todesangst -- den Augenblick zu greifen, heute hascht ihn die Photographie wie einen Schmetterling vom zwanglosen Sichgehenlassen. Und gerade meine liebe Marie Böhm ist eine so große Photographin -- sie photographiert auch ohne Apparat gerade mitten in der Sonne mit geschlossenen Augen, wie der Maler malt ohne Pinsel im Spazierengehen, im Anblick, im Nachsinnen. Wenn ich ihr gegenüber sitze, wartet sie auf die Falte zwischen meinen Brauen.
Der Alpenkönig und der Menschenfeind
Wer den Kulissenmantel des Alpenkönigs trug, vernahm ich beim ersten Ton der Rauschestimme. Albert Heine, der Herodes, ist zu viel für diese Papiermaché-Rolle. Ich habe vergessen, mir einen Theaterzettel zu kaufen, außerdem sitze ich vor einer Säule und vor dieser pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem Wasserkopf. Aber auch die übergroße Vegetation, die mir den Blick zur Bühne hemmt, vermag keineswegs meine Stimmung zu trüben, ich kam, um von dem romantisch-komischen Märchen Honig aus goldgeblümter Heiterkeit zu naschen. An meine Nachbarin mit dem künstlichen Busen wende ich mich mit behutsamer Frage, ich erfahre: Hinter den ältlichen Stirnfalten des Menschenfeindes verbirgt sich der Direktor selbst -- Carl Meinhard. Es ist fast nicht zu glauben, gestern hörte ich ihn noch lachen im Café des Westens wie ein Achtzehnjähriger, und vorigen Winter trug er eine Knabenpelzmütze, die stand ihm (es gehört zwar nicht hierher) hervorragend. Nun steigt er aus dem Altbrunnen, ein greiser, grotesker Wolf (Bastard) -- man erkennt ihn nicht wieder; und doch ist es Carl Meinhard, der Fagottspieler unter den Darstellern, er spielt heute abend die grimmige Polka seiner Rolle mit Meisterfertigkeit. -- In der Reihenfolge den Inhalt des romantisch-komischen Märchens zu erzählen, möchte ich dem Leser vorenthalten; selbst hören und sehen! Selbst ins Berliner Theater gehen. Ich hole nur die Hauptgestalten, die mir so sehr gefallen haben, hinter dem Vorhang hervor und stelle sie auf meine Hand, eine Miniaturbühne, ich, die Regisseurin aus Privatvergnügen. Rappelkopf, der reiche Gutsbesitzer (Carl Meinhard), sein Bedienter Habakuk (Oskar Sabo) und du, Josefine Dora, wo steckst du? Mögen die Leute denken, was sie wollen. Du singst ja selbst: Aber er denkt ... Habakuk, der Bediente des Herrn Rappelkopf, erinnert mich leise daran, daß er zwei Jahre in Paris gewesen ist, nichtsdestoweniger verleugnet sein Radieschengesicht »Läutemichels« berühmte Gemüsegärten. Er, ein dienernder Ungeschickter, ein tragischer August im allerkünstlerischsten Unsinn. Zwei Jahre war er in Paris gewesen. Das hebt ihn in den Augen des Personals vom Souterrain bis in den Salon der Herrschaft. Dieser soll das bedeutungsvolle Motto eine zarte Mahnung sein, für ihn selbst wird es zum Schild seines untergebenen Joches. Er war zwei Jahre in Paris gewesen, das macht Habakuk keck und überlegen und bringt wie eine Zauberformel einigen Glanz über seinen Dieneralltag. Jäh wird ihm der Spruch vor der dürftigen Kammer seines Herzens gestrichen, er darf nicht mehr seinen Lippen hochmütig entschlüpfen, sein menschenfeindlicher Herr, zweiter Teil, hat es ihm verboten. Der Alpenkönig nämlich hat sich, um den Menschenfeind von seinem Wahn zu befreien, in dessen Gestalt und Wutausbrüche verwandelt. Und heimlich vertraut sich der stumme Bediente dem gemütlichen Onkel an, arglos dem wirklichen menschenfeindlichen Rappelkopf, der in seinem eigenen Hause im verträglichen Wesen des Onkels porträttreu zu Gast weilen muß. In keinem üblichen Brief, keiner knisternden Zeitung, in keiner unerwarteten Depesche steht es geschrieben, aber auf dem riesengroßen Taschentuch Habakuks, ehrfurchtsvoll seiner Hosentasche entzogen. Wir lesen es alle: er war zwei Jahre in Paris gewesen -- und der mitleidige Onkel gestattet es ihm, herauszuschreien -- endlos -- endlich. Es kommt der erlösende Augenblick: Ich war zwei Jahre in Paris gewesen! Das macht ihm niemand nach, ich kann den Humor nicht schildern, es ist nicht nachzulachen. Tröste dich Habakuk, beraubte Dienerseele, ich war auch gewesen, ich war sechs Jahre in »Konstantinopel« gewesen -- ich möchte es jedem an den glorreichen Kopf werfen, jedem in seine dicke Stirn schneiden -- wer's glaubt wird selig. Um Himmels willen, Liesl (Josefine Dora) hörst du denn nicht, dein Herr ruft nach dir. Rappelkopf hat sämtliche Möbel zerschmettert. Das Liesl wagt sich mit Todesverachtung, wackelnd mit dem allerwertesten Vollmond in des Menschenfeinds Gemach -- »aber er denkt« -- Sie muß immer wieder das Lied singen mit dem Refrain: Bassab, »aber er denkt« -- und immer bassiger und spaßiger: aber er denkt ...
