Part 17
Mit diesem Wort riß die Dame ihren Diener aus seiner anmaßlichen Gedankenreihe und befahl ihm, nun den kranken Knaben ankleiden zu gehen. Er gehorchte und tat, was sie verlangte. Er trug ein Becken voll frischen Wassers an das Bett und wusch mit einem Waschschwamm sorgsam das Gesicht des Knaben, reichte ihm ein Glas, halbgefüllt mit klarem Wasser, und ließ ihn den Mund damit wässern, was der Knabe mit seinen schönen Händen sehr hübsch tat, nahm dann eine Bürste und einen Kamm zur Hand, brachte das Haar des im Bett Liegenden in Ordnung und reichte ihm zum Schluß das Frühstück auf einem silbernen Tablett dar, schaute zu, wie es bedächtig, mit vielem Absetzen, verzehrt wurde, ohne müde oder gar ungeduldig zu werden; denn wie häßlich und unpassend würde Ungeduld hier gewesen sein; trug das Geschirr wieder hinaus und kam wieder, um nun den Kranken, der sich nicht selbst anziehen konnte, anzukleiden. Er hob den leichten, dünnen Körper mit einiger Scheu zum Bette heraus, nachdem er schon vorher den Füßen und Beinen die Strümpfe übergezogen hatte, steckte an die Füße kleine Hausschuhe, nahm die Beinkleider zur Hand, um sie anzuziehen, schnallte den Gurt der Hose zu, warf die Hosenträger, wie es sich schickte, von hinten über, alles schnell, alles geräuschlos, und so, daß jede Bewegung auch wirklich gleich etwas tat, legte dem Hals des Knaben jetzt den Kragen um, einen breiten, umgelegten Knabenkragen, befestigte mit gutem Geschick eine Krawatte an den Hemdknopf; das Hemd war natürlich längst übergeworfen worden; reichte jetzt die Weste, ließ die Arme hineinschlüpfen, ebenso den Rock und die paar Gegenstände, die der Knabe bei sich zu tragen pflegte, als Uhr, Uhrgehänge, Messer, Taschentuch und Notizbuch, und das Werk war fertig. Nun mußte Simon des kleinen Herrn Bett in Ordnung bringen, sowie das ganze Schlafzimmer in der Weise, wie es ihm die Dame zeigte, aufräumen, die Fenster öffnen, die Kissen, Bettdecke und das Laken ans Fenster legen und alles so machen, wie es getan wird und wie er merkte, daß es getan werden mußte. Die Dame verfolgte alle seine Bewegungen, wie ein Fechtmeister den Bewegungen seines Schülers folgt, und fand, daß er sich mit Talent in die Arbeit schickte. Sie sagte nicht etwa ein Wort der Anerkennung. Würde ihr nicht von ferne eingefallen sein. Außerdem mochte ihr Diener an ihrem Schweigen merken, daß sie seine Art und Weise billige. Es freute sie, wie zart er mit ihrem Sohn umgegangen war, da sie bemerkt hatte, wie jede Bewegung Simons beim Ankleiden dessen Achtung für den Kranken aussprach. Sie mußte lächeln, als sie gewahrt hatte, mit welcher Scheu er zuerst angefaßt, und wie er dann später die Scheu überwunden hatte und mit seinem Tun kräftiger, ruhiger und gleichmäßiger geworden war. Dieser junge Mann gefiel ihr vorläufig, mußte sie sich sagen. »Wenn er fortfährt, wie er angefangen hat, so will ich ihn dafür lieb haben, daß er mich nicht in meinem Gefühl, das ich mir gleich von Anfang an von ihm machte, betrogen hat,« dachte sie. »Er ist sehr still und anständig und scheint das Talent zu besitzen, sich mit jeder Lage gleich vertraut machen zu können. Und da er, wie ich glaube aus seinen Manieren schließen zu dürfen, aus gutem Hause herstammt, will