Geschwister Tanner

Part 18

Chapter 182,381 wordsPublic domain

Lieber Kaspar. Ich bin wieder in der dir bekannten Stadt und sitze an einem schönen, dunkelgefärbten Schreibtisch in einem hellerleuchteten Zimmer, während unten in der Straße, in der Sommernacht, unter den Bäumen voll herunterhängender Blätter die Menschen lustwandeln. Ich kann leider nicht mitpromenieren, denn ich bin an ein Haus gefesselt, nicht gerade mit Händen und Füßen, aber mit dem Pflichtbewußtsein, das ich nach und nach ausbilde, und das auch schließlich einmal da sein will. Ich bin der Diener einer Frau geworden, die einen kranken, kleinen Knaben hat, den ich pflegen muß, nicht viel anders, als wie eine Mutter ihren Sohn pflegt, denn seine Mutter, meine Herrin, wacht über jeder meiner Bewegungen, als wäre ihr Auge der Leiter meines Tuns und als flöße sie mir ihre eigene Sorgfalt ein, wenn ich mit dem Knaben beschäftigt bin. Sie sitzt jetzt, während ich an dich schreibe, neben mir, in einem Sessel, denn es ist ihr eigenes Kabinett, in dem ich sitze durch ihre Erlaubnis. Die Dinge liegen jetzt so, daß ich jedesmal, wenn mich eine persönliche Sache hinaustreibt, zuerst fragen muß, darf ich ausgehen?, wie ein Lehrjunge, der seinen Meister fragen muß. Immerhin, es ist doch wenigstens eine Dame, die ich um so etwas bitten muß, und das versüßt ein wenig die Sache. Unter Dienen versteht man das Aufpassen auf Befehle, die Vorausahnung der Wünsche, die fertige Fixheit und fixe Fertigkeit im Tafeldecken und Teppichabbürsten, mußt du wissen, wenn du es noch nicht weißt. Ich habe bereits eine gewisse Vollkommenheit darin erlangt, meiner Frau, die ich schlechthin meine Frau heiße, die Schuhe zu putzen. Es ist nur ein kleines, geringes Geschäft, und doch verlangt es auch Streben nach Vollendung, wie das Größte. Mit dem kleinen, jungen Herrn werde ich, wenn es schönes Wetter ist, in Zukunft spazieren gehen müssen. Dazu ist ein braunes Wägelchen da, in dem ich den Knaben ausfahren kann, worauf ich mich, wenn ich recht nachdenke, eigentlich wenig freue, da es langweilig sein wird. Du lieber Gott, ich werde es tun müssen. Meine Herrin gehört zu der Sorte von Weibern, an denen das Hervorstechende und Markante das Bürgerliche ist. Sie ist durch und durch Hausfrau, aber in so strengem und schlichtem Sinn, daß man sagen kann: es ist vornehm. Zu zürnen versteht sie meisterlich und ich wiederum bin Meister darin, ihr dazu Anlaß zu geben. Zum Beispiel heute zerschlug sie einen reichen Porzellannapf aus Gedankenlosigkeit und ward böse auf mich, daß ich es nicht war, der ihn zerschlug. Sie zürnte mich an, weil ich der unangenehme Zeuge ihrer Ungeschicktheit war und sie machte ein Gesicht, wie es die Fliegenden Blätter öfters in ihren Darstellungen bringen. Ein reines Fliegende-Blätter-Gesicht. Ich habe die Scherben recht zärtlich-langsam aufgehoben, um die Frau zu ärgern, denn ich muß sagen, ich ärgere sie gern. Sie ist reizend im Ärger. Schön ist sie nicht, aber solche strenge Frauen atmen, wenn sie in lebhafte Bewegung kommen, einen tiefen Zauber aus. Die ganze