Der Beifall will nicht enden. Ich stürme noch einmal in Mantel und Hut auf meinen Platz zurück.
Egon Adler
Seinem Vater zur Widmung
Meine Spelunke verwandelt sich zum türkischen Café, wenn er und ich zusammen Zigaretten rauchen und wir von den Wänden für unsere Häupter die beiden Fez herunterholen, die auf die Griffe meiner Dolche gestülpt sind.
Einer der Söhne des gefangenen Abdul Hamid, der begabteste jedenfalls, ist der Maler und zur Mokkastunde der Gast meiner Palastspelunke. Wir sprechen (in der Zeit der Abendhimmel alle seine goldenen Bilder aufs Dach stellt) von roten, blauen, grünen und lila Dingen. Ich rate Egon Adler: »Sie müssen immer nur Ihr Selbstbildnis malen.«
Er ist so ganz Eigen, ganz Sich, und sein Herz in einem Rahmen. Aber in seinem Herzen liegt sein jungverstorbener Bruder begraben, und innige Gestalt schafft des Malers Hand, wenn der Engel seiner Erinnerung aufersteht.
Zwischen den Farben liegt er dann plötzlich -- Stern zwischen Zinnober und Marin auf der Palette für die großen Pinsel. Alle Bilder Egon Adlers sind Spiele, sind süß, haben großgeöffnete Augen, sind ganz in Gottes Vaterhand und rufen.
Sein Mariengemälde holte ich mir aus einer dunklen Ecke des Ausstellungssaals ans Licht: »Träume, säume Marienmädchen, überall bläst der Rosenwind die schwarzen Sterne aus; wiege im Arme dein Seelchen -- alle Kinder kommen auf Lämmern zottehotte geritten, Gottlingchen sehen und die schönen Schimmerblumen und den großen Himmel da im kurzen Blaukleide.«
* * * * *
Aber auch die drei Könige sind gekommen; einer sitzt auf des anderen Schulter, der höchste trägt ein Krönchen, ist des Malers Bruder und will Mariens heiliges Spielzeug haben.
Auf Egon Adlers unvergleichlichem Schöpfungsbilde steht sein Brüderchen verzaubert als Mantelkranich mitten auf der Wiese und macht den frechen, kleinen Vögeln bange. Als Reiter reitet er auf dem langausschreitenden Reiterpferd durch den Wald über die Wege aus bunten Fahnenstreifen.
Immer muß Egon Adler die Geschichte des unvergeßlichen Bruders in Farben erzählen, der ist der Memed seines Mohammedherzens.
Hinter den Paradiesbäumen, in den Schornstein seiner Stadtbilder, überall hat sich der kleine Bruder versteckt; er ist es, der den Glorienschein um die Heiligenlocken der Jüngergestalten seines älteren, malenden Bruders anzündet.
Das sich wiegende Blatt der Palme, auf dem Treibhausgemälde ist der Kleine, seine Seele leuchtet im Stein des Ringes am Finger des japanischen Schauspielers.