ich ihn, um seiner Mutter willen, die vielleicht noch lebt, und um seiner Geschwister willen, die vielleicht geachtete Stellungen einnehmen und besorgt sind um sein Schicksal, zu einem klugen und schönen Betragen anhalten und will Freude haben, wenn ich sehe, daß er einschlägt und sich so benimmt, wie man es von ihm erwartet. Vielleicht darf ich ihn in kurzem etwas zutraulicher behandeln, als man gezwungen ist, mit seinen Dienstboten zu verkehren. Aber ich will acht geben und ihm keinen Anlaß geben, durch zu frühes freundliches Entgegenkommen, mir unverschämt zu begegnen. In seinem Charakter sitzt eine leise Beigabe von Unverschämtheit und Trotz, und diese darf nicht geweckt werden. Ich werde immer mein Gefallen, das ich an ihm habe, unterdrücken müssen, wenn ich will, daß er immer die Lust hat, mir zu gefallen. Ich glaube, er liebt mein strenges Gesicht, ich erriet so etwas, als er vorhin lächelte, wo ich ihn doch ziemlich unfreundlich getadelt habe. Die Menschen muß man erraten, wenn man sie von ihrer schönen Seite haben will. Er hat Seele, dieser junge Mann, man muß ihm deshalb auch seelenvoll und seelenbewußt entgegentreten, um etwas bei ihm zu erreichen. Man nimmt Rücksicht, und tut doch so, als ob man keine nähme, wie man ja auch wirklich keine zu nehmen nötig hätte. Aber es ist besser und klüger, man nimmt, wenn man mit Ruhe kann.« -- Sie beschloß, den Simon ein bißchen abenteuerlich zu nehmen, und schickte ihn jetzt aus, um Einkäufe zu machen.
Das war nun wieder etwas ganz Neues für Simon, durch die Straßen zu eilen, mit einem Korb oder mit einer ledernen Tragtasche in der Hand, Fleisch und Gemüse zu kaufen, in die Läden zu treten und dann wieder nach Hause zu springen. In den Straßen sah er die Menschen ihren verschiedenartigen Geschäften nachgehen, jeder trug sich mit einer Absicht und er selber auch. Es schien ihm, daß die Leute sich über seine Gestalt verwunderten. Sollte sein Gang etwa nicht zu dem gefüllten Korbe, den er leicht trug, passen? Waren seine Bewegungen zu frei, als daß sie zu seinem Auftrage, nämlich zum Botenlaufen, gestimmt hätten? Aber es waren freundliche Blicke, die er bekam; denn man sah ihn eilig und geschäftig, und er mußte den Eindruck eines pflichteifrigen Mannes machen. »Wie schön ist es doch,« dachte Simon, »so mit einer Pflicht im Kopf durch die Straßen neben den wimmelnden Menschen her zu laufen, von einigen überholt zu werden, die längere Beine haben, und andere wieder zu überflügeln, die träger gehen, als wenn sie Blei in ihren Schuhen hätten. Wie hübsch ist es, von den sauberen Mägden für ihresgleichen angeblickt zu werden, zu beobachten, welchen Scharfblick diese einfachen Wesen haben, zu sehen, daß sie beinahe Lust hätten, bei einem schnell stehen zu bleiben, um zehn Minuten lang plaudern zu können. Wie die Hunde auf der Straße laufen, als wären sie hinter dem Wind her, wie Greise noch geschäftig sind mit ihren gebeugten Nacken und Rücken! Und da möchte man noch schlendern! Wie entzückend sind die einzelnen Frauen, an denen man, ohne beachtet zu werden, vorüberrennen darf. Was sollte man von ihnen beachtet werden. Wäre noch schöner! Es genügt doch, selber Beobachteraugen zu haben. Hat man etwa die Sinne nur, daß sie