Part 23
Unterschlagung, Diebstahl, Hochstapel und Landstreichertum hatten in der Schreibstube ihre Vertreter. Daneben gab es nur Unglückliche, Ungeschickte, die das Leben übertölpelte, und Fremde aus dem Ausland, die einfach brotlos dastanden, weil sie sich in ihren Hoffnungen betrogen sahen. Notorische Faulenzer und ewig Unzufriedene waren gewiß auch da. Jede Mischung von Selbstschuld und Pech war vorhanden, nicht minder die Frivolität, die sich ein Vergnügen daraus machte, so heruntergekommen zu sein. Simon konnte hier den Mann in seinen verschiedenen Charakteren kennen lernen, doch dachte er selber nicht so sehr ans Beobachten, weil er auch einer der anderen war, der eben auch ausfüllte und in dem Leben und Treiben der Schreibstube, in deren Sorgen, Mühen und kleinen Fragen und Vorkommnissen wie in einem Strom untersank. Als ein selber in die Sache Versunkener dachte er nicht so sehr an die Sache, als an das leibliche Bedürfnis, wie alle andern. Alle verdienten hier mit Schreiben, was sie auch sogleich wieder vertrinken und veressen mußten, wenn sie leben wollten. Der Verdienst floß in die Kehlen hinunter, von der Hand in den Mund. Simon kam dazu, sich außerdem noch einen Strohhut und ein Paar billige Schuhe zu kaufen. Aber wenn er an die Zimmermiete dachte, so mußte er sich gestehn, daß er nicht imstande sein würde, auch das Geld für diese noch flüssig zu machen. Jeweilen abends, wenn er fertig geschrieben hatte, war er müde und glücklich. Er ging dann, in Gesellschaft eines seiner Schreibgesellen, mit hocherhobenem Kopf durch die Straßen und lächelte mit Gedankenlosigkeit die vorübergehenden Menschen an. Er brauchte sich gar nicht einer schönen und stolzen Haltung zu befleißigen, es kam von selber, die Brust dehnte sich und reckte sich ihm wie ein gespannter Bogen, wenn er zur Schreibstubentür hinaus an die Luft trat. Über seine Glieder fühlte er sich auf einmal als geborner Herr und Meister und er achtete auf seine Schritte mit Bewußtheit. Die Hände hielt er jetzt nicht mehr in der Hosentasche, das würde ihm würdelos vorgekommen sein. Überhaupt schlenderte er sich nicht mehr, sondern spazierte mit gemessenem Bewußtsein, als übe er erst jetzt, in seinem einundzwanzigsten Lebensjahre, die Glieder an einem schönen, festen Gange. Man sollte ihm keinerlei Armut anmerken, aber man sollte spüren, daß er ein junger Mann sei, der eben von der Arbeit herkomme und nun sich einen Abendspaziergang gönne. An der emsigen, beweglichen Straßenwelt hing sein Auge mit Entzücken. Wenn eine Karosse mit einem Paar tanzender, zierlicher Pferde vorbeikam, so musterte er mit scharfem Blick nur den Gang der trabenden Tiere und verschmähte es, den Herrschaften im Wagen einen Blick zuzuwerfen, so, als hätte er nur Interesse für die Pferde, weil er ein Kenner sei. »Das ist angenehm,« dachte er, »und man muß lernen, seine Blicke zu beherrschen und sie dahin zu führen, wo es anständig und männlich ist, sie hinzulenken.« Viele Damen streifte er mit Seitenblicken und mußte innerlich lachen, zu bemerken, welchen Eindruck das machte. Und er träumte dabei, wie immer! Nur daß er jetzt auf die Zähne biß beim Träumen und sich keine träge, müde Haltung mehr gestattete: »Wenn ich auch einer der ärmsten Teufel bin, so fällt es mir doch nicht ein, mir das merken zu lassen, im Gegenteil, die Geldverlegenheit verpflichtet gewissermaßen zu einem stolzen Benehmen. Wäre ich reich, so dürfte ich mir vielleicht den Schlendrian noch erlauben. So aber nicht, weil der Mensch auf ein Gleichgewicht bedacht sein muß. Ich bin hundemüde: aber ich muß immer denken: andere haben auch Ursache, müde zu sein. Man lebt nicht für sich allein, sondern für alle. Man hat die Verpflichtung, eine musterhafte, stramme Erscheinung zu sein, so lange man beobachtet wird, so daß sich weniger Mutige ein Beispiel daran nehmen können. Man soll den Eindruck der sorglosen Festigkeit machen, wenn einem auch die Kniee dabei zittern und der Magen einem in die Kehle hinauf singt vor Leere. Solches kann einem heranwachsenden Manne Vergnügen machen! Die Glocke hat noch nicht zwölfe geschlagen, für keinen; denn jeder hat jedesmal, wenn er arm daniederliegt, die Aussicht, hoch zu kommen. Eine Ahnung sagt mir, daß eine freie, stolze Haltung schon allein das Lebensglück an sich zieht wie ein elektrischer Strom, und in der Tat, man fühlt sich gehobener und reicher, wenn man anständig einhergeht. Ist man in Begleitung eines andern schlecht gekleideten, armen Teufels, wie es hier der Fall ist, so hat man umsomehr Veranlassung, kopfhoch zu gehen, indem man damit gewissermaßen des anderen schlechte Frisur und Haltung sanft und energisch entschuldigt, vor Menschen, die darüber verwundert sind, zwei so ungleich sich betragende Gesellen miteinander innig verbunden, auf Du und Du, in der eleganten Straße spazieren zu sehen. So etwas bringt Achtung ein, wenn auch nur flüchtige. Reizend ist es ja, zu denken, daß man angenehm absticht von einem Begleiter, der das Zeug noch nicht so los hat oder nie los haben wird. Übrigens ist mein Geselle ein älterer, unglücklicher Mann, ehemaliger Korbflechtereibesitzer, heruntergekommen durch allerlei Mißgeschick und jetzt Schreiber im Taglohn, wie ich, nur daß ich nicht ganz wie ein Schreiber und Taglöhner aussehe, sondern eher wie ein toller Engländer, während mein Kamerad aussieht wie einer, der sich schmerzlich zurücksehnt nach einstigen besseren Tagen. Sein Gang und sein immerwährendes, liebes, rührendes Kopfnicken erzählen sein Unglück mit ganz schamloser Sprache. Er ist ein älterer Mann und will nicht mehr imponieren, nur noch sich ein bißchen aufrecht halten. Mir imponiert er; denn ich kenne seinen Schmerz und weiß, welche drückende Last er mit sich trägt. Ich bin stolz darauf, mit ihm so durch ein schönes Straßenviertel zu gehen und drücke mich ganz unverschämt nahe an ihn an, um meine ungenierte Vorliebe für seinen geringen Anzug zu demonstrieren. Ich erhalte viele erstaunte Blicke, manches wundervolle Auge sieht mich seltsam fragend an, das muß mir Spaß machen, der und jener soll's holen! Ich spreche laut und mit Nachdruck. Der Abend ist so schön geeignet zum Sprechen. Ich habe gearbeitet den Tag über. Etwas Herrliches ist es, den Tag über gearbeitet zu haben und dann am Abend so schön müde und ausgesöhnt mit allem zu sein. So gar keine Sorgen, kaum einen Gedanken zu haben. So leichtfertig spazieren zu dürfen, mit dem Gefühl, keinem Menschen weh getan zu haben. Sich umzusehen, ob man vielleicht jemandem gefalle. Zu fühlen, daß man jetzt ein bißchen liebenswerter und achtenswerter sei, als früher, da man ein Tagedieb war, dessen Tage wie in einen Abgrund dahinsanken und verrauchten wie Rauch vertrieben wird. Viel zu fühlen, viel, an so einem geschenkten Abend! Den Abend wie ein Geschenk zu empfinden, denn das ist er denen, die den Tag für die Arbeit hergeben. So schenkt man und wird beschenkt.« --
* * * * *
Simon machte immer mehr die Beobachtung, daß die Schreibstube eine kleine Welt für sich war, in der großen. Neid und Streberei, Haß und Liebe, Übervorteilung und Ehrlichkeit, heftiges und bescheidenes Wesen machten sich hier im Kleinen, um ganz lumpiger Vorteile willen, ebensogut und scharf bemerkbar, wie überall, wo es dem Kampf um das tägliche Auskommen galt. Jede Empfindung und jeder Drang konnte hier seine Betätigung finden, wenn auch in geringfügigem Maßstab. Glänzende Kenntnisse nützten allerdings in der Schreibstube nicht viel. Ein Träger von solchen konnte sie hier höchstens improvisatorisch zum besten geben, es half ihm zum Ansehen, aber es half ihm nicht dazu, sich dafür einen besseren Anzug anschaffen zu können. Es gab etliche unter den Schreibstubenburschen, die drei Sprachen perfekt sprachen und schrieben. Diese wurden zum Übersetzen verwendet, aber sie verdienten damit nicht mehr als die plumpen Adressenschreiber und die Abschreiber von Manuskripten; denn die Schreibstube ließ keinen einzigen hochkommen, sonst würde sie ja ihre Zwecke und ihren ganzen Sinn verfehlt haben. Bestand sie doch immer nur, um Stellenlosen ein kümmerliches Leben zu gestatten, und nicht deshalb, um hohe, unverschämte Löhne auszubezahlen. Wenn einer überhaupt des Morgens um acht Uhr nur Arbeit fand, so mußte er froh sein. Oft kam es vor, daß der Verwalter zu einer Gruppe von Wartenden die Worte sprach: »Tut mir sehr leid. Heute leider nichts da. Kommen Sie um zehn Uhr wieder. Möglich, daß dann Aufträge eingelaufen sind!« und um zehn Uhr: »Es ist besser, Sie fragen morgen früh wieder nach. Heute wird wohl kaum noch etwas einlaufen!« Diese Abgewiesenen, unter denen sich auch Simon mehr als einmal befand, gingen dann langsam, Mann für Mann, trübselig die Treppe hinunter, wieder auf die Straße, wo sie einstweilen, als ob sie sich erst besinnen müßten, in einer runden, hübschen Gruppe stehen blieben und sich dann, einer nach dem andern, in alle Richtungen zerstreuten. Es war kein Vergnügen, ohne Geld in den Straßen der Stadt zu bummeln, jeder wußte das, und ein jeder dachte: »Wie wird das erst im Winter werden?«
Manchmal kamen ganz fein gekleidete Leute von eleganten Manieren in die Schreibstube, um nach Arbeit zu fragen. Denen pflegte der Verwalter zu sagen: »Wie es mir den Anschein macht, passen Sie besser in das Getriebe des Weltlebens als in die Schreibstube. Hier muß einer den ganzen Tag still sitzen, den Rücken krümmen und fleißig arbeiten, wenn er eine Kleinigkeit verdienen will. Ich spreche so offen zu Ihnen, weil ich die Empfindung habe, daß Ihnen das doch nicht passen würde. Und dann machen Sie mir auch nicht den Eindruck der trübseligen, notdürftigen Armut. Ich aber bin verpflichtet, zu allererst die Armen zu beschäftigen, das heißt solche, an denen man die Kleider womöglich in Fetzen herunterhängen sieht als Beweis ihrer Verkommenheit. Sie dagegen sehen mir zu stattlich aus, so daß es eine Sünde wäre, Ihnen hier Arbeit geben zu wollen. Mischen Sie sich unter die feine Welt, rate ich Ihnen. Es scheint, daß Sie die Düsterkeit der Schreibstuben verkennen, wenn Sie mit so munterem Gesicht hierherkommen, um nach Arbeit zu fragen, als wollten Sie auf den Tanzboden gehen. Hier pflegt man linkische, trotzige Verbeugungen zu machen, meistens aber gar keine, Sie aber verbeugten sich vorhin vor mir wie ein vollendeter Weltmann. Das geht nicht, ich kann Sie nicht gebrauchen, ich habe weder eine Arbeit, die Ihnen genügen könnte, noch eine Welt, in die Sie hineinpassen, für Sie. Sie werden als Verkäufer oder als Hotelsekretär jede Stunde Anstellung finden, wenn Sie es nicht nur darauf abgesehen haben, in dieser Stadt nach Abenteuern zu suchen, wie es mir beinahe den Anschein hat. Hier erlebt ein junger Mann nur Entmutigung, aber sonst weiter kein Abenteuer. Wer hierherkommt, der weiß, warum er gekommen ist. Sie scheinen es sicherlich nicht gewußt zu haben. Ihre ganze Erscheinung ist beleidigend für meine Arbeiter, das müssen Sie zugeben, wenn Sie nur einen Blick in die Stube werfen. Sehen Sie mich an: ich habe auch die Welt gesehen, kenne alle Großstädte der Welt, ich würde auch nicht hier sitzen, wenn ich nicht müßte. Wer hierher kommt, hat schon Unglück und mannigfaches Mißgeschick erlitten. Hierher kommen die Taugenichtse, Bettler, Schelme und Schiffbrüchigen: mit einem Wort, die Unglücklichen. Nun frage ich Sie: sind Sie ein solcher? Nein, und deshalb verlassen Sie jetzt, bitte, dieses Lokal, das keine Luft enthält, die Sie imstande wären, auf die Länge einzuatmen. Ich kenne die Figuren, die hierher gehören! Und zur Genüge! Leben Sie wohl!«
Und mit einer Handbewegung pflegte er solche für die Schreibstube nicht passende Menschen lächelnd zu entlassen. Der Verwalter besaß Schliff und Bildung, und er zeigte beides gelegentlich gerne vor solchen hereingeschneiten und hergewehten Besuchern, die mehr der Neugierde, als der Not wegen hierherkamen.
An der Schreibstube vorüber floß ein stiller, grüner, tiefer und alter Kanal, ehemaliger Festungsgraben und Bindemittel zwischen dem See und dem fließenden Fluß, dem man das Seewasser auf solche Weise auf die Reise in die fernen Meere mitgab. Es war überhaupt die stillste Stadtgegend, die etwas Zurückgezogenes und Dörfliches an sich hatte. Wenn nun die Abgewiesenen die Treppe hinuntertrampelten, so setzten sie sich gerne noch eine Weile auf das Geländer am Bord dieses Kanals, was dann aussah, als wenn eine Reihe von großen, seltsamen, ausländischen Vögeln darauf säße. Etwas Philosophisches hatte das, und in der Tat, manch einer schaute hinab in die grüne, tote Wasserwelt und grübelte ebenso vergeblich über die Unerbittlichkeit des Schicksals nach, wie ein Philosoph in seinem Studierzimmer zu tun pflegt. Der Kanal hatte etwas, das zum Träumen und Nachsinnen aufforderte, und dazu hatten die Stellenlosen reichlich Gelegenheit.
Die Schreibstube war zugleich ein Arbeitsmarkt für Kaufleute. Es kam zum Beispiel ein Herr oder eine Dame in die Stube, trat zu dem Verwalter ins Kabinett und wünschte auf einen oder auf ein paar Tage einen Mann, das heißt, eine Kraft zur Aushilfe ins Haus hinein. Dann kam der Verwalter in die Türeinrahmung, musterte seine Gesellen, und rief nach einiger Überlegung einen Mann beim Namen: dieser hatte dann eine kleine, acht-, ein-, zwei- oder vierzehntägige Anstellung gefunden. Das war immer ein neiderweckendes Ereignis, wenn einer beim Namen aufgerufen wurde, denn auswärts arbeitete ein jeder gern, weil der Verdienst größer und die Arbeit kurzweiliger war. Außerdem bekam solch ein Mann bei gutherzigen Leuten vormittags und nachmittags einen schönen Imbiß zum Frühstück und zur Vesper, was unter keinen Umständen zu verachten war. Da bestand nun immer ein Streben nach solchen Stellen und ein Liebäugeln mit dem Aufgerufenwerden. Viele glaubten sich stets ungerechterweise zurückgesetzt, und andere glaubten wieder, dem Verwalter und seinem Unterbeamten recht hofieren und schmeicheln zu sollen, um das Ersehnte zu erlangen. Es war ungefähr dasselbe, wie wenn ein Rudel abgerichteter Hunde nach einer an einem Bindfaden immer wieder hochgezogenen Wurst springt, wo auch einer immer glaubt, der andere hätte nicht das Recht, nach der Wurst zu schnappen, ohne indessen Gründe dafür angeben zu können. So knurrte auch hier einer den andern um des erschnappten Vorteiles willen an, ganz wie in der großen Handels-, Gelehrten-, Künstler- und Diplomatenwelt, wo es auch nicht viel anders, nur etwas geriebener, hochfahrender und kultivierter zugeht.
Simon arbeitete auch einige Male auswärts, wie es in der abgekürzten Schreibstubensprache hieß, aber er hatte kein Glück damit. Das eine Mal wurde er von seinem Prinzipal, einem pfiffigen und ziemlich brutalen Liegenschafts- und Rechtsagenten, der sich beinahe als der liebe Gott selber vorkam, zum Teufel gejagt, weil er in einer Zeitung las, statt mit der Feder zu arbeiten, und das andere Mal warf er selber seinem Chef, einem Frucht- und Gemüsehändler _en gros_ die Feder vor die Nase und sagte ihm nur die Worte: »Machen Sie's selber!« Die Frau des Fruchthändlers wollte Simon allerhand Vorschriften machen; da brach er einfach ab; denn, nach seinem Gefühl, wollte ihn das Weib nur verletzen und demütigen, was er aber schließlich doch nicht nötig hatte sich bieten zu lassen; so empfand er wenigstens.
Siebzehntes Kapitel.
So vergingen einige Wochen in dem wundervollen Sommer. Simon hatte den Sommer noch nie so sehr als Wunder empfunden, wie dieses Jahr, wo er vielfach auf der Straße arbeitsuchend lebte. Es kam nichts dabei heraus, trotz den Bemühungen, aber es war wenigstens schön. Wenn er abends durch die modernen, blätterzitternden, schattenhaften, lichterzuckenden Straßen lief, war er immer daran, Menschen ohne weiteres mit törichten Worten anzusprechen, nur um zu erfahren, wie es ihm dabei erginge. Aber die Menschen zeigten alle nur ein verblüfftes Gesicht, weiter sagten sie nichts. Warum sprachen sie den Gehenden und Herumstehenden nicht an, forderten ihn nicht auf, mit dunkler Stimme, mitzukommen, in ein seltsames Haus hineinzutreten, und dort etwas zu tun, was nur müßige Menschen tun, Menschen, die keinen weiteren Lebenszweck im Sinne haben, so wie er, als den Tag vorübergehen und es Abend werden zu sehen, um am Abend Wunderdinge voll Taten zu erwarten? »Ich wäre zu jeder Tat bereit, wenn es nur eine kühne Tat wäre, die eines Unerschrockenen bedürfte,« sagte er zu sich. Stundenlang saß er auf einer Bank und hörte der Musik zu, die aus irgend einem vornehmen Hotelgarten herausrauschte, als ob die Nacht zu leisen Tönen sich umgewandelt hätte. Die nächtlichen Weibsbilder gingen an dem Einsamen vorüber, aber sie brauchten ihn nur schärfer zu beobachten, um sogleich zu wissen, wie es mit des jungen Mannes Kasse stand. »Wenn ich nur einen einzigen Menschen wüßte, den ich um eine Geldsumme angehen könnte,« dachte er. »Meinen Bruder Klaus? Das wäre nicht ehrenhaft; denn ich bekäme das Geld, aber zugleich einen leisen, traurigen Verweis. Es gibt Menschen, die man nicht anbetteln kann, weil sie zu schön denken. Wenn ich nur einen wüßte, an dessen Achtung mir nicht gar so sehr viel läge. Nein, ich kenne keinen. Es liegt mir an der Achtung aller. Ich muß warten. Eigentlich braucht man ja im Sommer nicht viel, aber es wird Winter! Ich habe ein wenig Furcht vor dem Winter. Ich zweifle nicht daran, daß es mir im kommenden Winter schlecht gehen wird. Nun, dann laufe ich im Schnee herum, wenn auch mit nackten Füßen. Was kann daran liegen. Ich laufe solange, bis mir die Füße brennen. Im Sommer ist das Ruhen so schön, das Liegen auf einer Bank unter den Bäumen. Der ganze Sommer ist wie eine erwärmte, duftende Stube. Der Winter ist ein Fensteraufreißen, der Wind und der Sturm blasen und sausen hinein, das macht einen dann sich bewegen. Da wird mir das Faulenzen vergehen. Es soll mir recht sein, was auch immer kommen mag! Wie der Sommer mir lang vorkommt. Erst einige Wochen lebe ich jetzt doch im Sommer, und schon so lang scheint er mir. Ich glaube, die Zeit schläft und dehnt sich im Schlafe aus, wenn man immer denken muß, was machen, um einen Tag lang mit seinem bißchen Geld auszukommen. Auch glaube ich, die Zeit schläft und träumt im Sommer. Die Blätter an den hohen Bäumen werden immer größer, in der Nacht lispeln sie, und am Tage schlafen sie unter dem heißen Sonnenschein. Ich zum Beispiel, was tue ich? Ich liege ganze Tage, wenn ich keine Arbeit habe, bei geschlossenen Läden im Bett, in meinem Zimmer, und lese beim Schein einer Kerze. Kerzen riechen so entzückend, und wenn man sie ausbläst, fließt ein feiner, feuchter Rauch durch das dunkle Zimmer, und es ist einem dann so ruhig zumute, so neu, wie einem Auferstandenen. Wie komme ich dazu, meine Miete zu bezahlen? Morgen müßte ich es tun. Die Nächte sind so lang im Sommer, weil man den Tag verbummelt und verschläft, und, sobald es Nacht wird, aus allerlei Sumsum und Wirrwarr aufwacht und zu leben anfängt. Es würde mir jetzt wie eine Sünde vorkommen, wenn ich nur eine einzige Sommernacht verschliefe. Überdies ist es zu schwül zum Schlafen. Im Sommer sind die Hände feucht und blaß, als spürten sie die Kostbarkeit der duftenden Welt, im Winter sind sie rot und dick, als wären sie über die Kälte zornig. Ja, es ist so. Der Winter macht einen zornig umherstampfen, im Sommer wüßte man nicht, worüber man zornig sein sollte, als vielleicht über den Umstand, daß man seine Miete nicht zu bezahlen imstande ist. Aber das hat mit dem schönen Sommer nichts zu tun. Ich bin auch nicht mehr zornig, ich glaube, ich habe das Talent verloren, mich zu erzürnen. Es ist Nacht, und der Zorn, das ist etwas so Taghelles, Rotes, Feuriges, wie nur irgend etwas sein kann. Morgen werde ich mit meiner Wirtin reden.« --
Am nächsten Morgen schob er seinen Kopf in die Türe des Zimmers, wo seine Wirtin wohnte und fragte sie in absichtlich scharfer Betonung, ob er ein Wort mit ihr reden dürfe, ob sie dazu Zeit habe.
»Freilich! Was es denn sei?«
Simon sprach: »Ich kann Ihnen den Mietzins für diesen Monat nicht bezahlen. Ich versuche gar nicht, Ihnen begreiflich machen zu wollen, wie peinlich mir das ist. Das kann ein jeder sagen in einem derartigen Fall. Dagegen setze ich voraus, daß Sie mir das Bestreben zutrauen, Mittel und Wege zu ersinnen, um zu einer ansehnlichen Summe Geldes zu gelangen, damit ich meine Schuld so bald wie möglich tilgen kann. Ich wüßte Menschen, von denen ich Geld bekäme, wenn ich nur wollte, aber mein Stolz verbietet mir, von Menschen, die ich mir verbunden wissen will, Geld auf Darlehn anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen an, sehr gerne sogar; denn Frauen gegenüber habe ich ganz besondere, nach einer anderen Ehre abzumessende Empfindungen. Wollen Sie mir, Sie, Frau Weiß meine ich, das Geld vorstrecken, erstens das Geld für die Miete, und dann noch eine kleine Zugabe zum Weiterexistieren? -- Haben Sie nun das Gefühl, daß ich Ihnen unverschämt komme? Sie schütteln den Kopf. Ich glaube, daß Sie Zutrauen zu mir haben. Sie sehen, wie ich bei einer solchen Zumutung erröte, Sie erblicken mich nicht ohne Verlegenheit in diesem Moment. Aber ich pflege etwas rasch Entschlüsse zu fassen und sie prompt auszuführen, müßten sich mir dabei auch die Lungen zusammenschnüren. Von einer Frau nehme ich gern auf Vorschuß an, weil ich einer Frau gegenüber keiner Betrügereien fähig bin. Männer kann ich, wenn es die Lage erfordert, belügen, ohne Erbarmen, glauben Sie mir das. Frauen niemals. Wollen Sie mir wirklich so viel Zuschuß geben? Damit lebe ich einen halben Monat lang. Bis dahin wird sich Vieles verbessern in meiner jetzigen Lage. Ich danke Ihnen noch gar nicht einmal. Sehen Sie, so einer bin ich. Ich habe noch selten einmal im Leben einem Menschen die Gefühle meiner Dankbarkeit ausgedrückt. Ich bin Stümper im Danken. Nun, ich muß da allerdings sagen, Wohltaten habe ich auch, wo nur möglich, immer verschmäht. Eine Wohltat! Ich empfinde es wahrhaftig in diesem Moment, was eine Wohltat ist. Ich sollte eigentlich das Geld nicht annehmen.«
»Sie sind einer, Sie!«
»Nun, ich behalte es auch. Besorgen Sie nur nicht, daß es Ihnen nicht zurückgegeben wird. Ich bin vorläufig ganz glücklich durch das Geld. Geld ist doch eine Sache, die nur Strohköpfe verachten können.«
»Wollen Sie schon wieder gehen?«
Simon war bereits wieder zur Türe hinausgegangen und hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen. Es war ihm unangenehm, oder er tat so, als ob es ihm unangenehm wäre, weiter über diesen Gegenstand zu reden. Übrigens hatte er ja erreicht, was er wollte, und er liebte es nicht, sich lange zu entschuldigen, oder Versprechungen zu geben, wenn er jemand um einen Dienst gebeten hatte, der ihm erwiesen wurde. Er würde, falls er einmal der Geber wäre, auch keine Exküsen und Beteuerungen verlangen; fiele ihm niemals ein. Entweder habe man Vertrauen und Sympathie und gebe, oder man drehe dem Bittenden einfach kalt den Rücken, weil er einem widerlich sei. »Ich bin ihr keineswegs widerlich gewesen, denn ich habe bemerkt, daß sie mir mit einer Art schneller Freude das Geld gegeben hat. Es kommt alles auf das Benehmen an, wenn man seine Zwecke erreichen will. Es machte dieser Frau Vergnügen, mich ihr zu verpflichten, weil ich wahrscheinlich in ihren Augen ein passabler Mensch bin. Unangenehmen Menschen will man nichts geben, weil man sie sich nicht gern verbindet; denn eine Verpflichtung, wie das Abbezahlen einer Schuld ist, verbindet, bringt in Berührung, nähert, traut sich heran, muß nahe sein und ist beständig nahe. Wie wenig beneidenswert ist es, widerliche Schuldner zu haben. Solche Menschen sitzen förmlich auf dem Nacken der Gläubiger, man möchte ihnen die Schuld erlassen, nur um sie von sich abzuschütteln. Es ist ganz reizend, zu sehen, wie unbedenklich und behende einem gegeben wird; denn das ist das beste Zeugnis dafür, daß man noch Menschen um sich hat, denen man angenehm ist.« --