Elfjährige Kinderaugen gucken unter der Stirn des Selbstbildnisses von Egon Adler und erhöhen es zum Selbstantlitz. Und in den Wolken tummelt er sich als Mond.
Ewig ist Egon Adlers Malerei, ein Engel lebt in seinem Herzen und hängt seinen Schöpfungen Flügel an.
Ein Amen
Einmal, als ich sie besuchte, malte jemand ihre Hand -- eine schmale Dolde am Ast, eine Seele, die blühte. Ellen Neustädter spielt nicht zur Schau; ihr Spiel ist eine tiefe Dichtung. Die Bühne fängt die Geschehnisse ihres Herzens auf und reicht sie dem Besucher, ein vielköpfiges Ganzes. Sie gibt dem Gemach oder der Landschaft die Farbe, und ihr Odem ist überall. Die Damen vom künstlerischen Theater in Moskau könnten ihre Schwestern sein; die haben allerdings ihre Partner, ihre Zugehörigkeit. Ellen Neustädter hat nur einen gleichwertigen Bruder in Berlin: Oskar Sauer. Warum trennt man das rechtmäßige Spielerpaar? Klein Eyolfs Eltern sind sie. Schwere, hehre Paradiesstimmung, düstere Ernte. Eine Engeline: Ellen Neustädter; der Erzengel unter den Schauspielern ist Oskar Sauer. Was ihre Lippen bringen, ist Kunst aus Segen gewölbt. Sein Spiel straft, ihr Spiel belohnt; ist ihr Wesen aus Glas, sein Wort aus Stahl. Immer erzwingt die Gabe der beiden Wunderkünstler ehrfürchtige Anbetung. Es schneite draußen weiße Sterne. Oskar Sauer war seinen Leiden erlegen in »Nora«. Stand noch lange nach Schluß der Vorstellung am Theatertor -- ich bildete mir ein, er sei wirklich gestorben. Auch heute wagte ich mich nicht stürmisch zu begeistern. Ellen Neustädters Seele ist eine zagende Dolde. Durch die lange Theaterabendstraße ging ich auf Zehen heimwärts, denn mein Herz träumte noch. Genial ist das Unantastbare, Erzengel ist alles Genie, es erlöst vom Täglichen, bringt Verlorenheit und Seligkeit zugleich.
Wenn mein Herz gesund wär --
Kinematographisches
In Verehrung für _Ludwig Kainer_
Wenn mein Herz gesund wär, spräng ich zuerst aus dem Fenster; dann ging ich in den Kientopp und käm nie wieder heraus. Es ist mir genau so, als ob ich das große Los gewonnen hab' und noch nicht ausbezahlt bin, oder auf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen hab' und keinen Stall »umsonst« auftreiben kann. Das Leben ist doch eigentlich ein Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und wieder hinunter, immer um sich selbst wie bei den Sternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in verzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte ich einen Todessprung oder einen Jux. Meine Freundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie studiert die Sprache der alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch und macht gute Fortschritte. Aber was geht mich das alles an; ich will nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht klopfen würde!
Das Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft nicht allein unten jeden Freitag und Sonnabend, jedes Stäubchen wird aufgewirbelt, es klopft auch an den anderen Wochentagen, denn ich wohne zwischen Haus und Haus und muß die Brutalität aller Höfe ertragen. Ich sitze immer bei geschlossenen Fenstern und werde gar nichts von dem Sommer haben; ausgehen kann ich nicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe Schulden. Dabei zieht's, wenn ich die Türen rechts und links und hinter mir auflasse. Ich trage seit dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn ich abends wo eingeladen bin, überkommt mich eine furchtbare Angst, ich könnte anfangen zu miauen. Ich hab' gar keine Lust zum Leben mehr, wenn noch die Menschen gerne meine Lyrik lesen wollten; wer sie gern liest, der