gestachelt werden, und nicht, damit man sie selber stachle? Die Augen der Frauen an einem solchen Straßenmorgen, wie dieser, wenn sie so in die Ferne blicken, sind etwas Herrliches. Augen, die an einem vorbeisehen, sind schöner, als solche, die einen ansehen. Es ist, als verlören sie dadurch. Wie man rasch denkt und fühlt, wenn man so rasch läuft. Nur den Himmel nicht betrachten! Nein, lieber nur empfinden, daß da oben, über dem Kopf und über den Häusern etwas Schönes und Weites schwebt, etwas Schwebendes, vielleicht Blaues, ganz gewiß Duftiges. Man hat Pflichten, und das ist auch etwas Schwebendes, Fliegendes, Hinreißendes. Man trägt etwas mit sich, das man nachzählen und abliefern muß, um als zuverlässiger Mensch dastehen zu können, und ich bin gegenwärtig so, daß es mir mein einziges Vergnügen ist, als zuverlässiger Mensch dazustehen. Die Natur? Mag sie sich einstweilen verstecken. Ja, es ist mir, als ob sie sich verborgen hielte, da, hinter den langen Häuserreihen. Der Wald, er reizt mich vorläufig nicht mehr, soll mich nicht reizen. Immerhin, es hat etwas Schönes, zu denken, daß alles doch noch da ist, während ich flüchtig und geschäftig durch die blendende Straße eile, mich um nichts bekümmere, als um das, was ich mit meiner Nase denken könnte, so einfach ist es.« -- Er zählte das Geld in der Westentasche mit fühlenden Fingern nach, ohne es heraus zu nehmen, und ging nach Hause.
Nun hatte er den Tisch zu decken.
Er mußte ein sauberes, weißes Tischtuch über den Tisch breiten, daß die Falten nach oben zu liegen kamen, dann die Teller hinlegen, so, daß der Tellerrand nicht über den Tischrand hinausragte, dann Gabel, Messer und Löffel hinlegen, Gläser aufstellen und eine Karaffe mit frischem Wasser, Servietten auf die Teller legen und das Salzgefäß auf den Tisch stellen. Stellen und legen, hinlegen und anfassen und hinstellen, zart anfassen, dann wieder gröber, Tücher mit Fingerspitzen anfassen und Teller nur mit Vorsicht berühren, ausbreiten und ausrichten, nämlich die Bestecke, keinen Lärm dabei verursachen, schnell sein und doch wiederum behutsam, vorsichtig und kühn, steif und glatt, ruhig und doch energisch, Gläser nicht aneinanderklirren, und Teller nicht klappern lassen, aber über ein vorkommendes Klappern und Klirren auch nicht erstaunt sein, sondern es begreiflich finden, dann der Herrschaft melden, daß der Tisch gedeckt sei, und dann die Speisen auftragen und dann zur Tür hinausgehen, um wieder hineinzugehen, wenn geklingelt wurde, zusehen, wie gegessen wurde und Freude dabei empfinden, sich zu sagen, daß es hübscher sei, zu sehen, wie gegessen werde, als selber zu essen, dann den Tisch wieder abräumen, das Geschirr hinaustragen, einen Rest Braten in den Mund stecken und dabei eine frohlockende Miene machen, als wäre es etwas, um dabei eine frohlockende Miene machen zu müssen, dann selber essen und finden, daß man jetzt wirklich verdiene, selber etwas zu essen: das alles mußte Simon. Er mußte nicht alles, zum Beispiel mußte er nicht gefrohlockt haben, wenn er stahl, aber es war sein erster, zarter Diebstahl, und deswegen mußte er frohlocken; denn es erinnerte ihn lebhaft an die Kindheit, wo man stiehlt, irgend etwas aus dem Speiseschrank, und dabei frohlockt.
