Geschwister Tanner

Part 4

Chapter 43,478 wordsPublic domain

Man beschloß, den Abend im Theater zu verbringen. Kaspar wurde davon benachrichtigt und er fand sich zur bestimmten Stunde vor dem Theater, das sich als ein weißes, herrliches Gebäude am Ufer des Sees erhob, ein. Als der Vorhang aufging, sah man nur in einen grauen, leeren Raum hin. Doch der Raum belebte sich alsobald, denn es erschien eine Tänzerin mit nackten Beinen und Armen, die zu einer leisen Musik tanzte. Ihr Leib war von einem durchschimmernden, flatternden, fließenden Gewand umhüllt, das, so schien es, die Linien des Tanzes noch einmal für sich, in der schwebenden Luft, nachzeichnete. Man empfand die völlige Unschuld und Grazie dieses Tanzes und es würde niemandem eingefallen sein, in der Nacktheit des Mädchens etwas Unkeusches und unrein-Beabsichtigtes zu finden. Ihr Tanz löste sich oft in ein bloßes Schreiten auf, doch auch dieses blieb Tanz, und ein anderes Mal wieder schien die Tanzende von ihren eigenen Wellen in die Höhe erhoben zu werden. Wenn sie zum Beispiel ein Bein erhob und den schönen Fuß krümmte, so geschah das in einer so neuen, unbefangenen Weise, daß jedermann dachte: wo habe ich das einmal gesehen, wo? Oder habe ich das nur irgend einmal geträumt? Der Tanz dieses Mädchens hatte etwas Schweres und Naturgemäßes. Gewiß, ihre Kunst war vielleicht, streng nach Ballettregeln genommen, nicht allzugroß, ihr Können mochte weit zurückbleiben hinter dem Können und Leisten anderer Tänzerinnen. Aber sie besaß die Kunst, mit ihrer bloßen, mädchenscheuen Anmut zu entzücken. Wenn sie niederflog, so geschah es so süß-schwer, und das Emporfliegen zu höherem Schwung berauschte alle Seelen durch die Wildheit und Unschuld dieser Bewegung. Wenn sie sich bewegte, war sie auch erregt von dieser ihrer flüchtigen Bewegung, und ihre Erregung erfand zu den Tönen immer neue Schwingungen. Ihre Hände glichen zwei schönen weißen, flatternden Tauben. Das Mädchen lächelte, wenn es tanzte, es mußte glücklich dabei sein. Ihre Kunstlosigkeit wurde als höchste Kunst empfunden. Einmal flog sie in großen weichen Sprüngen, wie ein gejagter Hirsch, von einem Takt in den andern. Sie schien wie ein Wellengesprudel zu tanzen, daß sich an einem niedern Ufer zerschlägt und verspritzt, bald floß sie wie eine breite, sonnige, machtvolle Welle dahin, wie eine Welle mitten im See, bald war es wieder wie ein Geriesel von Flocken und Steinchen, immer war es anders, und immer so seelenvoll. Die Empfindungen aller Zuschauer tanzten mit Lust und mit Schmerzen mit. Einigen preßte der Tanz Tränen in die Augen, reine Tränen des Mit-Entzückens, Mit-Tanzens. Wie schön war es, zu sehen, daß, da das Mädchen seinen Tanz beendete, bejahrte, ehrfurchtgebietende Frauen sich stürmisch erhoben, dem Mädchen mit Tüchern zuwinkten und ihr Blumen in den Bühnen-Abgrund hinabwarfen. »Sei unsere Schwester,« schien aller Lächeln zu bitten. »Welche Freude, dich meine Tochter, wenn du's wolltest, zu nennen,« schienen die Damen zu jubeln. Das hundertköpfige Zuschauerpublikum sah die Kleine auf der einsamen Bühne und vergaß die Grenze, überhaupt alle Scheidewand. Viele Arme bogen sich, wie wenn sie hätten liebkosen mögen, in die Luft; die Hände, die zuwinkten, bebten. Man rief Worte hinab, die die bloße Freude erfand. Selbst die kalten, goldenen Figuren der Dekoration schienen lebendig werden zu wollen und den Lorbeer, den sie in den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen zu lassen. So schön hatte Simon das Theater noch nie gesehen. Klara war sehr entzückt, wer hätte es an diesem Abend nicht sein können. Nur Herr Agappaia blieb still und sagte kein Wort. Kaspar sagte: »Ich will eine solche Ovation malen, das müßte ein herrliches Bild werden.« »Aber schwer zu malen,« sagte Simon, »dieser Duft und Glanz der Freude, dieses Schimmern des Entzückens, das Kalte und Warme, das Bestimmte und Verschwommene, Farben und Formen in diesem Duft, das Gold und das schwere Rot, so untergehend in allen Farben, und die Bühne, der kleine Brennpunkt und das kleine, selige Mädchen darauf, die Kleider der Damen, die Gesichter der Männer, die Logen und alles andere, wirklich, Kaspar, es würde sehr schwer sein.«

Klara sagte: »Wenn man jetzt an eine stille Landschaft denkt, da draußen liegen sie, die Wälder und Hügel und die weiten Wiesen, und man sitzt hier in einem glitzernden Theater. Wie sonderbar. Vielleicht ist aber alles Natur. Nicht nur das Große und Stille da draußen, sondern auch das Bewegliche und Kleine, was die Menschen erschaffen. Ein Theater ist auch Natur. Was die Natur uns heißt zu bauen, kann auch nur Natur, etwas freilich wie Abart der Natur sein. Mag die Kultur so fein werden wie sie will, sie bleibt doch Natur, denn sie ist doch nur die langsame Erfindung durch Zeiten, und zwar von Wesen, die an der Natur immer hangen werden. Wenn Sie ein Bild malen, Kaspar, so wird es Natur, denn Sie malen mit Ihren Sinnen und Fingern und diese haben Sie doch von der Natur bekommen. Nein, wir tun gut daran, sie zu lieben, immer ihrer recht zu gedenken, sie, wenn ich so sagen darf, anzubeten, denn irgendwo müssen die Menschen gebetet haben, sonst werden sie schlecht. Wenn wir nun lieben, was uns am nächsten ist, so ist das ein Vorteil, der unsere Jahrhunderte stürmischer vorwärts treibt, der uns mit der Erde gedankenvoll rollen läßt, ein Vorteil, der uns das Leben schneller und seliger empfinden macht, den wir also packen und ergreifen müssen, tausendmal, in tausend Momenten, was weiß ich!« -- -- --

Sie war ganz feurig geworden im Sprechen. »Habe ich auch etwas Vernünftiges gesprochen?« fragte sie Kaspar.

Kaspar antwortete nicht. Sie waren längst aus dem Theater heraus und befanden sich auf dem Nachhauseweg.

Simon war mit Herrn Agappaia ein Stück vorausgegangen.

»Erzählen Sie mir etwas,« bat Klara ihren Begleiter.

»Ich habe einen Kollegen, Erwin mit Namen,« erzählte Kaspar, indem er neben der Frau herging, »er ist wenig talentvoll, oder vielleicht war er in seiner frühesten Jugend einmal talentvoll. Dagegen ist er noch immer, trotzdem ihm das Malen nicht den geringsten Erfolg verspricht, wie ein Satan in seine Kunst verliebt. Alle seine Bilder nennt er schlecht, und sie sind es auch, aber er arbeitet jahrelang an ihnen. Er kratzt immer wieder ab und malt von neuem. So die Natur zu lieben, wie er, muß eine Qual sein und ist eine Schande; denn ein Mann von Vernunft läßt sich nicht lange von einem Gegenstand, und sei es auch die Natur selber, foppen und narren und peinigen. Natürlich ist nicht die Kunst seine Peinigerin, sondern er selber ist sein Quäler mit seiner armseligen Auffassung von Kunst und Welt. Dieser Erwin liebt mich. Ich malte, als wir beide Anfänger waren, zusammen mit ihm. Wir tummelten uns auf den Wiesen herum, unter den Bäumen, die ich immer nur in vollster prangendster Blütenpracht vor mir sehe, wenn ich an jene »gottvolle« Zeit denke. Dieses Wort »gottvoll« ist eines, das Erwin in seiner blinden Überschwenglichkeit geprägt hat, wenn er vor Landschaften stand, deren Schönheit seine Fassungskraft überstieg. »Kaspar, sieh einmal diese gottvolle Landschaft,« das hat er, ich weiß nicht wie viel hundertmal, zu mir gesagt. Schon damals, obgleich er ganz hübsche Bilder zustande brachte, die mit Talent gemacht waren, kritisierte er sich bissig und schonungslos. Er vernichtete seine gelungenen Bilder und hob nur die mißlungenen auf, weil er nur diese als wertvoll empfand. Sein Talent litt furchtbar unter diesem beständigen Mißtrauen, bis es schließlich unter solcher schlechter Behandlung eintrocknete und versiegte wie ein Quell, der von der Sonne verbrannt und ausgesogen wird. Ich riet ihm öfters, fertige Bilder zu einem bescheidenen Preis zu verkaufen, aber er hätte mir für diese Zumutung beinahe die Freundschaft aufgekündet. Über mich verwunderte er sich täglich mehr, wie ich nur so leicht und ziemlich frivol vor mich hinmalen konnte, aber er achtete mein Talent, das er zugeben mußte. Er wünschte, ich möchte meine Kunst mit mehr Ernst betreiben, ich antwortete, daß es bei der Kunstausübung nur des Fleißes, des fröhlichen Eifers und der Naturbeobachtung bedürfe, um zu etwas zu kommen, und machte ihn auf den Schaden aufmerksam, den der übertriebene, heilige Ernst um eine Sache der Sache antun könne und müsse. Er glaubte mir wirklich, war aber zu schwach, um sich von seinem verbohrten Ernst, in den er festgebissen war, loszureißen. Dann reiste ich weg, und bekam die sehnsüchtigsten Briefe von ihm, die voll Trauer über meine Abreise klangen. Ich sei noch derjenige gewesen, der ihn noch ein wenig munter erhalten hätte. Ich möchte doch zurückkehren, oder wenn nicht, so bäte er mich, daß ich ihm erlaube, mir nachzureisen. Er tat es auch. Er war immer hinter mir wie mein leibeigener Schatten, so oft ich ihn auch kalt, spöttisch und von oben herab behandelte. Er vermied die Frauen, ja er haßte sie, denn er befürchtete, von ihnen von der Heiligkeit seiner Lebensaufgabe abgelenkt zu werden. Infolgedessen lachte ich ihn aus und es kann sein, daß ich ihn ziemlich verächtlich behandelt habe. Er malte immer schwerfälliger und war immer versessener in die Studien. Ich riet ihm, nicht so sehr zu studieren und mehr die Hand an den Pinsel zu gewöhnen. Er versuchte es und weinte beim Anblick meines sorglosen In-den-Tag-hinein-Schaffens. Da unternahmen wir zusammen eine Reise nach meiner Heimat, Sie wissen! Über die breiten hohen Berge geht es da, in tiefe Täler steil hinunter und sogleich wieder hinauf. Mir war es ein Spaß zum Handausstrecken, ein Genießen, ein etwas schnelleres Atmen, eine größere Inanspruchnahme der Beine, weiter nichts. Erwin kam kaum vorwärts: wirklich, seine Kräfte waren bereits zerrüttet von der Ausschweifung seines Kunstsehnens. Eines Tages erblickten wir, es war gegen Abend, auf einer hohen Bergweide stehend, vor uns, durch Tannengeäst hindurch die drei Seen meiner Heimat. Erwin schrie bei diesem Schauspiel auf. Es war in der Tat unvergeßlich schön. Unten klang das Gelärm der Eisenbahnen, und Glocken tönten herauf. Die Stadt konnte man noch nicht sehen, aber ich wies Erwin mit der ausgestreckten Hand auf die Stelle, wo sie liegen mußte. Wie die Gewänder von Fürstinnen lagen blitzend und sanft leuchtend die Seen ausgebreitet, von edlen Berglinien umschlossen, mit entzückend zierlichen Uferbildungen, und so weit in der Ferne, und doch so nah. Noch an diesem Abend rückten wir, verstaubt und ausgehungert, zu Hause an. Meine Schwester freute sich über den stillen Gast, den ich brachte. Es mag jetzt etwa drei Jahre her sein. Sie schloß sich mit der Zeit an ihn an, und ich darf glauben, daß eine stille Liebe zu Erwin in ihr brannte. Es schmerzte sie, zu sehen, in welcher Weise ich mit ihrem Schutzbefohlenen umging. Sie bat mich, freundlicher und achtungsvoller von ihm zu reden, wenn ich von ihm in etwas lustigem Tone sprach. Lange hielt es der arme Kerl auch nicht aus. Eines Tages nahm er Abschied. Meiner Schwester hat er einen Spruch ins Tagebuch schreiben müssen. Wie komisch das alles ist und doch wie tief. Vielleicht hatte er, da er ihr ins Buch schrieb, die Hand gedankenvoll gestützt, und sich eine Zukunft mit meiner Schwester ausgedacht. Was versprach ihm die Kunst? Ich hatte einige Sorge, meine Schwester würde etwas wie eine Szene machen. Aber sie schaute ihn bloß innig und gütig an beim Abschiednehmen. Er durfte sie nicht anschauen, er wagte es nicht. Kam er sich vor wie ein Erbärmlicher? Leicht möglich. Vielleicht glaubte er überhaupt nicht, daß Mädchen ihn lieben und zum Mann begehren könnten, denn er hatte ein Muttermal quer über das ganze Gesicht. Aber in meinen Augen hat ihn das immer veredelt. Ich sah ihn sehr gerne an. Wir reisten, und dann frug er mich einmal, ob er meiner Schwester schreiben dürfe. »Was geht das mich an,« rief ich aus. »Schreibe, wenn du Lust hast!« Er ging wieder nach Hause, in die ganz tote, düstere Umgebung seiner Akademieprofessoren. Ich bemitleidete ihn, aber trennte mich kalt von ihm, wenigstens zeigte ich ihm die Kälte, denn es war mir unangenehm, einem Bemitleidenswerten gegenüber warm zu werden. Er schrieb einige Briefe, die ich nicht beantwortete, und er schreibt auch jetzt, und auch jetzt antworte ich nicht. Er hängt zum Verzweifeln an mir. Ist es da nötig, noch zu antworten? Er ist verloren, er macht absolut keinen Fortschritt. Seine gegenwärtigen Bilder sind schrecklich. Und doch hat kein Mensch ein so inniges Bündnis mit mir gehabt wie er, und wenn ich an jene Tage denke, wo wir zusammen an der Natur hingen! Was geht alles in der Welt vorüber. Man muß schaffen, schaffen und nochmals schaffen, dazu ist man da, nicht zum Bemitleiden.«

»Der arme Mensch,« sagte Klara, »ich habe Mitleid mit ihm. Ich möchte, daß er hier wäre, und wenn er krank wäre, wie gerne möchte ich ihn pflegen. Ein unglücklicher Künstler ist wie ein unglücklicher König. Wie tief in der Seele muß es ihn schmerzen, sich so talentlos zu wissen. Ich kann es mir so gut denken. Armer Kerl. Ich möchte ihm Freundin sein, da Sie keine Zeit haben, Mitleid mit ihm zu empfinden. Ich hätte Zeit. Was für arme Menschen gibt es doch auf der Welt!«

Kaspar sagte leise zu ihr und ergriff zum ersten Mal ihre Hand: »Wie gut Sie sind!« --

Der Wald war tiefschwarz, alles war dunkel, das Haus war ein dunkler Fleck im Dunkel. Simon und Agappaia warteten auf die beiden andern an der Haustür.

»Sie kommen nicht. Kommen Sie, wir wollen hineingehen.«

»Ich möchte mich gleich schlafen legen,« sagte Simon.

Als er bereits im Bett lag und die Augen zuschließen wollte hörte er plötzlich einen Schuß fallen. Erschreckt bis zum äußersten sprang er auf, riß das Fenster auf und schaute hinaus. »Was ist das,« rief er hinunter. Aber nur seine eigene Stimme widerhallte vom Walde her. Der Wald war in eine schauerliche Totenstille gehüllt. Plötzlich vernahm er, wie unten eine Männerstimme sprach: »Es ist nichts, schlafen Sie. Verzeihen Sie, daß ich Sie erschreckt habe. Ich pflege des Nachts öfters im Walde zu schießen, es macht mir Vergnügen, so den Schuß knallen und widerhallen zu hören. Der eine pfeift gern eine Melodie, um sich, wenn alles so still um ihn ist, zu zerstreuen. Ich schieße. Tragen Sie Sorgfalt, daß Sie sich nicht erkälten so am offenen Fenster. Die Nächte sind jetzt noch kühl. Gleich werden Sie wieder schießen hören und dann werden Sie sich wohl nicht mehr ängstigen. Ich erwarte noch meine Frau. Gute Nacht. Schlafen Sie wohl.« Simon legte sich wieder nieder. Dennoch fand er keinen Schlaf. Die Stimme des Mannes hatte ihm so merkwürdig geklungen, so ruhig, und das eben war das Eigentümliche. So eisig, eigentlich ganz gewöhnlich freundlich, aber eben darin lag das Eisige. Es mußte etwas dahinter stecken. Aber vielleicht kannte er nur dieses Mannes Gewohnheiten nicht. »Es gibt,« dachte er für sich, »heutzutage ja sonderbare Käuze genug. Das Leben ist ja so langweilig, das fördert das Anwachsen der Käuze. Man wird, ehe man es recht weiß, zum seltsamen Kauz. So mag auch dieser Agappaia gar nichts Wunderliches mehr in seinen Wunderlichkeiten sehen. Man nennt es einfach Sport und schlägt alle fremden Gedanken damit nieder. Immerhin, ich will jetzt versuchen, zu schlafen.« -- aber es kamen andere Gedanken, die alle mit Nächten zu tun hatten. Er dachte an kleine Kinder, die nicht in dunkle Zimmer zu gehen wagen, die nicht einschlafen können im Dunkel. Die Eltern prägen den Kindern die fürchterliche Angst vor dem Dunkel ein und schicken dann zur Strafe die Unartigen in stille, schwarze Kammern. Da greift nun das Kind im Dunkel, im dicken Dunkel und stößt nur auf Dunkel. Des Kindes Angst und das Dunkel kommen ganz gut miteinander aus, aber nicht das Kind mit der Angst. Das Kind hat soviel Talent, Angst zu haben, daß die Angst immer größer wird. Sie bemächtigt sich des kleinen Kindes, denn sie ist etwas so Großes, Dickes, Schweratmendes; das Kind würde zum Beispiel gern schreien wollen, aber es wagt es nicht. Dieses Nicht-Wagen vergrößert noch seine Angst; denn etwas Furchtbares muß da sein, wenn man nicht einmal vor Angst Angstschreie ausstoßen darf. Das Kind glaubt, jemand horche im Dunkel. Wie schwermütig einen das macht, sich solch ein armes Kind vorzustellen. Wie die armen Öhrchen sich anstrengen, ein Geräusch zu erhorchen: nur den tausendsten Teil eines Geräuschleins. Nichts hören ist viel angstvoller als etwas hören, wenn man schon einmal im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen und beinahe das eigene Horchen hören. Das Kind hört nicht auf, zu hören. Manchmal horcht es, und manchmal hört es nur, denn das Kind weiß zu unterscheiden in seiner namenlosen Angst. Wenn man sagt: hören, so wird eigentlich etwas gehört, aber wenn man sagt: horchen, so horcht man vergeblich, man hört nichts, man möchte hören. Horchen ist Sache des Kindes, das in eine dunkle Kammer eingesperrt wird, zur Strafe für Unarten. Denke man sich jetzt, daß jemand herankäme, leise, fürchterlich leise. Nein, das lieber nicht denken. Lieber das nicht denken. Derjenige, der das denkt, stirbt mit dem Kinde vor Schreck. So zarte Seelen haben Kinder, und solchen Seelen solche Schrecknisse zudenken! Eltern, Eltern, stecket nie eure unartigen Kinder in dunkle Kammern, wenn ihr sie vorher gelehrt habt, Angst vor dem sonst so lieben, lieben Dunkel zu empfinden. -- --

Jetzt hatte Simon keine Angst mehr, es möchte noch in dieser Nacht etwas vorkommen. Er schlief ein, und als er am Morgen erwachte, sah er seinen Bruder ruhig neben sich im Bett schlafen. Er hätte ihn küssen mögen. Er zog sich, um den Schlafenden nicht zu wecken, so behutsam wie möglich an, öffnete leise die Türe und ging die Treppe hinunter. Auf der Treppe begegnete er Klara. Sie schien schon eine ganze Weile da gewartet zu haben. Simon hatte jedoch kaum guten Morgen gesagt, als ihn auch schon die Frau, die heftig bewegt schien, um den Hals faßte und an sich zog und voll Liebe küßte. »Ich will dich auch küssen, du bist ja sein Bruder,« sagte sie mit leiser, gepreßter, glückseliger Stimme.

»Er schläft noch,« sagte Simon. Es war seine Gewohnheit, Zärtlichkeiten, die nicht ihm galten, sanft abzuweisen. Diese Ruhe brachte ihre Seele erst recht in Bewegung. Sie ließ ihn nicht weitergehen, sondern schloß ihn fester an sich, indem sie seinen Kopf in ihre beiden Hände nahm und Küsse auf seine Stirne und auf seine Wangen drückte. »Ich habe dich so lieb wie einen Bruder. Du bist jetzt mein Bruder. Ich habe so wenig und so viel, siehst du! Ich habe gar nichts, ich habe alles gegeben. Wirst du mich meiden? Nein, nicht wahr, nein! Ich besitze dein Herz, ich weiß es. Ich bin reich mit einem solchen Vertrauten. Du liebst deinen Bruder, wie keiner ihn liebt. Mit so viel Stärke und Willen. Erzähle mir von dir. Wie schön kommst du mir vor. Du bist ganz anders, als er. Man kann dich nicht beschreiben. Er sagte es auch, man könne dich kaum fassen. Und doch, wie vertrauensvoll wirft man sich dir entgegen. Küsse mich. Ich bin dein, in dem Sinne, wie dein Herz es will. Dein Herz ist das Schöne an dir. Sage nur nichts. Ich verstehe, daß man dich nicht versteht. Du verstehst alles. Du bist gut zu mir, sage, sage ja. Nein, sage nicht ja. Es ist nicht nötig, ist gar, gar nicht nötig. Deine Augen haben schon ja gesagt. Ich wußte es schon lange. Ich wußte schon lange, daß es solche Menschen gäbe, zwinge dich nur nicht zur Kälte. Schläft er? O nein, gehe noch nicht. Ich muß mich noch ein wenig zanken mit dir. Ich bin eine dumme, dumme, dumme Frau, nicht wahr.«

In diesem Tone würde sie fortgeredet haben, aber Simon wehrte ihr ab, ganz sanft, wie es seine Art war. Er sagte, er wolle einen Spaziergang machen. Sie sah ihm nach, wie er davonging, aber er bekümmerte sich nicht im geringsten um ihren Blick. »Ich diene ihr, wenn sie mich zu einem Dienst braucht; selbstverständlich!« sagte er zu sich. »Ich würde wahrscheinlich mein Leben hinwerfen für sie, wenn es ihr diente zu ihrem Wohlsein, es zu fordern; sehr wahrscheinlich! Ja, es ist ziemlich sicher, daß ich das täte, gerade für so eine. Sie hat so etwas Derartiges. Mit einem Wort: sie beherrscht mich natürlich, aber was ist da weiter zu grübeln. Ich habe an andere Sachen zu denken. Zum Beispiel heute morgen bin ich glücklich, ich spüre meine Glieder wie feine, geschmeidige Drähte. Wenn ich meine Glieder spüre, bin ich glücklich, und da denke ich an keinen Menschen auf der Welt, weder an ein Weib, noch an einen Mann, einfach an nichts. Ach, ist das schön hier im Wald so am sonnigen Morgen. Ist das schön, frei zu sein. Mag jetzt eine Seele an mich denken, mag sie, oder mag sie nicht, jedenfalls denkt die meinige an gar nichts. Ein solcher Morgen weckt immer eine gewisse Brutalität in mir, aber das schadet nichts, im Gegenteil, ist die Grundlage zum selbstlosen Naturgenuß. Herrlich, herrlich. Wie das Gras in der Sonne blitzt. Wie der weiße Himmel um die Erde brennt. Es kann ja auch heute noch kommen, dieses Weichwerden. Wenn ich an jemand denke, dann tu ich es heftig. Aber köstlicher ist es, so wie ich jetzt bin. Lieblicher Morgen. Soll ich dir ein Lied singen. Ja, du bist selber ein Lied. Viel lieber möchte ich schreien und laufen wie der Teufel, oder Schüsse abknallen wie der dumme Teufel Agappaia.« --

Er warf sich auf die Matte nieder und träumte.

Viertes Kapitel.