soll mir doch mal einen netten Brief schreiben. Ich muß nämlich wegen meiner Krankheit in Kleesalz baden, damit man nicht über mich ausrutscht. Ich habe dann immer so eine Langeweile in der Badewanne, und lese gerne schmeichelhafte Briefe an mich. Was einen schlechte Kritiken ärgern! Man hat doch sofort jemand gern, der einem schöne Worte schreibt. Es gibt wirklich sympathische Geschöpfe auf der Welt. Ich kann nur Weißgesichter nicht leiden, ich habe einen Argwohn gegen Licht. Darum nehme ich mir auch nur schwarze Mägde und Diener. Ich habe zwei Neger und zwei Indianerinnen; Tecofis Vaterhäuptling kommt manchmal nach Berlin und tritt dort mit seiner Truppe im Chât noir auf. Tecofi fragt mich, wenn sein Vater nach Berlin kommt, ob er bei mir auf dem Balkon wohnen könne. Ich hab' nichts dagegen. Mein Somalineger ist königlicherer Abstammung, sein Vater besitzt bei Teneriffa Hammelherden. Manchmal schickt er mir ein paar abgezogene Hammel, die kommen als Hautgoutragout hier an. Osmann, mein jüngerer Neger, sieht aus, wie ein sinnender Gorilla im Pflanzenkübel. Böse Spezies, herrlich zu schauen, aber man muß ihn in Ruhe lassen; seit kurzem pfeif' ich auch nicht mehr, wenn er jemandem den Kopf abbeißen soll, er ist zu schade, zu wertvoll, um zu gehorchen, selbst mir. Meine beiden Indianerinnen sind emsige Mädchen, sie sind angestellt von mir, die Fäden meiner Logik zu suchen, die Logik meiner Unterhaltung zu finden. Manchmal suchen sie die ganze Nacht, ich fürchte, sie werden sich einmal in einem Augenblick an meinem Leidfaden aufhängen. Das muß man in Kauf nehmen, dunkle Leute sind schlechte Spürhunde, sie können nichts finden in der Nacht ihrer Haut. Halloh, was tät' ich, wenn mein Herz gesund wär? Habe ich denn ein Herz oder wenigstens sowas Ähnliches? Bei dieser Einlage im Programm muß ich weinen -- gut, daß es Nußstangen gibt, die trösten, auch die Pfefferminz in Holzschächtelchen. Ich glaube nicht, daß mein Herz aus Fleisch und Blut ist, rissig sind seine Wände; es hat weniger Augenblickswert als Ewigkeitswert, darum bin ich vollständig unbrauchbar für den Vorbeipassierenden, ich bin nur interessant für den Forscher. Immer klingelt es in den effektvollsten Stellen. »Hier 35, 24 wer dort?« »Doktor Nikito Ambrosia, sind Sie Else Lasker-Schüler?« »Leider.« »Frohlocken Sie nicht, verzweifeln Sie nicht, meine Dame, ich frage Sie an, ganz ergebenst, würden Sie ein Engagement am Wintergarten annehmen, monatlich mit einer Gage von 10000 Mark? das macht im Jahr rund 100000 Mark?« »Sie spaßen wohl, Herr, es ist doch nicht üblich, am Varieté länger, als einen Monat die Artisten zu beschäftigen.« »Aber, uns liegt daran, meine Gnädigste, Sie an unser Varieté zu fesseln.« »Es handelt sich wohl um meine arabische Szene, Herr Dr. Ambrosius?« »Ganz recht! Da Sie hoch zu Kamel über Theben sitzen.« »Herr, ich kenne Sie, so einen ungeschminkten Baß gibt es nicht am Varieté. Sie sind Professor Gellert, der letzte Hohenzollerndämmer.« Schluß! Mein Brief: Herzallerliebster in Adrianopel! Er fragte mich nämlich an, ob ich ihn noch liebe, bittet mich, ihn nicht zu belügen. Ich werde ihm doch keinen Stoff zur Lyrik geben, (er ist Dichter), »ich liebe ihn also! Basta!« Könnte ich doch auch ein bißchen nach der Türkei, zumal meine Vorfahren alle in Sänften getragen wurden. Das Gehen wird mir darum schwer. Wo bei Euch die Sohlen schon erkaltet sind, sind sie bei mir noch Glut. Wenn mein Herz gesund wär, was tät' ich dann? Einen Augenblick bitte! Ich würde mich pudelnackt ausziehen und mich in ein Süßwasser werfen, wo die sanften Fische leben, aber Schuppen kann ich nicht leiden. Oder ich ging nach dem Südpol und wärmte mich mal ganz tüchtig ein, oder ich ließ jedenfalls in der Eiszone einen Anthrazitofen setzen. Was soll ich _noch_ machen? Ich blieb gerade am Wendekreis stehen zum Trotz. Den Sternbildern würde ich Schnurrbärte malen. Ist es nicht himmelschade, daß mein Herz nicht gesund ist? Vom Mond kommen die Herzkrankheiten, namentlich die Neurosen. Alle Krankheiten kommen von oben. Hier unten ist es ganz nett. Darum stürzen auch so viele Aviatiker vom Himmel herab; das Fahrzeug platzt ja gar nicht, die Fallsucht kriegen sie alle, je höher sie die Bazillen der Gestirne einsaugen. Wie die Aviatiker aussehn: Wie die Vögel, ihre Nasen sind Schnäbel, und die Köpfe strecken sie in die Höhe. Ein neues Menschengeschlecht. Einmal aß mit mir ein Luftsegler zu Mittag, der hackte wie ein Habicht am Fleisch herum, riß am Schnitzel wie ein Aasgeier. Karl Vollmöllers herrliche Katharine von Armignac ist die erste Aviatikerin der Welt. Im Uniontheater der Luftschiffahrtausstellung am Zoo fliegen sie alle. Ich kann umsonst zusehen, ich versprach über alles zu schreiben. Ich hab' kein Geld, aber darum kann ich mich doch nicht von der Welt abschließen. Und soll sogar die Regierung in Theben übernehmen, ich regiere sogar schon _pro forma_. Die Leute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee. Fixe Idee ist was Natürliches: Natur, die das Gesetz zum Sklaven macht. Ich bin der Prinz von Theben. Nur Kaiser Wilhelm kann mir in Deutschland nachfühlen, was Regieren heißt. Ich habe dabei ein bunt' Volk. Nachts liege ich auf dem Dach, und bei Tage sitze ich unter meiner Palme und regiere. Ich bin für alles verantwortlich; mein Volk schielt noch vor Ungewißheit, es meint, ich mache Ulk, aber auch der Ulk ist mir bitterer Ernst. Ich bevorzuge nichts -- nur Menschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack habe, künstlerischen Sinn habe; meine Rede ans Volk bedient sich nicht des Punktes, weil ich mich nicht binden will. Ich bin am tolerantesten gegen mich, ich bin gnädig gegen mich, ich bin einig mit mir, aus Diplomatie, weil sich mein Volk an mich halten muß. Ich denke nur viel, sehr arg, unmittelbar, ich lasse alle meine Gedanken ganz nah an mich herankommen, damit sie das Fürchten verlernen. Wenn ich nur nicht schon in der Frühe von so vielen muselmännischen Barbieren gestört würde, die mich tätowieren wollen, von abendländischen Malern, die mich porträtieren wollen. Nachts werde ich immer im Schlummer auf meinem Dach gestört von meinen Paschas, die vor Begeisterung meines Regierungsantritts nicht ruhen können. Sie haben immer in der Audienz, die ich ihnen erteilte, eine Frage unaufgeworfen vergessen, die sie treibt. Seitdem ich als regierender Prinz in Theben gewählt bin, bewegen sich viele Ehrgeizige in derselben Tracht und Gebärde in den Straßen der Stadt, die mir zu gleichen trachten. Meine Epigonen! Denn regieren ist auch eine Kunst, eine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst und die Musik. Die Epigonie aber ist eine Tätigkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie die Arbeit. Ich arbeite nie, ich hasse den Schreibtisch -- zwar hab' ich selbst einen -- aber er ist nie ganz gewesen. Heute Nacht, da meine Neger schliefen, erbrachen die Paschas gewaltsam die Pforte, die zu meinem Dache führt, wegen der Freimarken. Ich wurde in der Nacht noch im Profil (Seite steht mir besser wie _en face_), im Turban und Regierungsmantel photographiert in allen Farben; auf allen Posten meiner Stadt verbreitet man Mich Allerhöchst.
Der Eisenbahnräuber
Vielleicht gehe ich selbst noch einmal in den Schwank, sein Humor hat doppelte Lebenskraft, man kann sich zweimal totlachen. Es fällt mir gar nicht ein, den Inhalt des kleinen Lustspiels zu verraten, nur möchte ich seinen famosen Darstellern für den schönen Abend und vor allen Dingen dem Autor Fritz Gräbert für den lustigen Streich danken. Arthur Winckler spielte den ehemaligen Bäckermeister August Pickenbach mit Rosinen und Korinthen und allen außergewöhnlichen Zutaten. Emmy Dittmar, allerdings eine Schulreiterin, in die man sich verlieben kann. Frau Meyer (Rosa Schäffel), man soll sich noch so eine gute Wirtin suchen! Es war ein lachendes Zusammenspiel, ein Tanz, leichtfüßig, ein Walzer: An der blauen Donau, wenn auch der erste Aufzug in Ostende an der Nordsee spielt und der Herr Rentier Bäckermeister Pickenbach auf berlinisch mir und mich der neuen Bekanntschaft beim Sekt sein Mehlherz ausschüttet. Man kommt nicht aus dem Lachen heraus, der traurigen Jungfrau Sentimentalität ist der Eintritt verboten, der Autor hat die banale Tochter zu Hause gelassen, er ironisiert selbst den Kuß. Er mag nicht eines Kusses wegen einen Augenblick Lachen einbüßen. »Skool!« ruft mein Nachbar. Er ist Schwede. Ein Liebespaar, zwei Turteltauben, stehn doch sonst immerwo im dritten Akt, gefüllt oder ungefüllt, am Nischenfenster und girren im frischesten Lustspiel geheuchelte Sehnsucht. Meine Angst war also hier vergebens. Und mich belustigt ungestört der ungeschlachte, wollige Liebhaber Maler Hans Wegemann (Carl Wessel), es blieb ihm jedes Wort im Hals stecken, bis er zum beißenden Hammel ausreifte unter der Leitung seiner Backfischbraut Marie, der Tochter Pickenbachs (Grete Kroll). Die vielen Hände, die einen Wirbel klatschten, waren nicht zu übersehen.
Im neopathetischen Kabarett
Tausend und Einer. Ich habe mich nicht verzählt, las auch, während ich die Köpfe zählte, Armin Wassermann Verse seiner Herzensdichter. Weich und herb, reich und superbe ist seine Sprache; dazu sein schwärmerisches, knabenhaftes Savoyardengesicht! -- Ich suche nach einem Stuhl, der im Verborgenen blüht -- endlich finde ich so ein Veilchen abseits am Tapetenrand; ich setze mich. Meine Tänzerin Zobeïde, die sehr neugierig auf das Kabarett der Neopathetik ist, ruht schon lange müde zwischen weißen, lilagelben, roten und himmelblauen Mädchen; ein Dichter mit Honiglippen und zwei Augen, naschhafte Bienen, als einziger Tasso neben ihr und ihren bräutlichen Schwestern. Es betritt jemand den Ölberg des Saals und predigt über Kunst. Der Vortrag ist geistvoll, wenn man sich auch durch Mimik und Brille in die Schule zurückversetzt glaubt. Noch immer höre ich keine Gedichte von mir -- warum lud man mich ein, zumal ich keineswegs objektiv bin? Auf einmal flattert ein Rabe auf, ein schwarzschillernder Kopf blickt finster über die Brüstung des Lesepults. Jakob van Hoddis. Er spricht seine kurzen Verse trotzig und strotzend, die sind so blank geprägt, man könnte sie ihm stehlen. Vierreiher -- Inschriften; rund herum müßten sie auf Talern geschrieben stehn in einem Sozialdichterstaat. Ich muß immer ans Geld denken; wie man so runterkommt -- wenn Zobeïde, meine Tänzerin, ein Portemonnaie bei sich hätte, würde ich zu der Menschenhitze ein Glas Limonade trinken. Ich höre, wie ein Vortragender mit triumphierendem Gesicht Stefan Georges Dichtungen als Ruhepunkt bezeichnet. Das muß ich widerlegen. Stefan Georges Gedichte wandeln allerdings, ohne müde zu werden; nicht bunte Karawanen über Sandwege; aus ihnen weht die Kühle endloser Prozessionen zwischen frommen Schlössern und himmelhohen Domen. Die Orthographie der Georgeverse erinnert in ihrer Gleichtönigkeit leicht an englische Sonntagsruhe. War's das, lieber Vortragender? Gern hätte ich die Rede von Kurt Hiller, dem Präsidenten des neopathetischen Kabaretts, gehört.
Zobeïde, meine Tänzerin, will noch nicht mit nach Hause kommen.
Kabarett Nachtlicht -- Wien
Der lieben Malerin _Lene Kainer_