Nach dem Essen hatte er dem Mädchen zu helfen, das Geschirr zu säubern, abzuwaschen und abzutrocknen, und das Mädchen war nicht wenig erstaunt, zu sehen, wie behend er das machte. Wo er das gelernt hätte? »Ich war doch auf dem Lande,« antwortete Simon, »und auf dem Lande tut man dergleichen. Ich habe dort eine Schwester, die Lehrerin ist, der habe ich beim Geschirrtrocknen immer geholfen.«
»Das war hübsch von Ihnen.«
Zwölftes Kapitel.
Simon kam es ganz wunderbar vor, in dieser stillen Küche, mitten in einer großen Stadt, zu handwerken. Wer hätte das je gedacht. Nein, der Mensch kam doch nie dazu, sich eine Zukunft zu malen. Er, der früher frei über die Bergweiden streifte, wie ein Jäger unter dem offenen Himmel schlief und die Luft zu eng fand, wenn er Ausblicke genoß, die die vor ihm liegende Erde auseinanderbreiteten und dehnten, der die Sonne heißer, den Wind stürmischer, die Nacht dunkler und die Kälte grimmiger wünschte, wenn er draußen, zu jeder Jahreszeit und bei jeder Witterung, suchend, händereibend und atempustend herumlief, er steckte jetzt in einer kleinen Küche und trocknete einen tropfenden Teller warm ab. Er war froh. »Ich bin froh, so gehemmt, so eingesteckt, so eingeengt zu sein,« sagte er zu sich, »was will der Mensch nur immer die Weite haben, und dazu doch Sehnsucht, die doch so was Beengendes ist! Hier bin ich eng eingeklemmt zwischen vier Küchenwände, aber mein Herz ist weit und erfüllt von der Lust an meiner bescheidenen Pflicht.«
Es war ein wenig erniedrigend für ihn, sich in einer Küche zu wissen, mit einer Arbeit beschäftigt, die sonst nur Mädchen verrichten. Ein wenig erniedrigend und ein wenig lächerlich war es, aber es war entschieden geheimnisvoll und absonderlich. Kein Mensch konnte sich jetzt diese Lage von ihm austräumen. Dieser Gedanke hatte wiederum etwas Genugtuerisches und Stolzes. Man konnte bei diesem Gedanken lächeln. Das Mädchen fragte ihn, was er denn früher in seinem Leben gewesen sei, und er antwortete: »Schreiber!« Sie konnte nicht begreifen, wie man so wenig Ehrgeiz besitzen könne, das Schreibpult aufzugeben, um in eine Haushaltung hineinzukriechen. Simon sagte darauf, es gäbe in diesem Falle erstens nichts zu kriechen, wie sie sich da so lieblich ausdrücke, und zweitens sei es noch eine Frage, was besser wäre: ein Sitz hinter einem Pult oder der Zustand eines Geschirrabwischers. Er zöge bei weitem die freie, luftige, heiße, dampfige, interessante Küche dem öden Bureau vor, in dem die Luft meist schlecht und die Laune eine verbitterte sei. Hier sei kein Anlaß, bitter zu sein, hier, wo der Braten in der Pfanne schmore, das Gemüse koche, die Suppe dampfe, das Kupfer so lieblich herabblinke vom Gestell und die Teller so freundlich klängen, wenn man sie aneinanderschlüge. Aber Diener sein, das sei doch nicht viel, das bedeute doch gar nichts, meinte das muntere Mädchen. Er wolle nichts bedeuten, erwiderte Simon sanft. Sie ließ es dabei bewenden, doch fand sie, daß er ein kurioser, schwer begreiflicher Mensch sei. Aber sie dachte: »er ist anständig,« und fühlte, »er dürfte sich viel erlauben!« Simon war eben fertig geworden mit seiner Arbeit, als die Dame in die Küche trat und zu ihm sagte, er möge hineinkommen, sie habe eine Beschäftigung für ihn. »Was für eine schöne Beschäftigung hat sie wohl für mich,« dachte Simon, und er folgte der Voranschreitenden. »Sie haben jetzt, während des Nachmittages, weiter nichts zu tun, da können Sie meinem Knaben und mir aus einem Buche vorlesen. Verstehen Sie vorzulesen?«
Simon bejahte.
Und dann las er eine volle Stunde lang vor, mit etwas gepreßtem Atem, aber mit richtiger, scharfer, schöner Aussprache und mit einer warmen Stimme, die anzeigte, daß der Leser miterlebte, was er las. Der Dame schien es zu gefallen, und der Knabe war ganz nur Ohr bis zum Schluß, wo er sich anmutig für den Genuß bedankte. Simon, dessen Wangen hochrot vor Bewegung glühten, fand es schön, daß man ihm dankte. Er verfügte sich, da er weiter vorläufig nichts zu treiben wußte, in das Domestikenzimmer, das die Abendsonne rötlich beleuchtete, und fing an, zum Fenster hinaus zu rauchen.
»Ich sehe es unlieb, wenn Sie hier rauchen,« sprach die hereintretende Frau.
Er rauchte aber weiter, und sie ging wieder, etwas ärgerlich, hinaus. »Ich begreife allerdings, daß es ihr nicht lieb ist, aber, muß ihr denn alles lieb an mir sein? Das Rauchen gebe ich nicht auf. Nein! Zum Teufel, nein! Und wenn zwanzig Damen kämen und eine nach der andern es mir verböten.« Er war wütend, aber er wurde sofort wieder sanft und sprach zu sich: »Ich hätte die Zigarette wegwerfen sollen; das war unverschämt!«
In diesem Augenblick, den er dazu benutzen wollte, ein Selbstgespräch zu führen, tönte im Korridor ein Schrei und unmittelbar darauf ein heftiger Knall von einem zu Boden stürzenden Geschirr. Simon öffnete die Tür und erblickte die Frau, wie sie mit wehklagendem, stummem und betrübtem Gesicht zu Boden sah, wo die Scherben einer ihr gewiß teuer gewesenen Porzellanplatte herumlagen. Sie hatte die Platte mit einem Stück Torte drauf vom Eisschrank weg in ihr Zimmer tragen wollen und dieselbe fallen lassen, sie konnte selber nicht sagen, wie. Es brauchte ja nur eine kleine Täuschung der Sinne gewesen zu sein, oder sonst etwas, und das Unglück war eben geschehen. Als die Frau den Simon bemerkte, der hinter ihrem Rücken stand, verwandelte sich sogleich ihr betrübtes Gesicht in ein zürnendes und anklagendes, und sie sagte zu ihm, in einem Tone, der genug sagte, was sie empfand: »Lesen Sie zusammen!« Simon bückte sich zu Boden und las die Scherben zusammen. Während er es tat, streifte seine Wange das Kleid seiner Herrin und er dachte: »Verzeih mir, daß ich gerade dastehen mußte, um zu sehen, daß du dich ungeschickt benommen hast. Ich begreife deinen Zorn. Ich bekenne mich schuldig, die Platte, die du hast fallen lassen, zerbrochen zu haben. Ich habe sie zerbrochen. Wie muß es dir doch weh tun. Eine so schöne Platte. Gewiß war sie dir lieb. Du tust mir leid. Meine Wangen streifen dein Kleid. Jede Scherbe, die ich zusammenlese, sagt mir: »Elender,« und der Saum von deinem Rock sagt mir: »Glücklicher!« Ich lese absichtlich langsam zusammen. Versetzt es dich nicht in neuen Zorn, dies bemerken zu müssen? Es macht mir Spaß, der Übeltäter gewesen zu sein. Du gefällst mir, wenn du mir zürnst. Weißt du, warum mir dein Zorn gefällt? Weil er so zart ist, dein Zorn! Nur weil ich dich sah, wie du dich ungeschickt benahmst, zürnst du mir. Du mußt einige Achtung vor mir haben, da es dich kränken kann, wenn du dich vor mir blamierst. Du Hohe, vor mir Niedrigem. Wie entzückend zornig befahlst du mir, die Scherben zusammenzulesen. Und ich beeile mich damit gar nicht; denn ich möchte, daß du recht ärgerlich und böse würdest, weil ich so lange bei den Scherben verweile, die mir doch sagen müssen, wie ungeschickt du warst, die es dir auch sagen müssen. Du stehst immer noch da? Es muß jetzt eine Mischung von seltsamen Empfindungen in dir sein: Scham, Schmerz, Zorn, Ärger, Gleichmut, Gereiztheit, Gelassenheit, Überraschung und Hoheit und so viel kleines, nebenherschleichendes Unsagbares, das der Moment wegnimmt, ehe man es nur recht hat empfinden können, das da war wie ein Nadelstich oder wie ein Duft oder wie ein Blinzeln von einem Augenpaar. -- Dein seidenes Kleid ist schön, wenn man denkt, daß es einen Frauenleib einhüllt, der vor Aufregung und vor Schwäche zittern kann. Deine Hände sind schön, die so lang zu mir herabhängen. Ich hoffe, daß du mir einmal eine Ohrfeige damit gibst. Jetzt gehst du schon weg, ohne mich gescholten zu haben. Wenn du gehst, kichert und flüstert dein Kleid auf dem Boden. Vorhin verbotest du mir zu rauchen. Aber ich werde die Frechheit besitzen, zu rauchen, wenn ich hinter dir auf den Markt gehe, um mit dir Einkäufe zu machen. Da sollst du mich rauchen sehen, weiße, blendende Zigaretten, und ich will hoffen, daß du alsdann die Geistesgegenwart besitzest, sie mir aus dem Mund zu schlagen. Jetzt eben mußte ich dich mit allen meinen mir zu Gebote stehenden Gebärden dafür um Verzeihung bitten, daß du eine Platte zerschlagen hast. Ich wollte, ich könnte Gelegenheit haben, etwas zu verüben, das dich veranlassen würde, mich zum Teufel zu jagen. O nein, nein! Was denke ich da. Ich bin schon verrückt. Wahrhaftig, diese Scherbenangelegenheit hat mich verrückt gemacht. Jetzt wird es Abend sein draußen auf der Straße. Die Laternen werden hellgelb brennen in den verlöschenden Tag hinein. Jetzt möchte ich auf die Straße. Es geht nicht anders, ich muß auf die Straße hinunter.« --
»Ich möchte einen kleinen Ausgang machen,« sagte er, in ihr Zimmer tretend, »darf ich?«
»Ja! Aber daß Sie mir nicht zu lange bleiben!«
Simon stürzte hinaus, die Treppe hinunter, wo ihm eine verschleierte Frauengestalt staunend nachblickte, zum Haus hinaus, auf die Straße, an die Luft, in die bewegliche, feuchte, glitzernde, abendliche Freiheit. Seltsam sei doch, dachte er, dieses Gehören an ein Haus, wo man recht wie ein Gefangener lebe. Seltsam sei es, ein erwachsener Mensch zu sein und als ein erwachsener Mensch hingehen zu müssen, zu einer Dame, in ein dunkles Zimmer, wo man die Frau nur halb im Dunkel sähe, und sie um Erlaubnis zu fragen, ausgehen zu dürfen. Als ob man ein Möbel von ihr wäre, ein Gegenstand, ein gekauftes Stück, ein Etwas, ein irgend Etwas, und als ob dieses Etwas nichts wäre, oder nur insofern etwas, als es sich dazu eigne, so ein Etwas zu sein, ihres zu sein! Seltsam sei es auch, daß man trotzdem diesen Zustand als eine Art Heimat und Zuhausesein fühle. Man liefe jetzt eigentlich zehnmal gehobener auf der Straße umher, weil jemand, den man darum bitten mußte, es einem erlaubt habe. Ein Erlaubnisbekommen, das sei allerdings etwas Schülerhaftes, aber es müßten, dachte er, selbst Greise oft noch, und unter kränkenderen Umständen, um eine Erlaubnis fragen. So sei alles wunderbar im Leben, und man müsse sich in das Wunderbare schicken, wenn es oft auch seltsam aussähe.
Er ging die Straße hinunter und verliebte sich in das süße Straßenbild mit den aufgehenden Sternen, mit den dichten Bäumen, die in langer, gerader Reihe davonliefen, mit den ruhiger gehenden Menschen, mit der Pracht des Abends, mit der tiefen, beweglichen Ahnung der Nacht. Auch er ging ruhig, beinahe träumerisch. Am Abend war es keine Schande, ein träumerisches Aussehen zu machen, wo unwillkürlich alle träumen mußten in dieser Atmosphäre voll von dem Duft des Frühsommerabends. Viele Frauen spazierten umher, mit kleinen, eleganten Täschchen in der behandschuhten Hand, mit Augen, in denen das Licht des Abends fortleuchtete, in engen Kleidern von englischem Schnitt oder in faltigen, schleppenden Röcken und Roben, die sich wundervoll breit in der Straße bewegten. Die Frau, dachte Simon, wie verherrlicht sie das Bild der städtischen Straße. Sie ist wie geschaffen zum promenieren. Man fühlt, sie promeniert, sie genießt ihr eigenes, wiegendes, schönes Gehen. Am Abend geben die Frauen den Ton des Abends an, dazu passen ihre Figuren mit diesen Armen voll Wehmut und Fülle und diesen Brüsten voll atmender Beweglichkeit. Ihre Hände in Handschuhen sehen wie Kinder in Masken aus, mit denen sie winken, in denen sie immer etwas halten. Ihre ganze Haltung setzt die abendliche Welt in tönende Musik um. Wenn man jetzt, so wie ich es tue, hinter ihnen hergeht, so gehört man schon zu ihnen, in Gedanken, in fühlenden Schwankungen, in schlagenden Wellen, die an das Herz schlagen. Sie winken nicht, und doch winken sie einem. Obschon sie keine Fächer tragen, sieht man in einer ihrer Hände einen Fächer und er blitzt und blendet wie getriebenes Silber in dem verlorenen, verschwommenen Abendlicht. Die reifen, üppigen Frauen passen besonders schön zum Abend, so wie Greisinnen in den Winter und blühende Mädchen in den eben erwachten Tag hineinpassen, wie Kinder in den dämmernden Morgen und junge Ehegattinnen in den heißen Mittag, wo die Sonne der Welt am glühendsten scheint.
Es war neun Uhr, als Simon wieder nach Hause kam. Er hatte sich verspätet und mußte Vorwürfe anhören, wie dieser: wenn das noch einmal, noch ein einziges Mal vorkomme, so -- -- dann --. Er hörte eigentlich nicht, sondern vernahm nur den Klang des Vorwurfes, innerlich lachte er, äußerlich schien er betrübt, das heißt, er setzte ein dummes Gesicht auf und fand es nicht für notwendig, den Mund aufzutun, um etwas zu erwidern. Er zog den Knaben aus, legte ihn in das Bett und zündete ein kleines Nachtlicht an.
»Dürfte ich um ein Licht für mich bitten,« fragte er die Dame.
»Was wollen Sie mit dem Licht?«
»Einen Brief schreiben.«
»Kommen Sie zu mir herein, da können Sie schreiben!« sagte die Dame.
Und er durfte sich an ihren Schreibtisch setzen. Sie gab ihm einen Briefbogen, einen Briefumschlag für die Adresse, eine Marke, eine Feder und erlaubte ihm, ihre Briefmappe als Unterlage zu benutzen. Sie saß dicht daneben, in einem Sessel, eine Zeitung lesend, während er schrieb: