Part 16
Es war ungefähr zwei Uhr am Nachmittag, als Simon in der großen Stadt, die er vor ungefähr drei Monaten verlassen hatte, mit der Eisenbahn wieder ankam. Der Bahnhof war voll Menschen und ganz schwarz, mit jenem Geruch angefüllt, der nur in kleinen, ländlichen Bahnhöfen nicht anzutreffen ist. Simon zitterte, als er aus dem Wagen ausstieg, er war hungrig, steif, matt, traurig und mutlos und konnte eine gewisse Beklemmung nicht los werden, obschon er sich sagte, daß es eine dumme Beklemmung sei, die er da empfand. Er gab, wie es die meisten Reisenden tun, sein Gepäck am Gepäckschalter ab und verlor sich unter die Menschen. So wie er freie Bewegung bekam, fühlte er sich auch sofort besser und wurde wieder auf seine leichte Gesundheit aufmerksam, die vom Landaufenthalt her in vollkommen gutem Zustand war. Er aß etwas in einem jener seltsamen Volkslokale. Da aß er nun wieder, ohne vielen Appetit; denn das Essen war mager und schlecht, ganz gut für einen armen Städter, aber nicht für einen verwöhnten Landbewohner. Die Menschen betrachteten ihn aufmerksam, als ahnten sie, daß er vom Lande herkomme. Simon dachte: »Diese Menschen müssen sicher fühlen, daß ich gewöhnt bin, besser zu speisen; denn es liegt so etwas in der Art, wie ich mit diesem Essen umgehe.« In der Tat, er ließ die Hälfte davon stehen, bezahlte und konnte nicht umhin, der Kellnerin leichthin zu bemerken, wie wenig es ihm gemundet habe. Diese schaute den Spötter nur so verächtlich an, freundlich verächtlich, ganz leicht, als hätte sie es nicht nötig, deswegen empört zu sein, da es doch so einer gesagt hatte und nicht ein anderer. Eines andern wegen, ja, dann schon, aber eines solchen! -- Simon trat hinaus. Er war doch glücklich, trotz dem minderwertigen Essen und der beleidigenden Miene des Mädchens. Der Himmel war leicht blau. Simon schaute ihn an: ja, er hatte hier doch auch einen Himmel. In dieser Beziehung war es doch dumm, so sehr zu Ungunsten der Städte für das Land eingenommen zu sein. Er nahm sich vor, jetzt nicht mehr an das Land zurückzudenken, sondern sich an die neue Welt zu gewöhnen. Er sah, wie die Menschen vor ihm her gingen, viel schneller als er; denn er hatte sich auf dem Lande einen schlenderischen, bedächtigen Schritt angewöhnt, als fürchtete er, zu rasch vorwärts zu kommen. Nun, für heute wollte er es sich noch gestatten, bäuerisch zu gehen, von morgen ab sollte es dann anders vorwärts gehen. Aber er betrachtete die Menschen mit Liebe, ganz ohne jede Scheu, sah ihnen in die Augen, an die Beine, um zu sehen, wie sie die Beine bewegten, an die Hüte, um den Fortschritt der Mode zu beobachten, an die Kleider, um die seinen immer noch gut genug zu finden im Vergleich mit den vielen unschönen, die er emsig studierte. Wie sie eilig gingen, diese Menschen. Er hätte Lust gehabt, einen von ihnen aufzuhalten und ihn mit den Worten anzureden: Wohin so schnell? Aber er hatte doch nicht den Mut zu einer so törichten Handlung. Er fühlte sich wohl, sonst aber ein wenig matt und gespannt. Eine kleine, nicht zu verhehlende Trauer hielt ihn gefangen, aber sie harmonierte mit dem leichten, glücklichen, etwas getrübten Himmel. Sie harmonierte auch mit der Stadt, wo es beinahe unschicklich ist, ein allzusonniges Gesicht zu machen. Simon mußte sich gestehen, daß er da ginge und absolut nichts suche, aber er hielt es für angebracht, wie alle andern solch eine Sucher- und Vorwärtsdrängermiene zu machen, um nicht den eben angekommenen, beschäftigungslosen Menschen darstellen zu müssen. Er mochte nicht auffallen und es tat ihm wohl, zu bemerken, daß er weiter keinem Menschen durch sein Betragen auffiel. Er schloß daraus, daß er noch immer befähigt sei, in der Stadt zu leben, trug sich ein wenig strammer noch, als zuvor, und tat, als trüge er eine kleine, elegante Absicht mit sich, die er gleichmütig verfolge, die ihm keine Sorgen, nur Interesse entlocke, die seine Schuhe nicht beschmutzen und seine Hände nicht anstrengen würde. Eben ging er jetzt durch eine schöne, reiche Straße, die auf beiden Seiten mit blühenden Bäumen besetzt war, in der man, da sie breit war, den Himmel freier vor Augen hatte. Es war wirklich eine herrliche, lichte Straße, die einem das angenehmste Leben vorgaukeln konnte und jeden Traum gestatten durfte. Simon vergaß jetzt sein Vorhaben, durch diese Straße mit gesetzten, gezierten Bewegungen zu gehen, völlig. Er ließ sich gehen und tragen, schaute bald zu Boden, bald hinauf, bald zur Seite in eines der vielen Schaufenster, vor deren einem er endlich stehen blieb, ohne eigentlich etwas zu betrachten. Er fand es angenehm, den Lärm der schönen, lebhaften Straße hinter seinem Rücken und doch in seinen Ohren zu haben. Er unterschied in seinen Sinnen die Schritte der einzelnen Passanten, die wohl alle denken mußten, er stehe da, um etwas so recht ins Auge zu fassen, das im Schaufenster liege. Plötzlich hörte er sich von jemand angesprochen. Er drehte sich um und erblickte eine Dame, die ihn aufforderte, ein Paket, das sie ihm hinstreckte, bis in ihr Haus zu tragen. Es war keine besonders schöne Dame, aber in diesem Augenblick hatte Simon sich nicht lange zu besinnen, ob sie schön war oder nicht, sondern hatte, wie ihm eine innere Stimme zurief, ihrer Aufforderung lebhaft nachzukommen. Er ergriff das Paket, das gar nicht schwer war, und trug es der Dame nach, die quer über die Straße mit kleinen, gemessenen Schritten ging, ohne sich nur einmal nach dem jungen Manne umzudrehen. Vor einem, wie es schien, prachtvollen Hause angekommen, befahl ihm die Frau, mit hinauf zu kommen, und er tat es. Er sah keinen Grund, warum er nicht hätte gehorchen sollen. Mit dieser Dame in deren Haus zu gehen, das war etwas ganz Natürliches, und der Stimme der Dame zu gehorchen war seiner Lage, die ihm nichts vorschrieb, durchaus angemessen. Er würde vielleicht jetzt noch vor dem Schaufenster stehen und gaffen, dachte er, indem er die Treppen hinaufstieg. Oben angekommen, hieß ihn die Frau eintreten. Sie ging voran und ließ ihn nachkommen und in ein Zimmer hineingehen, dessen Türe sie öffnete. Simon schien es ein prächtiges Zimmer zu sein. Die Frau kam wieder hinein, setzte sich in einen der Stühle, räusperte sich ein wenig, sah den vor ihr Stehenden an und fragte ihn dann, ob er sich entschließen könne, bei ihr in Dienste zu treten. Er mache ihr, fuhr sie fort, den Eindruck eines müßig in der Welt stehenden Menschen, dem man eine Wohltat erweise, wenn man ihm Arbeit gebe. Im übrigen gefalle er ihr soweit und er möchte ihr sagen, ob er gewillt sei, das Anerbieten, das sie ihm mache, anzunehmen.
»Warum nicht,« antwortete Simon.
Sie sagte: »Ich scheine mich also nicht geirrt zu haben, wenn ich von Ihnen gleich im ersten Augenblick angenommen habe, daß Sie ein junger Mensch sind, der froh ist, irgendwo unterzukommen. Sagen Sie mir einmal, wie heißen Sie, und was haben Sie bis jetzt getan in der Welt?«
»Ich heiße Simon, und ich habe bis jetzt nichts getan!«
»Wie kommt das?«
Simon sagte: »Ich habe von meinen Eltern ein kleines Vermögen bekommen, das ich soeben bis auf den letzten Heller verzehrt habe. Ich habe es nicht für nötig gefunden, zu arbeiten. Etwas zu lernen hatte ich keine Lust. Ich habe den Tag als zu schön empfunden, als daß ich den Übermut hätte besitzen können, ihn durch Arbeit zu entweihen. Sie wissen, wie viel durch tägliche Arbeit verloren geht. Ich war nicht imstande, mir eine Wissenschaft anzueignen und dafür den Anblick der Sonne und des abendlichen Mondes zu entbehren. Ich brauchte Stunden, um eine Abendlandschaft zu betrachten, und habe Nächte durch, statt am Schreibtisch oder im Laboratorium, im Grase gesessen, während zu meinen Füßen ein Fluß vorüberfloß und der Mond durch die Äste der Bäume blickte. Sie werden befremdend auf eine solche Aussage herabblicken, aber, sollte ich Ihnen eine Unwahrheit berichten? Ich habe auf dem Lande und in der Stadt gelebt, aber ich habe bis jetzt noch keinem Menschen auf der Welt einen einigermaßen bemerkenswerten Dienst erwiesen. Ich habe Lust, das zu tun, jetzt, wo es scheinen will, daß ich Gelegenheit dazu habe.«
»Wie konnten Sie so liederlich leben?«
»Ich habe das Geld nie geachtet, gnädige Frau! Dagegen könnte es mir, wenn ich dazu veranlaßt würde, einfallen, ja, sogar am Herzen liegen, anderer Menschen Geld für wertvoll zu erachten. Es will den Anschein haben, daß Sie den Wunsch hegen, mich in Ihre Dienste zu nehmen: Nun, in diesem Fall würde ich Ihre Interessen natürlich streng beobachten; denn in einem solchen Falle hätte ich dann keine andern Interessen mehr, als die Ihrigen, die die meinen wären. Meine eigenen Interessen! Wo wäre ich je dazu gekommen, eigene Interessen zu haben! Wann hätte ich je eigene ernstliche Angelegenheiten gehabt. Ich habe mein Leben bis jetzt vertändelt, weil ich es so wollte, da es mir immer ganz als wertlos erschien. In fremden Interessen würde ich aufgehen, es versteht sich von selber; denn wer keine eigenen Ziele hat, lebt eben für die Zwecke, Interessen und Absichten Anderer.« --
»Sie müssen doch irgend eine Zukunft vor Augen haben wollen!« --
»Habe noch keinen Augenblick daran gedacht! Sie sehen mich etwas besorgt und ziemlich unfreundlich an. Sie mißtrauen mir und trauen mir keine ernstliche Absicht zu. Ich muß gestehen, ich habe bis zum heutigen Tage auch noch nie irgend welche Absicht mit mir herumgetragen, weil mich bis jetzt noch niemand zu der Pflege einer Absicht aufgefordert hat. Ich trete zum ersten Mal einem Menschen gegenüber, der meine Dienste in Anspruch nehmen will; das schmeichelt mir und veranlaßt mich, Ihnen kühn die Wahrheit zu sagen. Was schadet es, daß ich bis dahin ein liederlicher Mensch gewesen bin, wenn ich nun ein besserer werden will? Können Sie glauben, ich möchte nicht den Wunsch haben, mich Ihnen dankbar dafür zu erweisen, daß Sie mich von der offenen Straße weg in Ihr Zimmer ziehen, um mir ein Menschenlos zu geben? Ich habe nicht eine Zukunft vor Augen, nur die Absicht, Ihnen zu gefallen. Ich weiß auch, daß man gefällt, wenn man seine Pflicht erfüllt. Nun, diese Zukunft habe ich vor Augen: meine Pflicht, die Sie mir aufgeben werden, zu erfüllen. Ich mag nicht gern in eine viel weitere, als in die ganz nächste Zukunft hineindenken. Meine Laufbahn interessiert mich nicht, die mag ausfallen, wie sie will, wenn ich nur den Menschen gefalle.« --
Die Dame sagte hierauf: »Obschon es eigentlich eine Unvorsichtigkeit ist, einen Menschen, der nichts ist und nichts kann, in Dienst zu nehmen, will ich es doch tun; denn ich glaube, Sie haben den Wunsch, zu arbeiten. Sie werden mein Diener sein und tun, was ich Ihnen auftragen werde. Sie können es als ein besonderes Glück betrachten, Gnade gefunden zu haben, und ich will hoffen, daß Sie sich Mühe geben werden, sie zu verdienen. Sie haben ja keinerlei Zeugnisse bei sich, sonst stände es mir an, Sie nach Ihren Zeugnissen zu fragen. Wie alt sind Sie?« --
»Zwanzig Jahre und etwas darüber!«
Die Dame nickte mit dem Kopf: »Das ist ein Alter, wo der Mensch daran denken muß, sich für das Leben eine Aufgabe zu stellen. Nun, ich will vieles, das mir an Ihrem Wesen nicht recht paßt, vorläufig übersehen und Ihnen Gelegenheit geben, ein zuverlässiger Mann zu werden. Wir werden sehen!« --
Damit war diese Unterredung beendigt.
Die Dame führte Simon durch eine Flucht eleganter Zimmer, bemerkte, indem sie ihrem jungen Begleiter voranschritt, daß es eine seiner Aufgaben sei, die Zimmer zu reinigen, fragte, ob er imstande sei, einen Zimmerboden mit Stahlspänen aufzureiben, ohne jedoch seine Antwort abzuwarten, als wüßte sie schon, daß er das könne, als ob sie das nur gefragt hätte, um irgend eine Frage an ihn zu richten, daß es ein bißchen ausforscherisch und hochmütig um seine Ohren herum sause, öffnete eine Türe, ließ ihn in ein kleineres, warm mit Teppichen aller Art ausgefüttertes Zimmer treten, wo sie ihn einem Knaben, der im Bett lag, mit kurzen Worten vorstellte: Diesen kleinen Herrn, der krank sei, werde er bedienen, wie, das werde ihm noch gesagt werden. Es war ein blasser, hübscher, wenngleich von der Krankheit entstellter Knabe, der seine Augen kalt auf diejenigen Simons richtete, ohne etwas zu sprechen. Man ahnte, daß er nicht sprechen, vielleicht etwa nur lallen konnte, wenn man seinen Mund ansah, der unbehilflich in dem Gesicht lag, als gehörte er gar nicht dazu, als klebe er dort nur an und sei nicht immer dagewesen. Die Hände des Knaben indessen waren sehr schön, sahen so aus, als trügen sie den ganzen Schmerz und die ganze Schmach der Krankheit, als hätten sie es übernommen, den ganzen Umfang, die ganze schöne Last weinender Trauer zu tragen. Simon konnte nicht umhin, diese Hände einen Moment länger, als ihm gestattet war, liebend zu betrachten; denn schon wurde er aufgefordert, der Dame zu folgen, die ihn durch einen Korridor in die Küche führte, wo sie sagte, daß er der Köchin, wenn keine wichtigere Arbeit für ihn vorliege, behülflich zu sein hätte. Das tue er sehr gern, entgegnete Simon, wobei er das Mädchen anblickte, das die Herrin in der Küche zu sein schien. Darauf, am nächsten Morgen nämlich, trat er seinen Dienst an, das heißt, der Dienst trat an ihn heran und verlangte von ihm dieses und jenes und ließ ihm keine Zeit mehr übrig, zu denken, ob es ein netter Dienst sei oder nicht. Die Nacht hatte er bei dem Knaben, seinem jungen Herrn, zugebracht, schlafend und immer wieder aufwachend; denn es war ihm befohlen worden, nur ganz leicht, leise und oberflächlich, also absichtlich schlecht zu schlafen, damit er sich daran gewöhne, schnell, bei jedem nur geflüsterten Ruf des Kranken, aus dem Bett zu springen und nach des Knaben Befehle zu fragen. Simon glaubte der Mann zu einem solchen Schlaf zu sein; denn wenn er gelinde nachdachte, verachtete er den Schlaf und nahm gerne die Gelegenheit wahr, die ihn nötigte, sich aus einem dichten und tiefen Schlaf nichts zu machen. Am nächsten Morgen sodann spürte er nicht im geringsten, daß er schlecht geschlafen habe, konnte aber auch nicht nachzählen, wie oftmals er aus dem Bett aufgesprungen sei, und ging munter an die Arbeit. Vorerst hatte er mit einem weißen, dicken Topf in der Hand auf die Straße zu springen, um denselben dort von einer Frau mit frischer Milch füllen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit konnte er einen Augenblick lang den erwachenden, feuchtglänzenden Tag betrachten, seine beiden Augen damit trunken und feurig machen und wiederum die Treppe hinaufspringen. Er machte die Beobachtung, daß ihm seine Glieder gut und geschmeidig gehorchten, wenn er hinauf und hinunter eilte. Alsdann hatte er, bevor die Frau noch aus ihrem Schlafe erwachte, mit dem Mädchen gemeinschaftlich diejenigen Zimmer aufzuräumen, die ihm vorgeschrieben waren: das Eßzimmer, den Salon und das Schreibzimmer. Der Boden mußte mit einem Besen abgekehrt, die Teppiche abgebürstet, Tisch und Stühle abgewischt, Fenster angehaucht und abgeputzt und alle im Zimmer befindlichen Gegenstände angerührt, in die Hand genommen, gesäubert und wieder an Ort und Stelle gelegt werden. Das alles mußte blitzschnell vor sich gehen, aber Simon dachte, wenn er das dreimal gemacht habe, würde er es mit geschlossenen Augen tun können. Nachdem diese Arbeit getan war, bedeutete ihm das Mädchen, daß er jetzt ein Paar Schuhe reinigen könne. Simon nahm die Schuhe in die Hand, wahrhaftig, es waren der Dame ihre Schuhe. Schöne Schuhe waren es, zierliche Schuhe mit Pelzbesatz und von so zartem Leder wie Seide. Simon hatte immer für Schuhe geschwärmt, nicht für alle, nicht für grobe, aber für so seine immer, und nun hielt er solch einen Schuh in der Hand und hatte die Pflicht, ihn zu säubern, obgleich er eigentlich nichts daran zu säubern bemerkte. Immer schienen ihm Füße von Frauen etwas Heiliges zu sein, und Schuhe glichen in seinen Augen und Sinnen Kindern, glücklichen, bevorzugten Kindern, die das Glück hatten, den feinbeweglichen, empfindlichen Fuß zu bekleiden und zu umschließen. Welch eine schöne Erfindung der Menschen, solch ein Schuh, dachte er, indem er daran mit einem Tuch herumwischte, um so zu tun, als ob er putzte. Da wurde er von der Frau selber überrascht, die in die Küche kam und ihn mit einem strengen Blick maß; Simon beeilte sich, ihr Guten Tag zu sagen, worauf sie nur mit ihrem Kopf nickte. Simon fand das allerliebst, ja entzückend, sich Guten Morgen sagen zu lassen und nur so mit dem Kopf zu nicken als Erwiderung, als wolle man sagen: ja, lieber Bursche, ja, ich danke dir, ich habe es gehört, es war sehr nett gesagt, es hat mir gefallen!
»Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« sagte die Frau.
Simon war sehr glücklich über ihren Tadel. Wie oft, wenn er durch heiße, verbrannte, menschenleere Gassen geschlendert, absichtslos herumgewandert war, empfand er in seinem Herzen Sehnsucht nach einem bösen, bissigen Tadel, nach einem Schimpfwort, nach einem Fluch und beleidigenden Ausruf, nur um die Gewißheit zu haben, nicht ganz allein, nicht ganz ohne Teilnahme zu sein, und wenn die Teilnahme auch eine rohe und verneinende gewesen wäre. »Wie lieb klingt dieser Tadel aus ihrem Frauenmund,« dachte er, »wie bindet mich das an sie, wie sehr verbindet und verknüpft und fesselt es, man fühlt solch einen Tadel wie eine kleine, gar nicht sehr schmerzende Ohrfeige, eines Fehlers wegen, den man begangen hat«; und Simon nahm sich im stillen vor, nur noch Fehler zu begehen, nein, nicht gerade ausschließlich, denn das würde ihn zum Tölpel gestempelt haben, aber regelmäßig kleinere Versehen, schön beabsichtigt, um den Genuß zu haben, eine empfindliche und an Ordnung gewöhnte Dame entrüstet zu sehen. Entrüstung, nein, nicht gerade Entrüstung, sondern mehr ein Fragen, ein Staunen über seine, Simons Ungeschicklichkeit. Dann hätte man Gelegenheit, in andern Punkten zu glänzen, und so durfte man das Vergnügen haben, zu beobachten, wie sich ein strenges und ärgerliches Gesicht in ein freundlicheres und befriedigtes verwandelte. Welche Freude, sich einen Menschen zur Zufriedenheit innig umzustimmen, wenn man ihn vorher gekränkt gesehen hat. »Heute morgen bereits einen lieben Tadel geerntet,« dachte Simon, und weiter: »wie angenehm ist es, der Getadelte zu sein, es ist gewissermaßen ein reiferer, überlegener Zustand. Ich bin wie geschaffen dazu, getadelt zu werden; denn ich empfinde den Tadel dankbar, und nur solche verdienen freundschaftlich getadelt zu werden, die dafür durch entsprechende Körperhaltung, die sie anzunehmen haben, zu danken wissen.«
Simon stand wirklich entsprechend da, und er fühlte: »Nun erst bin ich der Diener dieser Frau; denn sie tadelt mich, weil sie ein Recht in sich fühlt, mich ohne viel Überlegen zurechtzuweisen, und dabei von mir ein korrektes Schweigen erwartet. Wenn man einen untergebenen Beamten tadelt, so schmerzt man ihn, und man trägt immer die geheime Absicht, ihm auch wirklich weh zu tun durch das Merkenlassen der höheren Stufe, die man einnimmt. Einen Diener tadelt man nur in der Absicht, ihn zu belehren und zu erziehen, so wie man ihn haben will; denn ein Diener gehört einem, während man mit einem untergebenen Beamten, wenn die Feierabendstunde schlägt, menschlich weiter nichts mehr zu tun hat. Ich zum Beispiel jetzt bin mit der Wärme des Herzens getadelt worden, dazu kommt noch, daß der Tadel von einer Frau kommt, die zu den Frauen gehört, die immer lieblich sind, wenn sie sich so etwas herausnehmen. In der Tat, Damen muß man einen Tadel aussprechen hören, um zu der Überzeugung zu gelangen, daß sie es besser verstehen als die Männer, ohne kleinliche Kränkung einen Fehler zu rügen. Vielleicht ist das aber falsch, und ich sehe, was, wenn es von einem Mann kommt, mich verletzt, von Damen herkommend, nicht für beleidigend, sondern für aufmunternd an. Einem Mann gegenüber empfinde ich immer die stolze Gleichstellung, einer Dame gegenüber niemals, weil ich ein Mann bin, oder weil ich mich darauf vorbereite, einer zu werden. Vor Frauen muß man sich entweder überlegen oder unterlegen fühlen! -- Einem Kinde zu gehorchen, wenn es reizend befiehlt, ist mir etwas Leichtes, dagegen einem Mann: Pfui! Nur Feigheit und geschäftliche Interessen mögen einen Mann dazu veranlassen, vor einem andern Mann zu kriechen: Niedrige Gründe, das! Aus diesem Grunde bin ich froh, daß ich einer Frau zu gehorchen habe; denn das ist natürlich, weil es niemals ehrverletzend sein kann. Eine Frau kann die Ehre eines Mannes niemals verletzen, es sei denn beim Ehebruch, aber da benimmt sich der in Frage kommende Mann meist als ein schwacher Tölpel, den es gar nicht entehrt, wenn er betrogen wird, da ihn schon die Möglichkeit des Betruges längst vorher in den Augen derer entehrt hat, die ihn kannten. Unglücklich können Frauen machen, aber entehren können sie niemals; denn das wirkliche Unglück ist keine Schande und kann nur auf rohe Gemüter und Sinnesarten komisch wirken, auf solche Menschen, die sich allerdings ihrerseits dann eine Unehre antun, es zu verlachen.«
»Kommen Sie!«