sittsame Vergangenheit solcher Frauen zittert in ihren Erregungen, die deshalb köstlich anzuschauen sind, weil sie aus so zarten Ursachen entflammen. Für mich ist das nun einmal so, ich muß solche Weiber lieb haben, denn ich bewundere und bemitleide sie zu gleicher Zeit. Hochmütig können solche Frauen sein in Sprache und Gebaren, daß die Wangen beinahe platzen und sich der Mund zu schmerzendstem Hohn zuspitzt. Ich liebe solchen Hohn, denn er macht mich zittern, und ich bin gern voll Scham und Wut: das treibt zu Höherem, das reizt zu Taten. Aber meine Frau da, die höhnische, ist doch nur ein gutes, sanftes Weib, ich weiß es, und das ist die Schurkerei an der Sache: daß ich es weiß. Wenn ich ihr, auf ihren befehlenden Ton hin, gehorche, so muß ich dabei lachen, denn ich bemerke, es freut sie, zu sehen, wie gern und schnell ich gehorche. Wenn ich sie nun um etwas bitte, so schnauzt sie mich an und gewährt doch gütig, vielleicht mit ein wenig Ärger darüber, daß ich in solch einer Art und Weise bitte, der man gewähren muß. Ich tu ihr immer ein bißchen weh, und denke: ganz recht! Tu das! Tu ihr immer ein bißchen weh. Das ist amüsant für sie. Das will sie. Das erwartet sie nicht anders! Frauen sind so leicht erkennbar, und doch haben sie so viel Unerkennbares. Nicht wahr, das ist seltsam, lieber Bruder! Sie sind jedenfalls das Belehrendste, was es auf der Welt für einen Mann gibt. -- Wenn die wüßte, die neben mir sitzt, was ich schreibe! Einer meiner brennendsten Wünsche ist, so bald wie möglich von ihr eine Ohrfeige zu erhalten, aber ich muß leider zu meinem Schmerz daran zweifeln, daß sie dazu imstande ist. Eine klatschende Ohrfeige ins Gesicht: ich möchte alle Küsse, die ich noch erwarten darf, dafür weggeben. Dieses mit der Ohrfeige ist nun eigentlich eine abscheuliche, aber dafür eine echt bourgeoise Empfindung: sie lenkt in die Kindheit zurück, und wann hätte man nicht öfters Sehnsucht nach dem Weit-zurückliegenden? Meine Frau hat so etwas Zurückliegendes, etwas, bei dessen Anschauen man weit, weit zurückdenkt, an eine vielleicht noch frühere Zeit als die Kindheit ist. Ich werde ihr wahrscheinlich einmal die Hand küssen und dann wird sie mich zum Kuckuck jagen, zum Tempel hinaus, wie man sagt. Mag ich's und mag sie's dann. Was wird daran liegen. -- O ich verteufle hier, kann ich dir nur sagen, ich merke es schon jetzt. Mein Geist gibt sich mit Serviettenfalten und Messerputzen ab und das Schiefe ist, es gefällt mir. Kannst du dir eine größere Versimplung denken! Wie geht es dir? Ich war drei Monate lang auf dem Land, aber es ist mir, als sei diese Zeit schon weit hinter mir zurück. Ich habe alle Aussicht, ein Mensch zu werden, der sich völlig dem Tag hingibt, ohne seiner Verwandtschaft mit schwebenderen Dingen mehr zu gedenken. Manchmal bin ich sogar zu faul, an dich zu denken, und das scheint mir schon eine große Trägheit zu sein. Klara hoffe ich bald einmal wieder zu sehen. Vielleicht hast du sie bereits vergessen, und dann habe ich nicht an diesen Gegenstand zu rühren. Ich tue es auch nicht. Adieu, mein Bruder.

»An wen haben Sie geschrieben,« fragte die Frau, ermüdet vom Zeitungslesen, als sie sah, daß Simon den Brief beendet hatte.

»An einen Freund von mir, der jetzt in Paris lebt.«

»Was ist er?«

»Er war zuerst Buchbinder, da er aber mit diesem Beruf nicht reüssierte, ist er Restaurationskellner geworden. Ich liebe ihn sehr, er ist mit mir in die Schule gegangen, und dort habe ich mich ihm angeschlossen, weil er unglücklich war schon als Knabe. Ich habe eines Tages gesehen, wie er von seinen Klassengenossen verhöhnt, und dann eine steinerne Treppe hinuntergeworfen wurde, wobei ich gerade in seine schönen, erschreckten, gramvollen Augen sehen mußte. Seit diesem Tage bin ich sein innigster Freund geworden, und wenn das Mitleid wirklich bindet, so muß ich mich ihm verbunden fühlen, auch ohne darüber nachzudenken, für immer! Er ist ein Jahr älter als ich, aber mir um Jahre vorgeschritten in Sitte und Lebensart, denn er hat immer in Weltstädten gelebt, wo der Mensch schneller reif wird. Früher hat er viel von der Malerei geschwärmt, hat oft auch, während der Ausübung seines Buchbindergewerbes, versucht, Bilder zu malen, ist aber damit zu seinem Schmerz nicht vorwärtsgekommen, und hat mir eines Tages schamhaft zugestanden, daß er sich entschlossen habe, sich ganz in den Strudel der Welt zu werfen, die Kunst, seine Träumerei, zu vergessen, und ist Kellner geworden. Welch ein Absturz, und zugleich: welch ein bewundernswerter Aufschwung! Ich habe ihm gesagt, daß ich ihn dafür liebe und bewundere, um ihn zu trösten, wenn er in stillen, einsamen Stunden sich dem Weh der Erinnerung verfallen sehen mußte. Das ist klar, daß er oft Sehnsucht nach jenem Besseren empfinden muß, während um ihn das Leben lärmt. Aber sehen Sie, gnädige Frau, dieser Mensch ist stolz und gut. Zu stolz, um einem verpaßten Leben nachzutrauern, und zu gut, um es ganz beiseite lassen zu können. Ich kenne jede seiner Empfindungen. Einmal hat er mir geschrieben, er sterbe wohl bald vor Öde und Langeweile. Das war seine Seele. Und ein anderes Mal schrieb er mir: »Die dumme Träumerei! Das Leben ist das Süße. Ich trinke Absinth und bin selig!« Das war sein Mannesstolz. Sie müssen wissen: Die Frauen schwärmen für ihn, denn er hat etwas Herzenherausforderndes an sich und wieder etwas Eisig-Kaltes. Seine ganze Erscheinung, trotz des Kellnerfrackes, atmet Liebe und Takt.«

»Wie heißt er, dieser verunglückte Mensch,« fragte die Frau.

»Kaspar Tanner.«

»Wie? Tanner? So heißen ja Sie auch. Er ist also Ihr Bruder und Sie sagten vorhin, er sei Ihr Freund.«

»Freilich, mein Bruder, aber viel mehr mein Freund! Solch einen Bruder muß man Freund nennen, wenn man die richtige Bezeichnung haben will. Wir sind nur zufällig Brüder, aber Freunde sind wir mit Bewußtsein, und das ist viel wertvoller. Was ist Bruderliebe? Als wir noch Brüder waren, packten wir uns eines Tages am Halse, beidseitig, und wollten uns den Garaus machen. Hübsche Liebe! Unter Brüdern ist der Neid und der Haß nichts Außerordentliches. Wenn Freunde sich hassen, gehen sie auseinander, wenn Brüder sich hassen, denen das Geschick das Zusammenleben unter einem Dache vorschreibt, geht es nicht so gelinde zu. Aber das ist eine alte und unschöne Geschichte.«

»Warum schließen Sie Ihren Brief nicht zu?«

»Ich möchte Sie bitten, von dem, was ich geschrieben habe, Kenntnis zu nehmen.«

Die Frau lächelte:

»Nein, das tu ich nicht.«

»Ich habe unziemlich von Ihnen gesprochen in dem Brief.«

»Es wird nicht so schlimm sein,« bemerkte sie und stand auf: »Gehen Sie zu Bett.«

Simon tat, was sie befahl, und dachte, indem er hinausging:

»Ich werde immer frecher. Bald jagt sie mich noch zum Haus hinaus!« --

Dreizehntes Kapitel.

Nach Verlauf von drei Wochen befand sich Simon, frei aller Verpflichtungen, in einer engen, steilen, heißen Gasse und überlegte, ob er in ein Haus treten solle, oder nicht. Die Mittagssonne brannte hinunter und preßte alle üblen Dünste aus den Mauern heraus. Kein Lüftchen wehte. Wo hätte ein Lüftchen in diese Gasse eindringen können. Draußen in den modernen Straßen mochte es wehen, aber hier schien schon seit Jahrhunderten kein Windzug mehr getrieben und gefegt zu haben. Simon hatte eine kleine Summe Geld in der Tasche. Sollte er in die Eisenbahn steigen und in die Berge reisen? Es reiste jetzt alles in die Berge. Seltsame, fremde Menschen, Männer und Frauen, zogen einzeln, paar- oder gruppenweise durch die weißen, hellen Straßen. Von den Hüten der Damen flatterten lustige Schleier herab und die Männer gingen in Kniehosen, und gelben Sommerschuhen. Sollte sich nicht Simon dazu entschließen, diesen Fremden in die Berge nachzureisen? Kühl wäre es sicher dort oben, und in einem hochgelegenen Hotel würde er sicher Arbeit finden. Er konnte ja den Führer spielen, stark war er genug dazu, und auch klug genug, um bei Gelegenheit sagen zu können: »Sehen Sie, meine Damen und Herren, diesen Wasserfall, oder diesen Bergsturz, oder dieses Dorf, oder diese Felswand, oder diesen blauen, schimmernden Fluß.« Er würde das Zeugs dazu haben, um den reisenden Herrschaften mit Worten eine Landschaft zu schildern. Auch könnte er ja, wenn der Fall einträte, eine ermüdete und ängstliche Engländerin in seinen Armen tragen, wenn es gälte, einen Paß von drei Schuh Breite zu überschreiten. Lust dazu hätte er ja. Überhaupt, die Amerikanerinnen und die Engländerinnen: er würde englisch sprechen lernen, und das war nach seinen Begriffen eine süße Sprache, die so gelispelt und gehaucht klang, so schroff und weich zugleich.

Aber er ging nicht in die Berge, sondern in das alte, hohe, dicke, finstere Haus in der Gasse, klopfte an eine Türe, und fragte eine Frau, die herauskam, um zu sehen, wer klopfe, ob hier ein Zimmer zu vergeben sei.

»Ja, es sei eines.«

»Ob er es wohl ansehen könne, und ob es wohl ein Zimmer sei, nicht zu groß, nicht zu teuer, für einen ärmeren Menschen?«

Nachdem sie ihm das Zimmer gezeigt hatte, fragte die Frau:

»Was sind Sie?«

»O, ich bin nichts. Stellenlos bin ich. Aber ich werde mir eine Stelle suchen. Seien sie unbesorgt. Ich bezahle Ihnen diese Summe hier zum voraus, damit Sie einigermaßen ruhig sein können. Hier, bitte!«

Und er gab ihr ein größeres Geldstück als Vorausbezahlung in die Hand. Es war eine fette Frauenhand, und die Frau, die zufrieden war, sagte:

»Leider ist das Zimmer nicht sonnig, es geht auf die Gasse.«

»Das ist mir sehr lieb,« erwiderte Simon, »ich liebe den Schatten. Ich würde jetzt die Sonne im Zimmer nur hassen, bei dieser warmen Jahreszeit. Das Zimmer ist sehr hübsch, und ich muß sagen, sehr billig. Es ist für mich wie geschaffen. Das Bett scheint gut zu sein. O ja. Bitte. Untersuchen wir es nicht erst lange. Hier ist auch ein Kleiderschrank, der mehr Kleider fassen könnte, als ich besitze, und hier bemerke ich zu meinem freudigen Erstaunen einen Lehnsessel zum bequemen Sitzen. In der Tat, wenn das Zimmer solch einen Sessel aufweist, so ist es in meinen Augen überreich ausgestattet. Dort hängt sogar ein Bild an der Wand: ich liebe das, wenn nur ein einziges Bild im Zimmer hängt, man kann es um so inniger betrachten. Einen Spiegel sehe ich auch, um mein Gesicht darin zu betrachten. Es ist ein gutes Glas und gibt die Züge deutlich wieder. Es gibt viele Spiegelgläser, die die Züge verzerrt wiedergeben, wenn man hineinschaut. Dieser Spiegel ist ganz vortrefflich. Hier an diesem Tisch werde ich meine Offertschreiben abfassen, die ich an verschiedene Geschäftshäuser absenden will, um eine Anstellung zu erlangen. Ich hoffe, es wird mir glücken. Ich sehe gar nicht ein, warum es mir nicht glücken sollte, da es mir schon so oft geglückt ist. Sie müssen wissen, ich habe öfters die Stellen gewechselt. Das ist ein Fehler, den ich hoffe beiseite legen zu können. Sie lächeln! Ja, das ist aber sehr ernst. Mit dem Zimmer haben Sie mir sozusagen eine Gnade erwiesen, denn es ist ein Zimmer, worin sich ein Mensch, wie ich bin, glücklich fühlen kann. Ich werde mich immer bemühen, meinen Verpflichtungen Ihnen gegenüber prompt nachzukommen.«

»Ich glaube es auch,« sagte die Frau.

»Ich wollte,« fuhr Simon fort, »zuerst in die Berge gehen. Aber dieses schattige Zimmer ist schöner als selbst die weißesten Berge. Ich fühle mich ein bißchen matt und möchte mich eine Stunde hinlegen, darf ich das?«

»Ei, freilich! Es ist doch jetzt Ihr Zimmer!«

»Nicht doch!«

Und dann legte er sich schlafen.

Er hatte einen sonderbaren Traum, der ihn noch lange nachher beschäftigte: