Part 5
An diesem Morgen fuhren Kaspar und Klara in einem kleinen, farbigen Boot auf dem See. Der See war ganz ruhig wie ein glänzender, stiller Spiegel. Ab und zu kreuzten sie einen kleinen Dampfer, dann gab es für eine kurze Zeit breite, sanfte Wellen, und sie durchschnitten diese Wellen. Klara war in ein ganz schneeweißes Kleid gehüllt, die weiten Ärmel hingen an den schönen Armen und Händen träge herunter. Den Hut hatte sie abgenommen: die Haare hatte sie aufgelöst, ganz unabsichtlich, mit einer schönen Bewegung der Hand. Ihr Mund lächelte zu dem Munde des jungen Mannes hinüber. Sie wußte nichts zu sagen, sie mochte nichts sagen. »Wie schön das Wasser ist, es ist wie ein Himmel,« sagte sie. Ihre Stirne war heiter wie die Umgebung von See, Ufer und wolkenlosem Himmel. Das Blau des Himmels war von einem duftenden und schimmernden Weiß durchzogen. Das Weiß trübte ein wenig das Blau, verfeinerte es, machte es sehnsüchtiger und schwankender und milder. Die Sonne schien halb durch, wie Sonne in Träumen. Es lag eine Zaghaftigkeit in allem, die Luft fächelte ihnen um das Haar und das Gesicht, Kaspars Gesicht war ernst, doch ohne Sorgen. Er ruderte eine Weile stark, dann jedoch ließ er die Ruder fahren, das Schiff schaukelte ohne Führung weiter. Er bog sich nach der versinkenden Stadt um, sah die Türme und Dächer in der halben Sonne leicht glitzern, sah, wie die emsigen Menschen über die Brücken liefen. Die Karren und Wagen kamen nach, die elektrische Trambahn sprang mit ihrem eigenartigen Geräusch vorüber. Die Drähte sausten, die Peitschen knallten, Pfeifen hörte man und große schallende Klänge von irgend woher. Auf einmal tönten die Elfuhr-Glocken in all die Stille und in all das ferne, zitternde Geräusch hinein. Sie empfanden beide eine unaussprechliche Freude am Tag, am Morgen, an den Tönen und Farben. Es wurde alles zu einem Erfassen, zu einem Ton! Liebende, wie sie waren, hörten sie alles in einen einzigen Ton überschlagen. Ein Strauß von einfachen Blumen lag in Klaras Schoße. Kaspar hatte seinen Rock ausgezogen und ruderte wieder weiter. Da schlug es Mittag, und alle diese Arbeits- und Berufsmenschen liefen wie ein Haufen von Ameisen nach allen Straßenrichtungen auseinander. Es wimmelte auf der weißen Brücke von schwarzen, beweglichen Punkten. Und wenn man daran dachte, daß jeder dieser schwarzen Punkte einen Mund hatte, mit dem er jetzt das Mittagessen essen wollte, so mußte man unwillkürlich lachen. Wie so ein Bild des Lebens einzig sei, empfanden sie, und lachten dabei. Auch sie kehrten jetzt um, denn schließlich waren sie auch Menschen, die Hunger bekamen; und je näher sie dem Ufer kamen, desto größer wurden wieder die Ameisen; und dann stiegen sie aus und waren ebenfalls Punkte, wie die andern. Aber sie spazierten selig unter den hellgrünen Bäumen auf und ab. Viele Neugierige schauten sich nach dem seltsamen Paare um: der Frau in dem langen, nachschleppenden, weißen Gewande und dem Flegel von Burschen, der nicht mal eine ordentliche Hose trug, der so seltsam frech abstach von der Dame, die er begleitete. So pflegen sich die Menschen zu empören und zu irren in ihren Mitmenschen. Auf einmal kam jemand auf Kaspar lebhaft zugeschritten. Es war in der Tat einer, der Grund hatte, ihn auf diese Weise zu begrüßen, nämlich Klaus, der seinen Bruder schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Hinter ihm kam die Schwester und ein anderer Herr, und nun begrüßte sich alles gegenseitig. Der fremde Herr hieß Sebastian.
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Simon saß unterdessen, kaum tausend Schritte weit entfernt, in einer Speisehalle, einem kleinen Raum, vollgepfropft mit essenden Menschen. Hier pflegte allerhand Volk zu essen, das billig und schnell essen mußte. Simon liebte gerade diesen Ort, wo doch jede Bequemlichkeit und Eleganz durchaus fehlte. Auch hatte er ja mit dem Gelde zu rechnen. Das Speisehaus war von einer Gruppe von Frauen gegründet, die sich, alle zusammen gerechnet, Verein für Mäßigkeit und Volkswohl nannten. In der Tat, wer da hineinging, der mußte mit einem mäßigen und dünnen Essen zufrieden sein. Meistens waren auch alle zufrieden, wenn man die kleinen, bornierten Unzufriedenheiten abrechnet. Allen, die hier verkehrten, schien das Essen zu behagen, das aus einem Teller Suppe, einem Stück Brot, einer Portion Fleisch, dito Gemüse und einem winzigen und zierlichen Dessert bestand. Die Bedienung ließ nichts zu wünschen übrig, als ein wenig mehr Behendigkeit, aber im Grunde genommen war sie schnell genug in Anbetracht der zahlreichen hungrigen Esser. Jeder bekam sein Essen frühzeitig genug, auch wenn jeder eine kleine Ungeduld nach noch frühzeitigerem Verabreichen verspürte. Es war ein immerwährendes Essen-Austeilen, Essen-In-Empfangnehmen und Essen-Verschlingen. Mancher, der verschlungen hatte, mochte den Wunsch empfinden, noch nicht soweit zu sein, und sah neidisch auf solche, die zu erwarten hatten, was doch eigentlich ganz nett war hinunterzuschlingen. Warum aßen sie so schnell. Eine absurde Gewohnheit, so schnell sein Essen zu essen. Die Bedienung bestand aus ganz lieblichen Mädchen aus der ländlichen Umgebung der Stadt. Eine kurze Zeit waren diese Geschöpfe ziemlich unbeholfen, aber sie lernten es, abzuwehren und mit dem Ablehnen Zeit zu gewinnen, ganz dringende, brennende Wünsche zu befriedigen. Wo so viele Wünsche waren, mußte unter den Wünschen fein unterschieden und gewählt werden. Ab und zu kam eine der Erfinderinnen dieses Geschäftes, eine der Wohltäterinnen, und sah sich das Volk an, wie es aß. Eine solche Dame setzte ihre Lorgnette ans Auge und musterte das Essen und diejenigen, die es verzehrten.
Simon empfand eine Vorliebe für diese Damen und freute sich immer, wenn sie kamen, denn es kam ihm so vor, als besuchten diese lieben, gütigen Frauen einen Saal voll kleiner, armer Kinder, um zu sehen, wie diese sich an einem Festmahl ergötzten. »Ist denn das Volk nicht ein großes, armes, kleines Kind das bevormundet und überwacht werden muß?« rief es in ihm, »und ist es nicht besser, es wird überwacht von Frauen, die doch vornehme Damen sind und gütige Herzen haben, als von Tyrannen im alten, freilich heroischeren Sinn?« -- Was aß nicht alles in der Eßstube, zu einer friedlichen Familie vereint! Studentinnen in erster Linie. Hatten Studentinnen Zeit und Geld, um im Hotel Continental zu essen? Und dann Dienstmänner in blauen, leichten Kitteln mit Stiefeln an den Beinen, großen, borstigen Schnurrbärten und ziemlich eckigen Mäulern im Gesicht. Was konnten sie dafür, daß sie eckige Mäuler hatten? Mancher im Hotel Royal hatte gewiß auch ein eckiges Gebaren rund um den Schnurrbart herum. Freilich war dort das Eckige übertüncht mit einer Rundung, aber was hatte das wohl zu heißen? Auch Dienstmädchen ohne Stellung waren da, arme Schreiber, überhaupt Weggejagte, Brotlose, Heimatlose und auch solche, die nicht einmal eine Adresse besaßen. Ebenso verkehrten hier Frauen von schlechtem Lebenswandel, Weiber mit seltsamen Frisuren und blauen Gesichtern, dicken Händen und frechen aber verschämten Blicken. Alle diese Leute, allen voran natürlich die heiligen Betbrüder, die ebenfalls zu sehen waren, benahmen sich in der Regel schüchtern und zuvorkommend. Alle schauten allen ins Gesicht während des Essens; kein Wort wurde gesprochen, nur hin und wieder ein leises und höfliches. Das war der sichtbare Segen des Volkswohles und der Mäßigkeit. Etwas Drolliges, etwas Einfaches, etwas Gedrücktes und wiederum etwas Befreites lag auf den armseligen Menschen, in ihren Manieren, die bunt waren wie die Farben eines Sommervogels. Wie mancher benahm sich hier feiner als der Feinste sonst in vornehmen Häusern. Wer konnte wissen, wer er war, was er gewesen, vordem, ehe er ins Volksspeisezimmer gelangte. Würfelte denn nicht das Leben die Schicksale der Menschen heftig durcheinander wie mit einem Würfelbecher? Simon saß in einer kleinen Ecke, einer Art Erker, und aß Butter mit Honig, auf ein Stück Brot zusammengestrichen, und trank eine Tasse Kaffee dazu: »Was brauche ich mehr zu essen an einem so schönen Tage. Blickt nicht der blaue Frühsommerhimmel holdselig durch das Fenster auf mein goldnes Essen herab. Freilich ist mein Essen ein goldenes. Man erblicke nur den Honig: hat er nicht ein hellgelbes, süßgoldenes Aussehen? Dieses Gold fließt so angenehm auf dem kleinen, weißen Tellerchen herum, und wenn ich mit dem spitzen Messer davon absteche, so komme ich mir vor wie ein Goldgräber, der einen Schatz entdeckt hat. Das Weiß der Butter liegt entzückend daneben, dann folgt die braune Farbe des wohlschmeckenden Brotes, und über alles schön ist das Dunkelbraun des Kaffees in der zierlichen, sauberen Tasse. Gibt es ein Essen auf der Welt, das schöner und appetitlicher aussehen könnte? Und ich stille meinen Hunger damit ganz vortrefflich, und was brauche ich mehr, als meinen Hunger zu stillen, um sagen zu können: ich habe gegessen? Es soll Menschen geben, die sich aus dem Essen eine Kultur, eine Kunst machen; nun, kann ich das etwa nicht auch von mir sagen? Freilich! Nur ist meine Kunst eine bescheidene und meine Kultur eine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer und üppiger als jene das Viele und Nicht-Aufhören-Wollende. Ich ziehe außerdem nicht gern Mahlzeiten so sehr in die Länge, ich könnte sonst leicht den Appetit darnach verlieren. Mir liegt daran, immer und immer wieder Lust zum Essen zu verspüren, deshalb esse ich spärlich und fein. Außerdem habe ich noch etwas: eine pikante Unterhaltung mit immer neuen Menschen.«
Kaum hatte Simon dieses gemurmelt oder gedacht, als ein alter Mann in weißen Haaren sich auf den freien Platz zu ihm hinsetzte. Des alten Mannes Gesicht war von einer grauen, abgemagerten Blässe, die Nase tropfte, oder vielmehr, es hing ein großer Tropfen an seiner Nase, der nicht fallen konnte, der aber doch schwer zum Fallen war. Beständig glaubte man ihn herunterfallen sehen zu sollen. Aber der Tropfen hing immer noch. Der Mann bestellte sich einen Teller mit gesottenen Kartoffeln, sonst weiter nichts, und aß dieselben, indem er mit der Messerspitze sorgfältig Salz darauf streute, mit umständlichem Behagen. Aber vorher hatte er die Hände zusammengefaltet, um ein Gebet an seinen Herrgott zu verrichten. Simon erlaubte sich folgenden kleinen Spaß: er bestellte heimlich ein Stück Braten bei dem aufwartenden Mädchen und als das Bratenstück herankam, mußte er über des Mannes Staunen, als es ihm und keinem andern hingereicht wurde, herzlich lachen.
»Warum beten Sie, bevor sie essen,« fragte Simon einfach.
»Ich bete, weil ich dessen bedarf,« erwiderte der alte Mann.
»Dann freut es mich, Sie beten gesehen zu haben. Ich interessierte mich bloß, welches Gefühl Sie dazu könnte veranlaßt haben.«
»Man hat viele Gefühle dabei, mein junger Herr! Sie zum Beispiel beten gewiß nicht. Dazu haben junge Leute von heute keine Zeit und auch kein Verlangen mehr. Ich kann es begreifen. Wenn ich bete, so fahre ich bloß in meiner Gewohnheit fort, denn ich habe mir das angewöhnt und es hat mir Trost gespendet.«
»Waren Sie immer ein armer Mann?«
»Immer.« --
Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich sauberen, so doch armseligen Speiselokal die schöne Gestalt der Frau Klara. Sämtliche Hände, die eine Gabel, einen Löffel oder ein Messer, oder den Henkel einer Tasse festhielten, zögerten einen Augenblick, in ihrem Geschäft fortzufahren. Alle Mäuler sperrten sich auf, alle Augen hefteten sich fest auf eine Erscheinung, die so wenig geeignet schien, etwas in diesem Raume zu suchen zu haben. Sie war eine vollendete Dame und war es in diesem Moment noch viel mehr. Es war gerade, auch für Simons Augen und Sinne, als wenn sich aus einem offenen, flatternden Himmel ein Engel loslöse und nun zur Erde niederschwebe und dort irgend ein dunkles Loch aufsuche, um die Menschen, die dort wohnen, mit seinem bloßen seligen Anblick zu beglücken. So dachte sich Simon immer eine Wohltäterin, die hingeht, zu den Elenden und Armen, die nichts besitzen, als den zweideutigen Vorzug, von Moment zu Moment mit Sorgen wie mit Ruten gepeitscht zu werden. Klara benahm sich in dem Volkshause, ganz wie wenn es sich von selber ergäbe, als ein höheres, fernes, zugeflogenes Wesen aus anderen Grenzen, aus einer andern Schicht und Welt. Das war ja das Herrliche, Strahlende, das alle diese schüchternen Menschen veranlaßte, die Augen aufzureißen, mit dem Atem zu kämpfen und die Hände zu halten mit der andern Hand, daß das Messer nicht herausfiel vor heftigem Erbeben. Klaras Schönheit gab den Menschen urplötzlich mit Schmerz etwas zu denken. Es kam ihnen plötzlich allen in den Sinn, was es noch, außer rauher Arbeit und Kummer um das tägliche Brot, auf der Welt gäbe. Von dieser Art Gesundheit und völligen, üppigen, lächelnden Reizes hatten sie alle beinahe keine Vorstellung mehr, so sehr zerfloß ihnen das Leben in schwarzen, unsauberen Alltäglichkeiten, zerrieb sich in Sorgen, klammerte sich um Niedrigkeiten. Das alles fiel ihnen jetzt, wenn vielleicht nicht jedem so deutlich, mit Qualen ein; denn eine Qual ist es, eine Schönheit zu erblicken, an deren bloßem Duft man sich zu berauschen meint, die einen tötet, wenn der Gedanke sich dazu versteigt, mit ihrem Lächeln mitzulächeln. Deshalb machten sie unwillkürlich auch alle Grimassen, verzerrten ihre Gesichter zu der Frau hinauf, die sie alle überragte, da alle auf niederen Stühlen, an engen Plätzen festgeklemmt saßen, während sie, die Hohe, hoch aufrecht stand. Sie schien jemand zu suchen. Simon hielt sich still in seiner Ecke und lächelte die Umherblickende unverwandt an. Sie bemerkte ihn lange nicht, obschon der Raum verhältnismäßig klein war; denn es mochte sie anstrengen, ihre Augen an das zerwürfelte dunkle, vermischte Bild zu gewöhnen und Gestalten zu fixieren, die ihre Augen gewohnt waren, sonst überhaupt nicht zu beachten. Schon wollte sie sich, etwas unwillig geworden, wieder entfernen, als sie Simon mit einem Blick streifte und erkannte. »Also hier sitzen Sie, und noch dazu in solch eine Ecke gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit der größten Freude neben ihn nieder, auf den Platz zwischen ihrem jungen Freunde und dem alten Mann, dessen Nase immer noch den großen glitzernden Tropfen trug. Der Greis schlief. Es war nicht gestattet, in solchen Lokalen zu schlafen, aber es war ein alltägliches Vorkommnis, daß alte Leute hier, nachdem sie gegessen hatten, einschliefen, aus einfacher, nicht mehr zu bezähmender Müdigkeit. Dieser Greis hatte vielleicht eine lange nutzlose Fußwanderung durch alle Straßen der Stadt hinter sich. Er mochte vielleicht um Arbeit nachgefragt haben, überall, wo ihn seine Gedanken nur leise hinweisen konnten. Immer müder geworden, hatte er es vielleicht trotzdem versucht, etwas an diesem Tag zu erreichen, hatte seine äußersten Kräfte angespannt, um einen Berg zu erklimmen, denn die Stadt liegt den Berg hinan, und war dort oben eben so schnell abgewiesen worden, als hier unten; zog wieder abwärts, den Tod im Herzen, mit zerbrochenen Kräften, bis hierher. Daß sich der Greis überhaupt vielleicht, wie man vermuten durfte, noch um Arbeit umgeschaut hatte, daß er noch den Willen hegte, zu arbeiten, er, der Greis, das nur zu denken hatte etwas Klägliches und Erschreckendes. Aber man konnte auf diesen Gedanken sehr wohl kommen. Dieser Greis hatte nirgends eine Heimat, als hier in diesem Lokal, aber auch hier nur auf Stunden, denn dann wurde das Lokal geschlossen. Deshalb vielleicht betete er, um dem furchtbaren Ernst seiner Lage eine leise, besänftigende Melodie zu verschaffen. Deshalb sagte er: »Ich bedarf des Gebetes.« Also nichts weniger als Hang zur Frömmelei war es, sondern das überaus traurige Bedürfnis, eine Hand zu spüren, die ihn liebkosen möchte, eine Kinder- oder Tochterhand zu fühlen, die leise und trostvoll über seine arme, zerfaltete Stirne hinstrich. Vielleicht hatte der alte Mann Töchter gezeugt, -- und nun er selber? Mit solchen Gedanken konnte sich leicht einer abgeben, der neben dem Alten saß und ihn so schlafen sah, den Kopf seltsam unbeweglich, die Hände den Kopf stützend. Klara sagte: »Ihr Bruder ist gekommen, Simon, in der Offiziersuniform, auch Ihre Schwester und dann noch ein Herr, mit Namen Sebastian.« Darauf bezahlte Simon, was er schuldig war, und sie gingen zusammen fort. Als sie fortgegangen waren, bemerkte eines der bedienenden Mädchen den schlafenden Mann, sie rüttelte und schüttelte ihn und sagte mit komischer Strenge: »Nicht schlafen da! Sie! Hören Sie nicht? Hier dürfen Sie nicht schlafen!« Da erwachte der alte Mann.
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Es gab einen herrlichen Abend nach diesem Tag. Alle Welt lustwandelte am schönen Seeufer entlang, unter den breiten, großblättrigen Bäumen. Wenn man hier, unter so vielen aufgeräumten, leise plaudernden Menschen, spazierte, fühlte man sich in ein Märchen versetzt. Die Stadt loderte im Feuer der untergehenden Sonne und später brannte sie, schwarz und dunkel, in der Glut und Nachglut der Untergegangenen. Die Sonne im Sommer hat etwas Wundervolles und Hinreißendes. Der See glitzerte im Dunkel, und die vielen Lichter schimmerten in der Tiefe des stillen Wassers. Herrlich sahen die Brücken aus; und wenn man über die Brücken ging, so sah man unten im Wasser die kleinen, dunklen Boote vorbeischießen; Mädchen in hellen Kleidern saßen in den Nachen, oft auch erklang aus einem größeren, langsam und feierlich dahinschwebenden, flachen Boote der warme, zur Nacht stimmende Ton einer Handharfe. Der Ton verlor sich in Schwarz und tauchte wieder tönend heraus, hell und warm, dunkel und herzenergreifend. Wie weit klang das einfache Instrument, von irgend einem Schiffsmann gespielt! Die Nacht schien noch größer und tiefer dadurch zu werden. Aus der weiten Uferferne schimmerten die Lichter der ländlichen Ansiedelungen herüber, als wären sie blitzende, rötliche Steine im dunklen, schweren Gewand von Königinnen. Die ganze Erde schien zu duften und still zu liegen wie ein schlafendes Mädchen. Das große, dunkle Rund des nächtlichen Himmels breitete sich über alle Augen aus, über die Berge und die Lichter. Der See hatte etwas Raumloses bekommen und der Himmel etwas den See Umspannendes, Einschließendes und Überwölbendes. Ganze Gruppen von Menschen bildeten sich. Junge Leute schienen zu schwärmen, und auf allen Bänken saßen dichtgedrängt ruhende, stille Menschen. Auch an flatterhaften, stolz kokettierenden Frauen fehlte es nicht und auch nicht an Männern, die nur diese Frauen im Auge behielten, die hinter ihnen hergingen, immer etwas zögernd und dann wieder vorstürmend, bis sie schließlich den Mut oder das Wort fanden, ihre Damen anzusprechen. Manch einem wurde an diesem Abend der Kopf gewaschen, wie man sich auszudrücken pflegt.